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Posts Tagged ‘Wladimirer Autoren’


Wir setzen heute die lose Reihe mit Kurzprosa von Anatolij Gawrilow aus Wladimir mit drei Skizzen fort:

Endlich bin ich zu Hause. Eine Zeitlang mache ich nichts, mich zieht es nirgendwohin, und ich unterhalte mich mit niemandem. Hier kam ich zur Welt, hier träumte ich davon, zur See zu fahren. Hier gibt es Wälder, einen kleinen Fluß, Pilze, Beeren, Leute aus dem gleichen Dorf. Dann baute ich ein Haus in der Art eines Schiffes. Nachts gehe ich an Deck und rufe „SOS“.

***

Bei der Armee wollte man mich wegen der Augen nicht. Die Augen richtete man wieder, aber dann hörte ich nicht mehr. Das Gehör richtete man wieder, aber dann kamen die Beine ab. Die Beine richtete man wieder, aber dann kam der Kopf ab. Dennoch diene ich im Namen der Heimat.

***

Ich schaue gern in den Sternenhimmel. Ein großmächtiges Bild. Sie sterben ja auch. Man steht, schaut. Man liegt, schaut. Ein großmächtiges Bild. Und die Leute hetzen ihren nichtigen Angelegenheiten nach. Einige fragen, ob ich nicht Hilfe brauche. Schon, aber nicht jetzt.

Anatolij Gawrilow, übertragen von Peter Steger

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„Schon lange keine Gedicht mehr rezitiert? Aus vollem Herzen, mit ganzer Seele? Und schon lange keines mehr von anderen gehört? Packend, anrührend, die allerfeinsten Saiten ganz tief drinnen zum Klingen bringend…“

So fragen die Initiatoren eines Projekts über die Magie der Worte und die Zauberkraft der Musik, über jene Kraft, die es vermag, uns aus dem grauen Alltag zu reißen, uns für einen Augenblick in eine andere Welt zu versetzen, in einen nicht weniger wirklichen Zustand, ertastbar und reich an Schönheit, geschaffen von uns und unserer unbegrenzten Phantasie. Unser Projekt handelt von der Unsterblichkeit der Klassik, von Büchern, die nicht ungelesen bleiben dürfen, von Seiten, die auch noch nach Jahrhunderten Generation um Generation aufblättern wird, von Zeilen, in die man sich immer wieder neu einlesen, von Versen, in die man sich immer wieder neu verlieben wird. So und nicht anders.

klassik

„Ich habe Sie geliebt…“, Joseph Brodsky

Jede Folge des Projekts stellt eine ganz eigene Miniatur mit ihrem Helden, ihrem Sujet und Gedicht sowie einer Melodie in ganz eigener Stimmung dar. Jede Geschichte einzigartig, die ihren Widerhall im Schöpfer des Werks fand und nun hoffentlich auch auf das Publikum wirkt.

„Klassik ins Volk“ nennt sich das Wladimirer Literaturprojekt, und einen Eindruck erhält man davon bei diesen kurzen szenischen Rezitationen mit Gedichten von Anna Achmatowa, Boris Pasternak… Aber sehen und hören Sie selbst: https://is.gd/UbaUkn

Die Blog-Redaktion selbst hält sich an das geschriebene Wort und nutzt die Gelegenheit, in der Übertragung von Peter Steger ein Gedicht von Julia Alexandrowa, der großen alten Dame der Wladimirer Lyrik, aus ihrem neuen, 2016 erschienenen Bändchen „Bäume und Himmel“ vorzustellen: moderne russische Klassik zum Lesen.

Julia Alexandrowa: Bäume und Himmel

Julia Alexandrowa: Bäume und Himmel

Im Kölner Dom

Durch den Vorhang des Vergessens

seh‘ ich Köln, im Dom die Messe,

und die Orgel klingt.

 

Hoch die Töne Händels steigen

in den Himmel, in das Schweigen.

Und der Dom, er schwingt.

 

Schwingt mit uns in allen Dingen,

macht die Wolken droben singen.

Rhein, du stiller Strom.

 

Es verfliegt das Weltgelärme.

Harmonie und ruhige Wärme.

In mir schwimmen alle Sterne…

Sommer. Köln. Der Dom.

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Mit 45 Jahren ist 2008 Pawel Jermakow bei einem Autounfall ums Leben gekommen. In dem Bändchen „Стих и песни“ hat seine Frau Jelena den literarischen Nachlaß des Autors zusammengetragen, illustriert von ihrem heuten Ehemann, Jurij Iwatko. Die Sammlung fand den Weg nach Erlangen mit dem Erlanger Künstler, Dieter Erhard, der die beiden – sie hatten 2014 und 2015 in Tennenlohe Kunstwerke in Tennenlohe geschaffen – während seiner Teilnahme an dem Sommer-Kunstsymposium in der Region Wladimir wiedersah.

pawel-jermakow

Hier ein kleines Gedicht in – für die russische Lyrik noch immer eher ungewöhnlichen – freien Versen in der Nachdichtung von Peter Steger.

pawel-jermakow-1

Weich sind deine Augen, – und sie stechen,

zart sind sie und flehen um Liebkosung,

brennen alles innen aus,

tief im Innern eines jeden, gleich ob fremd, ob eigen,

lassen als Erinnerung zurück

nichts als eine Handvoll heißer Tränen,

brennend heiß – so wie dein Herz.

 

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Seinen Tonio Kröger läßt Thomas Mann im Gespräch mit Lisaweta Iwanowna von der „anbetungswürdigen russischen Literatur“ sprechen, „die so recht eigentlich die heilige Literatur darstellt.“ Ein wenig später präzisiert der Held aus der gleichnamigen Novelle, wie er das Schreiben versteht: „Sich von der Traurigkeit der Welt nicht übermannen lassen; beobachten, merken, einfügen, auch das Quälendste, und übrigens guter Dinge sein…“

Julia Alexandrowa im Garten des Erlangen-Hauses, Juni 2015

Julia Alexandrowa im Garten des Erlangen-Hauses, Juni 2015

Julia Alexandrowa könnte ähnliche Worte für das finden, was sie tut. Dabei dichtet die Grande Dame der Wladimirer Lyrik nicht nur selbst, sondern übersetzt auch Verse aus dem Deutschen ins Russische, vornehmlich von fränkischen Autoren. Der Partnerschaft wegen. Nun will die promovierte Chemikerin schon in den nächsten Wochen einen Band all ihrer Übertragungen herausgeben, die bisher in verschiedenen Periodika erschienen waren. „Endlich einmal wieder“, möchte man rufen, wo doch am Anfang der Städtepartnerschaft, noch vor ihrer Schöpfung, das Wort der Dichter war, besonders das Wort von Wolf Peter Schnetz, der natürlich in der Publikation nicht fehlen darf. Doch davon später. Heute in der Interpretation von Peter Steger das Eröffnungsgedicht ohne Titel aus dem 2012 in Wladimir erschienenen Bändchen „Offener Raum“ von Julia Alexandrowa: traurig schön und guter Dinge:

Offener Raum, Gedichte von Julia Alexandrowa

Offener Raum, Gedichte von Julia Alexandrowa

In der Welt voller Härte und Dunkel

ist der Mensch wie ein grünender Trieb.

Hier im schwingenden Sternengefunkel

wächst das Neue auf dem, was verblieb.

Und es schlingt sich nach oben gewunden,

strebt hinauf in den Himmel, ins Licht.

Und der Blick schweift ins Ferne für Stunden,

bis sich alles im Augenschein bricht.

Voller Silber und Wunder und Nebel…

Niemand kennt seinen Weg, seinen Sinn.

Ohne Eile, geheimnisvoll schwebend

und verzaubert gehn die Jahre dahin.

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Noch sind die Gesprächspartner in Jurjew-Polskij, aber schon heißt es: „Morgen geht’s nach Wladimir.“ Nachzulesen auf Seite 156 des Romans „Wladimirschina“ von Jurij Treguboff, erschienen 1976 im Feuervogel-Verlag, Frankfurt. Blättern wir noch ein wenig weiter: „Seht euch die Kathedrale genau an. Die bringen es womöglich tatsächlich fertig, so etwas Herrliches abzutragen. Seht, der größte Teil der Skulpturen besteht aus Basreliefs. Als Prototyp diente wohl Holzschnitzerei. Ich bin zwar kein Fachmann, aber ein Kenner hat mir gesagt, daß man hier mehr als genug verschiedene Stilarten findet. Da, die Gestalten der Heiligen! Hier sind Byzantinertum und auch der Westen vertreten, selbst die Skythen. Hier, die geflügelten Löwen, ein bißchen mit Schnee zugeweht. Hier haben Sie auch Georgien und ein paar Motive, die vielleicht von den seldschukischen Türken stammen. Das ist unsere Orthodoxie in den Susdalschen Wäldern! Im 12. und 13. Jahrhundert waren wir sehr fest mit dem Nahen Osten verbunden, dann haben uns die Tataren abgetrennt, und die heutigen sind schlimmer als die Tataren.“ Mit den „heutigen“ meint der Autor die roten Revolutionäre, die nicht nur die Kirchen abgetragen, sondern ihr Land von der übrigen Welt abgetrennt haben. Wie man heute weiß, leider sehr nachhaltig.

Werke von Jurij Treguboff

Werke von Jurij Treguboff

Jurij Treguboff wurde 1913 in Sankt Petersburg geboren und verstarb im Jahr 2000 in Frankfurt am Main. Dazwischen liegen eine Kindheit in der „Wladimirschtschina“, also in der Region Wladimir, genauer in dem heute nur noch etwa einhundert Seelen zählenden Dorf Laptjewo bei Kameschkowo, wo die Familie ein Landgut besaß; nach dessen Enteignung im Oktober 1917 zogen die Treguboffs nach Sudogda, später nach Wladimir und 1919 dann nach Moskau. Es folgte 1926 die Emigration nach Deutschland zusammen mit der Mutter, der Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft, der Eintritt in die Russische Befreiungsarmee von General Andrej Wlassow, die Auslieferung durch die Amerikaner an die Tschechen nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947 die Entführung durch sowjetische Staatssicherheitskräfte, die Verurteilung zum Tode und die Umwandlung der Strafe in 25 Jahre Lagerhaft, schließlich 1955, als Ergebnis der Verhandlungen von Konrad Adenauer, die Freilassung und der Beginn eines ungemein produktiven Lebens als Journalist und Publizist, Romancier und Übersetzer in Frankfurt. Eine Biographie, wie sie nur das 20. Jahrhundert, das Zeitalter der (überwundenen) Diktaturen, hervorbringen konnte.

Anita Treguboff an ihrem Bücherstand beim Markt der Ideen 2013

Anita Treguboff an ihrem Bücherstand beim Markt der Ideen 2013

1962 besuchte seine spätere Frau Anita, die aus Bielefeld stammt, einen Vortrag des Autors über die russische Geschichte, bat ihn später schriftlich um mehr Informationen zum Thema und heiratete ihn zwei Jahre später. Sie wurde zur ersten Leserin der Werke des Autors, die er zunächst auf Russisch schrieb und ihr dann in seiner Übersetzung auf Deutsch diktierte, bevor sie in ihrer Überarbeitung im 1971 von den beiden gegründeten Feuervogel-Verlag erschienen. Das Ehepaar vertrieb die Bücher selbst, bereiste dabei ganz Deutschland, und seit dem Tod ihres Mannes tut das die Witwe allein. Mit ihrem Stand ist sie auch schon einige Male nach Erlangen gekommen, zum Markt der Ideen in der Heinrich-Lades-Halle. Dort hat sie im vergangenen Jahr Barbara Wittig, die Schatzmeisterin des Fördervereins für das Rote Kreuz in Wladimir, kennengelernt und von der Städtepartnerschaft erfahren. So ergab sich das eine zum anderen: Jurij Treguboff kehrte nie mehr zurück in seine Heimat. An seiner Statt taten und tun das seine Bücher. 2001 erschien in Moskau sein biographischer Roman „Acht Jahre in der Gewalt der Lubjanka“, 2004 übernahm die Bibliothek des Marina-Zwetajewa-Museums in Moskau einige Bücher des Autors, und 2006 zeigte die Nationalbibliothek Sankt Petersburg die Bände des Exilanten in einer Ausstellung. Nun steht Anita Treguboff durch die Vermittlung des Erlangen-Hauses in Verbindung mit der Bibliothek des Gouvernements Wladimir, um eine russische Ausgabe des Romans „Wladimirschina“ auf den Weg zu bringen. Just in dem Jahr, in dem der Autor einhundert Jahre alt geworden wäre, soll er mit seinen Büchern in jene Gegend zurückkehren, wo seine Vorfahren seit dem 15. Jahrhundert ansässig waren.

Treguboff 2

Und Anita Treguboff, die zwar in den 60er Jahren einen Russisch-Kurs an der VHS besucht hat, die Sprache aber nie benutzte, weil sie lieber am Deutsch ihres Mannes feilte, könnte den Büchern bald nach Wladimir folgen. Auf den Spuren des Autors, von dem sie oft nicht recht wußte, wo er mit seinen Gedanken war, wenn er im Auf- und Abgehen durch die Wohnung seine Texte vordachte und sich selbst vorsprach. Und da gibt es auch noch einige Erbstücke, die ihren Platz in der alten Heimat von Jurij Treguboff wiederfinden sollten. „Er hätte sich das so gewünscht“, ist sich die Witwe sicher, denn „mein Mann hat immer nach dem Motto gelebt: Ich habe nichts vergessen, aber alles vergeben. Andernfalls verdirbt es mir die Freiheit. Er wollte die Stimme seiner Mitgefangenen von einst sein, immer voller Toleranz gegenüber Menschen und strenger Disziplin gegenüber sich selbst. Nie verbittert, sondern stets glücklich, überlebt zu haben.“ Deshalb: Vielleicht nicht schon morgen, aber bald geht’s nach Wladimir!

Mehr zu Personen und Werk unter: www.feuervogel-verlag.de

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