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Posts Tagged ‘Wladimir Rybkin’


Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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Auch nach dem erst vor einem Jahr vollzogenen Wechsel des Betreibers – von den Franziskusschwestern aus Vierzehnheiligen an die Malteser – bleibt das Waldkrankenhaus in Erlangen auf seinem internationalen Kurs und weiter offen für den Austausch mit Wladimir. Sogar mehr denn je.

Roman Lorz und Guram Tschjotschjew

Guram Tschjotschjew kam als junger Orthopäde mit der ersten Medizinerdelegation aus der Partnerstadt erstmals 1991 hierher und fand so Anschluß an Forschung und Lehre im Westen. Vor allem aber fand er Freunde und Kollegen, die ihn förderten und ihn auf den Wegen in die weltweit agierenden Gremien und Verbände begleiteten. Der Nordossete, in den 80er Jahren aus dem Kaukasus nach Wladimir gekommen, hatte sich in der neuen Heimat schon einen Namen bei der Behandlung von kleinwüchsigen Kindern gemacht. Nun fand er aber auch in Erlangen Anerkennung und rasch Aufnahme in den Deutschen und Amerikanischen Orthopädenverband, hielt weltweit Vorträge zu seinem Fachgebiet, habilitierte sich und gilt heute als Koryphäe nicht nur in seinem Land.

Raimund Forst und Guram Tschjotschjew, die beiden Professoren der Orthopädie

Bestimmt sieben bis acht Hospitationen folgten am Waldkrankenhaus, doch der letzte Besuch liegt nun doch schon zwölf Jahre zurück. Zeit, die Fäden wieder aufzunehmen. Und in Raimund Forst, Direktor des Universitätsklinikums im Waldkrankenhaus, findet der Gast denn am Freitag auch das Gegenüber, auf das er gehofft hatte. Schon nach wenigen Minuten ist man sich einig, der Austausch soll fortgesetzt werden, und es gibt auch gleich ein Thema, das den Gast brennend interessiert und wo der deutsche Kollege Pionierarbeit leistet: Duchenne, eine seltene, tödlich für die Kinder verlaufende Muskeldystrophie. Dank der Therapie von Raimund Forst werden nicht nur die Beschwerden gelindert, sondern auch die Lebenserwartung steigt signifikant an. Bisher kann man den Kindern in Rußland nicht helfen; das könnte sich jetzt bald ändern.

Chefarzt Horst Beyer und Guram Tschjotschjew

Und dann ein Rückblick auf die Geschichte des Waldkrankenhauses mit dem Chefarzt der Medizinischen Klinik I, Horst Beyer, der auch seinerseits Bereitschaft zeigt, den Austausch mit Wladimir fortzusetzen. Beste Voraussetzungen also für ein ganz neues Projekt, das Ingrid Dresel-Fischer, Leiterin der Berufsfachschule für Krankenpflege, und Roman Lorz, Vorsitzender der Mitarbeitervertretung am Waldkrankenhaus, vorschlagen: einen Austausch im Bereich der Pflegekräfte. Guram Tschjotschjew, hocherfreut über das Angebot, will sich in Wladimir umgehend in der Sache kundig machen und schlägt seinerseits vor, das Projekt mit älteren und erfahreneren Schwestern zu beginnen, um dann zu sehen, wie sich die Sache entwickelt. Eines ist klar: Da wächst schon bald ein neues Pflänzchen im fruchtbaren Garten der Partnerschaft.

Roman Lorz, Ingrid Dresel-Fischer und Guram Tschjotschjew

Den viertägigen Arbeitsbesuch beendete die fünfköpfige Delegation von Oberbürgermeisterin Olga Dejewa im Kreis von alten Freunden. Vor genau 20 Jahren war Jürgen Ganzmann, damals Leiter der Werkstatt bei den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf, heute Geschäftsführer der WAB Kosbach, zum ersten Mal in Wladimir und kam mit der Idee zurück, im Bereich der Psychiatrie das Projekt „Lichtblick“ zu gründen, das in einen breiten Austausch mit ungezählten Praktika mündete und schließlich sogar den „Blauen Himmel“ mit seinem erlebnispädagogischem Ansatz hervorbrachte. In das Netzwerk mit Wladimir sind nun auch Städte wie Pskow, Nischnij Nowgorod und Irkutsk eingebunden, wobei Wladimir natürlich auch in Zukunft den Schwerpunkt bilden soll. Immer dem Motto entsprechend: Nicht alles bei uns ist gut, und nicht alles bei euch ist schlecht. Also im Geist des gegenseitigen Lernens.

Nadja Steger, Guram Tschjotschjew, Irina Tartakowskaja, Alina Kartuchina, Melitta Schön, Hans Ziegler, Olga Dejewa, Wladimir Rybkin, Jürgen Üblacker, Arina Alstrud, Jürgen Ganzmann und Alexander Krutow

„So oft ich jetzt schon in Erlangen war und Gäste aus der Partnerstadt in Wladimir empfangen konnte“, meinte am späten Freitagnachmittag kurz vor der Heimreise Olga Dejewa, „einen derart intensiven Einblick in die Dinge, einen derart innigen Kontakt zu den Menschen habe ich bisher noch nie erlebt. Wir gehören wirklich zusammen und können nichts Besseres tun, als noch viel öfter zusammenzukommen.“ Aber auch in Erlangen darf man ein erfreuliches Fazit ziehen. Das Konzept von „Prisma“ bewährt sich und verspricht für die Zukunft noch viele solcher Begegnungen, die zusammenbringen, was zusammenwill.

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„Ich hatte mir schon überlegt“, meinte gestern abend bei der Rückfahrt nach Erlangen, „ob es sich denn lohnt, den weiten Weg nach Jena zu machen. Gute zwei Stunden einfach unterwegs, nur um die Honneurs zu machen. Aber jetzt bin ich richtig froh, dabei gewesen zu sein.“

Erlangen auf dem Schreibtisch des Oberbürgermeisters

Der stellvertretende Vorsitzende der Wladimirer „Zivilgesellschaftlichen Kammer“, sprach damit wohl allen russischen Gästen aus dem Herzen, denn, so Olga Dejewa, die klimatischen Bedingungen – immerhin gilt Jena als der zweitwärmste Ort Deutschlands – übertragen sich offenbar auch auf das Wesen der Menschen.  Die Oberbürgermeisterin ist die einzige in der Delegation, die Jena bereits von einem Besuch aus dem Jahr 2013, damals noch in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Roten Kreuzes, kennt und seither zu schätzen weiß.

Olga Dejewa und Albrecht Schröter

Als Stadtoberhaupt war dies nun gestern ihr Antrittsbesuch und die erste Gelegenheit mit Ihrem Amtskollegen, Albrecht Schröter, über die weitere Ausgestaltung des Partnerschaftsdreiecks Erlangen-Jena-Wladimir zu sprechen – und an seiner Seite ein wenig die Stadt zu erkunden.

Dabei treffen die beiden auf Schritt und Tritt auf russische Spuren: mal auf die Ankündigung eines Vortrags über Michail Gorbatschow, den in seiner Heimat wohl erst künftige Historiker vom Makel des Totengräbers der Sowjetunion befreien werden, mal die Erinnerung die Station Jena auf dem langen Lebensweg von Lew Tolstoj.

Gedenktafel am Frommannschen Anwesen

Wichtiger als der Blick zurück – auch in die bereits zehn Jahre währende Dreieckspartnerschaft – ist den Deutschen und Russen die Überlegung, was sie in Zukunft gemeinsam angehen könnten. Und da bietet sich ein breites Spektrum.

Über den Dächern von Jena

Das Freiwilligenprogramm soll fortgesetzt werden, das Rahmenabkommen zwischen der Friedrich-Schiller-Universität und der Wladimirer Universität bietet noch ungenutzte Möglichkeiten für den Wissenschaftsaustausch, bei Kultur und Sport gäbe es noch viel zu tun… Und dann ist da noch der Vorschlag von Albrecht Schröter, gern einmal jemanden aus der Wladimirer Stadtverwaltung einzuladen, um auszuloten, in welchen Bereichen der Administration ein Erfahrungsaustausch nützlich sein könnte.

Albrecht Schröter und seine Gäste

Und natürlich darf die Gegeneinladung nicht fehlen: vielleicht schon zum Wirtschaftsforum im Juni oder spätestens zum Stadtfest im Herbst. Gleichviel, Hauptsache man bleibt im Gespräch und Austausch, so die einhellige Meinung.

Albrecht Schröter und Olga Dejewa, im Hintergrund Norbert Hebestreit

Schon sehr weit gediehen sind die Überlegungen für eine konkrete Zusammenarbeit auf Initiative von Norbert Hebestreit im Bereich der Krankenpflege. Da versprechen sich beide Seiten einen Gewinn, da wollen beide Seiten voneinander lernen, da soll noch heuer ein Austauschabkommen zwischen der Berufsfachschule in Wladimir und dem Klinikum Jena abgeschlossen werden.

Nach der Führung durch das Klinikum Jena

Da darf natürlich auch eine Führung durch die größte Klinik Thüringens und eines der modernsten Krankenhäuser in ganz Deutschland, wenn nicht gar europaweit, nicht fehlen. Immer im Blick auf die künftige Zusammenarbeit zwischen Jena und Wladimir.

Alexander Krutow, Renate Winzen, Olga Dejewa, Nadja Steger, Wladimir Rybkin, Anette Christian und Guram Tschjotschjew

So ein Tag endet natürlich beim Abendessen zurück in Erlangen mit Stadträtin Anette Christian am besten mit einem Trinkspruch, den Wladimir Rybkin in ebenso einfachen wie einprägsamen Worten ausbringt: „Ich stehe auf, um mein Glas auf die Gastgeber zu erheben, und ich knöpfe meine Jacke zu dem festlichen Anlaß zu, aber mein Herz ist bis auf den letzten Knopf aufgeknöpft nach all den wunderbaren Begegnungen hier in Deutschland.“

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Mit einem „Willkommen im schönsten Konferenzraum Erlangens“, eröffnete Florian Janik gestern gegen 9.00 Uhr die zweite Sitzung des Gesprächsforums „Prisma“ und konnte die Diskussionsrunde gegen 16.30 Uhr mit der Vorfreude auf das nächste Treffen der Diskussionsrunde, möglichst schon im November diesen Jahres, schließen.

Sogar über das Thema ist man sich einig, das sich vor allem auch aus einem Diskussionsbeitrag von Alexander Krutow, stellvertretender Vorsitzender des Wladimirer „Zivilgesellschaftlichen Kammer“, des Dachverbands der Nichtregierungsorganisationen, aus seiner Frage ableitete, ob es denn auch in Deutschland denkbar sei, wie in den USA einen russischen Nachrichtenkanal zum „ausländischen Agenten“ zu erklären und ihm, am Beispiel von „Russia Today“ zu sehen, etwa den Zutritt zu Pressekonferenzen zu verwehren. Die einzige Frage in der von der Richterin im Ruhestand, Gerda-Marie Reitzenstein, und der Historikerin, Julia Obertreis, moderierten Runde, die unbeantwortet blieb und auf das nächste Treffen verschoben wurde.

Olga Dejewa und Florian Janik

Dann, wieder in Wladimir, so die Einladung von Oberbürgermeisterin Olga Dejewas an Ihren Erlanger Kollegen, Florian Janik, wolle man sich dem Komplex der Medien zuwenden und ihren Einfluß auf in Ost und West so unterschiedliche Wahrnehmung von Ereignissen rund um den Erdball untersuchen. Im Vis-à-Vis, als Vertreter der „Volksdiplomatie“, die der Gewerkschafter Wladimir Rybkin in der Städtepartnerschaft segensreich am Werk sieht.

Oxana Kirej, Anette Christian und Gerda-Marie Reitzenstein

Überhaupt, das Werk der Partnerschaft: Olga Dejewa hält nicht zurück mit ihrem Lob. Unter den 21 Städtefreundschaften, die Wladimir pflegt, nehme Erlangen unangefochten die erste Position ein. Wörtlich: „Mit den anderen haben wir Beziehungen, aber hier in Erlangen ist das Leben!“

Alexander Krutow, Wladimir Rybkin, Elisabeth Preuß und Gerda-Marie Reitzenstein

Folgte man gestern der Diskussion über Fragen der Beteiligung und des zivilgesellschaftlichen Engagements, spürte man, daß es sich hierbei nicht um ein wohlfeiles Kompliment an die Gastgeber handelte, sondern um das Wesen dieser nun schon fünfunddreißigjährigen deutsch-russischen Bürgerpartnerschaft. Und man spürte vor allem, wie ähnlich man einander auch da ist, wo man das bisher gar nicht vermutet hätte.

Kristina Kapsjonkowa, Wladimirer Studentin am IFA, und Oxana Kirej in der „Dolmetscherecke“

Etwa in Fragen der Bürgerbeteiligung. Man mag die Dinge unterschiedlich nennen – in Erlangen „Vorhabenliste“, in Wladimir „laufende Projekte“ -, aber der Geist ist derselbe: Bei allen Infrastrukturplänen und sonstigen Fragen der Kommunalpolitik die Stadtgesellschaft möglichst früh einzubeziehen und die Menschen nie vor vollendete Tatsachen zu stellen. Mitbestimmung wo irgend möglich auf allen Ebenen.

Julia Obertreis, Olga Dejewa und Florian Janik

Tut man das nicht, so Alexander Krutow, im Brotberuf Bankier, gibt man der „größten Gefahr für die Demokratie“ Raum, dem Populismus. Er ist es auch, der auf die Macht des einzelnen Bürgers hinweist, auch in einem zentral geführten Land: Baut da nämlich jemand ohne die vorher notwendigen Abstimmungen mit den Nachbarn, kann auch eine bereits erteilte Genehmigung wieder zurückgezogen werden. Mit allen Konsequenzen für den Träger und die Behörde.

Das nachmittägliche Plenum von „Prisma“

Die Themenpalette – von der Frage des Einsatzes von Ehrenamtlichen etwa im Hospizverein über die Bedeutung des Jugendparlaments bis hin zur Rolle der Kommunen in der Gestaltung des öffentlichen Lebens – wurde jeweils durch Präsentationen beider Seiten vorgestellt, von Nadja Steger vorab übersetzt, kundig moderiert – und vor allem meisterhaft von Oxana Kirej, unterstützt durch ein sechsköpfiges Nachwuchsteam vom Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, in beide Richtungen gedolmetscht. Über weite Strecken hinweg sogar simultan. Höchstes Lob dafür!

Oxana Kirej, Olga Dejewa, Florian Janik und Julia Obertreis

Das Fazit. Erlangen und Wladimir sprechen mit einander, lernen einander immer besser kennen und beweisen, man kann sich gar nicht genug austauschen. Nur so vermeidet man ja auch im eigenen Land, wie Julia Obertreis zum Ende hin bemerkte, das Entstehen von „Filterblasen“, wo jeder nur noch sich selbst und Seinesgleichen hört und anspricht.

Gruppenbild „Prisma“

Es gilt spätestens seit gestern die Maxime: Gäbe es „Prisma“ nicht schon, sollte man es schleunigst erfinden. Zur Nachahmung empfohlen!

 

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Im April vergangenen Jahres hatte die Auftaktveranstaltung des Gesprächsforums „Prisma“ in Wladimir stattgefunden, und schon im November wollte man die Begegnung in Erlangen fortsetzen. Doch der Termin ließ sich nicht halten und wurde auf diese Tage verschoben. Am späten Montagabend nun traf die Delegation von Oberbürgermeisterin Olga Dejewa ein und absolvierte gestern gleich ein umfangreiches Arbeits- und Besuchsprogramm – als Vorspann zu der heutigen ganztägigen Diskussion mit dem Themenschwerpunkt „Zivilgesellschaft, Bürgerbeteiligung, Teilhabe“.

Wladimir Rybkin, Olga Dejewa, Julia Obertreis, Alina Kartuchina; Wolfram Howein, Guram Tschjotschjew, Alexander Krutow, Gabriele Schöner und Amil Scharifow

Um sich miteinander zu diesen Sachfragen austauschen zu können, sollten die Gäste auch praktische Erfahrung machen, Einblick nehmen können in die Bedeutung von ehrenamtlichem Engagement ganz unterschiedlicher Bereiche.

Guram Tschjotschjew

Etwa wie man in Erlangen 2015/2016 die Aufnahme der Flüchtlinge im Stadtteil Tennenlohe organisierte – von der Grundversorgung bis hin zu Sprachkursen und Integrationsangeboten seitens der Stadtverwaltung aber auch der Zivilgesellschaft, aus der heraus die unterschiedlichsten Projekte entstanden, etwa ein „Kleider-Café“ in der Sebaldussiedlung.

Willkommen im Kleider-Café

Ursprünglich hatten hier Ehrenamtliche nur daran gedacht, die vielen Kleiderspenden der Bevölkerung geordnet an Flüchtlinge weiterzugeben, doch rasch stellte sich heraus: Auch unter den Einheimischen gibt es Bedarf nicht nur nach günstigen Einkaufsmöglichkeiten, sondern auch nach einem Raum, wo gern für eine Zeitlang verweilt, wo man andere Menschen trifft, wo man zu einem Stück Kuchen oder Gebäck zusammen eine Tasse Tee oder Kaffee trinkt.

Gruppenbild mit Ehrenamtlichen

Gleich ob noch im Studium oder schon im Ruhestand, an den beiden Öffnungstagen kommt die Kundschaft gern und in so großer Zahl, daß sich das von Ehrenamtlichen betriebene Projekt des ASB selbst trägt. Ein wirklich gelungenes Beispiel für Bürgersinn.

Guram Tschjotschjew

Ein ganz anderes Thema wurde dann am späteren Vormittag im Gerätewerk der Siemens AG im Stadtwesten angeschlagen: Integration und Inklusion von behinderten Beschäftigten in die unterschiedlichsten Arbeitsprozesse.

Gruppenbild bei Siemens

Erstaunlich für die Gäste dabei besonders die enge Einbeziehung der betroffenen in die Gestaltung des eigenen Arbeitsplatzes, das hohe Maß an Flexibilität bei der Anpassung an sich stets verändernde Voraussetzung und die Erkenntnis, eine Behinderung führe nicht zwangsläufig zu einer Einschränkung der Produktivität, sofern es denn gelingt, Mensch und Technik auf das Handicap abzustimmen. Etwas, das ganz offensichtlich bei der Siemens AG vorbildlich funktioniert.

Guram Tschjotschjew, Alexander Krutow und Hans-Michael Behnke

Viel Zeit am Nachmittag nimmt sich der Besuch dann für eine Führung durch die Justizvollzugsanstalt. Vor allem unter dem Fokus, was das Ehrenamt bei der Resozialisierung leisten kann, wie die Betreuung von Häftlingen beim sogenannten Übergangsmanagement, also der Vorbereitung auf die Haftentlassung bis hin zur Begleitung zurück in die Gesellschaft, aussehen kann.

Treffen mit Ehrenamtlichen

Hier, im Gespräch mit Anstaltsleiter Hans-Michael Behnke, lassen sich auch Unterschiede im Verständnis von Strafvollzug erkennen. Während die russische Seite das Prinzip von Strafe und Vergeltung postuliert, betonen die Erlanger den sozialtherapeutischen Ansatz mit dem Ziel einer möglichst gelungenen Resozialisierung.

Der Geschenk-Ball aus dem Zentralgefängnis Wladimir

Doch in der Praxis geht auch das Wladimirer Zentralgefängnis, aus dessen Werkstatt ein Ball als Geschenk überreicht wird, längst den Weg des humanen Strafvollzugs mit dem Ziel, die Häftlinge für die Rückkehr in die Gesellschaft zu ertüchtigen. Dafür sprechen unter anderem Fußballturniere der Insassen gegen das Wachpersonal, Kunstausstellungen, Fortbildungsmöglichkeiten.

Treffen mit Ehrenamtlichen und Melitta Schön (links im Bild)

Zur letzten Arbeitsrunde findet sich die Delegation dann beim Bayerischen Roten Kreuz ein, wo 1990 alles begonnen hatte mit der Aktion „Hilfe für Wladimir“ und wo seit nun auch schon zwei Jahrzehnten das „Seniorennetz“ seine ehrenamtlichen Angebote rund um Computer, Tables, Smartphone und Internet macht. Übrigens eine Initiative, die es ganz ähnlich auch in Wladimir gibt. Dort veranstaltet man sogar Computer-Wettbewerbe in der vorgerückten Altersklasse. Eine Anregung vielleicht auch für das „Seniorennetz“.

Im Brauereimuseum: Susanne Lender-Cassens, Alina Kartuchina, Olga Dejewa, Birgit Marenbach, Wladimir Rybkin, Horst Hirschfelder, Wolfgang Niclas, Christoph Gewalt und Alexander Krutow

Angeregt jedenfalls endete dann der Abend mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens und Stadrätin Birgit Marenbach in der Steinbach Bräu und deren Museum über die Bierstadt Erlangen. Und heute dann den ganzen Tag lang Gespräche im Rahmen von „Prisma“. Was es mit diesem Forum auf sich hat, ist hier nachzulesen: https://is.gd/Z2F75y

 

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Voller Vorfreude zeigte sich gestern vormittag Olga Dejewa beim Empfang für die Delegation ihres Kollegen Florian Janik auf die „unmittelbar bevorstehende Geburt“ des neuen Kindes der Städtepartnerschaft, das Gesprächsforum „Prisma“, durch das man sich in Zukunft Probleme und Fragen aus Politik und Gesellschaft ansehen will, die ebenso trennen wie verbinden können. Ganz wie man sie betrachtet, isoliert oder im Zusammenhang, aus dem Blickwinkel der Gemeinsamkeiten oder des Gegensatzes.

Florian Janik und Olga Dejewa mit dem Gastgeschenk, einer Schale aus der Werkstatt von Inge Howein

Wer die Partnerschaft kennt, weiß, in welche Richtung die Diskussion zwischen Erlangen und Wladimir – auch bei strittigen Themen – gehen wird, dennoch war auch in der Teilnehmer-Runde zu Beginn eine gewisse Spannung zu spüren, denn der gewählte Komplex „Migration“ erlaubt hier wie dort viele Deutungen, macht buchstäblich Stimmungen, birgt Potential für die Künder einfacher Lösungen, macht Schlagzeilen, hinter denen die notwendige Analyse oft verschwindet.

Das zu vermeiden, hier den Dialog walten zu lassen, nicht auf „Schlagworte zurückzugreifen und an der Oberfläche zu bleiben“, wie es Erlangens Oberbürgermeister formulierte, sondern sich durchaus auch selbstkritisch mit der Materie auseinanderzusetzen, soll Ziel der Diskussion sein. Mit der Betonung ausdrücklich auf Diskussion.

Florian Janik, Olga Dejewa und Wjtascheslaw Kartuchin

Der geschickt agierende Moderator und Leiter der gastgebenden Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, Wjatscheslaw Kartuchin, verstand es denn auch im Lauf der gut dreieinhalbstündigen Veranstaltung dem Austausch von Meinungen, dem Spiel von Fragen und Antworten den notwendigen Raum zu geben. Und er bewies Mut zur Improvisation, ließ dem freien Austausch seinen guten Lauf, griff nur immer wieder mit behutsamen Mahnungen ein, sich konkret zu fassen, die Uhr im Blick zu behalten.

Blick ins Plenum

Diesem freien Reglement opferte der Gastgeber sogar die beiden russischen Vorträge, nachdem die Präsentationen der Historikerin, Julia Obertreis, und des Flüchtlingsbeauftragten der Stadt Erlangen, Amil Sharifov, bereits mehr als genug Anregung zum Disput gegeben und Jutta Schnabel vom Bund der Deutschen Katholischen Jugend die Rolle der Zivilgesellschaft bei der Bewältigung der Herausforderungen durch Migrationsfragen umrissen hatte. Auch der offizielle Teil blieb wohltuend kurz gehalten: die Begrüßung, die Unterzeichnung der Gründungsurkunde des Forums – und gleich in medias res.

Florian Janik und Olga Dejewa

Wie groß das Interesse an dieser Diskussionsplattform ist, zeigt die Berichterstattung der Medien. Keine TV-Anstalt, keine Redaktion, die nicht vertreten gewesen wäre, nicht Fragen danach gestellt hätte, wie man in Erlangen an die Migration herangeht. Zu wenig Informationen, das ist deutlich zu spüren, erhält man hier aus erster Hand, zu viel ist das Bild geformt von medialen Vereinfachungen.

Julia Obertreis

Da war es denn auch wichtig, einmal den Zusammenhang nicht schlicht, sondern im geschichtlichen Überblick herzustellen, also zu zeigen, wie Deutschland über die Jahrhunderte von Immigration profitierte – von Hugenotten über Russen während der Sowjetzeit und Spätaussiedler bis zu den Heimatvertriebenen nach dem Krieg und zu den Gastarbeitern -, aber auch welche Auswanderungswellen es gab, etwa in die USA oder auf Einladung von Zarin Katharina II ins Russische Reich. Mit allen Fehlern, die etwa bei der mangelhaften Integration von Arbeitsmigranten gemacht wurden, wie Erlangens Oberbürgermeister einräumte: „Aber jetzt wollen wir es besser machen mit dem Focus auf Sprache und Bildung.“

Jutta Schnabel

Die russischen Partner, prominent politisch vertreten durch Vizegouverneur, Michail Kolkow, hakt da immer wieder nach: Ob die Flüchtlinge aus den arabischen und schwarzafrikanischen Staaten nicht doch eher am sozialen Netz Deutschlands interessiert seien als an der Arbeitsaufnahme, wie es um die Kriminalität und um die Bereitschaft bestellt sei, sich zu integrieren. Dem setzten die Gäste entgegen, man sehe Migration grundsätzlich positiv, eine Separierung in Flüchtlinge und andere „Fremde“ schaffe nur eine allgemein schlechte Stimmung, spalte die Gesellschaft, die jetzt aufgerufen sei, ein interkulturelles Miteinander zu ermöglichen.

Michail Kolkow, Alexander Krutow, Nikolaj Schtschelkonogow, Olga Dejewa und Florian Janik

Dabei hilft die Migration – etwa aus der Ukraine – auch der Region Wladimir, wo derzeit 800 Ärztestellen unbesetzt bleiben. Immerhin 30 Mediziner aus dem Nachbarland füllen diese Lücke nun zumindest teilweise, und Julia Obertreis wies durchaus auch auf den Beitrag der Gastarbeiter aus den zentralasiatischen Republiken zum Wohlstand der Russischen Föderation hin.

Julian Hans, Florian Janik und Julia Obertreis

Mit dem Ergebnis dieses ersten Treffens zeigten sich am Nachmittag dann alle zufrieden, auch Julian Hans von der Süddeutschen Zeitung, der eigens aus Moskau angereist war, um durch das „Prisma“ der Partnerschaft zu blicken. „Gehaltvoller als so manche Begegnung auf höherer politischer Ebene“, kommentierte er lobend. Und schon am Abend war man sich einig, das Forum schon im Herbst in Erlangen erneut tagen zu lassen, voraussichtlich unter dem Thema „Teilhabe: die Rolle der Zivilgesellschaft in den Partnerstädten“. Ein guter Ausblick auf die Zukunft einer noch engeren Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir.

Jurij und Ljubow Katz mit Florian Janik

Zu dieser Zusammenarbeit gehört seit Anfang der 90er Jahre die Selbsthilfeorganisation „Swet“, deren Gründern, dem Ehepaar Ljubow und Jurij Katz, Erlangens Oberbürgermeister als Symbol der Verbundenheit das Stadtwappen überreichte, gefertigt von einem Bewohner der Stadt-Mission Mensch aus Molfsee.

Begehung der Baustelle Pilgerzentrum mit Pfarrer Sergej Sujew

Zu dieser Zusammenarbeit gehört ebenfalls seit den frühen 90er Jahren die Verbindung mit der Rosenkranzgemeinde, deren Bauprojekt „Pilgerzentrum“ nun in die entscheidene Phase der Innengestaltung geht, bevor, wie Pfarrer Sergej Sujew meint, mit Hilfe unserer deutschen Freunde im nächsten Jahr die Einweihung stattfinden kann.

Amil Scharifow, Wladimir Rybkin und Wolfgang Niclas

Und zu dieser Zusammenarbeit gehört nun auch der Austausch zwischen den Gewerkschaften, wie Wolfgang Niclas und sein Kollege, Wladimir Rybkin, Vorsitzender des Regionalverbands der Russischen Maschinenbaugewerkschaft, bekunden. Aber auch die Fortsetzung der Verbindung des Erlangen Jugendparlaments zu Wladimir und vieles mehr, von dem demnächst hier noch die Rede sein wird, immer mit dem Blick durch das „Prisma“.

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