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Posts Tagged ‘Wiktor Jerofejew’


„Jedem Russen mangelt es an Wärme. Aber es gibt zwei Mittel, gegen die Geographie anzukämpfen: sich Freunde anzuschaffen und Wodka zu trinken. Außerdem hat der Russe seine eigenen Tropen: die Banja, das russische Dampfbad, das die Leute zunächst in rotgesichtige Teufel verwandelt, die auf Pritschen neben einem glühenden Ofen schwitzen, und danach in Engel, die nach dem Schwitzbad, in weiße Laken gehüllt, kaltes Bier trinken“, meint zumindest Wiktor Jerofejew in seinem 2004 in der Übersetzung von Beate Rausch erschienenen Roman „Der gute Stalin“. Doch es gibt durchaus noch ein anderes Mittel, dem Hitzestau – gleich ob meteorologisch oder pyrogen herbeigeführt – probat entgegenzuwirken, ein Rezept, das Jurgita Pribušauskienė aus Litauen, freundschaftlich verbunden mit Wladimir und Erlangen, empfiehlt: Kalten Borschtsch.

Kalter Borschtsch

Dessen Zubereitung ist so einfach wie vielfältig, bietet also jede Menge Variationsmöglichkeiten nach persönlichem Geschmack, weshalb hier nur die Komponenten genannt werden sollen, als da sind: Kefir mit möglichst hohem Fettgehalt oder Buttermilch, zwei bis drei kleine Knollen Rote Bete, zwei bis drei kleine frische Landgurken, ein kleingehacktes gekochtes Ei, etwas Dill und Lauch sowie eine Prise Salz. Als wichtigste Zutat nennt die Köchin Liebe ohne Dosierungsangaben, und der erfahrene Genießer weiß, daß er gut daran tut, nicht alles auf einmal zu verspeisen, sondern etwas für den nächsten Tag aufzubewahren. Da schmeckt das Mahl, ergänzt vielleicht durch Pellkartoffeln, nämlich noch besser, es wärmt die Liebe auf und kühlt jedes Mütchen – auch bei größter Hitze.

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Wiktor Jerofejew hat sich mit seinem Roman-Erstling „Moskauer Schönheit“ einen Namen gemacht. Nun ist es an der Zeit, auch einmal über die Schönheiten aus Wladimir zu schreiben, zumindest einen kurzen Bericht hier im Blog. Ohne literarischen Anspruch, aber dennoch schön.

Julia Schell

Julia Schell

Denn vor wenigen Tagen endete in Moskau einer der populärsten Wettbewerbe mit dem Titel „Rußlands Schönheit“. Im Vorjahr stand die Absolventin der Wladimirer Universität und heute in der Hauptstadt als TV-Moderatorin arbeitende Anastasia Trussowa auf dem Siegerpodest. Nun gewann zwar die Vertreterin der Region Kurgan den Titel, aber Julia Schell aus Wladimir kam immerhin auf den dritten Platz und siegte in der Nomination „Miss Russian Image“. Und das bei 50 Mitbewerberinnen aus dem ganzen weiten Land.

Julia Schell

Julia Schell

Im Interview mit einem Wladimirer Nachrichtenportal erzählt sie, man habe sie zunächst zum Wettbewerb „Brünette des Jahres“ eingeladen, wo sie zweite wurde. Darauf folgte der Sieg bei der Ausscheidung „Wladimirer Schönheit 2013“, was ihr den Weg nach Moskau ebnete. Der Geschichtslehrerin geht es um mehr als nur ein puppenhaftes Äußeres: „Für mich ist Schönheit eine Harmonie aus Intellekt, Bildung, Güte und attraktivem Aussehen.“

Julia Schell

Julia Schell

Julia Schell bezeichnet sich als noch ungebunden, hat aber hohe Anforderungen an einen Mann: „Mein Ideal ist Mister Darcy aus dem Roman Stolz und Vorurteil von Jane Austen. Er sollte also ehrlich, offen und gutherzig sein.“ Nach einem halben Jahr Vorbereitung auf den Wettbewerb – mit all den Proben, Aufnahmen und Terminen in Moskau – freut sich die Pädagogin auf ihre Schüler: „Ich bin für sie ein Vorbild, die Prinzessin, die unbedingt mit einer Krone zurückkehren sollte. Ich bin glücklich, ihre Erwartungen erfüllt zu haben.“

Arsenij Potortschin

Arsenij Potortschin

Fast zeitgleich stellte sich in Guayaquil, Ecuador, Arsenij Potortschin mit vierzehn weiteren Anwärtern auf den Titel des weltweit schönsten Mannes der Jury beim Wettbewerb Mister Universe. Im Sommer war er bereits in Moskau „Mister Russia 2014“ geworden; nun belegte der Wladimirer den dritten Platz und darf sich fortan „Mr. Real Universe, Elegance-2014“ nennen.

Arsenij Potrotschin

Arsenij Potortschin

Mehr zu den beiden Schönen aus Wladimir unter: http://is.gd/aRWdYl und http://is.gd/kqrMXZ

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Es ist derzeit wie in einem politischen Déjà-vu, wenn man sich so manche Äußerung ansieht, die über die Wladimirer Medien verbreitet werden. Man könnte meinen, die Einleitung zu „Homo Sowjeticus“ von Joseph Novak, 1962 auf Deutsch im Scherz Verlag erschienen, sei eine aktuelle Momentaufnahme, wenn man liest: „Der Eiserne Vorhang trennt nicht nur verschiedene Länder und politische Herrschaftssysteme, er trennt auch voneinander verschiedene Arten des Denkens sowie der Wahrnehmung und Auslegung der gesellschaftlichen Wirklichkeit. Verschiedenartig sind auch die Vorstellungen vom Menschen und vom Sinn des Lebens. Sogar die Lebensart und die Einstellung des Menschen zu sich selbst und seiner Umgebung sind diesseits und jenseits des Vorhangs anders.“

Dabei hatte vor 25 Jahren alles so vielversprechend, so friedfertig-verbrüderungsbereit begonnen. Die Sowjetunion entschied sich gegen das von Egon Krenz beklatschte chinesische Modell auf dem Platz des Himmlischen Friedens und ließ zunächst die DDR ziehen, die deutsche Einheit geschehen, löste den Warschauer Pakt auf, ermöglichte ein fast unblutiges Ende ihrer eigenen Existenz. Moskau anerkannte völkerrechtlich bindend die neuen Staaten als „nahes Ausland“, garantierte ihre territoriale Unversehrtheit, übernahm sogar so manche Altlast bis hin zu den einst gemeinsamen Atomwaffen, die man ja nun nicht mehr zu brauchen glaubte im obsoleten Widerstreit mit dem einstigen imperialistischen Klassenfeind. Die Menschen interessierten sich für die dunklen Seite ihrer Geschichte, überall war Aufbruch spürbar, Parteien bildeten sich, Pluralität entstand, ein Land entwickelte sich, vor dem sich niemand mehr zu fürchten brauchte, das sich als gleichberechtigter Partner und Freund auf der Bühne der Weltpolitik Sympathie erwarb und Aufnahme in die G 7 und WTO fand, eine diplomatische Vertretung bei der NATO erhielt; ein Land war entstanden, dessen diplomatische Erfahrung bei der Bekämpfung des internationalen Terrornetzwerkes ebenso gefragt war wie etwa bei den Gesprächen über das Atomprogramm Nordkoreas.

Albrecht Dürer: Melancholie

Albrecht Dürer: Melancholie

Und nun all das: Aufkündigung von Mitgliedschaften, Partnerschaften, Kooperationen, stattdessen gegenseitige Sanktionen, Drohkulissen vor dem Hintergrund eines Konflikts, der weit über die Krim und die Ostukraine hinaus die Beziehungen Rußlands zur Welt belastet und das nicht zuletzt an Syrien unnachgiebig statuierten Exempel der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten anderer Staaten ad absurdum führt. Ein Konflikt der auch die Menschen in der Partnerstadt bewegt und eine Stimmung erzeugt, die ebenso schockiert wie provoziert. Es vergeht nämlich kaum ein Tag, wo nicht jemand das Schlachtroß sattelt und gen Westen zieht, vor allem gegen das „Land mit den drei Buchstaben“, wie die USA pejorativ verhüllt genannt werden. Dabei handelt es sich keineswegs um plump plappernde Proleten, vielmehr sind es prononcierte Protagonisten aus Politik, Wirtschaft, Kultur oder Gesellschaft, die sich unaufgefordert aufgerufen fühlen, öffentlich die vaterländischen Werte gegen Faschismus und Freidenkerei zu verteidigen – und sich dabei doch gerieren, wie das schon Alexander Gribojedow in seinem Stück „Verstand schafft Leiden“ köstlich zu karikieren wußte: „Bin immer gern zu Diensten, doch widert Liebedienerei mich an!“

Wie ist es zu erklären, daß Walentina Borodina, die Vorsitzende des Regionalen Unternehmerinnenverbands, dieser Tage bei einem Forum über die Rolle der Väter in Familie und Erziehung die Invektive verlautbart: „Der Westen vergiftet unsere Jugend mit Drogen und Alkohol. Wir müssen die jungen Leute im Geist des Sieges von vor 70 Jahren erziehen.“? Vielleicht sollte die Geschäftsfrau sich einmal über die recht konkreten Pläne der Zusammenarbeit zwischen den Suchtberatungsstellen der Partnerstädte informieren… Wie ist es möglich, daß die Maulhelden von Wladimir Schirinowskijs Liberaldemokratischer Partei am Tag der Nationalen Einheit im Schatten der Mariä-Entschlafens-Kathedrale unwidersprochen fordern können, nach der Krim und der Ukraine solle sich Rußland nun endlich auch Alaska zurückholen? Wie kommt es dazu, daß sogar durchaus liberal gesonnene und humanistisch gebildete Menschen die Auffassung vertreten, die Krim habe „schon immer“ zu Rußland gehört, und die Ukraine, der 1994 in Budapest der Kreml Bestandsgarantie in ihren Grenzen zugesichert hatte, schon allein wegen der unterschiedlichen Völker und Sprachen kein richtiger Nationalstaat sei? Was bitte ist dann Rußland mit seinen mehr als 100 Völkern? Wie existieren Staaten wie das zweisprachige Kanada und Italien, das dreisprachige Belgien, die viersprachige Schweiz, das vielsprachige Indien oder sogar das Deutschland mit seinen Sorben und Dänen als nationale Minderheiten? Deutsche Fragen ohne Antworten auf Russisch.

Und doch, die Fragen müssen weiter gestellt werden. Etwa, warum man sich immer weiter in den Gipfeln der Hyperbolik versteigt und postuliert, ohne Wladimir Putin gebe es kein Rußland. Etwa, warum man so gar keinen Selbstzweifel zulassen und die Reihen immer fester geschlossen halten will? Etwa, warum man einem nun wahrlich postheroisch auftretenden Europa mit einem zwanghaften Kult des Heldischen und der dräuenden Demonstration von Macht und Kraft begegnet. Etwa. warum man meint, gleichgeschlechtliche Paare seien schuld an einer negativen demographischen Entwicklung – obwohl es die eine ohne die anderen in Rußland sehr wohl gibt.

Fjodor Tjutschew

Fjodor Tjuttschew

Schon der Lyriker Fjodor Tjuttschew schwärmte im 19. Jahrhundert vom großrussischen Imperium, das vom Nil bis zur Newa, von der Elbe bis China, von der Wolga bis zum Euphrat und vom Ganges bis zur Donau reichte. Der Dichter und Diplomat an der Gesandtschaft des Russischen Reiches in München sah darin wohl eher ein literarisches Bild für die allumfassende Kultur der Russen. Doch die heutige Politik Moskaus? Sie wendet sich dem Osten zu, wie das schon Großfürst Alexander Newskij tat, der das Angebot auf Unterstützung gegen die Tataren seitens des Papstes ausschlug und seinem Land lieber das 300jährige Joch der Goldenen Horde auferlegte, um nur ja nicht zur „römischen Provinz“ zu werden. Sie wendet sich China zu, das für Rußland nicht mehr als die Rolle eines Rohstofflieferanten zu bieten hat, dafür aber sicher beredt zu allen völker- und menschenrechtlichen Verletzungen schweigen wird, solange nicht eigene Interessen – man denke nur zurück an den Grenzkonflikt 1969 zwischen Amur und Ussuri – ins Machtspiel kommen.

Wladimir Sorokin

Wladimir Sorokin

In einem Zeit-Interview findet der schon mal als „Staatsfeind“ gebrandmarkte Schriftsteller, Wladimir Sorokin, eindringliche Worte: „Ich habe den Eindruck, wir treten in die letzte Phase dieses Staates ein. Es erinnert alles an die Agonie eines Todkranken. Ein großer Organismus stirbt und verfällt plötzlich in Aggression, greift nach der Krim, der Ukraine. Wachsende Paranoia, eine große Angst vor der Revolution, vor der fünften Kolonne, vor einem Maidan-Aufstand in Moskau. Man sieht das an den staatlichen Kanälen. Daraus fließt ein unaufhörlicher Strom des Hasses auf den Westen, auf die Ukraine, auf die fünfte Kolonne. Die Russen hatten niemals mit der Ukraine Krieg geführt. Man schießt sich doch ins eigene Knie. Diese Absurdität ist eine von heute.“ Und er ergänzt, selbst Breschnew und Stalin wären geschockt von dem, was da gerade passiert.

Der ideologische Nachfolger dieser Parteisekretäre wagen sich übrigens längst wieder aus der Deckung, wenn am 7. November, dem Tag der Oktoberrevolution, Wjatscheslaw Titkin im Namen des Verbands der sowjetischen Offiziere der Region Wladimir, öffentlich einräumt, russische Soldaten der Reserve kämpften auf der Seite der Volkswehr in Donezk und Lugansk. Sie täten dies, weil die „Ukraine ein gescheiterter Staat ist mit einer Krise in den Köpfen und Seelen eines beträchtlichen Teils der Bevölkerung.“ Und Rußland? – „Das Zentrum der wiedererstehenden UdSSR.“

Man könnte dies als Politfolklore Ewiggestriger abtun. Doch das wäre zu einfach gedacht in einem Staat, dessen Präsident den Zerfall der Sowjetunion als die größte politische Katastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnet, dessen Oberhaupt gerade erst sogar die Werbung für Seperatismus im eigenen Land unter Strafe gestellt und verlustreich Krieg gegen die Abspaltung Tschetscheniens geführt hat. Wie lange scheinen da die dreizehn Jahre zurückzuliegen, als Wladimir Putin im Bundestag zu Berlin auf Deutsch verkündete: „Die Welt befindet sich in einer neuen Etappe ihrer Entwicklung. Wir verstehen: Ohne eine moderne, dauerhafte und standfeste internationale Sicherheitsarchitektur schaffen wir auf diesem Kontinent nie ein Vertrauensklima, und ohne dieses Vertrauensklima ist kein einheitliches Großeuropa möglich. Heute sind wir verpflichtet, zu sagen, daß wir uns von unseren Stereotypen und Ambitionen trennen sollten, um die Sicherheit der Bevölkerung Europas und die der ganzen Welt zusammen zu gewährleisten.“ Und dann unter Beifall der Abgeordneten: „Unter der Wirkung der Entwicklungsgesetze der Informationsgesellschaft konnte die totalitäre stalinistische Ideologie den Ideen der Demokratie und der Freiheit nicht mehr gerecht werden. Der Geist dieser Ideen ergriff die überwiegende Mehrheit der russischen Bürger. Gerade die politische Entscheidung des russischen Volkes ermöglichte es der ehemaligen Führung der UdSSR, diejenigen Beschlüsse zu fassen, die letzten Endes zum Abriß der Berliner Mauer geführt haben. Gerade diese Entscheidung erweiterte mehrfach die Grenzen des europäischen Humanismus, so daß wir behaupten können, daß niemand Rußland jemals wieder in die Vergangenheit zurückführen kann.“

Noch verbindet uns Deutsche und Russen viel mehr als uns trennen würde, vor allem in der Städtepartnerschaft, die sich Tag für Tag neu erfindet. Aber immer mehr politische Akteure lassen den Vorhang fallen, ziehen ihn zu. Noch zieht man die Brücke der Völkerverständigung nicht hoch. Aber Klima und Umfeld werden rauher und unwirtlicher. Es kommt jetzt darauf an, sich jetzt nicht entmutigen zu lassen von denen, die einem den Schneid abkaufen wollen, nicht von der Melancholie in die Depression zu verfallen. Es wird allerdings Courage brauchen, denjenigen in den Arm zu fallen, die schon eifrig für ihre Auftritte vor dem Eisernen Vorhang proben.

Wiktor Jerofejew

Wiktor Jerofejew

Lektüre-Empfehlung dazu das Interview von Wiktor Jerofejew, das der Autor des Romans „Moskauer Schönheit“ dieser Tage dem Sender Echo Moskwy gegeben hat: Jerofejew

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