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Posts Tagged ‘Wolgograd’


„Für die guten Gaben will ich Euch alle loben, doch sollt Ihr dran denken: Der Segen kommt von oben.“ So lautet der Tagesspruch in der Herrnhuter Kirche von Sarepta in Wolgograd. Und man möchte wirklich an diesen Segen glauben, wenn man sich die gut 250jährige Geschichte der deutschen Missionare vergegenwärtigt, die zwar mit der Bekehrung der nomadisierenden Steppenvölker – sie bekannten sich bereits zum Buddhismus – nicht so recht vorankamen, dafür aber Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft am Unterlauf der Wolga einen gewaltigen Anschub gaben.

Innenraum der Kirche von Sarepta, der Herrnhuter Gemeinde zu Wolgograd

Ein Segen ruht wohl auch auf der 1991 wiedergegründeten 200-Seelen-Gemeinde mit ihrem deutsch-russischen Pastor, die sich über die Unterstützung aus Deutschland freuen kann, etwa in Gestalt der Kirchenorgel, die gern auch für Konzertveranstaltungen genutzt wird. Dennoch, der alte Glanz ist dahin. Dort, wo noch vor dem 1. Weltkrieg etwa 6.000 Deutsche und Russen zusammenlebten, prägt heute der sowjetische Wohnungsbau das Bild, während aus der Zeit der Siedler nur noch wenige Gebäude stehen, die zum Teil erst noch restauriert werden wollen. Eine Aufgabe für die deutsch-russische Zukunft, die freilich einen guten Anfang genommen hat.

Mit dem Fahrrad zur Kirche

Auch die orthodoxe Kirche steht erst am Anfang ihres Wiedererstehens. Was die Bomben der deutschen Luftwaffe und die Straßenkämpfe während der Schlacht um Stalingrad nicht schon zerstört hatten, verfiel in der Nachkriegszeit. Dafür entstehen jetzt vielerorts Kirchen und Kapellen, sogar der Wiederaufbau der Kathedrale im Zentrum kommt rasch voran.

Parkplatz für Fahrräder

Neuerdings kommt sogar der Kirchgang per Fahrrad in Mode. Die Infrastruktur dafür macht jedenfalls Fortschritte. Ein wenig mehr Radverkehr könnte es dann aber schon sein. Allerdings nur abseits der Hauptstraßen mit ihren Abgaswolken und ungeduldigen Autofahrern, wo für Pedale noch kein Platz vorgesehen ist.

Laufen oder radeln in Wolgograd?

Und die Schilder sind bisweilen nicht ganz entschieden…

Doch besser laufen?

Dann vielleicht als Alternative doch lieber laufen, zumal die Schaufensterwerbung Lust darauf macht.

Wegweiser an der Wolga-Promenade

Verlaufen kann man sich jedenfalls nicht in Wolgograd, wo sich alles auf einem engen Streifen entlang dem Strom ausrichtet, wo auf einer Länge von 90 km knapp über eine Million Menschen leben. Allenthalben Wegweiser, wenn auch nicht überall so ganz ernst gemeint, ansonsten allenthalben offene Einheimische, die den Fremden gern weiterhelfen.

Pjotr und Fewronia aus Murom in Wolgograd

Und schon steht man vor dem Denkmal für die das heilige Paar, Pjotr und Fewronia, die in Murom als Ordensleute lebten, schließlich doch zusammenfanden und heute als Patrone der Eheleute verehrt werden: https://is.gd/11eMo4

Geschlossenes Kaufhaus über der einstigen Kommandostelle von Friedrich Paulus

Weit hat man es zu Fuß auch nicht bis zu jenem Ort, wo sich Friedrich Paulus mit seinem Stab verbarrikadiert hatte. Von hier brachte man den treuen Statthalter des Führers dann nach Susdal in die Gefangenschaft, bevor er, wenig erfolgreich, als Sprachrohr der Antifa agierte und später in die DDR entlassen wurde, wo er ebenfalls scheiterte.

Platz der Gefallenen Kämpfer, wo am 31. Januar 1943 Generalfeldmarschall Paulus mit seinem Stab in Gefangenschaft geriet.

Hätte er nur den Mut aufgebracht, sich der Order seines obersten Befehlshabers zu widersetzen! Am Verlauf des Krieges hätte es nichts geändert, aber ungezählte Menschenleben wären gerettet gewesen, unsägliches Leid wäre nie geschehen.

Architektur des Himmels über Wolgograd

Die gemeinen Gefangenen hatten es weniger komfortabel. Und sie hatten den Wiederaufbau der Stadt zu leisten. Ganze Straßenzüge zeugen noch heute von ihrer Hände Arbeit. Die Wiedergutmachung blieb Sache jener, die mitgelaufen waren, in Reih und Glied marschierten und parierten.

Herrenausstatter „Kanzler“

Über die Geschichte der Schlacht berichtete der Blog bereits ausführlich vom 5. bis 7. Juni 2016, nachzuschlagen unter https://is.gd/lp1o8y, https://is.gd/y30KT0 und https://is.gd/tba6V0. Heute deshalb zum Ausklang „nur“ ein Zitat aus einem Gedicht ohne Titel von Georgij Iwanow, übersetzt von Kay Borowsky:

Moskau und „Westfalika-Schuhe“

Rußland ist Schweigen, der Asche Spur. / Vielleicht besteht es aus Zittern nur.

Deutsche Schuhe

Ein Lagermorgen bescheint das Land, / für das die Welt keinen Namen fand.

Die „deutsche“ Weihnacht läßt grüßen

Da kommt einem wieder jener Segen von oben in den Sinn, wenn man all den Attributen des Alltags begegnet, mit denen man heute in Wolgograd Deutschland – auch – verbindet.

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In der ganzen sozialistischen Welt kursierte die Idee, dem Generalissimus, der die Völker vom Faschismus befreit hatte, zu seinem 70. Geburtstag ein Geschenk zu machen. Für die Stadt, die seinen Namen trug und gelitten hatte, wie vielleicht nur noch Leningrad, wollten die deutschen Genossen ein Planetarium errichten.

 

Nadja Steger und Marina Gadyschewa vor dem Planetarium Wolgograd

Da lag es nahe, den Auftrag nach Jena, an die Zeiss-Werke, zu vergeben. Überliefert sind die Worte des damals 82jährigen Professors Johannes Hartling:

Das Geschenk versteht sich als Symbol für das Streben unseres Volkes nach Frieden und Fortschritt. Die Sowjetunion hat die Weltzivilisation gerettet, und wir, die deutschen Wissenschaftler, die ihr Leben der Optik gewidmet haben, faßten mit enormer Begeisterung den Beschluß, auf dem heldenhaften Grund von Stalingrad ein Planetarium zu erbauen.

Familienaufstellung

Wofür man ansonsten mindestens 16 Monate brauchte – die Fertigstellung des „Innenlebens“ eines Planetariums -, schaffte man jetzt mit Unterstützung des zehntausendköpfigen Kollektivs innerhalb von gerade einmal vier Monaten. Für die Bauarbeiten sammelte man in Jena 1.350.177 Mark, die im Januar 1950 auf dem Konto der eigens eingerichteten Stiftung eingingen. Mehr noch, auch die Baupläne und teilweise Bauarbeiter für das Projekt an der Wolga kamen aus Deutschland ebenso wie – in mehr als 260 Güterwaggons – die gesamte technische Ausrüstung.

Das Foucaultsche Pendel zu Wolgograd

Allerdings stellte sich vor Ort heraus, daß Plan und Wirklichkeit nicht ganz zusammenpaßten, weshalb russische Architekten noch die eine oder andere Korrektur vornehmen mußten. Auch die Figur auf dem Gebäude, die „Frau mit erhobenen Händen, die eine Friedenstaube fliegen läßt“ wurde erst vor Ort konzipiert.

Sternenatlas

Am 19. September 1954 – der Jubilar war da bereits seit mehr als einem Jahr tot – eröffnete man schließlich den Neubau des ersten Planetariums im Süden der Sowjetunion. Das Portrait im Eingangsbereich sollte freilich wegen der Entstalinisierung gleich wieder zerstört werden, doch die Mitarbeiter des Planetariums widersetzten sich der Anordnung und versteckten das Kunstwerk hinter Schichten von Abdeckungen, wovon nur ein ganz kleiner Kreis Eingeweihter Kenntnis hatte. Erst in der Perestrojka legte man das Bildnis wieder frei, und so ist es bis heute zu sehen. Ob zu aller Freude, sei dahingestellt.

Bamberg in Wolgograd

Nicht so weit in die deutsch-russische Geschichte zurückzugehen braucht man, wenn man die Brauerei Bamberg betritt, ganz im Zentrum gelegen und erst vor zehn Jahren eröffnet.

Brauerei Bamberg

Eigentlich dürfte man hier, in der Partnerstadt von Köln, eher erwarten, ein Kölsch kredenzt zu bekommen, doch man hält es an der Wolga eher mit der Tradition der Franken.

Ein Prosit der Gemütlichkeit

Das Restaurant bietet nicht nur selbstgebrautes dunkles Bier, sondern auch deftige Kost, freilich an den russischen Gaumen angepaßt. Erstaunlich freilich, daß sogar das hierzulande eher unbekannte Radler angeboten wird.

Die Brauerei Bamberg, eröffnet 2008, hält sich an das 1515 erlassene Reinheitsgebot

Die Innenausstattung hat zwar etwas Eklektizistisches, aber Heimatgefühle kommen durchaus auf, wenn man sich an einem der wuchtigen Holztische niederläßt.

Rotary dient der Menschheit

Und gleich gegenüber eine Mauer, die mit Motiven des 1998 in Wolgograd gegründeten Rotary Klubs http://rotary-volgograd.org geschmückt sind. Weltoffen und den Gästen zugewandt, so erlebt man die Stadt heute – auch und gerade als Deutscher.

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Hört man den Namen „Wolgograd“, denkt man natürlich gerade als Deutscher zunächst an die gnadenlose Zerstörung einer ganzen Stadt, damals nach Stalin benannt, an unendliches Leid, das zur Wende im Zweiten Weltkrieg führte. Aber es gibt hier, am längsten Strom Europas, auch eine friedliche Geschichte des Miteinanders von Russen und Deutschen, die im grausamen Strudel des Unternehmens Barbarossa untergegangen schien.

Mutter Heimat auf dem Mamajew-Hügel in Wolgograd

Auch hier vor Ort hatte man diesen Teil des einstigen Miteinanders fast vergessen, die Gebäude dem Fraß der Zeit überlassen. Nun aber erinnert ein Museum an eine fruchtbare Zeit, die zurückreicht in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als eine fünfköpfige Gesandtschaft der Herrnhuter Brüdergemeinde etwa 30 km südlich von Zarizyn, dem heutigen Wolgograd, an der Sarpe am 14. September 1765 auf Einladung von Zarin Katharina II ihre fast 7.000 ha große Kolonie gründete. Angeführt von Daniel Fick, verfolgten die deutschen Missionare zwar hauptsächlich das Ziel, die nomadisierenden Völker im Südosten des Russischen Reichs zum Christentum zu bekehren, doch die Männer in der Nachfolge von Jan Hus, die ihre Siedlung nach dem Vorbild von Herrnhut in der Niederlausitz bauten und den Ort nach dem Zitat aus dem 1. Buch der Könige nannten: „Mach dich auf, und geh nach Sarepta…“, brachten auch andere Tugenden und Errungenschaften mit in die Steppe.

Aushang am Museum

Die „Himmelsstadt“ hatte die Form eines Kreuzes, Zentrum und Friedhof waren angelegt wie der blühende Paradiesgarten, und die Gemeinschaft kannte keine Unterschiede zwischen Rassen und Klassen. Zur Grundausstattung der Herrnhuter gehörten nationale und konfessionelle Toleranz, weshalb auch rasch Kalmücken Aufnahme fanden, wenn sie denn das ihnen von Gott zugedachte Los annahmen. Dieses Geschick bestimmte auch das Eheleben, denn die Frauen wurden den Männern lange Zeit zugelost. Die Braut ging nämlich nur eine stellvertretende Ehe mit ihrem irdischen Gatten ein, das Ja-Wort gab sie eigentlich ihrem himmlischen Bräutigam, Jesus Christus. So schickte man sich denn auch in Tod eher als in ein stilles Fest, während man sein Erdendasein im Geist der Askese, des Fleißes und der Barmherzigkeit annahm. Das öffentliche Leben war streng in Gemeinschaften, Chöre genannt, geregelt, aufgeteilt nach Knaben, Mädchen, ledigen Brüdern und Schwestern, verwitweten und verheirateten Mitgliedern, die auch in der Kirche und auf dem Friedhof ihren festen Platz und sogar ihre eigenen Lieder für alle Lebenslagen hatten.

Im Zentrum von Sarepta

Das Los wollte es auch, daß die Herrnhuter an der Wolga den Bauernkrieg von 1774 ebenso überstanden wie die Überschwemmungen im Jahr 1823. Erst die Oktoberrevolution und die nachfolgenden Repressionen durch die Kommunisten setzen der Gemeinschaft ein böses Ende mit Vertreibung und Tod. Doch die Erinnerung an diese Deutschen bleibt, die Sarepta zu einem kulturellen und wirtschaftlichen Zentrum am Unterlauf der Wolga machten.

Kirche aus dem Ende des 18. Jahrhunderts

Sie brachten Senf und Kartoffeln her und begannen sogar den landesweit nördlichsten Anbau von Wein. Die hier hergestellten Produkte wie Balsam oder Pfefferkuchen fanden weit über die Region hinaus Absatz, das hier gebraute Melonenbier galt sogar als Wundermittel für Schwangere. Textilien, Ziegel, Tabak, Seife… Eine lange Liste von Artikeln ließe sich zusammenstellen, die innerhalb der heutigen Stadtgrenzen von Wolgograd produziert wurden. Hier baute man die erste Wasserleitung, den ersten Aufzug, das erste Museum, die erste öffentliche Bibliothek, den ersten Kindergarten des südlichen Teils des Zarenreichs. Sogar der Grundstein für die russische Photographie wurde hier gelegt. Nirgendwo sonst gab es so viele Gelehrte im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung, nirgendwo bessere Ärzte, nirgendwo mehr Möglichkeiten für einen Kuraufenthalt, hatte die Gemeinschaft doch in einer Pionierleistung mineralische Quellen und Schlammvorkommen erschlossen, die vor allem Aristokraten schon im 18. Jahrhundert zu schätzen wußten.

Haus der unverheirateten Frauen, erbaut Ende des 18. Jahrhunderts

Heute erinnert ein bereits 1989 aufwendig eingerichtetes Museum an jene Zeit dieser stillen und arbeitssamen Verkünder des Evangeliums, die nicht viel von lärmendem Zeitvertreib hielten und lieber singend und betend den Herrn priesen.

Stalingrad

Aber – welch ein Mißverständnis später im Dritten Reich! – die freikirchliche Gemeinschaft begrüßte in ihrer Mehrheit durchaus die Machtergreifung der Faschisten. Noch 1941 hieß es beispielsweise im Wochenblatt „Herrnhut“ zum „Geburtstag des Führers“: „Der Weg Adolf Hitlers zum Führer des deutschen Volkes und zum obersten Befehlshaber der Deutschen Wehrmacht ist so eigenartig, daß es den Generationen, die nach uns kommen […] als ein kaum faßbares Wunder erscheinen wird.“ Welch ein Irrglaube an ein Wunder, das vor 75 Jahren im gottlosen Inferno von Stalingrad endete. Welch ein kaum faßbares Wunder der Geschichte, wenn heute Deutsche und Russen wieder füreinander da sein können.

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Still ist es hier draußen, eine halbe Autostunde vor den Toren der Stadt, in Rossoschka, wo die Wehrmacht auf ihrem Vormarsch auf Stalingrad in zwei Dörfern, Bolschaja Rossoschka und Malaja Rossoschka, dem Führerbefehlt entsprechend, „keinen Stein auf dem andern“ ließen, hier draußen, wo bis heute kein Haus mehr steht, keine Kirche, keine Schule.

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Still ist es hier draußen, wo nur die Grillen und Lerchen zu hören sind und ein duftender Wind über die Gräser und Blumen streicht, hier wo nur die Steine sprechen und anrührende Zeichen der Mahnung an den schrecklichsten der Schrecken, den Mensch in seinem Wahn.

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Es ist der Deutschen Kriegsgräberfürsorge zu verdanken, wenn heute gefallene Sowjetsoldaten und Wehrmachtsangehörige ihre letzte Ruhestätte nach jener weltverschlingenden Schlacht um Stalingrad, zwischen Wolga und Don geschlagen, auf einem gemeinsamen Friedhof gefunden haben, ohne jede Stilisierung und Überhöhung – und doch in packender Weise eindrucksvoll durch die Nennung all der Namen, derer, die man aus dem Kampfgebiet hatte hierher überführen können, derer, von denen nur noch der Name als Erinnerung geblieben ist.

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Hier, wo die Panzerketten den Boden pflügten und die Granaten Krater rissen, hier, unweit des ehemaligen Flugplatzes Gumrak, hatte bereits die Wehrmacht einen Soldatenfriedhof für etwa 600 Gefallene eingerichtet, 600 von fast 170.000, die in einer Kampfzone von der Größe der Benelux-Staaten ihr Leben ließen für jene Ideologie „Lebensraum im Osten“, getrieben vom Willen, die als „minderwertig“ deklarierten Rassen, darunter die Slawen, zu versklaven und zu vernichten.

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In den 90er Jahren entstand hier auf einer Fläche von sechs Hektar diese Gedenkstätte unter freiem Himmel, wo auch an die einstigen Bewohner der beiden Dörfer erinnert wird, getötet, verschleppt, vermißt…

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Wie verleiht man Grauen, Greuel und Gram würdigen Ausdruck? Eine in der unendlichen Geschichte der Kriege immer wieder neue Aufgabe für die Hinterbliebenen und spätere Generationen. Hier, in der weiten Steppe vor Wolgograd überzeugend gelungen mit den Steinwürfeln, in die oben und auf allen vier Seiten in alphabetischer Reihenfolge die Namen der Toten gehauen stehen.

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17 sprechende Granitbrocken mit den Namen der nicht mehr zu bergenden 14.563 Wehrmachtssoldaten, weitere 126 Würfel bewahren je 900 Namen, insgesamt 119.505, von Vermißten.

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24.427 Soldaten konnte man bergen und identifizieren. Ihre Namen, zum Teil schon wieder verwittert, finden sich einer Mauer, von der die Gedenkstätte umgeben ist.

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Von den mehr als drei Millionen deutschen Kriegsgefangenen traten von Stalingrad aus fast 100.000 den schweren Marsch in die Lager – auch nach Wladimir – an, ein Umstand, an den hier in der stillen Steppe vor Wolgograd eine weitere Granitkomposition erinnert.

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Ebenso wie ein Gedenkstein des gemeinsamen Erinnerns vom Bund der ehemaligen Stalingradkämpfer.

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Zeichen der Erinnerung, Zeichen der Versöhnung auf einer Schädelstätte der deutsch-russischen Geschichte, die hoffentlich im Geist des Friedens und der Verständigung weitergeführt wird.

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Symbol dafür soll auf dem Gelände der Gedenkstätte von Rossoschka eine Kapelle werden. Der Grundstein liegt schon, das Fundament ist noch zu legen, der Bau könnte bald beginnen, hier in der stillen Steppe vor Wolgograd, wo einst zwei Dörfer standen.

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Wenn der Begriff „verheerend“ verwendet werden kann, dann hier, in Wolgograd, wo während der 200 Tage andauernden Kämpfe nicht nur Menschen und Gebäude keinerlei Schonung erfuhren, sondern auch die Natur einer ganzen Großstadt nahezu ausgelöscht wurde. Eine einzige Pappel hat das Toben der Waffen überstanden und überragt heute die Heldenallee.

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Was muß sich zwischen Verdun und Wolgograd alles an Vernichtungswillen aufgestaut haben! Und wie wenig hatten gerade die Deutschen aus den Lektionen der Geschichte des Ersten Weltkriegs gelernt. Es mußte wohl alles noch viel schlimmer kommen als damals, bevor es endlich nach der Kapitulation und der Vernichtung des Dritten Reiches besser werden konnte.

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Man könnte meinen, wer je an diesem Ort war, von dem laut Führerbefehl „kein Stein auf dem anderen bleiben“ sollte, wo mindestens eine halbe Million Rotarmisten ihr Leben ließen und mit dem hier erstmals angewendeten Erlaß 227 „Keinen Schritt zurück“ oft nur zwischen dem sicheren „Heldentod“ oder der Exekution wählen konnten, wer je die Stätten der gegenseitigen Zerfleischung besucht, sollte für alle Zeiten verstanden haben „Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um“ und die Waffen ein für allemal ruhen lassen.

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Wie schmerzlich ist es da, den 1957 errichteten „Brunnen der Freundschaft“ von Russen, Weißrussen und Ukrainern zu sehen, einer Völkerfreundschaft, die angesichts der augenblicklichen politischen Lage wohl für lange Zeit zerbrochen bleibt. Undenkbar damals nach dem Krieg, den man gemeinsam gegen den Feind geführt hatte, der allein hier in Stalingrad mindestens 120.000 Mann verloren hatte, unvorstellbar noch vor 25 Jahren, als man sich friedlich auf die Selbständigkeit der einstigen Sowjetrepubliken geeinigt hatte.

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Zum Wiederaufbau der Ruinenstadt gehörte auch diese Triumphtreppe, angelegt, damit Josef Stalin sie bei seinem zweiten Besuch nach dem Sieg (kurz nach der Niederlage der 6. Armee war er schon einmal in „seinem“ Stalingrad zu Gast) von der Wolgapromenade aus hinaufschreite. Doch der Generalissimus erlebte die Fertigstellung nicht mehr.

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Andere Wiederaufbauten sind jüngeren Datums wie die Johannes dem Täufer geweihte Kirche, die als erster Steinbau aus der Mitte des 17. Jahrhunderts das einstige Zarizyn, wie Wolgograd damals noch hieß, das Stadtbild prägte, von den Sowjets zunächst geschlossen, dann gesprengt wurde, um an ihrer Stelle ein Restaurant zu errichten… Die Besatzer nutzten das Fundament des Gotteshauses zur Einrichtung eines Stützpunkts, und erst seit den 90er Jahren kommen wieder Gläubige zum Gebet hierher.

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Kein Ort in Stalingrad war so lange und so heftig umkämpft, wie der Mamjew-Hügel, überragt von der Mutter-Heimat-Figur, wo die zentrale Gedenkstätte für die Opfer und Sieger der Schlacht eingerichtet wurde, wo 35.000 Verteidiger der Stadt ihre letzte Ruhe fanden. Von September 1942 bis Januar 1943 stürmten die Rotarmisten gegen die von der Wehrmacht gehaltene Anhöhe über der Wolga, benannt nach dem Tataren-Khan Mamaj.

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1959 schon hatten die Arbeiten an dem Ensemble begonnen, das 1967 von Generalsekretär Leonid Breschnjew eröffnet wurde. 58 Meter hoch ragt die Mutter Heimat mit Schwert, allein das weitgehend unter die Erde verlegte Fundament der Statue ist 16 Meter hoch, um die 5.500 Tonnen Beton und 2.400 Tonnen Stahlkonstruktion tragen zu können.

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Der Weg hinauf ist getragen von Trauer und Schmerz, führt durch die nachgebildeten Ruinenmauern, voller Inschriften und Details von Figuren sowie Szenen aus der Schlacht.

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Auf der Mauer ein lebensgroßer Rotarmist, der gewissermaßen über die Zeit wacht und das Gedächtnis wachhält.

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Erinnert wird dabei nicht nur an die Soldaten, sondern auch an die vielen Krankenschwestern, die ihrerseits oft Opfer der Kämpfe wurden.

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Fast die Hälfte der 230.000 eingekesselten Soldaten der Wehrmacht geriet in Gefangenschaft. Dieses Umstandes gedenkt man auch auf dem Mamajew-Hügel, wenn auch mit satirischem Unterton: „Die Okkupanten wollten die Wolga sehen, die Rote Armee zeigte sie ihnen…“

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Erschütternd die Tafeln mit den Namen der Gefallenen Vaterlandsverteidiger. Eine endlose Abfolge von Namen mit Geburts- und Sterbejahr. Der Tod kann hier buchstäblich beim Namen gerufen werden.

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Um die vielen, die bis heute ohne Namen geblieben sind, trauert diese Pietà, das Gesicht des Toten verhüllt als Zeichen für seine Unbekanntheit, seine Allgemeingültigkeit.

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Bilder und Eindrücke, die unvergessen bleiben für alle, die je hier waren und spüren, wie viele Schritte wir noch aufeinander zugehen müssen.

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Einen dieser Schritte hat nun ein Unternehmer aus Wolgograd getan, als er in Erlangen, wo er sich behandeln ließ, von der Idee erfuhr, den Erinnerungsband „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ ins Russische zu übersetzen. In Wladimir sitzt bereits ein Team an der Arbeit, und die Honorare dafür kommen aus Wolgograd. Kann Versöhnung besser gelingen.

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Eine späte Versöhnung auch mit dem christlichen Glauben über den Dächern von Wolgograd. 2002 legte man den Grundstein für die Allerheiligen-Kirche im Schatten der Mutter-Heimat-Skulptur, hier, wo einst Josef Stalin, in seiner Jugend Zögling eines Priesterseminars, den „neuen Menschen“ ohne Gott hatte schaffen wollen, hier wo Menschen einander so unendlich viel Leid angetan haben, hier, wohin man auch heute noch alle zu einer Klausur einladen sollte, die da meinen Krieg in der Welt führen zu müssen, hier, wo das Wort des Wladimirer Großfürsten Alexander Newskij wahr wurde: „Wer zu uns mit dem Schwert kommt, kommt durch das Schwert um.“

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Kurt Reiter

Das Interesse an Rußland hatte schon der Vater in ihm angelegt, vor allem an der russischen Musik und Kultur. Eine Prägung und Disposition waren also bereits familiär gegeben. Dennoch wäre Kurt Reiter wohl ohne die Städtepartnerschaft nie dorthin gereist. Denn erst zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum der Beziehungen lernte er den Chorsänger und Kulturveranstalter Alexander Nikolskij kennen, der 2008 mit seiner Frau Galina nach Erlangen gekommen war und Aufnahme bei Familie Reiter fand. Es kam, wie es in der Bürgerpartnerschaft kommen mußte: Gastgeber und Gast freundeten sich an, die Gastfreundschaft wurde mit einer Einladung nach Wladimir belohnt, der das Ehepaar Reiter schon im Jahr darauf im Rahmen der ersten, von Wolfram Howein und der Volkshochschule veranstalteten Bürgerreise nachkam. Seither hat Kurt Reiter der russische Virus gepackt: Er hat einen Sprachkurs belegt und ist 2010 wieder auf große Fahrt gegangen, mit dem Schiff, zunächst von Moskau nach St. Petersburg und heuer auf der Anton Tschechow von Rostow am Don über Wolgograd, dem früheren Stalingrad, von wo ein Onkel nicht mehr heimgekommen ist, bis nach Moskau. Die Landschaft und vor allem die Menschen haben es ihm angetan. Und dann immer wieder diese Offenheit gegenüber den Deutschen, die von den Russen stets inhaltlich wie begrifflich von den Faschisten getrennt werden, die so viel Leid über das Land und die ganze Welt gebracht haben. Eine Offenheit, die auch Kurt Reiter – nicht nur gegenüber den Russen – auszeichnet: Als Mitglied des Pfarrgemeinderates St. Sebald – seit 1982 -und – seit 1999 – Vorsitzender der Ortsgemeinschaft Erlangen des KKV, des Verbands der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung, hat er im Rahmen des Interkulturellen Monats Dutzende von Begegnungen mit Kulturgruppen aus aller Herren Länder organisiert. Erst dieser Tage hatte der pensionierte Siemens-Ingenieur wieder einen jungen russischen Musiker zu einem Konzert eingeladen, einen Bajanspieler, den er auf der Don-Wolga-Kreuzfahrt kennengelernt hatte.

Pfarrer Udo Zettelmaier mit Wladimirer Amtsbruder Sergej Sujew.

Als nun Kurt Reiter im Herbst seinen 70. Geburtstag feierte, bat er Freunde und Verwandte, ihm keine Geschenke zu machen, sondern lieber eine Spende für die Rosenkranzgemeinde in Wladimir zu überweisen. Die konnte er zwar bei seinem ersten Besuch 2009 nicht besuchen, aber er kennt die Nöte der Katholiken in der Partnerstadt und kann nun mit einer ansehnlichen Summe helfen, aufgestockt von ihm selbst nach dem Motto „das Flügelhemd hat keine Taschen“. Damit steht er in einer guten Tradition, denn es war Ferdinand Böhmer, der 1997 verstorbene Geistliche von St. Sebald, der wesentlich am Aufbau der Wladimirer Gemeinde mitgewirkt hat. Nicht genug damit: Es sei schon heute angekündigt, daß Pfarrer Udo Zettelmaier, Vorsitzender des Fördervereins Nadjeschda, im Rahmen des Programms des KKV Erlangen am 19.01.12 um 19.30 Uhr im Pfarrsaal von St. Sebald, Egerlandstraße 22, den Vortrag „Kultur und Religion in unserer Partnerstadt Wladimir“ halten wird. Und noch etwas sei jetzt schon verraten: Kurt Reiter hat für Sonntag, den 4. März, um 17.00 Uhr in St. Sebald ein Konzert des Wladimirer Kammerchors Raspew arrangiert. Am besten jetzt schon vormerken, denn das wird sicher ein musikalischer Höhepunkt! Mit im Ensemble Kurt Reiters Freund Alexander Nikolskij. Wetten, daß sich die beiden auch zum dreißigjährigen Jubiläum der Partnerschaft 2013 wiedersehen – in Wladimir…

Wer jetzt noch nicht gespendet hat, mag dies mit dem Stichwort „Rosenkranzgemeinde“ auf das Konto „Hilfe für Wladimir“, Nr. 19-000345, BLZ 763 500 00 noch tun. Allen Spendern – und insbesondere Kurt Reiter – schon jetzt im Namen der Wladimirer Katholiken ein herzliches Vergelt’s Gott!

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