Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Ursula Rechtenbacher’


Fast ein Jahr ist es her, seit sich Andrej Schewljakow und Dorian Keilhack am Abend des 8. Mai trafen, auf Anhieb eine musikalische Freundschaft eingingen und begeistert die Anregung aufnahmen, zum 35. Jubiläum der Städtepartnerschaft gemeinsam ein Festkonzert zu geben. Auch auf den Termin hatten sich der Multiinstrumentalist aus Wladimir und der Leiter der Camerata Franconia rasch geeinigt, freilich ohne Abstimmung mit der Kanzlei des Kreml, wie Oberbürgermeister Florian Janik bei der Eröffnung des Jubiläumsabends gestern anmerkte, die im Dezember just für den 18. März die Präsidentschaftswahlen ansetzte.

Andrej Schewlajkow, Igor Starowerow, Lydia Wunderlich, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow

Der protokollarische Teil der Veranstaltung nahm denn auch nur wenige Minuten in Anspruch, denn aus gegebenen Gründen konnte keine offizielle Delegation aus der Partnerstadt anreisen. Desto hochrangiger dafür das künstlerische Aufgebot mit dem Musiker und Komponisten, Andrej Schewljakow, mit dem Konzertmeister des Wladimirer Universitätsorchesters, Igor Starowerow, und dem Cellisten, Alexander Tichonow, verstärkt von Lydia Wunderlich, Mitglied der Jenaer Philharmonie in den 2. Violinen, denn es gab ja noch ein zweites Jubiläum zu feiern: zehn Jahre Partnerschaftsdreieck Erlangen-Jena-Wladimir.

Dorian Keilhack, Christian Hilz, Tilmann Stiehler und Eberhard Klemmstein

Vor dem Feiern aber standen – nach Wochen und Monaten des Austausches von Noten und Audiofiles – die Proben, von Donnerstagabend mit den ersten Einstudierungen im Christian-Ernst-Gymnasium über die offenen Proben am Freitag im Wohnstift Rathsberg und das Hauptkonzert dort am Samstagabend bis zur Generalprobe am gestrigen Vormittag im Redoutensaal. Konzentriert und diszipliniert, vor allem aber bestens aufeinander abgestimmt, obwohl doch die häufig noch ganz jungen Mitwirkenden aus einem Dutzend verschiedener Länder kommen, von Venezuela bis Österreich, von Serbien bis Israel. Vielleicht auch deshalb das einhellige Urteil der russischen Gastmusiker: „Es ist als hätten wir schon immer mit diesem Ensemble gespielt. Dieses Orchester besitzt große Klasse, und es ist uns Freude wie Ehre, hier mitzuspielen.“

Alexander Tichonow und Gerhard Rudert

Gerhard Rudert, Kontrabaßist aus Möhrendorf, der mit Alexander Tichonow bereits in den 90er Jahren gemeinsame Konzerte gab und Alben dieser deutsch-russischen Verbindung veröffentlichte, dazu in seiner fränkisch-lapidaren Ausdrucksweise: „Die Camerata ist halt ein Profi-Orchester, und das spürt und hört man.“

Camerata Franconia

In der Tat darf Erlangen stolz sein auf diese musikalische Visitenkarte, die nicht nur höchsten künstlerischen Ansprüchen genügt, sondern auch eindrucksvoll den internationalen Flair der Stadt verkörpert. Und nun auch noch die Verbindung zu Wladimir, wo Dorian Keilhack bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert als Pianist aufgetreten war, ganz in der Tradition seiner Eltern, Dirk und Vivien, die schon 1986 an den Erlanger Kultur- und Sporttagen in der Partnerstadt teilgenommen hatten.

Florian Janik

Oberbürgermeister Florian Janik beschwor denn auch in seiner Ansprache diesen Geist der Verständigung, der sich – unter Anspielung auf die sich weiter zuspitzende politische Gemengelage – nicht nach dem richte, was da gerade in London, Moskau oder Berlin übereinander gesagt werde – und erinnerte an die schweren Zeiten der Anfänge in Zeiten des Kalten Krieges, von denen die Begründer der Städtepartnerschaft, besonders Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Altbürgermeisterin Ursula Rechtenbacher, passend zum musikalischen Abend „ein Lied singen können“.

Redoutensaal

Im Saal war dann übrigens doch mehr Wladimir vertreten, als man meinen möchte: die Athleten, die am Winterwaldlauf teilgenommen hatten, der Photograph Wladimir Fedin, eine Gruppe Austauschstudenten, private Gäste… Vor allem aber natürlich war die Bühne frei für Wladimir, dem der Auftakt des Abends vorbehalten blieb.

Andrej Schewljakow

Andrej Schewljakow hatte zwei Eigenkompositionen mitgebracht, die gestern ihre deutsche Erstaufführung erlebten: „Die Mühle“, ein pointillistisches Werk mit jazzig perlenden Läufen am Flügel, bevor der von Alexander Skrjabin inspirierte Leiter einer eigenen Cross-Over-Combo zur Violine wechselte und seine „Serenade“ vorstellte, eine beschwingt virtuose Hommage an Joseph Haydn, an die das Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur des großen Meisters der Wiener Klassik nahtlos anschließen konnte.

Alexander Tichonow

Wer sein Können am Cello zeigen will, spielt dieses Stück. Entweder man scheitert daran grandios, oder man spielt sich in die Herzen des Publikums. Alexander Tichonow ergriff den Saal von den ersten wuchtigen Takten seines Solos an und riß die Zuhörer mit auf seinem halsbrecherischer Wettlauf über alle Stege hinweg, in einem faszinierenden Wechselspiel mit dem Orchester, wobei man nie so recht hätte zu sagen wissen, wer da wen mehr antreibt, der Solist das Ensemble oder dieses den Cellisten. Wenn aber beide immer wieder am Ende jeden Satzes glücklich-gleichzeitig im harmonisch sich auflösenden Schlußakkord ankommen, ist das besonders dem wachsamen Blickkontakt zwischen Konzertmeisterin Eva Bindere aus Riga und dem zupackenden Tempomacher Tilmann Stiehler, dem Leiter des Erlanger Musikinstituts, zu verdanken.

Andrej Schewljakow, Igor Starowerow, Eva Bindere, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow

Ein strahlender Auftritt unter dem so unangestrengt lächelnden Dirigat von Dorian Keilhack, der keiner großen Gesten und herrischer Einsätze bedarf, um sein Ensemble zu leuchtender Spielkraft zu führen. Auch im zweiten Teil des Konzerts mit der Uraufführung der sechs Chansons von Eberhard Klemmstein mit dem Erlanger Bariton Christian Hilz, die ein nicht minder konzentriertes Musizieren verlangt.

Dmitrij Tichonow, Eberhard Klemmstein, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow

Klar deshalb auch das Urteil von Dmitrij Tichonow, der den Bruder begleitete und ebenfalls bereits in den 90er Jahren in Erlangen auftrat. „Ein ganz außerordentlicher Dirigent, den wir unbedingt auch einmal nach Wladimir einladen müssen. Ein wirklich großer seines Fachs!“ Nun wünscht sich der Pianist zunächst aber Noten von Werner Heider, um sie zu Hause einzustudieren und vielleicht auch einmal selbst wieder in Erlangen zu musizieren .

Udo und Asja Neumann mit Alexander Tichonow

Wer weiß aber heute schon zu sagen, was da alles gestern in Gang kam, welche künstlerische Energie der Abend freisetzte. In jedem Fall war das Festkonzert ein Höhepunkt nicht nur des Jubeljahres, sondern wird weit darüber hinaus seine Wirkung entfalten.

Alexander Tichonow und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß

Übrigens: Auch Eberhard Klemmstein ist Wladimir bereits seit langem verbunden. Bereits 1991 trat er mit seinem Marteau-Ensemble in Wladimir auf und kooperierte mit Eduard Markin und dessen Kammerchor bei Festival des Hörens in Erlangen ein Jahr zuvor. Aber noch ist das Konzert ja nicht am Ende. Man merkt es Dorian Keilhack an, wie sehr er mit der russischen Musik verbunden ist, wenn er auswendig die „Sinfonie classique“ von Sergej Prokofjew dirigiert und durch diese verzauberte Notenwelt gleitet, als wäre es ein Bild von Marc Chagall oder eine Ode an die Freude, wo er weilt, jener sanfte Flügel der Kunst. Und dann als Zugabe eine hauchzarte Ahnung von „Summertime“, ein feinst gewobenes Arrangement von Andrej Schewljakow nach Motiven von George Gershwin, hingebungsvoll interpretiert von Christian Hilz. Beifall, Beifall und nochmals Beifall.

Eberhard Klemmstein, Christian Hilz, Dorian Keilhack und Tilmann Stiehler

Am Ende eines solchen Abends ist der Sparkasse Erlangen ebenso zu danken wie der Bürgerstiftung Erlangen für ihre Unterstützung. Dank all den Gastgebern, die für diese ereignisreichen Tage den Gästen aus aller Welt ihre Türen öffneten, und ein Vergelt’s Gott an Geigenbaumeister Günter H. Lobe auf dessen wundervollen Instrumenten die Musiker aus Wladimir ihr Können zeigen durften.

Read Full Post »


Gestern haben Oberbürgermeister Siegfried Balleis und sein Vorgänger im Amt, Dietmar Hahlweg, jemanden in den Ruhestand verabschiedet, der es verstanden hat seinen Bereich zur „zentralen Stelle der Verwaltung zu machen, die den Überblick über die großen Entwicklungslinien Erlangens behält.“ Jemanden, der, wie er selbst sagt, unter drei Oberbürgermeistern seinen treuen Dienst versehen und mit 226 Stadträten zusammengearbeitet hat. In 48 Berufsjahren und seit 1986 als Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes, das er erst zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Helmut Schmitt mit seiner Familie und Dietmar Hahlweg

Die Rede ist von Helmut Schmitt, dessen Schaffen und Wirken auch den beiden Laudatoren nur in groben Zügen und im großen Bogen gelingen konnte, zu vielschichtig, ja, filigran ist das verästelte Netz seiner Initiativen, Aktionen, Verbindungen und Erfolge. Ein Ausnahmebeamter, wie man sie kaum mehr findet, ein Mann, der beim Blick auf die übergeordneten Zusammenhänge immer auch ein scharfes Auge auf jedes Detail wirft, vor allem auf jene vermeintliche Kleinigkeit, die das Zeug hat, das Große scheitern oder erst richtig groß werden zu lassen.

Helmut Schmitt und Siegfried Balleis

Ein Mann mit erstaunlichem Gespür für Stimmungen, aber auch mit Willen und Durchsetzungskraft, selbst schwierigste Ziele – mit meist eng begrenzten Verwaltungsmitteln – zu erreichen. Unter enormem persönlichen Einsatz und ohne je auf die innere Stechuhr zu achten. Doch, was nicht einmal den beiden Oberbürgermeistern in Gänze gelingen wollte, soll auch hier gar nicht erst versucht werden. Der Blog hat ja das Privileg der Exklusivität, darf alles ausblenden, was nicht mit Wladimir zu tun hat.

Das Geschenk an Helmut Schmitt

Wie gut es da doch ist, daß Helmut Schmitt auch und gerade mit Wladimir zu tun hat. Viel sogar. Viel mehr, als man meinen möchte. Ihm ist es nämlich auch zu verdanken, daß die Städtepartnerschaften an jener „zentralen Stelle der Verwaltung“ nicht nur als ornamentaler Appendix geführt, sondern als zentrale Aufgabe gestaltet werden. Und Wladimir ist da mitten drin, im Zentrum, bei all seiner Liebe zu den übrigen Partnerschaften. Helmut Schmitt gehört nämlich noch jener Generation an, die verinnerlicht hat, was die Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Menschen bedeuteten, was es konkret bedeuten kann, wenn ganze Völker Erbfeindschaften, tiefe Gräben, erbitterten Haß, ideologische Grenzen und als unüberwindbar geltende Spaltungen überwinden, kurzum, wenn Verständigung und Versöhnung gelingen.

Wegbegleiter Hermann Gumbmann und Rudolf Schwarzenbach

„Wir wollen – und wir müssen mit den Russen Freundschaft halten!“ Ein Lebensmotto für Helmut Schmitt, der es vom Stadtassisentenanwärter z.A. bis zum Verwaltungsdirektor gebracht hat. Eine Karriere übrigens – und das nur als Einschub -, die angesichts der heute so rigiden Einstellungs- und Beförderungsvoraussetzungen undenkbar wäre, wie selbst Siegfried Balleis bedauernd einräumte.

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Die Freundschaft mit den Russen ist ihm Herzenssache. Das hat er bewiesen, wenn es galt, mit den Kommunisten die Verständigung zu suchen, das hat er bewiesen, als eine Besuchergruppe aus Wladimir im August 1991 während des Putsches gegen Michail Gorbatschow in Erlangen buchstäblich nicht mehr weiterwußte, das hat er bewiesen mit der Aktion „Hilfe für Wladimir“, vor allem aber hat er es bewiesen mit seiner umfassenden Unterstützung für das Erlangen-Haus, dieses Dach der Bürgerpartnerschaft, das ohne seine ordnende Hand – vor allem in der Bauphase -nicht vorstellbar wäre.

Willi Götz, Dietmar Hahlweg, Siegfried Balleis, Helmut Schmitt, Gerd Lohwasser, Ursula Rechtenbacher, Birgitt Aßmus, Elisabeth Preuß.

Dietmar Hahlweg sprach von dem Glück, das ihm zuteilgeworden mit einem solchen Amtsleiter an seiner Seite, und Siegfried Balleis lobte den „Politikmanager“ als „loyale, zuverlässige rechte Hand“. Ja, es ist ein Glück, daß Helmut Schmitt für Wladimir brennt und der Partnerstadt ein loyaler und zuverlässiger Freund ist – und bleibt!

Elisabeth Preuß, Birgitt Aßmus, Helmut Schmitt

Und ja, es ist ein Glück in ihm jemanden zu haben, der immer wieder nach dem Rechten sieht, der die Dinge richtet, der es zwar nicht allen recht machen will, der aber mit seinen Entscheidungen fast immer recht behält. Er ist nämlich – nicht nur hinsichtlich Wladimir – mehr als nur die rechte Hand: Er ist der rechte Mann am richtigen Ort mit einem großen Herzen am richtigen Fleck.

Helmut Schmitt und Herbert Lerche mit dem Team: Silvia Klein, Ute Klier, Anita Lochner, Andrea Kaiser, Till Fichtner, Britta Chiarelli, Jolana Hill und Gerhard Mahler.

In seinem sehr persönlich gehaltenen Schlußwort machte Helmut Schmitt gestern Hoffnung auf ein Wiedersehen: „Ich sage auf Wiedersehen. Und wir sehen uns bestimmt wieder!“ Das ist gut so – für die viele Projekte, an denen er noch arbeitet, für seine Freunde, die ihn sonst sehr vermissen würden, für sein Team, dem er noch einiges geben kann, für seinen Nachfolger, Herbert Lerche, in dessen bereits bürgermeisteramtserfahrene Hände er den Leitungsstab gern übergeben hat. Besonders gut aber ist dieses Versprechen für die Partnerschaft mit Wladimir und das Erlangen-Haus, dem er seit Anfang September als Mitglied des Beirates ehrenamtlich enger denn je verbunden ist. Wie gut!

Read Full Post »


Empfang im Ratssaal

Es war schon lange überfällig, und es ist gut, diesen ersten Empfang für ehrenamtliche Kräfte im Bereich der Städtepartnerschaften endlich gegeben zu haben. Der Ratssaal vermochte sie am gestrigen Abend kaum zu fassen, all die Gäste, die gekommen waren, um der ersten Verleihung von Ehrenbriefen für Verdienste um die Städtepartnerschaften beizuwohnen. Für 150 Plätze hatte das Hausmeisterteam von Andreas Teuber gesorgt und noch zwanzig Stühle in Reserve gehalten, die fast bist auf den letzten gebraucht wurden, um alle Besucher Platz nehmen zu lassen.

Elisabeth und Fritz Wittmann, im Hintergrund Doris Hinderer und Cornelia Hufeisen

Die Veranstaltung hatte mit einem kleinen Umtrunk begonnen, der Gelegenheit gab, einander kennenzulernen, ins Gespräch zu kommen. Denn viele kannten einander ja noch gar nicht, und noch weniger wußten überhaupt, was da alles so passiert und organisiert wird im 3. Stock des Rathauses, wo Silvia Klein mit Cornelia Hufeisen, Doris Hinderer und Peter Steger die Städtepartnerschaften und internationalen Kontakte koordiniert, oder in den vielen Freundeskreisen und Partnerschaftsvereinen. Eine kleine „Leistungsschau“ der diesjährigen Veranstaltungen von Ajman in den VAE bis zu Venzone, von Besiktas bis San Carlos, gekonnt in Szene gesetzt von der Praktikantin Lea Gleixner, gab da manch unerwarteten Einblick in das Innenleben der vielfältigen auswärtigen Beziehungen Erlangens.  

Angelika und Dieter Wenzel

Ausgezeichnet mit dem Ehrenbrief der Stadt Erlangen wurden Dieter Wenzel, emeritierter Professor der Pädiatrie, und der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf, Fritz Wittmann, beide den regelmäßigen Bloglesern und Aktiven der Partnerschaft mit Wladimir alles andere als unbekannt. Den Kinderarzt und den Weltkriegsveteran verbindet etwas, auf das nur wenige zurückblicken können: 20 Jahre eines ebenso kraftvollen wie segensreichen Einsatzes für Versöhnung und Völkerverständigung, für hilfsbedürftige alte wie junge Menschen in der Partnerstadt.

Fritz Wittmann, Elisabeth Preuß, Siegfried Balleis

Man konnte es Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die es übernahm die Laudatio für Fritz Wittmann vorzutragen, anmerken, welche Hochachtung sie für den Autor des Erinnerungsbandes „Rose für Tamara“ empfindet, sie verbarg nicht ihre Anteilnahme und Freude darüber, endlich jemanden auszeichnen zu können, dessen Lebenswerk sie schon lange bewundert. Oberbürgermeister Siegfried Balleis unterbrach seine Laudatio für Dieter Wenzel immer wieder mit Worten der Anerkennung – auch und gerade für den „Kopf und die Faust der Partnerschaft“, seinen Vorgänger im Amt Dietmar Hahlweg und den einstigen Partnerschaftsreferenten und „Chefideologen“ der Partnerschaften, Rudolf Schwarzenbach, aber auch für Ursula Rechtenbacher, bis 1990 Bürgermeisterin mit großen Verdiensten um die Beziehungen zu Jena und Wladimir -, ließ es sich aber auch nicht nehmen, den Direktor der Kinder- und Jugendklinik, Wolfgang Rascher, coram publico zu bitten, die Tradition der Zusammenarbeit mit Wladimir fortzusetzen.

Gruppenbild

Fritz Wittmann hat dieser Tage eine Art Vermächtnis niedergeschrieben, das hier zumindest mit einem Zitat seinen Platz finden soll: „Das ist das verhängnisvolle Defizit im Lauf der Welt, daß sie mit neuen Erfindungen das Leben immer bequemer macht und dabei die ethische Dimension bedenkenlos mißachtet. Wir vertrauen einem System, weil es immer besser funktioniert und nehmen in kauf oder ignorieren, was es zerstört. Wir hören ständig von Reformen und machen dann anders das Gleiche. Unsere Reaktion auf den Klimawandel könnte nur ein Sinneswandel sein. Wir stehen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit vor der Herausforderung, uns selbst zu ändern. All unsere Bemühungen, Frieden zu schaffen, sind vergebens, wenn wir die Militanz unseres Weltwirtschaftssystems nicht entmilitarisieren. Durch SEINlassen würden wir mehr gewinnen als durch ständiges Mehr-HABENwollen.“ Das sagt jemand, der in sich den Krieg besiegt hat und dennoch schmerzlich besorgt ist, angesichts dessen, was wir im Frieden an Gründen für neue Kriege und Katastrophen schaffen. Er kann nur noch warnen und symbolisch seinen Friedenskreis und den Spaten aus Raketentitan, beides in Wladimir gefertigt, an Oberbürgermeister Siegfried Balleis überreichen. Handeln müssen nun andere, wir.

Silvia Klein, Peter Steger, Fritz Wittmann

Dieter Wenzel sieht seine Ehrung als Auszeichnung für all die vielen, die an der Aktion „Hilfe für Wladimir“ mitgewirkt haben. Bis heute ist er sich nicht sicher, was den Ausschlag für sein Wladimir-Engagement gegeben hat, sein Berufsethos eines Mediziners, der den ganzen Menschen, das ganze Kind sieht, oder aber der auffordernde Zuspruch seiner Frau Angelika, die auch selbst viel zum Gelingen der Hilfsaktionen beigetragen hat. Heute kann der Emeritus befriedigt feststellen, daß sein Einsatz erfolgreich war, er eigentlich Grund hätte, sich verdientermaßen zurückzulehnen. Doch beim anschließenden Empfang schmiedet er schon neue Pläne für weitere Besuche, für die Unterstützung Wladimirs mit Inkubatoren, bei sich zu Hause steht schon wieder medizinisches Verbrauchsmaterial, der Gynäkologe Steffen Lanig, der vor gut zehn Jahren für die Frauenabteilung des Krankenhauses des Traktorenwerks Wladimir das erste Laparaskop spendete, will seine Kontakte wieder aufnehmen… Kurz und gut: Es geht munter weiter.

Renate Winzen, Koordinatorin der Wissenschaftskontakte mit Wladimir, Nadja Steger

Lob gab es viel für die Veranstaltung, Ansporn genug jedenfalls, derartige Ehrungen zu einer alljährlichen Tradtion zu machen. Wo sonst noch kommen die Freunde von Eskilstuna und Rennes mit den Aktivisten von Cumiana und Shenzhen zusammen? Wo sonst noch gibt es ein derartiges Forum zum Austausch von Erfahrungen über alle Grenzen der Länder und Kulturen hinweg? Wo sonst noch kann man Menschen ehren, die Erlangens Motto „Offen aus Tradition“ erlebbar machen? Fortsetzung folgt also.

Duo Verena Wedel und Christof Hesse

Bleibt noch die angenehme Pflicht, Christof Hesse und Verena Wedel für die meisterhafte musikalische Umrahmung der Veranstaltung zu danken. Meisterhaft nicht von ungefähr, denn Christof Hesse gibt seit Jahren ehrenamtlich in Wladimir Meisterkurse für Flöte, und seine aus Baiersdorf stammende Schülerin Verena hat mit ihm in Wladimir bereits als Kind Konzerte gegeben. Da kam der Sonderapplaus auf Aufforderung von Elisabeth Preuß vom Publikum wie das Tutti einer freudig brausenden Festtagsorgel.

Zu guter Letzt zum empfehlenswerten Nachlesen die beiden Laudationes im Wortlaut unter: Laudatio Wenzel und Laudatio Wittmann.

Read Full Post »


Dietmar Hahlweg, Heide Mattischeck, Ursula Rechtenbacher vor dem Kosbacher StadlDer Kosbacher Stadl platzte heute am späteren Nachmittag aus allen Nähten, als Heide Mattischeck zu ihrem Geburtstagsempfang lud. 70 Jahre ist sie geworden, eine Altmeisterin der Kommunalpolitik wie sie vom Laudator und seinerzeitigen Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, im zarten Alter von 50 Jahren bei ihrer Wahl zur Bundestagsabgeordneten genannt wurde. Eine Reverenz an eine Frau, die nicht nur in ihrer Partei, der SPD, sondern auch in der Stadt Maßstäbe gesetzt und mit beherztem Durchsetzungsvermögen Dinge verwirklicht hat, die wir längst für selbstverständlich halten – von der Verkehrsberuhigung bis hin zur Kinderbetreuung. Eine Reverenz an eine Frau, die auch bis heute im Lager der politischen Gegner Respekt und Anerkennung genießt, wie Stadträtin Birgitt Aßmus bekundet, die offenbar mehr mit der Jubilarin gemein hat, als nur die Liebe zum Garten.

Gefragt nach den drei wichtigsten Erfolgen ihrer Stadtratsarbeit nennt Heide Mattischeck u.a. die Städtepartnerschaft mit Wladimir. In der Tat hat sie nicht nur in Erlangen die politischen Weichen zu stellen geholfen, sie hat vor allem bei den ersten Schritten hin zur Partnerschaft – dazu versetze man sich in jene Zeit des Kalten Krieges Anfang der 80er Jahre zurück – Trittfestigkeit bewiesen und stets gegenüber den manchmal wohl noch mißtrauischen Gastgebern die richtigen Worte zur rechten Zeit gefunden. Ein solcher Moment war gewiß 1984 das Gespräch zwischen ihr und dem damaligen Vorsitzenden des Exekutivkomitees, sprich dem Oberbürgermeister, Michail Swonarjow, bei einem Tête-à-tête während einer Zigarettenpause. Die Rede kam auf private Dinge, auf die Familie, und beide entdeckten, daß sie im Krieg den Vater verloren haben. Der gemeinsame Verlust verband die beiden weit über die spontane Umarmung hinaus und machte für alle spürbar, um welchen Preis der so kostbare Friede errungen wurde. Und ganz ohne Programmatik und Regieanweisung erklang schon in diesem frühen Stadium der Partnerschaft der Dreiklang, dessentwegen hier wie dort all die Anstrengungen unternommen wurden: Versöhnung, Verständigung, Vertrauen.

Heide Mattischeck war vier Jahre alt, als ihr Vater 35jährig auf der Krim fiel. Sie hat keine Erinnerung mehr an ihn. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann den Schmerz nicht nachfühlen. Aber nachfühlen kann man, daß sie und ihr Gegenüber nicht nur ideologische Gräben und politische Grenzen überschritten haben, sondern auch in sich den Gedanken an Rache und Vergeltung besiegen und damit ihren und unser aller Friede gewinnen konnten. In solch vermeintlich kleinen Gesten liegt die Größe eines Menschen. Das meint wohl auch der sicher älteste Sozialdemokrat Rußlands, der wortmächtige Percy Gurwitz, wenn er durch seinen Freund Dietmar Hahlweg aus der Ferne fast schon schmucklos lapidar an die Genossin ausrichten läßt: „In Dir ist viel Gutes. Und das ist für uns das Beste!“  Heide Mattischeck hat für die Partnerschaft mit Wladimir viel Gutes getan, und das gereichte beiden und uns allen zum Besten. Danke!

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: