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Posts Tagged ‘Wladimir – Jena’


 
Jurij Katz

Es gibt in ganz Wladimir niemanden, der so viel geleistet hat und noch immer tut für Familien mit schwerstbehinderten Kindern wie Jurij und Ljubow Katz. Selbst Eltern eines  pflegebedürftigen Kindes, hat das Ehepaar 1995 die Selbsthilfeorganisation „Swet – Licht“ gegründet, die in ihrer Wirkkraft auf Gesellschaft und Politik nur mit der Lebenshilfe zu vergleichen ist. Längst ist es dem Verein gelungen, das Rathaus von der Notwendigkeit der Behindertenarbeit zu überzeugen, und auch immer mehr Sponsoren aus der ganzen Region Wladimir lassen sich an ihre soziale Verantwortung erinnern. Die Sach- und Geldspenden werden derzeit besonders gebraucht, denn die gesamten, von der Stadtverwaltung im Erdgeschoß eines Wohnhauses bereitgestellten 180 qm Fläche sollen optimal genutzt werden als Beratungs- und Therapiezentrum sowie als Treff für etwa 70 Familien mit Kindern mit geistigen und körperlichen Behinderungen. Man sieht es ihm an, wie glücklich Jurij Katz ist, wenn er dieses nächste Standbein seines Verbands vorstellt. Besonders ist er aber stolz auf die behindertengerechte Toilette, etwas, das es ansonsten in Wladimir bisher nur noch im Einkaufsmarkt Globus gibt.

Jurij Katz

A propos Globus. Das deutsche Handelsunternehmen gehört zu den Hauptsponsoren des Projekts, bei dem die Eltern in allen Dingen die Richtung vorgeben – bis hin zur Wahl der Farben in den einzelnen Zimmern. Und überhaupt ist Handanleben angesagt. Ein Freiwilliger arbeitet schon seit Wochen ehreamtlich mit, obwohl er selbst am Sonntag noch zusätzlich arbeiten muß, um seine Familie ernähren zu können. Wie wichtig die Sache ist, zeigt sich etwa an dem Unstand, daß man bereits jetzt zwei achtköpfige Gruppen für autistische Kinder geschaffen hat. Bei der pädagogischen Arbeit kann „Swet – Licht“ im übrigen wiederum auf die Stadtverwaltung setzen, die für die Personalkosten der zwei Dutzend Lehrkräfte aufkommt. Jeder hilft eben, wie er kann. Auch Freunde aus Erlangen: Ein Apotheker, der ungenannt bleiben will, spendet schon seit Jahren für bedürftige Familien der Organisation monatlich 100 Euro und erhält dafür in regelmäßigen Abständen Rechenschaftsberichte. Und erst unlängst hat Wolfram Howein seine Aktion zu Gunsten von „Swet – Licht“ ins Leben gerufen, zu der mehr zu lesen ist unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/07/20/ein-licht-fur-behinderte-kinder-in-wladimir/. Man muß gesehen haben, was da bewegt und möglich gemacht wird. Und wer es gesehen hat, wird das Projekt auch unterstützen.

Philipp Schütze und Sergej Sacharow

Oberbürgermeister Sergej Sacharow will alles genau wissen, den Dingen auf den Grund gehen, den Menschen zustehen und von ihnen lernen. Auch wenn er eigentlich ganz andere Pläne hatte, wie gestern morgen im Erlangen-Haus, wo es eigentlich nur um Interna dieses behaglichen Dachs der Partnerschaft gehen sollte. Die Gelegenheit, sich mit jungen Gästen seiner Stadt auseinanderzusetzen, läßt er sich denn auch nicht entgehen. Philipp Schütze kennen die Blogleser bereits als einen Pionier des Studentenaustausches und empfehlenswerten Blogger, den man hier finden kann: http://is.gd/whyxGo. Das Stadtoberhaupt interessiert bei dem Gespräch gar nicht groß das Lob an den Studienbedingungen – etwa den kleinen Seminargruppen und dem Komfort im Wohnheim -, vielmehr will Sergej Sacharow vom Gast, der sich bereits recht gewandt auf Russisch auszudrücken versteht, wissen, wo die Defizite liegen, was besser gemacht werden könnte. Vor allem scheint es da eine Informationslücke zu geben. Viel zu wenig, so der Geschichtsstudent, sei an der Friedrich-Alexander-Universität unter den Kommilitonen bekannt, daß es recht gute Studienmöglichkeiten in der Partnerstadt gibt. Damit nicht genug: Wladimir sei zu schwach in den Angeboten des Deutschen Akamdemischen Austauschdienstes vertreten und komme bei anderen Plattformen wie dem Erasmus-Programm faktisch gar nicht vor.

Alexander Rosenbusch, Sergej Sacharow, Ronja Conradt, Philipp Schütze

„Das muß sich ändern – und zwar möglichst bald“, meint dazu Sergej Sacharow und meint es ernst damit, will er doch aus Wladimir eine Wissenschaftsstadt machen, ein Vorhaben, das natürlich nur bei einem lebendigen Austausch über Fach- und Ländergrenzen hinweg möglich ist. Aber es gibt noch mehr zu besprechen, noch mehr Austauschmöglichkeiten, wie sie Ronja Conradt aus Jena nutzt, deren Zeit nach fast einem halben Jahr Arbeit im Rahmen des Freiwilligen Sozialen Jahres in zwei Wochen zu Ende geht. Bis heute weiß sie manchentags am Morgen noch nicht, womit sie sich tagsüber im Euroklub beschäftigen wird. Sicher immer mit sinnvollen Dingen wie Deutschkurse, Präsentationen, Auftritte in Schulen und Wettbewerbe, dafür häufig am Wochenende und manchmal noch immer in der Aufgabenstellung nicht ganz klar definiert. Aber das gehört eben auch zum interkulturellen Lernen. Was das angeht, hat Alexander Rosenbusch keinen Nachholbedarf, hat er doch russische Wurzeln und noch immer eine Großmutter in Rußland, die er dieser Tage mit seinem Freund Philipp Schütze besuchen will. Der übrigens hat vor seiner Entscheidung für Russisch und Wladimir dort erst einmal den russischen Alltag auf seine Verträglichkeit geprüft und für gut befunden. Aber das ist sicher bald einmal Thema im Blog wobistduphilipp, und es soll hier nicht zuviel vorweggenommen werden.

Peter Steger und Sergej Sacharow

Auch wenn es die altbekannten Probleme mit der Feuchtigkeit im Keller gibt, ist doch für Sergej Sacharow der Besuch im Erlangen-Haus ein angenehmes Heimspiel. Besonders, wenn er von 70% Auslastung des Gästetrakts während des Sommers hört und erfährt, daß man bei der Hörerzahl wieder an die Zweihundertergrenze kommt und zwei zusätzliche Gruppen vorsieht. Besonders, wenn die Geschäftsführerin Irina Chasowa berichten kann, daß man noch in diesem Herbst den Beamer im Mehrzweckraum dazu nutzen will, um regelmäßig deutsche Filme zu zeigen, die anschließend auch gleich vor Ort diskutiert werden könnten. Besonders, wenn von zu referieren ist, daß das Goethe-Institut die Zusammenarbeit mit dem Erlangen-Haus weiter auszubauen vorhat. Da kommt die Spende von den Computerfreunden Poxdorf, die nach ihrer Auflösung die Hälfte des Vereinsvermögens für die technische Ausstattung der Klassenräume zur Verfügung stellen, gerade zur rechten Zeit.

Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, Anna Makarowa, Irina Chasowa, Wiktor Malygin

Engagement und Erfolg der Sprachlernzentren werden vom Goethe-Institut belohnt. Technische Aufrüstung durch interaktive Tafeln erhält einen Zuschuß von bis zu 20%, und das Goethe-Institut trägt den Transport sowie künftig anfallende Wartungskosten. Großzügig wirklich und allen Dankes würdig!  Eines Tages wird sich dann vielleicht auch ohne große interne Bürokratie ein Freundeskreis bilden, wie das in Erlangen der Fall war, ein Gremium, das in größtmöglicher Eigenständigkeit Programme entwickelt oder etwa bei der Betreuung und Unterbringung von Gästen mithilft. Ideen und Anregungen sind da höchst willkommen. Denn die Partnerschaft kann jeden brauchen, so wie sie auch für jeden da sein will.

Helmut Schmitt und Sergej Sujew

Wenn es um die Zusammenarbeit mit Erlangen, dieser so „beispielhaften und einzigartigen Partnerschaft“, geht, sieht Sergej Sacharow nicht auf die Uhr. Helmut Schmitt, Erlangens offizieller Gesandter zum Stadtfest, kommt zwar deshalb erst zur Wandlung in die Rosenkranzkirche, aber erstens ist er vom gleichen Schlag, und zum zweiten erhält er beim Gespräch mit Pfarrer Sergej Sujew unerwartete Entschädigung im Angesicht der Wladimirer Gottesmutter. Die nämlich hat eine ganz besondere Bedeutung für den überzeugenden Katholiken. Eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreibt: Zu seinem zwölften Geburtstag schenkte Otto Rauh, Jugendkaplan der Herz-Jesu-Gemeinde in Erlangen, dem Ministranten Helmut Schmitt eine kleine Kopie dieser Ikone. Damals hatte der Beschenkte natürlich noch gar keine Vorstellung von Wladimir und der Ikonenmalerei. Erst 1983 sollte sich diese Wissenslücke schließen, in dem Jahr, als die Partnerschaft ihren so erfolgreichen Lauf nahm. 1985 dann kam der Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes zum ersten Mal nach Wladimir. Die Reise zum Stadtfest ist seine elfte… Und die Abbildung der Muttergottes von Wladimir hängt heute in seinem Arbeitszimmer zu Hause. Symbolhafter geht es fast nicht mehr.

Swetlana Melnikowa, Helmut Schmitt, Alissa Axjonowa

Dieses Wochenende wird noch öfter Anlaß zum erfreulichen Rückblick geben. Wir wollen es deshalb für den aktuellen Eintrag dabei bewenden zu lassen, noch kurz vom Besuch im Landesmuseum Wladimir – Susdal zu berichten, das Fachleute zu den zehn besten europaweit rechnen. Warum, vermag niemand so recht zu sagen, aber abgesehen von drei Ausstellungen, die im Lauf der vergangenen 28 Jahre vom Landesmuseum an der Kljasma den Weg zum Stadtmuseum an der Regnitz gefunden haben, ist es nie so zu einem Fachaustausch gekommen. Ein weißer Fleck auf der Karte der Partnerschaft. Ein Fleck, der nun der Vergangenheit angehört, denn im Oktober kommen die ersten beiden Museumspädagogen aus Wladimir nach Erlangen, und dann wird es sicher munter weitergehen, zumal ja schon das dreißigjährige Jubiläum in greifbare Nähe rückt. Ein beharrlich verfolgtes Ziel von Alissa Axjonowa, der Grande Dame Wladimirs, ist damit von einer Frau erreicht, die nicht nur über fünf Jahrzehnte der Wladimirer Museumslandschaft ihren Prägestempel aufgedrückt hat, sondern die auch einst – heute ist sie Präsidentin des Museums – an der Wiege der Städtepartnerschaft stand, als in den Parteigremien über die Aufnahme von Beziehungen zu Erlangen entschieden wurde. Eine Tradition, an die Swetlana Melnikowa, Nachfolgerin von Alissa Axjonowa auf dem Posten der Direktorin, gerne fortsetzen will. Da ist es fast nur noch Formsache, eine Einladung an beide Museumsdamen für das nächste Jahr auszusprechen, um dann vielleicht schon eine Ausstellung in der renovierten Orangerie vorzudenken. Noch weit hin, aber die Zeit vergeht schnell. Besonders in der Partnerschaft mit ihrer ungebrochenen Eigendynamik, getrieben von Menschen mit inspirierender Phantasie und unermüdlichem Schaffenswillen im Geist des Lyrikers Sergej Jessenin, der in jedem Abschied ein baldiges Wiedersehen erkannte: „Auch wenn die Trennung uns bestimmt, / uns niemand je die Hoffnung nimmt.“

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Seit Anfang Oktober halten sich Anne Neumann und Anna Lippold aus Jena – angeworben und angeleitet von Cornelia Bartlau – im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes in der gemeinsamen Partnerstadt Wladimir auf. Was die beiden auf recht unterhaltsame Weise in ihren Briefen aus der Ferne zu berichten wissen, darf der Blog in der Hoffnung auf mehr nun exklusiv und ohne lange Vorrede veröffentlichen.

Einen wunderschönen Guten Tag! Es meldet sich nun aus aktuellem Anlaß die Reisegruppe Anja (Anne und Anna) aus Wladimir, da wahrscheinlich einige gerne wissen wollen würden, was wir hier so treiben. Prinzipiell leiden wir. Und zwar unter sprachlichen Inkompetenzen. Weiterhin versteckt sich Anne die meiste Zeit hinter einem unsicheren Lächeln und „Ja nje panimaju“, wohingegen Anna immer wieder versucht, standhaft das R zu rollen, und außerdem versucht, verstanden zu werden, was ihr weitaus öfter gelingt als Anne. Diese kleinen Erfolge werden aber des öfteren übersehen.

Anne Neumann und Anna Lippold mit Cornelia Bartlau in Jena

Vor genau einer Woche zogen wir ins Holzhaus der Schwiegereltern unserer Russischlehrerin um. Es befindet sich, wie auch unsere sozialistische Einraumwohnung, am Rande der Stadt. Wir wohnen hier nicht alleine, da es, wie gesagt das Haus der Schwiegereltern ist. Da liegt es nahe, daß diese, zusammen mit zwei Hunden, hier wohnen. Einer der Hunde bellt ein wenig wie bronchitiserkrankt, und der andere muß den lieben langen Tag auf seinem Platz sitzen. Dort sitz er und schaut depressiv die Wand an. Außer jemand betritt das Grundstück. Dann beginnt zuerst bronchiales Bellen auf dem Außengelände, und im Haus erwartet einen hysterisches Gekläffe. Der bronchiale Beller hat sich allerdings mittlerweile an unsere Anwesenheit gewöhnt, und beschwert sich nur selten. Unsere beiden menschlichen Mitbewohner scheinen ein wenig seltsam. Sie reden wenig, und wenn sie reden, dann Russisch. So langsam scheinen sich auch die beiden an unsere ständige Anwesenheit zu gewöhnen. Aber auch hier spielt unsere teilweise sprachliche Inkompetenz mit hinein. Denn, wird auf ein schwerwiegendes Problem gestoßen, welches sich nicht allein mit Mimik, Gestik und hektischem Wedeln von Händen und Füßen lösen läßt, wird unsere Russischlehrerin angerufen, und so haben wir eine telefonische Übersetzungshilfe. Ist nach dem Telefonat alles klar, lächeln beide Parteien des Problemlösungskombinats höchst erleichtert. Wahrscheinlich, weil sich herausstellte, daß das Problem nur so schwerwiegend war, weil niemand etwas verstand.

Heute haben wir dieses verwinkelte Holzhaus mit plastischer Plasteverkleidung ganz für uns allein, denn Tanja und Waljera (unsere „Gastfamilie“) sind heute zu ihrer Datscha gefahren. Wir dagegen haben heute Susdal besucht. Eine äußerst attraktive, kleine, beschauliche, etwas graue, vom Tourismus lebende Stadt. Es war sonnig, etwas kalt, und obwohl alle Englisch sprechen konnten, mußte die ganze Zeit ein einziges Mädchen die langweiligen historischen Fakten übersetzen und uns zu jedem sich dort befindenden Souvenirstand schleppen. Nun sitzen wir in unserer Küche, essen Quarkkuchen mit Hefeteigboden, welcher in der Mikrowelle zum Omelett metamorphiert. Falls einer der hochgeschätzten Leser dieses sonderbaren Reiseberichtes nicht die zwischen den Zeilen versteckte Nachricht findet, hier noch einmal in Reinschrift: Keine Angst, es geht uns gut. Wir haben einen großen Großeinkauf im großen Globus überlebt (dieser hat im übrigen 72! Kassen), gewöhnen uns an die konstant drei Grad Celsius (wahrscheinlich, weil wir uns mental schon darauf vorbereiten, daß dies der kälteste Winter seit 1.000 Jahren wird (Prognose bis jetzt: -50°C)), und auch an die harte Arbeit haben wir uns schon gewöhnt.

Es verbleiben nun mit freundlichstem Gruße und einem Lächeln im Gesicht Anne und Anna ( Reisegruppe ANJA PAKA bis zum nächsten Bericht!

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Дорогие друзья!

Eine Woche voller Abenteuer. Und da meinen wir nicht nur die Tücken der russischen Sprache. Aber kommen wir zur Sache. Unser Wandbild mit geographischen Fehlern ist fertig und wird nun korrigiert. Wir haben tatsächlich Bulgarien vergessen, was nicht weiter schlimm ist, denn der ganze Balkan wird nochmals gemalt. Diese Woche ist ein Feiertag. Jedoch wider Erwarten nicht der Tag der Revolution, sondern der Tag der Russischen Einheit. Das bringt uns aber leider nix, denn wir sind Teil einer Delegation. Wir nehmen an einem Festival der Russischen Kulturen teil. Heute war die Eröffnung dessen. Eine russische Tanzgruppe tanzte. Die Geschichte war für uns nicht verständlich, aber es ging wohl um Thema Mann und Frau. Zumindest gehen wir nach dem, was wir gesehen haben, davon aus. Und nun zu ganz besonders russischen Erlebnissen. Für alle unwissenden unter den geschätzten Lesern eine kleine Information. Die Post ist hier staatlich. Will man einen Brief, eine Postkarte oder nur eine Briefmarke kaufen, braucht man Zeit und Geduld. Beides war bei mir (Anne) heute vorhanden auf Grund guter Laune. So stellten wir uns in die Schlange der Wartenden und warteten. Und warteten. Und warteten. Ungefähr 10 Minuten. Dann wand sich die freundliche Frau am Postschalter mir zu und gab mir zu verstehen, sie hätte bald Pause, und die zwei Leute vor mir seien die letzten, die noch etwas von ihr bekommen. Unverzagt kehrten wir also der Post den Rücken und gingen erst einmal auf Arbeit. Heute war nur ein verkürzter Arbeitstag, da morgen ja Feiertag ist. Also um vier wieder zur Post. Wieder warteten wir und warteten wir und warteten wir. Irgendwann riß der Geduldsfaden, und wir beschlossen zu gehen. Ab zur nächsten Post. Auch hier wieder eine Schlange von Rentnern vor mir. Einmal tief Luft geholt, stellten wir uns an. Die Frau am Schalter war freundlich. Bediente beide Rentnerinnen vor mir. Diese hoben ihre Rente ab. Und dann, ich dachte schon, ich sehe ein Licht am Ende des Tunnels und meine Briefmarken auf meinen Postkarten kleben, da stellte mit Schwung und Elan die Frau von der Post ein Schild auf den Tresen, auf welchem geschrieben stand: „Diese Kasse ist für 15 Minuten nicht besetzt.“ Aha. Meine Postkarten haben jetzt immer noch keine Briefmarken, aber wir geben nicht auf. Morgen werden wir es wieder versuchen!

Aber, aber wir haben noch mehr erlebt. Für alle musikalischen Menschen unter den Lesern folgt eine kleine Geschichte. Sie dürfte aber auch für alle anderen interessant sein. Um eine mechanische Maschine am Laufen zu halten, muß man sie hin und wieder ölen. So auch die Ventile einer Trompete. Da ich mein Ventilöl zu Hause vergaß, begab ich mich heute auf die Suche nach einem Musikladen und, noch schwieriger, auf die Suche nach Ventilöl. Ein Musikladen war schnell gefunden. Auch das Wort für Ventilöl haben wir uns irgendwie zusammenreimen können. Der Verkäufer verstand auch relativ schnell, was wir von ihm wollten, konnte uns aber nicht weiterhelfen. Während wir mit dem Verkäufer gestikulierend sprachen, betrat ein weiterer Kunde den Laden, hörte aufmerksam zu und schaltete sich ins Gespräch ein. Er wiederholte ständig ein Wort, dessen Bedeutung uns aber schleierhaft war. Wir entschieden, das Wort im Wörterbuch nachzuschlagen. Und was stand dort geschrieben? Automaschinenöl. Interessant. Leider habe ich immer noch kein Öl für meine Trompete, aber das Wissen, daß Maschinenöl auch funktioniert. Ich bin sehr erleichtert.

Дoрогие друзья! Damit wir nicht länger gestikulierend und verzweifelt in Postämtern, Musikläden oder auf dem Markt versuchen, krampfhaft russische Vokabeln aneinanderzuhängen, um dann zu hoffen, daß diese auch noch Sinn ergeben, müssen wir uns nun einer Sache widmen, derer wir dachten, uns entledigt zu haben: домашние задания! (Für alle Leser, deren Russisch in einer unbekannten Ecke ihres Kopfes, oder in einer stillgelegten Synapse verschwunden ist: Hausaufgaben.) Auf Grund dessen verabschieden wir uns vorläufig.

Es verbleibt mit freundlichen Grüßen die Reisegruppe Аня 

P.S.: Geschätzte Leser! Wir schicken unsere Nachrichten einsam hinaus in den Äther und wissen nicht, ob sie ihr Ziel überhaupt erreichen. Eine kleine Antwort, ein kleines Lebenszeichen von Ihnen, geschätzte Leserinnen und Leser, würden uns schon ausreichen. Nur um zu wissen, daß unsere Nachrichten nicht einsam im Äther verschwinden…

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Hallo Conny,

wir grüßen Dich herzlichst aus Wladimir, welches momentan beschlossen hat, es ununterbrochen regnen zu lassen. Deine Fragen sollen nicht unbeantwortet bleiben. Wir wohnen jetzt bei Sonjas Schwiegereltern. Als wir nach unserem On-Arrival-Training umgezogen sind, dachten wir, wir bekommen zwei Zimmer, jede eins. Dem ist leider nicht so. Aber wir kommen gut zurecht. Wir haben einen alten Kühlschrank im Zimmer und einen Wasserkocher. Und wir können selbst die Heizung runterdrehen. Ja, auch mit den zwei Hunden geht es ganz gut. Rex, der große der immer draußen ist, hat sich an uns gewöhnt und bellt nicht mehr. Aber Tschjena bellt immer noch, wenn wir ins Haus reinkommen. Mit Tanja und Waljera, Sonjas Schwiegereltern, kommen wir klar. Wir wissen nicht immer genau, was sie von uns halten, und was sie von uns denken. Einen ganz konkreten Wochenplan haben wir nicht. Wir besprechen jede Woche neu, was es für Aufgaben gibt. Aber grob kann man sagen, daß wir immer um eins im Euroklub sein müssen. Dort malen wir seit zwei Wochen die Wand an. Die Fotos laden wir sobald wie möglich hoch, nämlich wenn wir schnelles Internet haben. Lena geht es nicht so gut. Sie war wieder eine Woche im Krankenhaus. Ab Montag ist sie dann im Babyurlaub, und Natascha wird sie vertreten. Ab und an gehen wir in Schulen und sehen uns den Deutschunterricht an. Oder den Englischunterricht. Immer dienstags geben wir Deutschunterricht im Euroklub Wladimir, und mittwochs fahren wir nach Susdal, um dort Deutsch zu unterrichten. Der Deutschunterricht in Susdal ist etwas schwierig, denn es sind keine Jugendlichen, sondern 40- 50jährige Menschen. Samstags haben wir mit Sonja eine Stunde Russischunterricht, was sehr gemütlich ist. Was genau bis Dezember geplant ist, wissen wir nicht. Mitte oder Ende November ist ein Wettbewerb von den Euroklubs. Das Thema ist Belgien. Dort werden wir Schiedsrichter oder so etwas ähnliches sein. Kurz gesagt: Jede Woche hält eine Überraschung für uns bereit. Wir hoffen, Dir geht es gut. Deine Anne und Anna. 

P.S.: Anne hat eine ganz tolle Idee wegen den Reiseberichten, die wir immer per Mail rumschicken.

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Hochgeschätzte Leserinnen und Leser,

kommen wir nun zur Abteilung „Alltag und Arbeit“. Die wichtigste Information gleich zu Beginn: Wir sind, auch ohne abgeschlossenes Hochschulstudium, plötzlich Lehrerinnen. Und zwar, wen wundert’s, für Deutsch. Jeden Tag besuchen wir den Ort, den wir dachten, hinter uns gelassen zu haben, nämlich die Schule. Dort kontrollieren wir Aufsätze, Schreibübungen, Dialoge und verteilen mit größter Freude an jeden Schüler Fünfen ohne Ende. Da dies jetzt wahrscheinlich fies klingt, kurz zur Erklärung: Das Notensystem ist hier anders herum als in Deutschland, so daß man sagen kann, eine Fünf entspricht in etwa einer Eins. Erschreckend für uns als Muttersprachler ist die teilweise sprachliche Inkompetenz der Deutschlehrer, aber auch deren Sturheit sich von uns etwas anders oder neu erklären zu lassen. Kein Wunder, denn wir sind ja doch im Schnitt 20 Jahre jünger. Wenn wir nicht gerade in einer Schule verweilen, führen uns unsere Wege in den Euroklub. Ein, sagen wir, Jugendzentrum des Jugendamtes. Dort unterrichten wir Deutsch oder malen eine Wand an. Unser Motiv ist eine große Europakarte. Mal sehen, wie am Ende die Umsetzung aussieht. Manchmal fragen wir uns, ob denn dieser Euroklub eigentlich einen tieferen Sinn hat. Denn meist wirkt es so, daß auch unsere Chefin zu viel Zeit für viel zu wenige Aufgaben hat. Aber vielleicht kommt uns das auch nur so vor, da wir ja meist nur die Hälfte von ihrem Russisch verstehen.

Bestimmt fragt sich jeder der geschätzten Leser, ob uns hier schon die Nasen abfrieren, oder ob wir bis zum Kinn im Schnee stecken. Leider müssen wir dieses verneinen. Weder Schnee noch eisige Temperaturen haben sich bis jetzt ernsthaft blicken lassen. So warten wir und harren der Dinge, die da kommen werden. Unsere Abende verbringen wir meist in lockerer und entspannter Atmosphäre in häuslichen Gefilden. Die russische Ausgehkultur der Jugendlichen ist uns noch ein wenig fremd. Einen Abend versuchten wir, gemeinsam mit Jugendlichen auf eine Wellenlänge zu gelangen. Die sprachliche Inkompetenz gegenüber Fremdsprachen von Seiten der russischen Jugendlichen, und unsere doch etwas gemeine Geheimhaltung des Verständnisses der russischen Sprache führte jedoch nicht zum gewollten Ergebnis, so daß wir wohl auf weiteres unsere Abende zu Hause verbringen werden. Nun ergeben wir uns der Tristesse des grauen Regenwetters, werden uns mit russischer Tannenwald-Fichtelnadelaroma-Rülpsbrause hemmungslos die Kante geben.

Deswegen verbleiben mit deutsch-sowjetischem Gruß Anne und Anna (Reisegruppe Anja) DRUSCHBA!

Zur Vorgeschichte geht es hier: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/09/21/freiwilliger-dienst-in-wladimir

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