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Posts Tagged ‘Thomas Rex’


„Hier riecht es nach Zeitung“, rief Ella Rogoschanskaja erfreut, als es in den Keller der Nürnberger Nachrichten ging, wo – ein ingenieurtechnisches Meisterwerk – auf engstem Raum die Druckerei liegt, von wo aus die Postkästen und Kioske der ganzen Region beliefert werden. Die seit Jahren in Nürnberg lebende Journalistin aus Wladimir hatte die Gäste am Vormittag durch ihre neue Heimat geführt und sah nun auch zum ersten Mal das Verlagshaus mit allen Bereichen, von den Redaktionsstuben bis zur Auslieferung der Blätter Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung.

Wjatscheslaw Kartuchin, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Klaus Schrage und Ella Rogoschanskaja

„Eine derart moderne und große Druckerei, noch dazu unter einem Dach mit der Redaktion, haben wir in Wladimir nicht“, bekennt Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, dem Betriebsratsvorsitzenden Klaus Schrage, der sich gestern viel Zeit für die Führung genommen hatte. „Diese Bereiche sind in der Regel getrennt. Dafür haben wir in so gut wie jeder Kreisstadt unserer Region eine eigenständige Lokalzeitung.“ Noch, möchte man hinzufügen, denn auch die russische Medienlandschaft befindet sich im Umbruch, orientiert sich zu Lasten der gedruckten Zeitung immer stärker auf das Internet. Noch aber zeigt sich in der Partnerstadt und im ganzen Gouvernement mit der Größe von ganz Franken und der halben Oberpfalz zusammengenommen ein buntes Bild mit allein in Wladimir vier TV-Stationen, nicht weniger Radiosendern, drei Zeitungen und vielen Internetportalen, unter denen Zebra-TV, immer wieder auch die Referenz für den Blog, herausragt. „Wenn bei uns eine Pressekonferenz angesetzt ist“, beschreibt Julia Kusnezowa vom privaten Fernsehkanal TV6, der zu Ren TV gehört, „dann ist die Hütte voll, während es, wie wir erfahren haben, im Erlanger Rathaus schon einmal vorkommen kann, daß ein Termin platzt, weil kein Journalist kommt. Undenkbar bei uns.“

Julia Kusnezowa und Karina Romanowa

Beide Journalistinnen arbeiten ja beim Fernsehen (s. vorherige Einträge im Blog) und machten ihre ersten Medienerfahrungen mit dem Radio. Beide moderieren, beide haben sich die Liebe zum gesprochenen Wort bewahrt und genießen staunend die technischen Möglichkeiten beim Bayerischen Rundfunk, Studio Franken, kundig-pfundig rundgeführt von Daniel Peter und begrüßt von Thomas Rex, dem Gesicht der allsonntäglichen Frankenschau, der mit seinen drei Reportagen über die Städtepartnerschaft besonders eng mit Wladimir verbunden ist und auch bereits einmal einer russischen Kollegin Gelegenheit zu einem Praktikum gab: https://is.gd/nbCQw3

Thomas Rex, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Daniel Peter und Wjatscheslaw Kartuchin

„Wenn wir das alles so sehen, würden wir uns auch Rundfunkgebühren wünschen“, meinen die Gäste, „aber das ließe sich gesellschaftspolitisch nicht durchsetzen. Bei allen Vorteilen, die wir hier sehen, etwa die starke Präsenz in den Regionen und die ausgewogene Berichterstattung.“ Vor allem auf letzteres kommt es Julia Kusnezowa und Karina Romanowa an, und so lautet denn auch die Antwort auf eine Frage am Abend im Kollegenkreis, was das schönste Zuschauerlob für sie beide sei: „Die Anerkennung, den Fakten entsprechend und ehrlich berichtet zu haben.“ Dies, Tatsachen und Gewissenhaftigkeit, sei denn auch ihr höchster Anspruch an sich selbst, und: „Die Leute wissen das zu schätzen. Damit und mit Kompetenz verschafft man sich dann auch Ansehen in einem allgemeinen Klima des Mißtrauens gegenüber den Medien.“ Etwas, das die deutschen Kollegen sicher ebenfalls unterschreiben würden.

Ella Schindler, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Klaus Schrage

Im Unterschied zur Podiumsdiskussion im Erlanger Club International am Montag geriet das gestrige Gespräch in der Nürnberger Nordkurve, gemeinsam unterhaltsam moderiert von der eloquent zweisprachigen Ella Schindler und dem noch besser als sonst schon gestimmten Klaus Schrage eher zu einer kammermusikalischen Veranstaltung mit – freilich zu wenig – Zeit für Zwischentöne, für Fragen nach dem journalistischen Arbeitsalltag in Wladimir, für das kollegiale Kennenlernen – und für noch mehr Lust, einander besser zu verstehen.

Wjatscheslaw Kartuchin, Wolfgang Mayer, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa, Ella Schindler und Klaus Schrage

Ein Wort des Dankes fehlt noch. Wolfgang Mayer hatte nach seiner Teilnahme an der Prisma-Reise nach Wladimir im November vergangenen Jahres, die Idee, eine Journalistendelegation aus der Partnerstadt zur Fortsetzung des Dialogs einzuladen. Er hielt sich nun bescheiden im Hintergrund. Aber ohne ihn wären all die Begegnungen nicht zustande gekommen. Wie schade und bedauerlich das wäre, zeigen diese Begegnungstage. Deshalb nochmals danke und спасибо!

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Für alle, die am vergangenen Dienstag nicht die Gelegenheit hatten, in Wladimir an der Vorstellung der russischen Fassung des Buches „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ teilzunehmen, hier die Rede des Autors zu diesem Anlaß – allerdings ohne all die gewählten Zitate aus dem Sammelband – zum Nachlesen:

Oberbürgermeisterin Olga Dejewa, Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Liebe Freunde, sehr geehrte Damen und Herren,

ich freue mich sehr über Ihr Kommen und das Interesse an meinem Buch über kriegsgefangene Wehrmachtssoldaten in Wladimirer Lagern.

Peter Steger und Witalij Gurinowitsch

Bevor wir zum Inhalt des Buches kommen, einige Worte zu mir selbst. Wie viele Deutsche meiner Generation wurde ich in einer Familie geboren, wo Krieg und Faschismus noch präsent waren, dabei mit ganz unterschiedlicher Prägung. Mein Großvater mütterlicherseits, Albert Leicht, ein Bauer aus Baden-Württemberg, verbot es seinen Kindern, in die Hitler-Jugend einzutreten und setzte sich selbst für französische Kriegsgefangene ein. Er wurde deshalb mehrfach verwarnt und entging nur knapp der Deportation in ein KZ. Nach dem Krieg lag sein Dorf in der französischen Zone, und auf Vorschlag der befreiten Gefangenen ernannte man ihn zum Bürgermeister. Später wurde er für drei Perioden wiedergewählt.

Theresia und Albert Leicht mit ihren Kindern Franz, Maria und Aloisia sowie der Schwiegertochter Anna mit ihren Enkeln Reinhard (am Tisch) und Doris, Peter sowie Elsbeth, 1962

Ganz anders die Seite des Vaters, Leonhard Steger, der sich freiwillig zur Waffen-SS meldete und sich davon die Möglichkeit versprach, seinen kleinen Bauernhof verlassen zu können und beruflich Erfolg zu haben. Er nahm am Unternehmen Barbarossa teil, erkannte bald das verbrecherische Element dieses Krieges, ging deshalb aber nicht in den Widerstand, desertierte auch nicht, erlitt aber einen moralischen Zusammenbruch. Auch wenn er kein Held wurde, wollte er doch etwas gutmachen und erzog mich von Kindesbeinen an im Geist der Völkerverständigung und vor allem des Respekts und der Liebe gegenüber den Russen.

Leonhard und Aloisia Steger mit ihren Kindern Peter und Doris, 1959

Nach vielen Umwegen studierte ich schließlich Slawistik und begann genau vor 30 Jahren meine ehrenamtliche Arbeit für die Partnerschaft Erlangen – Wladimir, bevor ich drei Jahre später fest im Rathaus angestellt wurde und seither diese großartige Verbindung betreuen darf. Von Beginn an lag mir die Aussöhnung der Veteranen besonders am Herzen. Deshalb regte ich auch 1991 zum 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR am 22. Juni die erste Reise von zwölf Frontkämpfern aus Erlangen in Wladimir an. Die Begegnungen waren überwältigend – Igor Schamow und Nikolaj Schtschelkonogow können das bestätigen -, und bald schon kam es zu Gegenbesuchen. Wenige Jahre später dann die Ausstellung über Gefangenenlager in der Region Wladimir, darauf mit dem Veteranen Fritz Wittmann die Arbeit an dessen Erinnerungsband „Rose für Tamara“, den wir auch ins Russische übersetzten.

Leonhard Steger, Winter 1941/42 an der Ostfront

Die vielen Begegnungen mit den einstigen Feinden, die nun zu Freunden geworden waren, regten mich an, die Erinnerungen der letzten Zeitzeugen zu sammeln. Spät begann ich damit, aber gottlob nicht zu spät, auf eigene Initiative und Rechnung etwa ab 2009 ganz Deutschland von Nord bis Süd, von Ost bis West zu bereisen, um die ehemaligen Kriegsgefangenen zu treffen. Bis nach Österreich und in die Schweiz führte mich mancher Weg, sogar auf dem Flughafen von Los Angeles traf ich einen Veteranen zum Gespräch. Die Erlebnisse und Gespräche haben mich tief geprägt, zumal manche dieser Männer nach Jahrzehnten erstmals offen über ihre Erfahrungen in Gefangenschaft berichteten.

erste Erlanger Veteranendelegation 1991 in Wladimir

Zunächst veröffentlichte ich das Material in meinem Wladimir-Blog, doch bald schon wurde mir klar, daraus müsse ein Buch werden. Was dann zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in Erlangen publiziert werden konnte, war nur möglich dank der Hilfe meiner Frau Nadja, vieler Helfer und Mitautoren sowie Sponsoren. Besondere Ermutigung erfuhr ich in dieser Zeit von Witalij Gurinowitsch, der als Zeitgeschichtler die Materie kennt wie kaum ein anderer und wichtige Texte und Hintergrundinformationen zum Buch beisteuerte. Ihn darf man wohl auch den Vater der russischen Ausgabe nennen, die wir heute vorstellen.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten 2003 auf der Bühne der Heinrich-Lades-Halle, Erlangen

Nicht möglich aber wäre die heutige Veranstaltung ohne einen ganz außergewöhnlichen Menschen geworden, Stanislaw Gadyschew aus Wolgograd, den ich schmerzlich vermisse. Der Geschäftsmann ließ sich in Erlangen wegen einer unheilbaren Tumorerkrankung behandeln. Als Enkel eines Stalingrad-Kämpfers nahm er großen Anteil an dem Buch, wollte unbedingt die russische Fassung noch erleben und gab ganz spontan 3.000 Euro für die Übersetzung. Ich konnte ihn im letzten Sommer noch in Wolgograd besuchen und zumindest vom Beginn der Arbeiten an der russischen Fassung berichten. Wo immer sein Geist jetzt sein mag, dieser Tag ist sein Tag!

Stanislaw und Marina Gadyschew mit der Hospitantin Anastasia Bytschkowa aus Wladimir in Erlangen, 2016

Das Buch, aus dem ich nun einige Zitate vortragen möchte, ist mein persönliches Geschenk an großartige Menschen, an Veteranen, die in sich den Krieg besiegt haben und natürlich an Ihre Stadt, an alle Wladimirer, denn es ist ja doch Ihrer aller Geschichte, die hier in vielen Facetten und Brechungen vor dem Vergessen bewahrt bleibt. Nicht als wissenschaftliche Aufarbeitung, sondern als Kompendium von Erinnerungen, die etwas Wichtiges in sich tragen und uns vermitteln: den menschlichen Erfahrungsschatz, wie Humanität auch in barbarischen Zeiten gelebt werden konnte – während des Krieges und in der Lagerzeit hier in Wladimir. Einige wenige im Buch waren übrigens nicht hier in Gefangenschaft, aber sie haben ihre Spuren in der Städtepartnerschaft hinterlassen und gehören deshalb auch zu Ihnen, den Freunden in Wladimir, die mit diesem Buch ein zutiefst menschliches Zeugnis der Vergangenheit in Händen halten. Viel Freude damit.

Bevor ich mit den Zitaten beginne, lassen Sie mich aber noch zwei Männer begrüßen, denen ich tief und dankbar verbunden bin: Wolfgang Morell aus Erlangen, einem der ersten Gefangenen in Wladimir, dem man hier im Hospital das Leben gerettet hat, und Richard Dähler aus Zürich, einer der Sponsoren meines Buches, der mit seiner Doktorarbeit ein Standardwerk über japanische Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern geschrieben hat. Ich kann Ihnen nur allen empfehlen, im Anschluß an die Veranstaltung mit den beiden das Gespräch zu suchen. Beide sprechen nämlich auch ausgezeichnet Russisch!

Witalij Gurinowitsch und Peter Steger

Ich möchte schließen mit der Hoffnung, der Veteran Günther Liebisch möge nicht recht behalten, wenn er sagt, die Menschen seien unfähig, aus der Geschichte zu lernen. Auch wenn die weltpolitische Lage weniger Anlaß zur Zuversicht gibt, möchte ich doch uns allen wünschen, künftige Generationen brauchen keine Bücher dieser Art mehr zu schreiben, dies waren die letzten Veteranen. Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Peter Steger

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Am 2. Mai des Jahres 1945 fielen in Berlin die letzten Schüsse. Die Rote Armee hatte den erbitterten Widerstand der verbliebenen Wehrmachtseinheiten, des letzten Aufgebots vom Volkssturm und der Kindersoldaten gebrochen. Die bedingungslose Kapitulation des „Tausendjährigen Reiches“ stand unmittelbar bevor.

Mahnmal Treptower Park

Mahnmal Treptower Park

Aber mehr als 80.000 Sowjet-Soldaten hatten im Kampf um die Hauptstadt des Dritten Reiches ihr Leben gelassen. Gut 7.000 von ihnen fanden ihre letzte Ruhestätte im Treptower Park. In Stein gehauene Erinnerung an Schmerz und Tod, aber auch an Triumph und Sieg.

Peter Steger, Sowjetisches Ehrenmal Treptower Park

Peter Steger, Sowjetisches Ehrenmal Treptower Park

Zu den Siegern über den Hitler-Faschismus zählte damals der heute 90jährige Nikolaj Schtschelkonogow, dessen Freundschaft zu den einstigen Feinden zu einem Symbol der Aussöhnung wurde. Seine Zeit als Rotarmist beschreibt er in einem Zeitungsinterview:

Statue mit Kind, Sowjetisches Ehrenmal, Treptower Park

Statue mit Kind, Sowjetisches Ehrenmal, Treptower Park

Ich wurde im Februar 1943 eingezogen, als Steppke mit gerade einmal 17 Jahren. Nicht eben der Größte zu sein, hatte manchmal sogar seine Vorzüge. In der Nähe von Orenburg fand die Ausbildung statt, allerdings war die Verpflegung denkbar schlecht. Oft verloren gerade die Jungs mit der Gardegröße vor Hunger das Bewußtsein.

Sarkophag im Treptower Park

Sarkophag im Treptower Park

Der Wladimirer Veteran kam in die 22. Gomeler Durchbruchs-Artilleriedivision, die schon durch ihren Zusatz verrät, daß sie an allen schwierigen Stellen der Front Einsatz fand. Die Einheit hatte den Auftrag, mit Kanonen, Haubitzen, Granatwerfern und später mit der gefürchteten Katjuscha, von den Deutschen „Stalinorgel“ genannt, die feindlichen Linien zu durchbrechen. Weniger bekannt, aber nicht minder effektiv waren die sogenannten „Andrjuschas“, Raketenwerfer ohne fahrbaren Untersatz, die man vor dem Abschuß teilweise in der Erde eingrub.

Siegfried Balleis, Sergej Sacharow, Philipp Dörr und Nikolaj Schtschelkonogow im Juni 2013 in Wladimir

Siegfried Balleis, Sergej Sacharow, Philipp Dörr und Nikolaj Schtschelkonogow im Juni 2013 in Wladimir

Nikolaj Schtschelkonogow war an den Operationen „Bagration“, „Weichsel-Oder-Offensive“ – und am Sturm auf Berlin beteiligt.

Beim Vormarsch stießen wir auf Hunderte von unterirdischen Anlagen, wo Waffen hergestellt wurden oder die Stäbe eingerichtet waren. Ich war bei der Einnahme vieler von ihnen dabei. Die Dimensionen dieser unterirdischen Werke beeindruckten mich mächtig: gewaltige Stahlbetonmauern, acht Stockwerke tief…

Hans Gruß und Nikolaj Schtschelkonogow, Juni 2012

Hans Gruß und Nikolaj Schtschelkonogow, Juni 2012

Berlin lag nach den Bombenangriffen der Amerikaner in Trümmern. Vorankommen konnte man deshalb nur zu Fuß. Dabei oft wieder unterirdisch. Bei früheren Einnahmen von deutschen Städten hatten sich die Sowjetsoldaten immer wieder gewundert, woher plötzlich in ihrem Rücken neue Einheiten des Feindes gekommen waren. Jetzt kannte man deren Geheimnis: Sie hatten die Kanalisation benutzt. „Irgendwann sind wir ihnen auf die Schliche gekommen“, erinnert sich Nikolaj Schtschelkonogow, „und in Berlin sind wir dann selber zum Teil durch die Abwasserkanäle vorgerückt.“ Aber es gab da noch eine Kriegslist. Die Stalinorgeln ließen sich nicht durch die Ruinenstadt bugsieren, also zerlegte man sie in lauter einzelne Granatwerfer, die jederzeit mobil einsetzbar waren.

Bei der Einnahme des Reichstags ritzte ich meinen Namen ein, obwohl ich den kaum richtig schreiben konnte. Und dann sah ich mir den Führerbunker an. Jede Menge Leute waren da. Alle wollten den Ort sehen. Ich fürchtete sogar einen Augenblick, unsere eigenen Leute könnten bei dem Ansturm zerdrückt werden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow, Juni 2009

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow, Juni 2009

In wenigen Tagen wird Nikolaj Schtschelkonogow wieder den Wehrmachtsveteranen Philipp Dörr umarmen können. Gemeinsam werden sie den 70. Jahrestag der Kapitulation des Dritten Reichs begehen. Nicht als Sieger und Besiegter, sondern als Freunde im Frieden.

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Nadja Steger im OP von Veitshöchheim

Der Fränkische Fasching erlebte am Freitag mit der Prunksitzung in Veitshöchheim seinen närrischen Höhepunkt. Und morgen, sieben Wochen vor Ostern, beginnt in Rußland die Butterwoche, ein buntes, ausgelassenes Treiben mit Volksfestcharakter, das dem Großen Fasten vorausgeht. Der Brauch wurde bereits vor zwei Jahren hier im Blog dargestellt, deshalb könnte man das Thema mit dem Link: http://is.gd/3Ci1ga abtun. Wenn es da nicht bei der Fastnacht in Franken, der quotenstärksten Sendung des Bayerischen Rundfunks, drei personelle Premieren gegeben hätte, arrangiert von Thomas Rex, bekannt nicht nur als das sympathische Gesicht der Frankenschau, sondern auch gern gesehen in der Rolle des Gute-Laune-Conferenciers dieser Kür des Karnevals.

Nadja Steger, Ulrich Wilhelm, Beatrix Rex, Thomas Rex

Zum ersten Mal beim Faschingsball der Franken waren nämlich dabei Beatrix Rex, Ulrich Wilhelm, erst seit dem 1. Februar Intendant des BR, und Nadja Steger als bisher einziger Gast aus Wladimir und damit recht faschingsfern sozialisiert. Und auch ohne eine Marie hat es gleich gefunkt. Es gibt ja diese stimmungsvollen, von großer Einfühlsamkeit getragenen Reportagen von Thomas Rex über die Partnerschaft mit Wladimir, thematisch breit gefächert von den Kriegsveteranen über die Wirtschaftskontakte bis hin zu den großen Sozialprojekten Blauer Himmel und Rotes Kreuz. Was noch fehlt in dieser Reihe ist ein Beitrag zu Sitten und Bräuchen in der Partnerstadt. Und was böte sich da mehr an als die russische Butterwoche, wo es jeden Tag andere Szenen zu sehen gibt, eine farbenprächtiger und lebenspraller als die andere.

BR – Troika

Man stelle sich vor: das dritte Programm mit der Troika in der ersten Reihe. Da mögen andere mit dem zweiten besser sehen, doch über das dritte Auge geht halt nichts. Und so lassen wir einmal nicht Horst Seehofer träumen, sondern den Blogger, der schon im nächsten Winter ein Team des BR in Wladimir und Susdal durch den tiefen Schnee stapfen sieht, in der Nase den Duft frischer Bliny und im Ohr die vielstimmigen Gesänge, um den daheimgebliebenen Zuschauern einmal zu zeigen, wie fröhlich man in Rußland den Winter austreibt. Und daraus könnte ja eines schönen Faschingstages die tolle Idee zur Reife gären, das Karnevalsgebaren auch anderer Partnerstädte der Metropolregion Nürnberg auf den bayerischen Bildschirm zu bringen. Zwickt’s mi, i moan i traum!

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Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg

Nach all den Berichten und Bildern von den Feierlichkeiten zum 8. und 9. Mai in Wladimir hier im Blog sind nun die anderen dran. Die Delegation begleitet haben nämlich Stefan Mößler-Rademacher von den Erlanger Nachrichten, der noch nie in der Partnerstadt war, und der BR-Journalist Thomas Rex mit seinem Kamermann Volker Adam, ein echter Wiederholungstäter mit nun bereits sechs Aufenthalten. Auf sein Habenkonto geht nicht nur ein Dutzend von Kurzberichten, ihm sind vor allem die beiden Reportagen „Spasibo Erlangen“ und „Leben lernen“ zu verdanken, gewidmet im ersten Fall der ganzen Breite der Partnerschaft, im zweiten dem Aufbau der Erlebnispädagogik im Blauen Himmel.

Während man die Erlanger Nachrichten zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Hand nehmen oder im Internet nachlesen kann, sollte man sich für den Bericht des Bayerischen Rundfunks die Zeit notieren und nehmen oder den Recorder programmieren. Gesendet werden die neuesten Eindrücke aus Wladimir am kommenden Sonntag um 18.05 Uhr in der Frankenschau des Bayerischen Rundfunks. Einschalten und anschauen!

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Wenn jemand in Wladimir als das Gesicht der Partnerschaft bezeichnet werden kann, dann ist das niemand anders als Irina Chasowa, die heute einen runden Geburtstag feiert. Ein freudiger Anlaß, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses für ihr so vielseitiges und unverzichtbares Wirken zu danken.

Jürgen Ganzmann, Irina Chasowa, Guram Tschjotschew und Josefa Üblacker

Jürgen Ganzmann, Irina Chasowa, Guram Tschjotschew und Josefa Üblacker

„Nur Herzen ohne Zärtlichkeit wollen herrschen, aber wahre Gefühle lieben die Selbstaufopferung, diese Tugend der Stärke“, heißt es bei Honoré de Balzac in „Das verfluchte Kind“. Wer Irina Chasowa kennt, schätzt sie für die Schönheit ihres Herzens, die sich so mannigfach in ihren Gesichtszügen bricht und die bewegender Teil all ihres Tuns ist. Wäre dem nicht so, der Städtepartnerschaft gebräche es an einer Ästhetik, in der Schönheit ganz im Sinne von Friedrich Schiller gleichzeitig „unser Zustand und unsere Tat“ ist, worin sich unsere beiden Naturen „Vernunft“ und „Sinne“ miteinander vereinbaren, ineinander aufgehen.

Irina Chasowas Verbindung zu Erlangen reicht noch in ihre Studentenzeit zurück, als sie am damaligen Pädagogischen Institut (heute Humanwissenschaftliche Universität) den Beruf der Deutschlehrerin anstrebte und – ebenso wie ihre spätere Kollegin, Jelena Jewtjuchina – Anfang der 90er Jahre am Austauschprogramm mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde teilnahm. Der Einstieg in die Städtepartnerschaft gelang ihr dann schon 1993 überzeugend, als sie ehrenamtlich half, die 360 Gäste aus Erlangen zu betreuen, die zum „Fränkischen Fest“ nach Wladimir gekommen waren. Tatjana Garischina, die unvergessene damalige Partnerschaftsbeauftragte, nahm die vielseitig interessierte Nachwuchskraft – wieder gemeinsam mit Jelena Jewtjuchina – unter ihre Fittiche und betraute sie mit einer Aufgabe, von der noch niemand ahnen konnte, welche fast schicksalhafte Bedeutung sie einmal gewinnen sollte, nämlich mit der sprachlichen und organisatorischen Unterstützung der fränkischen Handwerker am Erlangen-Haus. Von 1993 bis zur Eröffnung der „Erlanger Botschaft“ am 7. Mai 1995 lernte sie nicht nur alle Gewerke kennen, sonder schloß auch Freundschaften, die bis heute Bestand haben: mit Helmut Eichler, Leonhard Plack, Willi Merz, Josef Schmitt… Und sie wurde Mitarbeiterin des Erlangen-Hauses, Mädchen für alles, immer zur Stelle, wo man sie brauchte, ob als Dolmetscherin oder Koordinatorin der Deutsch-Kurse.

Als Tatjana Garischina schon bald darauf aus privaten Gründen die Leitung des Erlangen-Hauses abgab, wurde Irina Chasowa unter der Geschäftsführung von Jelena Jewtjuchina de facto zur Koordinatorin der Partnerschaftskontakte und knüpfte ein filigranes Netz von Verbindungen zur Medizin, Universität, Kultur, Politik, Presse, Bürgerschaft, in dem die tragenden Projekte wie „Rot-Kreuz-Zentrum“ oder „Lichtblick“ und „Blauer Himmel“ sich erst so recht erfolgreich entfalten konnten. Immer zupackend, zuverlässig, voller Zutrauen. Als dann Jelena Jewtjuchina heiratet und den Namen ihres Mannes, Tschilimowa, annahm und Zwillinge zur Welt brachte, zeigte Irina Chasowa schnell, daß sie das Zeug hatte, auch selbständig die Geschicke des Erlangen-Hauses zu leiten. Nach der Mutterpause zurückgekehrt, führte denn auch Jelena Tschilimowa die Geschäfte mit ihrer Kollegin fast gleichberechtigt. Doch vor drei Jahren wechselte dann Jelene Tschilimowa in den Betrieb ihres Mannes und überließ ihren Posten der bisherigen Stellvertreterin.

Seither ist Irina Chasowa auf Wladimirer Seite das sympathische Gesicht, das heiße Herz und die tatkräftige Hand der Partnerschaft. Ungezählt sind die von ihr vermittelten Kontakte, nur von der strengen Buchhalterin, Walentina Rybkina, festgehalten – die Gäste, die im Erlangen-Haus übernachtet haben, und die Teilnehmer an den Deutsch-Kursen. Gerade die, eine Erfolgsgeschichte der besonderen Art, hat sie gemeinsam mit Reinhard Beer und in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Moskau geprägt und geformt. Just in diesen Tagen hat sie wieder eine Gruppe – nun schon die dritte – von Deutschlernenden zusammengestellt, die Ende Juli zu einem landeskundlich ausgerichteten Sprachkurs an die VHS Erlangen kommen wird. Ihrer beharrlichen Lobby-Arbeit und der Teilnahme an vielen Fortbildungsmaßnahmen ist es zu danken, daß das Erlangen-Haus zu den erfolgreichsten Sprachlernzentren des Goethe-Instituts in Rußland gehört und die Prüfungen selbst abnehmen darf. Seit Jahren liegt die Zahl der Kursteilnehmer – darunter übrigens immer mehr Schüler – bei konstant um die 200 in allen Stufen.

Irina Chasowa und die Deutsch-Dozentinnen im Erlangen-Haus

Irina Chasowa (2. v.r.) und die Deutsch-Dozentinnen im Erlangen-Haus

Überhaupt die Bildung. Als Pädagogin hatte Irina Chasowa nicht unbedingt ideale Voraussetzungen für die Geschäftsführung einer Pension mit Büroräumen und einem vielfältigen Kursangebot sowie der Funktion als Schaltstelle der Städtepartnerschaft mitgebracht. Aber den Praxistest hat sie dennoch bravourös bestanden, nicht zuletzt wegen ihrer Bereitschaft, Abendkurse für Management zu besuchen und sogar Auslandspraktika, wie unlängst im Saarland, zu absolvieren. Am meisten geholfen aber hat ihr gewiß die intensive und kreative Zusammenarbeit mit Wolfram Howein, der seit zwei Jahren nicht nur die Revision des Erlangen-Hauses durchführt, sondern vor allem durch seine umsichtig-kluge Beratung in angenehme Erscheinung tritt. Mit ihm zusammen plant Irina Chasowa für den Mai bereits die zweite, längst ausgebuchte Bürgerreise – bis an die Wolga hinunter. Eine Bereicherung der Partnerschaft und zusätzliche Einnahmen für das Erlangen-Haus.

Überhaupt die Finanzen: Großartig, wie Irina Chasowa die in Ordnung hält. In all den 15 Jahren seines Bestehens trug sich das Erlangen-Haus immer selbst, finanzierte sogar die notwendigen Renovierungen aus eigenen Mitteln. Im vergangenen Jahr dann sogar die Neumöblierung und Modernisierung der Gästezimmer mit erheblichem Aufwand, der dennoch im Abschluß noch eine erstaunliche Summe auf der hohen Kante hinterließ. Gute Vorzeichen für die Jubiläumsfeier am 7. Mai, zu der neben dem Vorstand der Stiftung „Erlangen-Haus“ unter Leitung von Oberbürgermeister Siegfried Balleis auch Joachim Herrmann, Bayerischer Innenminister, erwartet werden. Viel Stoff dann auch wieder für den TV-Chronisten der Städtepartnerschaft, Thomas Rex, vom Bayerischen Rundfunk, dem Erlangen und Wladimir die einfühlsamsten und aufmerksamsten Reportagen ihrer Beziehungen verdanken.

Es gäbe noch viel zu sagen von Irina Chasowa. Etwa, wie sehr sich ihre innere Schönheit im Garten des Erlangen-Hauses spiegelt, etwa, mit welcher Übersicht sie sich auch auf schwierigem Gelände zu bewegen weiß, etwa, welche Freunde sie in Erlangen hat. Heißt es nicht, sage mit, mit wem Du befreundest bist, und ich sage Dir, wer Du bist? Neben den bereits genannten könnte man da noch Namen anführen wie Rudolf Schwarzenbach, Jürgen und Josefa Üblacker, Dieter und Angelika Wenzel, Josef Weigl, Helmut Zeitler, Brüne Soltau, Alfred Trautner, Jürgen Ganzmann ad lib. Eines sei aber noch vor den abschließenden Glückwünschen gesagt: Nie war Irina Chasowa besser, als im Duett mit Swetlana Schelesowa, die nun schon bald ein Jahr im Geschirr ist und die Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses in idealer Weise ergänzt. Beide beweisen die Richtigkeit des russischen Sprichworts, wonach nicht die Position den Menschen schmückt, sondern umgekehrt der Mensch es ist, der einer Position Gewicht und Sinn schenkt. Das sagt jemand, der von Erlangen aus Irina Chasowa von Beginn an begleitet hat, ihr ehrenamtlicher Mitgeschäftsführer, Kollege und Freund, Peter Steger.

Im Namen all Deiner Erlanger Freunde, liebe Irina, Gesundheit, Glück und Lebensfreude zu Deinem heutigen Geburtstag. Vor allem aber Dank an Dich für all das viele Gute, das Du getan hast und das Dir noch zu tun gegeben ist!

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Jahresrückblick 2009


Bei mehr als einhundert Begegnungen und Austauschprogrammen im zurückliegenden Jahr kam sogar für den Blog manches Mal zu viel Stoff zusammen, um ihn der geneigten virtuellen Leserschaft vorzustellen. Wie viel das sein mag, läßt sich ermessen, wenn man sich allein das im Dezember unveröffentlichte Material vornimmt.

Horribile dictu: Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Stadträtin Gerlinde Stowasser tauschten gutgläubig beim Partnerschaftsbeauftragten Euro gegen Rubel, um auch einmal auf eigene Faust einen kurzen Einkaufsbummel in den Wladimirer Arkaden zu unternehmen. Doch schon in einem Café fand der Ausflug beim Bezahlen der Zeche ein jähes Ende: Einer der Tausend-Rubel-Scheine war gefälscht, ihm fehlte der Silberstreifen. Doch deswegen mußten die beiden Falschmünzerinnen nicht gleich alle Hoffnung am Horizont fahren lassen. Die Bedienung verzichtete darauf, die Polizei zu rufen. Sie begriff offenbar, daß die sprach- und arglosen Besucherinnen selbst unschuldige Opfer von Roßtäuschern waren. Zurück im Erlangen-Haus, stellten die geprellten Lokalpolitikerinnen ihren Wechsler zur Rede. Auch der fiel aus allen Wolken, hatte er doch die vermeintlich geldwert-gültigen Banknoten von Renate Winzen übernommen, die sie von ihrem letzten Wladimir-Besuch mit nach Hause gebracht hatte.  Eine sichere Quelle, wie er meinte. Aber wußte er auch, woher die Koordinatorin der Wissenschaftskontakte das Geld hatte? Hinterher ist man immer klüger. Dabei hätte genügt, die Warnungen des Blogs vom 18. Januar 2009 zu beherzigen. Horribile dictu: Der Blogger und Partnerschaftsbeauftragte in Personalunion handelt fahrlässig entgegen den eigenen Empfehlungen – und das gegenüber hochrangigen Vertreterinnen der Erlanger Bürgerschaft und einer offiziellen Delegation in Wladimir. Das nennt man Lehrgeld bezahlen und sei Anlaß genug, sich für 2010 ff vorzunehmen, umsichtiger zu werden und keinem noch so täuschend echtem Schein mehr zu trauen.

Glück im Unglück: Erstmals in den 26 Jahren der Partnerschaft wurde ein Gast aus Erlangen in Wladimir Opfer eines Verkehrsunfalls. Und das unmittelbar vor dem Erlangen-Haus. Die drei Insassen des Wagens trugen nur leichte bis mittelschwere Verletzungen davon und konnten nach einer Nacht im Krankenhaus schon wieder entlassen werden. Der Erlanger erlitt eine Gehirnerschütterung, deren Folgen aber bis zur Rückreise weitgehend auskuriert waren. Bei allem Glück im Unglück ist doch allen ein rechter Schreck in die Glieder gefahren, vor allem wohl der Familie daheim.

Sport in Vollendung: Heike Howein, eingeweiht in die hohe Kunst des Aikido, nahm eine Einladung der Kampfsportkollegen aus Wladimir an und zeigte ihren eigenen Weg zum Ziel, einer gelungenen Mischung aus wachem Geist und guter Haltung. Die japanische Philosophie einer Technik des „Nicht-Kämpfens“ hat zwar in Wladimir bereits aufmerksame Adepten gefunden, aber von der Meisterin aus Erlangen konnten sie nach eigenem Bekunden noch viel lernen. Mehr zu dem Thema Aikido unter www.kiundaikido.de/cms.

  Szenen aus einem Splatterfilm: Mann und Frau kennen sich seit Jahr und Tag, haben nicht zum ersten Mal miteinander die eine oder andere Flasche geleert. So auch vor zwei Wochen im Kreis Melenki, ganz im Südosten des Gouvernements Wladimir, nachts in der Wohnung des arbeitslosen Mannes. Er fühlt sich von ihr provoziert, beleidigt und greift zu einer Ahle. Mit dem Werkzeug bringt er der Frau – wie später die Gerichtsmedizin zum grausigen Protokoll gibt – 584 Stiche in alle Körperteile bei. Das Opfer verblutet schließlich. Der stark sehbehinderte Täter sagt aus, er habe sich beim Zustechen an den Schreien der Frau orientiert. Im übrigen sei die selbst schuld, denn sie habe ihn herausgefordert, er hingegen habe im Affekt gehandelt. Seine blinde Mutter hat diese Nacht des Schreckens in der Nachbarwohnung miterlebt und um Hilfe gerufen. Aber niemand hörte sie. Ein Gruselstück aus einem Alptraum, grausame Wirklichkeit geworden in der Wladimirer Provinz.

Szenenwechsel. Eine eher willkürlich-ungeordnete und assoziative Zusammenstellung von Ereignissen aus dem Jahr 2009, dem 26. Jahr der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, im Telegrammstil mit der Anregung, über die Suchmaske ganz oben auf der Seite des Blogs nochmals nachzulesen, was zu den Personen und Projekten zu finden ist.

Erlangen – Wladimir – Jena: Das unstreitig größte Ereignis des Jahres ist die Bildung dieses Partnerschaftsdreiecks, das seit dem Besuch von Oberbürgermeister Albrecht Schröter im Mai in Wladimir Gestalt annimmt und mit Leben erfüllt wird. Schon jetzt sind Universitäten, Schulen, Sport und Kultur in engem Austausch.

Wissen schaffen: Der Sprachwissenschaftler Josef Jarosch steht für viele aus Forschung und Lehre, die gemeinsam mit Wladimirer Kollegen auf die Suche nach des Pudels Kern gingen. Genannt seien hier nur beispielgebend die Symposien im Rahmen der Kooperation zwischen dem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen und der Staatlichen Universität Wladimir sowie die Seminare der Theologen aus beiden Städten.

Jubilare: Pjotr Dik wäre 70 geworden, Percy Gurwitz vollendete sein 90., Wolf Peter Schnetz sein 70., Jürgen Üblacker sein 60. Lebensjahr, und Dietmar Hahlweg, das sei heute schon verraten, feiert morgen seinen 75. Geburtstag.

Swetlana Schelesowa

Quereinsteigerin: Swetlana Schelesowa erwies sich als Glücksfall für das Erlangen-Haus. Kompetent, kollegial, konstruktiv und kreativ. Die ideale Ergänzung für Irina Chasowa. Nebenher hat sie auch noch die weiß Gott schwierige Buchhaltung für das Projekt „Blauer Himmel“ souverän bewerkstelligt.

Rücktritt: Bürgermeisterin Wera Guskowa, eine Gewährsfrau der Partnerschaft vor allem in den Bereichen Soziales, Schulen und Kultur, verließ ihren Posten und wechselte in die Medizin zurück. „Kulturminister“ Wladimir Balachtin trat in den Ruhestand.

Rückkehr: Andrej Sirin wurde rehabilitiert und kehrte auf seinen Posten als Leiter des Gesundheitsamtes der Region Wladimir zurück. Seine kommissarische Vertreterin, Irina Odinzowa, übernahm die Leitung des Landeskrankenhauses.

Tiefer Fall: Swetlana Plijewa, Leiterin des Veteranenhospitals in Penkino, dem verwaltungstechnisch der „Blaue Himmel“ angeschlossen ist, wurde beschuldigt, einem Verwandten eine Dienstwohnung verkauft zu haben, und mußte ihren Posten räumen. Maestro Eduard Markin fiel wegen dienstlicher Verfehlungen bei seinen Vorgesetzten in Ungnade und mußte sein Amt als Generaldirektor des Zentrums für Chormusik an seinen Sohn Artjom abtreten.

Himmelsstürmer: Das Projekt „Lichtblick“ feierte sein zehnjähriges Jubiläum. Wolfram Howein, seit drei Jahren Berater und Koordinator des „Blauen Himmels“, kann stolz sein. Das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik ist zu einem echten Gemeinschaftsprojekt geworden, Vizegouverneur, Sergej Martynow, will es zu einer landesweiten pädagogischen Ausbildungsstätte ausbauen.

Sorgenkind: Das Gericht in Wladimir vertagte erneut die Entscheidung im Fall Wiktor Lomykin, des uneinsichtigen früheren Geschäftsführers des vor zehn Jahren eingerichteten Rot-Kreuz-Zentrums. Bis zum Urteil, das nun Anfang kommenden Jahres erwartet wird, bleibt die so segensreiche Tätigkeit des Roten Kreuzes in Wladimir eingefroren. Doch wo die Not groß, ist die Rettung nah: Oberbürgermeister Alexander Rybakow hält persönlich die Hand über den Neustart des Zentrums.

Brüne Soltau, Wera Guskowa, Stefan Müller MdB

Verabschiedung: Brüne Soltau, gemeinsam mit Jürgen Üblacker der große Mentor und Macher in der humanitären Zusammenarbeit mit Wladimir, hat sich als Vorsitzender des BRK Erlangen-Höchstadt in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger, Stefan Müller MdB, plant aber für 2010 seinen Antrittsbesuch in Wladimir, während  dessen Stellvertreterin, Melitta Schön, schon heuer ihr Herz für die Partnerstadt entdeckt hat.

Erfolgsgeschichte: Das Erlangen-Haus, bestens beraten von Wolfram Howein, hat die erste große Innensanierung hinter sich. Die Gästezimmer sind noch gastlicher und wohnlicher geworden, es gibt drahtlosen Zugang zum Internet, der Heizkessel wurde überholt – alles aus selbsterwirtschafteten Mitteln! Krise hin, Krise her: Auch die Deutsch-Kurse erfreuen sich weiter großer Beliebtheit; gut 200 Teilnehmer sind in den verschiedenen Kursen eingeschrieben.

Gesang, Tanz, Musik: Die engelsgleichen Stimmen des Mädchenchors des Christian-Ernst-Gymnasiums haben unter dem Dirigat von Joachim Adamczewski das anspruchsvolle Wladimirer Publikum regelrecht verzaubert, den Autor dieser Zeilen eingeschlossen. Stefanie Ferreira machte eine Erfahrung der besonderen Art: Während sie hier in Franken bei ihren Kursen für afrikanische und lateinamerikanische Tänze mehr Energie geben muß, als die zurückbekommt, war es in Wladimir genau umgekehrt. Energiegeladen auch die Metallgewitter der Rockband „No Trouble“ aus Wladimir, die am Newcomer-Festival im E-Werk teilnahmen und den bezwingenden Auftakt für einen langfristigen Austausch im Bereich Rockmusik gaben.

R.I.P.: Rainer Haerten, Fairy von Lilienfeld, Andrej Romanow, Karl Sallet, Maria Sykowa, Ernst Hallerwedel. Unvergessen, unersetzbar.

Enttäuschung: Nicht alle Vorhaben konnten umgesetzt werden. Der Plan, das Wladimirer Jugendparlament zusammen mit Jugendlichen aus ganz Rußland nach Erlangen einzuladen, scheiterte an der Finanzierung.

Versöhnung: Der Mindener Kreis um Friedhelm Kröger führt ehemalige deutsche Kriegsgefangene aus Wladimirer Lagern zusammen. Ihr Versöhnungswerk ist bewundernswert, die Biographien dieser Weltkriegsveteranen geben nicht nur dem Blog menschliche Tiefe und historische Weite. Einige von ihnen wollen im Mai 2010 noch einmal nach Wladimir zum 65. Jahrestag des Kriegsendes. Sie haben den Krieg in sich besiegt.

Heinz-Helmut von Hinckeldey

Persönlichkeit: Heinz-Helmut von Hinckeldey, ein Mensch mit Charakter, Lebensweisheit, Mut und Selbstdiziplin. Nach Jahren unschuldiger Haft u.a. im Wladimirer Zentralgefängnis als „Kriegsverbrecher“ ist der 95jährige von der Kraft beseelt, seinen einstigen Peinigern zu verzeihen. Ein Mann, vor dem man sich verbeugen möchte, der dies freilich nie zuließe!

Familienglück: Der Belgier Bertrand und die Wladimirer Ljuba Selvais haben in den Ardennen ihr Zuhause und gemeinsam mit Sohn Pierre Boris ihr Glück gefunden.

Jürgen Ganzmann, Margit Stirnweiß, Detlef Troll mit zwei Heimbewohnern

Abschied und Wiederkehr: Jürgen Ganzmann, Kopf und Herz des Projekts „Lichtblick“ verläßt Ende des Jahres die Barmherzigen Brüder, wo er über zwei Dekaden die Behindertenwerkstätte und einiges mehr geleitet und gestaltet hat. Zunächst ein Schock für die Projektpartner in Wladimir. Doch Günther Allinger, Gesamtleiter der Einrichtung in Gremsdorf und Vorsitzender der Stiftung „Lichtblick“, konnte die Gemüter beruhigen. Unter seiner bewährten Ägide werden alle Programme fortgeführt, und Jürgen Ganzmann bleibt der Sache in neuer Funktion ab Januar 2010 als Leiter des Seniorenheims des BRK in Etzelskirchen ebenfalls erhalten, wie sein künftiger Chef, Jürgen Üblacker, versichert.

Zukunftshoffnungen: Der Jugendaustausch läßt weiter hoffen. Junge Menschen wie Jutta Schnabel, Michael Winckelmann, Andreas Bernard, Simon Hirscher, Claudia Nagel, Maria Kuczera, Nikolaj Sakuterin oder Janne Pott machten Praktika, initiierten Projekte in den Bereichen Umwelt, Ökumene, „Blauer Himmel“, Jugendparlament und bleiben aller Voraussicht nach bei der Stange.

Joachim Herrmann mit seinen Wladimirer Gästen

Bürgerkönig: So nannte die Deutsch-Gruppe des Erlangen-Hauses Innenminister Joachim Herrmann nach dem Empfang in seinen Amtsräumen am Odeonsplatz in München. Und der Erlanger in der Landeshauptstadt nahm die Einladung von Oberbürgermeister Alexander Rybakow an und reist im Mai 2010 nach Wladimir.

Partnerschaftsmotto: Geprägt von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß: „Das Rote Kreuz ist der rote Faden der Partnerschaft.“

Neuauflage: Margrit Vollertsen-Diewerge veröffentlichte ihr bereits im Jahr 2000 erschienenes Märchenbuch „Drei schwarze Schiffe“ neu – in drei Sprachen (auf Deutsch, Russisch und Esperanto) mit Hör-CD, besprochen von Klaus Karl-Kraus, illustriert von Natalia Kusnezowa aus Wladimir.

Humanitäre Hilfe: Die Familien Axmann und Schirmer stehen für viele, die auch im ablaufenden Jahr konkrete Hilfe für Menschen und Einrichtungen in Wladimir leisteten. Leider ist die wieder und noch immer in vielen Bereichen notwendig.

Hoher Besuch: Der neue Generalkonsul in München, Andrej Grosow, machte seinen Antrittsbesuch und konnte sich nach dem Empfang im Rathaus durch Oberbürgermeister Siegfried Balleis und Rektor Karl-Dieter Grüske im Club International der VHS, dem Forum des Freundeskreises Wladimir, Einblick in die die Vielfalt der Partnerschaft verschaffen. Tief beeindruckend, wie der Diplomat unumwunden gegenüber Stadträtin Birgitt Aßmus bekundete.

Irina Arschanych

Ausgestellt: Fast das ganze Jahr über hingen die Bilder der Erlanger Fotoamateure im Museumswinkel, nun sinid sie in Wladimir zu sehen. Im Sommer zeigte das BRK in der Henri-Dunant-Straße 4 erstmals Arbeiten einer Wladimirer Künstlerin. Irina Arschanych, Hospitantin bei den Barmherzigen Brüdern, demonstrierte ihr Können mit stimmungsvoll eingefangenen Motiven aus Franken und Wladimir. Fast zeitgleich präsentierten vier Erlanger Maler ihr Schaffen in Wladimir.

Reportage: Nach 2006 (Spasibo Erlangen) drehte im August 2009 Thomas Rex vom Bayerischen Rundfunk schon seine zweite Reportage in Wladimir. Dieses Mal einen 45 Minuten langen Bericht unter dem Titel „Leben lernen“ über das Projekt „Blauer Himmel“ in Penkino für Bayern alpha. Und ganz nebenbei: Wer weiß, was aus dem Projekt geworden wäre, hätte der Redaktionsleiter und Moderator der Frankenschau nicht bei der Aktion „Sternstunden“ gutes Wetter für eine Unterstützung des Vorhabens gemacht.

Entdeckung: Der führende Fachmann für Erlebnispädagogik, Werner Michl, Professor an der Ohm-Hochschule Nürnberg, hat bei seinen Wladimirer Kollegen mehr entdeckt als die gemeinsame Leidenschaft für das Pilzesammeln und wird mit seinem wissenschaftlichen Sachverstand das Projekt weiter begleiten.

Abschied: Nach vielen Jahren der Organisation von Wohltätigkeitskonzerten für Wladimir mit Ensembles aus der Partnerstadt nimmt Erwin Batz aus gesundheitlichen Gründen seinen Abschied von der Bühne. Ein Großer geht, dem großer Dank zu entrichten ist.

Sportliche Kontinuität: Eine Tugend der Schwimmer um Nadjeschda Egikjan und Wolf-Dieter Thiel. Da könnten sich andere Disziplinen einiges abschauen. Gewiß nicht zum Schaden der Partnerschaft! Am Ball bleiben da buchstäblich nur die Kicker um Pawel Bondarjew und Fjodor Lawrow, die auch in diesem Jahr wieder in Erlangen aufspielten.

Dummheit: Es war abzusehen, wozu das in diesem Jahr in Kraft getretene Verbot von Spielhallen in Rußland im allgemeinen und in Wladimir im besonderen führen würde. Es wird illegal weitergespielt. Der Mensch ist eben überall ein homo ludens und sucht das Risiko. Dieser Tage wurde denn auch wieder einmal eine illegale Spielhölle ausgehoben. Dieses Mal in Murom. Wo wohl das nächste Mal?

Anti-Atomkraft: Um in der Nähe von Murom zu bleiben, aber das Thema zu wechseln: Das in Monakowo geplante AKW brachte die Menschen auf die Straße und schlug hohe Wellen nicht nur an der Oka, sondern auch an der Kljasma. Ausgang ungewiß. Klar ist nur, daß sich der Widerstand weiter formieren wird.

Strukturhilfe: Das Klärwerk Erlangen, seit Anfang der 90er Jahre aktiv im Fachaustausch mit Wladimir, hat schweres Gerät in die Partnerschaft transportieren lassen: Turbokompressoren, die helfen sollen, die Arbeit der Kollegen zu optimieren.

Politik: Die gesetzlichen Voraussetzungen für eine zivilgesellschaftliche Kammer in der Region Wladimir könnten Grundlage für mehr Bürgerengagement werden.

Medien: Die Erlanger Nachrichten könnten, um es diplomatisch auszudrücken, etwas mehr Interesse für die Städtepartnerschaften insgesamt zeigen und sich ein Beispiel an den Wladimirer Kollegen nehmen. Da freut es besonders, wenn der geachtete Doyen des Erlanger Journalismus, Udo B. Greiner, in Hugos Welt von „Wahren Diamanten“ schreibt, die er im Blog gefunden haben will.

Überraschung: Für eine solche – und zwar eine erfreuliche – sorgten Iwan Nisowzew und Ludmila Kaschina mit der Gründung eines Deutsch-Klubs an der Fakultät für Fremdsprachen der Staatlichen Universität Wladimir.

Medizin: Die gute Tradition des Ärzteaustausches setzte sich heuer in den Bereichen Gynäkologie, Pädiatrie und Stomatologie fort.

Tatjana Parilowa an der Pestalozzi-Schule

Originell: Das „tanzende Klassenzimmer“ von Tatjana Parilowa.

Wiederaufnahme: Wolfram Howein plant schon für das nächste Jahr einen Neustart seiner erfolgreichen Bürgerreise vom Mai d.J., Rolf Bernard hat im Oktober seine zweite Pilgerreise nach St. Petersburg und Wladimir organisiert.

Der Austausch geht weiter: Trotz G 8 und immer engerem Spielraum für alles Fakultative soll der Schüleraustausch mit Wladimir am Gymnasiums Fridericianum und am Marie-Therese-Gymnasium sowie am Emmy-Noether-Gymnasium nicht ins Hintertreffen geraten. Im Gegenteil: Wenn jetzt auch noch das Christian-Ernst-Gymnasium Kontakte zur Kunstschule Nr. 2 in der Partnerstadt aufnimmt, kann man getrost weiter auf die Zukunft der Beziehungen bauen.

Studentinnen im Wladimirer Stadtpark

Fortsetzung folgt: So heißt es seit Ende der 80er Jahre, als das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde mit der damaligen Pädagogischen Hochschule, der heutigen Humanwissenschaftlichen Universität, einen regelmäßigen Austausch vereinbarte. Seither vergeht kein Jahr, wo sich nicht Studenten und Dozenten im Frühjahr hier und im Herbst dort treffen. Rekordverdächtig und jeder Anerkennung würdig. Die Einladung für die nächste Gruppe aus Wladimir ist schon raus.

Zitat: Gerhard Wolf, Direktor des Christian-Ernst-Gymnasiums auf der Rückreise von Wladimir im Bus: „Erlangen kann stolz sein auf diese Partnerschaft. Der Austausch muß weitergehen, noch für viele Generationen!“

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