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Posts Tagged ‘Wjasniki’


Unter den 620 namentlich bekannten Fließgewässern der Region Wladimir findet sich auch ein Bach im Landkreis Wjasniki mit der ungewöhnlichen Bezeichnung „Edon“, die weder nach slawischen noch nach den hier häufigen finno-ugrischen Wurzeln klingt. Die Zeitung „Prisyw“ machte sich nun daran, die etymologische Quelle des Zuflusses des Tetruch zu suchen und kam zu folgendem Ergebnis:

Ortsschild Edon

Es gibt einen männlichen Vornamen Edon mit albanischen Wurzeln, und in Ohio sowie 400 km südwestlich von Paris gibt es Ortschaften, die so heißen. Doch lassen sich hierzu ebensowenig Bezüge herstellen wie zur gleichnamigen chinesischen Firma.

Bach Edon

Ein Blick ins Archiv führt da weiter. Bis Ende des 18. Jahrhunderts trug der Bach nämlich den Namen Edom. Und diesen Begriff – er bedeutet „rot“ – kennt man natürlich aus dem Alten Testament von Esau, der die rote Speise seines Bruders Jakob zu essen wünschte und vor allem vom Königreich der Edomiter. Siehe hierzu: https://is.gd/8A1C4r

Altes Haus in Edon

Der Geographie – gleich ob Dorf, Stadt, Gewässer oder Erhebung – biblische Namen zu geben und damit Nähe zum Heiligen Land zu schaffen, war, wie überall auf der Welt, nach der Christianisierung durchaus üblich. Am bekanntesten ist Neu-Jerusalem an der Istra bei Moskau, in Sergijew Possad gibt es die Einsiedeleien Bethanien und Gethsemane. Im Landkreis Kameschkowo der Region Wladimir liegt sogar ein Dorf namens Edem am gleichnamigen Fluß, die russische Variante des paradiesischen Gartens Eden.

Biberburg am Edon

Wie auch immer: Der Bach Edon (früher Edom), der unweit des gleichnamigen Dorfes in den schwer zugänglichen Wäldern um Wjasniki entspringt, ist ein wahres Paradies für Biber, die hier mit ihren Burgen ihr ganz eigenes Reich schaffen. Der Ort selbst führt seine Geschichte bis ins frühe 17. Jahrhundert zurück.

Die Werkstore von Edon

Groß war er wohl nie: Noch 1905 zählt man hier ganze elf Gehöfte, doch in dem Jahr baut hier ein Unternehmer eine Textilfabrik, die von den Sowjets später verstaatlicht wird und Edon zu einem Arbeiterparadies macht, welches das ganze Umland in Lohn und Brot bringt, bis dann nach dem Zerfall der UdSSR der Niedergang einsetzt und 2004 sich die Werkstore endgültig schließen.

Was der Autor des Artikels im Prisyw nicht wissen kann: In der Passionszeit war in Halle an der Saale „Wer ist der, so von Edom kömmt?“ zu hören, und um von Erlangen aus in die Händel-Stadt zu kommen, darf man durch das Paradies der Partnerstadt Jena ziehen. So klein ist die Welt der Christenheit. Wo auch immer Sie diesen Beitrag lesen: einen gesegneten Sonntag!

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Er ließ es sich nicht anmerken, aber ein wenig nervös war Kirill Wedernikow gestern schon, so kurz vor der Ausstellungseröffnung in der Volkshochschule mit Oberbürgermeister Florian Janik und all den vielen Gästen aus Politik, Verwaltung und vor allem natürlich Kunst und Kultur. Doch schon im Gespräch mit Erlangens Stadtoberhaupt löste sich die Spannung und wich der Freude darüber, mit welcher wißbegierigen Offenheit man seinen Arbeiten begegnete.

Irene Hetzler, Florian Janik, Kirill Wedernikow, Carolin Gugel und Hans-Peter Singer

Der Künstler hätte es freilich auch schon vorher wissen können. Denn von Beginn an hatte er – „trotz meiner geringen Englischkenntnisse“ – mit der Gruppe Andersartig eine gemeinsame Sprache gefunden, hatte die Verständigung über die Kunst, diese universelle Form des menschlichen Ausdrucks, bestens funktioniert. Und es war manchmal beim Aufbau, als hätten die Bilder ihren Platz an den Wänden und in den Räumen selbst gefunden.

Jutta Brandis

Glücklich und zufrieden jedenfalls waren nicht nur die Künstler, sondern vor allem Jutta Brandis, die mit „(R)Evolution“ nach dreißig Jahren des Wirkens an der Volkshochschule hiermit ihre vorletzte Ausstellung kuratierte, darunter viele mit Gästen aus Wladimir. Doch keine hatte sie nach eigenen Worten bisher so mit Freude über das Gelingen erfüllt wie diese, die nun noch bis zum 12. April in den Räumen der Volkshochschule, Friedrichstraße 19, zu sehen sind.

Peter Steger, Kirill Wedernikow, Hans-Peter Singer, Jutta Brandis, Carolin Gugel, Irene Hetzler, Michael Ort und Eva Herrmann

Zeit genug also, sich selbst noch einen Eindruck zu verschaffen von diesem deutsch-russischen Projekt einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die Florian Janik in seinem Grußwort als wichtiges Element der Verständigung in Zeiten politischer Konflikte lobte, die aber auch zeigt, wie gut Künstler verschiedener Länder konzeptionell zusammenfinden können. Denn, so Kirill Wedernikow: „Sie entsteht zwar in Raum und Zeit, ist aber nicht an diese Dimensionen gebunden, wirkt darüber hinaus.“ Worte, die so auch gelten könnten für das eigens zu dieser Ausstellung komponierte „Concertino für Vibraphon und Klavier“, uraufgeführt von Michael Ort und Eva Herrmann.

Anke Steinert-Neuwirth, Peter Steger, Kirill Wedernikow, Hans-Peter Singer, Carolin Gugel und Irene Hetzler

Ein großer Teil der Bühne – und auch der Ausstellungsfläche – gehörte gestern dem Gastkünstler, der Gelegenheit erhielt, anhand eines Videos mit beeindruckend animierten Arbeiten aus seiner jüngsten Schaffensperiode und einer Präsentation seinen Werdegang darzustellen. Erstmals im Ausland und erstmals in dieser Ausführlichkeit, denn in der Heimat können sich nicht alle an seiner Ästhetik etwas abgewinnen.

Karin Günther und Peter Millian

Sie hat ja auch tatsächlich etwas Düsteres, und vor allem in seinem Zyklus der Lost Places und Industriebrachen sehe man wenig Optimismus und Aufbruch, wie Peter Millian von den Erlanger Nachrichten bemerkte. „Richtig“, bestätigte der 27jährige Künstler aus Wjasniki, hundert Kilometer östlich von Wladimir gelegen, „aber aus diesem Schatten bin ich herausgetreten, diese Periode liegt hinter mir.“

Zwar, so der Künstler, ziehe ihn noch immer diese Landschaft des Verfalls mit ihren groben Formen und den unendlichen Räumen des Vergehens magisch an, weil es da so viel Gestaltungsmöglichkeit gebe, aber nach seinen Anfängen im Bereich des Graffiti und der Straßenkunst und all den Lehrjahren durch die Kunsthochschule in Susdal sowie die Aufenthalte in Sankt Petersburg und Moskau wende er sich nun stärker philosophischen, theologischen und mythologischen Themen zu.

Kirill Wedernikow im Gespräch

Man hört es aus seinen Worten heraus, man merkt es seinen Bildern an: Hier wird man Zeuge eines künstlerischen Reifeprozesses, der auf dem Weg zu echter Meisterschaft ist, im Ausdruck wie im Handwerk. Passend zum evolutionären Titel der Ausstellung mit dem R in Klammern.

So richtig zur Geltung kommt das im Musikzimmer, wo die Keramiken von Carolin Gugel und die Arbeiten von Kirill Wedernikow einander nicht nur ergänzen, sondern in ihrer Wirkung verstärken, formal wie inhaltlich. Aber davon sollte man sich selbst überzeugen. Zeit ist ja noch genug.

Und nehmen Sie sich auch ein paar Minuten für die Mappen, wo sich neben Angaben zu den Persönlichkeiten auch die Preise für die Arbeiten finden. Es bietet sich die exklusive Gelegenheit, eine Wedernikow-Sammlung, die erste in Deutschland und außerhalb seiner russischen Heimat, aufzubauen.

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Die Vorbereitungen auf die Vernissage am Sonntag um 11.15 Uhr im Großen Saal der Volkshochschule sind in vollem Gang. Alle Räume und Korridore im ersten Stock des Gebäudes werden bespielt, und der Gast vom Kunstverein der Region Wladimir, Kirill Wedernikow, kann seine fast dreißig Arbeiten, die er gestern in einer unscheinbaren Mappe mitbrachte, in der „guten Stube“, im Historischen Saal, nachgerade kammermusikalisch hängen.

Ungerahmte Kunst aus Wladimir

Am Vormittag via Moskau und Istanbul eingetroffen, stand der ganze Nachmittag im Zeichen der Rahmung und Hängung der Bilder des 1991 im hundert Kilometer östlich von Wladimir gelegenen Wjasniki geborenen Künstlers, für Erlangen entdeckt und eingeladen von der Gruppe Andersartig, die grenzüberschreitend hinsichtlich der Techniken und Genres ebenso wie der Länder und Sprachen arbeitet. Und natürlich wollte man einander kennenlernen: Jutta Brandis, die Kuratorin der Ausstellung, Markus Bassenhorst, der Leiter der Volkshochschule, und eben Hans-Peter Singer aus Herzogenaurach, der die Städtepartnerschaften seiner Heimatstadt ebenso wie die internationalen Kontakte Erlangens als Brücken der Kunst und Verständigung nutzt und dies so ausdrückt: „Was die Politik nicht hinbekommt, müssen wir schaffen!“

Planungsgespräch: Hans-Peter Singer, Kirill Wedernikow, Jutta Brandis und Markus Bassenhorst

Und Kirill ist gekommen, um moderne russische Kunst zu zeigen. Und was für eine! Mythische Figuren, verfremdet hineingestellt in stilisierte Industrielandschaften, anatomische Studien an Titanen, Wesen einer Zwischenwelt im Kosmos von Welt und Technik, Evolutionen und Revolutionen der Gestaltung. „Paßgenau das, was die Arbeiten von Irene Hetzler, Carolin Gugel und mir von der Gruppe Andersartig thematisch unter dem Titel „(R)Evolution“ ergänzt, die ja dann gemeinsam mit den Bildern aus Wladimir bis April hier hängen werden“, freut sich Hans-Peter Singer. Das andersartige Kunstquartett ist komplett.

Hängung: Hans-Peter Singer und Kirill Wedernikow

Für Kirill Wedernikow, der seine philosophischen Heimat im christlichen Existenzialismus eines Nikolaj Berdjajew sieht, dem es um nicht weniger als die geistige Wiedergeburt des Menschen und die soziale Umgestaltung der Gesellschaft geht, für den Künstler ist es die erste Ausstellung außerhalb seiner Heimat, wo er noch um Anerkennung ringt, nachdem er seine Lehr- und Wanderjahre mit der Ausbildung in Susdal und Stationen in Sankt Petersburg und Moskau abgeschlossen hat und nun in seine kleine Heimatstadt an der Kljasma mit nur gut 35.000 Einwohnern zurückgekehrt ist. In den Großstädten, so seine Erfahrung, drohe die Kunst inhaltsleer zu werden, zu groß sei die Versuchung, den Moden und Trends nachzulaufen. Seine eigene Sprache und Ausdruckskraft könne man viel besser in der Provinz finden, ohne all die Ablenkung der Metropolen, wo dann auch noch die Kosten für das Atelier kaum mehr zu bezahlen seien.

Schaltkreis einer Ausstellung: Kirill Wedernikow, Fred Ziegler und Dieter Erhard

Am ersten Abend in Erlangen dann noch der Besuch einer Vernissage mit Fred Ziegler im Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen unter dem Motto „Poesie der Schaltkreise“, eine Annäherung von Malerei und Wissenschaft – und wieder so eine Grenzüberwindung, für die auch und gerade Dieter Erhard mit seinem kunstfliegenden Wechsel zwischen den Partnerstädten Riverside und Wladimir steht. Aber das ist dann schon wieder eine ganz andere Geschichte. Hier für heute nur noch einmal der Verweis auf den ersten Blogartikel zu Kirill Wedernikow unter: https://is.gd/6fq2uz

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Am Sonntag, den 24. Februar, eröffnet Oberbürgermeister Florian Janik um 11.15 Uhr im Großen Saal der Volkshochschule die Ausstellung der Gruppe Andersartig mit dem sprechenden Titel (R)EVOLUTION. An dem Projekt mit Arbeiten von Irene Hetzler, Carolin Gugel und Hans-Peter Singer nimmt auch Kirill Wedernikow teil, der sich als Mitglied des Russischen Künstlerverbandes und bei zahlreichen Ausstellungen und Festivals in Moskau, Sankt Petersburg, Nowgorod, Nischnij Nowgorod, Astrachan und Wladimir einen Namen machte.

Kirill Wedernikow

Kirill Wedernikow wurde 1991 in Wjasniki, einer kleinen Kreisstadt in der Region Wladimir, geboren. Seinen künstlerischen Werdegang begann er mit Graffiti und fand dank dem Studium verschiedener Stile und Richtungen bald zu seinem eigenen Stil. Die Ausbildung an der Fachschule für künstlerische Restaurationsarbeiten in Susdal wird dabei zum Meilenstein in seiner kreativen Entwicklung.

Kirill Wedernikow bei der Arbeit

Die Anziehungskraft alter Industrieviertel, Fabriken und verlassener Häfen an Flüssen stellt eines der zentralen Themen Kirill Wedernikows dar. Gerade dort konzentriert sich die Energie einer anderen Zeit, deren Tiefe und Widersprüchlichkeit der Künstler in seinen Werken zu verstehen und widerzuspiegeln versucht.

Kirill Wedernikows Interesse gilt der Malerei, der Druckgraphik (Xylographie und Linolgravur) sowie originellen Techniken wie Tusche, Zeichenfeder oder Aquarell, aber auch der monumentalen Kunst wie Street Art.

Der Wladimirer Künstler – er wird zur Vernissage in Erlangen erwartet – stellt erstmals in Deutschland aus. Seine Arbeiten sind mit den Exponaten der Gruppe Andersartig bei freiem Eintritt bis zum 12. April in den Räumen der Volkshochschule, Friedrichstraße 19, 1. Stock, montags bis freitags von 10.00 Uhr bis 17.00 Uhr zu sehen.

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Seit 2003 pflegen Jena und Wladimir einen engen Jugendaustausch, der damals, vor 15 Jahren, mit dem EU-Projekt „Move Together“ mit Begegnungen einsetzte, die alle europäischen Partnerstädte einbezog. Derlei Programme laufen naturgemäß nach einer bestimmten Zeit aus, die Beteiligten gehen auseinander, die Treffen enden nach Abrechnung der Kosten in der Ablage. Nicht so zwischen Jena und Wladimir.

Im Botanischen Garten zu Jena

Cornelia Bartlau, damals noch Streetworkerin, heute Gleichstellungsbeauftragte, hatte im 1997 gegründeten Euroklub und deren Vorsitzenden, Jelena Guskowa, ein Wladimirer Pendant gefunden, das sich an einer langfristigen Zusammenarbeit interessiert zeigte. Und so entstanden neue Ideen, eigene Projekte wie der Freiwilligenaustausch, in dessen Rahmen vor sieben Jahren Iwan Nisowzew nach Thüringen gekommen war – und bis heute als Mittler zwischen den Städten und Menschen geblieben ist.

Iwan Nisowzew, Jelena Guskowa und Friedensfahrer Winfried Merkel

Zu den festen Programmen des Euroklub gehören landeskundliche Reisen, die per Bus dieses Mal bis in die Niederlande führen – nach dem Motto: gestern noch Jena, heute Amsterdam. Oder frei nach der russischen Redensart: im Galopp durch Europa.

Plenum

Dabei wollen die knapp 50 jungen Gäste nicht nur selbst möglichst viel von der Kultur und Geschichte vor Ort erfahren, sie stellen vielmehr überall auch ihre eigene Heimat vor. Und die heißt für einige in der Gruppe nicht nur Wladimir, sondern beispielsweise auch Wjasniki, eine Kreisstadt aus der Region, die mit ihren Naturschutzgebieten für sich einnimmt.

Jelena Guskowa, Iwan Nisowzew und Matthias Bettenhäuser

Wie wichtig Jena den Besuch im zehnten Jahr des Partnerschaftsdreiecks Erlangen-Jena-Wladimir nimmt, zeigt die Begrüßung durch Matthias Bettenhäuser, persönlicher Mitarbeiter und Leiter des Büros von Oberbürgermeister Albrecht Schröter, im Bürgertreff des Rathauses. Wie wichtig der Besuch ist, zeigen die politischen Umstände, die angesichts der aktuellen Eskalation mit der gegenseitigen Ausweisung von Botschaftspersonal mehr denn je auf die Volksdiplomatie setzen muß, gerade auch im „Deutsch-Russischen Jahr der kommunalen und regionalen Partnerschaften“. Schwere Zeiten für den Austausch, wenn hüben wie drüben neue Feindbilder entstehen. Da mag helfen, manches mit historischem Abstand zu sehen, etwa, wenn man die Fahrt von Erlangen nach Jena nutzt, um sich in die Anmerkungen zum Roman „Der Idiot“ von Fjodor Dostojewskij zu vertiefen. Da findet sich nämlich folgender Hinweis:

Iwan Nisowzew, Jelena Guskowa und Matthias Bettenhäuser

Heinrich Joh. Ostermann (geb. 1687 in Westfalen als Sohn eines Pastors) hatte als Jenenser Student seinen Gegner im Duell getötet, war nach Holland geflohen und dort 1703 in russische Dienste getreten. Er gewann Peters Vertrauen und machte sich verdient bei den Friedensschlüssen am Pruth 1711 und namentlich in Nystad 1721. (Geheimrat und Baron Ostermann) Nach Peters Tode 1725 ernannte ihn Katharina I. (1725-27) zum Oberintendanten des Hofes und zum Mitglied des Regentschaftsrates für Peters Enkel, den Knaben Peter II. Alexejewitsch, der aber schon 1730 starb. Die russische Adelspartei unter Führung des Fürsten Dolgorukij erhob hierauf Peters Nichte, die Witwe des Herzogs von Kurland, Anna Iwanowna (1730-40) auf den Thron und versuchte hierbei, die kaiserliche Allmacht zu beschränken. Der Versuch scheiterte an der Opposition der anderen, deutschfreundlichen Partei bei Hofe, und nach dem Sturz und der Verbannung der Russen kam es zur Bildung des Kabinetts, in dem Annas Günstling, Biron (von Bühren), Graf Ostermann und Generalfeldmarschall Münnich die Hauptrolle spielten. Anna ernannte (auf Ostermanns Rat?) ihren zweijährigen Großneffen als Iwan IV. (1740-41) zu ihrem Nachfolger; doch schon 1741 trat Peters jüngste Tochter, Elisabeth, auf und bestieg nach einer Palastrevolution den Thron (1741-62). Graf Ostermann wurde von ihr der Intrigen gegen ihr Thronfolgerecht beschuldigt, zum Tode durch das Rad verurteilt, auf dem Blutgerüst zur Verbannung nach Sibirien begnadigt, wo er 1747 in Berjosoff starb. Er stand im Ruf, ein kluger Staatsmann und geschickter Diplomat zu sein.

zitiert nach der Ausgabe des R. Piper & Co. Verlags, München, 1977

Gruppe aus Wjasniki

Geschickte Diplomaten brauchen wir heute zwischen unseren Ländern mehr denn je, Menschen, die verhindern wollen, daß die deutsch-russischen Beziehungen unter die Räder kommen oder unzerkaut im Rachen jenes Krokodils aus der gleichnamigen Erzählung – schon wieder – von Fjodor Dostojewskij landen, wie derzeit auf der Bühne des Theaters Jena zu sehen: https://is.gd/oQdLfJ

 

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Schon erstaunlich, was man so alles an den Gestaden der Kljasma finden kann, wenn man genau hinsieht wie das der Landeskundler Jurij Koslow bei einem Sommerspaziergang unweit des Badestrandes des Dorfes Perwowo im Landkreis Wjasniki tat. Er stieß da nämlich auf eine ungewöhnlich regelmäßig gebogenes Objekt, das man, oberflächlich betrachtet, für einen alten Ast halten könnte. Sieht man freilich genauer hin, erkennt man einen Boten aus dem Pliozän, einen Stoßzahn eines Mammuts.

Jurij Koslow und sein Fund

Untersuchungen bestätigten die Vermutung des Mitglieds der Geographischen Gesellschaft, und vor kurzem präsentierte er nun auch seinen Fund der Öffentlichkeit. Im Nachhinein erst meldeten sich auch andere „Strandläufer“, die das etwa 10.000 Jahre alte und 155 cm lange Artefakt gesehen, aber nicht in seinem Wert für die Wissenschaft erkannt hatten. Und es wurde bekannt, man habe unweit jener Stelle bereits in den 80er Jahren den Stoßzahn eines Mammuts gefunden. Offenbar wäscht da die Kljasma immer wieder Schichten der Erdgeschichte aus. Mal sehen, was da noch alles zutage tritt.

Quelle: ein Bericht von Zebra-TV: https://is.gd/OiLa4Z

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Dmitrij Artjuch von der Redaktion der Wladimirer Internetplattform „Zebra-TV“ hat erstaunliches Material zum gestrigen hundertsten Jahrestag der „Oktoberrevolution“ zusammengestellt. Demnach hat  – am 25. Oktober 1917 (nach julianischem Kalender) bzw. am 7. November 1917 (nach der von den Sowjets später eingeführten gregorianischen Zeitrechnung) um 21.40 Uhr – den Befehl zum Warnschuß des Kreutzers „Aurora“ in Richtung der Winterresidenz in Petrograd, letzter Posten der bürgerlichen Regierung, ein gewisser Alexander Belyschew gegeben, geboren 1893 in Kletnjewo bei Wjasniki in der Region Wladimir und ausgebildet in Erlangens späterer Partnerstadt zum Maschinenschlosser an der Handwerksschule.

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Alexander Belyschew

Als Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ hatte Alexander Belyschew de facto das Schiff unter sich und handelte auf Anordnung des „Petrograder Zentralen Revolutionären Kriegskomitees“ und gab mit dem Schuß im Schein des Suchscheinwerfers den Auftakt zur Machtergreifung der Bolschewisten, die ihren Umsturz später propagandistisch zum „Sturm des aufständischen Proletariats und der Revolutionsarmee auf das letzte Bollwerk der alten Welt“ verklärten.

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Gedenktafel am 152-mm-Geschütz der „Aurora“

Fünf Jahre lang, von 1908 bis 1913, machte der spätere Herold der „Oktoberrevolution“ seine Ausbildung in Wladimir an der Lehranstalt, später als Berufsschule für Luftfahrttechnik weitergeführt und – bis 1990 – nach ihrem berühmten Abgänger benannt. Im Archiv der Fachschule findet sich noch heute ein Gruppenbild der Absolventen, wo auch Alexander Belyschew zu erkennen ist.

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Alexander Belyschew

Unmittelbar nach seinem Abschluß erhielt der junge Wladimirer seine Einberufung zur Ostseeflotte, wo er ab 1914 im Maschinenraum auf dem Kreutzer „Aurora“ diente. Als das Schiff im Februar 1917 wegen Reparaturarbeiten in Petrograd ankerte, begeisterte er sich, wie es heißt, für die revolutionären Ideen und ließ am 27. Februar den Kapitän und seinen ersten Offizier verhaften.

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Das heutige Museumsschiff „Aurora“

Einen Monat später hatte Alexander Belyschew bereits den Mitgliedsausweis der Bolschewisten, und kurz darauf war er unter der Menge, die Wladimir Uljanow alias Lenin bei seiner Rückkehr aus dem Exil in der Schweiz via Deutschland auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd mit Jubelrufen begrüßte. Im Sommer des gleichen Jahres wählte man den Jungkommunisten zum Vertreter seines Kreutzers im „Kollegialen Organ der Matrosenmassen“ sowie zum Vorsitzenden des „Schiffskomitees“ der „Aurora“.

Die „Aurora“

Zwei Tage vor der „Oktoberrevolution“ erhielt Alexander Belyschew, unter dem ein weiterer Kamerad aus der Region Wladimir diente, die Anordnung, das Schiff in Gefechtsbereitschaft zu bringen und weitere Befehle abzuwarten. Tagsüber am 24. Oktober ernannte ihn schließlich Jakow Swerdlow, ein Vertrauter Wladimir Lenins, zum Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ auf der „Aurora“ und sollte mit allen Mitteln den Verkehr auf der Newa im Bereich der Nikolajew-Brücke unterbinden, die von regierungstreuen Truppen gehalten wurde. Um dies zu bewerkstelligen, ließ Alexander Belyschew auch den neuen Kapitän der „Aurora“ festnehmen. Tags darauf konnte er seiner Mannschaft mitteilen, die Regierung sei zurückgetreten und habe sich im Winterpalais verschanzt. Er war es dann auch, der beschloß, die Geschützsalve zum Sturm auf die Residenz mit Übungsmunition abzufeuern. Erst bei Gegenwehr, so seine Absicht, sollte scharf geschossen werden.

Alexander Belyschew in Leningrad

Der Künder der „Oktoberrevolution“ kehrte übrigens nach dem Sieg der Bolschewiken in die Heimat zurück, doch schon 1923 zog es ihn wieder in die Stadt an der Newa, wo er in verschiedenen Betrieben arbeitete und 1974 verstarb.

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Berufsfachschule für Luftfahrtechnik, an der Alexander Belyschew ausgebildet wurde.

Schnitt und Sprung in die Gegenwart: Der Geist der „Oktoberrevolution“ wehte gestern auch noch einmal durch Wladimir, als – die Angaben der Veranstalter decken sich mit den Schätzungen der Journalisten – etwa eintausend Alt- und Jungkommunisten durch die Stadt zogen und einhundert rote Luftballons aufsteigen ließen. Gut, daß sie es dabei dann auch beließen, ohne zu schießen.

Ruhm dem Großen Oktober!

Mehr zu Alexander Belyschew in der russischen Quelle unter: https://is.gd/lvKJpV

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Während der Präsident seinem Volk Patriotismus als verbindend-verbindliche Staatsideologie verordnet, finden die Menschen vor Ort die Ordnung ihrer noch überschaubaren Welt in der Wiederbelebung von Legenden, der Neuauslegung von Überlieferungen und der Pflege des Überkommenen. Wie überall, wo man sich von den Zumutungen der Globalisierung überfordert glaubt und die lokalen Eigenheiten bedroht sieht. Und so sammelt sich Wladimir neuerdings wieder im trauten Kirschgarten, Susdal beißt in seine knackigen Gurken, und Mstjora setzt dem Karpfen ein Denkmal – mit Krone. Das erinnert Sie an etwas? An Kalchreuth mit seinem Kirschenfest, an das Knoblauchsland zwischen Erlangen und Nürnberg oder die Zwiebeltreter in den Gemüsegärten von Bamberg, gar an Höchstadt mit dem Karpfen als inoffiziellem Wappentier und die Lieblingsspeise eines ichthyophilen Landrats in Ruhestand? Tja, so ähnlich sind sich eben Franken und Russen, wenn es um das eigene Kolorit geht.

Karpfen in Mstjora

Die 1628 erstmals urkundlich erwähnte 4.000-Seelen-Gemeinde, gute 100 km östlich von Wladimir in den Wäldern zwischen Kowrow und Wjasniki gelegen, verbindet ihre Geschichte mit zwei Sagen. Der ersten zufolge gründeten den Ort Handwerker, die während des Mongolensturms vor der Goldenen Horde unter dem Khan Batu in die unwegsame Wildnis flüchteten, die man bald darauf als fleißige Leute schätzte und wegen ihres tiefgründigen Wesens und ihrer Verschwiegenheit „Karpfen“ taufte. Eine zweite Version lautet, die Einwohner von Mstjora hätten es faustdick hinter den Ohren gehabt. Ein fremder Händler soll nämlich dereinst auf dem Marktplatz des Ortes frischen Fisch angeboten und besonders seine Karpfen angeboten haben. Doch zu einem viel zu hohen Preis, auf den sich die Einheimischen nicht einlassen wollten und denn auch die Ware liegenließen, bis der verhinderte Verkäufer am Abend unverrichteter Dinge mitsamt seiner nun schon nicht mehr ganz so frischen Fracht wieder seiner Wege zog. Ob nun aus Verdruß oder weil es auf der Fuhre schon zu stinken begann, jedenfalls entledigte sich der Kaufmann seiner Last und kippte alles in eine Senke, bevor er weiterfuhr. Damit hatten die bauernschlauen Mstjoraner wohl gerechnet, denn am nächsten Morgen war kein Karpfen mehr zu finden, sie hatten alle Fische in der Dunkelheit aufgelesen.

Karpfen in Mstjora 1

Und nun thront, wie die Zeitung „Prisyw“ berichtet, ein Fisch, ein Karpfen mit gekröntem Haupt als Skulptur an einer Kreuzung in Mstjora und grüßt Gäste wie Einheimische von seinem Gestell herab, geschaffen von Maxim Kirikow, dem Leiter der Ortsgruppe von Kunstschmieden. Kaum freilich hat das Getier aus Metall Gestalt angenommen, da soll es bereits Gesellschaft bekommen. Schon läuft in den sozialen Medien eine Umfrage, welche Figur als nächste das Städtchen zieren soll. Könnte der Karpfen mit abstimmen, ließe er wohl aus seinen Gräten eine Kärpfin formen, bestimmt aber keinen Hecht. Na ja, wir wissen es schlecht, und so enden wir lieber mit dem Schluß des XX. Sonetts von Rainer Maria Rilke, der wie kaum ein Deutscher vor ihm und danach dem russischen Wesen entsprach:

Alles ist weit -, und nirgends schließt sich der Kreis.
Sieh in der Schüssel, auf heiter bereitetem Tische,
seltsam der Fische Gesicht.

Fische sind stumm…, meinte man einmal. Wer weiß?
Aber ist nicht am Ende ein Ort, wo man das, was der Fische
Sprache wäre, ohne sie spricht?

 

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Als gestern in der Wiener Stadthalle Polina Gagarina beim Eurovisions-Halbfinale mit ihrem Lied „A Million Voices“ antrat, konnte sich die in ihrer russischen Heimat bereits erfolgreiche Sängerin nicht nur auf ihre Stimme und Bühnenerfahrung verlassen, sondern auch auf den positiven Effekt ihrer Robe hoffen. Nun wird zwar niemand genau taxieren können, welchen Anteil ein Galakostüm an einem gelungenen Auftritt hat, aber wenn stimmt, daß Kleider Leute machen, verhelfen sie bestimmt auch Stars zu ihrem Aufstieg.

Polina Gagarina. Quelle dpa

Polina Gagarina. Quelle dpa

Geschadet jedenfalls hat die Maßanfertigung Polina Gagarina nicht, denn sie ist durch, darf am Samstag beim Finale antreten und gilt bei den Buchmachern als eine der Favoritinnen. Mit ihr freut sich da sicher einer der bekanntesten Modeschöpfer Rußlands, Alexander Terechow, der, wie das Wladimirer Staatliche Lokalfernsehen meldet, die Künstlerin eingekleidet hat. Der preisgekrönte Designer stammt aus Wjasniki in der Region Wladimir, wo er schon als Kind mit dem Schneidern begann und an der lokalen Kunstschule seine erste Ausbildung erhielt, bis der heute 35jährige Couturier zum Studium nach Moskau zog und dort längst zu den ganz großen seines Fachs zählt, der sich übrigens – im Unterschied zu den meisten seiner Zunft fast ausschließlich auf den russischen Markt konzentriert. Und das, obwohl er in Paris, bei Yves Saint Laurent, ein Praktikum gemacht hat, bevor er 2004 seine eigene Firma gründete.

Alexander Terechow mit einem seiner Models

Alexander Terechow mit einem seiner Models

Starallüren werden Alexander Terechow dennoch nicht nachgesagt. Er arbeitet lieber in seinem Atelier an neuen Entwürfen, als abzuheben – und zieht es vor, Frauen so anzuziehen, daß sie den Aufstieg zum  Sternenhimmel scheinbar mühelos schaffen und dort strahlen wie gestern abend in Wien Polina Gagarina.

Mehr zu Alexander Terechow hier: http://is.gd/PO4bfh

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Beschäftigt man sich eingehender mit der Landeskunde des Gouvernements Wladimir, findet man immer wieder Hinweise auf einen zumeist eher wenig geachteten und kaum beachteten Stand, der es dennoch eben hier zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod zu einer besonderen Blüte seines Gewerbes brachte. Die Rede ist von den Hausierern, einem längst ausgestorbenen Beruf, der freilich noch einige Spuren hinterlassen hat, denen der Blog heute nachgehen möchte.

Die umherziehenden Händler schufen vom 17. bis 19. Jahrhundert im Zarenreich ihre ganz eigene Kultur, die allerdings mit der Erschließung der Weiten des Landes durch die Eisenbahn und die damit möglich gewordene bessere Versorgung der Kleinstädte und Dörfer mit Dingen des täglichen Bedarfs ihren Niedergang erlebte, bis die Sowjetmacht dem selbständigen Broterwerb der Hausierer ein gewaltsames Ende bereitete. Bereichert sollen sie sich nach der roten Ideologie an den Bauern haben, und als Unterart der Kaufleute war den Tandlern ohnehin alles nur denkbar Klassenfeindliche zuzutrauen. Der Staat allein war nun für die kollektive Versorgung zuständig – mit bekanntem Ausgang, durch den wir heute aber nicht gehen wollen.

"Athener" in seiner Tracht, Ende 19. Jahrhundert

„Athener“ in seiner Tracht, Ende 19. Jahrhundert

Wirtschaftshistorisch betrachtet handelt es sich bei den Hausierern um eine noch wenig erforschte Form des Unternehmertums, dem geschätzt mehr als fünf Millionen Bauern – saisonal, oft aber auch als neuem Vollerwerb – ihre Existenz verdankten. Aber auch sprachgeschichtlich stellen sie ein Gruppe dar, die Aufmerksamkeit verdient. Die Hausierer nannten sich nämlich „Athener“ – im Russischen офеня, abgeleitet von афинян -, so zumindest eine Theorie, die sich auf den Umstand stützt, daß in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts viele griechische Händler in Moskowien auftauchen und sich später wohl assimilierten. Für die Annahme spricht auch, daß die „Athener“ bis zu ihrer Auslöschung einen eigenen Jargon pflegten, in dem eine Vielzahl griechischer Begriffe Verwendung fand. Eine anderer Erklärung mutmaßt, bei dem Eigennamen „Athener“ handle es ich um eine eigene Wortschöpfung der Hausierersprache mit der Bedeutung von „Kreuzträger“, „Getaufte“, „Rechtgläubige“. Möglich, aber diese Attribute hätten doch keine Unterscheidung von der übrigen Bevölkerung markiert, die doch, von den wenigen Ausländern und Sektierern abgesehen, so gut wie vollständig im Zeichen der Orthodoxie lebte. Klären läßt sich diese Frage freilich nicht mehr, denn die „kreuztragenden Athener“ hinterließen keine schriftlichen Aufzeichnungen aus der Zeit ihres Entstehens.

Hausierer mit Bauladen im frühen 19. Jahrhundert

Hausierer mit Bauladen im frühen 19. Jahrhundert

Gewißheit besteht aber hinsichtlich dieser Zunft und ihrer Verbindung zur Region Wladimir. In Wjasniki nämlich, gut 100 km östlich von Erlangens Partnerstadt an der Kljasma gelegen, und in den Dörfern der Umgebung, wo neben dem Obst- und Gartenbau auch das Kunsthandwerk blühte, bildete sich der Zweig von Hausierern, die vor allem Ikonen und andere Devotionalien im Angebot hatten. Warum gerade hier? Dafür gibt es ganz profane Gründe. Im Gouvernement Wladimir nämlich wuchsen damals vor allem Linde und Eiche – heute leider vielerorts verdrängt von der Nadelwaldmonokultur -, auf deren Holz sich Ikonen prächtig malen lassen; die Flüsse Oka, Kljasma, Nerl oder Tesa boten die Verkehrsinfrastruktur; die landwirtschaftliche Saisonarbeit machte einen Nebenerwerb notwendig. Und schließlich gab es hier den ganzen spirituellen „Überbau“ dank der besonderen Rolle Wladimirs als zeitweiser Sitz des Patriarchen, als Hauptstadt der Alten Rus und als Zentrum des orthodoxen Mönchtums mit all seinen Pilgerstätten. Weder Kirche noch Staat sorgten für die Verbreitung und den Vertrieb all der weltlichen wie geistlichen Güter, die rund um Wjasniki vom Ende des 18. bis Anfang des 20. Jahrhunderts in großer Stückzahl hergestellt wurden, und so übernahmen die Höker diese offenbar lohnende Aufgabe.

Beim Handeln, frühes 19. Jahrhundert

Beim Handeln, frühes 19. Jahrhundert

Es gibt Schätzungen, wonach Ende des 19. Jahrhunderts in der Gegend jährlich bis zu fünfeinhalb Millionen Heiligenbilder hergestellt wurden, die kostbarsten davon aus den Dörfern Palech, Mstjora und Choluj, wo bis heute als künstlerischer Ausweg die schönsten Lackminiaturen Rußlands entstehen, nachdem die Kommunisten die Ikonenmalerei verboten hatten. Allein aus dem kleinen Mstjora kamen Jahr für Jahr mehr als 500.000 lizensierte Ikonen, von den etwa 80.000 aufwendig restaurierten Bildern ganz zu schweigen. Viel Arbeit für die reisenden Händler, das alles unter das gottesfürchtige Volk, in die Gemeinden und Klöster zu bringen.

In den Körben der Höker fanden sich aber natürlich nicht nur gottgefällige Gegenstände, sondern auch ganz Irdisches wie Kurzwaren, Schmuck, Stoffe, Leder, Bücher und wohl auch die eine oder andere Waffe. Es gab Tandler, die sich auf antiquarische Objekte spezialisierten, oder wandernde Händler, die vor allem Haushaltswaren führten, eben alles, was man so brauchte und vor Ort nicht erhältlich war. Wegen der fehlenden Infrastruktur wurde diese Art des Handels vom Staat geduldet, auch wenn die Reisenden in eigener Sache wohl zumeist nur unregelmäßig, wenn überhaupt, Steuern entrichteten.

Ikonenhändler unterwegs

Ikonenhändler unterwegs

Zurück zu den Ikonenhändlern. Die profitierten von einer steigenden Nachfrage und davon, daß die Klöster vom Ende des 17. Jahrhunderts an selbst nicht mehr die in ihren Mauern entstandenen Heiligenbilder vertrieben. Dies war dann auch die Stunde der Kunsthandwerker aus dem Bauernstand, die mit dem Malen von Ikonen oft ihren Lebensunterhalt bestritten. Freilich schufen sie dabei nicht immer Kunstwerke, die dem Kanon entsprachen. Es gibt Zeugnisse, wonach derartige Ikonen „frevlerisch falsch“ gewesen seine, und die dargestellten Heiligen eher „Ungeheuern denn Stellvertretern des Allmächtigen“ glichen. In einer Urkunde aus dem Jahr 1668 heißt es gar: „In einigen Orten bei Susdal, insbesondere im Kirchdorf Choluj, malen die Ansässigen Ikonen ohne jeden Sinn für Ehrfurcht.“ Seltsamerweise bürgerte sich von da an auch der Begriff „Susdaler Gewerbe“ ein, obwohl in Susdal selbst kaum Ikonen gemalt wurden und keine Hausierer lebten. Anders eben als in der Umgebung von Wjasniki sowie Palech, Choluj und Mstjora, wo noch Ende des 19. Jahrhunderts, also bereits in der Zeit ihres Niedergangs, mehr als 150 Dörfer bekannt waren, wo fast ausschließlich die Familien diese „Athener“ lebten, Ihr Wirkungskreis reichte bis in die letzten Winkel des Zarenreiches, sogar bis nach Sibirien, wo man die Hausierer „Wjasniker“ oder „Susdaler“ nannte. Spätestens seit Anfang des 18. Jahrhunderts ist belegt, daß die fleißigen Händler aus der Region Wladimir auch im Ausland, etwa in Serbien, Ikonen für den Massengebrauch vertrieben. 1754 schreibt ein Priester aus Susdal: „Viele aus Choluj und Palech reisen mit heiligen Ikonen in ferne Länder, als da sind Polen, Caesarien, Slowenien, Serbien, Bulgarien und andere, und tauschen dort die hl. Ikonen.“

Es wird niemanden groß verwundern, daß bei diesem Tauschhandel auch mancher Schwindel betrieben wurde. Manches Heiligenbild wurde wohl als älter ausgegeben, als es tatsächlich war, um einen höheren Preis zu erzielen. Besonders tückisch war aber folgendes Gaunerstück: Zwei „Athener“ taten sich zusammen. Der eine ließ auf dem Holzbrett Fratzen und Symbole der Hölle anbringen, bevor es bemalt wurde. Diese Ikonen verhökerte er dann in einem Dorf, wo wenig später sein Kumpan mit seiner Hucke voll Heiligenbilder eintraf. Die Leute, frisch eingedeckt, wollten ihm natürlich nichts abkaufen, bis er sie aufklärte und ihnen die Augen öffnete: „Einem Betrüger seid ihr aufgesessen. Schaut her!“ Und schon kratzt er den Lack von einer Ikone seines Kollegen ab, und hervor kommen Zeichen des Gottseibeiuns. Die gutgläubigen Muschiks werfen die Abbilder der Dämonen ins Feuer – und kaufen von ihren letzten Kopeken die neuen Ikonen, während die beiden Spießgesellen doppelten Gewinn machen.

Lackminiatur aus Mstjora

Lackminiatur aus Mstjora

Doch keine Sorge: Wenn heute ein Gast aus Wladimir eine Ikone oder eine Lackminiatur mitbringt, geschieht das reinen Herzens, die Herkunft unterliegt keinem Zweifel, und übervorteilt soll mit dem Geschenk auch ganz bestimmt niemand werden. Vielleicht wird die Freude über das kostbare Präsent sogar aber noch ein wenig größer, wenn man die Geschichte von den Wladimirer „Athenern“ mitdenkt.

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