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Von Montag bis Donnerstag besuchte Marcus Redel, Leiter des Betriebs für Stadtgrün, Abfallwirtschaft und Straßenreinigung, die Partnerstadt, um mit seiner Expertise den Fachleuten in der Region Wladimir Anregungen bei der anstehenden Umsetzung der notwendigen Reformen zur Müllvermeidung und beim Recycling Impulse zu geben. Diese Thematik wurde bereits im Juni ausführlich im Rahmen des Diskussionsforums „Prisma“ mit Gästen aus Wladimir besprochen, und am Ende der Tagung stand der Wunsch der russischen Seite, möglichst bald jemanden aus Erlangen mit Fachwissen zu entsenden. Siehe hier https://is.gd/8qpTqT und https://is.gd/w6SQJy

Alexander Rytschkow, Wjatscheslaw Kartuchin, Marcus Redel und Marina Gedina

Der Blog berichtete immer wieder über die Dramatik der Müllfrage in der Partnerstadt, und die Internetplattform Zebra-TV, das gestern – ebenso wie der staatliche Lokalsender ausführlich über den Auftritt von Marcus Redel am Dienstagnachmittag berichtete, stellt anschaulich dar, in welcher Konstellation der Referent aus Erlangen seinen Vortrag zu halten hatte:

Die Russen können sich einfach noch nicht an die Mülltrennung gewöhnen. Eine Vielzahl von Versuchen unternahm man bereits, um bei uns ein System einzuführen, das dem in Deutschland ähnelt. Bis 2024 sollen nun nicht weniger als 60% der festen Müllmengen wiederverwertet werden. Doch die Aussichten sind durchwachsen. In der Region Wladimir fallen beispielsweise p.a. mehr als 650.000 t Abfälle an, und es ist von mehr als 1.800 illegalen Müllkippen zu rechnen, obwohl es über 70 Organisationen gibt, die in der Abfallverwertung tätig sind. Die mechanischen Prozesse zur Mülltrennung sollten mit einer vernüftig gestalteten Gesetzgebung beginnen, meint Wjatscheslaw Kartuchin:

Man kann heute folgendes sagen: Die Region Wladimir hat es versäumt, rechtzeitig ins Programm der Müllreform einzusteigen. Es liegen jetzt derart viele Entwürfe und normative Dokumente vor, daß sich darin selbst Fachleute kaum mehr zurechtfinden. Der Hauptakteur bei der Müllfrage, die Bevölkerung, befindet sich in völliger Unkenntnis von Regeln, Tarifen und Methoden der Abfalltrennung.

Und so berichten die Medien über den Besuch des Fachmanns aus Erlangen:

Marcus Redel und seine Dolmetscherin, Marina Gedina

Die Erfahrung der Kollegen aus Deutschland. Im Rahmen der Gesprächsplattform „Prisma: Erlangen-Wladimir“ und des Kommunalverbandes der Region Wladimir besprach man Fragen der Wiederverwertung von Abfällen.

Stromgewinnung aus Müll, Dünger für den Garten aus einfachen Speiseresten. Vielen mag das als irreal erscheinen. In Deutschland macht man das schon seit 30 Jahren! Bei dem Praxis-Seminar in der Wladimirer Filiale der Präsidialakademie für Verwaltung und Volkswirtschaft diskutierte man Fragen der Sammlung und Wiederverwertung von Müll.

Unsere russische Seite ist derzeit daran interessiert, dieses Problem anzupacken und zu lösen. Auf staatlicher Ebene werden diesbezüglich sehr ernsthafte Anstrengungen unternommen, und es ist sehr wichtig, allen an diesen Beziehungen beteiligten Akteuren zu verdeutlichen, was von ihnen gefordert wird.

Wjatscheslaw Kartuchin, Direktor der Akademie und stellv. Vorsitzender der Wladimirer Regionalduma

In Deutschland ist die Mülltrennung in die Wirtschaft des Landes eingebunden. Je besser die Abfälle gesammelt werden, desto höher ist der Anteil der Wiederverwertung. So macht man aus losen Blättern neue Hefte, während verschmutztes Papier einfach verbrannt wird. Die Trennung hängt von jedem einzelnen Menschen ab und ist gesetzlich geregelt, vor den Häusern stehen verschiedene Tonnen: für organische Abfälle, Papier und Karton, Plastik, Metall und sogar Elektrogeräte. Aber das war nicht immer so.

In Deutschland stand es um die Müllproblematik noch vor 30 bis 40 Jahren nicht besser als heute in der Russischen Föderation. Im Lauf dieser Zeit machten wir freilich sehr gute Erfahrungen. Das Schlüsselmoment ist das Sammeln jener Abfälle, die für das weitere Recycling verarbeitet werden können. Der Müll, der für die Wiederverwertung nicht mehr in Frage kommt, sollte thermisch behandelt und so verbrannt werden, daß er für die Umwelt keine Gefahr mehr darstellt.

Marcus Redel, zuständig bei der Stadt Erlangen für Müllverwertung und Straßenreinigung

Die Erfahrungen des Auslands zu bewerten, ist besonders wichtig. Umso mehr als unsere Region mit Verspätung die Abfallreform einleitet. Um wertvolle Ratschläge bei der Trennung und Weiterverarbeitung fester kommunaler Abfälle zu erhalten, versammelten sich die Oberhäupter von Städten und Kreisen der Region Wladimir.

Das Problem hat viele Aspekte. Wir wünschen uns nicht nur sozusagen einen Erfahrungsaustausch, sondern wir wollen konkret hören, wie man das in Deutschland anpackt, um dann etwas Gemeinsames zu finden, für sich Schlüsse zu ziehen und das eine oder andere dann auf dem eigenen Gebiet anzuwenden.

Jewgenij Rytschkow, Landrat von Murom

Das Problem zu lösen, hilft die Wiederverwertung mit einem maximalen Nutzen, wie die Erfahrung der deutschen Wissenschaftler lehrt. Allerdings genügt es nicht, richtig zu trennen und die Abfälle zu recyceln, sondern man darf auch keine unkontrollierte Zunahme von neuem Müll zulassen. Es geht darum, die „Müllfrage“ auf „intelligente“ Weise anzugehen.

Die Reportage ist zu sehen unter: https://vladtv.ru/society/103523

Im Publikum. Alle Bilder von Zebra-TV.

Für die Umsetzung des Prozesses der Wiederverwertung bezahlt man eine Abgabe, die unmittelbar von der individuell produzierten Abfallmenge abhängt. Außerdem tragen auch die Hersteller ihren Anteil zur Lösung des Problems bei, für sie lohnt sich das Recycling von Rohstoffen. Es gibt aber auch ein Problem, das, wie Marcus Redel sagt, bisher nicht gelöst ist: Man komme mit den Produzenten noch nicht bei der Einführung von Verpackungen überein, die man einfach und ohne großen Aufwand wiederverwerten könnte.

Die Kultur eines vernünftigen Konsums helfen in Deutschland Fachleute zu schaffen. So erklären beispielsweise in Kindergärten und Schulen Berater den Nutzen der Mülltrennung. Bei uns gibt es dergleichen noch nicht. Aber das ist eine Frage der Zeit. Die ausländische Erfahrung schätzten neben den Studenten auch die Leitungskräfte der kommunalen Selbstverwaltung, die das Problem unmittelbar betrifft. Deshalb bat man den Referenten auch, alles bis ins letzte Detail zu erklären. Die so vermittelten Informationen können an die Gegebenheiten der Region Wladimir adaptiert und umgesetzt werden.

Im Original nachzulesen bei Zebra-TV unter: https://is.gd/yrgm36

 

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Gestern erschien im Internetportal Zebra ein Artikel, der hier in voller Länge, ins Deutsche übersetzt, wiedergegeben wird.
In der Wladimirer Filiale der Regierungsakademie für Verwaltung und Wirtschaft ist für 2020 ein weiteres Treffen des internationalen Diskussionsforums „Prisma Erlangen-Wladimir“ geplant. Im 75. Jahr des Sieges im Großen Vaterländischen Krieg wollen die Partnerstädte über die Bedeutung der Arbeit an der Bewahrung gesicherter Kenntnisse über die historischen Ereignisse nachdenken.
Владимир и Эрланген против искажения истории

Sergej Lawrow und Heiko Maas bei der Überreichung der Auszeichnung an Alina Kartuchina und Elisabeth Preuß für „Prisma“ und den „Wladimir-Blog“ am 14. September 2018 in Berlin

Russische und deutsche Fachleute werden Fragen der Bewahrung des historischen Gedächtnisses diskutieren. Die Begegnung unter Beteiligung von Beamten, Historikern, Veteranen und Jugendlichen ist für die zweite Junihälfte 2020 geplant. Der internationale Dialog ist dem 75jährigen Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gewidmet. Durchgeführt wird die Veranstaltung in der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Verwaltung und Wirtschaft beim Präsidenten der Russischen Föderation.

Ich denke, es ist sehr wichtig, über das zu sprechen, was derzeit passiert, über die Achtung vor der Erinnerung von der einen wie von der anderen Seite. Wir besprechen, wie sehr es lohnt, heute die Ereignisse jener Jahre zu betrachten. Soweit ich weiß, ist das in der deutschen Gesellschaft, besonders bei der älteren Generation, eine richtige Herzensangelegenheit, und man empfindet ausgesprochen hohen Respekt gegenüber den Prozessen der Bewahrung des historischen Gedächtnisses. Betonen möchte ich, daß es sich um keine wissenschaftliche, sondern eine zivilgesellschaftliche Diskussion handelt. Wir wollen nichts verkomplizieren. Bei uns hört man beispielsweise häufig in dem Zusammenhang, irgendwo in anderen Ländern versuche man, die geschichtlichen Ereignisse verzerrt darzustellen. Vor diesem Hintergrund interessiert uns die Position der deutschen Seite. Es ist sehr wichtig, gemeinsam der Verzerrung der historischen Ereignisse und Fakten entgegenzuwirken. Die deutschen Partner unterstützen uns in dieser Hinsicht vollkommen. Dafür ist es notwendig, ständig im Dialog zu bleiben.

Direktor der Akademie und stell. Vorsitzende der Wladimirer Regionalduma, Wjatscheslaw Kartuchin.

Der Ort der Veranstaltung wurde nicht zufällig gewählt. Während der letzten drei Jahre bot die Akademie in Wladimir die Plattform für viele internationale Konferenzen, u.a. auch für das Diskussionsforum „Prisma Wladimir-Erlangen“. Am 9. September erörterten Wjatscheslaw Kartuchin, der Koordinator des Forums, und Peter Steger, in Erlangen für die Partnerschaft mit Wladimir zuständig, die Nuancen des bevorstehenden Dialogs zwischen beiden Städten.
Prisma

Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Steger

Das Diskussionsforum „Prisma Wladimir-Erlangen“ wurde im April 2017 gegründet; das Protokoll über die Einrichtung der Dialogplattform unterzeichneten Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und ihr Kollege, Florian Janik, unter Mitwirkung von Wjatscheslaw Kartuchin mit dem Ziel, die aktuellsten Probleme unter Einbeziehung von Politik, verschiedenen Fachleuten sowie Vertretern der Institutionen unserer Zivilgesellschaften. Die Treffen finden in Deutschland wie in Rußland statt.

Die Begegnungen finden vielleicht nicht so häufig statt, dafür aber produktiv. In der Regel verwendet man auf die Beschäftigung mit einem Thema zwei Tage. Am ersten Tag diskutiert man die strittigen Fragen am Runden Tisch, hört Vorträge von Fachleuten an, während am nächsten Tag den Gegenstand der Diskussion in der Praxis erlebt. So war es beispielsweise bei der Begegnung zum Thema „Objektivität der Massenmedien unter den Bedingungen der Globalisierung“, als Wladimirer Journalistinnen die Möglichkeit erhielten, die Arbeit der deutschen Medien von innen kennenzulernen.

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Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Peter Steger, Julia Obertreis und Amil Scharifow, Prisma, November 2018 in Wladimir

Für uns ist Rußland alles andere als ein unterentwickeltes Land, ganz im Gegenteil. Natürlich gibt es auch hier – wie für jeden Staat – Probleme: Im Bereich der Abfallbehandlung ist noch viel zu tun, man hat viele Fehler begangen, die es bei uns in den 70er, 80er und 90er Jahren auch gab. Aber ich zuversichtlich, daß wir in all diesen Fragen aufmerksam und erfolgreich zusammenarbeiten werden. Für uns ist es als echte Partner Wladimirs zu verstehen wichtig, wo die Stadt Schwierigkeiten hat, aber auch, wo es erfolgreich läuft. Da kann man jedes Thema nehmen, sei es Bildung oder Medizin, der Wissenstransfer ist für die Fachleute immer von gegenseitigem Nutzen. Wir unterscheiden uns in vielen Fragen, aber uns eint das Bestreben, einander besser zu verstehen.
Peter Steger
In den vergangenen drei Prisma-Jahren diskutierte man Fragen der Migrationspolitik und Besonderheiten der Struktur einer starken Zivilgesellschaft. Eine der Schlüsselfragen wurde die Umweltverschmutzung. Dabei können nicht nur die Russen etwas von den Deutschen übernehmen, sondern auch die Deutschen können für sich interessante Projekte gewinnen. Anfang Oktober erwartet man in der Akademie eine Wirtschafts- und Fachdelegation aus Nordbayern, die einige Aspekte der Abfallbehandlung vorstellen wird. (Anm. der Blog-Redaktion: Diese Information stimmt so nicht. Es wird in der zweiten Oktoberhälfte zunächst nur ein Fachmann aus Erlangen zu dem Themenkomplex nach Wladimir reisen.)

Das Projekt „Internationales Diskussionsforum Prisma Erlangen-Wladimir“ gehörte zu den Siegern eines Wettbewerbs der herausragenden und innovativen deutsch-russischen Projekte. Die Partnerstädte Wladimir und Erlangen wurden von den Außenministern beider Länder „für den großen Beitrag zur Entwicklung der regionalen und kommunalen Zusammenarbeit“ zwischen beiden Ländern mit einer Urkunde ausgezeichnet. Der Preis wurde Vertreterinnen beider Städte vom russischen Außenminister, Sergej Lawrow, und seinem deutschen Kollegen, Heiko Maas, während der Abschlußveranstaltung des „deutsch-russischen Themenjahres der regionalen und kommunalen Partnerschaften“ überreicht.

Vor dem Projekt „Internationales Diskussionsforum Prisma Erlangen-Wladimir“ liegt nach Überzeugung beider Seiten eine große Zukunft und werde zweifellos noch seine Rolle bei der Entwicklung gutnachbarschaftlicher Beziehungen zwischen Rußland und Deutschland spielen. Die Gründer des Prismas betonen, in einer Welt, wo es den Dialog auf auf unterschiedlichen Ebenen in dieser oder jener Intensität gebe, sei es besonders wichtig, festere und engere Beziehungen zwischen den jeweiligen Regionen und Kommunen zu bewahren.

Das Diskussionsforum gehört zu dem Netz russisch-deutscher Begegnungen, die es auf unterschiedlichen Ebenen gibt. Beispielsweise ist das der Petersburger Dialog, eine jährlich durchgeführte Plattform der Zivilgesellschaften beider Länder. Ich bin sicher, daß jene Jugendlichen oder Fachleute, die an unseren Treffen teilnehmen, auf ihre Weise weitergeben, was sie hörten und ihre Erkenntnisse nicht für sich behalten. Ich bin überzeugt, daß Prisma ein Kern ist, um den herum sich immer mehr neue und sinnvolle Verbindungen und Initiativen entwickeln.

Peter Steger

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Wjatscheslaw Kartuchin und Olga Dejewa

Die ersten Treffen der Diskussionsplattform zeigten, daß sowohl die russische als auch die deutsche Gesellschaft voneinander stereotypische Vorstellungen pflegt. Das rührt, wie Wjatscheslaw Kartuchin meint, von einem allgemeinen Mangel an ständigem Kontakt her.

Wir haben da so eine abstrakte Vorstellung, in Deutschland seien die Medien unabhängig von der Politik. Doch wenn es dann zum Meinungsaustausch kommt, zeigt sich, daß es viele Gemeinsamkeiten, aber auch Probleme gibt. Oft sind das sogar bei beiden die gleichen Probleme, die sich nur graduell unterscheiden. So interessiert sich die deutsche Öffentlichkeit etwa dafür, in welchen Formen sich das Ehrenamt in Rußland entwickelt, wie ökologische Probleme angegangen werden und vieles mehr. Die Perspektiven für Prisma sind sehr gut, da sich ständig neue Themen zur Diskussion stellen.

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Kaum ein Projekt entwickelt sich derart erfolgreich und, um einen Begriff aus der Thematik des gegenwärtigen Treffens zu verwenden, nachhaltig wie das Gesprächsforum Prisma, das sich seit Dienstag den Fragen des Umwelt- und Naturschutzes mit Schwerpunkt Vermeidung, Entsorgung und Wiederverwertung von Müll widmet. Nicht auf Expertenebene, sondern unter dem Blickwinkel des Zusammenspiels von Politik, Behörden und Zivilgesellschaft.

Wjatscheslaw Kartuchin, Gerda-Marie Reitzenstein, Jürgen Schnieber, Schamil Chabibullin, Olga Kanischtschewa und Anatolij Kurganskij

Am Montag eingetroffen, besuchten die Gäste, begleitet vom Prisma-Mitglied Gerda-Marie Reitzenstein, zunächst die Müllumladestation mit all den verschiedenen Fraktionen, die vorab getrennt werden, so daß am Ende in Erlangen gerade einmal noch 30% als Restmüll verbleibt, der per Bahn nach Bamberg und Coburg in die Verbrennungsanlagen geht.

Anatolij Kurganskij, Wjatscheslaw Kartuchin, Olga Kanischtschewa, Gerda-Marie Reitzenstein und Schamil Chabibullin

Inhaltlich vorbereitet hatten die Thematik bereits im April die beiden Journalistinnen Karina Romanowa und Julia Kusnezowa, die nach ihrem Besuch in Erlangen zusammen mit Wjatscheslaw Kartuchin, dem Leiter der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, eine regelrechte Informationskampagne buchstäblich auf allen Kanälen starteten und in der Öffentlichkeit wie in der Politik demonstrierten, wie Abfallfragen in der deutschen Partnerstadt behandelt werden.

Treffen mit Ulrich Klement, zweiter von links

Einige der Stationen kannte Wjatscheslaw Kartuchin deshalb bereits, andere, wie die Biogasanlage in Strullendorf, wo auch Abfälle aus Erlangen in einem etwa siebzigtägigen Prozeß fermentiert werden, waren ihm ebenso neu wie seinem Kollegen, dem Abgeordneten der Regionalduma Wladimir, Schamil Chabibullin, oder Olga Kanischtschewa, der Chefökologin der Region Wladimir, und Anatolij Kurganskij, Kreisrat von Kameschkowo, unweit von der Partnerstadt gelegen. Und noch niemand von der Vierergruppe war bisher schon einmal am Dechsendorfer Weiher, wo es dann sogar noch ein zufälliges Treffen mit Ulrich Klement, Leiter des Sportamts, gab, der auch für Unterhalt und Pflege der beiden Schwimmbäder dort verantwortlich zeichnet.

Anatolij Kurganskij, Elisabeth Preuß, Georg Hollfelder, Schamil Chabibullin, Manfred Eichhorn, Gerda-Marie Reitzenstein, Wjatscheslaw Kartuchin, Julia Obertreis und Olga Kanischtschewa

Auf dem Weg in Richtung Bamberg vervollständigte sich schließlich die Gruppe: Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Julia Obertreis, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt Osteuropa an der FAU, stießen dazu und ließen sich ebenfalls über Vergärung und später, in Bamberg, Verbrennung von Abfällen informieren.

Im Müllheizkraftwerk Bamberg: Schamil Chabibullin, Anatolij Kurganskij, Gerda-Marie Reitzenstein, Wjatscheslaw Kartuchin, Elisabeth Preuß, Arnd Externbrink, Olga Kanischtschewa und Julia Obertreis

Nach all dem praktischen Anschauungsobjekten folgte dann gestern unter dem Vorsitz von Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens der theoretische Teil des Treffens im Erlanger Rathaus mit Fachleuten aus dem Umwelt- und Abfallbereich.

Prisma im Plenum

Julia Obertreis stellte die Geschichte der Ökobewegung in BRD wie DDR ab den 70er Jahren vor und erklärte, wie es zur Gründung der Grünen kam, während Susanne Lender-Cassens erläuterte, welche Rolle in Erlangen die Umweltfragen spielen und was vor allem unternommen wird, um Müll zu vermeiden und wiederzuverwerten.

Julia Obertreis, Susanne Lender-Cassens, Wjatscheslaw Kartuchin, Olga Kanischtschewa, Anatolij Kurganskij und Schamil Chabibullin

Anna Barth vom Jugendparlament berichtete von den Umweltinitiativen der Jugendlichen und natürlich von Fridays for Future, dies Klimabewegung von Schülern, die in Rußland noch völlig unbekannt ist und wohl auch nicht die Ausmaße annehmen dürfte wie etwa in Deutschland, denn, so Olgan Kanischtschewa, man habe nicht nur Schulpflicht, sondern lege in den Klassen auch viel Wert auf Umweltbildung. Außerdem bestehe für alle die Möglichkeit, sich in zivilgesellschaftlichen Kammern und Beiräten zu engagieren und so auch Umweltthemen voranzubringen. In Wladimir schon lange ein wichtiges Thema, auch daran abzulesen, daß man 12% der Fläche des Gouvernements unter Natur- und Landschaftsschutz gestellt habe, während diese Kennziffer in den Nachbarregionen bei gerade einmal 8% liege.

Im Bereich Umwelterziehung – das stellte sich dann auch beim Vortrag von Regina Meinardus heraus – gibt es sicher die größten Übereinstimmungen, und da stieß denn der Vorschlag von Wjatscheslaw Kartuchin auf großes Interesse, einen gemeinsamen Umweltpreis für Jugendliche auszuloben oder zumindest ein Projekt der Partnerstädte im Bereich der Öko-Pädagogik zu starten.

Gruppenbild mit Bezirksrätin Maria Scherrers, vierte von rechts und mit Oxana Kirej, die mit ihrem Nachwuchsteam vom Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde wieder famos für die Verständigung sorgte

Heute stehen noch einige Termine auf dem Programm, vor allem die Besichtigung des Klärwerks, aber fest steht schon jetzt: Wladimir will eine Fachgruppe zu dem Thema Müll einladen, um mit dem Expertenteam ein für die Region geeignetes Konzept zu erarbeiten, und die nächste Prisma-Begegnung, möglichst noch in diesem Jahr, soll die zivilgesellschaftlichen Komponenten dieser Frage weiter vertiefen: Wie können Vereine und Verbände, Ehrenamtliche und Organisationen ihren Beitrag zur Müll-Problematik leisten?

Schamil Chabibullin, Wjatscheslaw Kartuchin, Susanne Lender-Cassens, Anatolij Kurganskij, Olga Kanischtschewa und Wolfgang Niclas

„Wir haben wieder viel voneinander gelernt“, resümierte Susanne Lender-Cassens gestern abend bereits, „und wir haben von viel gemeinsam vor. Ich freue mich darauf!“

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Wer bisher die Berichte im Blog über den Besuch der beiden Journalistinnen, Karina Romanowa und Julia Kusnezowa, begleitet vom Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, Wjatscheslaw Kartuchin, verfolgte, könnte meinen, den Gästen ginge es vorrangig um den Austausch mit ihren hiesigen Kollegen von Presse, Rundfunk und Fernsehen. In der Tat stand dieses Ziel auch im Vordergrund, als vor einigen Wochen die Planung begann. Doch dann kam aus Wladimir der Wunsch, doch auch das Thema Müll mit all seinen Facetten ins Arbeitsprogramm zu nehmen. Man wolle erfahren, wie man mit diesem Problem in Erlangen umgehe, da man selbst mit der Abfallflut, die mittlerweile auch aus der Region Moskau hereinschwappe, nicht mehr zurandekomme und nach Auswegen aus der Krise suche.

Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Susanne Lender-Cassens, Wjatscheslaw Kartuchin und Peter Schmidt

„Gefahr erkannt, Gefahr gebannt“, sagt sich natürlich leichter, als es sich umsetzen läßt. Aber einen Anfang macht man damit immerhin, über den sich Umweltbürgermeisterin Susanne Lender-Cassens bei der Begrüßung des Trios am Montagmorgen natürlich freut. Angesichts der Dringlichkeit der Problematik in der Region Wladimir wird man sich freilich nicht wie in Deutschland weitere vierzig Jahre Anlaufzeit leisten können, die, auf vier Tage aufgeteilt, den Gästen in einem Schnellkurs vorgestellt werden: von den Müllhalden der 70er Jahre bis hin zur Wertstofftrennung, Kompostierung und Verbrennung nach aktuellem Standard.

Wertstoffhof Erlangen

Und so durchlaufen die Besucher denn auch nicht nur in der Theorie, sondern vor allem auch in der Praxis mit Peter Schmidt, zuständig für die Abfallberatung im Umweltamt, die Etappen der Trennung des Mülls in wiederverwertbare Fraktionen – bis hin zu den Resten, die nur noch verbrannt werden können.

Thomas Scharold, Gabriele Totzauer, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Wjatscheslaw Kartuchin

Gabriele Totzauer, Leiterin der Abfallwirtschaft, zeigt die von ihr über vier Jahrzehnte aufgebaute Kompostieranlage und erklärt, wie man mit diesen Verfahren allein schon das Volumen des Hausmülls um ein Drittel reduzieren und mit Erlanger Kompost sogar Geld verdienen kann.

Julia Kusnezowa, Regina Meinardus und Karina Romanowa

Dazu gehört natürlich auch die Umweltbildung, die Zusammenarbeit mit Schulen und Ausbildungsstätten, wo Regina Meinardus Vorträge hält und in die komplexe Materie einführt.

Lena Jakob und Karina Romanowa

Dazu gehören auch Menschen wie Lena Jakob, die nicht nur beruflich für Klimaschutz und nachhaltiges Wirtschaften tätig sind, sondern auch privat ihren Beitrag leisten wollen, etwa durch Plastikfasten, den so weit als möglich gehenden Verzicht auf all die überflüssige Verpackung und die Vermeidung von Produkten, die Mikroplastik enthalten, das bisher von keiner Kläranlage der Welt aus dem Wasser gefiltert wird, aber auch in den Boden gelangt – mit noch ungeahnten Folgen für das gesamte Ökosystem.

Karina Romanowa und Julia Kusnezowa mit den Kids for Future

Und – ganz aktuell – eine Begegnung mit jungen Leuten, die nicht mehr warten wollen, bis die Politik in Sachen Klima und Umweltschutz in die Gänge kommt. Die Kids for Future – wenn auch von manchen angefeindet oder verspottet – schafften es ja, heute vor einer Woche rund um den Globus so viele Menschen auf die Straßen zu bringen, daß weder Gesellschaft noch Politik länger weitermachen können wie bisher. Wenn es für uns Erwachsene schon fünf vor zwölf sei, was wird dann die Uhr zeigen, wenn die jungen Leute einmal Eltern werden wollen?

Karina Romanowa, Arnd Externbrink und Julia Kusnezowa

Arnd Externbrink, technischer Betriebsleiter des Müllheizkraftwerks Bamberg, geht die Dinge mit seinem trockenen Humor nüchterner an. Zur Begrüßung sagt er gleich: „Euer Müll aus Erlangen wird gerade verfeuert.“ Die Anlage, längst am Limit angelangt, verbrennt allein vom Abfallzweckverband Erlangen-Höchstadt, der je zur Hälfte Bamberg und Coburg als Partner für die thermische Behandlung seines Restmülls beschickt, etwa 20.000 t, was 15% des Gesamtaufkommens entspricht. Gar nicht vorzustellen, wenn es den über vierzig Jahre immer weiter ausgebauten und modernisierten Komplex nicht gäbe. „Der ganze Dreck von Bamberg, Forchheim, Wunsiedel, Erlangen und Höchstadt würde auf der Kippe oder irgendwo in der Landschaft landen“, meint der Gastgeber.

Julia Kusnezowa

„So etwas brauchen wir unbedingt auch“, meinen die Gäste übereinstimmend. „Es ist an der Zeit, so kann es nicht weitergehen.“ Und sie glauben, mit ihren geplanten Sendungen zum Thema die Bevölkerung und Politik dafür gewinnen zu können, wenn sie vermitteln, wie umweltschonend diese Verfahren sind, wie wenig Schadstoffe dabei noch in die Luft gelangen, wie man sogar Geld verdienen kann mit der Gewinnung von Wärme und Strom aus der Verbrennung von Abfällen.

Karina Romanowa, Nicola-Simone Franz-Haas und Julia Kusnezowa

Schließlich treibt die Journalistinnen aber ein weiteres Thema um, das derzeit in Wladimir für heiße Debatten sorgt: die gehäuften Angriffe von Meuten verwilderter Hunde auf Menschen. Ein Phänomen, das Nicola-Simone Franz-Haas, Amtstierärztin in der Abteilung Veterinärwesen und Lebensmittelüberwachung, so aus ihrer Praxis nicht kennt. Aber gerade deshalb ist ein Erfahrungsaustausch auch zu diesem Thema von großer Bedeutung. Soll und darf man die Tiere abschießen? Wenn man sie fängt, wie lange kann man sie im Tierheim halten? Darf man sie – wie bisher in Wladimir praktiziert – nach der Kastration wieder freilassen? Wäre es sinnvoll, alle Hunde registrieren zu lassen und gar eine Steuer einzuführen? Eine erste Antwort gibt die Politik in Wladimir bereits: Abschüsse soll es nicht geben, und für die Unterbringung im Tierheim wird man 250 Mio. Rubel einsetzen.

Karina Romanowa, Wjatscheslaw Kartuchin und Julia Kusnezowa

Wenn die Gäste heute wieder die Heimreise antreten, geht damit zwar ein ungemein intensiver Aufenthalt zu Ende, aber der Abschied verspricht noch viele Begegnungen, noch viel Austausch zu den Themen Journalismus und Umwelt. Ein guter, ein sehr guter Anfang ist gemacht.

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„Hier riecht es nach Zeitung“, rief Ella Rogoschanskaja erfreut, als es in den Keller der Nürnberger Nachrichten ging, wo – ein ingenieurtechnisches Meisterwerk – auf engstem Raum die Druckerei liegt, von wo aus die Postkästen und Kioske der ganzen Region beliefert werden. Die seit Jahren in Nürnberg lebende Journalistin aus Wladimir hatte die Gäste am Vormittag durch ihre neue Heimat geführt und sah nun auch zum ersten Mal das Verlagshaus mit allen Bereichen, von den Redaktionsstuben bis zur Auslieferung der Blätter Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung.

Wjatscheslaw Kartuchin, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Klaus Schrage und Ella Rogoschanskaja

„Eine derart moderne und große Druckerei, noch dazu unter einem Dach mit der Redaktion, haben wir in Wladimir nicht“, bekennt Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, dem Betriebsratsvorsitzenden Klaus Schrage, der sich gestern viel Zeit für die Führung genommen hatte. „Diese Bereiche sind in der Regel getrennt. Dafür haben wir in so gut wie jeder Kreisstadt unserer Region eine eigenständige Lokalzeitung.“ Noch, möchte man hinzufügen, denn auch die russische Medienlandschaft befindet sich im Umbruch, orientiert sich zu Lasten der gedruckten Zeitung immer stärker auf das Internet. Noch aber zeigt sich in der Partnerstadt und im ganzen Gouvernement mit der Größe von ganz Franken und der halben Oberpfalz zusammengenommen ein buntes Bild mit allein in Wladimir vier TV-Stationen, nicht weniger Radiosendern, drei Zeitungen und vielen Internetportalen, unter denen Zebra-TV, immer wieder auch die Referenz für den Blog, herausragt. „Wenn bei uns eine Pressekonferenz angesetzt ist“, beschreibt Julia Kusnezowa vom privaten Fernsehkanal TV6, der zu Ren TV gehört, „dann ist die Hütte voll, während es, wie wir erfahren haben, im Erlanger Rathaus schon einmal vorkommen kann, daß ein Termin platzt, weil kein Journalist kommt. Undenkbar bei uns.“

Julia Kusnezowa und Karina Romanowa

Beide Journalistinnen arbeiten ja beim Fernsehen (s. vorherige Einträge im Blog) und machten ihre ersten Medienerfahrungen mit dem Radio. Beide moderieren, beide haben sich die Liebe zum gesprochenen Wort bewahrt und genießen staunend die technischen Möglichkeiten beim Bayerischen Rundfunk, Studio Franken, kundig-pfundig rundgeführt von Daniel Peter und begrüßt von Thomas Rex, dem Gesicht der allsonntäglichen Frankenschau, der mit seinen drei Reportagen über die Städtepartnerschaft besonders eng mit Wladimir verbunden ist und auch bereits einmal einer russischen Kollegin Gelegenheit zu einem Praktikum gab: https://is.gd/nbCQw3

Thomas Rex, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Daniel Peter und Wjatscheslaw Kartuchin

„Wenn wir das alles so sehen, würden wir uns auch Rundfunkgebühren wünschen“, meinen die Gäste, „aber das ließe sich gesellschaftspolitisch nicht durchsetzen. Bei allen Vorteilen, die wir hier sehen, etwa die starke Präsenz in den Regionen und die ausgewogene Berichterstattung.“ Vor allem auf letzteres kommt es Julia Kusnezowa und Karina Romanowa an, und so lautet denn auch die Antwort auf eine Frage am Abend im Kollegenkreis, was das schönste Zuschauerlob für sie beide sei: „Die Anerkennung, den Fakten entsprechend und ehrlich berichtet zu haben.“ Dies, Tatsachen und Gewissenhaftigkeit, sei denn auch ihr höchster Anspruch an sich selbst, und: „Die Leute wissen das zu schätzen. Damit und mit Kompetenz verschafft man sich dann auch Ansehen in einem allgemeinen Klima des Mißtrauens gegenüber den Medien.“ Etwas, das die deutschen Kollegen sicher ebenfalls unterschreiben würden.

Ella Schindler, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Klaus Schrage

Im Unterschied zur Podiumsdiskussion im Erlanger Club International am Montag geriet das gestrige Gespräch in der Nürnberger Nordkurve, gemeinsam unterhaltsam moderiert von der eloquent zweisprachigen Ella Schindler und dem noch besser als sonst schon gestimmten Klaus Schrage eher zu einer kammermusikalischen Veranstaltung mit – freilich zu wenig – Zeit für Zwischentöne, für Fragen nach dem journalistischen Arbeitsalltag in Wladimir, für das kollegiale Kennenlernen – und für noch mehr Lust, einander besser zu verstehen.

Wjatscheslaw Kartuchin, Wolfgang Mayer, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa, Ella Schindler und Klaus Schrage

Ein Wort des Dankes fehlt noch. Wolfgang Mayer hatte nach seiner Teilnahme an der Prisma-Reise nach Wladimir im November vergangenen Jahres, die Idee, eine Journalistendelegation aus der Partnerstadt zur Fortsetzung des Dialogs einzuladen. Er hielt sich nun bescheiden im Hintergrund. Aber ohne ihn wären all die Begegnungen nicht zustande gekommen. Wie schade und bedauerlich das wäre, zeigen diese Begegnungstage. Deshalb nochmals danke und спасибо!

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Zum ersten Mal in Deutschland, zum ersten Mal in Erlangen, zum ersten Mal in der Redaktion der Lokalzeitung in der Partnerstadt. Auf diesen Termin hatten sich die Journalistinnen Karina Romanowa und Julia Kusnezowa nach der Podiumsdiskussion am Montagabend besonders gefreut. Weniger die eigene Arbeit erklären, als vielmehr sich mit Kollegen austauschen und erfahren, was eint und was trennt.

Karina Romanowa, Markus Hörath und Julia Kusnezowa

Schnell wird im Gespräch mit Markus Hörath, Redaktionsleiter der Erlanger Nachrichten, klar, da ist mehr was eint als trennt: der Schwund bei der Printausgabe, die zurückgehenden Werbeeinnahmen, der Kostendruck mit Auswirkungen auf die Personaldecke, die Orientierung auf das Internet. Aber auch ein fairer Umgang mit Politikern ohne Schongang, ein Vertrauensbasis mit der Leserschaft, eine emotionale Bindung an Stadt und Region.

Wjatscheslaw Kartuchin, Elisabeth Preuß, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Amil Scharifow

Und: Man weiß viel zu wenig voneinander, sollte mehr die Möglichkeiten der Partnerschaften nutzen, um sich auch unter Journalisten besser kennenzulernen und vielleicht sogar das eine oder andere Material zwischen den Redaktionen auszutauschen. Denn, auch darin ist man sich einig, die völkerverbindenden Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir will man auch in Zukunft journalistisch begleiten, gerade auch vor dem Hintergrund der schwierigen geopolitischen Lage.

Julia Kusnezowa, Florian Janik, Karina Romanowa und Wjatscheslaw Kartuchin

Ganz im Sinne von Oberbürgermeister Florian Janik, der dritten Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und von Landrat Alexander Tritthart, die alle mit ihren je eigenen Worten den Wert der Kontakte betonen. Ganz nebenbei können die Gäste beim Besuch des Landratsamtes eine Besonderheit feststellen: Nirgendwo sonst in einem bayerischen Landkreis gibt es zwei deutsch-russische Städtepartnerschaften wie hier, das Paar Höchstadt an der Aisch mit Krasnogorsk und eben die Verbindung Erlangen-Wladimir.

Julia Kusnezowa, Alexander Tritthart und Karina Romanowa

Und noch etwas verbindet, von dem Christofer Zwanzig, Pressesprecher der Stadt Erlangen, berichtet. Es werde, so die übereinstimmende Auffassung, hier wie dort, immer schwieriger, komplexe Zusammenhänge und Entscheidungswege – etwa im Fall der Stadt-Umland-Bahn – angemessen zu vermitteln. Durch eine Vermischung von Fakten und Meinungen, besonders in den Sozialen Medien, komme es häufig rasch zu Verdrehungen der Sachverhalte, zu absichtlichen Entstellungen und oft auch zu offener Ablehnung, ohne sich mit dem Wesen der Sache beschäftigt zu haben. Leider wirke dann derlei Meinungsmache oft regelrecht ansteckend und untergrabe das Vertrauen in den Journalismus ebenso wie in Behörden und Institutionen.

Christofer Zwanzig, Julia Kusnezowa und Karina Romanowa

Wichtig ist den beiden aber: „Wir haben uns hier gleich wie zu Hause gefühlt, nicht wie Fremde.“ Und noch etwas freut sie: „In Erlangen scheinen die Politiker für Journalisten so zugänglich und offen zu sein.“ Spürbar schon am freien, unkontrollierten und unangemeldet möglichen Zugang zu Behördengebäuden ohne Wachpersonal. Vielleicht auch daher der Eindruck von Julia Kusnezowa und Karina Romanowa nach gerade einmal drei Tagen in Erlangen: „Es ist, als gingen hier für uns alle Türen von selbst auf.“

 

 

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Um es vorwegzunehmen: Im Titel fehlt das Fragezeigen nicht von ungefähr. Die beiden Journalistinnen, Julia Kusnezowa und Karina Romanowa, sehen sich in ihrer Arbeit in keiner Weise eingeschränkt oder bevormundet und widersprechen damit gestern bei der abendlichen Podiumsveranstaltung im Club International all den Vorurteilen und Stereotypen, die man hierzulande so von der russischen Presse haben mag. „Kommen Sie zu uns nach Wladimir, und überzeugen Sie sich selbst davon, wie es bei uns zugeht“, lädt denn auch am Ende der zweistündigen Diskussion Julia Kusnzeowa das Publikum ein.

Georg Escher, Julia Kusnezowa, Peter Steger und Karina Romanowa

Aber beginnen wir beim Anfang, an dem das Forum „Prisma“ mit dem Thema „Medienfreiheit“ im November vergangenen Jahres stand, begleitet von Wolfgang Mayer, bei den Nürnberger Nachrichten vor seinem Ruhestand zuständig für den Bereich Wirtschaft. Auf seine Initiative hin sollte eine dreiköpfige Journalistengruppe (Nikolaj Liwschiz erkrankte leider am Tag vor der Abreise an Grippe und konnte die Einladung nicht annehmen) nach Erlangen kommen, um einen Fachaustausch aufzunehmen – und natürlich über die eigenen Arbeitsbedingungen und Auffassungen zum Beruf zu berichten. Und das gelang – der Reaktion des Publikums gemäß – vortrefflich.

Peter Gertenbach

Nach der kurzen Begrüßung durch Peter Gertenbach, an der Volkshochschule zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit, übernahm Georg Escher von den Nürnberger Nachrichten und dort für die internationale Berichterstattung verantwortlich, die Moderation, wobei ihm seine Vertrautheit mit der russischen Politik und Medienlandschaft natürlich zum Vorteil gereichte, ohne seine Kenntnisse zu sehr in den Vordergrund zu spielen; vielmehr überließ der von manchen als „Putin-Versteher“ diskreditierte Gesprächsleiter viel Raum für Fragen aus dem vollbesetzten Saal, in dem ein dritter Gast aus der Partnerstadt saß, Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung und Koordinator des Diskussionsforums „Prisma“ auf Wladimirer Seite.

Wjatscheslaw Kartuchin

„Wir sollten mehr nach dem suchen, was uns verbindet, als nach dem, was uns trennt“, lautete der Konsens im Vorgespräch. Doch im Laufe des Abends schälten sich dann doch gerade auch die Unterschiede zwischen dem Selbstverständnis von Presse hier wie dort heraus. Vereinfacht gesagt und an vielen Beispielen von beiden Journalistinnen belegt: Die russischen Medien, zumindest auf lokaler Ebene, begreifen sich als Vermittler von Nachrichten, die von möglichst vielen Seiten – seien es Fachleute, Politiker oder Menschen von der Straße bei Umfragen – ausgeleuchtet, aber nicht vom Reporter kommentiert und aus eigener Sicht beurteilt werden sollten. „Wenn ein Kommentar zur Nachricht benötigt wird“, so Julia Kusnezowa vom privaten Sender TV6, wo sie nicht nur moderiert, sondern auch als Chefredakteurin die Verantwortung für den Inhalt trägt, „haben wir schlecht berichtet.“ Eine Auffassung die Karina Romanowa von der Anstalt Gubernia33, ebenfalls Moderatorin, aber auch zuständig für die Pflege der immer wichtiger werdenden Homepage, nicht weniger apodiktisch bestätigt: „Das Publikum soll sich seine eigene Meinung bilden. Die Nachricht sollte für sich sprechen.“ Ein ganz anderer Ansatz als bei uns, wie Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in einer Wortmeldung meint, denn ein Kommentar – etwa zum Auszug der AfD aus dem Bayerischen Landtag während der Rede von Charlotte Knobloch zum Holocaust-Gedenktag – könne möglicherweise zum Nachdenken anregen und das Bewußtsein für eine Problematik schärfen. „Nicht unsere Aufgabe“, betonen die beiden Russinnen, „denn Stellungnahmen anderer Politiker und weiterer Zeugen des Vorfalls, die wir in den Bericht einbauen würden, hätten genug Substanz, damit sich der Zuschauer eine eigene Meinung bilden kann.“ Vielleicht haben dabei die Gäste ja den vielzitierten „mündigen Medienkonsumenten“ im Sinn. Vielleicht trauen sie ihrem Publikum mehr zu, als die Medien das hierzulande tun. Und schließlich noch die Sentenz, die – nicht unerwartet – beim Kommentator Georg Escher Protest hervorruft: „Die eigene Meinung von Journalisten hat in den Nachrichten nichts zu suchen; dafür gibt es die Talkshows!“

Georg Escher

Und was ist mit der journalistischen Freiheit? Kein Problem für Karina Romanowa, auch wenn ihr Sender vom Gouvernement getragen und finanziert wird: „Die Politik mischt sich nicht in unsere redaktionelle Arbeit ein, solange wir gesetzeskonform handeln. Aufpassen müssen wir eher, im Wahlkampf wirklich alle Parteien paritätisch zu Wort kommen zu lassen, wenn wir nicht eine Anzeige von politischen Gegnern oder eine Rüge seitens der Medienaufsicht riskieren wollen.“ Und auch Julia Kusnezowa bestätigt: „Der Geschäftsmann mit Sitz in Moskau, dem die Holding gehört, von der wir in Wladimir ein kleinerer Teil sind, gibt uns umfassende reaktionelle Freiheit. Und überhaupt ist es so, je weiter von Moskau weg, desto weniger Begrenzungen.“ Möglicherweise hängt das auch mit einer weiteren Besonderheit zusammen: Die lokalen Medien verstehen sich als Vertreter ihres Publikums, nehmen deren Sorgen und Nöte auf, wissen, wo der Schuh drückt und transportieren die Probleme vor Ort gegebenfalls bis in die Pressekonferenz mit Präsident Wladimir Putin. Wie etwa im Fall einer Werkstatt für Blinde im Besitz eines Privatmanns, der Insolvenz anmeldete und damit die Belegschaft hätte auf die Straße setzen müssen. Auf Intervention der Presse setzte sich der Kreml dann aber erfolgreich für den Erhalt der Werkstatt in Wladimir ein. „Das macht uns froh und schenkt uns ein Erfolgserlebnis, denn so kommen wir unserem sozialen Auftrag nach, wenn wir die Behörden und Politiker vor Ort dazu bewegen können, das zu tun, was sie bisher zu tun versäumten“, schließt Karina Romanowa den Themenblock.

Julia Kusnezowa und Peter Steger

Gefahr für Leib und Leben? Eher nicht in Wladimir, aber ganz ungefährlich muß es deshalb auch nicht immer zugehen. Karina Romanowa erinnert einen Fall  bandenmäßigen Betrugs mit der Vermietung von Wohnungen an Illegale. Da kam es tatsächlich zu Morddrohungen gegenüber der investigativ arbeitenden Kollegin, die aber am Thema – freilich mit weiterer Unterstützung aus dem Team und unter Einschaltung der Polizei – dranblieb und ihre Recherche erfolgreich zu Ende führte. Die Bande wurde übrigens zerschlagen. Und zu Beginn ihrer TV-Karriere erlebte Julia Kusnezowa, die auch Vorträge zum Thema Journalistik anbietet und ihren Beruf mehr für eine Lebensform und weniger für eine Arbeit hält, etwas nicht minder Beängstigendes, als ihr ein junger Mann nachstellte und drohte, sie entführen zu wollen. Er litt wohl an einer gewissen Störung und ging auch schon bald der Polizei ins Netz.

Karina Romanowa

Eines ist klar: Der West-Ost-Dialog in Sachen Medien steht noch ganz am Anfang. Man weiß viel zu wenig voneinander. Aber immerhin werden die beiden Journalistinnen zu Hause von dieser so offenen und freundlichen Begegnung berichten und wohl auch eine Reportage zeigen, von der hier noch die Rede sein wird: Darüber, wie in Erlangen das Thema Müll und Recycling angepackt wird. Denn kaum eine Problematik ist derzeit dringlicher in Wladimir als die von wilden Deponien und unerwünschtem Abfall – vor allem aus der Region Moskau. Genug Stoff noch für die Zusammenarbeit der Partnerstädte.

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