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Posts Tagged ‘Wladimirer Maler’


Es ist endlich warm, ja richtig heiß geworden in Wladimir. Badewetter also und damit leider auch die Zeit von Todesfällen im Wasser, allein an diesem Wochenende zehn in der Region, fünf davon im Zustand der Trunkenheit. Schlimm genug, aber ein Unglück erscheint besonders tragisch.

Alexej Solodilow

Im Kreis Kameschkowo machte der Künstler Alexej Solodilow am Freitag, ausgerüstet mit Booten und Zelten und begleitet von seinem zwölfjährigen Sohn und dessen ein Jahr älteren Freund sowie weiteren Jugendlichen und Erwachsenen, einen Ausflug ans Ufer der Kljasma. Der 43jährige, in Wladimir geborene Landschaftsmaler und Kunstdozent an der dortigen Universität setzte mit seinem Sohn und dessen Freund zum vis-à-vis liegenden Sandstrand über, wo laut Aussage des Sohnes sein Freund beim Aussteigen gleich im Wasser versank. Vater und Sohn sprangen dem Jungen nach, um ihn zu retten, doch auch sie gerieten in einen Strudel, der den Vater davonriß, während sich der Sohn am Boot festhalten konnte und um Hilfe rief. Doch die Retter vom anderen Ufer kamen zu spät. Sie tauchten zwar noch nach dem Mann und dem Jungen, konnten sie aber nicht mehr finden. Erst anderntags entdeckten das herbeigerufenen dreißigköpfige Einsatzteam stromabwärts die beiden Leichen.

Der Morgen. Alexej Solodilow

„Leonid Iwanowitsch Schigajew ist gestorben…“ So beginnt die Erzählung „Dem Andenken L. I. Schigajews“ von Wladimir Nabokow und fährt fort: „Die bei Nekrologen allgemein üblichen Gedankenpunkte stellen wahrscheinlich die Spuren der Wörter dar, die auf Zehenspitzen entschwunden sind – und auf dem Marmor Fußspuren hinterlassen haben – ehrfurchtsvoll, im Gänsemarsch… Ich möchte diese Grabesstille jedoch stören… Erlauben Sie mir also… Nur einige fragmentarische, wirre, eigentlich unerbetene… Aber immerhin.“

Frühjahr an der Kirche Mariä Schutz und Fürbitt. Alexej Solodilow

Anstelle eines Nachrufs auf den Künstler, der heute mit dem Freund seines Sohnes beigesetzt wird, zeigt der Blog immerhin Bilder des Verstorbenen, der am liebsten in Öl malte. Eines seiner Werke, das Goldene Tor vom Festungswall aus gesehen, schmückt nun im Gedenken an Alexej Solodilow auch die Kopfleiste – und möge auch an die übrigen Toten dieser Tage erinnern, die hier namenlos bleiben, aber auch trauernde Familien hinterlassen, während „auf mir die Welt lastet“, wie es am Ende der verstörend-düsteren Erzählung von Wladimir Nabokow, „Der neue Nachbar“, heißt: „mit ihrer bunten Leere.“

 

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Wer zwei einzigartige Gemälde von Michail Schibanow aus der Wladimirer Welt des 18. Jahrhunderts sehen will, muß nach Moskau reisen, in die Tretjakow-Galerie. Zu sehen sind da die wohl ersten Beispiele einer realistischen Darstellung des Lebens abseits des Hofs und der Aristokratie, mit denen so gut wie jedes Lehrbuch über die Geschichte der russischen Malerei aufmacht: erstmals statt historischer Sujets, Pastoralen, Portraits hochgestellter Persönlichkeiten oder mythischer Gestalten – Szenen aus dem Alltag der einfachen Leute.

Michail Schibanow: Bauernmahl

 

Die eine Arbeit von 1774 stellt vier Erwachsene und einen Säugling dar, die andere, drei Jahre später entstanden, zeigt eine bäuerliche Gruppe während eines der Hochzeit vorangestellten Brauchs, der Verlobung. Beide Bilder sind signiert, das eine mit „Dieses Gemälde stellt Bauern der Susdaler Provinz dar. 1774 geschaffen von M. Schibanow.“, das andere mit „In der nämlichen Provinz geschaffen im Kirchdorf Tatarowo 1777 von M. Schibanow.“

Abschluß des Heiratsvertrages

 

Die Forscher sind sich sicher: Hinter jenem Tatarowo verbirgt sich Barkoje Tatarowo, mittlerweile mit dem für seine Lackminiaturarbeiten berühmten Mstjora im Landkreis Wjasniki, Gouvernement Wladimir, zusammengewachsen, wo nach dem Künstler auch eine Straße benannt ist. Von dem Maler weiß man freilich eher wenig, weder Ort noch Datum seiner Geburt oder seines Todes sind bekannt. Man nimmt allerdings an, er entstamme entweder einer Leibeigenenfamilie auf einem der Güter des Fürsten Grigorij Potjomkin-Tawridskij oder des Admirals Grigorij Spiridonow aus Pereslawl-Saleskij, wofür das Protrait von dessen Sohn aus dem Atelier Michail Schibanows spricht.

Katharina II

Als gesichert gilt allerdings, daß der Künstler im Auftrag von Fürst Potjomkin arbeitete und auch ein Portrait der Zarin Katharina II und ihres Favoriten, Alexander Dmitrijew-Mamonow, malte.

Detail aus dem „Bauernmahl“

Welche Laune des Schicksals den Künstler in das Gouvernement Wladimir brachte, ist wiederum Gegenstand von Mutmaßungen. Bleiben werden aber die beiden Arbeiten mit ihren ausdrucksstarken Gesichtern einfacher Leute, die vor zweieinhalb Jahrhunderten lebten und so etwas wie einen enzyklopädischen Schatz darstellen, zeigen die Figuren doch Details der russischen Trachten aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Forscher begeistern sich an der exakten Wiedergabe von Einzelheiten der Kleidung wie des Ablaufs einer Zeremonie, die genau dem entsprechen, was man aus schriftlichen Quellen über jene Zeit erfahren kann.

Detail aus dem „Abschluß des Heiratsvertrages“

Und der Betrachter? Er ist erfreut über die ausdrucksstarke Vielfalt der Gesichter und Gesten, die eine längst versunkene Welt auferstehen lassen und zurückführen an den Anfang dessen, was man später die Wladimir Malschule nennen sollte.

zusammengestellt nach Material von Dmitrij Artjuch

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In der losen Folge von Künstlerportraits aus Wladimir heute die Erinnerungen von Natalia Oserowa-Pedersen (s. im Blog unter http://is.gd/SvQUIa) an ihre Begegnung mit Wiktor Dynnikow (1939 – 2005) kurz vor dessen Tod. Angemerkt sei nur: Auch dieser Maler ist in Erlangen erst noch zu entdecken!

Wiktor Dynnikow

Wiktor Dynnikow

Wie viel es doch an Koinzidenzen im Leben gibt: Man kommt in eine unbekannte Stadt, schlendert durch die Straßen und meint plötzlich, hier schon einmal gewesen zu sein; man liest ein neues Buch und meint, diese Gedanken schon früher gekannt, sie im Herzen getragen zu haben, und da liefert sie einem in fetten Lettern jemand auf dem Papier.

Da kommt man also aus Dänemark zurück in die Stadt der Kindheit, wo Lachen und Weinen zu Hause sind, und begegnet dem Dänischen Prinzen, wie seine Freunde und Kollegen Wiktor Dynnikow voll Hochachtung nannten, und ist erschüttert von den Bildern wie vom Künstler, der in seiner Farbsprache all das zum Ausdruck gebracht hat, was man selbst mit geschlossenen Augen sieht und wonach man seit Jahren strebt.

Dynnikow 1

Ein Maler, der in der gleichen Zeit, in der gleichen Stadt gelebt hat wie man selbst, den man seinerzeit mühelos in seinem Atelier hätte aufsuchen, mit dem man hätte sprechen, von dem man hätte lernen, von dessen Talent man sich hätte erfüllen lassen können.

Wenn ich damals nur gewußt hätte, WAS das für ein Künstler war…

So aber sollte es meine erste und letzte Begegnung mit Dynnikow zu seinen Lebzeiten sein.

Dynnikow 2Als ich zusammen mit Aida Iwanowna, der Frau des Künstlers, die vielen Stufen der Treppe des mehrstöckigen Hauses bis ganz nach oben, unters Dach, zum Atelier in der Traktorstraße emporstieg, blieb mein Blick am Schild gegenüber der alten Klingel hängen: Dik, Dynnikow, Jermolin. Wie sehr ich es doch jetzt bedauere, damals diese Tür mit dem Schild nicht photographiert zu haben, wo die beiden ersten Namen schon Geschichte sind, weil unsere Kunstfunktionäre die Bilder dieser nun schon verstorbenen Maler auf schnellstem Weg aus ihrem verwaisten Haus gebracht haben.

Dynnikow 3Die Tür öffnete sich weit, und wir waren geblendet von dem hellen Licht, das sich aus einem der großen Fenster des Ateliers ergoß, wo sich der Künstler als dunkler Schattenriß abzeichnete, ein aufrechter Mann mittelgroßen Wuchses mit einer Mähne wehenden Haares. Regale mit einer Unmenge von Bildern, dicke Mappen mit „noch nicht angekleideten“ Pastellarbeiten, Kunstbände, natürlich Pinsel, Farben, eine massive Staffelei, im Türdurchgang hängende Trockenblumensträuße.

Dynnikow 4„Sehen Sie sich einfach selbst um, was es hier so gibt…“, sagte er langsam und artikuliert mit einer kehligen Stimme und verschwand im Flur, um Tee zu kochen, nicht ohne mich vorher mit einem mißtrauischen Blick seiner Kirschenaugen bedacht zu haben.

„Er hört schlecht“, erklärte mir Aida Iwanowna und ließ mich allein mit den Arbeiten ihres Mannes.

Dynnikow 5Mein Gott, was ich da zu sehen bekam! Wo war ich nur hingeraten? Die künstlerischen Entdeckungen von Matisse, Modigliani und Malewitsch – alle anverwandelt und verarbeitet im ganz eigenen Malstil Dynnikows.

SONY DSCEinen besonderen Zauber üben seine Stilleben aus: hier Äpfel und Birnen gleich Mäusen, die sich verbergen und auf dem Sprung sind, bei der leisesten Gefahr von der Leinwand zu verschwinden; da Vasen, Teekessel, Flaschen wie in den Märchen des großen Dänen Andersen mit ihrem heimlichen Leben, nichts als poetische Elemente, deren metaphorische Mischung und Verbindung ihre Poetik erschaffen.

Dynnikow 6Dynnikows Portraits sind eine exakte Pose, zeichnen sich aus durch einen Minimalismus von Linien und Formen, halten den Zustand der Zeitlosigkeit fest, richten den Blick nach innen. Wie bei Modigliani sind die Augen des Modells immer verschieden, wie nicht exakt ausgeführt, Schlitze, die das Bewußtsein des Betrachters in sich aufsaugen. So, wie mir einmal meine damals fünfjährige Tochter Nastja ihre Zeichnung erklärte: „Ein Auge schaut, und das andere sieht.“

Dynnikow 11

Die Landschaften Dynnikows sind nach meinem Empfinden aus der Vorstellung des Künstlers entstanden, geprägt von den bereits erwähnten Trockenblumensträußen, ganz wie seine Stilleben als Kontrapunkt zu den Farbflächen, die einander entgegenstreben und erfüllt sind von verschiedenen Farbvariationen ein und desselben Themas. Seine Blumen und Bäume wachsen vor unseren Augen.

Dynnikow 7Eine Stunde des Betrachtens vergeht im Handumdrehen, und ich gerate in den Zustand einer Quasihypnose. Auf das Angebot, Tee zu trinken, reagiere ich nur mit einem Abwinken, während ich kaum die Tränen der Erschütterung angesichts der Bilder zurückhalten kann. Unterbewußt nämlich spüre ich, womit ich hier in Berührung gerate, welch wichtigen Moment in meinem Leben ich erfahre.

Vor mir die strahlenden Kirschenaugen, warme Hände, ein offenes Lächeln. Irgendwoher fliegen mir die Worte und Gesten zu, um dem Meister spontan und von ganzem Herzen meine Begeisterung mitzuteilen. Wie es mir gelungen ist, in diesem Zustand noch einige Bilder für mich auszusuchen und die heute so überaus wertvollen Photos von Wiktor Pawlowitsch und Aida Iwanowna im Atelier zu machen, weiß Gott allein.

Dynnikow 9Während ich mir seine Bilder ansah, zeigte Aida Iwanowna ihrem Mann ein kleines Album mit Photos von meinen Liebhaberarbeiten. Gegen Ende unserer Begegnung faßte ich mir ein Herz und fragte den Künstler, ob ihm eines meiner Bilder gefallen habe. Er zeigte auf zwei Männerportraits und sagte, alles andere könne er auch malen. Doch an diesen beiden sei etwas, das er nicht könne. Ich erwähne dies nicht aus Geltungssucht, vielmehr um die Bescheidenheit und Größe der Seele des Meisters mit Blick auf eine noch am Anfang stehende Künstlerin zu betonen.

Nach dem Abschied von Wiktor Pawlowitsch stiegen Aida Iwanowna und ich die Stufen hinunter und zitierten das Gedicht von Marina Zwetajewa „Treppe der Inspiration“, auf der wir während unseres Treffens so hoch hinaufgekommen waren. Da kam er uns plötzlich ein paar Stufen nach, drückte mir die Hand und sagte: „Das nächste Mal wollen wir beide gemeinsam malen!“

Natalia Oserowa-Pedersen, Okt. 2007

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