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Posts Tagged ‘Tatjana Oserowa’


Zu Ehren der Gefallenen und Vermißten des Großen Vaterländischen Krieges entzündete man gestern auf dem Platz des Sieges in Wladimir 78 Kerzen. Tatjana Oserowa erinnerte mit folgendem Text an die Schrecken des Krieges, mit dem die Wehrmacht am 22. Juni 1941 die UdSSR überzogen hatte:

Können Sie sich vorstellen, was wir in unserer Nachkriegskindheit für Träume hatten? Alle Erwachsenengespräche drehten sich ja um ihn, um den Großen Vaterländischen Krieg, der so viele Verwandtenschicksale verkrüppelt, uns die liebsten und besten Angehörigen genommen hatte. Wir nahmen diese Familienerzählungen regelrecht mit ganzem Herzen auf. Und wenn in den Kinderspielen und Kinderzeichnungen diese Thema der Russen und Deutschen noch immer fortlebt, wenn bis heute in den Alben rotbesternte Flieger den Himmel durchkreuzen und Panzer mit dem faschistischen Hakenkreuz herumfahren, wie war das dann erst zu unserer Zeit!

Wie wir Pioniere uns da unsere Heldentaten an der Front vorstellten. Was wir uns da für Schliche einfallen ließen, um das rote Banner zu retten, den Feind in eine Falle zu locken, die Partisanen vor einer tödlichen Gefahr zu warnen. Weil einfach alle Filme, Bücher und Erzählungen in den Lehrbüchern davon handelten. Die Jungs in unserer Klasse fragten in den Büchereien ausschließlich nach Geschichten über den Krieg und Späher, es gab kein anderes Thema für sie.

Der Traum, der mich in der Kindheit verfolgte und quälte ging so. Unsere Stadt wird von den Deutschen eingenommen, alle Angehörigen sind bereits tot. Ich, das kleine Mädchen, bin alleine und verstecke mich in einem Schuppen hinter Holzscheiten, unter einem Heuhaufen. Dann kommen die Deutschen herein und prüfen mit ihren Bajonetten, ob da nicht jemand zu finden sei. Die scharfe Klinge trifft mich, aber wunderbarerweise gelingt es mir, mit einem Tuch das Blut an ihr abzuwischen. Sie gehen wieder… Ich bin gerettet, bleibe am Leben! Aber ich möchte nichts mehr, als von dort davonlaufen – mit einem wilden Schrei des unerträglichen Schreckens und Grauens.

So litten die Kinder der Kriegszeit, von den Erwachsenen Kriegsteilnehmern ganz zu schweigen. Sie blieben auch in ihren Träumen noch lange im Krieg, kämpften weiter Seit an Seit mit ihren Angehörigen, die in den Krieg gezogen waren und nicht mehr zurückkehrten.

Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Gouverneur Wladimir Sipjagin am 22. Juni 2019 im Gespräch auf dem Platz des Sieges

Eine jener wunderbaren Wendungen der Geschichte: Die Autorin heiratete später den Deutschdozenten Genrich Oserow, der die Städtepartnerschaft maßgeblich gestalten half, und ihre Tochter Natalia sollte, engstens mit Erlangen verbunden, zu einer der führenden Germanistinnen Wladimirs werden.

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Heute feiert man in Wladimir – wie im ganzen Land – den 74. Jahrestag des Sieges mit Reden, Aufmärschen und der Erinnerung an die Helden, Versehrten und Opfer des Großen Vaterländischen Krieges. Alles richtig und wichtig. Der Blog begeht dieses Datum der Befreiung Deutschlands vom Faschismus mit einem stillen Gedächtnis der Wladimirer Autorin Tatjana Oserowa, deren Onkel seit Dezember 1941 als vermißt gilt, mit dem Titel „Der Koffer“.

Ich kannte damals das Erwachsenenwort „Archiv“ noch nicht als Ort, wo man verschiedene Unterlagen aufbewahrt. Aber wir hatten daheim hinter dem Vorsprung aus Ziegelsteinen zum Liegen auf unserem Ofen einen kleinen Koffer mit alten Papieren und Bildern, Briefen und Telegrammen aus der Kriegszeit, geschrieben auf Zeitungspapier. Meine Schwester und ich taten kaum etwas lieber, als von Zeit zu Zeit die weinroten Stimmkarten des Vaters durchzusehen, der an der einen oder anderen Parteikonferenz teilgenommen hatte. Wir kannten viele Lieder und Verse aus der Kriegszeit auswendig. Zur Weiterverbreitung druckte man sie damals auf einzelnen Blättern aus Hartpapier mit Noten und kleinen Zeichnungen und Illustrationen. Häufig sangen wir bei unseren Hauskonzerten im Türrahmen zwischen den Stores, die als Theatervorhang fungierten, unsere Lieblingslieder: „Die schlanke Eberesche“, „Das kleine Licht“, „Dunkle Nacht“, „Da kommen die Soldaten“, „Die Nachtigallen“, „Wo seid ihr nur jetzt, ihr Waffenbrüder?“ usw. Dann setzten wir uns an den großen Tisch und betrachteten zusammen mit den Eltern die Bilder aus dem Koffer. Von den Photos sahen uns ihre Freunde an, junge Offiziere mit einer wallenden Haarpracht oder kurzgeschnittenen Frisur, mit einem breiten Lächeln oder mit einem strengen Blick. Einige auf den Gruppenaufnahmen waren mit einem kleinen Kreuz über dem Kopf gekennzeichnet, was bedeutete, daß der Freund ums Leben gekommen war.


Unter diesen Papieren und Bildern fanden sich auch besondere Schächtelchen, wo Vaters Orden aufbewahrt wurden. Darin lagen auch zusammengefaltete Todesanzeigen, die tragischen Benachrichtigungen über Verwandte und Angehörige: „Ihr Ehemann…, Bruder…, kam um oder starb den Tod der Tapferen…“ Vaters Medaillen und Orden lagen in der obersten Schublade der alten Kommode, weil sie nach dem Krieg nur noch selten jemand trug. Am Orden des Roten Sterns fehlte ein Strahl, das Emaille war aus irgendeinem Grund abgesprungen.

Zärtlich streichst du mit der Kinderhand über die Auszeichnung des Vaters und denkst, denkst an diese und stellst dir seine Heldentat vor – und seinen Sieg…

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In der Nacht fiel Schnee. Dunkel wurde es draußen und schön. Wenn nur auch die Seele ein Dach gefunden und zur Ruhe gekommen wäre. Diese peinliche Fassungslosigkeit des Alters, voll der Wehmut, zeigt sich in allem: Müdigkeit, Vergeßlichkeit, Hilflosigkeit kommen unmerklich immer näher und umzingeln dich. Da bleibt nur, sich selbst zu befehlen: Rücken gerade halten, Mut fassen, lächeln und laut auflachen bei der Frage des Enkels: „Oma, was hast du denn eigentlich vor unserer Zeitrechnung gemacht?“ – Denn nur in der Kindheit wissen wir nichts von der Zeit und glauben, wir waren und werden immer sein…

Zeilen von Tatjana Oserowa und ein Bild von Roman Jewstifejew, auf Facebook gestern gefunden und heute Ihnen mit auf den Weg gegeben als Einblick in das, was wir oft die „russische Seele“ nennen.

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In einem Bummelzug der 80er Jahre – vollgestopft mit Menschen auf dem Weg zum Einkauf von Lebensmitteln, nach denen man in einem Rätsel suchte: lang, grün und riecht nach Wurst, was ist das? – waren die unmöglichsten Sachen zu hören, konnte man die unglaublichsten Dinge sehen.

Jeden Morgen stürmten ihn die Leute in den Regionen Wladimir, Jaroslawl oder Kalinin, und abends kämpften die müden, mit Rucksäcken und Taschen beladenen Fahrgäste, die den Tag über das ganze Mütterchen Moskau abgelaufen waren, um die Sitzplätze. Kaum jemand ohne schwere Taschen voller Lebensmittel, Schuhe und Kleidung in den Händen. Mit anderen Attributen – Mappen voller Manuskripte, Bücher, Kladden und aller möglicher Kleinkram – reisten die Studenten und angehende Doktoranden.

Gelernte Fahrgäste kannten sich bestens darin aus, in welchen Waggon es sich zu setzen empfahl, um sich nicht über den langen Bahnsteig mühen zu müssen und genau an den Türen zum Heimatbahnhof aussteigen zu können, wo man dann direkt in das nächste Verkehrsmittel umsteigen mußte, sei es Bus oder Oberleitungsbus. Sie wußten Bescheid über die Arten der Angriffe auf die sich öffnenden Türen, wußten, an welcher Stelle genau sich diese Türen auf dem Bahnsteig befinden würden. Und so sprangen  oder flogen sie denn, nachdem sie anfangs einen kleinen Schritt zur Seite getreten waren, in den Waggon hinein, besetzten die Plätze für sich und die Ihren, welche darauf mit überschweren Taschen vorsichtig (da sie auch Eierkartons dabei hatten) zu dem sie erwartenden Verwandten vordrangen.

Wer den rechtzeitigen Einstieg verpaßt hatte, hetzte durch die Waggons auf der Suche nach einem freien Platz und strandete schließlich, ohne auch nur einen einzigen gefunden zu haben, gescheitert im Gang.

So ging auch einmal ein großer, schöner, selbstbewußter Mann um die 50 durch unseren Waggon. Er suchte mit den Augen ein freies Plätzchen, und als er eines im Eck am Ausgang entdeckte, wandte er sich mit der dringenden Bitte an die Fahrgäste, diesen freizuhalten, da er gleich eine Großmutter herbringen werde. „Sie ist sehr müde, bitte lassen Sie niemand anderen Platz nehmen!“ – „Natürlich“, nickte man zustimmend, „wir halten ihn für die alte Dame frei.“

Alle waren es zufrieden, auf ihrem Weg einen so aufmerksamen und liebevollen Sohn getroffen zu haben, und stellten sich nun vor, wie er am Arm eine schwächliche und betagte Frau herein- und an ihren Platz führen würde, um sich dann die Fahrt über um sie zu kümmern.

Der Mann kehrte dann lange nicht zurück. Andere, mit schweren Taschen beladene Fahrgäste fragten dauernd im Vorübergehen, ob der Platz noch frei sei, doch alle Sitznachbarn verteidigten ihn im Chor mit dem Hinweis darauf, gleich werde jemand seine Großmutter herführen. So ging das fast bis zum Abfahrtspfiff weiter.

Und da tauchte endlich in der Tür die bekannte Figur des Mannes auf. Aber wo nur war die Großmutter…, grau, hilflos, ein weißes Kopftuch auf, ein dunkles Kleid an? Eine große, schöne, noch junge Frau, eine die der Volksmund noch „im vollen Saft“ nennt, schwebt erhobenen Hauptes durch den Waggon. An der Hand führt sie ein entzückendes Mädchen mit riesigen weißen Schleifen in den Zöpfen.

Tatjana Oserowa

„Und wo ist nun die alte Dame?“ wollten die Fahrgäste wissen, für die sie so entschlossen den Platz freigehalten hatten. „Ja, steht etwa vor Ihnen etwa keine Großmutter?“ gab der Mann zurück, und alle um ihn herum lachen.

Tatjana Oserowa, Übersetzung Peter Steger

Original unter: https://is.gd/BesSr6

 

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Wir blicken heute nochmals zurück auf den Besuch von Ute Schirmer und ihrer Freundin, Gabriele Erkelenz, in Wladimir. Während die Erlanger Ärztin seit 1991 engstens mit der Partnerstadt verbunden ist und dort einen riesigen Freundeskreis hat, besuchte die promovierte Rechtsanwältin aus Bonn Wladimir ersten Mal, freilich auf den Spuren ihrer bereits verstorbenen Mutter, die den Goldenen Ring einst bereist hatte. Machen wir nun aber den Rückblick auf den Besuch mit Anastasia Filimonowa, die ebenso wie Gabriele Erkelenz, einen kleinen Bericht an die Blog-Redaktion schickte.

Anastasia Filimonowa, Gabriele Erkelenz, Ute Schirmer und Galina Postnikowa im Mariä-Schutz-Nonnenkloster, Susdal

Vom 2. bis 7. Juni besuchte Ute Schirmer uns zusammen mit ihrer Schulfreundin Gabriele Erkelenz aus Bonn. Die beiden hatten ein pralles Programm, trafen die Familien russischer Freunde aller Generationen. Frau Schirmer kommt nicht einfach müßig zu uns. All ihre Reisen hatten immer einen wohltätigen oder spirituellen Anspruch.

Ute Schirmer und Gabriele Erkelenz im Kreis der Familie Filimonow

Das war auch dieses Mal nicht anders. So brachte sie Aufnahmen ihres Mannes aus Erlangen mit, mit denen sie an einem Abend im Erlangen-Haus ihre ausführliche und interessante Schilderung unserer Partnerstadt bebilderte.

Ute Schirmer

Der zweite Teil der Veranstaltung war dem Schaffen des Wladimirer Dichters Stanislaw Katkow gewidmet, dessen Gedichte erfüllt sind von Freude, Schönheit und Zartheit, obwohl er im Pflegeheim lebt, wo die beiden Freundinnen ihn später auch noch besuchten.

Blick ins Publikum im Erlangen-Haus

Frau Schirmer rezitierte seine Gedichte in ihrer eigenen Übersetzung. Zu dem Abend hatte sie Freunde eingeladen, mit denen sie schon seit vielen Jahren eine enge Verbindung pflegt.

Ute Schirmer und Tatjana Kolesnikowa bei der Lesung im Erlangen-Haus

Dann war da noch der Besuch in der Schmiede, wo die Handwerkstraditionen der Familie Borodin am Leben erhalten werden. Alles wird hier nach überlieferter Art gemacht, etwas, das man kaum noch so antrifft. Wir hatten sogar die Gelegenheit gezeigt zu bekommen, wie wir unseren eigenen Nagel schmieden können. Diese ungewohnte Betätigung machte unseren Damen richtig Spaß.

Ute Schirmer in der Kunstschmiede

Natürlich durfte bei dem Besuch auch Susdal nicht fehlen. Wir konnten auf den Glockenturm des Erlöser-Euphemius-Klosters, erbaut Anfang des 16. Jahrhunderts. Vor unseren Augen brachte der Glöckner 16 Glocken zum Klingen. Später erlaubte er es auch uns, es als Glöckner zu versuchen. Der Aufstieg war mühsam. Es führt eine Wendeltreppe nach oben, die in alten Zeiten auch eine Wehrfunktion hatte. Im Fall einer Verschwörung konnte jemand da oben in der vorteilhaften Position eine große Zahl von Angreifern abwehren. Derartige Treppen erlauben es dem Angreifer nicht, sich zur vollen Größe aufzurichten. In seiner Rüstung und mit dem Schwert in der Hand ist der Krieger gezwungen, sich langsam und seitwärts nach oben zu bewegen, wobei er die Waffe gar nicht erheben kann. Somit ist er schutzlos den Schlägen von oben ausgeliefert. Zu zweit kommt man gar nicht hoch.

Ute Schirmer und Gabriele Erkelenz

Leider verging die Zeit in Wladimir mit unseren Freundinnen viel zu schnell. Und jetzt überkommt mich eine ganze Welle farbenfroher Erinnerungen. Wir hoffen auf neue Begegnungen!

Anastasia Filimonowa

 

Zwischenmeldung: Der Freundeskreis ist derart groß, daß Ute Schirmer manche ihrer Bekannten erst im Nachhinein wiedererkennt, wenn sie sich nicht selbst zu erkennen geben. Da ist beispielsweise der Fahrer, Jewgenij Tschilimonow, den sie bereits 1991 traf und auf dessen Heirat sie später zu Gast war. Aber so eine Reise offenbart auch unbekannte Seiten der eigenen Freundin, wenn etwa bei dem Treffen mit Damen von Soroptimist International Gabriele Erkelenz plötzlich zu erkennen gibt, dem gleichen Serviceklub anzugehören. Aber bleiben wir noch kurz bei den russischen Freunden, zu denen die Familien der Musiker Alexander und Dmitrij Tichonow gehören, wo Ute Schirmer spät abends noch Flötenunterricht gab und nach Auskunft der Gastgeber so anrührend sang, daß niemand mehr zu Bett gehen wollte.

Galina Postnikowa, Anastasia Filimonowa, Ute Schirmer und Gabriele Erkelenz in Susdal

Es ist eine besondere Reise, wenn man mit Ute Schirmer nach Wladimir fährt und dort im Erlangen-Haus wohnt. Dank Ihrer vielen Freunde und der russischen Gastfreundschaft habe ich viele Menschen kennengelernt und einen kleinen Einblick in das russische Leben gewinnen können.

Abschied und Willkommen für Ute Schirmer im Erlangen-Haus

Das Erlangen-Haus ist ein Schmuckkästchen; die Partnerstädte dürfen stolz auf ihr großartiges Werk sein. Aus einer unbewohnbaren Ruine ist ein bildschönes, repräsentatives Gebäude geworden, behaglich zum Wohnen und zweckmäßig für Kurse und Verwaltung. Das dort beschäftigte russische Team ist liebenswürdig und sympathisch, hilfsbereit und kompetent.

Auf einem Empfang, den Ute Schirmer für ihre Freunde im Erlangen-Haus gab, präsentierte sie Gedichte des russisches Dichters Stanislaw Katkow, der gelähmt in einem Heim für neurologisch Kranke lebt. Zunächst las eine russische Deutschlehrerin den russischen Text sehr ausdruckstark vor, danach Ute Schirmer ihre hervorragende deutsche Übersetzung. Naturbetrachtungen und tiefsinnige Gedanken haben alle sehr beeindruckt.

Ute Schirmer und Stanislaw Katkow, 2013

Tags darauf besuchten wir zusammen mit Ute Schirmers Freundin, Tatjana Oserowa, Stanislaw Katkow  in dem Heim. Begleitet von der liebenswürdigen Leiterin des Hauses, Irina Morosowa, und einer Schwester, wurden wir zu Stanislaw Katkow geführt, der uns im Rollstuhl sitzend empfing. Er war überglücklich, als ihm Tatjana Oserowa in lebhafter Weise von der Präsentation seiner Gedichte im Erlangen-Haus erzählte.

Tamara Neiswestnaja und Ute Schirmer

Bei verschiedenen Einladungen habe ich verschiedene Wohnungen kennengelernt, von einfach bis wohlsituiert; gleich war überall eine wunderbare Herzlichkeit und Gastfreundlichkeit. Ich hatte den Eindruck, die Freundschaft und die guten Kontakte zu Erlangen liegen allen sehr am Herzen.

Gabriele Erkelenz

Die Bilder sind übrigens von Wladimir Fedin mit Ausnahme des Photos von der Hausmusik, das Dmitrij Tichonow machte. Einen kleinen Videofilm vom Glockenspiel gibt es hier zu sehen: https://is.gd/QMJoBu (bitte auf das Symbol VID_ klicken).

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Im Jahr 2000 erschien im Wladimirer Verlag PEKO ein zweisprachiger Band mit Gedichten von Tatjana Oserowa in der Übertragung von Peter Steger, aus dem heute folgende Verse ohne Titel zitiert werden:

Wenn wieder mal…
die Kälte kommt im Flug
und uns die Wärme nur erscheint als Trug,
dann glaubt man nicht, daß wieder bald erblüht
der Eisbusch,
wenn das Frühjahr zu uns zieht.

Blick vom Glockenturm auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Blick vom Glockenturm auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Бывает…                                                                                                                                                Прилетают холода.                                                                                                                                           И кажется, что не было тепла,

Не верится, что снова зацветёт

Куст ледяной,                                                                                                                                                 Когда весна придёт.

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„Eigentlich sprechen ja sechs Gründe gegen die Entwicklung Wladimirs zu einer Fahrrad-Stadt“, meint Oberbürgermeister Sergej Sacharow, läßt den eher entmutigenden Satz aber nicht so stehen, sondern fügt verschmitzt an: „Aber wir machen’s doch!“ Und wie auch nicht! Wladimir hat schließlich schon mehr geschafft.

Dietmar Hahlweg, Sergej Sacharow, Marlene Wüstner und Josef Weber

Dietmar Hahlweg, Sergej Sacharow, Marlene Wüstner und Josef Weber

Und tatsächlich: Auf der fast zweistündigen Rundfahrt durch Wladimir am gestrigen Nationalfeiertag geriet Marlene Wüstner, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern, fast schon ins Schwärmen: „Ich bin begeistert, von dem, was in dem Bereich schon geleistet wurde. Wladimir hat alle Voraussetzungen, unter seinen Bedingungen den Radverkehr gut auszubauen.“ Die ersten dreieinhalb Kilometer Radwege sind angelegt, und sogar die bereits in Bau befindliche Umgehungsstraße des historischen Stadtkerns soll einen eigenen Streifen für die Radfahrer erhalten. Und ansonsten kann man gut auf den breiten Gehsteigen fahren, die vielfach auch schon abgeflacht sind, um Rollstuhlfahrern und Radlern das Vorankommen zu erleichtern.. Und eben immer mehr meist jugendlichen Radfahrern. Übrigens alles und überall ohne Geschimpfe und Gemecker der Fußgänger. Freilich muß man die Augen offen halten wegen des einen oder anderen Schlaglochs und tut gut daran, im gefederten Sattel eines geländegängiges Rades zu sitzen.

Marlene Wüstner, Dietmar Hahlweg, Josef Weber

Marlene Wüstner, Dietmar Hahlweg, Josef Weber

Aber was war doch mit den sechs Gründen, als da sind: das Klima mit seinem langen Winter voll Eis und Schnee; die Mentalität, die dazu neigt, jetzt erst einmal ausgiebig die Vorzüge des motorisierten Inidivdualverkehrs zu genießen; die Topographie der Stadt, wegen der Hanglage mancherorts durchaus eine sportliche Herausforderung; die russischen Standards, die strikte Vorgaben zur Breite von Fahrradstreifen und Markierungen beinhalten… Doch mit den Gästen unterwegs durch seine Stadt, sind Sergej Sacharow schon zwei der Gründe entfallen, von denen er noch am Vortag im Rathaus gesprochen hatte. So stichhaltig können sie also gottlob nicht gewesen sein. Und Erlangens oberster Stadtplaner, Josef Weber, meint dazu, zumindest einen vermeintlichen Verhinderungsgrund, die Standards beim Straßenbau, könne man leicht und ohne großen baulichen wie finanziellen Aufwand verhindern, indem man auf den parallel zu den Hauptverkehrsachsen verlaufenden Straßen Radwege gestrichelt markiere, also so, daß für die Autos genug Platz bleibe, die Fahrer sich aber auf Radler einstellten. Da wäre man dann auch schon wieder im Bereich Mentalität. Und auch die erscheint den Gästen kein Hindernis zu sein, denn man kann ruhig auch auf der Fahrbahn radeln, ohne blöde angehupt zu werden. Im Gegenteil: Die Autos halten den gebührenden Abstand und lassen die abgasfreie Konkurrenz durchaus gewähren.

Dietmar Hahlweg

Dietmar Hahlweg

Jedenfalls, so Dietmar Hahlweg, der schon in den 70er Jahren das Radfahren als unverzichtbares Element der Verkehrsplanung erkannt und umgesetzt hatte, erfülle sich da in Wladimir gerade ein Traum für ihn. „Ich hoffte immer, auch die Partnerstadt würde eines Tages die Vorzüge des Fahrrads als Fortbewegungsmittel erkennen. Nun ist der Moment offenbar gekommen. Eine große Freude für mich!“ Und in der Tat: Es gibt nicht nur den ersten Fahrradverleih, auch Ständer findet man im Stadtzentrum immer wieder. Eine ganz neue Infrastruktur ist im Entstehen.

Mülltrennung: Plastik-Container

Mülltrennung: Plastik-Container

Dies gilt auch für die Müllentsorgung. Feiertag hin, Feiertag her: Marlene Wüstner und Josef Weber besichtigen am Nachmittag eine Müllsortieranlage, und auch wenn man mit offenen Augen durch die Wohnviertel geht, entdeckt man allerorts Anzeichen für den Wandel: eigene Container für Plastikabfälle, für Altmetall und Papier. Besonders freut sich Marlene Wüstner über die getrennte Entsorgung von Batterien. Wenngleich das System noch nicht flächendeckend eingeführt ist und bisher „nur“ von privaten Firmen angeboten wird.

Mira Woronitschewa und Dietmar Hahlweg

Mira Woronitschewa und Dietmar Hahlweg

An so einem Feiertag muß auch Zeit sein für eher private Glücksmomente. Etwa, wenn Dietmar Hahlweg mit Mira Woronitschewa jene Dolmetscherin trifft, die bereits 1983 für die erste offizielle Delegation aus Erlangen die sprachlichen Brücken baute.

Tatjana Oserowa und Dietmar Hahlweg

Tatjana Oserowa und Dietmar Hahlweg

Etwa, wenn er Tatjana Oserowa wiedersieht, deren verstorbener Ehemann nicht nur ganze Generationen von Deutschlehrern in Wladimir ausgebildet, sondern auch bei ungezählten offiziellen wie informellen Begegnungen gedolmetscht hat.

Dietmar Hahlweg mit Witwe und Tochter - Nina und Alla - von Percy Gurwitz

Dietmar Hahlweg mit Witwe und Tochter – Nina und Alla – von Percy Gurwitz

Etwa, wenn er Witwe und Tochter von Percy Gurwitz besucht und an den großen Brückenbauer zwischen Deutschen, Juden und Russen erinnert.

Dietmar Hahlweg und Eduard Markin

Dietmar Hahlweg und Eduard Markin

Und wenn er den Tag mit Eduard Markin beschließt, der schon Mitte der 80er Jahre mit seinem Kammerchor, wie Erlangens Altoberbürgermeister meint, dank dem Zauber der Musik das emotionale Fundament für die Partnerschaft legte und der sich heute als Weltbürger versteht, für den der Nationalismus die schlimmste Geißel der Menschheit ist und der dafür betet, daß Kunst und Kultur die Menschen aller Länder zusammenführen. In Frieden.

Jürgen Ganzmann und Elke Sausmikat

Jürgen Ganzmann und Elke Sausmikat

Ein Gedanke, dem sich auch Elke Sausmikat und Jürgen Ganzmann anschließen können, die sich am Feiertag mit ihrer Partnerorganisation, der Selbsthilfegruppe „Swet“ für Eltern mit schwerbehinderten Kindern trafen, und sich jetzt darüber freuen, noch in diesem Sommer die ersten drei Vertreter dieses Verbands bei der WAB Kosbach empfangen zu können, zu Hospitationen und zum Erfahrungsaustausch. Getreu dem gestrigen Feiertagsmotto: „Wir machen’s doch!“

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