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Posts Tagged ‘Wladimir Tschutschadejew’


Seit gestern hält die S-Bahn auch wieder an den neun Stationen des Landkreises Petuschki, der neben Wladimir als Corona-Brandherd gilt und an die Region Moskau angrenzt. Einen ganzen Monat lang waren alle, die zur Arbeit nach Moskau wollten, gezwungen, die überfüllten Busse, zu nutzen, um zum einzig geöffneten Tor Richtung Moskau, zum Bahnhof Petuschki, zu kommen. Keine ideale Lösung unter den bis auf weiteres geltenden Bedingungen der Quarantäne, weshalb es viele Beschwerden gab, die bis hinauf zum Präsidenten gingen.

Blick vom Goldenen Tor in Wladimir nach Osten, gesehen von Michail Mojsejantschik

Unterdessen wird, anders als in Petuschki, in einer anderen Kreisstadt, Koltschugino, die Quarantäne ab dem 26. Mai aufgehoben. Überhaupt nutzt die Gouvernementsregierung nun mutig die gesetzlichen Vorgaben, nach Lage der Fallzahlen vor Ort punktuell Lockerungen einzuführen, sprich bestimmte Handelszentren wieder zu öffnen oder Kindergärten und Krippen nach ähnlichen Regeln wieder aufzumachen, wie sie auch bei uns gelten. Gleichzeitig fuhr man die COVID-19-Tests auf den Rekordstand von mehr als 3.000 täglich hoch.

Blick vom Goldenen Tor in Wladimir nach Westen, gesehen von Michail Mojsejantschik

In Susdal könnten nach dem 1. Juni die Hotels und Pensionen wieder öffnen, die nun zwei Monate lang geschlossen waren. Stadtdirektor Sergej Sacharow bittet jedenfalls Gouverneur Wladimir Sipjagin in einem Brief darum und weist auf die sozialen Folgen des Stillstands für die 10.000 Einwohner hin, die im wesentlichen vom Tourismus leben. Mit gerade einmal 30 bestätigten Infizierten erscheine die Wiederbelebung des Fremdenverkehrs, jedenfalls aus Sicht des City-Managers, als vertretbar.

Musterung in Zeiten von Corona, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Dabei schlägt die Pandemie nicht nur auf die Wirtschaft, sondern natürlich auch auf den Haushalt der Kommunen durch. So entließ kürzlich die Kreisstadt Kowrow mit Hinweis auf notwendige Einsparungen sieben Leiter von kommunalen Kulturhäusern und Kunstschulen. Erst die Intervention der Regionalregierung verhinderte eine weitere Kündigung für 18 Mitarbeiter der Sportschulen.

Musterung in Zeiten von Corona, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Soweit der kurze Blick auf einen kleinen Teil der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Nebenwirkungen der Maßnahmen rund um die Pandemie, die sich in der Region Wladimir noch immer ausbreitet: Als infiziert gelten mit Stand 23. Mai 2.194 Personen, von denen 435 auf die Partnerstadt selbst entfallen. 16 Corona-Patienten sind mittlerweile verstorben.

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Schon lange nichts mehr vom Wladimirer Meister der Kurzprosa, Anatolij Gawrilow, gehört und gelesen? Dem kann abgeholfen werden mit ganz frisch veröffentlichten Texten:

Im Hof unseres fünfstöckigen Hauses stehen verschiedene Bäume.
Der Specht machte sich meist an der Birke zu schaffen.
Heute segnete er das Zeitliche.
Die Todesursache ist unbekannt.
Die Kinder beerdigten ihn im Hof.
Ihre Gesichter waren traurig.
Sie gedachten des Spechts zusammen mit dem Nachbarn bei einem Stamperl Wodka „Russische Valuta“.

Buntspecht gestern beim Füttern im Erlanger Transmontanien

Die Hummel gehört zur Familie der Bienen.
Der Maikäfer ist ein Pflanzenschädling.
Die Moosbeere gehört zur Familie der Preiselbeeren.
Ziegenkäse wird aus Ziegenmilch gemacht.
Ziegen sind Paarhufer.
Im Hof ist niemand.
Niemand, weil es schon dunkel ist.
Dunkel, weil es schon Nacht ist.
Das Wissen wird immer mehr.
Aber da gilt Maß halten, sonst wird man irre.
Ich trank Moosbeerenlikör, aß vom Ziegenkäse und ging schlafen.

Nachtigall, gesehen von Wladimir Tschutschadejew in Wladimir

Du nimmst Weintrauben und preßt sie.
Filterst sie.
Verschneidest sie.
Lagerst sie mal warm, mal kalt.
Filterst und verschneidest sie erneut.
Es scheint, etwas geworden zu sein.
Du lädst Gäste ein.
Sie sagen, der Wein sei natürlich gut, aber jetzt wäre es gut, einen Wodka zu trinken.

Kirschblüte bei Wladimir, gesehen von Roman Jewstifejew

Nebel. Als Mann im Ausguck hast du rechtzeitig das entgegenkommende Schiff ausgemacht und dem Kapitän Signal gegeben, und wir glitten unbeschadet am anderen Schiff vorbei, und der Kapitän bewirtete mich mit Rum, und ich wollte mit ihm etwas besprehcen, aber er hatte keine Lust, und so ging ich schlafen.

Straßenbild in der Wladimirer Altstadt, gesehen von Michail Mojsejantschik

Nacht, ein Zimmer, zwei am Tisch.
Was zum Essen ist da, aber nicht zum Trinken, und es wird auch nicht geben.
Der eine trinkt nichts, der andere ist Alkoholiker.
Der eine spricht von der Spiritualität, der andere denkt traurig ans Trinken.
Sie begeben sich in verschiedene Zimmer zur Ruhe.
Der eine sinkt mit einem Gebet in den Schlaf, der andere geht wieder und macht sich auf die Suche nach Spirituosen.

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Die Zahl der Corona-Infektionen in der Partnerstadt liegen Stand 3. Mai, 10.00 Uhr, bei 121 Fällen, in der ganzen Region zählt man 830 positiv getestete Personen; sieben Tote sind zu beklagen. Dazu passen die Bilder von Wladimir Tschutschadejew, die Wladimir uns fremder und ferner denn je erscheinen lassen, eine Stadt im Ausnahmezustand, wo Lockerungen, wie sie derzeit bei uns ungehemmt diskutiert werden, noch in weiter Ferne liegen. Der Großteil der Aufnahmen ist übrigens am 1. Mai (!) entstanden. Aber sehen Sie selbst – ohne weitere Worte.

Eingang zu Hotel und Restaurant Wladimir

Bestellung am Schalter. Kein Eingang.

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Anatolij Gawrilow aus Wladimir war schon immer ein sperriger Autor, mehr ein Schriftsteller für Dichter als für ein breites Publikum. Seine Kurzprosa entwickelt sich in jüngster Zeit zunehmend in Richtung Sprüche wider den Sinn, wie wir ihn zu kennen glauben. Viel zu lesenswert, wie die Literaturredaktion des Blogs meint, um sie dem russischen Leser vorzubehalten.

Mariä Schutz und Fürbitt an der Nerl, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Gehst du?
Ich gehe, ja.
Wohin gehst du?
Einkaufen.
Wie gehst du?
Geht so.
Schwankst du manchmal?
Kommt vor.
Könntest du denn rennen?
Kaum.
Aber du warst doch schon einmal Läufer.
Schon, früher mal.
Kommt es vor, daß du irgendwohin gehst und dann stürzt?
Kommt vor.
Woher, meinst du, kommt das?
Was willst du denn von mir? Wechsle mal das Thema.

***

Christodulow wohnte unweit von der Eisenbahnlinie und arbeitete als Zugrangierer. Das ging soweit ganz gut, bis er plötzlich schlecht sah und hörte und häufig Fehler machte. Man zog ihn noch bis zur Rente mit, und jetzt ist er in Rente, verdient sich etwas mit einer kleinen Landwirtschaft dazu. So weit, so gut. Nur daß er nachts aufspringt und sagt, es sei Zeit, auf die Arbeit zu gehen, doch dann legt ihn seine Frau wieder schlafen.

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Der heutige Tag ist ganz hell, will sagen Frost und Sonne. Da wünscht man sich nichts mehr, als einzuschlafen.

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Als Geologe fand ich nichts.

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Ich versuchte es mit Hirse und Sonnenblumen, mit Mais und einigem anderen, das heißt, ich war ein unruhiger Mensch, immer wollte ich Gäste um mich haben, und alles sollte in bester Ordnung sein, und es war ja auch gut, doch dann bekam ich eine Erkältung und verstarb.

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Drei Uhr nachts. Ich kann nicht schlafen. Nachts ist der Laden aus irgend einem Grund geschlossen. Offen ist aber, wo man Bier kaufen kann. Und keiner ist da. Und da trinkst du dein Bier zu Trockengebäck und rauchst eine Zigarette mit Tabak vom Don und weißt nicht, was weiter tun, höchstens versuchen, endlich einzuschlafen.

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In der Nacht hatte es geschneit
Der Handwerker mit Namen Alexander reparierte den Gasanschluß.
Der Schnee ist weg.
Der Wind weht auch nicht mehr.
Er war aus dem Dorf nach Moskau zurückgekehrt.
Dort saß er am Kamin und wußte nicht, was weiter tun.
Im Klo brannte die Glühbirne durch.
Er tauschte sie aus.
Er raucht nicht, trinkt nicht, wenn überhaupt, dann nur hundert Jahre alten Sherry und von dem auch nur ein klein wenig.
Schon gut, der Tag geht zur Neige, ganz wie der Wodka.
Aber lassen wir das lieber.

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Sie sagt, sie wolle zu Vater und Mutter, die schon lange nicht mehr leben. Sie weint und macht sich Bratkartoffeln.

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Auch in Wladimir ist der Winter nicht mehr das, was er einmal war. Im November hatte es einmal geschneit, aber den ganzen Dezember über wartete man vergeblich auf die weiße Pracht. Nun hat Väterchen Frost den Schnee gebracht – just zu Silvester und Neujahr. Und damit kann man in der Partnerstadt auch eine weiße Weihnacht feiern, die ja dank dem julianischen Kalender der orthodoxen Kirche auf den 6./7. Januar fällt. Mit den besten Wünschen für die Rechtgläubigen dürfen wir uns deshalb mit diesen Bildern von Wladimir Tschutschadejew freundfreuen:

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Nach der eher düsteren Seite des Osterfestes heute die ganze Pracht und Herrlichkeit, wie sie die russisch-orthodoxe Kirche als Hüterin der byzantinischen Tradition zu entfalten versteht. Etwa bei der Zeremonie des Osterfeuers, das aus Jerusalem als Zeichen des Lichts, des Lebens und der Auferstehung gestern in der ganzen rechtgläubigen Christenwelt entzündet wurde.

Die ganze Straße vom Goldenen Tor bis zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale war gesperrt, und Erzbischof Tichon führt die Prozession an.

Bilder von Wladimir Tschutschadejew, die für sich sprechen. Lassen Sie sie auf sich wirken…

 

 

 

 

 

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Zum heutigen Tag des Vaterlandsverteidigers veröffentlichen die Statistiker Zahlen zum Thema „Männer“, die nachdenklich stimmen. Zunächst einmal sind sie in der Unterzahl: 624.000 zählte man im Vorjahr in der Region Wladimir, 130.000 weniger als Frauen. Damit kamen 2018 auf 1.000 Männer 1.207 Frauen, ein Verhältnis, das sich bereits Jahren so darstellt – seit 2010 stehen 45% Männer 55% Frauen gegenüber. Demographisch geraten die Männer zunehmend ins Hintertreffen, denn 2018 wurden sie um 7.300 weniger, wobei der Anteil der älteren Männer konstant bei 17% bleibt, was die allgemeine Alterung der Gesellschaft widerspiegelt. Alarmierend dabei die hohe Zahl von Männern, die das Gouvernement Wladimir verlassen. 2018 waren das 9.200, 300 mehr als 2017. Dieser „Fluchtreflex“ zeigt sich freilich bei den Frauen noch ausgeprägter. 11.000 waren es im vergangenen Jahr, die ihrer Heimat den Rücken kehrten, 2017 lag die Zahl noch bei 10.400.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale im Schneesturm, gesehen von Wladimir Tschutschadejew

Positiv zu vermerken ist aber die gute Beschäftigungslage. Die Arbeitslosigkeit unter Männern ist zwar nur leicht, aber immerhin nachweisbar gefallen, von 5% im Jahr 2017 auf 4,8% im Vorjahr. 95% von ihnen verfügen über ein stabiles Einkommen. Dabei besetzen die Herren ungeachtet aller Bemühungen um Geschlechtergerechtigkeit weiter vornehmlich Leitungspositionen und typische „Männerberufe“ und dominieren diesen Bereich mit teilweise mehr als 60% Anteil: Versorgung und Entsorgung, Bau, Transportwesen, Logistik, Land- und Forstwirtschaft, Naturwissenschaften, Energie-Erzeugung, Abfallverwertung – und Straßenreinigung, besonders heute, denn gestern tobte über Wladimir ein Schneesturm.

Schnee 5

Nikolaj Liwschiz, Chefredakteur des Prisyw

 

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