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Posts Tagged ‘Wera Sorina’


Frauen hatten in der Wladimirer Lokalpolitik in den vergangenen drei Jahrzehnten, also zumindest so weit, wie das Gedächtnis der Städtepartnerschaft zurückreicht, immer eine starke Stellung. Man denke an Wera Sorina, Jelena Potapowa, Wera Guskowa, Galina Kotschetkowa und Jelena Owtschinnikowa als Bürgermeisterinnen oder an Margarita Malachowa, die langjährige Vorsitzende des Stadtrats. Seit gestern nun ist auch die Stadtspitze weiblich. Zumindest zur Hälfte.

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Olga Dejewa

Wladimir wird nämlich, wie schon viereinhalb Jahre vorher, die nächsten fünf Jahre erneut von einem Tandem regiert, der gestern vom Stadtrat aus seiner Mitte gewählten Olga Dejewa und dem in der konstituierenden Sitzung des Gremiums im Amt bestätigten Stadtdirektor, Andrej Schochin, beide Mitglieder der Mehrheitsfraktion, Einiges Rußland, die bei der kommunalen Abstimmung am 13. September 26 der 35 Sitze gewonnen hatte.

Olga Dejewa und Andrej Schochin, das neue Führungstandem gestern nach der Wahl

Olga Dejewa und Andrej Schochin, das neue Führungstandem gestern nach der Wahl

Auf erste Fragen der Journalisten nach der Arbeitsteilung und Hierarchie erwiderte der bewährte City-Manager nicht ohne Humor: „Olga Dejewa ist nach der Satzung des Stadtrates unser Stadtoberhaupt und die oberste Repräsentatin Wladimirs, während ich für das Fegen der Stadt zuständig bin, für das Aufräumen. Ich weiß nicht, wer für wen wichtiger ist. Wir haben nicht zu definieren vor, wer von uns wichtiger sei. Wichtig ist für uns nur, zusammenzuarbeiten.“

Olga Dejewa, Elisabeth Preuß und Jelena Owtschinnikowa

Olga Dejewa, Elisabeth Preuß und Jelena Owtschinnikowa

Die Zusammenarbeit mit Erlangen ist Olga Dejewa jedenfalls vertraut. Seit vier Jahren leitet die 1958 geborene Politikerin das Sozialwerk der Partnerstadt und hat ehrenamtlich, unterstützt durch den Erlanger Förderverein, mit großem Erfolg den Ortsverband des Russischen Roten Kreuzes reaktiviert. Daneben – ebenfalls in ihrer Freizeit – engagierte sie sich in der Zivilgesellschaftlichen Kammer der Region Wladimir und vertritt diese sogar auf föderaler Ebene. Mit all diesen Erfahrungen kennt die studierte Wirtschafts- und Finanzwissenschaftlerin die Sorgen und Nöte der Bevölkerung wie kaum jemand und verfügt sicher über die notwendige Kompetenz, um die Partnerstadt zu regieren. Nur an der Zeit wird es ihr fehlen, denn auch ihr neues Amt als Vorsitzende des Stadtrates und protokollarische Chefin Wladimirs soll sie – so beschlossen vom vorhergehenden Stadtrat in dessen letzter Sitzung – ebenfalls ehrenamtlich bekleiden, also vor Dienstbeginn im Sozialwerk um 9.00 Uhr und nach 17.00 Uhr, sprich: am Feierabend und am Wochenende. Ob eine derartige Belastung den Praxistest besteht, wird sich weisen. Olga Dejewa jedenfalls will sich der Herausforderung stellen.

Jelena Owtschinnikowa, Melitta Schön und Olga Dejewa

Jelena Owtschinnikowa, Melitta Schön und Olga Dejewa

Florian Janik, gratulierte seiner neuen Kollegin und Andrej Schochin bereits zur Wahl und lud beide ein, möglichst bald die deutsche Partnerstadt zu besuchen. Aber Erlangens Oberbürgermeister dankte auch Sergej Sacharow, der sich nach viereinhalb Jahren im Amt des Stadtoberhaupts nicht mehr zur Wahl gestellt hatte, in einem Schreiben für die erfolgreiche Zusammenarbeit vor allem im Bereich der Zivilgesellschaft und des Jugendaustausches. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen, komme ja, so Florian Janik, dem internationalen Miteinander auf kommunaler Ebene eine besondere Bedeutung zu. Das wissen auch Olga Dejewa und Andrej Schochin, die beide für die Kontinuität des partnerschaftlichen Gebens und Nehmens stehen. Und das ist schön zu wissen.

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Heide Mattischek, langjähriges Mitglied des Erlanger Stadtrates und Bundestagsabgeordnete, gehört zum innersten Kreis derer, die vor 30 Jahren die Städtepartnerschaft mit Wladimir begründet haben und begleitet bis heute wohlwollend kritisch den Austausch. Ihre Teilnahme an der Bürgerreise zum dreißigjährigen Jubiläum Ende Mai / Anfang Juni schlug denn auch eine Brücke zwischen Damals und Heute. Von besonderem Wert deshalb ihre Einschätzung der Partnerschaft und ihr Ausblick auf die Zukunft.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck und Siegfried Balleis in Wladimir 2013

30 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir – das ist eine Erfolgsgeschichte. Als 1981 der damalige Oberbürgermeister, Dr. Dietmar Hahlweg, bei einem Autorentreffen in Moskau seine Idee von einer Partnerschaft Erlangens mit einer sowjetischen Stadt äußerte, hat sich niemand auch nur ansatzweise vorstellen können, was aus dieser damals mutigen Initiative einmal werden würde. Zu dieser Zeit gab es lediglich zwei Städte in der Bundesrepublik, die Kontakte zu Städten in der Sowjetunion geknüpft hatten. Das waren Hamburg und Saarbrücken – erstere zu Leningrad (heute wieder St. Petersburg), letztere zu Tbilisi in der damaligen Sowjetrepublik Georgien.

Dietmar Hahlwegs Motivation war geprägt von der Ostpolitik Willy Brandts „Wandel durch Annäherung“. Diese Annäherung hatte sich seit dem sogenannten „Nato-Doppelbeschluß“ im Jahre 1979 wieder verschlechtert. Von daher war die Bemühung um eine Städtepartnerschaft mit einer sowjetischen Stadt der Versuch, durch „Volksdiplomatie“ zwischen Kommunen und ihren Bürgerinnen und Bürgern Kontakte zu knüpfen.

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck, 1983

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck, 1983

Die Initiative der Stadtspitze Erlangens – auch über die deutsche Botschaft in Moskau – hatte Erfolg. Es war natürlich keine Rede davon, Erlangen in der UdSSR eine Stadt aussuchen zu lassen. Die Wahl der Verantwortlichen in Moskau fiel – aus welchen Gründen auch immer – auf Wladimir. Diese Stadt am „Goldenen Ring“ war damals nur wenigen, an russischer Geschichte und Kultur Interessierten ein Begriff. So hatte 1981 eine VHS-Reisegruppe unter der Leitung von Klaus Wrobel auf einer Rundreise auch Wladimir besucht und konnte viel Positives berichten.

Nicht nur die Mitglieder der ersten offiziellen Delegation (Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Stadtrat Claus Uhl, FDP, Stadträtin Heide Mattischeck, SPD, und Peter Millian von den Erlanger Nachrichten), die sich im Sommer 1983 auf den Weg nach Osten machten, waren gespannt, wie man sie in Wladimir empfangen werde. Auch für die Offiziellen dort war dieser Besuch aus der Bundesrepublik durchaus „unbekanntes Gelände“.

Heide Mattischeck mit Wera Sorina, Michail Swonarjow, Claus Uhl, Mira Woronitschewa, Dietmar Hahlweg, Jurij Fjodorow

Heide Mattischeck mit Wera Sorina, Michail Swonarjow, Claus Uhl, Mira Woronitschewa, Dietmar Hahlweg (stehend), Jurij Fjodorow und Igor Iwanow (in der Hocke) 1983

Umso größer war unsere Erleichterung über den herzlichen Empfang schon in Moskau. Die zweite Bürgermeisterin, Wera Sorina, begrüßte uns gleich nach der Landung noch im Flugzeug. Da der Autoverkehr in jener Zeit mit dem heutigen nicht vergleichbar war, erreichten die Erlanger die künftige Partnerstadt in wesentlich kürzerer Zeit. als das heute möglich ist.

Dort wurden wir von Oberbürgermeister Michail Swonarjow und zahlreichen Vertretern der Stadt und der Partei, der KPdSU, im Rathaus empfangen. Nach alter russischer Sitte überreichte man uns Brot und Salz. Natürlich waren beide Seiten etwas befangen, – aber wir hatten dennoch den Eindruck, willkommen zu sein.

Auch wenn es „nur“ um erste Kontakte zwischen zwei Städten ging, hatte dieser Besuch aus Erlangen in einer Stadt in der Sowjetunion wohl auch Bedeutung darüber hinaus. Und so hatten denn auch die Gastgeber in Wladimir alles getan, um den Besuch aus der BRD zu einem Erfolg zu machen. Man zeigte uns voller Stolz alle Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wunderschönen Kathedralen, das Traktorenwerk, die Nachbarstadt Susdal mit ihren vielen Klöstern, Erholungseinrichtungen im Umland und vieles andere mehr. Und man verwöhnte uns nicht nur kulinarisch, sondern auch mit kulturellen Highlights wie Musik- und Tanzveranstaltungen.

Picknick

Picknick mit Michail Swonarjow, Wera Sorina, Mira Woronitschewa, Heide Mattischeck, Dietmar Hahlweg, Jurij Fjodorow und Claus Uhl, Wladimir 1983

Schon nach kurzer Zeit entstand trotz sprachlicher Probleme, die zu überwinden uns die Übersetzerin Mira Woronitschewa hervorragend geholfen hat, auch eine durchaus persönliche Sympathie. Es blieb nicht aus, auch Gespräche über den schrecklichen 2. Weltkrieg zu führen. Dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die UdSSR im Jahr 1941 sind mehr als 20 Millionen Menschen in der Sowjetunion – Soldaten und Zivilisten – zum Opfer gefallen. Es stellte sich heraus, nicht nur die Familie von Bürgermeister Swonarjow war unmittelbar davon betroffen, sondern auch auf Seiten der Delegation war der Verlust von Angehörigen zu beklagen. Diese gemeinsame Erfahrung verband uns – ohne Schuldzuweisung.

Und so ist es für mich ein gutes Gefühl, noch heute mit Menschen, die ich damals kennengelernt habe, bis heute einen guten und treuen Kontakt zu haben: Zu Jurij Fjodorow, der damals die „rechte Hand“ von Bürgermeister Michail Swonarjow war, und zu Mira, unserer kompetenten und aufmerksamen Dolmetscherin unter nicht einfachen Bedingungen. Was 1983 nicht vorstellbar war, nämlich private Einladungen in die Familien, ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Beziehungen zwischen unseren beiden Städten.

Peter Steger hat in einer kleinen Broschüre zum dreißigjährigen Jubiläum aufgelistet, wie sich die Partnerschaftsbeziehung zwischen Wladimir und Erlangen entwickelt hat. Entsprechend dem „Fünfjahresplan“ für Kultur-, Sport- und Jugendaustausch, der 1983 unterzeichnet worden war, lag der Schwerpunkt der Aktivitäten in den ersten Jahren in diesem Bereich. Kulturelle und sportliche Höhepunkte, die uns Wladimirer Gruppen nach Erlangen brachten, machten viele Bürgerinnen und Bürger in Erlangen neugierig auf die neue Partnerstadt. In den darauf folgenden Jahren des gewaltigen politischen Umbruchs in der Sowjetunion gab es in Erlangen eine große Welle der Hilfsbereitschaft, nicht nur von Seiten der Stadt, auch von Firmen und Organisationen und vor allem private Initiativen. Wir wären jedoch gut beraten, wenn wir mit dem Verweis darauf zurückhaltend umgehen würden.

Die Auflistung aller Aktivitäten von so unterschiedlichen Akteuren wie dem Fraunhofer Institut und der Barmherzigen Brüder in Gremsdorf, dem Kreisverband Erlangen-Höchstadt des BRK und der Veteranen ist ein beredter Beweis für die Lebendigkeit dieser Partnerschaftsbeziehung. Wenn 200 Bürgerinnen und Bürger zum Jubiläumsfest nach Wladimir anreisen, spricht das für das weiterhin große Interesse an der Beziehung zu Wladimir. Auch wenn das Programm in Wladimir vorbereitet wurde, so war es doch für Peter Steger sowie für Doris Hinderer und Silvia Klein, die ihn tatkräftig unterstützt haben, ein Kraftakt, die Erlanger Gruppe zu betreuen. Immer waren es die drei, die angesprochen wurden, wenn Hilfe gefragt war. Die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft war in unserem Hotel leider nur eingeschränkt zu spüren.

Mir ist erneut deutlich geworden, wie wichtig es ist, für solche Großveranstaltungen mit der Unterstützung der vielen Vereine, Organisationen und Initiativen rechnen zu können. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement ist in der Russischen Föderation (noch) nicht sehr stark ausgeprägt. Wie notwendig die Unterstützung von derartigen Initiativen ist, wird am Beispiel des Roten Kreuzes in Wladimir deutlich. Eine lebendige Demokratie braucht Parteien und Gewerkschaften, aber auch Bürgerinnen und Bürger, die sich darüber hinaus für das Gemeinwohl engagieren, sich für soziale Einrichtungen, für die Umwelt und für Menschenrechte einsetzen.

Es wäre schön gewesen, wenn wir während des Partnerschaftsjubiläums mit dem Oberbürgermeister und gewählten Stadtvertretern  darüber hätten sprechen können. Dazu gab es leider keine Gelegenheit. Wohl gab es Treffen der beiden Oberbürgermeister, aber ein Gespräch der offiziellen Delegation aus Erlangen mit verantwortlichen Stadtvertretern war nicht vorgesehen. Gegenstand des Gesprächs hätten die positive Bilanz der 30 Jahre sein können, aber auch die Schwerpunkte der Zusammenarbeit in den kommenden 10 Jahren.

Auch  im Rahmen einer Städtepartnerschaft sollte ein Austausch von unterschiedlichen politischen Meinungen möglich sein. Das im vergangenen Jahr in Moskau beschlossene sogenannte „Agentengesetz“, mit dem die Unterstützung kritischer Initiativen aus dem Ausland verboten wurde, hat doch wohl auch in Wladimir Konsequenzen. Mich hätte die Meinung der Wladimirer dazu interessiert  – und ob das Gesetz dort direkte Auswirkungen hat. Unter Freunden sollte man auch kontroverse Sachverhalte besprechen können. Wenn zum Beispiel ein Mitglied von Amnesty International Erlangen kein Einreisevisum mehr bekommt. Ganz sicher keine Entscheidung, die in Wladimir gefällt wurde.

Ich habe keine Sorge: Die Partnerschaft wird weiter blühen und gedeihen und, wo möglich und nötig, noch vertieft werden. Dazu beitragen kann meines Erachtens ein verstärkter Schüleraustausch, so schwierig das auch immer sein mag.

Silvia Klein und Doris Hinderer in Wladimir

Silvia Klein und Doris Hinderer in Wladimir

Ich will an dieser Stelle noch einmal Peter Steger danken, der zusammen mit Doris Hinderer und Silvia Klein bei der Vorbereitung und der Durchführung dieses Großereignisses wieder alles gegeben hat.

Heide Mattischeck

Zwei Anmerkungen seien gestattet: Die Diskussion mit Stadträten wird baldmöglichst nachgeholt. Wladimirs Oberbürgermeister Sergej Sacharow hat bereits angekündigt, eine kleine Delegation der gewählten Volksvertreter nach Erlangen zu entsenden. Der Fall der Einreiseverweigerung, tatsächlich nicht von Wladimir zu verantworten, ist nach wie vor Gegenstand diplomatischer Verhandlungen auf Ebene der deutschen Botschaft in Moskau.

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Helmut Wehrfritz

Der Schüleraustausch gehört heute zum Standardprogramm, ohne das die Partnerschaft nicht mehr zu denken wäre. Marie-Therese-Gymnasium, Emmy-Noether-Gymnasium, Fridericianum, neuerdings auch die Waldorfschule und die Heinrich-Kirchner-Schule pflegen diese Kontakte mit großer Sorgfalt und viel Erfolg, wovon der Blog immer wieder mit Freude berichten kann. Doch wie hat das alles begonnen? In Erlangen hat die Wirtschaftsschule mit ihrem damaligen Leiter, Dieter Wolz, schon Mitte der 80er Jahre erste Verbindungen zu Wladimir aufgenommen, doch den eigentlichen Austausch aufzunehmen, blieb seinem Nachfolger, Helmut Wehrfritz vorbehalten. Vorgesehen für die Begegnungen war zwar ursprünglich einmal das Ohm-Gymnasium, das damals noch Russisch als Wahlfach anbot, aber es sollte anders kommen, und so war es die Städtische Wirtschaftsschule, die von 1991 bis 1995 die Verbindung zur Partnerstadt hielt. Als treibende Kräfte wirkten der Sportlehrer Horst Frank und natürlich Helmut Wehrfritz, der selbst drei Mal die Gruppen aus Erlangen nach Wladimir begleitete – das erste Mal noch von „Sputnik“ organisiert, zusammen mit 15 Mädchen und per Bahn mit Halt in Leningrad und Moskau. Anlaufstelle in Wladimir war zunächst die Schule Nr. 14 ganz in der Nähe des Erlangen-Hauses, später wechselte man zur Schule Nr. 32. Mit einem Teil seiner Kollegen steht Helmut Wehrfritz bis heute in Kontakt, aber der offizielle Austausch endete 1995, weil es immer schwieriger wurde, die Eltern vom Sinn eines Austausches mit einem Land zu überzeugen, das nur mit Krisen, Katastrophen und Kriminalität in Verbindung gebracht wurde, und weil sich auch bei der Partnerschule Prioritäten änderten. Schade, jammerschade. Immerhin aber haben ja andere Schulen in Erlangen den Stab aufgenommen, und, wer weiß schon, vielleicht ergibt sich eines Tages auch für die Wirtschaftsschule ein Neuanfang im Austausch mit Wladimir. Helmut Wehrfritz jedenfalls, von 1986 bis 2003 Schulleiter, möchte schon noch einmal Wladimir, um die alten Freunde zu besuchen und endlich auch das Erlangen-Haus zu sehen, das er nur als Bauruine im Gedächtnis hat. Gut, daß seine Erinnerungen an den Austausch in den Jahresberichten festgehalten ist, die wir heute im Blog vorstellen:

Ein Hauch von Abenteuerlust überkam mich schon, als wir am Sonntag, den 12. Mai 1991 in Erlangen in den Zug einstiegen. Etwa 50 Stunden in der Eisenbahn lagen bis zur Ankunft in Moskau vor uns! Wird alles gutgehen? Spätestens ab dem freundlichen Empfang am Kiewer Bahnhof in Moskau war uns klar, daß wir aufs beste betreut werden.

Nach zwei Tagen Hotelaufenthalt in Moskau und vielen Eindrücken (Kreml, Staatszirkus, Kaufhaus GUM) steuerten wir mit dem Bus die Stadt Wladimir an. Als wir in den Schulhof der 14. Schule einbogen, wurden wir von unseren Gasteltern schon erwartet. Die Fernsehkameras surrten, und Schülerinnen in feierlichen Trachten reichten Brot und Salz zur Begrüßung nach alter russischer Sitte.

Dann wurde es aufregend. Wie und vor allem auch bei wem werden wir wohl untergebracht werden? Am nächsten Morgen gab es da viel zu erzählen: Meine Framilie spricht weder Deutsch noch Englisch… Bei uns ist die Wasserleitung kaputt… Alles wird für mich erledigt, auch das Schuheputzen… Meine „Mutter ist ja so nett zu mir… Zum Frühstück gab’s Fleisch, Kartoffeln und Paprika… Alle Wünsche werden mir von den Augen abgelesen…

Ja, das Beeindruckendste war wohl die unbeschreiblich herzliche Gastfreundschaft, die jeder von uns auf irgendeine Weise erfahren hat. Wir haben viel dabei gelernt: Zum Beispiel, daß man sich auch ohne Worte verständigen – und vor allem verstehen kann. Und vielleicht auch, daß Völkerverständigung am besten ganz unten bei den einzelnen Menschen anfängt. Nun freuen wir uns auf den Gegenbesuch im Oktober in Erlangen. Hoffentlich erleben unsere neuen Freunde dann bei uns auch so viel Gutes und Schönes.

Helmut Wehrfritz, 1990/91

Wladimir ist eine Reise wert

Das Titelbild unseres Jahresberichts – nach einer Idee von Mechthild Klein, Kunsterzieherin an der Wirtschaftsschule, von unserer Regina Knauer gestaltet – ist bewußt gewählt: Das Schuljahr 1991/92 war geprägt von herzlichen Begegnungen mit vielen neugewonnenen Bekannten und Freunden aus Wladimir.

Wera Sorina

Bereits im Herbst 1985 hatten erstmals Schüler und Lehrer der Wirtschaftsschule zusammen mit mehreren Erlanger Stadträten Wladimir besucht. Ein richtiger Gegenbesuch war zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich, aber die damalige Bürgermeisterin, Wera Sorina, hat unserer Schule in den darauffolgenden Jahren zweimal einen Besuch abgestattet. Als es dann im Schuljahr 1990/91 zum ersten wirklichen Austausch von Schülern kam, haben wir es uns an der Wirtschaftsschule nicht nehmen lassen, die ersten zu sein. Inzwischen waren bereits vier Gruppen von jeweils 15 bis 20 Schülern in Wladimir und ebensoviele russische Gäste bei uns gewesen. Und zur Zeit läuft sogar ein erster Austausch von Lehrern und Schülereltern mit der Schule Nr. 32 in Wladimir.

Ein fulminanter Höhepunkt wurde jetzt in den ersten zwei Juliwochen gesetzt: 45 Schüler und Lehrer aus Wladimir besuchten uns in Erlangen. Im Rahmen eines Projekts haben während dieser Zeit alle 22 Klassen der Wirtschaftsschule versucht, jeweils in Teilaspekten der Lebensweise, Kultur und Gesellschaft der ehemaligen UdSSR näherzukommen. Die Gäste aus Wladimir haben sich mit Rat und Tat daran beteiligt.

Zum überwiegenden Teil fielen unsere Fahrten bisher in die Ferien, und so soll es auch bleiben, damit Unterrichtsausfälle in Grenzen gehalten werden. Im übrigen: Die ausgefallene Unterrichtszeit wird wohl reichlich wettgemacht durch die zahlreichen Eindrücke und Erfahrungen, die herzliche Gastfreundschaft, das Sich-Verstehen – auch dann, wenn die Verständigung holprig ist – und vieles mehr. Schon Goethe wußte: Die beste Bildung lernt der Mensch auf Reisen.

Helmut Wehrfritz 1991/92

Bericht über den Lehreraustausch mit Wladimir

(…) Am 7. September flogen dreizehn Lehrer und Eltern von Schülern der Städtischen Wirtschaftsschule unter Leitung von Studiendirektor Reinhard Kaller und dem Organisator, Oberstudienrat Horst Frank, von Nürnberg über Frankfurt nach Moskau. Dort wurden wir schon sehnlichst von unseren russischen Lehrern erwartet. Mit einem alten Bus ging es in unsere Partnerstadt Wladimir, wo jeder von uns herzlichste Aufnahme in der Gastfamilie fand. Einer erwischte es besser, der andere etwas schlechter, aber die kleinen Probleme wurden durch die überaus herzliche Gastfreundschaft aufgehoben.

In den folgenden Tagen lernten wir Wladimir und seine Umgebung näher kennen. So konnten wir viel über Land und Leute erfahren, über die verschiedenen Schulsysteme und über die aktuellen Probleme des Landes wurde uns berichtet. Jeder konnte versuchen, sich ein eigenes Bild zu formen. Einige unserer Lehrer interessierten sich Geschichte, Geographie, Kultur, Sport oder Sitten und Bräuche. Für jeden hielten unsere Gastgeber etwas bereit. (…)

Glaskunst aus Gus-Chrustalnyj

Ein Ausflug nach Gus-Chrustalnyj bescherte uns zwei Museen mit Glaskunst. Auch hier gibt es ausgezeichnete Künstler. Ein Besuch in einer Glasbläserfabrik verdeutlichte, daß die Industrie noch viele Probleme zu lösen hat, wie z.B. im Bereich Arbeits- oder Umweltschutz. Eine Übernachtung in dieser Stadt in einem Jugendcamp war für viele ein gewagtes Abenteuer, denn die hygienischen Verhältnisse waren alles andere als gut. Aber wir feierten einen Geburtstag einer unserer Gastgeberinnen, und so kamen wir kaum zum Schlafen. Am nächsten Morgen sah die Welt schon wieder anders aus, und wir spielten Volleyball oder Badminton. Ein kurzer Besuch in einer Sanddornfabrik folge. Viele Kollegen kauften die heilsamen Getränke, um von Krankheiten verschont zu bleiben. So manche Flasche wurde nach Deutschland mitgeschleppt. Ein weiteres großes Erlebnis waren ein Nachmittag und Abend in einem russischen Landhaus. Ein Bus sollte uns dorthin bringen. Aber leider ließ der Bus uns auf halber Strecke im Stich. Für unsere Russen kein Problem. Ein Linienbus wurde angehalten. Nach kurzen Gesprächen stiegen wir alle ein, und der Bus wich von seiner Fahrtroute mit allen anderen Leuten ab und chauffierte uns zu unserem Ziel. Wir erlebten einen herrlichen Sommerabend bei Grillen, Diskutieren, Singen, Essen und Trinken. „Aber wie kommen wir wieder heim?“ Diese bange Frage stellte sich, zumal die Zeit wie im Flug verstrich. Es wurde dunkel in der Einsamkeit. Kein Problem für unsere Gastgeber, für uns Deutsche undenkbar. Ein kurzer Fußmarsch bis zur Hauptstraße und Autostop mit etwa vierzig Leuten in stockdunkler Nacht. Und wirklich. Nach etwa zehn Minuten hielt ein kleiner Bus. Wir quetschten uns hinein, und – oh Wunder – jeder wurde heimgefahren. (…)

Wunderschöne Tage flogen zu schnell an uns vorbei. Vieles haben wir gesehen und erlebt. Viele Freundschaften wurden geschlossen. Viele Tränen flossen beim Abschied. Für viele gibt es ein Wiedersehen. Aus fremden Menschen wurden Freunde. Man versteht nun vieles besser. Reich an materiellen und geistigen Schätzen kehrten wir heim. Oft denken wir an die Tage in Rußland. 1993 folgt der nächste Austausch zu Pfingsten. Einige der Lehrer sind wieder dabei.

Horst Frank, 1993

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Heide Mattischeck ist gewiß keine Quotenfrau. Lange vor Erfindung dieser Fördermaßnahme für das schöne Geschlecht hat sie sich ihren Platz in der Politik mit Kompetenz, Fleiß und Bürgernähe erobert und bestimmte als SPD-Stadträtin von 1972 bis 1991 maßgeblich die Geschicke Erlangens mit, bis sie dann von 1990 bis 2002 sogar als Bundestagsabgeordnete ihren fränkischen Wahlkreis in Bonn und Berlin vertrat. Neben all den vielen kommunal- und innenpolitischen Fragen, die Heide Mattischeck beschäftigten, trieb sie ein Thema besonders um: die Aussöhnung mit dem Osten nach einem Krieg, unter dem gerade ihre eigene Familie, die den Vater verlor und dann auch noch vertrieben wurde, so schlimm zu leiden hatte.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Als der damalige Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, so erinnert sie sich, Anfang Juni 1881 gemeinsam mit den Schriftstellern Inge Meidinger-Geise und Wolf Peter Schnetz in Moskau wegen einer Partnerschaft zu einer sowjetischen Stadt vorfühlte, gehörte die UdSSR noch zum „feindlichsten Ausland“. Die ersten Bemühungen zur Verständigung, angeregt von der Ostpolitik mit ihrem Motto „Wandel durch Annäherung“, fanden in einem gar nicht so wohlwollenden Umfeld statt. Die Konservativen, wie die passionierte, nun aber schon pensionierte Volksvertreterin rückschauend ohne Vorwurf urteilt, waren zunächst strikt gegen die Absichten der Sozialdemokraten. Die ersten Schritte hatten also etwas Gewagtes an sich. Schwieriges Terrain für ein Stadtoberhaupt, das immer auf Ausgleich bedacht und gerade bei den internationalen Beziehungen darauf aus war, Einmütigkeit über alle politischen Lagergrenzen hinweg zu erzielen. Kaum möglich, sollte man meinen, wenn die CSU fast geschlossen gegen die Operation Wladimir stand und wegen des dortigen Zentralgefängnisses, in dem bis 1981 auch Dissidenten einsaßen, dafür auch öffentlichen Beifall erhielt. Bis schließlich doch ein CSU-Stadtrat aus der Phalanx ausbrach und seine Parteifreunde davon überzeugte, daß es möglich wäre, eine Bürgerpartnerschaft mit Wladimir zu beginnen. Doch wir eilen voraus und nehmen vorweg, was hier ein andermal Anlaß zum Rückblick geben soll.

Iwanow und Heide Mattischeck

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck

Man schrieb das Jahr 1983, Sommer, als Dietmar Hahlweg mit den beiden Stadträten Heide Mattischeck und Claus Uhl, FDP, begleitet vom Journalisten Peter Millian, Erlanger Nachrichten, das noch gänzlich unbekannte Gelände 200 km nordöstlich von Moskau erkundete. „Ein Glück“, so Heide Mattischeck, „daß wir Peter Millian dabei hatten – er besetzte den der CSU zustehenden, von ihr aber nicht genutzten Platz in der Delegation -, der dem Unterfangen ebenso aufgeschlossen wie kritisch gegenüberstand, wußten wir doch gar nicht so recht, wie das wohl alles gehen würde. Ohne die spätere Berichterstattung in den EN hätten wir die Kontakte nie so schnell in der Bürgerschaft verankern können.“ Man hatte sich wohl vorbereitet, wußte, daß man mit der Aufnahme von Verbindungen zur UdSSR bundesweit zu den ersten zehn Kommunen gehörte, in Bayern sogar bis dato die einzige Stadt mit derlei Ambitionen war. Aber wer konnte schon vorhersagen, ob man sich menschlich verstehen und einander näherkommen würde? Schließlich hatten weder Wladimir noch Erlangen die Wahl füreinander getroffen, sondern die Gesellschaft für Völkerfreundschaft in Moskau hatte sich als Schmuser eingeschaltet und dem Brautwerber Dietmar Hahlweg die Herzdame des Goldenen Rings zur Vermählung präsentiert.

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

Und dann der Beweis dafür, daß auch arrangierte Ehen das Zeug zum Glücklichwerden haben können: „Wir hatten von Beginn an das Gefühl, gerngesehene Gäste zu sein. Natürlich war zu der Zeit der Kommunismus noch dogmatisch und wurde recht strikt ausgelegt.“ Überraschend für Heide Mattischeck auch, wie sehr das ideologische Korsett mit traditionellen Mustern durchsetzt war und aufgelockert daherkam. Überall konnte man den Stolz auf die eigene Kultur und das russische Brauchtum spüren, etwa wenn man den Gästen Brot und Salz reichte. Und dann überhaupt die großartigen Vorführungen auf den Bühnen, gar nicht vergleichbar mit unserer Amateurkultur und nur erklärlich durch die Kombinate mit ihren eigenen Budgets für Kultur und Sport.

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Natürlich konnte man sich damals noch nicht frei bewegen, schon gar nicht als Mitglied einer offiziellen Delegation. Man wurde förmlich mit Gastfreundschaft und Betreuung „ummantelt“. Gerne hätte Heide Mattischeck einmal auf eigene Faust in einem Laden einen Samowar gekauft. Doch kaum hatte sie den Wunsch geäußert, als sie anderntags im Hotel schon eine ganze Auswahl verschiedener Geräte aufgestellt vorfand. Vielleicht wollte man aber auch einfach der Besucherin die triste Leere eines sozialistischen Kaufhauses vorenthalten. Daneben die bis heute so lebendige Erinnerung daran, wie nah man sich persönlich kam, wie offen die Gespräche verliefen. Wenn es denn überhaupt zwischen Gastgebern und Gästen noch emotionales Eis zu brechen gab, dann war das spätestens zu dem Zeitpunkt gelungen, als Heide Mattischeck und Michail Swonarjow, der mittlerweile verstorbene Oberbürgermeister von Wladimir, während einer Rauchpause im Park eines Gewerkschaftserholungsheims auf ihre Väter zu sprechen kamen, die sie beide noch als kleine Kinder im gleichen Jahr auf der Krim verloren hatten. „Berührend war das“, erinnert sich Heide Mattischeck und ergänzt: „Er hätte ja gar nichts davon erzählen müssen.“ Es sind wohl vor allem solche unscheinbaren Begebenheiten am Rande der großen politischen Erklärungen – so wichtig sie zweifellos waren und bleiben -, die den Kitt für eine Freundschaft zwischen den Städten und Menschen abgeben, der bis heute nicht bröckelt.

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Trotzdem: Eine fremde Welt war das schon. Bei der Abholung am Flughafen ging es durch die VIP-Schleuse. Bis nach Wladimir fuhr man in zwei Limousinen, für die auf der ganzen Strecke der Weg freigehalten wurde, was die Gäste erst später bemerkten. Und in Wladimir selbst konnten sich die Besucher aus dem bereits verkehrsberuhigten Erlangen nicht daran gewöhnen, mit welchem Tempo sie durch die Stadt chauffiert wurden. Die Fußgänger spritzten regelrecht zur Seite. Einmal versuchte Dietmar Hahlweg über die Dolmetscherin Mira Woronitschewa an seinen Kollegen die Botschaft vom rücksichtsvollen Fahren heranzubringen, doch für den Gastgeber war das kein Thema, bei dem er sich aufgehalten hätte… Befremdlich auch, in den Restaurants immer alles verhangen vorzufinden, regelrecht abgeschirmt von anderen Gästen. Dabei bogen sich die Tische immer unter den Speisen – darunter fast schon peinlich viel Kaviar – und Getränken, wobei Heide Mattischeck sich von Wera Sorina, der stellvertretenden Bürgermeisterin, gern vor zu viel Wodka schützen ließ.

Picknick auf Russisch

Picknick auf Russisch

Auf der Rückreise legte die Gruppe noch bei Dirk Sager, dem ZDF-Reporter vom Studio Moskau, in der Hauptstadt einen Halt ein und verbrachten einen langen Abend bei ihm in der Wohnung. Der erfahrene Korrespondent ermutigte die Gäste, auf dem Weg der Partnerschaft voranzuschreiten, doch weder Heide Mattischeck noch Claus Uhl hätten sich wohl vorstellen können, noch im gleichen Jahr erneut nach Wladimir zu reisen. Und das kam so: Im Zuge der Diskussion um den Nachrüstungsbeschluß – den sowjetischen SS-20-Rakten sollten amerikanische Pershings Paroli bieten – verschlechterte sich das Klima zwischen den Blöcken zusehends, die Diskussionen nahmen an Schärfe zu, es ging hart auf hart. Da erhielt Heide Mattischeck im Herbst 1983 von Claus Uhl eines Abends einen Anruf aus einem Restaurant in der Goethestraße in etwa folgenden Inhalts: „Weißt Du schon, daß wir, Klaus Springen und ich, heuer noch nach Wladimir fahren wollen? Willst Du nicht mitkommen?“ Wie sollte die Friedenskämpferin so ein Angebot ablehnen?!

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Anfang Dezember ging es los. Die beiden Stadträte – ohne politischen Auftrag -, begleitet von Klaus Springen, dem viel zu früh verstorbenen damaligen stellvertretenden Chefredakteur der Erlanger Nachrichten und späteren Leiter des Ressorts Kultur, fuhren in jeder Hinsicht auf eigene Rechnung nach Wladimir, um den russischen Freunden zu erklären, daß sie für den Frieden und gegen die Nachrüstung seien. Heide Mattischeck erinnert sich: „Die Wladimirer haben das volle Programm gemacht und uns durch Fabriken geschleppt, wo wir unsere Meinung kundtaten. Natürlich haben die Gastgeber das ideologisch genutzt, aber unser Anliegen war es, in Wladimir klarzumachen, daß wir die Partnerschaft wollten und uns die politische Großwetterlage nicht würde entmutigen können.“ Heftige Kritik setzte es damals für den Alleingang der drei Friedensbotschafter im eigenen Auftrag seitens der CSU, aber Heide Mattischeck findet auch im Rückblick, damals richtig gehandelt zu haben. „Geschadet hat es bestimmt niemandem.“ Der Nachrüstungsbeschluß wurde zwar umgesetzt, doch die Partnerschaft mit Wladimir – nach einer Verlobungsphase bis 1987 – ebenfalls.

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Heide Mattischeck bleibt Wladimir bis heute eng verbunden. 1993 war sie beim Fränkischen Fest dabei, dann 2003 bei der 20-Jahr-Feier und 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, wo sie gemeinsam mit Veteranen aus beiden Städten Bäume gepflanzt hat. Nächstes Jahr will sie – wieder auf eigene Faust – mit einer kleinen Gruppe mit dem Zug nach Wladimir… Und schließlich ist da noch Percy Gurwitz, der sich mit Hilfe der Genossin aus Erlangen seinen Traum vom deutschen Paß erfüllen konnte. In Anspielung an ein altes Kirchenlied könnte man deshalb getrost sagen: Was sie tat, das war wohlgetan.

Und doch: Bedenkenträger brachten die Reise bis vor den Regierungsbezirk Mittelfranken, der über die Rechtmäßigkeit des Unterfangens richten sollte, in der lokalen wie überregionalen Presse – das Internet gab es damals ja noch nicht – gifteten Eiferer gegen die „nützlichen Idioten der Kommunisten“, sogar in der Deutschen Welle schlug der außenpolitische Casus hohe Wogen. Die Gemüter haben sich aber mit den ersten Beweisen für einen Austausch von Mensch zu Mensch rasch wieder beruhigt, und spätestens ab 1986 verstummte in der Erlanger Kommunalpolitik auch noch die letzte Stimme gegen die Zusammenarbeit mit Wladimir. So war die Schlagzeile „In Wladimir für den Frieden“ in der Weihnachtsausgabe 1983 der Erlanger Nachrichten nicht nur für das Fest ausgelegt, sie brachte jenes pragmatisch-programmatische Leitbild zum Ausdruck, das noch heute Gültigkeit besitzt, damals aber persönlichen Mut und politischen Weitblick forderte.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Überlassen wir das letzte Wort Klaus Springen, der seinen Artikel wie folgt abschließt: „Wünsche vieler Erlanger Bürger konnte die Gruppe mit nach Wladimir nehmen, von Menschen, die bereit sind, den Dialog über den Frieden jenseits politischer Gesellschaftssysteme und Kalküle der Regierenden zu führen. Vielleicht war die Reise auch ein Exempel für die, die in ihrem Kämmerlein ihre Vorurteile pflegen. Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Wladimir fahren!“

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