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Posts Tagged ‘Ursula Rechtenbacher’


Heute eine weitere Vorabveröffentlichung aus dem deutsch-russischen Band „Erinnerungen von Kriegskindern“, der im Mai erscheinen soll.

Tatjana und Jurij Fjodorow mit Herbert Lerche und Ursula Rechtenbacher

1934: Ursula Rechtenbacher wurde am 24. Februar in eine gutbürgerliche Familie hineingeboren. Vater: Martin Biedenbach, geb. 1910, Kaufmann bei der Württembergischen Ärztekammer in der Kriegsbergstraße in Stuttgart. Mutter: Emma-Katharina, geb. 1905, gebürtige Strobel.

Es schien, als ob eine unbeschwerte Kindheit zu erwarten wäre. Wir lebten mit der Familie des Bruders meiner Mutter, Eßlingen / Neckar, Haferstraße 4 im Haus der Großeltern mütterlicherseits.

Ursula war das erste Enkelkind der Familie Biedenbach. Der Großvater Martin war schon 1928 an Diabetes gestorben. Die Freude über das Enkelkind in der Familie war groß! Das bürgerliche Leben nahm seinen Verlauf: Urlaub am Schliersee, die Eltern regelmäßig mit ihrem Abonnement im Großen Haus des Theaters in Stuttgart, Einladungen zu Freunden, Empfänge im eigenen Haus.

1938: Geburt der Schwester Helga, die mit Hilfe eines Arztes und einer Schwester der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt im Haus zur Welt kam. Große Angst um meine Mutter! Tod von Großmutter Strobel.

1939: Sommerurlaub am Schliersee mit Großeltern väterlicherseits sowie Großtante und Großonkel aus New Jersey in den USA. Der Vater wurde zu einer „Übung“ eingezogen – tränenreicher Abschied aus Schliersee. Ich sehe heute noch, obwohl ich damals erst fünf Jahre alt war, den aus dem schönen Gebirgstal abfahrenden Zug! Beginn des Zweiten Weltkriegs! Ich hatte große Angst vor „den Polen“. Vater war einige Zeit im Frankreich-Einsatz und brachte ein kleines, struppiges Etwas mit, da er aus einem brennenden Haus gerettet hatte. Struppi gehörte ab da zur Familie. Am 28. Juli wurde meine jüngste Schwester Suse geboren.

1941: Viele Feldpostbriefe gingen zwischen dem Elternhaus und Frankreich und später Rußland hin und her. Sie sind fast in Gänze noch vorhanden. Ich glaube, meine Eltern liebten sich sehr. Bis heute konnte ich aus Gründen der Diskretion diese Briefe nicht bis ins Detail lesen. Weihnachten 2019 faßten wir, meine Tochter Birgit, ihre Kinder – zwei meiner vier Enkel, Corinna (34) und Philipp (33) und ich – uns ein Herz und öffneten Päckchen und Unterlagen, die meiner Mutter 1942 zurückgeschickt worden waren, und lasen uns unter Tränen in die Briefe hinein. Ich war froh, nicht alleine zu sein. Da wurden uns die Schreckenstage von 1942 sehr-sehr bewußt. Was haben die Kriegerwitwen damals ertragen müssen!

In meinen Erinnerungen ist aber sehr-sehr deutlich der Schmerz zu fühlen, was es hieß: Andere Männer, andere Väter kamen wieder zurück, unser Vater nicht! Unser Leben im Alltag war durch die Solidarität, die wir erfahren durften, einigermaßen gesichert. Eine fast schwerere Zeit sollte uns mit der „Nachkriegszeit“ erwarten. Doch bis zum Kriegsende war’s noch ein harter Kampf: Beim nächtlichen Fliegeralarm mußte jeder seine Siebensachen packen und entweder den Luftschutzkeller im eigenen Haus oder einen „Stollen“ im nahegelegenen Areal aufsuchen. Wenn es weit nach Mitternacht zu Ende war, gab’s Extra-Tee und eine Sonderration Butter und Marmelade auf einer Scheibe Brot, und die Schule fing eine Stunde später an. Meine Tante Berta und Onkle Eugen wurden in Stuttgart – Bad Cannstatt zweimal ausgebombt und kamen mit ihren Habseligkeiten bei uns, bei ihrer Schwester, an. Selbstverständlich rückten wir zusammen. Eßlingen blieb eher verschont, doch Lebensmittelkarten waren immer noch Teil der Haushaltsführung.

„Zusammengerückt“ mußten wir weiterhin bleiben, denn unsere Mutter hatte – trotz Brennstoff-Gasbewirtschaftung ihre Küche für vier Personen nun mit drei weiteren Parteien zu teilen. Flüchtlinge aus Ost und Nord waren aufzunehmen: ein Ehepaar aus Lettland (Riga), eine dreizehnköpfige Familie aus Sachsen, eine Dame aus Ostpreußen und ein späterer Student der Ingenieurwissenschaften aus Sachsen. Finanziell war es noch zu bewältigen bis zur Währungsreform 1948. Noch war Vermögen vorhanden, eine monatliche staatliche Rente und ein Zuschuß der Württembergischen Ärztekammer ließen uns ein Auskommen finden. Im Juni 1948 entfielen dann zunächst Rente und Zuschuß. Die Mutter wußte nicht, wie sie zum Beispiel das Schulgeld finanzieren sollte. Ich hatte der gesetzlichen Schulpflicht acht Jahre Genüge getan und mußte die Mädchen-Mittelschule verlassen. Was soll mit mir geschehen? Ein Onkel, der Schwager meines Vaters und Personalchef bei den Neckarwerken, übernahm für mich ein Jahr lang die monatlichen Zahlungen für eine private Handelsschule. So konnte ich später mit dem Beruf der Kontoristin etwas Geld für die Familie (85 Mark pro Monat) beisteuern, wobei ich fünf Mark als Taschengeld behalten durfte. Das Geld, das auf dem Sparkassenkonto lag wurde – wie allgemein üblich – bis auf 10% abgewertet.

Meine Mutter bemühte sich sehr, etwas dazuzuverdienen: durch Bügel-, Näh- und Flickarbeiten bei den Nachbarn. Das tat mir sehr weh, denn sie hatte ja einen Vier-Personen-Haushalt zu versorgen. Vom früheren Wohlstand war nicht mehr viel vorhanden. Und trotzdem blieben wir sehr gut in unserer Umgebung integriert. Vor allem von meiner Patentante Helene, der ältesten Schwester meines Vaters, erfuhren wir viel Beistand. Sie und die ganzen Biedenbach-Geschwister waren im Ruderverein Eßlingen organisiert. So kam ich als Jung-Ruderin auch zu diesem Sport, den ich aktiv, zum Beispiel auf Regatten, ausübte. Beim Abitur-Vierer auf dem Wasser lernte ich dann auch meinen Mann kennen und lieben. Mit ihm zog ich später nach Erlangen und blieb 66 Jahre lang – bis zu seinem Tod – glücklich mit ihm verheiratet.

Altbürgermeisterin Ursula Rechtenbacher

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Beim gestrigen Empfang zum 85. Geburtstag von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg im Redoutensaal sprachen für die Partnerstädte Jena und Wladimir Altoberbürgermeister Peter Röhlinger und Jurij Fjodorow, Abgeordneter des Regionalparlaments und „Vater“ der Partnerschaft auf russischer Seite. Die Rede des vormaligen stellvertretenden Bürgermeisters und Staatssekretärs liegt der politischen Redaktion des Blogs vor und möge hier als Zeugnis einer besonderen Freundschaft verstanden werden.

Sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrter Herr Dr. Dietmar Hahlweg,

heute haben sich in diesem Saal Ihre Freunde, Genossen und Kollegen versammelt. Sehen Sie sich nur einmal um, wie viele Menschen zusammengekommen sind, um Ihnen zu Ihrem Jubiläum zu gratulieren. Das zeugt davon, was Sie uns allen bedeuten. Für Ihre Landsleute wurden Sie zu einer Legende von Mensch, zu einem Oberbürgermeister, der Erlangen zu einer „Radfahrerstadt“, zu einer Hauptstadt des Umweltschutzes oder ganz einfach zu einer der saubersten, gepflegtesten und lebenswertesten Städte Deutschlands machte. Für uns aus Wladimir sind Sie der Diplomat, der den Grundstein für eine lange und feste Partnerschaft zwischen unseren Städten legte. Und für mich sind Sie ein enger und teurer Freund.

Jurij Fjodorow und Peter Steger

Diese Freundschaft währt nun schon viele-viele Jahre. Im Deutschen gibt es den Begriff einer „Freundschaft fürs Leben“. 37 Jahre ist es her, doch ich erinnere mich noch genau daran, wie wir uns kennenlernten, ich habe keine der Begegnungen vergessen, die später folgten, ich habe alles vor Augen, als wäre es gestern geschehen. Ich weiß noch, wie Anfang der 80er Jahre Dr. Klaus Wrobel, der damalige Direktor der VHS, eine Bürgergruppe in die Sowjetunion begleitete und dabei einen Abstecher nach Wladimir machte. Er war begeistert von unserer altehrwürdigen Stadt und berichtete auch Ihnen von seinen Eindrücken, während die Reiseteilnehmer ihre Erlebnisse natürlich auch weitererzählten. Schon damals pflanzten wir den Setzling der Liebe zu Wladimir. Oder, prosaischer, das Interesse an Wladimir war in jedem Fall geweckt.

Norbert Meyer-Venus und Thomas Fink

1983 empfingen wir die erste offizielle Delegation. Die Namen der Mitreisenden erinnere ich bis heute: Mit Ihnen zusammen kamen Heide Mattischeck, Claus Uhl und Peter Millian. Und dann folgte auch schon unsere Photoausstellung in Erlangen. Wir bereiteten uns sorgfältig darauf vor, schließlich wollten wir all das Beste zeigen, was wir hatten, und die Erlanger zumindest auf diesem Umweg mit den Menschen aus Wladimir bekanntmachen. Ich kam ganz allein mit dieser Ausstellung hierher. Ein damals durchaus unüblicher Vorgang. Ich gebe zu, aufgeregt gewesen zu sein. Wie wird man die Ausstellung aufnehmen, wird man sie verstehen, wird man sehen, was wir ausdrücken wollten? Doch die Ausstellung kam an, sie wurde gut besucht. Ich erinnere mich an einen witzigen Fall: Vor einem der Bilder versammelten sich besonders viele Leute. Ich fragte mich, was es wohl sei, das die Menschen so fesselte. Es stellte sich heraus, es war ein Photo unseres Heiz- und Stromkraftwerks, das damals noch mit Kohle befeuert wurde. Klar, es qualmte aus allen Rohren. Und das in einer Zeit, wo man sich hier in Erlangen bereits ernsthaft mit den ökologischen Problemen beschäftigte und sich um Luftreinhaltung sorgte. Während bei uns der Schornstein rauchte. Da fühlte ich mich doch ein wenig unwohl. Wozu das verbergen!

Henning Zimmermann, Fridays for Future

Ich weiß noch sehr gut, wie herzlich man mich aufnahm, wie Sie selbst mich überall herumführten, mir alles zeigten, alles erklärten. Damals begriff ich, es mit einem richtigen Stadtvater zu tun zu haben, mit jemandem, der seine Stadt aufrichtig liebt. Ich gebe zu, beeindruckt gewesen zu sein.

Die offizielle Vereinbarung über die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Wladimir und Erlangen unterzeichneten wir viel später, erst 1987. Aber mir scheint, alles hatte sich bereits damals entschieden. Wir sprachen viel miteinander, diskutierten die Perspektiven unserer Partnerschaft.

Tatjana Fjodorowa, Jurij Fjodorow, Florian Janik, Ursula Rechtenbacher und Dietmar Hahlweg

Ich kam mit dieser Idee nach Hause, erzählte der Leitung der Stadt davon. Der damalige Vorsitzende des Exekutivkomitees – heute würden wir Oberbürgermeister sagen –, Michail Swonarjow, hörte mir aufmerksam zu und interessierte sich für die Idee, er entbrannte sogar regelrecht dafür. Und so wurde beschlossen, eine offizielle Delegation nach Erlangen zu entsenden.

Wie es dann weiterging? – Der Austausch von Schülern, Studenten, gemeinsame Konzerte und Ausstellungen, Familienbegegnungen… Es setzte eine regelrechte „Volksdiplomatie“ ein, die „Bürgerpartnerschaft“, von der Sie immer sprachen, war geboren. Ich bin sicher, auch Sie erinnern sich noch an das großartige „Fränkische Fest“ zum zehnjährigen Jubiläum unserer Partnerschaft im Jahr 1993. 30.000 Wladimirer nahmen daran teil.

Tatjana Fjodorowa, Jurij Fjodorow, Herbert Lerche und Ursula Rechtenbacher

1995 schließlich eröffneten wir das Erlangen-Haus. Tausende Menschen aus unserer Stadt lernten und lernen dort Deutsch in Kursen, die dank der Zusammenarbeit mit der VHS Erlangen und dem Goethe-Institut in Moskau angeboten werden. Hunderte von unterschiedlichen Projekten und Austauschprogrammen in Wirtschaft, Kultur und Soziales könnte ich aufzählen. Das Wichtigste aber – die vielen deutschen und russischen Familien, die alle dank Ihnen und der Partnerschaft zueinander fanden. Hier gebührt aber auch Deinen Nachfolgern alle Ehre: Dr. Siegfried Balleis und Dr. Florian Janik. Beide ließen und lassen nicht nach in ihrem Bestreben, die Partnerschaft unserer Städte auf diesem hohen Niveau zu halten und weiterzuentwickeln – so wie das in der Nachfolge von Michail Swonarjow auch Wladimir Kusin, Igor Schamow, Alexander Rybakow, Sergej Sacharow und Olga Dejewa taten und weiter tun, immer unterstützt von den Stadträten und ihrem Team in der Verwaltung.

Stefan Barth und Jurij Fjodorow

Unsere Partnerschaft gilt als beispielhaft für andere. Ich bin stolz, zu den ersten Schwalben dieser russisch-deutschen Freundschaft zu gehören. Ich freue mich auch darüber, wie es uns gelungen ist, Rothenburg o.d.T. und Susdal zusammenzubringen. Und ich möchte fast glauben, unsere Volksdiplomatie könnte auch die deutsche Einheit befördert haben, zumal in unsere Zusammenarbeit zu meiner großen Freude Jena erfolgreich eingebunden ist.

Peter Röhlinger

Heute, zu Ihrem Jubiläum, kommt mir natürlich viel in den Sinn. Aus irgendeinem Grund vor allem Sachen zum Lachen. Da war doch zum Beispiel dieser spaßige Kasus, als wir mit Ihrer Delegation spät abends von einem Ausflug zurückkehrten und unterwegs im Wald einen Halt einlegten, um auf dem Kühler im Scheinwerferlicht des Autos ein Picknick zu veranstalten. Für uns die normalste Sache der Welt, während die Gäste, wie wir begriffen, sich einigermaßen unbehaglich fühlten. Später lachten wir alle darüber.

Aber jetzt erlaube mir, mich an Dich als Freund zu wenden:

Lieber Dietmar!

Ich sehe mir immer wieder die Photos jener Jahre an, erinnere mich und danke dem Schicksal dafür, das mir vor 37 Jahren einen so weisen und verlässlichen Freund geschenkt hat.

Ich gratuliere Dir von ganzem Herzen zu Deinem Wiegenfest! Ich wünsche Dir noch ein langes Leben, gesund, munter und glücklich. In Wladimir kennt man Dich, erinnert man sich an Dich, liebt man Dich, freut man sich zu jeder Zeit auf Deinen nächsten Besuch!

Tatjana Fjodorowa und Heidi Hahlweg mit dem Jubilar, Dietmar Hahlweg

Zu diesem Festtag beglückwünsche ich aber auch Deine bezaubernde Frau, die Dich Dein ganzes Leben lang begleitet, Dir bei all Deinen Aufgaben Hilfe leistet und Dich bis heute in allem unterstützt, die Dir, wie man bei uns sagt, den Rücken freihält. Immer wenn meine Frau Tatjana und ich Erlangen besuchten, waren wir bei Heidi und Dir eingeladen. Und jedes Mal führten wir wunderschöne und herzliche Gespräche. Glaube mir, ich weiß diese Begegnungen zu schätzen und die Erinnerung daran zu bewahren.

Liebe Heidi, als Zeichen meiner Anerkennung bitte ich Dich, diese Blumen anzunehmen.

Familie Hahlweg

Und jetzt, lieber Dietmar, gestatte mir bitte, einen wichtigen Auftrag zu erfüllen und Dir zu Deinem 85. Geburtstag die Ehrenurkunde des Regionalparlaments Wladimir zu überreichen für Deinen „großen Beitrag zur Begründung der Partnerschaftsbeziehungen zwischen Erlangen und Wladimir sowie zur Entwicklung der Volksdiplomatie“.

Lieber Dietmar, darüber hinaus überreiche ich Dir eine Grußbotschaft des Vorsitzenden unseres Regionalparlaments, Wladimir Kisseljow. Wir baten unsere berühmten Künstler aus Mstjora darum, diese Ehrenbezeigung zu gestalten. Du kennst das natürlich, aber für alle Anwesenden erkläre ich: Mstjora liegt in der Region Wladimir und gilt als das Zentrum der russischen Lackminiaturmalerei, die Weltruhm genießen.

Jurij Fjodorow und Dietmar Hahlweg

Und schließlich ganz persönlich von meiner Familie diese Ikone der Wladimirer Gottesmutter, ebenfalls aus einer Werkstatt der Meister von Mstjora.

Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie uns Dr. Dietmar Hahlweg Beifall spenden!

Silvia Klein, Sabine Lotter und Altdekan Josef Dobeneck, zurecht hochzufrieden mit dem Ablauf des Abends

P.S.: Jurij Fjodorow richtete sich aber nicht nur an seinen Freund. Abweichend vom Manuskript wünschte er mit ergreifenden Worten allen Gästen des Abends ein gesundes und friedliches Neues Jahr, wo sich auch noch die innigsten und geheimsten Wünsche erfüllen sollten. Wie das gehen könnte? Indem wir einander öfter umarmen, füreinander da sind, unseren Angehörigen und Freunden unsere Zuneigung zeigen… Wenn das mehr Leute täten, dann könnte es auch auf der Welt insgesamt menschlicher zugehen. Eine Botschaft, für die der Redner mit viel Applaus und Sympathie bedacht wurde.

Bleibt nur noch, Nadja Steger für die Bilder des Abends zu danken, der mit dem Lied der Franken ausklang.

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Fast ein Jahr ist es her, seit sich Andrej Schewljakow und Dorian Keilhack am Abend des 8. Mai trafen, auf Anhieb eine musikalische Freundschaft eingingen und begeistert die Anregung aufnahmen, zum 35. Jubiläum der Städtepartnerschaft gemeinsam ein Festkonzert zu geben. Auch auf den Termin hatten sich der Multiinstrumentalist aus Wladimir und der Leiter der Camerata Franconia rasch geeinigt, freilich ohne Abstimmung mit der Kanzlei des Kreml, wie Oberbürgermeister Florian Janik bei der Eröffnung des Jubiläumsabends gestern anmerkte, die im Dezember just für den 18. März die Präsidentschaftswahlen ansetzte.

Andrej Schewlajkow, Igor Starowerow, Lydia Wunderlich, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow

Der protokollarische Teil der Veranstaltung nahm denn auch nur wenige Minuten in Anspruch, denn aus gegebenen Gründen konnte keine offizielle Delegation aus der Partnerstadt anreisen. Desto hochrangiger dafür das künstlerische Aufgebot mit dem Musiker und Komponisten, Andrej Schewljakow, mit dem Konzertmeister des Wladimirer Universitätsorchesters, Igor Starowerow, und dem Cellisten, Alexander Tichonow, verstärkt von Lydia Wunderlich, Mitglied der Jenaer Philharmonie in den 2. Violinen, denn es gab ja noch ein zweites Jubiläum zu feiern: zehn Jahre Partnerschaftsdreieck Erlangen-Jena-Wladimir.

Dorian Keilhack, Christian Hilz, Tilmann Stiehler und Eberhard Klemmstein

Vor dem Feiern aber standen – nach Wochen und Monaten des Austausches von Noten und Audiofiles – die Proben, von Donnerstagabend mit den ersten Einstudierungen im Christian-Ernst-Gymnasium über die offenen Proben am Freitag im Wohnstift Rathsberg und das Hauptkonzert dort am Samstagabend bis zur Generalprobe am gestrigen Vormittag im Redoutensaal. Konzentriert und diszipliniert, vor allem aber bestens aufeinander abgestimmt, obwohl doch die häufig noch ganz jungen Mitwirkenden aus einem Dutzend verschiedener Länder kommen, von Venezuela bis Österreich, von Serbien bis Israel. Vielleicht auch deshalb das einhellige Urteil der russischen Gastmusiker: „Es ist als hätten wir schon immer mit diesem Ensemble gespielt. Dieses Orchester besitzt große Klasse, und es ist uns Freude wie Ehre, hier mitzuspielen.“

Alexander Tichonow und Gerhard Rudert

Gerhard Rudert, Kontrabaßist aus Möhrendorf, der mit Alexander Tichonow bereits in den 90er Jahren gemeinsame Konzerte gab und Alben dieser deutsch-russischen Verbindung veröffentlichte, dazu in seiner fränkisch-lapidaren Ausdrucksweise: „Die Camerata ist halt ein Profi-Orchester, und das spürt und hört man.“

Camerata Franconia

In der Tat darf Erlangen stolz sein auf diese musikalische Visitenkarte, die nicht nur höchsten künstlerischen Ansprüchen genügt, sondern auch eindrucksvoll den internationalen Flair der Stadt verkörpert. Und nun auch noch die Verbindung zu Wladimir, wo Dorian Keilhack bereits vor mehr als einem Vierteljahrhundert als Pianist aufgetreten war, ganz in der Tradition seiner Eltern, Dirk und Vivien, die schon 1986 an den Erlanger Kultur- und Sporttagen in der Partnerstadt teilgenommen hatten.

Florian Janik

Oberbürgermeister Florian Janik beschwor denn auch in seiner Ansprache diesen Geist der Verständigung, der sich – unter Anspielung auf die sich weiter zuspitzende politische Gemengelage – nicht nach dem richte, was da gerade in London, Moskau oder Berlin übereinander gesagt werde – und erinnerte an die schweren Zeiten der Anfänge in Zeiten des Kalten Krieges, von denen die Begründer der Städtepartnerschaft, besonders Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Altbürgermeisterin Ursula Rechtenbacher, passend zum musikalischen Abend „ein Lied singen können“.

Redoutensaal

Im Saal war dann übrigens doch mehr Wladimir vertreten, als man meinen möchte: die Athleten, die am Winterwaldlauf teilgenommen hatten, der Photograph Wladimir Fedin, eine Gruppe Austauschstudenten, private Gäste… Vor allem aber natürlich war die Bühne frei für Wladimir, dem der Auftakt des Abends vorbehalten blieb.

Andrej Schewljakow

Andrej Schewljakow hatte zwei Eigenkompositionen mitgebracht, die gestern ihre deutsche Erstaufführung erlebten: „Die Mühle“, ein pointillistisches Werk mit jazzig perlenden Läufen am Flügel, bevor der von Alexander Skrjabin inspirierte Leiter einer eigenen Cross-Over-Combo zur Violine wechselte und seine „Serenade“ vorstellte, eine beschwingt virtuose Hommage an Joseph Haydn, an die das Konzert für Violoncello und Orchester C-Dur des großen Meisters der Wiener Klassik nahtlos anschließen konnte.

Alexander Tichonow

Wer sein Können am Cello zeigen will, spielt dieses Stück. Entweder man scheitert daran grandios, oder man spielt sich in die Herzen des Publikums. Alexander Tichonow ergriff den Saal von den ersten wuchtigen Takten seines Solos an und riß die Zuhörer mit auf seinem halsbrecherischer Wettlauf über alle Stege hinweg, in einem faszinierenden Wechselspiel mit dem Orchester, wobei man nie so recht hätte zu sagen wissen, wer da wen mehr antreibt, der Solist das Ensemble oder dieses den Cellisten. Wenn aber beide immer wieder am Ende jeden Satzes glücklich-gleichzeitig im harmonisch sich auflösenden Schlußakkord ankommen, ist das besonders dem wachsamen Blickkontakt zwischen Konzertmeisterin Eva Bindere aus Riga und dem zupackenden Tempomacher Tilmann Stiehler, dem Leiter des Erlanger Musikinstituts, zu verdanken.

Andrej Schewljakow, Igor Starowerow, Eva Bindere, Dorian Keilhack und Alexander Tichonow

Ein strahlender Auftritt unter dem so unangestrengt lächelnden Dirigat von Dorian Keilhack, der keiner großen Gesten und herrischer Einsätze bedarf, um sein Ensemble zu leuchtender Spielkraft zu führen. Auch im zweiten Teil des Konzerts mit der Uraufführung der sechs Chansons von Eberhard Klemmstein mit dem Erlanger Bariton Christian Hilz, die ein nicht minder konzentriertes Musizieren verlangt.

Dmitrij Tichonow, Eberhard Klemmstein, Werner Heider, Dietmar Hahlweg und Alexander Tichonow

Klar deshalb auch das Urteil von Dmitrij Tichonow, der den Bruder begleitete und ebenfalls bereits in den 90er Jahren in Erlangen auftrat. „Ein ganz außerordentlicher Dirigent, den wir unbedingt auch einmal nach Wladimir einladen müssen. Ein wirklich großer seines Fachs!“ Nun wünscht sich der Pianist zunächst aber Noten von Werner Heider, um sie zu Hause einzustudieren und vielleicht auch einmal selbst wieder in Erlangen zu musizieren .

Udo und Asja Neumann mit Alexander Tichonow

Wer weiß aber heute schon zu sagen, was da alles gestern in Gang kam, welche künstlerische Energie der Abend freisetzte. In jedem Fall war das Festkonzert ein Höhepunkt nicht nur des Jubeljahres, sondern wird weit darüber hinaus seine Wirkung entfalten.

Alexander Tichonow und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß

Übrigens: Auch Eberhard Klemmstein ist Wladimir bereits seit langem verbunden. Bereits 1991 trat er mit seinem Marteau-Ensemble in Wladimir auf und kooperierte mit Eduard Markin und dessen Kammerchor bei Festival des Hörens in Erlangen ein Jahr zuvor. Aber noch ist das Konzert ja nicht am Ende. Man merkt es Dorian Keilhack an, wie sehr er mit der russischen Musik verbunden ist, wenn er auswendig die „Sinfonie classique“ von Sergej Prokofjew dirigiert und durch diese verzauberte Notenwelt gleitet, als wäre es ein Bild von Marc Chagall oder eine Ode an die Freude, wo er weilt, jener sanfte Flügel der Kunst. Und dann als Zugabe eine hauchzarte Ahnung von „Summertime“, ein feinst gewobenes Arrangement von Andrej Schewljakow nach Motiven von George Gershwin, hingebungsvoll interpretiert von Christian Hilz. Beifall, Beifall und nochmals Beifall.

Eberhard Klemmstein, Christian Hilz, Dorian Keilhack und Tilmann Stiehler

Am Ende eines solchen Abends ist der Sparkasse Erlangen ebenso zu danken wie der Bürgerstiftung Erlangen für ihre Unterstützung. Dank all den Gastgebern, die für diese ereignisreichen Tage den Gästen aus aller Welt ihre Türen öffneten, und ein Vergelt’s Gott an Geigenbaumeister Günter H. Lobe auf dessen wundervollen Instrumenten die Musiker aus Wladimir ihr Können zeigen durften.

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Gestern haben Oberbürgermeister Siegfried Balleis und sein Vorgänger im Amt, Dietmar Hahlweg, jemanden in den Ruhestand verabschiedet, der es verstanden hat seinen Bereich zur „zentralen Stelle der Verwaltung zu machen, die den Überblick über die großen Entwicklungslinien Erlangens behält.“ Jemanden, der, wie er selbst sagt, unter drei Oberbürgermeistern seinen treuen Dienst versehen und mit 226 Stadträten zusammengearbeitet hat. In 48 Berufsjahren und seit 1986 als Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes, das er erst zu dem gemacht hat, was es heute ist.

Helmut Schmitt mit seiner Familie und Dietmar Hahlweg

Die Rede ist von Helmut Schmitt, dessen Schaffen und Wirken auch den beiden Laudatoren nur in groben Zügen und im großen Bogen gelingen konnte, zu vielschichtig, ja, filigran ist das verästelte Netz seiner Initiativen, Aktionen, Verbindungen und Erfolge. Ein Ausnahmebeamter, wie man sie kaum mehr findet, ein Mann, der beim Blick auf die übergeordneten Zusammenhänge immer auch ein scharfes Auge auf jedes Detail wirft, vor allem auf jene vermeintliche Kleinigkeit, die das Zeug hat, das Große scheitern oder erst richtig groß werden zu lassen.

Helmut Schmitt und Siegfried Balleis

Ein Mann mit erstaunlichem Gespür für Stimmungen, aber auch mit Willen und Durchsetzungskraft, selbst schwierigste Ziele – mit meist eng begrenzten Verwaltungsmitteln – zu erreichen. Unter enormem persönlichen Einsatz und ohne je auf die innere Stechuhr zu achten. Doch, was nicht einmal den beiden Oberbürgermeistern in Gänze gelingen wollte, soll auch hier gar nicht erst versucht werden. Der Blog hat ja das Privileg der Exklusivität, darf alles ausblenden, was nicht mit Wladimir zu tun hat.

Das Geschenk an Helmut Schmitt

Wie gut es da doch ist, daß Helmut Schmitt auch und gerade mit Wladimir zu tun hat. Viel sogar. Viel mehr, als man meinen möchte. Ihm ist es nämlich auch zu verdanken, daß die Städtepartnerschaften an jener „zentralen Stelle der Verwaltung“ nicht nur als ornamentaler Appendix geführt, sondern als zentrale Aufgabe gestaltet werden. Und Wladimir ist da mitten drin, im Zentrum, bei all seiner Liebe zu den übrigen Partnerschaften. Helmut Schmitt gehört nämlich noch jener Generation an, die verinnerlicht hat, was die Folgen des Zweiten Weltkrieges für die Menschen bedeuteten, was es konkret bedeuten kann, wenn ganze Völker Erbfeindschaften, tiefe Gräben, erbitterten Haß, ideologische Grenzen und als unüberwindbar geltende Spaltungen überwinden, kurzum, wenn Verständigung und Versöhnung gelingen.

Wegbegleiter Hermann Gumbmann und Rudolf Schwarzenbach

„Wir wollen – und wir müssen mit den Russen Freundschaft halten!“ Ein Lebensmotto für Helmut Schmitt, der es vom Stadtassisentenanwärter z.A. bis zum Verwaltungsdirektor gebracht hat. Eine Karriere übrigens – und das nur als Einschub -, die angesichts der heute so rigiden Einstellungs- und Beförderungsvoraussetzungen undenkbar wäre, wie selbst Siegfried Balleis bedauernd einräumte.

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Die Freundschaft mit den Russen ist ihm Herzenssache. Das hat er bewiesen, wenn es galt, mit den Kommunisten die Verständigung zu suchen, das hat er bewiesen, als eine Besuchergruppe aus Wladimir im August 1991 während des Putsches gegen Michail Gorbatschow in Erlangen buchstäblich nicht mehr weiterwußte, das hat er bewiesen mit der Aktion „Hilfe für Wladimir“, vor allem aber hat er es bewiesen mit seiner umfassenden Unterstützung für das Erlangen-Haus, dieses Dach der Bürgerpartnerschaft, das ohne seine ordnende Hand – vor allem in der Bauphase -nicht vorstellbar wäre.

Willi Götz, Dietmar Hahlweg, Siegfried Balleis, Helmut Schmitt, Gerd Lohwasser, Ursula Rechtenbacher, Birgitt Aßmus, Elisabeth Preuß.

Dietmar Hahlweg sprach von dem Glück, das ihm zuteilgeworden mit einem solchen Amtsleiter an seiner Seite, und Siegfried Balleis lobte den „Politikmanager“ als „loyale, zuverlässige rechte Hand“. Ja, es ist ein Glück, daß Helmut Schmitt für Wladimir brennt und der Partnerstadt ein loyaler und zuverlässiger Freund ist – und bleibt!

Elisabeth Preuß, Birgitt Aßmus, Helmut Schmitt

Und ja, es ist ein Glück in ihm jemanden zu haben, der immer wieder nach dem Rechten sieht, der die Dinge richtet, der es zwar nicht allen recht machen will, der aber mit seinen Entscheidungen fast immer recht behält. Er ist nämlich – nicht nur hinsichtlich Wladimir – mehr als nur die rechte Hand: Er ist der rechte Mann am richtigen Ort mit einem großen Herzen am richtigen Fleck.

Helmut Schmitt und Herbert Lerche mit dem Team: Silvia Klein, Ute Klier, Anita Lochner, Andrea Kaiser, Till Fichtner, Britta Chiarelli, Jolana Hill und Gerhard Mahler.

In seinem sehr persönlich gehaltenen Schlußwort machte Helmut Schmitt gestern Hoffnung auf ein Wiedersehen: „Ich sage auf Wiedersehen. Und wir sehen uns bestimmt wieder!“ Das ist gut so – für die viele Projekte, an denen er noch arbeitet, für seine Freunde, die ihn sonst sehr vermissen würden, für sein Team, dem er noch einiges geben kann, für seinen Nachfolger, Herbert Lerche, in dessen bereits bürgermeisteramtserfahrene Hände er den Leitungsstab gern übergeben hat. Besonders gut aber ist dieses Versprechen für die Partnerschaft mit Wladimir und das Erlangen-Haus, dem er seit Anfang September als Mitglied des Beirates ehrenamtlich enger denn je verbunden ist. Wie gut!

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Empfang im Ratssaal

Es war schon lange überfällig, und es ist gut, diesen ersten Empfang für ehrenamtliche Kräfte im Bereich der Städtepartnerschaften endlich gegeben zu haben. Der Ratssaal vermochte sie am gestrigen Abend kaum zu fassen, all die Gäste, die gekommen waren, um der ersten Verleihung von Ehrenbriefen für Verdienste um die Städtepartnerschaften beizuwohnen. Für 150 Plätze hatte das Hausmeisterteam von Andreas Teuber gesorgt und noch zwanzig Stühle in Reserve gehalten, die fast bist auf den letzten gebraucht wurden, um alle Besucher Platz nehmen zu lassen.

Elisabeth und Fritz Wittmann, im Hintergrund Doris Hinderer und Cornelia Hufeisen

Die Veranstaltung hatte mit einem kleinen Umtrunk begonnen, der Gelegenheit gab, einander kennenzulernen, ins Gespräch zu kommen. Denn viele kannten einander ja noch gar nicht, und noch weniger wußten überhaupt, was da alles so passiert und organisiert wird im 3. Stock des Rathauses, wo Silvia Klein mit Cornelia Hufeisen, Doris Hinderer und Peter Steger die Städtepartnerschaften und internationalen Kontakte koordiniert, oder in den vielen Freundeskreisen und Partnerschaftsvereinen. Eine kleine „Leistungsschau“ der diesjährigen Veranstaltungen von Ajman in den VAE bis zu Venzone, von Besiktas bis San Carlos, gekonnt in Szene gesetzt von der Praktikantin Lea Gleixner, gab da manch unerwarteten Einblick in das Innenleben der vielfältigen auswärtigen Beziehungen Erlangens.  

Angelika und Dieter Wenzel

Ausgezeichnet mit dem Ehrenbrief der Stadt Erlangen wurden Dieter Wenzel, emeritierter Professor der Pädiatrie, und der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf, Fritz Wittmann, beide den regelmäßigen Bloglesern und Aktiven der Partnerschaft mit Wladimir alles andere als unbekannt. Den Kinderarzt und den Weltkriegsveteran verbindet etwas, auf das nur wenige zurückblicken können: 20 Jahre eines ebenso kraftvollen wie segensreichen Einsatzes für Versöhnung und Völkerverständigung, für hilfsbedürftige alte wie junge Menschen in der Partnerstadt.

Fritz Wittmann, Elisabeth Preuß, Siegfried Balleis

Man konnte es Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die es übernahm die Laudatio für Fritz Wittmann vorzutragen, anmerken, welche Hochachtung sie für den Autor des Erinnerungsbandes „Rose für Tamara“ empfindet, sie verbarg nicht ihre Anteilnahme und Freude darüber, endlich jemanden auszeichnen zu können, dessen Lebenswerk sie schon lange bewundert. Oberbürgermeister Siegfried Balleis unterbrach seine Laudatio für Dieter Wenzel immer wieder mit Worten der Anerkennung – auch und gerade für den „Kopf und die Faust der Partnerschaft“, seinen Vorgänger im Amt Dietmar Hahlweg und den einstigen Partnerschaftsreferenten und „Chefideologen“ der Partnerschaften, Rudolf Schwarzenbach, aber auch für Ursula Rechtenbacher, bis 1990 Bürgermeisterin mit großen Verdiensten um die Beziehungen zu Jena und Wladimir -, ließ es sich aber auch nicht nehmen, den Direktor der Kinder- und Jugendklinik, Wolfgang Rascher, coram publico zu bitten, die Tradition der Zusammenarbeit mit Wladimir fortzusetzen.

Gruppenbild

Fritz Wittmann hat dieser Tage eine Art Vermächtnis niedergeschrieben, das hier zumindest mit einem Zitat seinen Platz finden soll: „Das ist das verhängnisvolle Defizit im Lauf der Welt, daß sie mit neuen Erfindungen das Leben immer bequemer macht und dabei die ethische Dimension bedenkenlos mißachtet. Wir vertrauen einem System, weil es immer besser funktioniert und nehmen in kauf oder ignorieren, was es zerstört. Wir hören ständig von Reformen und machen dann anders das Gleiche. Unsere Reaktion auf den Klimawandel könnte nur ein Sinneswandel sein. Wir stehen zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit vor der Herausforderung, uns selbst zu ändern. All unsere Bemühungen, Frieden zu schaffen, sind vergebens, wenn wir die Militanz unseres Weltwirtschaftssystems nicht entmilitarisieren. Durch SEINlassen würden wir mehr gewinnen als durch ständiges Mehr-HABENwollen.“ Das sagt jemand, der in sich den Krieg besiegt hat und dennoch schmerzlich besorgt ist, angesichts dessen, was wir im Frieden an Gründen für neue Kriege und Katastrophen schaffen. Er kann nur noch warnen und symbolisch seinen Friedenskreis und den Spaten aus Raketentitan, beides in Wladimir gefertigt, an Oberbürgermeister Siegfried Balleis überreichen. Handeln müssen nun andere, wir.

Silvia Klein, Peter Steger, Fritz Wittmann

Dieter Wenzel sieht seine Ehrung als Auszeichnung für all die vielen, die an der Aktion „Hilfe für Wladimir“ mitgewirkt haben. Bis heute ist er sich nicht sicher, was den Ausschlag für sein Wladimir-Engagement gegeben hat, sein Berufsethos eines Mediziners, der den ganzen Menschen, das ganze Kind sieht, oder aber der auffordernde Zuspruch seiner Frau Angelika, die auch selbst viel zum Gelingen der Hilfsaktionen beigetragen hat. Heute kann der Emeritus befriedigt feststellen, daß sein Einsatz erfolgreich war, er eigentlich Grund hätte, sich verdientermaßen zurückzulehnen. Doch beim anschließenden Empfang schmiedet er schon neue Pläne für weitere Besuche, für die Unterstützung Wladimirs mit Inkubatoren, bei sich zu Hause steht schon wieder medizinisches Verbrauchsmaterial, der Gynäkologe Steffen Lanig, der vor gut zehn Jahren für die Frauenabteilung des Krankenhauses des Traktorenwerks Wladimir das erste Laparaskop spendete, will seine Kontakte wieder aufnehmen… Kurz und gut: Es geht munter weiter.

Renate Winzen, Koordinatorin der Wissenschaftskontakte mit Wladimir, Nadja Steger

Lob gab es viel für die Veranstaltung, Ansporn genug jedenfalls, derartige Ehrungen zu einer alljährlichen Tradtion zu machen. Wo sonst noch kommen die Freunde von Eskilstuna und Rennes mit den Aktivisten von Cumiana und Shenzhen zusammen? Wo sonst noch gibt es ein derartiges Forum zum Austausch von Erfahrungen über alle Grenzen der Länder und Kulturen hinweg? Wo sonst noch kann man Menschen ehren, die Erlangens Motto „Offen aus Tradition“ erlebbar machen? Fortsetzung folgt also.

Duo Verena Wedel und Christof Hesse

Bleibt noch die angenehme Pflicht, Christof Hesse und Verena Wedel für die meisterhafte musikalische Umrahmung der Veranstaltung zu danken. Meisterhaft nicht von ungefähr, denn Christof Hesse gibt seit Jahren ehrenamtlich in Wladimir Meisterkurse für Flöte, und seine aus Baiersdorf stammende Schülerin Verena hat mit ihm in Wladimir bereits als Kind Konzerte gegeben. Da kam der Sonderapplaus auf Aufforderung von Elisabeth Preuß vom Publikum wie das Tutti einer freudig brausenden Festtagsorgel.

Zu guter Letzt zum empfehlenswerten Nachlesen die beiden Laudationes im Wortlaut unter: Laudatio Wenzel und Laudatio Wittmann.

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Dietmar Hahlweg, Heide Mattischeck, Ursula Rechtenbacher vor dem Kosbacher StadlDer Kosbacher Stadl platzte heute am späteren Nachmittag aus allen Nähten, als Heide Mattischeck zu ihrem Geburtstagsempfang lud. 70 Jahre ist sie geworden, eine Altmeisterin der Kommunalpolitik wie sie vom Laudator und seinerzeitigen Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, im zarten Alter von 50 Jahren bei ihrer Wahl zur Bundestagsabgeordneten genannt wurde. Eine Reverenz an eine Frau, die nicht nur in ihrer Partei, der SPD, sondern auch in der Stadt Maßstäbe gesetzt und mit beherztem Durchsetzungsvermögen Dinge verwirklicht hat, die wir längst für selbstverständlich halten – von der Verkehrsberuhigung bis hin zur Kinderbetreuung. Eine Reverenz an eine Frau, die auch bis heute im Lager der politischen Gegner Respekt und Anerkennung genießt, wie Stadträtin Birgitt Aßmus bekundet, die offenbar mehr mit der Jubilarin gemein hat, als nur die Liebe zum Garten.

Gefragt nach den drei wichtigsten Erfolgen ihrer Stadtratsarbeit nennt Heide Mattischeck u.a. die Städtepartnerschaft mit Wladimir. In der Tat hat sie nicht nur in Erlangen die politischen Weichen zu stellen geholfen, sie hat vor allem bei den ersten Schritten hin zur Partnerschaft – dazu versetze man sich in jene Zeit des Kalten Krieges Anfang der 80er Jahre zurück – Trittfestigkeit bewiesen und stets gegenüber den manchmal wohl noch mißtrauischen Gastgebern die richtigen Worte zur rechten Zeit gefunden. Ein solcher Moment war gewiß 1984 das Gespräch zwischen ihr und dem damaligen Vorsitzenden des Exekutivkomitees, sprich dem Oberbürgermeister, Michail Swonarjow, bei einem Tête-à-tête während einer Zigarettenpause. Die Rede kam auf private Dinge, auf die Familie, und beide entdeckten, daß sie im Krieg den Vater verloren haben. Der gemeinsame Verlust verband die beiden weit über die spontane Umarmung hinaus und machte für alle spürbar, um welchen Preis der so kostbare Friede errungen wurde. Und ganz ohne Programmatik und Regieanweisung erklang schon in diesem frühen Stadium der Partnerschaft der Dreiklang, dessentwegen hier wie dort all die Anstrengungen unternommen wurden: Versöhnung, Verständigung, Vertrauen.

Heide Mattischeck war vier Jahre alt, als ihr Vater 35jährig auf der Krim fiel. Sie hat keine Erinnerung mehr an ihn. Wer das nicht selbst erlebt hat, kann den Schmerz nicht nachfühlen. Aber nachfühlen kann man, daß sie und ihr Gegenüber nicht nur ideologische Gräben und politische Grenzen überschritten haben, sondern auch in sich den Gedanken an Rache und Vergeltung besiegen und damit ihren und unser aller Friede gewinnen konnten. In solch vermeintlich kleinen Gesten liegt die Größe eines Menschen. Das meint wohl auch der sicher älteste Sozialdemokrat Rußlands, der wortmächtige Percy Gurwitz, wenn er durch seinen Freund Dietmar Hahlweg aus der Ferne fast schon schmucklos lapidar an die Genossin ausrichten läßt: „In Dir ist viel Gutes. Und das ist für uns das Beste!“  Heide Mattischeck hat für die Partnerschaft mit Wladimir viel Gutes getan, und das gereichte beiden und uns allen zum Besten. Danke!

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