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Posts Tagged ‘Weltfrauentag’


Jelena Ljosowa von Kljutsch-Media führte dieser Tage ein Interview mit der Gestalttherapeutin Tatjana Lobok, einer der Mitveranstalterinnen des No-Flower-Fests, von dem der Blog hier https://is.gd/MsJrwH berichtet hatte:

Die Banner in den App-Stores zeigen in üppigen Farben und Formen weibliche „Avatare“: Auch bei uns scheint sich das Marketing wie überall auf der Welt die feministische Strategie zu eigen gemacht zu haben. Frauen bestellen Taxis, Frauen shoppen bei einer Flaggschiff-Sneaker-Marke, Frauen zeichnen mit wasserfesten Stiften bunte Pfeile. Trend-Hype oder die bewußte Hinwendung des Planeten zur Anerkennung von Frauenrechten? Worin liegt das Wesen eines angemessenen Feminismus, und wo haben wir es mit offensichtlichen „Übergriffen“ zu tun, das versuchen wir zusammen mit der Gestalttherapeutin, Tatjana Lobok, herauszufinden, die eine private Praxis hat und als Psychologe in Wladimir mit Frauen in schwierigen Lebenslagen arbeitet. Wie kam der Feminismus in Ihr Leben?

Tatjana Lobok

Als ich jung war, interessierte ich mich für politische Bewegungen aller Art, und ich sah den Feminismus als eine dieser Bewegungen. Für mich und meine Freunde war dieser Bund um humanistische Ideen eine Möglichkeit, ein Gefühl der Gemeinschaft zu erleben und eine interessante Zeit zu haben. Was mich daran hinderte, ein wirkliches Verständnis von Feminismus zu bekommen, war, daß ich ihn als getrennt von meiner alltäglichen, realen Erfahrung von Diskriminierung, Sexismus und Gewalt sah. Das Thema der sozialen Ungerechtigkeit gegenüber Frauen kam erst in mein Leben und nahm klarere Formen an, als ich in meinen Beruf ausübte. In meiner Arbeit wurde ich mit vielen schrecklichen Geschichten von Gewalt und Mißbrauch der Macht von Männern über Frauen konfrontiert und mir wurde klar, wie viel Unvollkommenheit in unserer sozialen Struktur steckt. Mir wurde deutlich, daß der Status quo nur systemisch, auf der Ebene von Gesetzen und veränderten gesellschaftlichen Einstellungen verändert werden kann. Das ist genau das, was Feministinnen tun, und deshalb machte ich mich mit ihnen auf den Weg.

Welche Entdeckungen hat der Feminismus in Ihr Bewußtsein gebracht?

„Die große Entdeckung für mich war die Geschichte des Feminismus. Ich wurde in der Sowjetunion geboren, und in meiner Kindheit gab es so etwas wie „Ich bin ein Mädchen, also ist mir nicht alles zugänglich“ nicht. Und doch war es vor einem Jahrhundert nicht selbstverständlich, daß alle Menschen die gleichen Rechte haben. Mit der Zeit durchschaute ich das Problem und begeisterte mich für die Aktivitäten der Feministinnen, weil sie ein bis heute wichtiges Anliegen vertreten. Dank ihrer Kämpfe kann ich Eigentum besitzen, beruflich vorankommen, Lernstrategien wählen, mich scheiden lassen und uneheliche Kinder bekommen.

Was sind einige der Ungerechtigkeiten, die der Feminismus in Ihrer Arbeit bekämpft?

In meiner Praxis begegne ich verschiedenen Lebenssituationen, in denen sich Frauen befinden und aus denen sie aufgrund der Ungerechtigkeit des Systems nicht herauskommen. Ja, heute erklärt niemand offen, die Frau sei ein Mensch zweiter Klasse, aber es gibt viele Anzeichen für Ungleichheit. Zum Beispiel fehlt ein Gesetz gegen häusliche Gewalt. In meiner Arbeit begegne ich jeden Tag der Hilflosigkeit von Frauen ohne wirklichen Schutz vor dem Angreifer. Wenn es auf der legislativen Ebene keine Handhabe gibt, kann wenig gegen den Tyrannen unternommen werden. Der zweite Aspekt ist die oft abhängige Position der Frau nach der Geburt. Leider ist dies die Zeit, in der sie am verletzlichsten ist, was von einem Mann ausgenutzt werden kann, der seine Macht mißbraucht. Befürworter der Position „selbst schuld“ werden sagen: „Sie hätte sich doch vorher absichern, ein Bankkonto einrichten, mit einem Ehevertrag heiraten können!“ Aber seien wir mal ehrlich: Wie viele Menschen in breiten Gesellschaftsschichten tun das?

Im Frauenhaus stoßen wir auf viele Geschichten, die mit Gewalt zu tun haben, natürlich mehr emotional, mit Scheidung und Trennung von den Kindern. Oft stellt sich heraus, daß eine Frau den Mißbrauch nicht mehr ertragen kann, aber mittellos dasteht. Dann bekommt sie gleich zu hören: „Du hast keine Wohnung, du hast keine Arbeit, wie sollen wir dir dann Kinder geben?“ Eine solche abhängige Person kann von ihrem ehemaligen Partner in jeder Weise unter Druck gesetzt werden. Die Opfer befinden sich in einer ausweglosen Situation, ohne eigene Existenzgrundlage, ohne Unterstützerkreis und mit zerrüttetem Selbstwertgefühl.

Können Sie Beispiele für Widersprüchlichkeiten des Feminismus beschreiben?

Wenn man von Widersprüchen im Feminismus sprechen kann, dann ist es meiner Meinung nach die innere Misogynie, die in den Mädchen „eingebaut“ ist. Das sind Meinungen nach dem Motto „der Mann ist wertvoller“, „der Mann ist wichtiger“, „wenn er Kinder will, muß ich sie ihm gebären“, „unbedingt und immer in einem Paar bleiben“. Diese Frauen kommen zu mir, ohne zu verstehen, was mit ihnen los ist. Es scheint, es sei alles in Ordnung, ich habe eine Familie, einen Mann, Kinder, aber ich weine die ganze Zeit, verliere Gewicht, werde dick, schlafe nicht. Da fangen wir an, die Folgen der Geschlechtersozialisation ans Licht zu bringen.

Klischees wie „Kinder sind Frauenarbeit“ sind bei den meisten Menschen standardmäßig eingewoben, ebenso wie das historische Gedächtnis. Wie auf dem feministischen Festival in Wladimir gesagt wurde, „wir haben uns unsere Rechte genommen, aber wir haben nicht die Verantwortung abgelegt“. Einen Haushalt zu führen und gleichzeitig Kinder zu erziehen – das ist angesichts der Geschwindigkeit und Intensität unseres modernen Lebens sehr schwierig. Wieder einmal haben wir „vergessen“, daß der Haushalt eine „zusätzliche Belastung“ darstellt, die die Karriere einer Frau erschwert. „Revolutionär“ erscheint es da schon, wenn das Ehepaar alles in zwei Hälften teilt, beide „die Lage in der Küche im Auge haben“ und niemand unter der Knute steht.

Wenn wir schon beim anderen Extrem sind: Was halten Sie von radikalfeministischen Äußerungen?

Ich bin eher mißtrauisch gegenüber allen Formen von Bigotterie und rabiaten Äußerungen gleich welcher Art. Gleichzeitig hat der radikale Teil der feministischen Gemeinschaft gehandelt und „am lautesten geschrien“ und auf die Probleme aufmerksam gemacht, wie es sich für die Avantgarde aller Zeiten gehört. Aber es sind auch solche schrillen Sachen, die die Ideen des Feminismus in den Mainstream bringen, und Dinge, die einmal wild, seltsam oder absurd schienen, werden allmählich normal und verständlich. Wenn solche Aktionen dazu dienen, die Rechte aller Menschen, unabhängig vom Geschlecht, wieder ins Gleichgewicht zu bringen, bin ich voll dafür. Ich kann mich an keine Fälle von Gewalt oder andere Vorfälle jenseits des Strafgesetzbuches erinnern, die von Feministinnen verursacht worden wären. Ich stehe dem intersektionalen Feminismus am nächsten. Das Prinzip der Intersektionalität stimmt mit meinen Werten überein, die ich als universell bezeichnen würde.

Welche der Haltungen teilen Sie nicht?

Tatjana Lobok

Ich teile nicht den radikalen Ableger des Feminismus, wo Frauen behaupten, sie seien in jeder Hinsicht besser als Männer, man solle sich mit „den Männern“ überhaupt nicht erst beschäftigen. Das ist schon eine ungesunde Bigotterie, die ich nicht zu akzeptieren bereit bin. Als Expertin sehe ich, daß Männer genauso unter dem patriarchalen Konstrukt leiden. Sie sind die gleichen Opfer von Geschlechterstereotypen der Art „ein Mann hat immer Recht“, „Männer weinen nicht“, „wenn du nicht gedient hast, bist du kein Mann“ und dergleichen.

Radikale Manifestationen des Feminismus sind mir in Wladimir nicht begegnet, im Gegensatz zur Dominanz von Sexismus und Misogynie. Wenn auch nur im Internet, wo ich ein paar Mal „Kommentaren“ dieser Art begegnete. Dies äußert sich in der Regel in harschen, unversöhnlichen Aussagen. Aber wenn es eine Diskussion über die weibliche Beschneidung gibt, denke ich, geht es nicht immer ganz sanft zu und mit einem Smiley ab. Wie auch immer, das Netz ist voll von gestörten Charakteren oder Trollen. Es ist ja eher eine private Angelegenheit.

Das feministische Benefizfestival in Wladimir, an dem ich mit meiner Praxis teilnahm, ist ein gutes Beispiel für eine korrekte Auseinandersetzung mit schwierigen und schmerzhaften Themen. Für mich war es wichtig, dass eine arbeitsfähige und freundliche Atmosphäre herrschte, Gespräche in angemessener Form geführt wurden, ohne Parolen „Alle Männer sind schuld!“

Wie arbeiten Sie als Expertin mit Problemen, die mit der Geschlechtersozialisation zusammenhängen?

Der Weg der Therapie ist lang, von sechs Monaten und mehr, wobei der größte Teil der inneren Arbeit zwischen den Sitzungen stattfindet. Allgemein ausgedrückt, stellen wir in Sitzungen die Sensibilität der Person für sich selbst und ihre Bedürfnisse wieder her und finden geeignete Wege, diese zu erfüllen. Denn im Kern der meisten Neurosen steht der Konflikt zwischen „Wollen“ und „Brauchen“. Wenn wir über die Arbeit mit Frauen im Kontext des Feminismus sprechen, ist dies in erster Linie die Arbeit mit der traumatischen Erfahrung von Gewalt. Und auch mit Geschlechterstereotypen und Rollenvorgaben, wie eine Frau zu sein habe, was eine Frau zu denken, zu tun und zu fühlen habe und was sie nicht dürfe. Wir überdenken diejenigen von ihnen, die nicht passen, die einer Frau im Weg liegen. Wir haben es mit Introjekten zu tun, Haltungen, die in der Kindheit unkritisch erlernt wurden. Zum Beispiel, ein gutes Mädchen höre auf die Eltern, falle niemandem zur Last, höre auf alle älteren und solle eine ausgezeichnete Schüler sein. Aber sie wächst zu einer Frau heran, die mit dem Anliegen zur Therapie kommt, die Rolle des „guten Mädchens“ sei ihr zu eng und schmerzhaft geworden. Aber sie kennt es nicht anders. Damals, als Kind, konnte sie nirgendwo hingehen, sie hatte nach dem Programm zu leben, das ihr die Eltern vorgaben. Im Erwachsenenalter hat sie nun die Möglichkeit und die Ressourcen, diese Einstellungen zu überdenken. Die Frau hat einen Entscheidungsspielraum, sie erforscht ihn in der Therapie, macht eine neue Erfahrung damit und beginnt, ihn in ihrem Leben zu praktizieren. In solchen Momenten höre ich nicht selten den Satz: „Ach, so hätte ich das also machen können?“.

Derzeit erstellt Tatjana Lobok zusammen mit einer Kollegin einen Podcast „40±“, in dem sie sich mit dem Thema Midlife-Crisis bei Frauen auseinandersetzen. Ihre Hoffnung: Es möge bald einfach keine Zweifel mehr an der Gleichheit aller Menschen geben.

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Die überwältigende Mehrheit der russischen Frauen läßt es sich am 8. März weiterhin gefallen, in männlichen Festreden gefeiert, von ihren Partnern mit Blumen bedacht und von Politikern für ihre Qualitäten öffentlich wie privat mit Lob und Anerkennung überhäuft zu werden, um sich dann den Rest des Jahres wieder weitgehend auf sich alleine gestellt zu sehen.

Das Orga-Team; auf dem schwarzen T-Shirt zu lesen: Eine Kleinigkeit und doch angenehm!

Doch es regt sich Widerstand gegen diese Besitzstandswahrung von Stereotypen und Traditionen, Frauen, auch in Wladimir, beginnen damit, ihre Rolle nicht mehr als naturgegeben zu verstehen, sondern selbst zu definieren. Ein Podium für diese öffentliche Identitätsfindung bietet eine Veranstaltungsreihe, die sich über vier Tage im März hinzieht – von einer Ausstellung zum Thema „Zärtlichkeit als Strategie“ über „Sechs Geschichten, wie Frauen Kreativität und Unternehmertum vereinbaren können“ bis hin zu einer Lesung mit Oxana Wasjakina – „Eva wurde nicht aus einer Rippe, sondern durch Notzucht geschaffen“ – unter dem Titel „Kurze Einführung in die feministische Poesie“.

Freiheit, Gleichheit, Mutterschaft. – Weibliche Solidarität.

Die Eröffnungsveranstaltung am 8. März war mit ihren Kurzvorträgen und interaktiven Spielen schon einmal gut besucht und füllte das Spendenkonto zu Gunsten des Frauenhauses. Bereits im Vorjahr hatte sich die Initiative gebildet, die genug vom „Fest der lieben Damen“ hat, sondern lieber über sich, die Ausbildung, die Kariere, die Selbstverwirklichung, über Sex und Feminismus sprechen und dabei auch noch Spaß haben will.

Die konservative Reaktion: „Mit tiefster Betrübnis müssen wir feststellen, daß die Frauenfrage keine originellen Züge trägt, wir hören von den Frauen keine wirklichen Forderungen, sondern nur die Imitation ausländischer Ideen und Phantasien, die mit der Realität nichts zu schaffen haben.“

Die Gruppe glaubte schon 2020 daran, nicht allein zu sein, und veranstaltete den ersten Abend in Wladimir unter dem Motto „No Flowers Party“ für alle, unabhängig von Geschlecht und sexueller Orientierung – ohne Sexismus, Stereotype und „die schöne und bessere Hälfte der Menschheit“.

Weniger glauben die Veranstalterinnen und Referentinnen an Wunder. Die derzeitige Politik im Lande sei eher rückwärtsgewandt und propagiere das traditionelle Frauenbild, man müsse also mehr denn je für Gleichberechtigung qua Gesetz kämpfen und natürlich etwas gegen „die Kakerlaken tun, die durch viele männliche Köpfe rennen“.

So berichtete eine Besucherin, an der Berufsfachschule erzähle man den jungen Frauen noch immer, sie sollten sich doch lieber auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereiten und das Arbeiten den Männern überlassen. Und eine andere ergänzte, sie höre immer wieder, wie gut es sei, möglichst viele Jungs in der Klasse zu haben, weil man andernfalls im Vergleich zu den übrigen Klassen den Wettbewerb verlieren würden.

Man darf gespannt sein, wie sich das Fest in den kommenden Jahren positioniert. Mehr dazu erfahren wir vielleicht schon im Herbst, wenn Erlangen mit den Partnerstädten eine internationale Frauenkonferenz abhält – in der bisherigen Planung digital, möglicherweise aber auch hybrid – und dabei sicher auch Stimmen aus Wladimir zu Wort kommen.

Mehr zu der Initiative – in russischer Sprache – hier unter diesem Link: https://noflowers.ru

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Am 4. März öffnete in Wladimir eine Ausstellung mit Jelena Jermakowa und Anna Titowa aus der Kreisstadt Alexandrow, 125 km nordwestlich der Partnerstadt gelegen.

Partnerschaftsbeauftragter, Peter Steger, vor dem Erlanger Rathaus

Gestern nun schickte Jelena Jermakowa den bebilderten Veranstaltungshinweis mit Wiedererkennungseffekt.

Anna Titowa und Jelena Jermakowa

Die Künstlerin, die erst 2014, nach dem Tod ihres ersten Mannes, zum Bleistift griff und sich später auch der Skulptur zuwandte, zeigt nämlich in der Schau auch Arbeiten, die im Sommer 2015 entstanden, als sie zusammen mit Jurij Iwatko nach Erlangen, genauer gesagt in den Ortsteil Tennenlohe, kam, wo der Bildhauer sein „Letztes Opfer“ schuf, während sie unablässig Ansichten und Gesichter zeichnete.

Jelena Jermakowa und eine Ansicht vom Skulpturenpark Tennenlohe

Verkäuflich sind Jelena Jermakowas Werke übrigens nicht. Die Unternehmensgründerin führt ihre eigene Werbeagentur und betreibt die Kunst für Herz und Seele. Zum Weltfrauentag wünscht sie sich denn auch die Vereinbarung von Brotberuf, Familie und Kreativität. Wie schön das gelingen kann, ist hier zu sehen.

Skulptur „Ultraviolett“, 2018, Bronze und Ton

Weitere Portraits der russischen Künstlerin sind hier zu finden: https://is.gd/XS6qMs

Und die Glückwünsche zum Weltfrauentag? Die sind nicht vergessen und finden Ausdruck in diesem Bild, gesehen vom Chefredakteur des Blogs, der sich dilettierend immer wieder in der Lichtbildnerei versucht.

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Im Rahmen des Projekts „Kriegskinder“ und passend zum heutigen Internationalen Frauentag veröffentlicht der Blog wieder einmal eine jener unglaublichen Geschichten, wie sie nur das Leben schreibt. Aber lesen Sie selbst!

Ich bin 1936 geboren und habe drei jüngere Schwestern; unsere sechsköpfige Familie wohnte seit 1939 in einem östlich gelegenen Vorort von Berlin. Dort erlebten wir die Kriegszeit, relativ unbeschadet; nur einmal trafen Brandbomben unser Haus, richteten aber zum Glück nur geringen Schaden an.

Anfang 1945 aber wurde die Situation bedrohlich – „Die Russen kommen!“ Auch wir Kinder spürten die nahende Gefahr: Meine Schwester und ich vergruben unsere kostbarsten Spielsachen zum Schutz im Garten…

Unser Vater war zu den Soldaten eingezogen, und unsere Mutter hatte unsere beiden jüngsten Schwestern bei Bekannten in einem Kinderheim im Harz in Sicherheit gebracht.

Beim Einmarsch der Sowjetarmee tat sich unsere Mutter mit einer Freundin zusammen (sie hatte zwei Töchter etwa im Alter meiner nächstjüngeren Schwester und mir) – zu sechst hockten wir nächtelang, zitternd vor Angst, im Keller, während unsere Häuser von den Soldaten geplündert und verwüstet wurden. Und eines Nachts erschien eine Schar lärmender Russen im Keller: „Frau, komm!“ Unsere Mütter weigerten sich. Und als die Situation immer bedrohlicher wurde, sagten sie schließlich in ihrer Angst und Hilflosigkeit: „Nein, wir kommen nicht. Dann erschießt erst die Kinder und dann uns!“ Da brachen wir Kinder in Todesgeschrei aus – und in meiner Erinnerung gibt es einen Filmriß…

Nächste Szene: Alles ist verändert, die Russen sitzen friedlich, deutlich gerührt an unseren Kinderbetten und zeigen uns die Bilder ihrer Kinder! Die Gefahr war gebannt.

Sabine und Barbara, Februar 1946, Ahrendsee

1946 floh unsere Mutter mit uns beiden Schwestern in den Westen in die Lüneburger Heide, wo sich unsere Familie komplett wieder zusammenfand; zuerst bei Freunden, da das aber zu eng wurde, bei einer weiteren Familie, die zwei Zimmer für uns abgab. Wir führten ein gutbürgerliches Leben. – Aber die Erinnerung an jene nächtliche tödliche Bedrohung durch die russischen Soldaten saß offenbar ganz tief in mir: Als ich etwa im Jahr 2005 unvermutet in einen auf Russisch gehaltenen Vortrag geriet, mußte ich fluchtartig den Saal verlassen – ich war von panischer Angst überschwemmt.

Einige Wochen später war mir klar: So kann und will ich nicht weiterleben! Auch Russen sind Menschen!

Über eine Einrichtung in Berlin, Kontakte – КОНТАКТ-КОНТАКТЫ e.V., die sich aktiv für Wiedergutmachung und Verständigung zwischen Deutschen und Russen einsetzt, bekam ich die Adresse eines früheren russischen Soldaten, der sich einen Briefwechsel mit jemandem aus Deutschland wünschte. So kam ich in Kontakt mit Anatolij aus Moskau. Im Lauf der Monate gewann der Briefwechsel an Herzlichkeit, wir gingen vom „Sie“ zum „Du“ über. Freilich kam in Ehrlichkeit auch gelegentlich die Vergangenheit zu Wort: Als ich Anatolij fragte, woher er seine Briefe auf Deutsch schreiben könne, antwortete er: „Habe ich Deutsch gelernt auf besondere Universität – war deutsche Kriegsgefangenschaft.“ Bewundernswert, wie er das ohne Groll schrieb; er war mit 24 Jahren in Berlin in Gefangenschaft geraten.

Allmählich wuchs in Anatolij und mir der Wunsch nach einer persönlichen Begegnung. So faßte ich für den Februar 2009 einen Besuch in Moskau ins Auge. (Mein erster und einziger Besuch in Rußland.) Mich begleitete meine Tochter, die dank ihres Slawistik-Studiums Russisch spricht. (Anm. d. Red.: Der Tochter, Uta Blumberg, verdanken wir auch diesen Bericht.)

Und dann durften wir beide einen Nachmittag lang – von 13 bis 17 Uhr – Gäste sein bei Anatolij und seiner Frau Galina. Eine unvergeßliche Begegnung! Der 88jährige Veteran und seine nur wenig jüngere Frau empfingen uns mit überwältigender Gastfreundschaft! In ihrer winzigen Wohnung, die neben Mini-Küche und WC nur aus einem einzigen Raum (zum Essen, Schlafen, Lesen!) bestand, erwarteten uns zwei üppige Mahlzeiten und liebevollste Geschenke, neben einem riesigen Pralinenkasten, zwei von Anatolij selbstgeschriebene Bücher und zwei großformatige, von Galina selbst gestaltete Wandbilder! Vertrauensvolle Gespräche waren möglich. Es herrschte eine ergreifende Atmosphäre von Freundschaft und Nähe.

Was für ein Geschenk!

Springorum 2

Anatolij und Sabine, Februar 2009, Moskau

Nach unserer Rückkehr aus Moskau setzte sich der herzliche Briefwechsel zwischen Anatolij und mir fort; er vertiefte sich noch, als seine geliebte Galina wenige Jahre später starb. Und kurz danach enthielt Anatolijs Brief den Satz: „Sabine, bitte komm nach Moskau – ich möchte Dich heiraten!“

Das habe ich natürlich freundlich abgelehnt, doch es tat dem Briefwechsel zum Glück keinen Abbruch.

Seit Anfang 2016 blieben Anatolijs Briefe aus; sein Leben wird zu Ende gegangen sein…

Aber mir bleibt die große Dankbarkeit dafür, daß ich diesen Menschen kennenlernen durfte – einen Russen, aber vor allem: einen Menschen!

Sabine Springorum, aufgezeichnet Oktober 2019

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Am heutigen 8. März, zu dessen Bedeutung für die russische Frauenwelt im Blog schon (fast) alles gesagt ist, bietet sich an, der Frau des Herzens eine kleine kulinarische Freunde zu bereiten. Am besten eine, die auch gelingt, selbst wenn der Mann wenig Talent in die Küche mitbringt. Wohlan denn, Kavaliere aller Länder, vereinigt euch am Schneidebrett und gebt euch alle erdenkliche Mühe zum heutigen hundersten Frauentag:

Kavaliersalat

Kavaliersalat

200 g Gurke sowie 200 g Pellkartoffeln in kleine Scheiben und eine Zwiebel in feine Ringe schneiden, während zwei Eier kochen. Sind sie hart, werden sie geschält und gewürfelt, ebenso wie 50 g Gouda und je 50 g gelbe und rote Paprika. Noch eine mittelscharfe Pepperoni sehr fein schneiden – und schon ist die Hauptarbeit getan. Anschließend alles vermischen und mit einem halben TL Senf, zwei EL saure Sahne, vier bis fünf EL Olivenöl, etwas Salz und Pfeffer abgeschmecken. Eine Handvoll in Olivenöl angebratene Croutons verfeinern den Salat noch, und schon kann die Überraschung für die Liebe serviert werden. Das gibt sicher Pluspunkte und macht Lust auf die nächsten hundert Jahre nicht nur im kulinarischen Liebesdienst an den Frauen.!

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