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Posts Tagged ‘Wolokolamsk’


Passend zum gestrigen Weltumwelttag wurde am 5. Juni die aktuelle ökologische Rangliste für die 85 untersuchten Regionen der Russischen Föderation veröffentlicht. Das Gouvernement Wladimir kommt dabei auf Platz 53 zu liegen, eine Position, die – wer wollte das bestreiten? – verbesserungsfähig ist.

Der sogenannte Müllaufstand von Wolokolamsk. Quelle Tass

Ein weites Feld, die Umweltproblematik. Beschränken wir uns deshalb auf den Müll, der im Mai landesweit Schlagzeilen machte, als in Wolokolamsk die Menschen auf die Straßen gingen, weil sie nicht mehr dulden wollten, die Abfälle Moskaus vor der eigenen Haustür abgeladen zu bekommen. Als dann die Kippe auch noch zu brennen anfing und Atembeschwerden um sich griffen, war für viele das Maß voll, und es erging sogar eine Petition an den Präsidenten im Kreml. Angesicht von 200-fach erhöhten Schwefelwasserstoffwerten in der Luft schlossen die Behörden alle Schulen, einige Kinder lieferte man mit Vergiftungen ins Krankenhaus ein.

Treibgut in der Wolga, gesehen in Nischnij Nowgorod

Ebenfalls im Mai unternahm es in der Region Wladimir das Katastrophenschutzamt, 190 km Ufer von Gewässern von den Hinterlassenschaften der Zeitgenossen zu reinigen. Insgesamt kamen ungefähr 200.000 m³ Müll zusammen. Allein ein 250-Meter-Abschnitt brachte eine Ausbeute von elf Kubikmetern, darunter drei Dutzend Autoreifen.

Deponie bei Alexandrow, Quelle Zebra-TV

Und wenn man den Schamott eingesammelt hat, wohin damit? Es gibt neun Deponien in der Region, deren Zustand auch nach offizieller Lesart als kritisch zu bezeichnen sei. Bis 2026 sollen sechs Mülltrenn- und Recyclinganlagen gebaut werden. Doch wer zählt all die illegalen Schutthalden in den Datschensiedlungen, entstanden, weil niemand für die Beseitigung bezahlen will, all die Haufen an den Rändern der Dörfer und in der freien Natur?

Am Wegrand, gesehen in Kameschkowo bei Wladimir

Hinzu kommt nun auch noch der Mülltourismus aus Moskau, ein Korruptionsfall in Gus-Chrustalnyj, der wohl noch vieles in der Art von „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Maria Fassbinder nach sich ziehen dürfte. In Alexandrow, schon ganz an der Grenze zur Region Moskau, regt sich massiver Widerstand gegen die Fuhren aus der hauptstädtischen Nachbarschaft, wo doch schon die eigene Deponie aus allen Nähten platzt und längst geschlossen werden sollte.

Bis das Gras darüberwächst, gesehen am Ortsrand von Kameschkowo

Aber es wird wohl noch schlimmer werden müssen, bis es besser wird, bis Gesellschaft und Staat verstehen, welch gewaltigem Problem man gegenübersteht. Es gibt kein Pfandsystem, alles, aber auch alles, was man kauft, kommt in Plastik verpackt daher, das kaum wiederverwertet wird. Das seinerzeit aus der Not geborene Rückgabe- und Sammelsystem aus Sowjetzeiten ist schon Anfang der 90er Jahre zusammengebrochen, um einem hemmungslosen Wegwerfmodus nach westlichem Vorbild Platz zu machen.

Kleinvieh macht auch Mist, gesehen in Wladimir, unweit vom Bahnhof

Hauptstraßen und Plätze sind heute ebenso wie Bahnhöfe oder andere öffentliche Anlagen oft fast pingelig gepflegt. Doch schon wenige Schritte abseits kann einen das schiere Heulen überkommen. Reist man übers Land oder will man sich im Wald die Beine vertreten, vermag man die Augen nicht davor verschließen: Die Plastikflut erscheint unaufhaltsam. Es kann einem passieren, ein Geräusch unter den Füßen zu hören, das man zunächst für das Knacken von Ästen hält, doch es sind PET-Flaschen, über die schon Gras gewachsen ist. Man möchte sich nicht ausmalen, was all die Weichmacher und sonstigen Bestandteile eines Tages in der Vegetation und im Grundwasser anrichten. Vielleicht begreift man es erst, wenn die Pilze und Beeren nicht mehr genießbar sind.

Für die Schließung der Deponie! Für das Leben! Demonstration in Alexandrow. Quelle Zebra-TV

Hätte die Umwelt-Redaktion des Blogs das Sagen, käme die ökologische Frage ganz nach oben in der Agenda der russischen – und natürlich auch deutschen und weltweiten – Politik, und beginnen würde sie beim Müll, in erster Linie mit dessen Vermeidung – und sei es mit drastischen Steuern und drakonischen Strafen. Bisher ist das Denken der Russen – ähnlich wie das der Amerikaner – geprägt von der unendlichen Größe des Landes, wo eigentlich ja auch Platz für jede Art von Unrat sein sollte. Aber die Fläche ist dennoch begrenzt, während jeden Tag immer noch unbeschränkt mehr und mehr Dreck und Abfall hinzukommt. Quousque? Wir wissen was wir tun und tun es trotzdem. Nachhaltig falsch.

Wie viel auf diesem ja weltweit verwahrlosten Feld auch in Erlangen noch zu tun bleibt, ist hier unter dem Eintrag vom 3. Juni zu sehen und nachzulesen: https://is.gd/Dlyc6c

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Während Gertrud Härer den Meilenfresser angeworfen hat und heute nachmittag in Wolokolamsk, gute 100 km vor Moskau, auf ihrer Solo-Radtour nach Wladimir endlich auf den Erlanger Mitarbeiter des Deutschen Akademischen Austauschdienstes, Jonas Eberlein, trifft, mit dem zusammen sie am 7. September in der Partnerstadt einrollen möchte, um dann drei Tage später den Halbmarathon mitzulaufen, kruschtelte John Stackmann, der Chef de Mission des fränkischen Teams, mit Blick auf den Wettkampf am 10. September in seiner Photokiste und förderte beeindruckende Zeugnisse aus der Frühzeit des Sportaustausches zutage. Im Rückblick auf seine ersten Begegnungen mit den russischen Freunden erinnert sich der Ausnahmeathlet und Ausrichter des Winterwaldlaufs, an dem regelmäßig Gäste aus Wladimir teilnehmen:

John Stackmann in Wladimir mit der Startnummer 49

1991 war ich (nur) Zuschauer beim Sportfest mit Athleten aus Wladimir und Erlangen auf dem Uni-Sportplatz an der Gebbertstraße. Ich bestaunte den überlegenen Dmitrij Grischin beim Doppelsieg über 800 m und 5.000 m und unterhielt mich gut mit ihm bei der anschließenden Grillfeier. So richtig hatte die russisch-deutsche Sportfreundschaft für mich dann aber mit dem “Golden-Ring-of-Russia“-Marathon 1992 in Wladimir angefangen.

Das Läuferfeld in Wladimir

In meinem 15. Marathonjahr kam die Anfrage des Sportamts durch Ernst Bayerlein, ob wir mit einigen Athleten am Marathon in Wladimir teilnehmen könnten, mitten im heißen russischen Sommer des Jahres 1992. Pia Fischer, Herbert Fröhlich, Rudi Kunstmann und ich nahmen diese Gelegenheit wahr. In Wladimir war ich bei Jurij Kissiljows Familie untergebracht. Jurij hatte seinerzeit über 1.500 m mit 3:35 min eine international hervorragende Zeit stehen. Aber dem auf die Funktionstüchtigkeit seiner Beine angewiesenen Laufprofi spielte das Schicksal einen schweren Streich. Er hatte sich damals eine Entzündung der Achillesferse zugezogen, die er später nicht mehr in den Griff bekam. Die wichtige Einnahmequelle aus seinen internationalen Starts im Ausland war entfallen! Jurij und seine Familie ließen es sich trotzdem nicht nehmen, mir damals den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. So fuhr er fast den gesamten Marathon im Auto in meiner Nähe, fotografierte, filmte und versorgte mich auch mit meinem Spezialgetränk.

Zeitungsbericht der EN Marathon in Wladimir

Die mit dem Marathon gestarteten 10 km hatte übrigens Jurij Michajlow gewonnen, der kurz nach dem Start schon direkt hinter der Spitze lief (im Bild des alten Zeitungsausschnitts hinter der rechten Schulter des Läufers mit Startnummer 165). Denkwürdig und gut in Erinnerung sind mir auch noch die häufigen Zusammenkünfte bzw. Tischrunden der Sportler und Funktionäre damals mit Speis und Trank. Einer hatte nämlich immer ein Aktenköfferchen dabei, das mit etlichen Flaschen Wodka gut gefüllt war. Die „sollten“ dann innerhalb der zwei Stunden alle geleert werden. Nur ich tanzte aus der Reihe, da ich schon immer keinen Alkohol trinke. Schnell hatten sich unsere Gastgeber auch auf meine vegetarische Ernährung eingestellt. Bei den Nachfragen habe ich Dmitrijs damalige Freundin und jetzige Frau Anastasia kennengelernt, die schon damals sehr am Austausch interessiert war.

Herbert Fröhlich, Rudi Kunstmann und John Stackmann nach dem Lauf im Stadion Wladimir

Herbert, der damals noch seine Fröhlich-Brauerei in Dormitz betrieb, hatte bei den Wodka-Runden eine relativ geringe Hemmschwelle. Das merkte man ihm dann nach zwei Tagen auch deutlich an. Rudi hatte sich damals in Wladimir gesundheitlich nicht so wohl gefühlt und deshalb kurzfristig auf die Teilnahme am Marathon verzichtet. Aber für mich hatte der Aufenthalt ein trauriges Nachspiel: Ich hatte mir einen Virus eingefangen (wahrscheinlich weil öfters Strom und Wasser abgestellt worden waren) und konnte dann zu Hause für ein halbes Jahr eine Lungenentzündung auskurieren.

John Stackmann mit Team und Freunden nach dem Wettkampf

Jetzt, zum ersten Halbmarathon in Wladimirs Sportgeschichte, werden mindestens 300 Teilnehmer erwartet, hoffentlich alle gesund – davor und danach. Die Sportredaktion des Blogs jedenfalls wünscht schon heute einen fairen Wettbewerb und viel Erfolg – getreu dem Motto: Keine Gnade für die Wade! – und freut sich mit John Stackmann darauf, wenn sich für ihn nach 25 Jahren ein leichtathletischer Kreis im Lebenslauf schließt.

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sondern die Begrenzung des eigenen Verstandes. Dieses Motto aus der Rede von György Konrad bei der Verleihung des Karlspreises könnte über dem Leben eines Mannes stehen, dessen Schicksal in einzigartiger Weise mit Wladimir in Verbindung steht. Wolfgang Morell hat etwas von einem aristokratischen Citoyen an sich, ohne Zweifel ein Erbe seiner hugenottischen Abkunft, auf die zu Recht noch heute viele alteingesessene Erlanger stolz sind. Dabei stammt er – wie so manche hier – ursprünglich gar nicht aus dem fränkischen Globalisierungsdorf. Er kam 1922 in Breslau zur Welt, sein Vater stammte aus Thüringen, die Mutter aus Landsberg an der Warthe. Der Großvater mütterlicherseits diente beim Militär, der andere hatte als Zigarrenfabrikant wohl keine so glückliche Hand und starb früh. Seine Witwe, Wolfgangs Großmutter, hatte alleinstehend fünf heranwachsende Kinder mit Zimmervermietung in Darmstadt durchzubringen – und das nicht ohne Erfolg.

Wolfgang Morell

Wolfgang Morell

Mit dem aufkommenden Nationalsozialismus hatte der junge Wolfgang Morell nicht viel am Hut. In der Hitlerjugend gab er nur ein kurzes Gastspiel. Als 14jähriger rauchend von einer HJ-Streife gestellt, wurde er für ein halbes Jahr mit Uniform- und Dienstverbot belegt. Dies war ihm derart willkommen, daß er diese Zeit – unbemerkt von der NS-Bürokratie – gleich auf ganze vier Jahre ausdehnte.

Breslau vor dem Krieg

Breslau vor dem Krieg

Seine Leidenschaft, von den Eltern geerbt, die sich sogar bei diesem Sport kennengelernt hatten, galt dem Tennis. Früh zogen ihn aber auch weltanschauliche Fragen an. Seinen vier Jahre älteren Bruder forderte er gelegentlich zu philosophischen Streitgesprächen heraus. Der Erlanger Professor, Ludwig Feuerbach, hatte die rechten Worte für das Unbehagen des Pennälers an allem Religiösen gefunden, während der Vater, der 1922, in Wolfgangs Geburtsjahr, schlesischer Tennismeister wurde, dem sittlich-pragmatischen Leitspruch folgte, ein Volk ohne Religion sei dem Untergang geweiht. Es war wohl auch seine religiöse Ausrichtung, die ihn nie hat in die NSDAP eintreten lassen. Als Leiter einer Depositenkasse mit gerade einmal zwei Mitarbeitern in einem Vorort von Breslau konnte er der Familie wahrlich kein Leben in Saus und Braus bieten, zumal die Inflation alle Ersparnisse aufgefressen hatte. Für die Söhne reichte es nicht immer zum Landheimausflug. Aber was bedeutete das schon, wenn man in einer harmonischen Familie mit kulturellen und sportlichen Interessen aufwachsen durfte, wenn man einige Zeit Schauspielunterricht nehmen konnte und an einem der besten Gymnasien im Osten Deutschlands, der Maria-Magdalenen-Oberschule für Jungen, großartige Lehrer kennenlernte, die es verstanden, ihre Schützlinge zu fördern. Schon ein halbes Jahr vor dem Abitur durfte Wolfgang Morell auf Anregung seines polyglotten Englischlehrers Seminare an der Universität besuchen und zusätzlich Schwedisch und Niederländisch lernen. Kein Wunder, daß es ihn da auch später an das bereits 1261, also gerade einmal 20 Jahre nach dem Mongolensturm als Lateinschule gegründete Breslauer Gymnasium zurückzieht. Dort steht heute ein Hotel, in dem er seinen 80. Geburtstag feierte.

Elly Ney und Wilhelm Kempf

Elly Ney und Wilhelm Kempff

Sein bester Freund aus jenen Tagen, Klaus Rassow, stammte aus einem Professoren-Haus und war hochbegabt. Wolfgang wurde in einen Familienkreis aufgenommen, der beständigen Kontakt mit bekannten Künstlern und Gelehrten pflegte. So lernte er damals in dieser Umgebung zum Beispiel Wilhelm Kempff, Elly Ney und andere nach ihren Konzerten kennen. Klaus spielte hervorragend am heimischen Flügel, aber auch auf der damals größten Orgel Europas in der Jahrhunderthalle zu Breslau. Er führte seinen Freund in die Welt Bachs und Mozarts ein, begeisterte ihn für Astronomie. Gemeinsam erfanden sie eine geheime Bilderschrift, lernten Stenographie und lieferten sich erbitterte Tischtennis-Kämpfe. Bis der Krieg sie für immer trennte… Klaus fiel 1943 in Rußland. Wir aber folgen nun Wolfgang auf seinem Weg nach Rußland und zurück.

Neubau Maria-Magdalenen-Schule

Neubau Maria-Magdalenen-Schule

Nach dem Abitur, 1941, wollte Wolfgang Morell mit einem Freund in die Berge. Drei Tage vorher hatte er allerdings seine Einberufung zum Arbeitsdienst erhalten. Er meldete sich auch, mußte aber feststellen, daß man ihn offenbar vergessen hatte. Auf der Karteikarte wurde er als „bedingt tauglich“ in der Ersatzreserve II geführt und damit vom Arbeitsdienst befreit. Freilich nur aus Versehen, denn jemand hatte die I, wo er als Sportler ja hingehörte, so nachgezogen, daß man die Ziffer auch als II lesen konnte. Von diesem vermeintlich zusätzlichen Strich hing Wolfgang Morells weiteres Leben ab. Da er alles andere als ein kriegslüsterner Militarist war, erfreute er sich über ein halbes Jahr unerwarteter Freizeit, nutze die Muße für die Lektüre von Rainer Maria Rilke, verliebte sich und verbrachte den Sommer 1941 im Schwimmbad des Tennis-Klubs. Bis die Armee schließlich doch ihre Arme nach ihm ausstreckte. Der Abiturient mußte zu einer Nachrichteneinheit einrücken, die ihr Quartier ganz in der Nähe des Tennis-Klubs hatte. Deren Oberleutnant, der ebenfalls gern den Ball über das Netz hob, bediente sich des Rekruten, der noch kaum richtig grüßen konnte, als Tennislehrer und Türöffner für den Klub.

Rasch verlor Wolfgang Morell das Interesse an der Fernmelderei, und so bewarb er sich bei den Funkern. In Frankfurt am Main kam er tatsächlich zur Nachrichtenaufklärung und arbeitete sich in die Geheimnisse des russischen Funkverkehrs ein, der im Unterschied zum deutschen System mit fünf Zeichen pro Morsegruppe operierte. Rasch stieg der Neuzugang zum Hilfsausbilder auf, doch der ekelhafte Drill und das viele Exerzieren mit älteren Soldaten verleideten ihm einen Dienst, dem er, wie sein Kompaniechef meinte, nur mit einer Meldung an die Front entgehen konnte. Auch der Vater, ein Deutschnationaler, der die Nazis als braune Proleten verachtete, glaubte, ein wenig Fronterfahrung könne beim weiteren Lebensweg nicht schaden, zumal der Feldzug gegen die Sowjetunion ja nach allgemeinem Dafürhalten nicht lange dauern werde. Dem Gesuch wurde stattgegeben, und so kam der junge Soldat über Zwätzen bei Jena und eine zweiwöchige Ausbildung in der 7. Panzerdivision, die früher Erwin Rommel führte, an die Ostfront. Weihnachten 1941 feierte Wolfgang Morell schon in Orscha, dem weißrussischen Eisenbahnknotenpunkt, über den der Nachschub für das Unternehmen Barbarossa rollte.

Panzer T 34

Panzer T 34

Von da brachte eine JU 52 den Landser nach Rschew, eine 200 km westlich von Moskau gelegene Stadt, die 16 Monate lang umkämpft blieb und wo auf beiden Seiten mehr als eine Million Gefallene zu beklagen waren. Hier erst lernte Wolfgang Morell den Krieg kennen: „Dreck und Blut, völlig demoralisierte Kameraden, keine Ausbildung, keine Winterausrüstung.“ Auch in Rschew sollte Wolfgang Morell nicht lange bleiben. Per Bahn ging es in die Region Moskau, nach Schachowskaja und Wolokolamsk, beide als Vorposten der Hauptstadt heftig umkämpft. An die Front gelangte man von hier nur noch zu Fuß. Schreckliche Erinnerungen kommen hoch: „Überall versprengte Leute, eine entsetzliche Stimmung. Das Geheul der Stalin-Orgeln machte einen glauben, man komme aus diesem Inferno nie mehr lebend heraus.“ Und doch hielten sich manche von den jungen Leuten für unverwundbar. Und manchmal war man das auch, wenn etwa ein junger Leutnant mit der Knarre in der Hand vorwärts stürmte, raus aus der Deckung, ohne sich zu ducken. „Da war oft sogar der Selbsterhaltungstrieb verloren. Da ging es auch nicht um Vaterlandsliebe. Es herrschte einfach Dummheit!“ Davon nimmt sich Wolfgang Morell auch selbst nicht aus, wenn er folgenden Vorfall schildert: „Wir waren zu dritt in einem Dorf von T-34-Panzern umzingelt und hielten uns im Keller eines Hauses versteckt. Da sah ich einen Panzer in fünf Meter Entfernung und wollte durchs offene Fenster auf den in der Luke stehenden Fahrer schießen. Nur ein Schlag meines Kommandanten mit dem Kolben in den Rücken verhinderte dies. Wir hatten keinerlei Anweisungen, wie man sich im Gefecht verhält, beherrschten nur das Exerzieren. Woher sollten wir wissen, was unbedachte Handlungen bewirken konnten?“

Stalin-Orgel bzw. Katjuscha

Stalin-Orgel bzw. Katjuscha

Zum letzten Mal in Stellung ging Wolfgang Morell im Januar 1942 an der Lama, in gezimmerten Unterständen, um die Rückzugsstraße für die eigenen Truppen freizuschaufeln. Doch statt der Deutschen kamen die Russen durch den Schnee. Die Niederlage des Dritten Reichs war hier bereits erkennbar, zeichnete sich für alle ab, die sehen konnten. Man hört es dem Veteranen an, wenn er erzählt: „Am 21. Januar saß ich im Bunker; Verpflegung und Marketenderware, sogar Zigaretten hatte es am Vorabend noch gegeben. Doch da kam nun ein völlig abgerissener Feldwebel, der eigentlich Funkgeräte dabeihaben sollte. Ich wollte funken und nicht länger Infanterist spielen. Doch der hatte gar keine Geräte mehr dabei. Er war in die Hände von Partisanen geraten, hatte ihnen seine Ausrüstung überlassen und so sein nacktes Leben gerettet. Dabei waren sich doch alle theoretisch einig, daß man in einem solchen Fall den Revolver gegen sich selbst richten müsse…“

Was nun folgt, hat Wolfgang Morell lange niemandem mehr erzählt. Die Worte kommen stockend, als könne er selber kaum glauben, was ihm da auf den Tag genau vor 69 Jahren widerfahren ist:

Spähtrupp der Roten Armee

Spähtrupp der Roten Armee

Ich lag am nächsten Tag mit Böhle und Spitzer auf Horchposten im Wald. Verdeckt am Waldrand hatten wir am 21. Januar 1942 um 23.00 Uhr Position bezogen und sollten Meldung machen, wenn sich etwas täte. Wir hatten einen Mantel an, nur Tuch, kein Pelz, zwei Garnituren Wäsche, ungefütterte Handschuhe, in die Stirn gezogen das Schiffchen mit Kopfschützern. Und das bei – 42° C, wie ich am Unterstand abgelesen hatte. Da bemerkten wir Geräusche im Wäldchen, etwas Weißes bewegte sich, ganz harmonisch. Das waren russische Soldaten in Tarnkleidung, die wir nicht hatten. Der Ski-Trupp zog vorbei, doch einer scherte aus und kam auf uns zu. Wir überlegten schon, ob wir auf ihn schießen sollten. Eine dramatische Situation. Doch der Rotarmist wendete auf seinen Skiern. Zu dritt zogen wir los, raus aus dem Wäldchen. Nur nicht den Russen in die Hände fallen! Aber wohin? Es war Nacht, die Sterne waren zwischen den Bäumen kaum zu sehen, keine Orientierung, bitterkalt. Und jeder von uns hatte seine Meinung davon, wo die eigene Linie verlief. Im Morgengrauen gingen wir zunächst die tiefverschneite Straße entlang, bis plötzlich eine Reiterpatrouille vor uns auftauchte. Ich vergrub mich sofort im Schnee am Straßengraben, doch meine beiden Kameraden wurden vor meinen Augen gefangengenommen. Der Trupp zog weiter, und ich irrte etwa eine Stunde in meinen Knobelbechern durch den Wald, bis ich zu einer Lichtung kam. Da hörte ich wieder Stimmen, sah wieder weiße Gestalten, die offenbar auf meiner Spur waren.

Wolfgang Morell war sich sicher: Man würde ihn foltern in der Gefangenschaft und töten. Also besser gar nicht lebend in Gefangenschaft geraten. Er grub sich ein Loch am Rand der Lichtung, entsicherte seinen Karabiner, nahm ihn zwischen die Beine, beobachtet, wie die Gegner auf ihn zukamen, hielt die Mündung an die Stirn, und als der wohl gleiche Trupp, den er schon am Vorabend beobachtet hatte, keine fünf Meter mehr vor ihm stand,  da drückte er ab… Daß Wolfgang Morell am 22. Januar 1942 überlebte und wohlbehalten aus der Gefangenschaft zurückkehrte, ist der Ladehemmung seiner Waffe zu danken, aber auch vielen anderen glücklichen Umständen, von denen der Wehrmachtssoldat von einst im Buch „Rose für Tamara“, herausgegeben von Fritz Wittmann und Peter Steger, berichtet:

Winterkämpfe 1941/42

Winterkämpfe 1941/42

In Gefangenschaft zu geraten, war selbst für mich als einfachen Soldaten undenkbar. Überwog dabei die Angst massakriert zu werden, wie uns das an die Wand gemalt wurde und was ja auch vorkam, oder war es das Ehrgefühl? Wäre ich stark genug, unter der Folter keine militärischen Geheimnisse – oder was man dafür hielt – preiszugeben? Es kam ganz anders! Ich war wohl der erste „Fritz“ (entspricht dem „Iwan“ im Deutschen), den die offenbar erst kürzlich aus dem Fernen Osten in die Westoffensive geworfenen Sibirjaken zu Gesicht bekamen. Es mögen etwa 15 der bei uns als besonders grausam geltenden „Schlitzaugen“ gewesen sein. Ohne jede Feindseligkeiten oder Handgreiflichkeiten, begleitet von aufmunternden Worten eines älteren Rotarmisten, die wohl bedeuten mochten „der Krieg ist für dich aus“, nahmen sie mir das geladene und entsicherte Gewehr aus der erhobenen Hand. Blitzschnell umringten sie mich mit unbändiger Neugier. Anhand eines Soldatenwörterbuches (Kap. „Verhör eines Gefangenen“) befragte mich der Spähtruppführer. Die Leibesvisitation beförderte u.a. eine volle Schachtel R6-Zigaretten zutage und eine Zahnbürste, die Anlaß zu Gelächter gab. Von den Zigaretten erhielt jeder Raucher, ermittelt durch Fingerheben, eine. Den Rest gaben sie mir zurück. Er sollte mir später noch gute Tauschdienste leisten. Meine Montur löste eine Mischung von Mitleid und Heiterkeit aus: Schiffchen mit Kopfschützer, Stoffübermantel, Tuchhosen und Knobelbecher – ohne Skier im eineinhalb Meter hohen Schnee! Auf die armselige Ausrüstung deutete einer mit dem Hinweis: „Das ist Hitler!“ Stolz betastete man dann die eigene Montur: Pelzmütze, Pelzmantel, darunter Wattejacke und Wattehose, Filzstiefel und Skier. Der Kommandant: „Und das ist Stalin!“

Sowjetische Panzerkolonne 1942

Sowjetische Panzerkolonne 1942

Anschließend führte mich der erwähnte Alte zum Regimentsstab, etwa sechs Kilometer entfernt. Immer wenn er einige Skischritte gemacht hatte, blieb ich gleich um mehrere Meter zurück. Da zeigte er auf seine Schultern und die Skienden. Er riskierte es also, den Gefangenen hinter sich zu haben, der ihn mit einem Faustschlag auf die Schläfe kampfunfähig hätte machen können. Auf dessen Skiern hätte ich zu der acht Kilometer entfernten deutschen Stellung fliehen können. Aber dazu fehlte mir nach neun Stunden und bei gut 40 Grad Frost der Schneid. Beim Stab sollte das erste Verhör durch einen Kommissar stattfinden. Die Wartezeit mußte ich nutzen, meine Schaftstiefel vom Schnee zu befreien. Das war mir gerade beim ersten Stiefel gelungen, als mich ein hünenhaft wirkender, mit einem Persianer-Umhang bekleideter Mann ansprach. Auf Französisch, das er besser sprach als ich, machte er mir Hoffnung, bald wieder daheim zu sein, allerdings werde mich bis dahin der Hunger immer begleiten. Bald hörte ich eine weibliche Stimme: „Kommen Sie herein!“ Das Angebot eines kleinen Imbisses hätte mein leerer Magen sofort angenommen. Als mir dann aber Schwarzbrot, Speck und ein Glas Wasser gereicht wurden, mußte mein zögerlicher Blick dem Kommissar aufgefallen sein. Auf einen Wink von ihm nahm die Dolmetscherin von allem eine Probe. „Sie sehen, wir vergiften Sie nicht!“ Daß das Wasser im Glas Wodka war, erwies sich erst beim Durchrinnen der Kehle. Dann das Verhör und bald auch die Kernfrage: „Welche militärische Einheit?“ Darauf verweigerte ich die Antwort. Das Aufknallen eines Revolvers auf den Tisch brachte mich dann aber zu einer Phantasieaussage. Sie traf auf ein hämisches Grinsen. „Sie lügen, aber wissen besser!“ Dann hörte ich die genauen Daten meiner Einheit: 7. PD, 7. Sch.-Rgt., 6. Kompanie.

Auf dem Rückmarsch waren wir noch zu dritt. Der vierte, Kamerad Böhle, war in meinen Armen an Entkräftung gestorben. Häufig waren wir dem Haß der verbliebenen Bevölkerung ausgesetzt, deren Häuser beim Rückzug nach dem Prinzip „verbrannte Erde“ bis auf die Grundmauern zerstört worden waren. Aber meist wurden wir in Ruhe gelassen. In unserem erbärmlichen Zustand begegneten wir einem russischen Wochenschau-Team, an dem wir in tiefem Schnee vorbeidefilieren mußten. Mein rechter Fuß war erfroren, der rechte Schuh aufgeschnitten. und das zweite Hemd diente als Notverband. Da hieß es, sich zusammenreißen, um nicht zu viel Stoff für die Propaganda zu liefern. Unsere Verpflegung bestand auf dem etwa zehntägigen Marsch im wesentlichen aus Trockenbrot und eisigem Brunnenwasser. Beim Trinken froren uns die Lippen an den Eimern fest.

SIS-Limousine

SIS-Limousine

Erst an der letzten Bahnstation, deren Strecke aus Richtung Moskau wieder instand gesetzt worden war, bestiegen wir einen 60-Tonner, in dem uns schon ein Sanitäter erwartete. Der versorgte uns für den zwei bis drei Tage dauernden Transport nach Moskau mit Medizin und Speisen, die er auf einem Kanonenöfchen zubereitete, für uns immer ein Festessen, soweit man noch Appetit hatte. Die überstandenen Strapazen hatten unserem Gesundheitszustand schwer zugesetzt. Mich quälten Ruhr und Lungenentzündung. Etwa zwei Wochen nach unserer Gefangennahme kamen wir auf einem Moskauer Güterbahnhof an und fanden auf dem blanken Fußboden bei einer Rangiermeisterin Obdach. Zwei Tage später trauten wir unseren Augen nicht: Ein Posten ließ uns eine weiße, sechssitzige SIS-Limousine besteigen, die die Zeichen des Roten Kreuzes und des Roten Halbmonds trug. Auf dem Weg in ein Hospital schien der Fahrer Umwege einzulegen, denn wir fuhren, mit Stolz von ihm kommentiert, über den Roten Platz mit Lenin-Mausoleum am Kreml vorbei und kreuzten zweimal die Moskwa.

Parade auf dem Roten Platz am 7. November 1941

Parade auf dem Roten Platz am 7. November 1941

Das Militärhospital war hoffnungslos mit Verwundeten überfüllt. Aber ein wohltuendes Wannenbad sollten wir hier noch bekommen. Zuvor war mein erfrorener Fuß noch verbunden und mit einem Flaschenzug über der Wanne hochgezogen worden. Unsere deutschen Uniformstücke sahen wir nicht mehr wieder, dafür wurden wir in russische Klamotten gesteckt. Wohin nun mit uns? In den Heizungskeller des Gebäudes! Dort begrüßten uns weitere zwölf matte Leidensgenossen. Der Kellerboden stand unter Wasser, Dampf aus undichten Leitungen schlug sich an den Wänden nieder. Als Betten dienten Tragbahren, durch Ziegelsteine erhöht. Man konnte sie nur in Gummistiefeln verlassen. Auch die gelegentlich erscheinenden Sanitäter trugen Gummistiefel. Wir verbrachten wohl einige Tage in diesem grausigen Verlies. Fieberträume verdunkeln mein Gedächtnis an jene Zeit… Ich weiß nur noch, daß da immer wieder der Traum war, ich sei in den Weinkeller des Vaters eines Freundes eingedrungen…

Die nächste klare Erinnerung setzt erst wieder in Wladimir ein.

Fortsetzung folgt.

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