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Posts Tagged ‘Tatjana Parilowa’


… bei meinem letzten Wladimir-Besuch im August.

Hans Gruß und die kostenlose Straßenbücherei

Ich fange mal mit dem Stadtpark an, denn der lag gleich um die Ecke von meiner Unterkunft an der Straße des Friedens. Als neu habe ich die offenen, freien Bücherboxen gefunden. Alle aus Holz, schön geschnitzt, vier habe ich davon entdeckt. Die eine war zu einem Drittel gefüllt. Wie sich Einlage und Entnahme verhalten, konnte ich in der Kürze der Zeit nicht herausfinden. Etwas Passendes für mich habe ich leider auch nicht gefunden.

Mariä Schutz und Fürbitt

Auch diesmal besuchte ich wieder das Gotteshaus Mariä Schutz und Fürbitt in Bogoljubowo. Und meine Gastgeberin, Tatjana Parilowa, die dort u.a. die Liturgie singt, gab mir ein Photo vom Innenraum und zwar mit Sicht auf den Raum hinter der Ikonenwand. Sie hat es von der Empore aus aufgenommen.

Blick hinter die Ikonostase in Mariä Schutz und Fürbitt

Und ich habe ihre Erlaubnis, es hier im Blog zu veröffentlichen. Normalerweise ist der Blick hinter die Ikonenwand nicht möglich bzw. gewollt.

Auf dem Weg zurück nach Bogoljubowo habe ich nach anfänglichem Zögern mein Wohl und Wehe einer zwölfjährigen Wagenlenkerin anvertraut. Sie legte mit erstaunlicher Ruhe und großem Können die ganze Fahrt in der Kutsche stehend in beträchtlichem Tempo zurück, dabei dem Pferd immer etwas zurufend. Und die Feldmark war holprig und kurvenreich. Meinen Respekt hat sie. Vor hundert Jahren wäre es gleich abgelaufen, dann natürlich ohne ihr Smartphone, das einzige, was auf die heutige Zeit hindeutete.

Dann war ich im Kreis Sudogda auf der Datscha von meinem Freund Iwan. Das Haus selbst wurde vor 150 Jahren gebaut, und die Türen innen sind sehr niedrig gehalten.

Der Grund ist einfach, nicht nur weil die Menschen früher kleiner waren, sondern dadurch muß man gebückt in den Raum eintreten und erweist so der Ikone gegenüber Reverenz.

Und im benachbarten Waldstück hängt eine Warntafel, die aber bei allen ein Schmunzeln hervorruft. Das geht so: wenn man hier seinen Müll entsorgen will, dann gibt es keine Strafe – von der Obrigkeit -, aber die Einwohner drohen im Fall der Fälle an, dem Übeltäter einfach das Gesicht zu vermöbeln.

Kommt ein wenig dem schwarzen Humor nahe.

Und dann fragte mich Iwan, ob ich die 99%-Butter kenne. Ich sagte, ich kenne nur normale Butter, aber wieviel % die habe, wisse ich nicht. Daraufhin mußte diese besondere Butter natürlich besorgt werden. Also gingen wir in die Opolje-Markthalle, fast auf der Höhe des Eingangs zum Stadtpark. Dort gab es ca. zehn Verkaufsläden für Milchprodukte. Aber überall Kopfschütteln, nein, haben wir nicht, am besten nebenan fragen. Man soll es nicht glauben, aber der letzte in der hintersten Ecke hatte diese Spezialbutter. Es soll sich um eine weißrussische Spezialität handeln, und wie sie hergestellt wird kann man sich anschauen unter http://www.babushkababunya.com oder auch unter http://www.videoculinary.ru. Man muß sich evtl. etwas durchklicken. Jedenfalls verfeinert diese Butter den Salat oder auch Gegrilltes ungemein, oder auf Brot mit Salz, auch lecker.

Iwan der Gleisbauer und Hans Gruß

Zufällig machte ich noch eine kurze Bekanntschaft mit Sascha, von einer benachbarten Datscha. Er war Eisenbahntrassen-Ingenieur und sprach erstaunlich gut Deutsch. Wo hatte er das gelernt? Er sagte mir, er habe sich ein paar Jahre in der DDR aufgehalten und dort das Schienen- und Streckensystem der Reichsbahn im Detail studiert. So kannte er auch die meisten mitteldeutschen Städte ziemlich gut. Ein interessanter Mann.

Abschließend muß ich bemerken, daß ich jedes Mal in Wladimir auf ungezählte interessante Dinge treffe, die zum Nachdenken anregen, Erstaunen auslösen und Verständnis erzeugen. Dieses gute und nachhaltige Gefühl zum Mitnehmen wünsche ich auch allen anderen Besuchern.

Hans Gruß

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Was haben die beiden Begriffe miteinander zu tun, Die berühmte russische Weltrekordfliegerin der 30er Jahre, Polina Ossipenko, und das 6o Jahre später entstandene Erlangen-Haus, als Zeichen und Zentrum der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir. Eigentlich nix!

Aber wie ein Bühnensprecher immer eine Überleitung zum nächsten Stück finden muß, egal wie unterschiedlich die Darbietungen sind, so habe ich mich auch bemüht. Aber eigentlich ist es mir in den Schoß gefallen. Während meiner letzten Reise in die Partnerstadt, Anfang August, wohnte ich wieder bei unserer langjährigen Familienfreundin, Tatjana Parilowa. Und sie wohnt an der Ecke der Straßen P. Ossipenko und Mir (Straße des Friedens). Die Bushaltestelle vor ihrer Tür ist auch nach P. Ossipenko benannt.

Da ich jeden Tag Unterrichtsstunden im Erlangen-Haus hatte, konnte ich wählen: mit dem Ringbus 28 in ca. 16 bis 20 Minuten zur Haltestelle „Sportschule“ – 100 Meter vom Ziel entfernt – oder zu Fuß in 18 Minuten ganz einfach immer die Polina-Ossipenko-Straße entlang. Luftlinie würde die Straße im Garten des Erlangen-Hauses landen, wäre da nicht das Lybjed-Stadion im Weg. Meistens habe ich mich für den Fußmarsch entschieden und dabei auch so einiges entdeckt. Ich habe mir gedacht, vielleicht interessiert es den einen oder die andere, wie so ein ganz normaler Fußweg aussieht, und deshalb habe ich ihn an verschiedenen Stellen photographiert.

Wenn ich morgens aus dem Haus in den sehr großen Innenhof trat, sah ich einen Trupp von Rentnern, die mit Besen und Eimern die ganze Anlage sauber hielten.

Eine sinnvolle Tätigkeit, weil es sonst kaum Beschäftigungsangebote für die Pensionisten gibt. Und in der Landeskunde lernte ich, daß sich viele Menschen vor der Pension fürchten, weil sie dann nicht wissen, was sie mit ihrer Zeit machen sollen. Da lauert natürlich der Alkohol im Hintergrund und wartet auf seine unheilvolle Chance. In vielen Köpfen herrscht außerdem das frühere Dogma vor, nur der arbeitende Mensch sei ein nützlicher Mensch. Ein Umdenken findet, wenn auch langsam, statt. So gibt es in Moskau schon Initiativen für die Pensionäre, um sich kostenlos mit Joga, Tanzen, Computer, Sport, Kunst u.s.w. zu beschäftigen. Im Sommer findet das in öffentlichen Parks statt. Infos bekommt man unter www.mos.ru/city/projects/dolgoletie .Dolgoletie bedeutet „hohes Alter“. Ein richtiger Weg meine ich.

Zur Haltestelle P. Ossipenko: Wie an vielen Haltestellen, gibt es auch hier einen Minimarkt mit frischestem Obst und Gemüse, gerade geerntet und garantiert „bio“, denn für Agrochemie hat niemand Geld, Gott sei Dank. Pilze gab es immer erst ab Mittag, da dann die Sammler aus den Wäldern zurückkamen.

Etwas weiter die Straße herunter befand sich links die Schule Nr. 33 und rechts das Lehrer-College.

Aber es war August und damit Ferienzeit, und alles war verschlossen.

Die ganze Straße entlang sieht man die neuen silbernen Fernwärmeleitungen. Der Verkehr wird dadurch nicht gestört, da sie sich kunstvoll über die Straßenkreuzungen schwingen.

Einfach gelöst ist auch der Regenrinnenabfluß. Das Wasser strömt direkt auf den Gehsteig und von da auf die Straße. Überschwemmungen gibt’s aber trotzdem nicht, da sich die Polina Ossipenko kontinuierlich zum ehemaligen Flußbett der Lybjed senkt.

Dieses Flußbett existiert heute nicht mehr. Es mußte einer modernen Schnellstraße weichen. Die frühere Gouverneurin, Swetlana Orlowa, hat sich damit ein Denkmal gesetzt.

Bevor ich die Schnellstraße überquere, komme ich noch an einem großen Second-Hand-Laden vorbei, der im 1. Stock angesiedelt ist, und rege frequentiert wird. Nach Überquerung der Schnellstraße geht es auf vielen Treppenstufen bergauf.

Und es ist, nicht nur hier, mit den Schienen an die Rollstuhl- und Radfahrer gedacht.

Am oberen Ende der Treppe befindet sich das Eingangstor zum Lybjed-Stadium.

Hier habe ich zu jeder Zeit dort Leichtathleten trainieren gesehen. Es scheint sehr beliebt zu sein.

Nur einen Steinwurf weiter kommt die berühmte Sportschule, die u.a. den vielfachen Olympia-Turn-Goldmedaillengewinner, Nikolaj Andrianow, hervorbrachte.

Wiederum nur einen Steinwurf entfernt, liegt das exklusive Restaurant Blackwood (oder Schwarzwald?)

Hiervor parkten oft teure Limousinen, deren Chauffeure bei den Wagen blieben. Ich habe einen Augenblick abgepaßt, in dem kein solches Gefährt parkten, denn vielleicht hätten sie ja ein Photo nicht so gerne.

Und hier um die Ecke liegt schon die Große-Nischegorodskaja-Straße, an der, 200 Meter weiter, an einem Einkaufstempel vorbei

das Erlangen Haus liegt. Damit habe ich mein Ziel erreicht und fühle mich fast wie zu Hause, dank der guten Atmosphäre im Erlangen-Haus!

Hans Gruß

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Im Blogbeitrag vom letzten Donnerstag https://is.gd/eFamCl berichtete Ute Schirmer u.a. auch von unserem gemeinsamen Besuch im Wladimirer Psychoneurologischen Heim und dem Treffen mit dem Dichter Stanislaw Katkow. Leider ohne Photos. Ute bat mich, meine Aufnahmen vom Besuch der Einrichtung dem Blog zur Verfügung zu stellen, was hiermit geschieht.

Prospekt des Altenheims

Ich selbst war von dem „Internat“, wie man es auf Russisch nennt, mehr als positiv überrascht. Deshalb habe ich noch einige Photos vom Hausprospekt mit aufgenommen. Bisher kannte ich ähnliches nur von der Kinderpsychiatrie, in die mich Tatjana Parilowa vor zehn Jahren mitnahm, weil sie dort Musiktherapie anbot. Und vor vier Jahren hatte ich Gelegenheit, das Kinderkrankenhaus detailliert kennenzulernen.

Aus dem Prospekt

Diesmal also das Psychoneurologische Internat. Das Angebot an die Bewohner könnte nicht vielseitiger sein. Zur Zeit unseres Besuches fand gerade eine kleine Musik- und Tanzdarbietung statt.

In der Aula

Viele andere Talente werden gefördert. Und so verfaßt hier auch Stanislaw Katkow, der nicht mehr schreiben und sich nur mit für uns unverständlichen Lauten äußern kann, seine Gedichte. Seine Frau muß eine besondere Begabung des Verständnisses haben, um seine lyrischen Gedanken zu Papier zu bringen. Das war denke ich, für uns alle, eine Begegnung, die lange nachwirkt.

Stanislaw Katkow, Tatjana Kolesnikowa (Deutschdozentin aus dem Erlangen-Haus), Ute Schirmer und Hans Gruß

Die Ordnung und Sauberkeit innerhalb und außerhalb der Gebäude ist vorbildlich. Nicht umsonst ist ein Platz in diesem Heim sehr begehrt. Es steht nicht nur den Bürgern der Stadt Wladimir offen , sondern allen aus der ganzen Region.

Irina Morosowa, Tatjana Kolesnikowa und Ute Schirmer

Die Direktorin, Irina Morosowa, führt eine sehr moderne und menschliche Institution, und sie wurde bei unserem Rundgang oft erfreut angesprochen und geherzt. Chapeau! Die beiliegenden Photos mögen sprechen.

Hans Gruß

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Einmal noch, vom 29. Juli bis zum 4. August, habe ich mich in unsere Partnerstadt Wladimir aufgemacht, vor  allem, um alte Freunde aufzusuchen, die ich aus den 1990er Jahren bei deren Aufenthalt in Erlangen kennengelernt hatte, und um besonders das Psycho-Neurologische Heim zu besuchen. Dort lebt seit langer Zeit Stanislaw Katkow, den ich auch seit über 20 Jahren kenne und bei meinen Aufenthalten in Wladimir immer wieder antreffen konnte.

Alewtina Sinowjewa: Sonnenuntergang

Mein lang gehegter Wunsch, die Fußmalerin, Alewtina Sinowjewa zu treffen, ging dieses Mal endlich in Erfüllung. Immer wieder illustrierte sie Gedichte von Stanislaw Katkow.

Alewtina Sinowjewa: Winternacht

Zu einer Festveranstaltung im Saal des Heimes lud uns – Hans Gruß vom Freundeskreis Wladimir, die Deutschdozentin Tatjana Kolesnikowa aus dem Erlangen-Haus und mich – die Direktorin, Irina Morosowa, ein. Frau Kolesnikowa kenne ich seit langem von ihren Aufenthalten in Erlangen als Gastdozentin. Sie war bereit, uns als Dolmetscherin zu begleiten. Frau Sinowjewa, die außerhalb von Wladimir lebt, begleitete ihr Vater zu dieser Veranstaltung und saß neben Herrn Katkow und dessen Frau. Wir erlebten den musikalischen Auftritt einer Gruppe aus einem anderen Heim.

Anschließend wurden wir alle zusammen mit der Heimleitung in das Zimmer von Herrn Katkow geleitet. Dort konnten wir uns miteinander unterhalten, natürlich mit Tatjanas Hilfe als Dolmetscherin. Für das Treffen im Heim hatten wir uns ein paar Gedichte ausgesucht, um sie Russisch-Deutsch vorzutragen. Man sah es Herrn Katkow an, wie er daran Freude hatte, seine Texte zu hören. Danach rezitierte Frau Katkowa eines ihrer Lieblingsgedichte ihres Gatten. Ich wußte, daß sie seine Lyrik auswendig kennt. Bei einem früheren Besuch sagte sie mir, sie könne den „März“ noch nicht richtig. Jetzt fragte ich sie, ob sie inzwischen den „März“ gelernt habe. Zu meiner großen Überraschung trug sie dann dieses Gedicht in deutscher Übersetzung vor, auswendig! Frau Katkowa kenne ich auch schon lange Zeit. Sie hatte viele Jahre ihrem späteren Mann beim Aufschreiben seiner Gedichte geholfen.

Von Frau Sinowjewa erhielt ich einige ihrer Bilder in Kopie sowie einen Reiseführer in russischer Sprache,  an dessen Herausgabe sie beteiligt war: „Unbekanntes Katalonien“.

Es ist gut, im Erlangen-Haus so hervorragend untergebracht zu sein und von der Köchin Galina schon am Morgen mit einem sagenhaften Frühstück versorgt zu werden, das einen für den ganzen Tag fit hält.

Die wenigen Tage meines Aufenthalts waren voll verplant:

Hans Gruß und Ute Schirmer beim Unterricht

Vormittags drei Stunden Russisch im Erlangen-Haus. Hans Gruß und ich wünschten die Möglichkeit, im Land zu nutzen, um sprachlich ein wenig besser dazustehen. Tatjana Kolesnikova nahm sich darum unser intensiv an und schloß manche Lücke bei uns.

Einladungen am Nachmittag oder am Abend begannen meist mit einem Festessen, oft mit Tafelmusik. Die Familien meiner alten Freunde sind größer geworden. Inzwischen musizieren oder tanzen die Enkelkinder.

Bei Familie Alexej Krasnow

Galina Saikina und Familie Krasnow

Familie Dmitrij Tichonow, links im Bild Alexander Tichonow

Auch bei einer Familie, die ich erst im vergangenen Jahr in Erlangen kennengelernt hatte, war ich mit Hans Gruß und Tatjana Parilowa  eingeladen. Nach dem Festmal konnten wir einen Einblick in die Werkstätten der Möbelfirma des Gastgebers erhalten, in der Nähe des Dorfes Suromna im Landkreis Susdal angesiedelt.

Für Samstag, dem Tag vor meiner Heimreise, war der Besuch bei Tatjana Oserowa vorgesehen. Auch sie verwöhnte mich mit einem festlichen Essen. Danach durfte ich sie zum Friedhof begleiten, der etwa 15 km von der Wohnung entfernt liegt und nur mit dem Taxi bequem zu erreichen ist. Das Grab von Genrich Oserow und nun auch des Sohnes Alexander, der im April plötzlich verstorben ist, liegt in einem ruhigen, von Bäumen umgebenen Areal mitten in der Natur.

Es war gut, diesen Besuch auf den letzten Tag meines Aufenthaltes in Wladimir gelegt zu haben. Bei meinem Abschiedsspaziergang am Abend vom Zentrum zum Erlangen-Haus blieb so Zeit dazu, manches noch einmal zu überdenken.

Brunnen am Theaterplatz

Erlangen-Haus

Rosenkranzkirche

Die Fahrt zum Flughafen Domodjedowo in Moskau verlief ohne Stau. Mein Chauffeur hatte mich im Erlangen-Haus etwas früher abgeholt. Dadurch war Zeit, unterwegs in Lakinsk die betagten Eltern von Wladimir Filimonow zu besuchen. Ich kannte sie von früher, wenn sie in Wladimir zu Besuch waren.

Ute Schirmer mit den Eltern von Wladimir Filimonow

Weil das Ehepaar jetzt nicht mehr reisen kann, freuten sie sich die beiden über ein Wiedersehen mit mir zu Hause ganz besonders.

Ute Schirmer

Vor dem Heimflug

Mehr zu Ute Schirmer und ihrer einzigartigen Verbindung zu Wladimir unter: https://is.gd/4LJWU8

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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Gerade einmal zwei Wochen sind seit dem Abschiedsabend für die Gruppe aus dem Erlangen-Haus vergangen, als die ersten Maschen des Freundschaftsschals angeschlagen wurden. Nun erreichte gestern die Blogredaktion schon die Nachricht aus Wladimir, man sei weiter fleißig am Stricken. Was für eine Idee, die da durch so vieler Hände Arbeit Gestalt annimmt!

Tatjana Parilowa

„Mit großer Dankbarkeit“, so schreibt Tatjana Kirssanowa, „denken die Teilnehmer des Sommerkurses an die schöne Zeit in Erlangen zurück“, und fährt dann dort:

Übrigens,  der  „Schal  der  Freundschaft“,  mit dessen Stricken wir auf der Abschiedsparty angefangen haben, wird immer schöner und länger! Viele  Besucher des Erlangen-Hauses stricken ihn weiter! So wie heute Tatjana Parilowa.

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In einem Brief an die Redaktion des Blogs schreibt Tatjana Parilowa davon, wie viel man auf der Plattform von interessanten Menschen und Begebenheiten erfahren könne. Mehr noch: „Für mich ist das schon eine im guten Sinne gemeinte Abhängigkeit, unbedingt jeden Tag die Seiten des Blogs zu öffnen, um Neues und Interessantes über die Politik die Partnerschaftsbeziehungen, über Kinder, Menschen, Kultur und Natur zu erfahren.“ Und dann das: Die Leserin wird zur Erzählerin und berichtet von einem Wladimirer Künstler mit Namen Wassilij Kossaurow.

Wassilij Kossaurow

Am 1. Mai 1959 in der Partnerstadt geboren, schließt er 1987 die dortige Fakultät für künstlerische Graphik ab und beteiligt sich früh an lokalen, regionalen und internationalen Ausstellungen. Werke des Malers hängen mittlerweile in russischen, französischen und amerikanischen Privatsammlungen, und in den fernen 90er Jahren zeigte Wassilij Kossaurow seine Werke sogar einmal im Erlangen-Haus.

Wassilij Kossaurow – Energetisches Tal

Fragt man allgemein nach der Rolle des Künstlers in der modernen Welt und nach seinem besonderen Platz in der Gesellschaft, kommt man rasch zu der Aussage, sie habe viel mit der Schaffung neuer Lebensmöglichkeiten zu tun, mit der Mediation  der sozialen Veränderungen und mit der Anstrengung, das Alltagsleben und das Kreative in ihren radikalen Veränderungen abzubilden.

Wassilij Kossaurow – Müdigkeit

Das Werk Wassilij Kossaurows ist eine unablässige Suche, immer begeistert von der russischen Avantgarde und der Theorie des Kosmismus sowie der Esoterik und Theosophie, woher sich sein Thema „Energetik der Seele“ herleitet.

Wassilij Kossaurow – Energetisches Dreieck

Viel Zeit verwendet der Künstler auf die Restaurierung alter Werke. So hat er etwa dem Erzengel Gabriel im Altarbereich der Christi-Verklärungs-Kirche in Porezkoje, Landkreis Susdal, neues Leben eingehaucht.

Wassilij Kossaurow – Es wird Abend

Vielleicht angeregt von den Restaurierungen setzt sich die Auseinandersetzung mit Engeln in seinem Werk fort. Diese menschenähnlichen Flügelwesen als Boten zwischen dem Materiellen und Geistigen, zwischen Gott und dem Menschen, haben es ihm jedenfalls besonders angetan.

Wassilij Kossaurow – Konfrontation

In der christlichen Glaubenslehre kommen den Engeln ja viele Rollen zu: Vermittler, Streiter, Beschützer, Bewacher. Jeder Künstler kleidet sein Verständnis der Rolle von Engeln in diese oder jene Form und Gestalt, drückt in seiner individuellen Art und Weise die persönliche Interpretation des Bildes aus.

Wassilij Kossaurow – Schutzengel

So tut das auch Wassilij Kossaurow mit seinen Mitteln.

Wassilij Kossaurow – Wer bin ich jetzt?

In Rußland gibt es keine Familie, die nicht vom Krieg betroffen wäre. Der Großvater des Künstlers starb in einem KZ. Die Suche nach Angaben zu dessen Schicksal dauerten lange und führten schließlich zu einer Nummer, unter der er im Lager geführt wurde.

Wassilij Kossaurow – Großvater

„Das Werk Wassilij Kossaurows zeichnet sich durch Einflüsse der Suprematen und Konstruktivisten der russischen Avantgarde des frühen 20. Jahrhunderts aus, allerdings in seiner ganz eigenen Ausprägung: von der Gegenstandslosigkeit eines Malewitsch zu expressiven Formen und bestimmteren Begriffen und Phänomenen. In den Arbeiten des Künstlers findet man die kosmische Kälte mit der irdischen Wärme verbunden, ebenso wie die Abwesenheit einer sichtbaren Grenze zwischen Wachzustand und der Vorstellung, ein Zustand, der unsere Herzen bewegt“, schreibt Nadeschda Sewastjanowa, leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin des Wladimirer Landesmuseums.

Wassilij Kossaurow – Auszug

Selbst freilich meint der Künstler, die beste Lehrerin sei die Natur.

Wassilij Kossaurow – Flußlandschaft im Herbst

Die „Innere Speisekammer“ Wassilij Kossaurows ist nicht einfach nur die Ausstellung eines Künstlers, sondern eine Nenner der Themen eines internationalen Projekts unter dem Begriff „Engel“, das die Werke von 45 Künstlern aus Europa und Rußland vereint.

Wassilij Kossaurow – Ausstellungsplakat

Das Schaffen des Wladimirer Malers ist mittlerweile in Deutschland, in der Slowakei und in der Tschechei bekannt als Ausdruck des russischen Surrealismus. Und in Rußland wurde die „Innere Speisekammer“ zum Jubiläumsdebut für den Wladimirer.

Tatjana Parilowa

 

 

 

 

 

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