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Posts Tagged ‘Taufe des Herrn in Rußland’


21.000 sollen es wieder getan haben in der ganzen Region Wladimir. In der Nacht vom 18. auf den 19. Januar, zur Epiphanie oder dem Fest der Taufe des Herrn, wo es bei den orthodoxen Christen Brauch ist, den Glauben auf die Kälteprobe zu stellen, ging es an 91 Orten des Gouvernements ins vom Eis befreite Wasser.

Mehr als 500 Sicherheitskräfte sorgten bei dichtem Schneetreiben für einen gefahrlosen Ablauf der Tauchgänge – man sollte drei Mal ganz untertauchen und sich dabei bekreuzigen -, und vorab hatte man schon Wasserproben genommen und sicherheitshalber sogar die eine oder andere Taufstelle geschlossen.

„Wir gehen nicht baden, der Kater und ich liegen im Warmen“, meldet der Photograph Sergej Skuratow.

So ist denn auch gottlob nichts passiert: keine Meldungen zu Erfrierungen noch Herzversagen. Ob und wie freilich die Reinigung an Leib und Seele langfristig wirkt, wird die Zukunft weisen.

Die dem Eiswasserschaum entsteigende russische Aphrodite und ihr irdisches Publikum – oder die russische Comedia Humana.

Und überhaupt: Mit der strengen Observanz des rituellen Bades haben es nicht alle. Manche warten auch gern das Tageslicht ab, um besser gesehen zu werden, andere kommen, um besser zu sehen. Wie sie halt sind die Menschen, aus krummem Holz gemacht.

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Es muß schon eine besondere Magie darin liegen, bei jedem Frostwetter zur Epiphanie ins eiskalte Wasser zu steigen und mindestens drei Mal ganz unterzutauchen. Jedenfalls gehört das Eistauchen zur russischen Frömmigkeit wie zum landestypischen Brauchtum mindestens seit der Christianisierung Ende des zehnten Jahrhunderts.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Nur in der Badewanne ist es schöner!

Sehr wahrscheinlich, daß diese Wasserrituale bereits in heidnischer Zeit verbreitet waren. Die Verbindung mit den Elementen, die Reinigung, die Selbstüberwindung, die Abhärtung, alles Momente, die den damaligen praktizierenden Animisten mit dem heutigen Alltagsatheisten ebenso verbinden wie mit dem tief Gläubigen.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Raus und rein.

So werden denn auch viele der eigens ausgesägten und akkurat befestigten Wasserlöcher von Popen gesegnet, soll das Tauchbad in russischen Flüssen und Seen doch an die Taufe des Herrn im Jordan erinnern. Viele Russen nennen denn auch die kunstvoll angelegten Öffnungen ihren „Jordan“ und schwören nicht nur auf dessen spirituelle Kraft, sondern glauben auch inbrünstig an die kräftigende Wirkung auf den Organismus.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Brust raus, Bauch rein.

Gleichwohl es in der Nacht vom Sonntag auf den Montag, als die Taufe des Herrn auf dem orthodoxen Kirchenkalender stand, kaum Frost hatte, mußte man sich wohl schon ein gesundes Herz nehmen, um den Gang ins Eiswasser zu wagen. Und doch werden es von Jahr zu Jahr mehr Täuflinge.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Wo ist meine Quietschente?

Im Stadtgebiet Wladimir hatten die Behörden vier offizielle Jordanbäder eingerichtet, an denen 6.000 Menschen gezählt wurden. Die Mehrzahl freilich blieb trocken am Ufer, ließ sich nur von dem Schauspiel faszinieren, aber immerhin zweieinhalb Tausend wurden als „Walrösser“ gezählt, wie man in Rußland die Eistaucher nennt.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Schüttelfrost.

In der ganzen Region Wladimir gab es in 81 Städten und Ortschaften insgesamt 174 derartige Taufbäder, in denen mehr als 30.000 Hydrophile ihr seelisches und leibliches Heil fanden, aufmerksam bewacht von  610 Polizisten, 465 Wasserwachtlern. Die können denn auch zufrieden vermelden: keine besonderen Vorkommnisse, alle wieder aufgetaucht – und aufgetaut.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Huch, ist das naß!

Da fällt auch nicht weiter ins Gewicht, wenn die Außentemperaturen ungewöhnlich mild blieben, wie einige Erzwalrösser unzufrieden anmerkten. Ungewöhnlich, weil die sprichwörtlichen „Tauf-Fröste“ in diesem Jahr ausfielen. Aber das Wasser mit seinen Temperaturen um den Gefrierpunkt dürfte dann doch auch die letzten Kritikaster mit ihrem Schicksal versöhnt haben.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Und jetzt machen wir ein Selfie!

Pech freilich hatten all die kleinen Fischlein, die als Kollateralschaden menschlicher Glückssuche auf dem Eis landeten, und nur darauf hoffen konnten, mit dem nächsten Guß, mit der nächsten Welle zurück in ihr Element gespült zu werden. Ein Element übrigens, mit dem in der russischen Folklore die Wassernixe Russalka in tragisch-verhängnisvoller Verbindung steht.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Die wunderbare Fischvermehrung.

Diesem weiblichen Wassergeist, der mit seinem betörenden Gesang und elfenhaften Liebreiz schon so manchen unvorsichtigen Mann auf den tiefen Grund hinabgelockt haben soll, hat der hierzulande viel zu wenig bekannte Alexander Dargomyschskij, inspiriert vom Nationaldichter, Alexander Puschkin, seine Zauberoper „Russalka“ gewidmet. Etwa ein halbes Jahrhundert später hat sich dann diesem Motivs – von Albert Lortzings „Undine“ ganz zu schweigen – auch noch der viel populärere Antonín Dvořák zugewandt. Alle drei Opern auf ihre Art märchenhaft schön.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: die drei Eisschaumgeborenen.

Aber hier sei das gleichnamige Poem von Alexander Puschkin zitiert, in dem es heißt: „Urplötzlich wogt der See im Brausen, / und grabstill wieder wird’s ringsher. / Und siehe! Zart wie Mondstrahlgluten, / weiß wie der Schnee auf Bergesgrat, / entsteigt ein nacktes Weib den Fluten / und setzt sich schweigend ans Gestad.“

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie: Nix wie raus!

Und weiter: „Sie strählt die taubeperlten Locken / und blickt ihn heimlich seltsam an. / Den Schlag des Herzens fühlt er stocken / bei ihrer Reize Zauberbann. / Er sieht sie mit der Hand ihm winken; / sie senkt das Haupt, harrt regungslos – / und schimmernd, wie ein Stern im Sinken, / verschwindet sie im Wellenschoß.“ Aber es kommt noch schlimmer für den Eremiten, bevor er der Versuchung ganz erliegt: „Und wieder ruht der Wald im Dunkel, / und wieder aus dem Flutenreich / taucht in des Mondenlichts Gefunkel / die Maid berauschend schön und bleich. // Sie nicht ihm zu, sie lacht so helle, / sie schickt ihm Küsse, lockt und minnt, / sie spritzt nach ihm die Silberwelle, / sie schmollt und weint, ein loses Kind, / sie seufzt und blickt zum Sternenbogen, / sie flüstert: Mönch, zu mir, zu mir!“ Es nimmt – wie anders?! – ein tragisches Ende mit dem hinfälligen Gottesmann, aber wir überlassen den Unglückseligen nun seinem lyrisch-dramatisch unabwendbaren Schicksal und wenden uns lieber wieder den aus den Fluten belebt Aufgetauchten zu, die sich noch an einem Feuer oder in einem Zelt wärmten, bevor sie geläutert in ihren Alltag zurückkehrten und nun die Welt hoffentlich ein wenig froher und glücklicher machen.

Eistauchen an Epiphanie

Eistauchen an Epiphanie. Heiß auf Eis!

P.S.: Auf dem Roten Platz in Moskau fand unterdessen auch ein Reinigungsritual statt, die Besprengung des Lenin-Mausoleums mit frischem Weihwasser. Da ist allerdings schon sehr die Frage, wer bei diesem Exorzismus wessen religiöse oder ideologische Gefühle verletzt. Kunst jedenfalls, sagen sich die beiden Mitglieder der Gruppe „Blauer Reiter“, Oleg Bassow und Jewgenij Awilow, darf alles, auch wenn man riskiert, bei einer Aktion unter dem Titel „Austreibung des Teufels. Entweihung des Mausoleums“ festgenommen zu werden. Die kecke Katharsis hat Andrej Nowitschkow gefilmt und ins Netzt gestellt. Hier zu sehen: http://is.gd/KHibSH

 

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Die Taufe des Herrn, die heute in der russisch-orthodoxen Kirche gefeiert wird, ließ in der vergangenen Nacht wieder fast 20.000 Gläubige und Freunde des Eistauchens aus der ganzen Wladimirer Region ins Winterwasser gehen. Bei – brrrr! – deutlich unter -20° C. 45 „Jordan-Bäder“ hatte der Katastrophenschutz dazu an Flüssen und Seen präpariert, um Hygiene und Sicherheit gewährleisten zu können. Die Sicherheit war in diesem Jahr besonders von Bedeutung, weil die Fröste viel zu spät eingesetzt hatten und deshalb mancherorts das Eis nur eine bestimmte Anzahl von Menschen gleichzeitig trägt. Nur zum Vergleich: Im Vorjahr gab es um diese Zeit eine gut 60 cm dicke Eisschicht, derzeit sind es gerade einmal 15 cm. Gefahr drohte natürlich besonders auch an den selbstgebrochenen „Taufbecken“ entlang der Gewässer, wo im Notfall weder Retter noch Arzt stante pede zur Stelle sind.
Der "Jordan" an der Nerl mit der Kirche Mariä Schutz und Fürbitt im Hintergrund

Der „Jordan“ an der Nerl mit der Kirche Mariä Schutz und Fürbitt im Hintergrund

Aber immerhin: Die Kälte ist gerade noch rechtzeitig gekommen zu den sogenannten Tauf-Frösten, also just zu den Tagen rund um die Epiphanie. Und nach bisherigen Meldungen ist alles gut gegangen, niemand ist untergegangen oder nach den drei Tauchgängen nicht schnell genug wieder in seine Kleider gekommen.

"Jordan" am Semjasino-See bei Wladimir mit Umkleide

„Jordan“ am Semjasino-See bei Wladimir mit Umkleide und Warnhinweis

Die Prozedur wird übrigens hier und da immer annehmlicher gemacht; neuerdings gibt es erste Umkleiden, und zum Aufwärmen hat man ein Lagerfeuer. Dennoch: Die heilige Sache bleibt etwas für die „Walrösser“, wie man die Eistaucher nennt, nichts für Warmduscher eben.

Der "Jordan" ist bereit

Der „Jordan“ ist bereit

Mehr zu Gegenwart und Geschichte des russischen Brauchs unter: http://is.gd/sux76w und das Video zur kalten Taufnacht ist hier zu finden: http://is.gd/DkYr69

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