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Posts Tagged ‘Ukrainekrieg’


In Deutschland herrscht allgemeine Scheu davor, den Krieg in der Ostukraine beim Namen zu nennen, man diminuiert das Morden zu einem Konflikt. Ein Mann aus Wladimir übt da weniger Zurückhaltung, wie dem folgenden und hier unkommentierten Bericht der Internetplattform Pro Gorod zu entnehmen:
Bei der Vorbereitung eines Berichts über die Beschäftigung eines Wladimirers mit der Geschichte und insbesondere der des Zweiten Weltkriegs erzählte der Mann einem Journalisten von Pro Gorod, er sei im Donbass gewesen und habe dort auf der Seite der Aufständischen gekämpft. Die Beschäftigung mit dem vergangenen Krieg habe sich mit dem gegenwärtigen Krieg vermengt. Darüber, wie der Krieg aussieht, berichtete Alexej Krezul und gab an, er sei im September 2014, ganz zu Beginn der Kriegshandlungen, in den Donbass gefahren und sofort mitten ins Geschehen geraten:
Meine Vorfahren stammen aus Odessa. Meine Großväter sind dort begraben. Für mich war die Teilnahme am Krieg Ehrensache. Es gibt nicht Russen für sich und Ukrainer für sich. Wir sind ein Volk. Die russische Armee ist nicht im Donbass. Es gibt militärische Berater, die zeigen, wie man kämpft, aber selbst nehmen sie an den Schlachten nicht teil.
Alexej zeigt Dokumente: den Paß eines polnischen Kämpfers, Papiere mit einem Einreisevermerk auf ukrainisches Gebiet.
Er zeigt eine amerikanische Tüte mit Trockennahrung und Propagandamaterial in Form von kleinen Papierkreisen, auf denen in ukrainischer Sprache Worte der Unterstützung für die Soldaten und Patrioten der Ukraine geschrieben stehen. Aber es gebe gar nicht so viele Ukrainer, die kämpfen wollen, im allgemeinen handele es sich um Bürger, die sich bei der Mobilmachung dem Befehl nicht entziehen konnten.

Sie sammeln wie mit dem Rechen unterschiedslose alle ein, sogar Behinderte. Ich habe einen Panzerfahrer mit infantiler Zerebralparese gesehen. Wer versuchte, sich der Mobilisierung zu entziehen, geriet in die Hände des „Rechten Sektors“. Nachdem wir Kriegsgefangene genommen hatten, klärte sich bei manchen der Verstand, und sie wechselten auf die Seite der Aufständischen.

Nach Aussage von Alexej kämpfen die Ukrainer mit alten sowjetischen Waffen, die schon vor einigen Jahrzehnten eingelagert worden waren. Darüber hinaus behauptet er, persönlich Phosphormunition auf von der ukrainischen Armee verlassenen Positionen gesehen zu haben, obwohl wegen ihrer erhöhten Gefährlichkeit kraft einer internationalen Konvention schon seit den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts verboten.

Diese Munition ist besonders gekennzeichnet, die kann man mit anderer Munition nicht verwechseln, die ukrainischen Soldaten wußten also, womit sie schießen.

Alexej glaubt nicht, daß der Krieg in der Ukraine bald zu Ende gehe:

Dies ist ein Vernichtungskrieg. Und er ist sogar schlimmer als der Zweite Weltkrieg.

Anstelle eines Kommentars der Verweis auf einen Blogeintrag, der fast auf den Tag genau zwei Jahre zurückliegt: https://is.gd/DmqDmy

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Anfang März des Jahres hatten sich die beiden Oberbürgermeister Florian Janik und Sergej Sacharow der Aktion „Wir weigern uns, Feinde zu sein“ angeschlossen, in Leben gerufen von der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkriegs / Ärzte in sozialer Verantwortung“ (IPPNW). Die Initiative will dem Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der sich weiter zuspitzenden Krise zwischen NATO und Russischer Föderation wegen des anhaltenden Kriegs in der Ost-Ukraine entgegenwirken. Davon unabhängig nutzen beide Stadtoberhäupter nach wie vor jede Gelegenheit zur Ermunterung, den Austausch im Rahmen der Städtepartnerschaft gerade in diesen geopolitisch so schwierigen Zeiten auf allen Ebenen weiter auszubauen.

Florian Janik

Florian Janik

Wie wichtig ihnen dieser Appell zur Verständigung bleibt, beweisen die Politiker mit ihrem eigenen Sprechen und Tun am Mittwoch, den 2. September, wenn sie auf Einladung von Wolfgang Niclas, dem ehemaligen 1. Bevollmächtigten der IG Metall Erlangen, um 19.00 Uhr im Großen Saal der Volkshochschule zum Antikriegstag miteinander über die Rolle der Städtepartnerschaft vor dem Hintergrund der kriegerischen Auseinandersetzungen in der Ukraine diskutieren. Die Moderation könnte der Veranstalter kaum in kompetentere Hände gelegt haben: Der Journalist Peter Millian kennt wie kaum ein anderer Geschichte und Gegenwart der Städtepartnerschaft, war er doch im Auftrag der Erlanger Nachrichten bereits 1983 an der Seite des damaligen Oberbürgermeisters und Begründers dieses kommunalen Versöhnungswerks in Wladimir und kehrte immer wieder dorthin zurück, zuletzt erst im Mai des Jahres. Einführen aber wird in die komplizierte Materie Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, die mit ihrer prononcierten Haltung zum russisch-ukrainischen Konflikt weit über Erlangen hinaus Aufmerksamkeit und Anerkennung genießt. Welche eine Fügung! Es war nämlich ihre Vorgängerin im Amt, Fairy von Lilienfeld, die damals, in den Jahren des Kalten Krieges, als einzige Wissenschaftlerin vor Ort etwas aus eigener Erfahrung zu Wladimir sagen konnte und deshalb die Erlanger Kommunalpolitik dazu beglückwünschte, die einstige Hauptstadt der Rus als Gegenüber angeboten bekommen zu haben. Sergej Sacharow, seit vier Jahren mit Leidenschaft der Sache der Partnerschaft verschrieben, kommt übrigens eigens zu diesem Termin nach Erlangen.

Sergej Sacharow

Wer wollte da guten Gewissens zu Hause bleiben? Auch 70 Jahren nach Nagasaki, dem zweiten und hoffentlich für immer letzten Atombombenabwurf, auch sieben Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist auf Erden noch immer nicht das Reich des Friedens angebrochen. Etwas global daran auf lokaler Ebene ändern zu können, wird niemand ernsthaft für sich behaupten wollen. Aber der Frage nachzugehen, warum gerade diese Plattform der Volksdiplomatie mit ihren jährlich mehr als einhundert Austauschprogrammen so erfolgreich die Sache der Verständigung und Versöhnung betreibt, sich also mit dem friedensstiftenden Geist einer deutsch-russischen Städtepartnerschaft auseinanderzusetzen, die sich weigert, Feindschaft zwischen den Menschen entstehen zu lassen, ist allemal aller Mühen und Ehren wert. Jeden Tag und besonders am 2. September ab 19.00 Uhr in der Erlanger Volkshochschule. S. auch: Einladungsplakat Weltfriedenstag 2015

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Es waren einmal drei Brüder. Wie das so ist im Leben, der eine wollte immer größer und stärker sein, die beiden anderen konnten sich nie recht durchsetzen, lehnten sich zwar hin und wieder auf, balgten sich mit ihm, aber sie waren nie stark genug, ihn ernsthaft herauszufordern. Die Eltern züchtigten ihre drei Buben von klein auf willkürlich und über jedes Maß, ließen sie Hunger leiden, auferlegten ihnen für Nichtigkeiten oder auf puren Verdacht hin die strengsten Strafen, und von Rechts wegen hätte man ihnen das Sorgerecht entziehen müssen.

Drei Schweinchen

Daß die Welt keine Kinderstube sei, erfuhr das Trio also früher, als ihm lieb sein konnte. Der größte Bruder, Gröbru genannt, zog daraus den Schluß, daß Frechheit siege und man sich mit Gewalt alles nehmen könne, was die anderen nicht zu verteidigen wissen. Und so wuchs und wuchs seine Macht gen Osten, er schüttelte im Lauf vieler Jahre das Zaumzeug einer berittenen Horde aus den Steppen ab, vertrieb die Nordmänner, die ihm auf den Leib gerückt waren, jagte einen großmannsüchtigen und zu kurz geratenen Franzosen mit Schimpf und Schande vom Hof und erwehrte sich schließlich des Ansturms eines rassewütigen Austrogermanen, eines Herrenmenschen, mit dem er freilich kurz vorher noch einen Teufelspakt über die Verteilung der Ländereien eines westslawischen Neffen geschlossen hatte. Den verlustreichen Sieg, den die von Gröbru zwangsvereinigte Troika gemeinsam mit den bulligen Jungs von jenseits der Meere errungen hatten, können sie freilich bis heute nicht verwinden, sie streiten sich wie die Kesselflicker darum, wer mehr dafür geleistet und geblutet hat, wer jedes Jahr aufs neue immer noch mehr patriotisches Pathos auftragen darf.

Drei Brüder

Nun war es vor einigen Jahren den beiden kleineren Brüdern eingefallen, eigene Wege zu gehen, der mittlere hielt sogar um die Hand einer gewissen Europa an, für die schon Zeus so geschwärmt hatte, daß der Vielbeweibte sie im Stiersgewand kurzerhand entführte und sich in ihren fruchtbaren Schoß warf. Das unziemliche Werben jedenfalls reizte Gröbru bis aufs Blut, und er sekkierte den Abtrünnigen deshalb nach allen Regeln der schwarzen Kunst. Obwohl es doch in seiner Sprache eine Weisheit gab, die da lautet: „Unter Druck und Zwang mag dich keiner lang“. Bald schon kannte Gröbru in seinem Grimm keine Grenzen mehr, er luchste dem Nachbarn den Platz an seiner Riviera ab und hetzte immer neue Unruhestifter und Landsknechte auf ihn, die sich aufführten, als gelte für sie weder Anstand noch Gesetz. Schuld an allem hatten nach seiner Lesart die Sirenenklänge dieser Hetäre namens Europa und das vergiftete Manna aus einem Land mit drei Buchstaben, das Gröbru im übrigen für alles Übel und Elend dieser Welt als verantwortlich gilt.

Drei Recken

Gröbru wusch sich indessen die Hände in Unschuld, zeigte lieber mit dem Finger auf den mittleren Bruder, zieh den der Selbstverstümmelung, der Verherrlichung von hakigen Symbolen anstelle des Christenkreuzes und stellte ihn als einen Gerngroß und Halbstarken dar, der noch gar nicht auf eigenen Füßen stehen könne. So ging das über ein Jahr – unter den Augen der Schaulustigen aus aller Welt. Immerhin behauptete der kleinste der drei, der gern auch einmal den Mund vollnahm, er würde sich derlei nicht so einfach gefallen lassen, schloß dann aber doch – mit einigen entfernteren Schwippschwagern zusammen – den Bund der Einheit und geschlossenen Stärke mit Gröbru. Aber auch die anderen Nachbarn wagten nicht, dazwischenzugehen, dem Hauen und Stechen Einhalt zu gebieten. Sie meinten, Gröbru zu reizen, könne noch mehr Unheil anrichten, vor allem für sie selbst, und außerdem müsse man ja auch verstehen, wie sehr ihn schmerze, wenn der geliebte Bruder ihm den Rücken kehre. Da seien ein paar Tritte nachgerade zwangsläufig. Eine Erziehungsmaßnahme, wie der Papst übrigens in einer Note an das Dritte Rom bemerkte, die zu begrüßen sei, solange man die Schläge nur unterhalb des geplatzten Kragens platziere und damit selbst das Gesicht bewahre. Unterdessen ist der mittlere Bruder längst zu Boden gegangen, damit sich Gröbru an dessen Statt wieder von den Knien erheben könne, mit den anderen Großen der Welt wieder auf Augenhöhe stehe. Die Hilferufe werden lauter, die Umstehenden bedrohen Gröbru damit, ihn in die Ecke zu stellen, mahnen, appellieren, befleißigen sich der unterlassenen Hilfeleistung und nennen das Krisenmanagement. Aber wozu die Aufregung? Stand nicht der Brudermord am Beginn der vielzitierten jüdisch-christlichen Kultur?

Eines Tages werden die verhinderten Samariter dieser Welt freilich auch diesen Hinterbliebenen von Iwano-Frankiwsk ihr Tun erklären müssen: http://is.gd/EZPVOn

 

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Ein Brief aus dem Internet und einige Zitate zur aktuellen Lage:

Über die Feiertage war ich in einer Provinzstadt in der Region Wladimir zu Besuch, 300 km von Moskau entfernt, um mich mit Freunden zu treffen, zu feiern, zu plaudern. Dabei wurde mir wieder klar: Moskau und Petersburg sind nur ein Teil von Rußland.

Die Stadt hat 80.000 Einwohner, keine Industrie, riesige Betriebe, in der Hauptsache Waffenschmieden, aus der Sowjetzeit stehen als Ruinen in der Landschaft. Hier und da wird gebaut, Kleingewerbe, Tankstellen, Handel. Die Einkommen beginnen bei 7.000 Rubel im Monat. Ich, ich habe mich nicht vertan, es gibt Leute, die solche Löhne bekommen. Im Durchschnitt verdient man 12.000 bis 15.000 Rubel, und man kann sich glücklich schätzen, wenn man eine Arbeit zu diesem Gehalt macht. Wer 30.000 Rubel bekommt, gilt als Glückspilz und Reicher. Dabei liegen die Preise für Lebensmittel, Konsumartikel und Wohnungsnebenkosten auf dem Niveau von Petersburg. Die Menschen leben in echter Armut, ernähren sich schlecht, tragen die allerbilligste chinesische Massenware. Rätselhaft blieb mir, wie man mit solchen Einkünften überlebt, wenn man an Miete, Verkehr, Ausbildung für die Kinder und anderes denkt. „Tja, so leben wir eben“, heißt es da. Natürlich kamen wir auch auf die Politik zu sprechen.

Da steht es ganz schlecht. Alle, ich wiederhole, alle, mit denen ich sprach, erklären, Putin sei ihr Mann. Die Krim sei zu Recht angeschlossen worden, in der Ukraine herrschten Faschisten. Amerika wolle uns nur schaden. Europa sei in Unzucht versunken und tanze nach der Pfeife des Außenministeriums der USA. Eine Verbindung zwischen der Einnahme der Krim und der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage sehen sie nicht. Vielmehr sind sie fest davon überzeugt, die ganze Welt habe uns den Krieg erklärt, wogegen man nun mobil machen, weshalb man Putin unterstützen müsse. Schwere Zeiten habe man ja nicht zum ersten Mal durchzumachen gehabt.

20 km von Tschernobyl entfernt

20 km von Tschernobyl entfernt? Nein. 120 km von der Ringautobahn um Moskau.

Aber stimmt ja gar nicht. Einige Male sprach ich mit Leuten, die Putin gar nicht mochten. Aber da hatte ich mich zu früh gefreut. Ihn mögen die nicht, welche meinen, Putin sei nicht entschlossen genug, man hätte nämlich die Fünfte Kolonne längst hops nehmen, Oppositionelle wie Nemzow und Nachwalnyj öffentlich abknallen sollten. Putin täte gut daran, die Liberalen aus der Regierung zu jagen und Rogosin oder Schojgu zum Premier zu ernennen. Putin sei ein Weichei, weil er im Frühjahr nicht gleich mit Panzerkolonnen den Südosten der Ukraine – einschließlich Odessa – eingenommen und keinen Marschflugkörper auf die Rada in Kiew abgefeuert habe, als sich da alle Abgeordneten versammelten.

So ist das. Dabei sind diese Leute alles meine alten Freunde, deren Bekannte, einfache Russen. Alle Versuche, sie umzustimmen, ihnen auch einen anderen Blickwinkel zu eröffnen trafen auf höfliches Anhören und die darauf folgende Replik, im Fernsehen stelle man das alles ganz anders dar, als ich es tue. Na ja, und die 400 Rubel für einen Internetanschluß ist bei einem Gehalt von 10.000 Rubeln auch nicht jeder zu zahlen gewillt, während das Staatsfernsehen kostenlos zu empfangen ist. Es blieb ein belastender Eindruck zurück…

Soweit dieser Brief. Als Beleg ein Zitat aus der aktuellen Berichterstattung des Ersten Kanals des staatlichen russischen Fernsehens: „Ukrainische Militärs und deren Söldner haben friedliche Bürger in Mariupol beschossen. Die Streitkräfte setzen den Artilleriebeschuß von Donezk und Gorlowka fort.“ Schnitt. Einblendung einer Frau, die sagt: „Mein Kind fragt mich, warum man uns umbringt. Die Menschen unterstützen das offizielle Kiew und dessen Handlungen nicht.“

Aber es kann nicht nur am zentralen staatlichen Fernsehen liegen. Stimmung macht die Politik selbst. Ganz bewußt. Auch vor Ort, nicht nur in Moskau. Dazu nur drei Zitate der Gouverneurin der Region Wladimir, Swetlana Orlowa, dieser Tage in den lokalen Medien veröffentlicht:

Obama, Kamerun… Eure Sanktionen jucken uns doch längst nicht mehr. Wir sind schon mitten drin im Importersatz.

Zwei Jungs haben einen Film über das abendliche Wladimir gedreht. Wie ich mir das so anschaue, denke ich mir, warum sollte das denn nicht Tokio sein? Ich sage euch, das ist sogar besser als Tokio!

Sollen sich doch dieser Obama und dieser Kamerun den ganzen Dreck holen. Die werden schon noch angekrochen kommen und Rußland um Hilfe bitten!

Honi soit qui mal y pense, wenn der Name des britischen Premiers im Mund der Landesmutter wie das afrikanische Land klingt und man so eine gewollte Verbindung zur Herkunft des amerikanischen Präsidenten mutmaßen sollte. Wir geben lieber wieder, was der Wladimirer Politologe, Roman Jewstifejew, aktuell zu sagen hat.

Vorahnung des Bürgerkriegs

Nicht die Spur einer Vorahnung von Bürgerkrieg, überhaupt nicht. Kann gar nicht sein. Es kann keine Vorahnung von Krieg geben, wenn schon längst Kriegszustand herrscht. Das sind ganz andere Gefühle. Und das aus dem Grund, weil in Rußland in jeweils unterschiedlicher Form schon seit einigen Hundert Jahren Bürgerkrieg herrscht. Feinde gab es immer, man schuf sich Feinde, man ernannte Feinde, Feinde bekämpfte und vernichtete man. Innere wie äußere. Und niemand vermochte das aufzuhalten, niemand. Jedes Jahr feiern wir den Sieg im Krieg. Ohne Unterlaß, ohne Einhalt. Jedes Jahr der Sieg. Mit immer mehr Pomp. Weil es nicht geht ohne Sieg. Ohne Sieg bleibt nur die Niederlage. Weil Krieg herrscht. Was soll es also da für eine Vorahnung geben, es gibt keine Vorahnung.

Nachtrag:… Nur die Hoffnung, daß sich das Land mit sich selbst, die Politik mit den Menschen wieder versöhnt. Am 27. Februar 2015 wurde Boris Nemzow in Moskau erschossen.

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Ein symbolisch aufgeladener Sonntag war das gestern in Erlangen. Der Aufruf des Deutsch-Französischen Instituts zur Solidaritätskundgebung mit den Opfern und Hinterbliebenen der Terroranschläge von Paris, ein Appell, dem etwa eineinhalbtausend Menschen folgten.

Fenster des Deutsch-Französischen Instituts

Fenster des Deutsch-Französischen Instituts

Ein Gedenken, das Rachel Gillio, die Leiterin der Kultureinrichtung, in ihrer berührenden Ansprache als Vermächtnis der Charlie-Hebdo-Redaktion unter das Motto „Vive le rire“ – „Es lebe das Lachen“ – stellte. Mit dem Humor haben Fanatiker aller Glaubensrichtungen ja bekanntlich so ihre Probleme. Man denke nur an die Regel des hl. Benedikt, der sagte: „Leichtfertige Späße aber und albernes oder zum Lachen reizendes Geschwätz verdammen wir allzeit und überall, und keinem Jünger erlauben wir, zu derlei Reden den Mund zu öffnen.“

Rachel Gillio, Leiterin des Deutsch-Französischen Instituts

Rachel Gillio, Leiterin des Deutsch-Französischen Instituts

Aber gerade die Franzosen halten sich da lieber an Aristoteles oder ihren Landsmann George Courteline, der neben Lustspielen den Aphorismus hinterließ: „Es gibt im Leben keine bessere Waffe als den Humor“. Richtig, weil er entwaffnend ist, weil er sich auf den Geist, den Esprit, den Witz stützt und Menschen wie Dinge, Dogmen wie Probleme in ihrer Vieldeutigkeit sieht.

Elisabeth Preuß bei ihrer Rede mit Bürgermeisterkollegin Susanne Lender-Cassens, Oberbürgermeister Florian Janik und Mohamed Abuelquomsan, Vorsit­zender beider islamischer Moscheen in Erlangen

Elisabeth Preuß bei ihrer Rede mit Bürgermeisterkollegin Susanne Lender-Cassens, Oberbürgermeister Florian Janik, Dekan Peter Huschke und Mohamed Abuelquomsan, Vorsit­zender der Islamischen Religionsgemeinschaft, des Dachverbandes beider Moscheen in Erlangen

Und weil er zur Meinungsfreiheit gehört, die man nur so lange hat, wie man sie sich nimmt und behauptet. Wo hätte die in Erlangen besser zum Ausdruck kommen können, als auf dem Hugenottenplatz, benannt nach den Franzosen, die nach den Schrecken der Bartholomäus-Nacht die Flucht ergriffen, – in einer gar nicht so fernen Zeit, als Christen Christen terrorisierten? Und wie in Erlangen, wenn nicht im versöhnenden Dreiklang von Bürgermeisterin, Elisabeth Preuß, im Vorstand des Deutsch-Französischen Instituts ebenso wie der Allianz gegen Rechtsextremismus, Mohamed Abuelquomsan, Vorsit­zender beider islamischer Moscheen in Erlangen, und Oberbürgermeister, Florian Janik? Fraternité war das auf Fränkisch, über die Grenzen von Ländern, Sprachen und Religionen hinweg.

Im Westen nichts Neues?!  Kriegsspiel von Reinhold Knapp

Im Westen nichts Neues?! Kriegsspiel von Reinhold Knapp

Derweil ging ebenfalls gestern die Ausstellung „Im Westen nichts Neues?!“ zum Thema „1. Weltkrieg“ im Stadtmuseum zu Ende. Noch ein letztes Mal waren die eindrucksvollen Exponate zu sehen, vorgestellt und erläutert von den Erlanger Künstlern. Reinhold Knapp sieht den Krieg als Kartenspiel mit den Trümpfen M wie Macht, V wie Vergasung, F wie Flucht, wo der Neoimperialist Wladimir Putin, der selbsternannte Sammler sowjetischer Erde, dem letzten deutschen Kaiser gegenübergestellt ist, der – mit bekanntem Ausgang – seinem Reich einen Platz an der Sonne erkämpfen lassen wollte.

Im Westen nichts Neues?! Überbleibsel des Krieges von Christian L. Hamsea

Im Westen nichts Neues?! Trouvaillen des Krieges von Reiner F. Schulz

Christian L. Hamsea stellte u.a. Fundstücke zu einem Ensemble des Grauens zusammen, Relikte des Tötens, Persönliches aus einer Periode der Entmenschlichung. Dabei ist er selbst fast schon hoffnungslos optimistisch und hat bei seinem Besuch in Wladimir vor einem halben Jahr mit den Kollegen gewettet, binnen eines Jahres werde die Visumpflicht zwischen Deutschland und der Russischen Föderation aufgehoben.

Errare humanum est von Christian L. Hamsea

Errare humanum est von Christian L. Hamsea

Realistischer ist da schon, daß der Kenner des menschlichen Irrtums im Sommer Künstler aus der Partnerstadt in seine Akademie bei Rom einladen und für ein paar Tage auch noch nach Erlangen bringen kann.

Im Westen nichts Neues?! Soldatenportrait von Reiner F. Schulz

Im Westen nichts Neues?! Soldatenportrait von Reiner F. Schulz

In vielen Genres zu Hause ist der ebenso partnerschaftserfahrene Reiner F. Schulz, von dem Installationen zu sehen waren, aber auch verfremdete Photos von Weltkriegssoldaten, Bilder, die den Schlachtfeldern ein Gesicht geben. Der Künstler reiste sogar eigens nach Frankreich, um an den Schauplätzen von damals zu arbeiten, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, zu sehen, wie seine Kunst wirkt, etwa die Stahlhelme, umschwebt von den Thanatonen, den Sendboten des Todes.

Im Westen nichts Neues?! Installation von Reiner F. Schulz

Im Westen nichts Neues?! Installation von Reiner F. Schulz mit Stahlhelmen und schwebenden Thanatonen

Und dann vier Lieder vom Krieg, zwei französische, zwei russische von einem Deutschen vorgetragen: ein großes Gesamtkunstwerk für den Frieden von Reiner F. Schulz.

Im Westen nichts Neues?! Reiner F. Schulz

Im Westen nichts Neues?! Reiner F. Schulz

Derweil gingen auch in Moskau Menschen auf die Straße und bekundeten ihre Solidarität mit Charlie Hebdo und all den übrigen Terroropfern. Freilich wurden einigen – wegen einer Ordnungswidrigkeit – die „Je-suis-Charlie-Plakate“ abgenommen. Und in der Komsomolskaja Prawda erscheint heute ein Artikel, in dem die zwei Anschläge von Paris als Werk der USA bezeichnet werden, die damit Frankreich wieder fest in die „Antirussische Phalanx“ zwingen wollen, wie die Amerikaner übrigens, glaubt man dem Verschwörungstheoretiker, Alexander Schilin, einem Oberst i.R., auch schon die „Dienstmagd Obamas“, Angela Merkel, mit dem von ihnen gestifteten Brand im Chemiewerk bei Bremen am 9. September 2014 zur Raison und auf Kurs gegen Moskau gebracht haben sollen. Bei einem derartigen Maß an Zynismus weiß man freilich nicht mehr, ob man lachen oder weinen soll.

Charlie-Hebdo-Kundgebung im Gorkij-Park, Moskau

Charlie-Hebdo-Kundgebung im Gorkij-Park, Moskau

Inzwischen flammen die Kämpfe in der Ostukraine wieder auf. Es fallen erneut Soldaten, fast unbemerkt von uns, als wäre das Erschütterungsmaß voll, die Solidaritätsgrenze überschritten. Mehr als eine Million Ukrainer auf der Flucht, fast fünftausend Todesopfer. Und kein Einsehen in Sicht! Heute so wenig wie damals, als Anna Achmatowa, die überragende russische Lyrikerin des 20. Jahrhunderts, ihr Gedicht „2. August 1914“ schrieb, hier in der Übersetzung von Johannes von Günther:

Des Wacholderdurfts süße Herbe / steigt aus brennender Wälder Schoß. / Witwenjammer im Dorf will nicht sterben. / Die Soldatenfraun klagen ihr Los. // Daß der Himmel uns Regen schenkte, / schrie manch Bittgottesdienst ins Blau: / Aber rote Feuchtigkeit tränkte / jetzt warm die zertretene Au. // Leere, niedrige Himmel weilen, / doch des Betenden Stimme schwand… / Deinen heiligen Leib sie zerteilen, / und sie würfeln um dein Gewand.

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