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Posts Tagged ‘Wladimirer Malschule’


Wer zwei einzigartige Gemälde von Michail Schibanow aus der Wladimirer Welt des 18. Jahrhunderts sehen will, muß nach Moskau reisen, in die Tretjakow-Galerie. Zu sehen sind da die wohl ersten Beispiele einer realistischen Darstellung des Lebens abseits des Hofs und der Aristokratie, mit denen so gut wie jedes Lehrbuch über die Geschichte der russischen Malerei aufmacht: erstmals statt historischer Sujets, Pastoralen, Portraits hochgestellter Persönlichkeiten oder mythischer Gestalten – Szenen aus dem Alltag der einfachen Leute.

Michail Schibanow: Bauernmahl

 

Die eine Arbeit von 1774 stellt vier Erwachsene und einen Säugling dar, die andere, drei Jahre später entstanden, zeigt eine bäuerliche Gruppe während eines der Hochzeit vorangestellten Brauchs, der Verlobung. Beide Bilder sind signiert, das eine mit „Dieses Gemälde stellt Bauern der Susdaler Provinz dar. 1774 geschaffen von M. Schibanow.“, das andere mit „In der nämlichen Provinz geschaffen im Kirchdorf Tatarowo 1777 von M. Schibanow.“

Abschluß des Heiratsvertrages

 

Die Forscher sind sich sicher: Hinter jenem Tatarowo verbirgt sich Barkoje Tatarowo, mittlerweile mit dem für seine Lackminiaturarbeiten berühmten Mstjora im Landkreis Wjasniki, Gouvernement Wladimir, zusammengewachsen, wo nach dem Künstler auch eine Straße benannt ist. Von dem Maler weiß man freilich eher wenig, weder Ort noch Datum seiner Geburt oder seines Todes sind bekannt. Man nimmt allerdings an, er entstamme entweder einer Leibeigenenfamilie auf einem der Güter des Fürsten Grigorij Potjomkin-Tawridskij oder des Admirals Grigorij Spiridonow aus Pereslawl-Saleskij, wofür das Protrait von dessen Sohn aus dem Atelier Michail Schibanows spricht.

Katharina II

Als gesichert gilt allerdings, daß der Künstler im Auftrag von Fürst Potjomkin arbeitete und auch ein Portrait der Zarin Katharina II und ihres Favoriten, Alexander Dmitrijew-Mamonow, malte.

Detail aus dem „Bauernmahl“

Welche Laune des Schicksals den Künstler in das Gouvernement Wladimir brachte, ist wiederum Gegenstand von Mutmaßungen. Bleiben werden aber die beiden Arbeiten mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern einfacher Leute, die vor zweieinhalb Jahrhunderten lebten und so etwas wie einen enzyklopädischen Schatz darstellen, zeigen die Figuren doch Details der russischen Trachten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Forscher begeistern sich an der exakten Wiedergabe von Einzelheiten der Kleidung wie des Ablaufs einer Zeremonie, die genau dem entsprechen, was man aus schriftlichen Quellen über jene Zeit erfahren kann.

Detail aus dem „Abschluß des Heiratsvertrages“

Und der Betrachter? Er ist erfreut über die ausdrucksstarke Vielfalt der Gesichter und Gesten, die eine längst versunkene Welt auferstehen lassen und zurückführen an den Anfang dessen, was man später die Wladimir Malschule nennen sollte.

zusammengestellt nach Material von Dmitrij Artjuch

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Die aus der Partnerstadt stammende Germanistin Natalia Oserowa-Pedersen, selbst neben vielem anderen auch Küstlerin – siehe: https://is.gd/JpS6Pt, schickte soeben aus Dänemark einen Bericht für den Blog über Wladimir Ischutin, der nicht lange im Archiv ruhen sollte:

Wladimir Iwanowitsch Ischutin (1943-2013) gehörte zum Freundeskreis der Wladimirer Künstler, die eine ganze Epoche der Kunstszene in den 70er, 80er und 90er Jahren ausmachten und später als „Wladimirer Schule“ (Boris Franzusow, Wladimir Jukin, Walerij Kokurin, Kim Britow u.a.m.) in die Kunstgeschichte Rußlands eingegangen sind.

Wladimir Ischutin

Wladimir Ischutin

Wladimir Ischutin war ein sehr vielseitiger Künstler. 1972 absolvierte er das berühmte Filminstitut (VGIK) als Kameramann und arbeitete danach am Leningrader Dokumentarfilmstudio als Korrespondent für die Region Wladimir. Seine Dokumentarfilme wurden im Fernsehen in der Sendung „Unser Gebiet“ und „Panorama“ landesweit in der Sowjetunion ausgestrahlt. Er filmte besonders gerne die Wladimirer Kunstmaler, die er persönlich kannte, und machte später eine Dokumention über sie mit dem Titel „60 Jahre Künstlerverband“.

Wladimir Ischutin: Heimat

Wladimir Ischutin: Heimat

Der wohl bedeutendste Wladimirer Maler dieser Schule, Boris Franzusow, arbeitete sogar eine Zeitlang als Lichtassistent des Kameramanns Wladimir Ischutin. Die beiden waren viel zusammen unterwegs. Nach einer solchen gemeinsamen Reise entstand die Skulptur „Franzusow in Gedanken vertieft“. Die Künstler waren eng miteinander befreundet, machten zusammen mit ihren Familien Ausflüge ins Grüne, porträtierten und photographierten einander einfach so, zum Spaß.

Wladimir Ischutin: Boris Franzusow

Wladimir Ischutin: Boris Franzusow

Eine enge Freundschaft verband Wladimir Ischutin auch mit Wladimir Jukin. Jedes Frühjahr fuhren die Jukins auf ihre Datscha in Ljubez, hatten aber kein Auto für eine bequeme Reise. Wozu hat man aber Freunde? Wladimir Ischutin half sehr gern beim Transport. Unterwegs wurde viel gesprochen und sogar auf Italienisch gesungen.

Wladimir Ischutin: Wladimir Jukin

Wladimir Ischutin: Wladimir Jukin

Walerij Kokurin, ein weiterer Freund der Familie, war ebenfalls oft zu Besuch bei den Ischutins in ihrem Künstlerhaus in Susdal, um die dortige schöne Aussicht zu genießen und zu arbeiten.

Wladimir Ischutin: Walerij Kokurin

Wladimir Ischutin: Walerij Kokurin

Sein aufrichtiges Interesse an den Wladimirer Kunstmalern ist dadurch zu erklären, daß Wladimir Ischutin selbst einer von diesem Schlag war. Von Kindheit an galt sein Interesse der Malerei, Skulptur und Literatur. Er malte mit Öl, Aquarell, Öl- und Pastellkreide, Tinte, Kohle, später experimentierte er mit Skulpturen aus Ton, Holz und Stein.

Wladimir Ischutin: Wladimir Jukin

Wladimir Ischutin: Wladimir Jukin

Die schönen Naturlandschaften in und um Wladimir und Susdal, die mit schnellen Strichen gemalten Porträts und Skizzen von Wladimirer Kollegen oder einfachen Menschen, die ihm in seinen Dokumentarfilmen begegneten, werden zu Lieblingsmotiven des Künstlers.

Wladimir Ischutin: Junge

Wladimir Ischutin: Junge

Er selbst schrieb einmal dazu: „Was kann noch Wertvolleres und Wichtigeres sein als die Begegnung mit Menschen! Unterschiedliche Berufe, verschiedene Charaktere und Gestalten! Die Einzigartigkeit, die Schönheit eines Gesichtes – und immer ein Geheimnis dahinter! Es sind bezaubernde Symphonien! Mein Hauptberuf ist, die Gesichter zu lesen: Sie sind alle, alle ohne Ausnahme – schön, die jeweils ganz eigenen Formen, die Augen, Lider und Backenknochen sind eine reine Freude und Wonne.“

Wladimir Ischutin: Frauenportrait

Wladimir Ischutin: Frauenportrait

2003 gab der Künstler ein Buch mit dem Titel “Das unvergängliche Silber des Bildes“ heraus, das seine Arbeit als Kameramann in der Region Wladimir und die vielen damit verbundenen interessanten Begegnungen darstellt. Von 2007 bis 2013 erschienen acht weitere Bücher in der Serie „Menschen vom Heimatland Wladimir“, wo Wladimir Ischutin Mitverfasser war.

Wladimir Ischutin: Jüngling

Wladimir Ischutin: Jüngling

Vor kurzem ist ein neues Buch in Wladimir erschienen, endlich über Wladimir Ischutin selbst, mit dem Titel „Chronist der Wladimirer Region“. Seine Frau, Galina Ischutina, hat dieses Buch nach dem Tode ihres Mannes aus vielen Tagebüchern, Erinnerungen von Freunden und Kollegen sowie Bilderalben zusammengestellt und herausgegeben (Verlag: Transit Iks 2016, 432 Seiten, ISBN 978-5-8311-0990-0).

Wladimir Ischutin: Venedig

Wladimir Ischutin: Venedig

Susdal kann bald durch die Konzentration von Künstlerateliers und Museen dem deutschen Künstlerort Worpswede Konkurrenz machen. Galina Ischutina würde sich über kunstinteressierte Besucher aus Erlangen freuen und gerne Führungen durch ihr Künstlerhaus mit Garten in Susdal machen, am besten organisiert (mit einem Dolmetscher) über den Kontakt im Erlangen-Haus. Die Kontaktnummer in Wladimir lautet: 8 960 734 21 79

Wladimir Ischutin: Mädchen

Wladimir Ischutin: Mädchen

Vielleicht werden dadurch neue gemeinsame Seiten der Wladimirer, Susdaler oder Erlanger Kunstgeschichte geschrieben.

Recherchiert und übersetzt von Natalia Oserowa-Pedersen, auf Grundlage von Texten, bereitgestellt von Galina Ischutina.

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1987 kam zum ersten und einzigen Mal der mittlerweile verstorbene Gründer der Wladimirer Malschule, Kim Britow, nach Erlangen, 1991 organisierte der Journalist Axel Mölkner mit Unterstützung von Adam Stupp, dem heutigen Ehrenvorsitzenden des Erlanger Kunstvereins, die erste Ausstellung von Graphikern aus der Partnerstadt. Es folgte eine Vielzahl von Gegenbesuchen. Erinnert sei nur an den Stahlbildhauer Johannes Koch, dessen Skulpturen zusammen mit einer Steinarbeit von Stefan Schnetz im Garten des Erlangen-Hauses vor dem Hintergrund der gemeinsam von Erlanger und Wladimir Künstlern gestalteten Mauer zu sehen sind, oder an die Figuren von Igor Tschernoglasow, die auf Anregung von Dieter Erhard im Erlanger Ortsteil Tennenlohe stehen. Ab 2001 dann ein regelmäßiger Austausch zwischen den Kunstvereinen der Partnerstädte, vielgestaltig-kreativ und bunt, wie es eben so zugeht zwischen Erlangen und Wladimir. Da ist es nur folgerichtig, wenn auch zum dreißigjährigen Jubiläum der Partnerschaft die Kunst ihren Platz mit einer eigenen Ausstellung hat.

Henrike Franz, Gugel, Uwe Schein

Ingrid Riedl, Henrike Franz, Carolin Gugel, Uwe Schein

Bildende Kunst funktioniert auch ohne Worte! Diese Auffassung wurde bei unserer Ausstellung der Gruppe plus des Kunstvereins Erlangen im Folkloremuseum in Wladimir bestätigt. Durch die wunderbare Hilfe der Wladimirer Künstlerkollegen war es gelungen, eine Ausstellung mit 38 Werken von 18 Künstlern aus Erlangen in unserer Partnerstadt zeigen zu können. Sehr hilfreich war dabei die kompetente Übersetzungsarbeit unserer Dolmetscherin Natalia Talatina. Eine erste Hürde war es jedoch, die Kunstwerke nach Wladimir zu transportieren. Doch dabei konnten wir auf Peter Steger vom Städtepartnerschaftsbüro zählen, der selbst buchstäblich die Werke in die Hand nahm und durch den Zoll brachte.

Gruppenbild der Erlanger und Wladimirer Künstler mit Kultur-Bürgermeisterin Jelena Owtschinnikowa in ihrer Mitte

Gruppenbild der Erlanger und Wladimirer Künstler mit Kultur-Bürgermeisterin Jelena Owtschinnikowa in ihrer Mitte

Der herzliche und offene Kontakt mit unseren russischen Kollegen hat uns immer wieder beeindruckt. Wir erhielten Einblick in ihre Bild- und Arbeitswelt, indem Sie uns ihre Ateliers zeigten. Dies wird sicherlich unserer Auseinandersetzung mit der Kunst beeinflussen. Eine baldige Gegeneinladung mit gemeinsamem Arbeiten und auch mit einer gemeinsamen Ausstellung liegt uns sehr am Herzen.

Henrike Franz

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Wladimir hat sich nicht nur durch die Landschaftsmalerei mit einer eigenen, von Kim Britow begründeten Schule einen wohlklingenden Namen bei Kunstfreunden gemacht, Erlangens Partnerstadt ist auch berühmt für seine Graphiker, von denen als der bekannteste Boris Franzusow gilt. Nun wurde in Uljanowsk der Arkadij-Plastow-Preis an den Wladimirer Künstler Jurij Tkatschow verliehen, eine Auszeichnung, die nur einmal im Jahr an nur eine Person vergeben wird. Und erstmals in der Geschichte des Preises erhält ihn ein Künstler aus Wladimir.

Jurij Tkatschow, 2. v.l.

Jurij Tkatschow, 2. v.l.

Benannt ist der Preis nach dem russischen Realisten Arkadij Plastow (1893 – 1972), den man einmal den „Sänger der sowjetischen Bauernschaft“ genannt hat. Stilprägend sind seine lyrischen und weitgehend konfliktfreien Genrebilder und Landschaftskompositionen. Ausgezeichnet mit dem Stalinpreis 1946 und dem Leninpreis 1966, brachte es der aus der Region Uljanowsk (früher Simbirsk) stammende Maler sogar dazu, daß die Post der UdSSR Briefmarken nach seinen Motiven gestaltete.

Jurij Tkatschow: Ljubez im Winter.

Jurij Tkatschow: Ljubez im Winter.

Der mit 200.000 Rbl. dotierte Preis wurde 2007 von der Regierung der Region Uljanowsk an der Wolga erstmals auf lokaler Ebene ausgelobt und hat seit 2011 den Status einer internationalen Auszeichnung, die an Künstler verliehen wird, die sich der Tradition der Landschaftsmalerei verpflichtet sehen. Die Wahl fiel sicher nicht zufällig auf Jurij Tkatschow, der bereits den Titel „verdienter Künstler Rußlands“ trägt, denn der 1955 in Wladimir geborene Graphiker und Aquarellmaler ist seit 1990 Mitglied des Russischen Künstlerverbands und zeigt seine Arbeiten immer wieder auf nationalen und internationalen Ausstellungen. Auch in Erlangen, wo er 1992 zum ersten Mal überhaupt in Deutschland auf sich aufmerksam machen konnte.   

Jurij Tkatschow: Russische Puppe.

Jurij Tkatschow: Russische Puppe.

Im Interview mit Wladimirer Medien sagt Jurij Tkatschow: „Wir gehören zu den Stillen im Land. Realisten, die das russische Dorfleben darstellen. Und einiges andere mehr. Wir sind ein eingeschworener Haufen.“ Viele sind es in der Tat nicht, die sich der handwerklich so anspruchsvollen Radierung widmen und sich fern von Kitsch halten.

Jurij Tkatschow: Stilleben.

Jurij Tkatschow: Stilleben.

Selbst sagt Jurij Tkatschow zu seiner Technik, in der er seit drei Jahrzehnten arbeitet: „Die Radierung ist etwas, das man, wenn man einmal damit begonnen hat, nicht so leicht wieder aufgibt. Hier findet man nämlich immer wieder etwas, das noch nicht vollkommen ist, das noch nachgebessert werden muß. Eine Radierung scheint nie abgeschlossen, immer will man noch weiter an ihr arbeiten. Und immer ist da das Gefühl, die nächste Arbeit müsse besser werden. Das bleibt wohl so das ganze Leben.“ Das hoffentlich noch lange währt und der Kunstwelt viele weitere Schätze beschert.

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Heute blättert der Blog ein wenig in der Kunstgeschichte der Städtepartnerschaft zurück und nach vorn. Zurück ins Jahr 2010, wo für den Herbst eine Ausstellung von Natalia Kolpakowa in den Räumen des Roten Kreuzes Erlangen-Höchstadt, Henri-Dunant-Straße 4, geplant war. Doch sie konnte nicht stattfinden, weil einige Monate zuvor ein Gewitter mit Platzregen das Gebäude unter Wasser gesetzt hatte. Renovierung und Instandsetzung der Baumängel dauerten, und erst vor wenigen Wochen konnten alle Räumlichkeiten wieder bezogen werden.

Natalia Kolpakowa: Blumenmotiv

Nun kann auch nachgeholt werden, was seinerzeit ins Wasser gefallen ist. Am Freitag, den 2. März, wird um 19.00 Uhr – bitte vormerken und kommen! – im Hauptgebäude des BRK die Ausstellung mit Arbeiten der Graphikerin Natalia Kolpakowa eröffnet. Die 1966 in Iwanowo geborene Künstlerin, die in Moskau und Wladimir lebt und arbeitet, hat eine Reihe von Kinderbüchern illustriert und ist in vielen Sammlungen und Galerien vertreten. Im Spannungsfeld zwischen den alten Meistern Rembrandt, Jan Vermeer und Pieter Bruegel auf der einen und ihren moderneren Vorbildern Aubrey Beardsley und Alfons Mucha auf der anderen Seite, hat Natalia Kolpakowa einen Stil gefunden, der sich unübersehbar von der typischen Wladimirer Malschule mit ihren Natur- und Landschaftsmotiven absetzt, die erst im Dezember unter dem Motto „Schnee“ im Kunstverein Erlangen vorgestellt wurde. Aber sehen Sie selbst!

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Rudolf Schloßbauer und Natalia Britowa vor Arbeiten von Kim Britow.

Es hat schon etwas für sich, die Wladimirer Malschule in einer späten Nachfolge des Impressionismus zu sehen. Natalia Britowa, die Tochter des Vaters dieser Tradition, machte es dem aufmerksamen Publikum mit ihrem Vortrag, technisch unterstützt von Sepp Martin, am Montagabend im bis auf den letzten Klappstuhl besetzten Vorraum der Neuen Galerie des Erlanger Kunstvereins jedenfalls nicht schwer, ihrer These zu folgen. Nicht unbedingt das Motiv, sondern die atmosphärische Gestaltung des Lichts auf einem Gemälde ist es, die den Ton angibt, den künstlerischen Reiz vermittelt. Und – für die Wladimirer Landschaftsmalerei charakteristisch – die Farbe und immer wieder die Farbe, freudig und voller Lebenskraft, sie íst es, die stilprägend wird.

Vor dem Vortrag

Es gelang Natalia Britowa, selbst längst weit über Wladimir hinaus eine anerkannte Künstlerin, ganz unangestrengt den Schaffensweg von Kim Britow und Wladimir Jukin nachzuzeichnen. Wenn auch durchaus unterschiedlich in der Malweise hatten sie doch so viel gemeinsam, daß man die beiden heute als die Begründer der Wladimirer Malschule bezeichnet. Begonnen hatte alles in den späten 40er Jahren, als die Heimkehrer von der Front in Mstjora, dem Geburtsort von Kim Britow, eine Freundschaft fürs Leben schlossen. Die Kleinstadt Mstjora, eineinhalb Autostunden östlich von Wladimir gelegen, war schon damals berühmt für ihre einstige Ikonenwerkstatt, die von den Sowjets zu einer Manufaktur für Lackmalerei umgewidmet wurde, aus der bis heute großartige Schmuckbroschen und Schatullen kommen. Kim Britow konnte davon nicht unbeeinflußt geblieben sein, auch wenn seine Tochter vor allem auf Pieter Bruegel und Vincent van Gogh als Inspiratoren hinweist.

Natalia Britowa und Reiner F. Schulz

Inspirieren ließ sich der junge Kim Britow, Jahrgang 1920, aber vor allem von der Freude darüber, den Krieg an überlebt zu haben. Daher diese Lust am Leben, an prallen Szenen auf Jahrmärkten und einer überbordenden Farbgebung der Landschaften. Es war dann wohl auch gerade die einzigartige Landschaft um Wladimir, die dem Künstler die Motive vorgab, wenngleich er schon früh viel herumkam in der Sowjetunion – vom Asowschen Meer bis ganz in den Norden. Überall entstanden diese markanten Bilder, die so weit entrückt sind vom herrschenden sozialistischen Realismus, diese Einblicke in eine Welt, geprägt von gänzlich unpolitischer Natur und immer wieder mit einer Kirche in der menschenleeren Landschaft. Übrigens ein augenfälliger Kontrast: die wuselnden Szenen aus dem Stadtleben gegenüber der kontemplativen Gelassenheit der Felder mit ihren hineingestreuten Waldgruppen.

Jelena Sacharowa, beschenkt von Gerhard Schneider, Bildmitte, mit einer Gravur.

Noch eine Besonderheit Kim Britows stellte der Lichtbildvortrag heraus: Der Künstler liebte vor allem die Übergänge der Jahreszeiten, im Frühjahr und Herbst war er in seinem Element. Manchmal ist sich Natalia Britowa selbst nicht mehr so sicher, ob es sich gerade um ein Motiv aus dem März oder des Vorwinters handelt. Es war wohl der Wandel im stets Gleichen der Natur, der den Maler nicht losließ, und es war gewiß vor allem seine innere Kraft, die ihn bis in seine letzten Lebenstage hinein arbeiten ließ. Kurz vor seinem Tod im vergangenen Jahr, erinnert sich die Tochter, habe er noch zu ihr gesagt, alles komme auf die eigene Energie an, die man in ein Bild hineinlege, eine Energie, die kraft der Kunst – vita brevis, ars longa – zeitlos wirkmächtig bleibt. Nicht ohne Stolz berichtete Natalia Britowa deshalb auch davon, wie schon in der Sowjetzeit bei großen Ausstellungen in Moskau die Menschen in die Ecke strömten, wo die Wladimirer Landschaftsmalerei gezeigt wurde. Ihre Vertreter waren keine Dissidenten, aber immerhin hatten sie sich ihre eigene Nische erkämpft, boten eine farbenfrohe Alternative zum sozialistischen Einerlei. Und heute? Die beiden Gründerväter der Schule, Kim Britow und Wladimir Jukin, sind tot, am Leben ist von dieser Generation nur noch der 1930 geborene Walerij Kokurin. Aber die Tradition wird auch von den Nachgeborenen fortgeführt, – und Bücher über die Wladimirer Landschaftsmalerei finden sich in jedem Atelier der Partnerstadt als unverzichtbare Wegmarken im weiten Reich der Kunst. 

Kim Britows letzte Arbeit

Es sei nachgetragen, daß Reiner F. Schulz im Nachgang zu dem Vortrag noch einen kurzweiligen Rückblick auf Höhepunkte der künstlerischen Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir bot, auf den wir später hier im Blog noch zurückkommen wollen. Nicht von ungefähr, denn just Kim Britow war 1987 der erste Künstler aus Wladimir, der in die neue deutsche Partnerstadt gekommen war. Und: Die Künstler sind gestern wieder abgereist, aber die Ausstellung bleibt. Noch bis zum 23. Dezember! Lassen Sie sich die Augen öffnen für die Wladimir Kunst, denn das Leben ist kurz…

Mehr zu Kim Britow unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/01/11/wladimirer-malschule-verwaist/

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Gunhild Schweizer und Reiner F. Schulz vor der Eröffnung

Jetzt ist er also da, der Schnee-Einbruch, den der Erlanger Künstler Reiner F. Schulz dieser Tage im Blog mit nachgerade poetischer Wortgewalt heraufbeschworen hatte. Die Ausstellung „Schnee“ wurde gestern mit vielen Gästen in der Neuen Galerie des Kunstvereins Erlangen, Hauptstraße 72, eröffnet und ist dort noch bis zum 23. Dezember zu den üblichen Öffnungszeiten (Di., Mi., Fr. von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr, Do. von 15.00 Uhr bis 19.00 Uhr und Sa. von 11.00 Uhr bis 14.00 Uhr) zu sehen. Ehrengast Siegfried Balleis nutzte denn auch die Gelegenheit, nicht nur dem Kunstverein und seinen Mitgliedern für die langjährige Zusammenarbeit mit Wladimir zu danken, sondern alle Besucher der Ausstellung, vor allem jene, die noch nie in Wladimir waren (soll es geben!), aufzufordern, möglichst bald die Partnerstadt zu besuchen. Im übrigen zeigte er sich gewiß, allein schon die Betrachtung der Werke werde ausreichend Sehnsucht nach Wladimir wecken, um die Reise anzutreten. Und tatsächlich kamen auch schon wieder Anfragen wegen einer Bürgerfahrt im nächsten Jahr.

Hannelore Heil-Vestner als "Mütterchen Frost"

Da, im nächsten Jahr, wird es aber auch darum gehen, die Vorbereitungen auf das 30jährige Partnerschaftsjubiläum zu treffen, das 2013 turnusgemäß in Wladimir stattfinden soll. Mit dabei – unverzichtbar – der Erlanger Kunstverein, der schon seit Anfang der 90er Jahre, damals mit seinem Vorsitzenden, Johann Adam Stupp, gefolgt im Amt von Renate Werbelow, Uwe Fischer und Hannelore Heil-Vestner, zu den Konstanten des Austausches gehört. Und wenn wir schon Namen nennen, sollen stellvertretend auch nicht fehlen Monika Heinrici, Christian Hamsea, Antje Fries und natürlich Reiner F. Schulz, dem die aktuelle Ausstellung zu verdanken ist. Einen besonderen Platz in dieser unvollständigen Reihe nimmt freilich Hans Zahn ein, auf den wir dieser Tage noch zurückkommen und der mit seiner Frau Rosie derzeit drei der fünf aus Wladimir angereisten Künstler bei sich zu Hause beherbergt.

OB Siegfried Balleis mit der Künstlergruppe

In ihren Grußworten dankten denn auch Natalia Britowa und Alexander Sacharenko für die herzliche Gastfreundschaft und gastliche Herzlichkeit, die ihnen entgegengebracht werden, und versprachen, zusammen mit ihrem Kunst-Schnee die Wärme ihrer Farben mitgebracht zu haben. Mehr vom Wladimirer Farbenwunder, darauf sei hier nochmals hingewiesen, ist am Montag, den 5. Dezember, um 19.00 Uhr wieder im Kunstverein von Natalia Britowa zu hören, die dann mit einem Lichtbildvortrag die Wladimirer Schule der Landschaftsmalerei vorstellt. Bei freiem Eintritt, aber sicher auch mit der Gelegenheit, das eine oder andere der Bilder zu kaufen, darunter auch vier Arbeiten vom mittlerweile verstorbenen Vater der Künstlerin, Kim Britow, auf den die Maltradition Wladimirs zurückgeht. Eine seltene Gelegenheit.

Alexander Sacharenko

Über die Gelegenheit, erstmals nach Erlangen zu kommen, freut sich besonders Alexander Sacharenko, der, aus Weißrußland stammend, erst seit zwei Jahren in Wladimir und Moskau lebt und sich von der Farbenpracht der Kunstszene in Erlangens Partnerstadt regelrecht anstecken läßt. Seine Karriere hatte mit viel Geschrei und Getöse begonnen, als er mit gerade einmal fünf Jahren zu Ostern den frisch geweißelten Ofen in der Dorfhütte seiner Großeltern mittels selbstgemischter Naturfarben aus Ruß,  Rote Bete und anderen für seine Kinderhände erreichbaren Utensilien mit Schmetterlingen und anderen Ornamenten verzierte. So genau weiß es der Künstler heute nicht mehr, aber es muß ganz schön etwas los gewesen sein. Aber man bestrafte ihn auch nicht, was der kleine Sascha bis heute als Ermunterung versteht, sich kreativ zu betätigen.

Natalia Britowa und Helmut Zeitler

So schloß er denn auch die Kunsthochschule mit dem „roten Diplom“, also der höchsten Auszeichnung, ab, wählte neben der Malerei auch noch das Holzschnitzhandwerk, verdingte sich zunächst in einem Zementwerk, wo er rasch zum stellvertretenden Leiter aufstieg, darüber aber nie seine Kunst vergaß. 2006 dann aber gab er den lukrativen Brotberuf – zum Erschrecken der Verwandtschaft – auf und widmet sich seither ausschließlich seiner eigentlichen Berufung. Und die sieht er vornehmlich darin, den Menschen das Schöne in der Welt zu zeigen. Um das zu sehen, steht er gerne früh auf, um besondere Stimmungen einzufangen, Momente, die im Gedächtnis bleiben wie jenes Erlebnis, von dem er so gerne erzählt: „Die Kollegen auf der Arbeit wunderten sich immer, wenn ich in der Freizeit etwas mahlte und fragten, woher ich denn die Farben für den Himmel nehme. Worauf ich stets antworte, daß ich das alles in der Natur sehe. Eines Tages kam ein ganzer Trupp von Kollegen zu mir angerannt und forderte mich auf, doch gleich mal aus dem Fenster zu sehen: Da sei genau so ein Himmel zu sehen, wie ich ihn gemalt habe.“ Welch größeres Glück könnte es für einen Künstler geben, als die Menschen das Sehen gelehrt zu haben. Das Schöne sehen. Das Schöne, das laut Fjodor Dostojewskij die Welt rettet.

Mehr Schönes unter: http://is.gd/ULiX00

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