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Posts Tagged ‘Waldkrankenhaus St. Marien’


Mit 110 Jahren ist die Fachschule für Pflegeberufe die älteste Ausbildungseinrichtung in Wladimir. Hier erhalten im Verlauf von drei Jahren mehr als einhundert junge Leute die praktischen und theoretischen Voraussetzungen, um an Krankenhäusern im ganzen Land zu arbeiten.

In diesen Tagen beginnt schon einmal der Probelauf zum Jubiläum, das man im Herbst feierlich begehen will. Nicht nur mit einem stolzen Blick in die Vergangenheit, sondern auch mit der Zuversicht, dann bereits einen Austausch mit der Berufsfachschule für Krankenpflege und Krankenpflegehilfe am Malteser Waldkrankenhaus aufgenommen zu haben. Erste Kontakte in diese Richtung sind bereits vielversprechend geknüpft.

Damit das auch so richtig gelingen möge, gibt es schon ein Maskottchen. Nicht von ungefähr mit dem roten Kreuz geschmückt, denn die stellvertretende Leiterin des Instituts, Olga Antropowa, fungiert ehrenamtlich als Vorsitzende des Wladimirer Ortsverbands des Roten Kreuzes, der ja bereits seit 1990 mit Erlangen zusammenarbeitet und derzeit neue Projekte vorbereitet. Aber davon und vom andern Thema später mehr.

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Es gibt ungezählte Menschen in Wladimir, bei denen man sich nicht zu Gast, sondern zu Hause fühlt. Aber ein Besuch bei Guram Tschjotschjew trägt doch eine besondere Note. So oft man auch schon der Einladung des Orthopäden gefolgt sein mag, dieser Hohepriester der kaukasischen Gastfreundschaft hält immer wieder eine Überraschung parat, dieser Großmeister der Tischreden sprengt das eine um das andere Mal jede Vorstellung.

Peter Steger und Guram Tschjotschjew

So auch gestern abend, als er die Mappe der Stadt Erlangen mit dem Arbeitsprogramm für die erste große Ärztedelegation im April 1991 präsentiert. Der heutige 58jährige Professor von Weltruf war damals der jüngste in der Gruppe, aber wohl auch der lernbegierigste, der seine Deutsch-Lektionen bis heute beherrscht. Neben all dem Fachlichen – er bezeichnet sich als Vertreter der „deutschen Schule“ – lernte der Nordossete vor allem eines: die ethische Verantwortung gegenüber dem Patienten. Sein Lehrmeister damals am Waldkrankenhaus – Dietrich Hohmann, der, bereits 62 Jahre alt, eine junge Frau, die sich vor einen Zug geworfen und dabei alles gebrochen hatte, was sich nur brechen läßt, 26 Stunden lang operierte und rettete. „Nur um auszutreten oder eine Tasse Kaffee zu trinken verließ der Professor den OP“, erinnert sich der Gastgeber mit Bewunderung. „Und wie oft legen heute Ärzte schon nach zwei oder drei Stunden das Besteck beiseite und behaupten, es sei nichts mehr zu machen…“

Arbeitsprogramm für Ärztedelegation April 1991

 

Guram Tschjotschjew im Freundeskreis

Damals, in Erlangen, lernte der Hobby-Diätologe auch den Wert des Geldes schätzen. 120 DM erhielten die via Moskau und Prag per Bahn angereisten Gäste zur Begrüßung in einem Umschlag. Damals, vor fast drei Jahrzehnten, als es in Wladimir sogar Zündhölzer nur gegen Bezugsscheine gab, eine „phantastische Summe, für die alle anderen in der Gruppe kräftig einkauften.“ Guram Tschjotschjew hingegen, der sich sogar noch an die Stückelung des Betrags erinnert, schickte je einen Zehn-Mark-Schein an zwei Freunde, die bis heute die Banknoten als Talisman in ihrem Portemonnaie mit sich tragen. Und den Rest? Den steckte er in den Bau seines Hauses, in dem er heute all die Gäste aus Erlangen empfängt. Welch eine Investition in die Partnerschaft, in die Freundschaft!

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Swetlana und Wladimir Popow

Vom Folklore-Ensemble Wladimirez und der Partnerschaft zu Ihna war hier schon des öfteren die Rede, noch viel zu wenig aber davon, welch enge freundschaftliche Bande da – weitgehend unbemerkt sogar vom Blog – über ein Vierteljahrhundert der künstlerischen Zusammenarbeit gewachsen sind. Wladimir und Swetlana Popow, die als Tänzer der Truppe von Nina Peschkowskaja 1995 zum ersten Mal nach Erlangen gereist sind, können davon viel erzählen. Sie gehören zur zweiten Generation dieser einzigartigen Ensemble-Freundschaft und besuchten Erlangen seither fast im Zweijahresrhythmus. 2008 hatten sie auch ihre Tochter dabei – natürlich als Tänzerin bei Wladimirez. Beide haben sie auch Geschwister und weitere Verwandte im Ensemble, wo man scherzhaft sagt, jedes sechste Mitglied gehöre der Familie Popow an. Sie selbst freilich treten nun nicht mehr auf. Zum letzten Mal standen sie auf er Bühne, als im Vorjahr Ihna Wladimir besuchte, erinnernt sich das Ehepaar mit Wehmut.

Gestern sind die beiden wieder zurückgekehrt in den heuer so langen und strengen Wladimirer Winter. Ganze zwei Wochen trafen sie alte Freunde, wohnten aber im Frankenhof, weil Wladimir Popow sich einer Meniskus-Operation unterziehen mußte. Vermittelt durch ein Mitglied von Ihna, hatte man sich im Waldkrankenhaus schon im Herbst 2010 sein Knie angesehen, das von den vielen Sprüngen auf der Bühne arg ramponiert war. Seine Frau meint gar mit einem Schmunzeln, Tänzer und Sportler seien ohnehin die „Ehrenpatienten der Chirurgen“. Das Ergebnis: „Alles perfekt“, kommt es wie aus einem Munde. „Wir haben nur die Hälfte vom Kostenvoranschlag zahlen müssen, und alle waren so freundlich und entgegenkommend.“ Und schnell ging alles: Nach einer Stunde unter dem Messer konnte der Patient schon wieder in den Frankenhof zurück, und jetzt braucht er die Krücken nur noch bis Sonntag als Sicherheit.

Es wäre eine eigene Statistik wert, die Patienten aus Wladimir zu zählen, die in der Medizinstadt Erlangen schon behandelt wurden. Allein in den letzten Monaten waren darunter so prominente Wladimirer wie der Trainer von Torpedo, Jewgenij Durnjew, oder der Direktor des Großbetriebs Totschmasch, Jurij Sambin.  Die Gesundheit ist eben auch in der Städtepartnerschaft das höchste Gut, und Erlangen ist sicher gut für die Gesundheit.

Wer nachlesen möchte, was es mit Wladimirez und Ihna auf sich hat, klicke auf: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/04/20/das-ehrenmitglied-von-ihna und aus den Anfangstagen des Blogs https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/04/20/botschafterin-der-kultur sowie  https://erlangenwladimir.wordpress.com/2008/10/12/schoner-auftakt-des-jubilaum.

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Elisabeth und Hans Degel

Ende 1990 meldete sich der Orthopäde Hans Degel im Partnerschaftsbüro des Rathauses und bot an, einen Gast aus Wladimir bei sich aufzunehmen. Er spreche noch aus der Zeit seiner Gefangenschaft Russisch und habe Interesse an dem Austausch mit der Partnerstadt. Schon kurz darauf, im Januar 1991, kam auf Anregung des Professors für Kindermedizin an der Friedrich-Alexander-Universität, Dieter Wenzel, und mit Unterstützung von Jürgen Üblacker, damals Geschäftsführer, heute geschäftsführender Direktor des BRK Erlangen-Höchstadt, die erste Ärztedelegation aus Wladimir nach Erlangen. Darunter ein Orthopäde aus dem Sanatorium „1. Mai“ in Jurjewez, einem inzwischen eingemeindeten Vorort von Wladimir. Die beiden Kollegen wurden einander vorgestellt, sie verstanden sich auf Anhieb, und aus dem ersten gegenseitigen Interesse wurde rasch eine wunderbare Freundschaft. Guram Tschotschjew, so der Name des jungen Arztes, der schon damals die Kinderabteilung leitete, erwies sich als begnadeter Fachmann mit heiterem Gemüt, als, wie man es im Russischen sagt, Seele der Gemeinschaft, und gewann rasch Vertrauen und Sympatie seiner Kollegen im Waldkrankenhaus, von Dietrich Hohmann, dem seinerzeitigen Cheforthodpäden von St. Marien, bis hin zu Privatdozent Horst Hirschfelder, der so etwas wie ein Mentor für den Gast wurde. Und so erhielt er bereits für Ende 1991 eine weitere Einladung nach Erlangen und hospitierte vier Wochen lang am Waldkrankenhaus. Manfred Öfele, ein journalistischer Freund der Partnerschaft und leider früh verstorben, zitierte damals den Besucher in seinen Erlanger Nachrichten mit den Worten: „Hier läßt sich’s arbeiten, als ob es alle Tage Feiertag wäre.“ Fasziniert zwar vom hohen Stand der Operationstechnik – man erinnere sich daran, daß damals der Höhepunkt der humanitären Aktion „Hilfe für Wladimir“ erreicht wurde -, vertrat er auch durchaus selbstbewußt die in der Sowjetunion entwickelten Therapien, wie zum Beispiel die Ilisarow-Methode, die bei schwierigen Gliederstreckungen nun längst auch im Westen angekommen ist. Doch all das ist nur der Vorspann. Lassen wir die Katze aus dem Sack.

Guram Tschotschjew, 1995 in den USA

Guram Tschotschjew wird heute 50 Jahre alt. Besonders herzlich gratulieren ihm da natürlich seine „Erlanger Eltern“, Elisabeth und Hans Degel, bei denen er auch während seiner späteren Aufenthalte immer wieder wohnte, die er noch heute in seinen Briefen zärtlich „Mama und Papa“ nennt. Der 1918 in Nürnberg geborene Hans Degel – alteingesessene Erlanger werden sich gut an seine Praxis erinnern, die er erst 1983 aufgab – war 1943 nach gerade einmal zwei Wochen Fronteinsatz als Medizinstudent bei Taganrog in sowjetische Kriegsgefangenschaft geraten, die fünfeinhalb Jahre dauern sollte. „Daß ich so schnell Russisch gelernt habe, hat mir wohl das Leben gerettet, sicher aber auch die Fürsorge meiner weiblichen Vorgesetzten im Labor des Lagers“, erinnert er sich. In Astrachan brachte er sich selbst anhand von russisch-englischen Sprachwerken das fremde Idiom bei, und als er nach Wolsk bei Saratow verlegt wurde verschafften ihm seine Kenntnisse eine Stelle im Labor, obwohl er, wie er anmerkt, herzlich wenig von Chemie verstand. Drei schwere Erkrankungen überstand der Gefangene an der Wolga, darunter eine Gesichtsrose und eine schwere Venenentzündung wegen eines eingetretenen rostigen Nagels, und machte sich wegen seiner Russischkenntnisse bald unentbehrlich, zumal er sich auch das Schreiben beigebracht hatte. Unversehens fand er sich da vom Labor abkommandiert auf den Posten eines Buchhalters in der Lagerverwaltung, wo die Arbeit zwar eher stumpfsinnig, aber ohne körperlichen Verschleiß war. Dennoch: Eigentlich hatten ihn die Oberschwester und Laborleiterin schon für den Heimtransport vorgesehen. Die eine hatte bereits in den ersten Kriegstagen ihren Mann an der Front verloren. Dennoch: „Ich habe keinen Haß auf uns Deutsche erlebt, persönlich sogar viel Zuwendung in schwerer Zeit.“ Bis zu ihrem Tod stand der Spätheimkehrer noch in Briefkontakt mit seinen Vorgesetzten von damals. Und rückblickend sagt er: „Mein Reifezeugnis habe ich 1937 erhalten, aber die menschliche Reife habe ich erst im Lager gewonnen.“

Guram Tschotschjew mit Josefa Üblacker, Irina Chasowa, Melitta Schön, seiner Mutter und dem Freund Igor Melnitschenko

Nun aber zurück zum Geburtstagskind, das so viel ansteckend gute Laune verbreitet, als wollte es jeden Tag sein Wiegenfest feiern. Zur Welt gekommen ist der Jubilar zwar weder in Erlangen noch in Wladimir, sondern in Ossetien, doch nach dem Studium schon kam der Arzt in die Partnerstadt und übernahm sofort die Leitung der ersten Abteilung für orthopädische Traumata im Krankenhaus von Jurjewez, das in vielen Bereichen landesweit führend ist und vor allem Kinder und Jugendliche aus der ganzen GUS behandelt. Mehr als 2.500 Operationen hat er erfolgreich durchgeführt, über 5.000 Kinder bis 16 Jahre sind durch seine geschickten Hände gegangen, und auch wer älter ist und ein schwieriges orthopädisches Problem hat, läßt sich von dem „Doktor mit Herz“, wie ihn seine Patienten nennen, behandeln. Sogar Gäste aus Erlangen erlöste er schon mit ein paar Handgriffen von ihren Leiden. Längst hat man seine Fähigkeiten auch im Ausland erkannt und anerkannt. Die Kollegen aus Erlangen vermittelten schon Anfang der 90er Jahre erste Kontakte zu Fachleuten aus den USA und in anderen Ländern, luden ihn zu Kongressen ein, wo er mit seinen heute gut 50 Publikationen einen kompetenten Eindruck hinterließ. Jetzt reist er zu Vorträgen und Symposien von Zagreb bis Sydney, im vergangenen Herbst besuchte er die große Medizintechnikmesse in Düsseldorf. 1997 wurde Guram Tschotschjew in die „Pediatric Orthopaedic Society of North America“ (POSNA) aufgenommen und erhielt damit den internationalen Ritterschlag in seinem Fach.

Jürgen Ganzmann, Irina Chasowa, Guram Tschotschjew und Josefa Üblacker im Keller bei der Probe

Doch Guram Tschotschjew ist nicht nur ein wohlgelittener Gast überall in der weiten Welt, er ist vor allem selbst ein wundervoller Gastgeber. Wer von ihm zu einem langen Abend in die Familie nach Hause eingeladen wird, erlebt ein Feuerwerk an kaukasischen und russischen Speisen und wird in die hohe Kunst der Trinksprüche eingeführt, ohne die jede Festtafel in ein ordinäres Saufgelage ausarten würde. Ein regelrechter Zeremonienmeister der Gastlichkeit ist er, dessen Regeln man sich gerne ergibt. Eine gewisse Trinkfestigkeit sollte man freilich schon mitbringen oder sich zumindest rasch mit einer soliden Grundlage aus der unüberschaubaren Fülle der Gerichte versehen, die nach uralten und ungeschriebenen Gesetzen der Tradition auf den Tisch kommen. Andernfalls sind Nebenwirkungen der seriellen Degustationen verschiedenster Weine, Cognacs und des berühmt-berüchtigten Selbstgebrannten, liebevoll „Tschatscha“ genannt, mit je nach Konstitution teilweiser oder vollständiger Lähmung der unteren Extremitäten einhergehend, fast zwangsläufig zu gewärtigen. Vulgo: Schon das nächste Glas könnte eines zu viel gewesen sein.

Dennoch erheben heute in Erlangen viele Freunde ihr Glas und trinken auf das Wohl dieses so liebenswerten und humorvollen Menschen und wünschen ihm ein langes und glückliches Leben und noch viele Begegnungen dort wie hier. Wie es aussieht, kommt Guram Tschotschjew auch tatsächlich in diesem Jahr wieder nach Erlangen und Rummelsberg, um sich über neueste Methoden bei der Operation von Kniegelenken zu informieren und den Kollegen gewiß auch wieder eigene Ideen und Anregungen zu geben. Raimund Forst, Direktor der Orthopädie am Waldkrankenhaus St. Marien, hält die Türen jedenfalls weit geöffnet. Willkommen in Erlangen, lieber Guram!

Nachtrag: Am 18. Juli 2011 ist Hans Degel, dieser sanfte Menschenfreund, verstorben. Guram und er werden sich nun doch nicht wiedersehen. Jedenfalls nicht mehr in Erlangen. RIP.

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