Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Werner Heider’


Fast ein Jahr ist es her, seit sich Andrej Schewljakow und Dorian Keilhack am Abend des 8. Mai trafen, auf Anhieb eine musikalische Freundschaft eingingen und begeistert die Anregung aufnahmen, zum 35. Jubiläum der Städtepartnerschaft gemeinsam ein Festkonzert zu geben. Auch auf den Termin hatten sich der Multiinstrumentalist aus Wladimir und der Leiter der Camerata Franconia rasch geeinigt, freilich ohne Abstimmung mit der Kanzlei des Kreml, wie Oberbürgermeister Florian Janik bei der Eröffnung des Jubiläumsabends gestern anmerkte, die im Dezember just für den 18. März die Präsidentschaftswahlen ansetzte.

Andrej Schewlajkow, Igor Starowerow, Lydia Wunderlich, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow

Der protokollarische Teil der Veranstaltung nahm denn auch nur wenige Minuten in Anspruch, denn aus gegebenen Gründen konnte keine offizielle Delegation aus der Partnerstadt anreisen. Desto hochrangiger dafür das künstlerische Aufgebot mit dem Musiker und Komponisten, Andrej Schewljakow, mit dem Konzertmeister des Wladimirer Universitätsorchesters, Igor Starowerow, und dem Cellisten, Alexander Tichonow, verstärkt von Lydia Wunderlich, Mitglied der Jenaer Philharmonie in den 2. Violinen, denn es gab ja noch ein zweites Jubiläum zu feiern: zehn Jahre Partnerschaftsdreieck Erlangen-Jena-Wladimir.

Dorian Keilhack, Christian Hilz, Tilmann Stiehler und Eberhard Klemmstein

Vor dem Feiern aber standen – nach Wochen und Monaten des Austausches von Noten und Audiofiles – die Proben, von Donnerstagabend mit den ersten Einstudierungen im Christian-Ernst-Gymnasium über die offenen Proben am Freitag im Wohnstift Rathsberg und das Hauptkonzert dort am Samstagabend bis zur Generalprobe am gestrigen Vormittag im Redoutensaal. Konzentriert und diszipliniert, vor allem aber bestens aufeinander abgestimmt, obwohl doch die häufig noch ganz jungen Mitwirkenden aus einem Dutzend verschiedener Länder kommen, von Venezuela bis Österreich, von Serbien bis Israel. Vielleicht auch deshalb das einhellige Urteil der russischen Gastmusiker: „Es ist als hätten wir schon immer mit diesem Ensemble gespielt. Dieses Orchester besitzt große Klasse, und es ist uns Freude wie Ehre, hier mitzuspielen.“

Alexander Tichonow und Gerhard Rudert

Gerhard Rudert, Kontrabaßist aus Möhrendorf, der mit Alexander Tichonow bereits in den 90er Jahren gemeinsame Konzerte gab und Alben dieser deutsch-russischen Verbindung veröffentlichte, dazu in seiner fränkisch-lapidaren Ausdrucksweise: „Die Camerata ist halt ein Profi-Orchester, und das spürt und hört man.“

Camerata Franconia

In der Tat darf Erlangen stolz sein auf diese musikalische Visitenkarte, die nicht nur höchsten künstlerischen Ansprüchen genügt, sondern auch eindrucksvoll den internationalen Flair der Stadt verkörpert. Und nun auch noch die Verbindung zu Wladimir, wo Dorian Keilhack bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert als Pianist aufgetreten war, ganz in der Tradition seiner Eltern, Dirk und Vivien, die schon 1986 an den Erlanger Kultur- und Sporttagen in der Partnerstadt teilgenommen hatten.

Florian Janik

Oberbürgermeister Florian Janik beschwor denn auch in seiner Ansprache diesen Geist der Verständigung, der sich – unter Anspielung auf die sich weiter zuspitzende politische Gemengelage – nicht nach dem richte, was da gerade in London, Moskau oder Berlin übereinander gesagt werde – und erinnerte an die schweren Zeiten der Anfänge in Zeiten des Kalten Krieges, von denen die Begründer der Städtepartnerschaft, besonders Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Altbürgermeisterin Ursula Rechtenbacher, passend zum musikalischen Abend „ein Lied singen können“.

Redoutensaal

Im Saal war dann übrigens doch mehr Wladimir vertreten, als man meinen möchte: die Athleten, die am Winterwaldlauf teilgenommen hatten, der Photograph Wladimir Fedin, eine Gruppe Austauschstudenten, private Gäste… Vor allem aber natürlich war die Bühne frei für Wladimir, dem der Auftakt des Abends vorbehalten blieb.

Andrej Schewljakow

Andrej Schewljakow hatte zwei Eigenkompositionen mitgebracht, die gestern ihre deutsche Erstaufführung erlebten: „Die Mühle“, ein pointillistisches Werk mit jazzig perlenden Läufen am Flügel, bevor der von Alexander Skrjabin inspirierte Leiter einer eigenen Cross-Over-Combo zur Violine wechselte und seine „Serenade“ vorstellte, eine beschwingt virtuose Hommage an Joseph Haydn, an die das Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur des großen Meisters der Wiener Klassik nahtlos anschließen konnte.

Alexander Tichonow

Wer sein Können am Cello zeigen will, spielt dieses Stück. Entweder man scheitert daran grandios, oder man spielt sich in die Herzen des Publikums. Alexander Tichonow ergriff den Saal von den ersten wuchtigen Takten seines Solos an und riß die Zuhörer mit auf seinem halsbrecherischer Wettlauf über alle Stege hinweg, in einem faszinierenden Wechselspiel mit dem Orchester, wobei man nie so recht hätte zu sagen wissen, wer da wen mehr antreibt, der Solist das Ensemble oder dieses den Cellisten. Wenn aber beide immer wieder am Ende jeden Satzes glücklich-gleichzeitig im harmonisch sich auflösenden Schlußakkord ankommen, ist das besonders dem wachsamen Blickkontakt zwischen Konzertmeisterin Eva Bindere aus Riga und dem zupackenden Tempomacher Tilmann Stiehler, dem Leiter des Erlanger Musikinstituts, zu verdanken.

Andrej Schewljakow, Igor Starowerow, Eva Bindere, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow

Ein strahlender Auftritt unter dem so unangestrengt lächelnden Dirigat von Dorian Keilhack, der keiner großen Gesten und herrischer Einsätze bedarf, um sein Ensemble zu leuchtender Spielkraft zu führen. Auch im zweiten Teil des Konzerts mit der Uraufführung der sechs Chansons von Eberhard Klemmstein mit dem Erlanger Bariton Christian Hilz, die ein nicht minder konzentriertes Musizieren verlangt.

Dmitrij Tichonow, Eberhard Klemmstein, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow

Klar deshalb auch das Urteil von Dmitrij Tichonow, der den Bruder begleitete und ebenfalls bereits in den 90er Jahren in Erlangen auftrat. „Ein ganz außerordentlicher Dirigent, den wir unbedingt auch einmal nach Wladimir einladen müssen. Ein wirklich großer seines Fachs!“ Nun wünscht sich der Pianist zunächst aber Noten von Werner Heider, um sie zu Hause einzustudieren und vielleicht auch einmal selbst wieder in Erlangen zu musizieren .

Udo und Asja Neumann mit Alexander Tichonow

Wer weiß aber heute schon zu sagen, was da alles gestern in Gang kam, welche künstlerische Energie der Abend freisetzte. In jedem Fall war das Festkonzert ein Höhepunkt nicht nur des Jubeljahres, sondern wird weit darüber hinaus seine Wirkung entfalten.

Alexander Tichonow und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß

Übrigens: Auch Eberhard Klemmstein ist Wladimir bereits seit langem verbunden. Bereits 1991 trat er mit seinem Marteau-Ensemble in Wladimir auf und kooperierte mit Eduard Markin und dessen Kammerchor bei Festival des Hörens in Erlangen ein Jahr zuvor. Aber noch ist das Konzert ja nicht am Ende. Man merkt es Dorian Keilhack an, wie sehr er mit der russischen Musik verbunden ist, wenn er auswendig die „Sinfonie classique“ von Sergej Prokofjew dirigiert und durch diese verzauberte Notenwelt gleitet, als wäre es ein Bild von Marc Chagall oder eine Ode an die Freude, wo er weilt, jener sanfte Flügel der Kunst. Und dann als Zugabe eine hauchzarte Ahnung von „Summertime“, ein feinst gewobenes Arrangement von Andrej Schewljakow nach Motiven von George Gershwin, hingebungsvoll interpretiert von Christian Hilz. Beifall, Beifall und nochmals Beifall.

Eberhard Klemmstein, Christian Hilz, Dorian Keilhack und Tilmann Stiehler

Am Ende eines solchen Abends ist der Sparkasse Erlangen ebenso zu danken wie der Bürgerstiftung Erlangen für ihre Unterstützung. Dank all den Gastgebern, die für diese ereignisreichen Tage den Gästen aus aller Welt ihre Türen öffneten, und ein Vergelt’s Gott an Geigenbaumeister Günter H. Lobe auf dessen wundervollen Instrumenten die Musiker aus Wladimir ihr Können zeigen durften.

Read Full Post »


Noch kaum richtig in Erlangen angekommen, fragte Nina Rossijskaja gleich zu Beginn des Stadtrundgangs, ob denn eine Schule hier in der Nähe sei. Als Lehrerin habe sie kaum einen größeren Wunsch. Und so begann denn gestern mittag die kleine Führung für die beiden Besucherinnen aus Wladimir an eher ungewohntem Ort, am Christian-Ernst-Gymnasium, das ja mit seinem Mädchenchor-Austausch die Städtepartnerschaft musikalisch pflegt. Nina Rossijskaja hat sich mit der Reise nach Erlangen so etwas wie einen Lebenstraum erfüllt. 1986 hatte sie gemeinsam mit ihrer damaligen Kommilitonin, Jelena Arsenjewa, als Studentin für das Lehramt mit Hauptfach Deutsch bei den Kultur- und Sporttagen in Wladimir das Jazz-Ensemble Nardis bzw. das Pianistenehepaar Dirk und Vivienne Keilhack sowie den Komponisten Werner Heider betreut. Richtig beflügelt fühlten sich die beiden von dieser sprachlichen wie menschlichen Kulturbegegnung – und bestärkt in ihrem Vorhaben, Deutsch zu ihrem Lebensinhalt zu machen. Und so traten sie denn schon ein Jahr später gemeinsam eine Reise in die DDR an, was damals noch leichter war, als in die BRD zu kommen, trotz der Städtepartnerschaft.

Nina Rossijskaja und Jelena Arsenjewa

Nina Rossijskaja und Jelena Arsenjewa

Aber es sollte lange dauern, bis sie zusammen nach Erlangen kommen würden. Bis heute. Immerhin begleitete Nina Rossijskaja 1996 eine offizielle Delegation aus Susdal nach Rothenburg, und ihre Tochter nach 2006 am Schüleraustausch mit dem Marie-Therese-Gymnasium teil – mit Gegenbesuch der Gastschülerin aus Erlangen in Wladimir. Aber seither hatte sich für die Deutschlehrerin in Bogoljubowo bei Wladimir keine Gelegenheit mehr ergeben. Auch Jelena Arsenjewa, die an der Universität Wladimir Deutsch unterrichtet und auch schon einen Kurs am Erlangen-Haus geleitet hat, ist erst in den letzten Jahren wieder zur Partnerschaft gestoßen, als sie begann, als Dolmetscherin den Austausch zwischen dem Lehrstuhl für Psychologie und der Georg-Simon-Ohm-Hochschule in Sachen Erlebnispädagogik zu unterstützen.

Jelena Arsenjewa und Nina Rossijskaja

Jelena Arsenjewa und Nina Rossijskaja

Erstaunlich, daß es so lange gedauert hat, bis die beiden wieder Anschluß an die Partnerschaft fanden. Aber, was lange währt, wird ja endlich gut. Beide genießen in vollen Zügen, von morgens bis abends Deutsch zu hören, Deutsch zu sprechen – und alles auszuprobieren. Manches eher Ungewohnte wie Kuttelsuppe, manches Kuriose wie 3 im Weckla, immer etwas, das den Horizont erweitert, die deutsche Kultur näherbringt, vor allem auf den Erkundungstouren vom Harz bis nach Bamberg, von Nürnberg bis nach Oberbayern. Nur eines wollen die Freundinnen beim nächsten Mal besser machen: sich für weniger mehr Zeit nehmen. Und vielleicht gelingt es ja sogar, eines Tages auch die Schule von Nina Rossijskaja in den Austausch einzubeziehen. So würde dann aus weniger wieder mehr.

Mehr zu Jelena Arsenjewas Rolle unter: http://is.gd/Ny5HPi

Read Full Post »


„Beim Eintippen des Artikels Der Drache darf nicht siegen habe ich ihn auch gelesen und viele neue Erkenntnisse aus dieser Zeit gewonnen. Was für ein schöner Artikel!“ So das Urteil des Praktikanten Amil Scharifow im Bürgermeister- und Presseamt, dem das Typoskrip des folgenden Zeitzeugnisses zu verdanken ist. Der literarische Bericht über die Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir anno 1986 aus der Feder von Inge Obermayer, abgedruckt erstmals in der Nürnberger Zeitung am 25. Oktober vor 26 Jahren, vermittelt in schönen Bildern, was damals an Vertrauensarbeit geleistet wurde, ohne die all das, worauf wir heute in der Partnerschaft so stolz sind, nicht möglich wäre. Der heutige Weltfriedenstag – möge nie mehr von deutschem Boden aus „zurückgeschossen“ werden wie am 1. September 1939! – bietet den gebührenden Rahmen, um zu würdigen, was dieses Werk der Versöhnung und Verständigung alles möglich gemacht hat.

Inge Obermayer mit Büchern ihrer Autorenkollegen aus Wladimir

Inge Obermayer mit Büchern ihrer Autorenkollegen aus Wladimir

„Die Städtefreundschaft zwischen Wladimir und Erlangen soll zu Frieden und Entspannung beitragen. Sie kann nur in einer Atmosphäre des Friedens gedeihen. Das Wettrüsten und die Militarisierung des Weltraums machen den Frieden nicht sicherer, sondern gefährden ihn. Immer mehr Menschen in West und Ost fühlen sich durch diese Entwicklung bedroht. Sie fordern eine Politik, die auf Verständigung, Vertrauen und gewaltfreie Konfliktregelung gerichtet ist. Sicherheit ist nicht gegeneinander, sondern nur miteinander möglich. Wir, die Repräsentanten unserer Städte Wladimir und Erlangen, haben den festen Willen, einen Beitrag für Frieden und Verständigung zu leisten.“

Das sind Ausschnitte aus der Deklaration, die im September, während in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage stattfanden, Vertreter der beiden Städte unterzeichneten. Unsere Mitarbeiterin Inge Obermayer schildert die Eindrücke, die sie während dieser Zeit in Wladimir erlebte.

Engel von Igor Tschernoglasow im Skulpturengarten Tennenlohe

Engel von Igor Tschernoglasow im Skulpturengarten Tennenlohe, 2006

Die Sonne scheint, der blaue Himmel ist wolkenlos. Es ist ein Spätsommertag, die Blätter beginnen, sich herbstlich zu färben. Auf dem Hügel über der breit und träge dahinfließenden Kljasma weht ein leichter Wind.

1194 bis 1197 ließ der Großfürst Wsewolod III. hier eine Kathedrale errichten, die dem heiligen Demetrios von Saloniki geweiht wurde. Nach der Oktoberrevolution wurde die Kathedrale als Baudenkmal von besonderer historischer Bedeutung für das ganze Land unter staatlichen Schutz gestellt. Im August und September 1941, als die deutschen Truppen Richtung Moskau vorrückten, wurde der Einsturz der Demetrios-Kathedrale durch das Einziehen eines Stahlbetonringes in das gesamte Mauerwerk verhindert.

Dialog von Igor Tschernoglasow in Tennenlohe

Dialog von Igor Tschernoglasow in Tennenlohe, 2005

Mit den Fingerspitzen berühre ich die alte Mauer. Über mir an den Fassaden erwürgt Herakles, aus weißem Kalkstein gehauen, das unverwundbare Ungeheuer, den Nemëischen Löwen, besingt David die Schönheit der Welt, schnäbeln sich riesige Urvögel. Unter dem Kreuz auf der goldglänzenden Kuppel ist ein Halbmond zu erkennen. Symbol für das besiegte Heidentum?

Ich gehe die paar Schritte zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Sie gehört zu den beiden „offenen“ Kirchen in Wladimir, das heißt, in ihnen werden Gottesdienste abgehalten. In der Diözese sind 51 Kirchen offen. Fünf Geistliche sind an der Kathedrale tätig. Die Baptisten in Wladimir haben ein Bethaus, aber keinen ständigen Geistlichen.

Dialog von Igor Tschernoglasow in Tennenlohe

Dialog von Igor Tschernoglasow in Tennenlohe, 2005

Die Erlanger treffen mit Vertretern der „Gesellschaft zur Förderung der Beziehung zwischen der UdSSR und der BRD“ zusammen. Die Wladimirer Abteilung wurde erst im Januar 1986 gegründet, sie hat bereits 5.000 Mitglieder. Die Erlanger berichten unter anderem über die Gruppe „Christen für den Frieden“ und deren Fragen, die sie mit auf den Weg nach Rußland gegeben haben: „Warum gibt es soviel Mißtrauen auf der Welt?“ „Wie ist der Widerspruch zwischen den Worten und Taten zu lösen?“ Freilich können an diesem Vormittag und  in dieser Runde die Probleme nicht gelöst werden. Doch die Wladimirer und die Erlanger, die sich am Tisch gegenübersitzen, sind sich einig; „Wir müssen alle viel lernen, um unser eigenes Zeitalter zu erkennen, wir müssen etwas tun für die Veränderung des Bewußtseins“.

Vom 7. bis 13. September finden hier in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage statt. Techniker, Bühnenarbeiter, Puppenspieler, Schauspieler, Schachspieler, Sportler, Maler, Fotografen, Musiker, Schriftsteller, Stadträte (der SPD, CSU, Grünen Liste, FDP/FWG), der Oberbürgermeister, der Kulturdezernent und eine Professorin bevölkern die Straße der russischen Stadt.

Ring der Freundschaft 1

Es gibt Schachturniere, Schautanzen, Trampolinspringen, Volleyballspiele. Schwimmwettkämpfe (nun weiß ich, was die Erlanger für gute Schwimmer sind!). Im Kulturhaus des Traktorenwerkes bestreiten das Tanzensemble Wladimirez und der Erlanger Hausmusikkreis ein Programm. Im Kulturpalast des Chemiewerkes werden Jazz- und Rockmusikern – Nardis und E-Werk Band – nach den Konzerten ihre Schallplatten aus den Händen gerissen. Im Park vor dem neuen Stadtbrunnen bestaunen 10.000 Besucher das Feuerwerkspektakel des Mechelwinder Figurentheaters. „Mehr gelbe Lichter, mehr blaue“, rufen die Kinder begeistert und wollen nicht, daß der Drache siegt.

Im Theater gibt es viel Szenenapplaus für Helmut Ruges Hugenottenspiel „Babette“. In der Ausstellung umringt eine ganze Schulklasse den Maler Christian Manhart, im Nu sind die Kataloge vergriffen. In der Bildergalerie konzertieren Vivienne und Dirk Keilhack, das Kammernmusikensemble der „Villa Marteau“ und Werner Heider, der seine eigenen Werke, wie „Modi“, „Landschaftpartitur“ und „Adamah“ spielt.

Übrigens: In der Erlanger Kulturwerkstatt, dem Kommunalen Modellversuch zur Erschließung neuer Arbeitsfelder, herrschte bereits im August Hochbetrieb. Zwei Sattelschlepper einer russischen Speditionsfirma mußten beladen werden. Mit den Bühnenbildern für die Stücke, mit Musikinstrumenten, Feuerwerkskörpern, Trampolinen, Bildern, Werkzeugen. Allein 15 Kisten wurden gebaut, über 100 Frachtlisten erstellt.

Wladimir – der historische Kern steht unter Denkmalschutz –  ist eine Großstadt mit 360.000 Einwohnern. 50 Produktionsstätten liefern unter anderem Traktoren, Autozubehör, Elektromotoren, Möbel, Klaviere und Uhren. Die Pädagogische und die Polytechnische Hochschule besuchen insgesamt 17.000 Studenten. In den beiden Theatern proben die Schauspieler augenblicklich Stücke von Majakowskij, Tschechow und Gogol.

Ring der Freundschaft

Ring der Freundschaft

Ich schlendere an den grasbewachsenen Festungswällen vorbei unter Kiefern und Birken. Meine Tage sind ausgefüllt. Vor dem Hochzeitspalast steht eine schwarze Limousine, ihr Dach ist mit zwei übergroßen goldenen Eheringen geschmückt. Die junge Braut trägt ein langes weißes Spitzenkleid, im Arm hält sie den dunkelroten Rosenstrauß. Zu den Klängen des Hochzeitsmarsches wird sie getraut.

Im „Dienstleistungsbetrieb“ ist Modenschau. Sehr beliebt, so ist zu erfahren, sei in letzter Zeit „der sogenannte sachliche Stil“, Rock, Jacke und Bluse. Die Mannequins schweben auf hochhackigen Schuhen über den Laufsteg. Chic sind sie, im wadenlangen rotweißschwarz karierten Rock. Den Männern, so heißt es, „bieten wir anstelle der traditionellen Jacken die lockere Form von Pullovern an“, und „mit dem wachsenden Wohlstand bekommen wir mehr Aufträge für Abendkleider, für Frack und Smoking“. In dem Betrieb kann man sich auch eine Datscha kaufen, mehrere stehen zur Auswahl bereit, kosten zwischen 900 und 3.000 Rubel, Lieferzeit drei Monate.

Das zehn Jahre alte Staatsgut Teplitschnyj versorgt die Stadt mit 15 Sorten Gemüse wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Paprika, Petersilie, Weißkohl, 8.000 Tonnen pro Jahr. Seit fünf Jahren verwendet man keine Pestizide mehr, Schädlinge werden biologisch bekämpft. 600 Beschäftigte arbeiten auf dem Gut, unter ihnen 17 Agronomen und 17 Ingenieure.

Die Schüler und Schülerinnen in der Schule Nr. 25 haben gerade ihre siebte Deutschstunde. Die Buben tragen dunkelblaue Anzüge, die Mädchen dunkelbraune Kleider mit schwarzen, rüschengeschmückten Schürzen. „Auf Wiedersehen“, lachen sie alle. Die deutsche Abteilung in der Gebietsbibliothek umfaßt 6.000 Bände. Swetlana hat Paprika, Tomaten und Pilze gekocht, Fleisch gebraten. Gemütlich ist es bei ihr, ich fühle mich daheim. „Iß, iß!“ Immer mehr Süßigkeiten kommen auf den Tisch. „Gibt es wirklich soviel Türken bei euch? Warum?“, wollen ihre Freunde wissen.

„Mit zwei Jugendlichen“, sagt der selbstbewußte junge Musiker, „habe ich mich auf’m Zimmer unterhalten, einfach so über alles, über Musik, und wie wir leben und über Politik. War bisher das Tollste!“

Beeindruckt haben den Schauspieler zwei russische Touristen in der Hoteldisco. „Mit Händen und Füßen, etwas Russisch, etwas Deutsch haben wir gesprochen. Und ich bekam sogar ein Geschenk.“ Sie schenken von Herzen, die Wladimirer, eine bemalte Dose, eine Schallplatte, Parfüm oder einen Talisman, den seine Trägerin seit elf Jahren trug, ehe sie ihn der Erlangerin in die Hand gab. Immer größer, immer sicherer werden die Schritte zur Partnerschaft, die im Frühjahr 1987 in Erlangen besiegelt werden soll.

Während der Kulturtage arbeiten Erlanger und Waldimirer an einer gemeinsamen Deklaration. Manchmal wird um die richtige Formulierung gerungen. Warum, wundern sich die Russen, wollen die Erlanger nicht für den Frieden kämpfen? Sie ließen es sich erklären und verstanden, daß Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels „Totaler Krieg“ die Bedeutung des Wortes prägten, es unbenutzbar machten. Im Russischen heißt kämpfen soviel wie sich bemühen, miteinander arbeiten, sich für etwas einsetzen. Man kämpft auch um eine gute Schulnote. Am Abschiedsabend verlesen die beiden Oberbürgermeister die Deklaration und der Beifall will nicht enden.

Ring der Freundschaft

Ring der Freundschaft

Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos. Immer noch weht ein leichter Wind. Ein paar Saatkrähen krächzen um die weißen Mauern der Demetrios-Kathedrale.

Inge Obermayer, NZ vom 25.10.1986

Mehr zu Inge Obermayer unter http://is.gd/vDk99d und http://is.gd/Dos629

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: