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Posts Tagged ‘Tamara Skworzowa’


Um das allenthalben unterschätzte Berufsbild der Pflegekräfte in der Medizin aufzuwerten, veranstaltet das Gesundheitswesen der Russischen Föderation landesweit in verschiedenen Kategorien Wettbewerbe für die besten Fachleute, die nur allzu oft unbemerkt im Hintergrund bleiben und den Ärzten die Bühne überlassen. Dabei ist doch deren Arbeit nicht nur näher am Patienten, sondern schafft auch die Voraussetzung für eine gelungene Therapie und Rehabilitation. In der Nomination „Für Berufstreue“ belegte nun Tamara Skworzowa, Oberschwester am Psychiatrischen Krankenhaus Nr. 1 in der Partnerstadt, mit ihrer Arbeit über das Projekt „Lichtblick“ den ersten Platz der Region Wladimir.

Natalia Tarakanowa, Jürgen Ganzmann und Tamara Skworzowa

Die Krankenschwester mit reicher Austauscherfahrung legte ihrer Analyse die Zusammenarbeit mit Erlangen seit dem Jahr 2000 zugrunde und reichte das Papier mittlerweile beim Gesundheitsministerium in Moskau ein. Gut möglich, daß dank Tamara Skworzowa im Herbst, wenn die Jury ihre Entscheidung fällt, das Partnerschaftsprojekt, erdacht und koordiniert von Jürgen Ganzmann, auch die verdiente überregionale Anerkennung genießen darf. Zu gönnen wäre es allen Beteiligten.

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Heute, in der Fortsetzung des gestrigen Berichts, schildert Angela Schubert Eindrücke vom Blauen Himmel sowie aus Susdal und Nischnij Nowgorod.

Der zweite Tag

Weitere Einblicke brachte uns der Montag. Am Morgen besuchten wir das Kinderzentrum „Blauer Himmel“, ein Gebäudekomplex wie eine frühere Sommerfrische in ländlicher Umgebung. Hier erholen sich Kinder mit psychischen Belastungen jeweils zwei Wochen. Leonhard Hirl wurde als wichtiger Begleiter der Institution freudig von der Leiterin empfangen, denn im Rahmen der Städtepartnerschaft nutzt die Einrichtung viele Erfahrungen von deutschen Freunden. Die älteren Jugendlichen waren mit einem männlichen Betreuer fast alle draußen am Werkeln für ihren Spielplatz und Sportbereich, die Mädchen, warm angezogen, mit ihren Erzieherinnen neugierig die Gäste erwartend.

Blauer Himmel

Blauer Himmel

Viele, viele Fragen richteten wir an die Leiterin zum Tagesablauf, nach der Herkunft der Kinder aus problematischen Familienverhältnissen wegen fehlender oder trinkender Väter, den Belastungen der Mütter auch durch die starken Umbrüche im Alltagsleben. Wichtig sei die feste Struktur mit unbedingtem Einhalten der Regeln im Haus, das Üben, sich miteinander zu beschäftigen, z.B. in der Gestaltung des Hauses, das Zusammenleben ohne Handy und sonstige Medien. In den Gängen viele Kinderzeichnungen, ein nach Großmutterart geschmückter Wintergarten, ein ruhiger Raum für Arbeiten am Tisch mit einer Bilderecke für die Begleiter und Gönner aus Erlangen. Die kurzen zwei Wochen können wegen der großen Nachfrage der die Kinder sonst betreuenden Einrichtungen nicht länger sein. Hier verschenkten wir nur zu gern einen Gutteil unserer süßen Mitbringsel.

Blauer Himmel

Blauer Himmel

Herzlich verabschiedet, fuhr die vollzählige (das war immer wichtig!) Gruppe weiter nach Susdal, etwas nördlicher und heute abseits der großen Straßen gelegen, bis ins 13. Jahrhundert aber gemeinsam mit Wladimir Hauptstadt der Rus. Unterwegs neben der Boris und Gleb geweihten, ältesten Steinkirche im nordwestlichen Rußland eine Dorfsiedlung mit ausgebauten Datschen, aufgereiht am Mittelweg, farbig, mit liebevollen Holzschnitzereien um Fenster und Türen, wenig Garten (das ist mir eine ungelöste Frage geblieben, denn es heißt immer, in ihren Hausgärten beschäftigen und versorgen sich die Familien im Frühjahr und Sommer und bauen die Vorräte für den Winter an). Dazwischen ein größeres Steinhaus im Entstehen, – die neuen Zeiten!

St. Boris und Gleb

St. Boris und Gleb

Susdal wirkt jetzt ländlich, es ist einfach abseits erhalten geblieben mit einem großen Kremlbereich, geschützt von einem hohen Erdwall. Ein Toreingang führt zu Kathedrale und Metropolitenpalast, Zeugnisse der früheren Bedeutung der Stadt. Unsere erfahrene Führerin erklärte uns im Inneren der Kirche genau den Aufbau einer Ikonenwand, an die sich der für die Gemeinde nicht zugängliche Altarraum anschließt. Alle Wände sind farbigst bemalt mit vergoldeten Umrahmungen und „Stockwerkbändern“, die im 17. Jahrhundert nach Zerstörungen wiederentstanden sind. Ein großer Schatz sind zwei Eingangsportale mit feuervergoldeten Kupferplattentüren, die Szenen aus dem Neuen Testament erzählen und eine Trageleuchte in Form einer Kathedrale mit fünf Kuppeln. Sie stehen für die vier Evangelisten, wobei die fünfte Christus symbolisiert. Die blauen Kuppeln versinnbildlichen den Himmel, der Sternenschmuck gilt Maria. Sie ist in der Orthodoxie eine sehr wichtige Anbetungsfigur, ganz viele Kathedralen tragen, verbunden mit Begebenheiten im Leben der Gottesmutter, ihren Namen.

Unterwegs in Susdal

Unterwegs in Susdal

Neben dem Gotteshaus liegt der Metropolitenpalast mit langgestrecktem Sitzungssaal, Rundumband für die à-deux-Besprechungen (?) und dem Verhandlungstisch mit Codici und Schreibwerkzeug für die ganze Versammlung. Das Gebäude wirkt von innen und außen gesund, ist weiß gestrichen, die vielgestaltigen Dächer mit Falzblech geschützt. Auf dem weiteren Weg über das Burggelände wurde gerade eine erneuerte Kuppel auf einen Turm gehoben, ein lebendiges Bildmotiv und Beleg für den Einsatz von Kirche und Staat, die Kulturdenkmale wieder in Ordnung zu bringen.

Im Freilichtmuseum Susdal

Im Freilichtmuseum Susdal

Durch die Flußniederung wanderten wir zum Holz-Freilichtmuseum, ein wie ein kleines Runddorf angelegtes Areal mit zentraler Sommer- und kleinerer Winterkirche, Radbrunnen und Mühle. In einem der Häuschen wurden wirklich Kaffee und Glühwein angeboten. Derlei touristische Begleiterscheinungen wie Verkaufsstände, Postkartenständer, Steh- oder gepflegtere Sitz-Cafés findet man sonst kaum. Hier freuten wir uns sehr über das Angebot.

Rund ums Universitätsseminar

Beim Abendessen fand die Vorbesprechung über Themen und Ablauf des in der Universität Wladimir für zwei Tage geplanten Seminars mit der Vorsteherin der psychologischen Abteilung, zwei Mitarbeiterinnen und einer Dolmetscherin statt. Für das derzeitige Rußland ist die Drogenfrage sehr im Vordergrund. Den Inhalt unserer Vorträge und die Referate von ihrer Seite fasse ich hier nicht zusammen. Nur zum Rahmen: Wir saßen im Auditorium Maximum, das praktisch vollbesetzt war mit Studenten aber auch mit Jura- und Polizeiaspiranten in Uniform. Handys in den Taschen… Am zweiten Tag gingen auch einige Fragen an die russisch Vortragenden; die Studenten stellten sich dazu vor…

Leonhard Hirl auf dem Platz des Sieges

Leonhard Hirl auf dem Platz des Sieges

Die Treppenhäuser zweckmäßig und sauber, die Gänge, geschmückt mit Landschaftsaquarellen und aktuell mit Illustrationen zum 70jährigen Ende des Großen Vaterländischen Kriegs, wie man hier den Zweiten Weltkrieg nennt. Dieses Krieges und seiner Opfer gedenkt man in den Städten mit Ehrenmalen, Ewigen Flammen und frischen Blumen. Wir erlebten das live nach unserer Kranzniederlegung: Ein junges Hochzeitspaar legte vor der Ewigen Flamme Blumen nieder. Unsere russischen Begleiterinnen bestätigten, daß ein solcher Gang zum Ehrenmal dazugehöre. Bei unserem dreistündigen Aufenthalt in Moskau vor dem Rückflug zählten wir am Samstag vier Hochzeitspaare mit Gesellschaft rund um den Roten Platz, – wohl nicht nur der Photomotive wegen.

Ausflug nach Nischnij Nowgorod

Die Stadt, als „Unter-Nowgorod“ tiefer gelegen denn das ältere Nowgorod im Nordwesten des Landes, breitet sich entlang der Wolga an ihrem Zusammenfluß mit der Oka aus. Zwei den Hirls verbundene Ehepaare haben das Programm vorbereitet – und was für eines! Großer Bahnhof beim Aussteigen aus dem Zug, als drei in Trachten gekleidete Sängerinnen mit Ziehharmonikabegleitung uns erwarteten.

Tanzbein-Schwingen auf dem Bahnhof von Nischnij Nowgorod

Tanzbein-Schwingen auf dem Bahnhof von Nischnij Nowgorod

Solch eine Schnellzugreise macht man nicht einfach kurzentschlossen: Paßkopie, lange Vorlaufzeit, Sicherheitskontrolle vor der Sperre, Personenkontrollen durch das Zugpersonal beim Einsteigen. wofür der Wagen an auf dem Bahnsteig genau markierter Stelle hält, – unter den Augen weiterer Aufsichtsleute. Die zweistündige Fahrt bequem, ein Endlos-Sketch am kleinen Schwarz-Weiß-Bildschirm, das Land rechts und links nicht sichtbar bearbeitet, im Oktober farbige Waldsäume, Gleissicherungszäune habe ich nicht gesehen. Unsere diesmal vier Begleiterinnen waren auch das erste Mal auf dieser Städtetour, und der musikalische Empfang löste unserer adretten Galina gerade das Tanzbein, – wir im Kreis herum.

Musikalischer Empfang mit Brot und Salz für Ludmila Kondratenko und die Gruppe

Musikalischer Empfang mit Brot und Salz für Ludmila Kondratenko und die Gruppe

Nischnij Nowgorod ist das frühere Gorkij, Verbannungsort von Andrej Sacharow, damals eine wegen ihrer Rüstungsindustrie verbotene Millionenstadt. Deren klassisch gewordenen Waffen stehen aufgereiht an der dortigen Kremlmauer. In deren Stützbogen sind die Paßbilder von im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten auf eine solche Weise zusammengefügt, daß sie das davor stehende Kriegsgerät noch einmal abbilden, ungewöhnlich und ausdrucksstark. Wir sind in der hoch über dem Zusammenfluß von Wolga und Oka gelegenen Oberstadt mit repräsentativen Aussichtsterrassen, an denen die prunkvollen Häuser einheimischer Kaufleute dieser Messestadt zu finden sind.

Am Zusammenfluß von Wolga und Oka in Nischnij Nowgorod

Am Zusammenfluß von Wolga und Oka in Nischnij Nowgorod

In einem dieser Häuser, das jetzt Museum ist, sahen wir die innere, restaurierte Aufgangstreppe, die gewiß einmal zum ehemaligen Konzert- und Ballsaal geführt hatte. Olga (von der Wolga, gut einprägsam!), unsere Stadtführerin, arbeitet am Deutschen Institut der Universität, sie pendelt mit der U-Bahn von der Unterstadt hinüber: Siegie, ein ortsansässiger Deutscher, benutzte früher für seinen Arbeitsweg die Seilbahn. Er ist aus beruflichen Gründen nach Nischnij Nowgorod gezogen, erwarb mit seiner russischen Frau eine Eigentumswohnung und ist auch nach seinem Ausscheiden dem Betrieb durch den Rentnerchor, einer Gruppe von ca. 50 Damen und Herren, verbunden geblieben. Sie gaben uns im Künstlerhaus der Stadt nach einem kleinen Abendimbiß ein bewegendes Konzert, in langer Robe die Frauen. Wirklich russische a-cappella-Klänge, getragen oder wehmütig ernst und dann wieder melodisch froh. Nach der ersten Danksagung von Leonhard Hirl, der die gegenseitigen Kämpfe und Wunden ansprach und für Verstehen, Austausch und ein friedliches Miteinander warb, antwortete der Chor mit einem die Freundschaft der Völker ausmalendem Lied, das in ein gegenseitiges Versichern dieses Wunsches überging. Druschba, Freundschaft – vom Chor und zurück zu uns. Das war sehr bewegend und hat mich eindringlich spüren lassen, daß die Menschen dort und hier wirklich ein europäisches Haus beleben und befruchten sollten.

Im Museum mit Jochen Preuß und Rose Ebding

Im Museum mit Jochen Preuß und Rose Ebding, rechts im Bild

Den Vormittag über hatten wir mit einem alten Straßenbahnwagen bei Tee und Hefestückchen die Stadt durchzuckelt. Olga erklärte die öffentlichen Gebäude, Plätze und die Geschichte der Stadt, z. B. wies sie uns auf die drei Bauepochen für Wohnungen hin: aus der Stalinzeit überarbeitete Altbauten mit hohen Fenstern und größeren Räumen, aus der Chruschtschowzeit die Backsteingebäude in deutlich kleinerem Maßstab. Später kamen die Plattenbauten, begehrt wegen ihrer abgeschlossenen, eigenen Wohnungen mit Fernheizung, aber – wie in der DDR – nicht isoliert und absolut hellhörig.

Unterwegs mit Leonhard Hirl und Tamara Skworzowa

Unterwegs mit Leonhard Hirl und Tamara Skworzowa

Wir spazierten auch durch die Einkaufs- und Fußgängerzone mit gußeisernen Laternen, unaufdringlich werbenden Läden, ohne Kettenniederlassungen und sicher keinem McDonald’s. Es fiel mir aber auf, daß ich weder private Bäckereien noch Metzgerläden in den Orten sah, auf der Suche nach einer Brotauswahl landete ich im Kaufhaus. Um den Bahnhof herum bieten Verkaufsstände Anziehsachen von der Stange, mehr noch aber Selbstgestricktes und -hergestelltes und Brockiware (umgangsspr. in der Schweiz für Sachen vom Flohmarkt) an. Wehgetan und tief eingeprägt hat sich mir eine alte Frau, die schwarzen und weißen Heftfaden anbot. Ich sah auch einen zentral gelegenen Hinterhof, in dem offensichtlich Altmetall zur Wiederverwertung gehandelt wurde. Auf den Gehwegen ist tags und erst recht nachts Vorsicht geboten wegen Unebenheiten und ungesicherten Baustellen. Wie lebt wohl die alte Frau, dachte ich, es wird nicht reichen…

Angela Schubert

Fortsetzung folgt.

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Als im Juli vergangenen Jahres Gennadij Stachurlow, in Wladimir ein Pionier der Grünen Bewegung und des Ökotourismus, Erlangen besuchte, bat er seine deutschen Freunde um Unterstützung bei der Förderung des Radverkehrs. Dietmar Hahlweg griff diese Anregung gerne auf und schrieb an Oberbürgermeister Sergej Sacharow einen Brief, in dem er auf die Bedeutung des Fahrrads für eine lebenswerte Stadt hinwies und seinen Rat anbot. Knapp ein Jahr später nun schon der Besuch aus Erlangen und die erfreuliche Feststellung, die bereits gegebenen und neu geschaffenen Voraussetzungen für ein Umsteigen vom Auto auf das Rad seien viel besser, als gemeinhin angenommen, wenngleich natürlich Gennadij Stachurlow sich mehr und raschere Initiativen wünscht.

Josef Weber, Gennadij Stachurlow, Marlene Wüstner und Dietmar Hahlweg

Josef Weber, Gennadij Stachurlow, Marlene Wüstner und Dietmar Hahlweg

Doch als er am gestrigen Morgen Marlene Wüstner und Josef Weber zu einer Tour mit seinem Radklub „Weles“ nach Bogoljubowo – mit Picknick unterwegs – abholt, treten diese Überlegungen in den Hintergrund. Wichtig ist jetzt nur noch die gemeinsame Unternehmung, das Zusammensein, ein geteiltes Ziel, das man zusammen erreichen will, wie bei allen Partnerschaftsprojekten.

Jurij Fjodorow, Dietmar Hahlweg und Alexander Rasow

Jurij Fjodorow, Dietmar Hahlweg und Alexander Rasow

„Ein gemeinsames Ziel“, so Dietmar Hahlweg, „ist für uns Erlanger, wenn wir in Wladimir sind, auch immer ein Ausflug nach Susdal, in diese zauberhafte Stadt, die von Jahr zu Jahr immer schöner wird.“ Erlangens Altoberbürgermeister ließ sich schon 1983, bei seinem ersten Besuch, von diesem architektonischen Juwel mit all seinen Kirchen und Klöstern verzaubern und gewann seinen damaligen Kollegen aus Rothenburg o.d.T., Oskar Schubart, für eine Reise zum Goldenen Ring. Am Ende stand bereits 1988 die bis heute recht lebendige Partnerschaft zwischen den beiden Touristenmagneten. A propos: Susdal zählt mehr als 800.000 Gäste pro Jahr, gut 80 je Einwohner, im Pro-Kopf-Verhältnis mehr als Moskau! Nur leider, beklagt Alexander Rasow, seit eineinhalb Jahren City-Manager, der Erlangen noch aus seiner Zeit als Polizeichef in Wladimir kennt, bleibe kaum Geld von den Besuchern im Stadtsäckel hängen. Bestenfalls indirekt, denn das Geschäft machen die fast einhundert Hotels und Gästehäuser sowie die Händler und Dienstleister, während die Kommune trotz Intervention an höchster Stelle keine Tourismusabgabe oder Gästetaxe erheben dürfe, obwohl man nicht nur die ganze Infrastruktur schaffe, sondern sie auch unterhalte. Das freilich, so der Besuch aus Erlangen mit großem Erfolg.

Alexander Rasow, Dietmar Hahlweg und Jurij Fjodorow mit zwei Sängern des Klosterquartetts

Alexander Rasow, Dietmar Hahlweg und Jurij Fjodorow mit zwei Sängern des Klosterquartetts

Überall Grünanlagen, bestens gepflegt von einem „Eigenbetrieb Stadtgrün“, auf Schritt und Tritt eine nachgerade vorbildliche Sauberkeit und das sichtbare Bemühen, nicht nur die fünfzig denkmalgeschützten und drei zum UNESCO-Weltkulturerbe zählenden Bauten zu bewahren, sondern auch die so ansprechenden Holzhäuser in ihrer Substanz zu erhalten. Und dann dieser besondere Geist, der jeden ergreift, der dem einzigartigen Glockenspiel im Erlöser-Euthymius-Kloster lauscht, sich der Pracht der Fresken öffnet oder gar in der erst jüngst so einfühlsam restaurierten Erlöser-Verklärungs-Kirche den erschütternd schönen Gesang des Kloster-Quartetts erlebt, für Dietmar Hahlweg die vielleicht schönsten Minuten dieser an berührenden Eindrücken doch so reichen Tage, Minuten der Innigkeit, in denen ein stilles Gebet um den Frieden, dieses oberste gemeinsame Ziel der Städtepartnerschaft, gen Himmel stieg.

Äbtissin Sophia begrößt Dietmar Hahlweg

Äbtissin Sophia begrößt Dietmar Hahlweg

Ganz nahe kommt man diesem Frieden im Mariä-Schutz-Kloster, wo Äbtissin Sophia, Oberin von vierzig Nonnen, gerne das Lied von der kleinen Friedenstaube rezitiert, das sie noch aus dem Deutsch-Unterricht an der Schule erinnert. Die Ordensfrau steht in einer langen Tradition, denn ihr Kloster an der trägen Kamenka wurde bereits im 14. Jahrhundert gegründet und wuchs vor allem, wie Alexander Rasow weiß, ab 1525 zu einem der größten und mächtigsten Anlagen heran, als der Moskauer Großfürst, Wassilij III, seine Frau, Solomonia Saburowa (sie nahm als Nonne den Namen Sophia an und ist in der Mariä-Schutz-Kirche beigesetzt), wegen „Unfruchtbarkeit“ hierher verbannte und den neuen Wohnort dafür reichlich mit Land entlohnte. Ihm taten es später die Zaren vielfach gleich, bis hin zu Peter I, der seine erste Gattin, Jewdokia Lopuchina, für immer nach Susdal schickte.

Mariä-Schutz-Kathedrale in Susdal

Mariä-Schutz-Kathedrale in Susdal

„Hier ist ja ein zweites Mainau entstanden“, meint Dietmar Hahlweg und freut sich an den vielen Kleinodien am Wegrand, an den bunten Rabatten, den naturbelassenen Wiesen, an der Beschaulichkeit des Stadtensembles – und an den offenen Gesprächen mit den Gastgebern, auch und gerade über die bedrohliche weltpolitische Lage, wo es sich so schwierig gestaltet, den Auffassungen von Wahrheit die Gegensätzlichkeit und die Widersprüche zu nehmen.

Jurij und Tatjana Fjodorow mit Dietmar Hahlweg und Swetlana Kusina

Jurij und Tatjana Fjodorow mit Dietmar Hahlweg und Swetlana Kusina

Wenn es denn je Mißverständnisse zwischen Erlangen und Wladimir gegeben hat, werden sie rasch wieder im Gespräch ausgeräumt. Zu fest ist das Fundament des gegenseitigen Vertrauens, gelegt vom Sozialdemokraten Dietmar Hahlweg und Kommunisten Jurij Fjodorow vor 32 Jahren mit dem gemeinsamen Ziel der Aussöhung und Verständigung. In dieser guten Tradition der Volksdiplomatie stand auch Wladimir Kusin, von 1987 bis 1990 Stadtoberhaupt und 2003 verstorben, auf dessen Bitte hin schon 1990 die erste humanitäre Hilfe aus Erlangen in die russische Partnerstadt geschickt wurde.

Natalia Tarakanowa, Jürgen Ganzmann und Tamara Skworzowa

Natalia Tarakanowa, Jürgen Ganzmann und Tamara Skworzowa

Eine Aktion, aus der fast zehn Jahre später auch das Projekt „Lichtblick“, gewidmet der Zusammenarbeit der Psychiatrie Wladimir und der Barmherzigen Brüder Gremsdorf, initiiert und koordiniert von Jürgen Ganzmann, der mit den beiden Projektpartnerinnen, Natalia Tarakanowa und Tamara Skworzowa, am frühen Abend ins Stadion Torpedo kam, um seine Mitarbeiterin, Elke Sausmikat, beim Zehn-Kilometer-Lauf anzufeuern und daneben auch noch die folgenden Photos zu machen.

Peter Steger und Elke Sausmikat vor dem Start

Peter Steger und Elke Sausmikat vor dem Start

Der Lauf sollte das erste Leichtathletikfest dieses Jahres auf Regionalebene abschließen, als einzige Langstrecke. Beschwerlich genug bei drückender Schwüle und unter den für beide, Elke Sausmikat wie Peter Steger, ungewohnten Stadionbedingungen: 25 Runden im Kreis, ohne Steigung oder Gefälle, ohne die sinnlichen Anregungen bei Wald- oder Stadtläufen.

Dmitrij Kuschpita, Elke Sausmikat Alexej Butakow, Peter Steger, Alexej Kruglow und Anatolij Mitrofanow

Dmitrij Kuschpita, Elke Sausmikat Alexej Butakow, Peter Steger, Alexej Kruglow und Anatolij Mitrofanow

Aber eine Herausforderung, die beide mit freudiger Spannung erwarteten, gerade im Kreis der Athleten, die alle schon in Erlangen beim „Winterwaldlauf“ in der Brucker Lache dabei waren. Deshalb wurde die Sache wohl auch mehr zu einer Freundschaftsveranstaltung, zumal die russischen Läufer zu den besten ihres Fachs weit und breit gehörten.

Alexej Kruglow, Elke Sausmikat und Peter Steger

Alexej Kruglow, Elke Sausmikat und Peter Steger

Und der schnellste Langstreckler von allen, Alexej Kruglow, erwies den beiden Gästen dann auch noch den Freundschaftsdienst des Tempomachers – über all diese 25 Runden hinweg – und zog sie regelrecht über die Ziellinie. Womit wir schon wieder bei den gemeinsamen Zielen wären.

Elke Sausmikat und Peter Steger

Elke Sausmikat und Peter Steger

Die Zeit mag deshalb allenfalls für die Statistik nachgereicht werden: 53 Minuten und 9 Sekunden. Für beide Gastläufer, die auf die Auswertung des Zielphotos verzichten. Was geht schon über einen gemeinsamen Sieg, ein gemeinsam erreichtes Ziel.

Peter Steger, Elke Sausmikat und Alexej Kruglow

Peter Steger, Elke Sausmikat und Alexej Kruglow

Und da stehen sie nun auch – ebenso erschöpft wie überglücklich ob des gemeinsamen ersten Platzes: Elke Sausmikat als die beste und schnellste Läuferin aus Deutschland und Peter Steger als der beste und schnellste bei den deutschen Herren im Feld. Alexej Kruglow hingegen als der beste deutsch-russische Sportsfreund im Stadionrund, ohne den die beiden Rundenneulinge vielleicht gar nicht ins Ziel gekommen wären, und der verspricht, zum nächsten Winterwaldlauf auch wieder nach Erlangen zu kommen. Wieder zu einem dieser vielen gemeinsamen Ziele auf dem beglückend schönen Weg zu Versöhnung und Verständigung.

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Dem Talmud zufolge spannte Jahwe den Regenbogen am sechsten Tag der Schöpfung als Brücke zwischen Himmel und Erde, und laut dem 1. Buch Mose steht das selten schöne Wetterphänomen für das Versprechen des Herrn, keine Sintflut mehr über die Welt zu bringen. Der Regenbogen gilt als strahlender Thron Gottes am Tag des Jüngsten Gerichts, als leuchtender Vorbote für eine reiche Ernte, als hohes Tor zwischen dem Diesseits und Jenseits. Eine Erklärung für die Etymologie des russischen Worts für Regenbogen „raduga“ verweist auf die Verbindung zwischen Paradies „raj“ und Bogen „duga“.

Regenbogen über Erlangen, gesehen von Kosbach aus

Regenbogen über Erlangen, gesehen von Kosbach aus

Mit der Symbolik ist das immer so eine Sache. Jeder legt sie auf seine Weise aus. Aber auf dem Weg zum Abschlußtreffen mit den Besucherinnen aus Wladimir bei der WAB Kosbach gleich von zwei Regenbogen begleitet zu werden, hat schon etwas Zeichenhaftes für die Freundschaft zwischen Erlangen und Wladimir und paßt gut zur Aufbruchsstimmung bei dem Gespräch mit dem Gründer der WAB, Leonhard Hirl, und deren Geschäftsführer, Jürgen Ganzmann.

Milena Prochorowa, Tamara Skworzowa, Leonhard Hirl, Arschanych, Natalia Tarakanowa und Jürgen Ganzmann

Milena Prochorowa, Tamara Skworzowa, Leonhard Hirl, Irina Arschanych, Natalia Tarakanowa und Jürgen Ganzmann

Da geht es nämlich nach den 30 Jahren, die ja dieser Tage gebührend gefeiert wurden und von denen fast die Hälfte eng mit Wladimir verbunden ist, um neue Aufgaben und Ziele. Zwei der langjährigen Hospitantinnen, Die Erzieherin Milena Prochorowa und die Psychologin Irina Arschanych, wollen bereits im Sommer für drei Monate wiederkommen, und letztere möchte sogar eine wissenschaftliche Arbeit über die WAB Kosbach schreiben. Wichtiger aber noch: Gemeinsam mit der Krankenschwester aus der Wladimirer Psychiatrie, Tamara Skworzowa, und der Pädagogin, Natalia Tarakanowa, wollen sie einen Deutschkurs für Anfänger wie Fortgeschrittene ins Leben rufen, zu dem die Anschubfinanzierung von der WAB Kosbach kommt. Gemeinsam mit der Selbsthilfeorganisation Swet sollen in Wladimir Interessierte gefunden werden, die bereit sind, für den Deutschkurs mit ehrenamtlichem Einsatz zu „bezahlen“: in der Arbeit mit behinderten Kindern, in der häuslichen Pflege von Schwerkranken, in pädagogischen Einrichtungen. Darüber hinaus bietet die WAB Kosbach in Ergänzung zum bereits bestehenden Projekt Lichtblick zusätzliche Plätze für Hospitationen an und kann dabei das große Netz der Lebenshilfe, unter deren Dach sie arbeitet, nutzen. Wer sich mit ausreichenden Sprachkursen erfolgreich bewirbt, erhält einen Fahrtkostenzuschuß, muß aber den zehnten Teil der Praktikumsvergütung ans Projekt zurückgeben, um die Sprachkurse zu refinanzieren. Ein bereits erprobtes Verfahren, das nun in eine neue Runde gehen soll. Ein zweiter Regenbogen, der sich da über Erlangen und Wladimir wölbt, der Menschen beider Städte leuchtend verbindet und ein offenes Tor bildet, durch das wir nur hindurchgehen brauchen.

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Tamara Skworzowa

Morgen gehen die sieben Wochen ihrer Hospitation bei der WAB (Wohnen und Arbeiten Behinderter) in Kosbach zu Ende. Dieses Zuhause für psychisch kranke und behinderte Menschen ist auch für Tamara Skworzowa zu einer zweiten Heimat geworden. Vor nunmehr schon zehn Jahren ist sie im Rahmen des Projekts Lichtblick zum ersten Mal nach Erlangen gekommen und hat sich hier gleich aufgenommen gefühlt, obwohl ihr Deutsch damals noch recht lückenhaft daherkam. Aber die Gastgeber und vor allem die Heimbewohner machten ihr Mut, schlossen sie ins Herz. Es entstanden Freundschaften, die bis heute halten. Und auf ihr Deutsch hält sie seither große Stücke. Regelmäßig besucht sie die eigens für die Projektpartner in Kooperation mit dem Erlangen-Haus eingerichteten kostenlosen Sprachkurse, und als die einmal schon überbelegt waren, hat sie den Unterricht sogar zwei Jahre lang aus eigener Tasche bezahlt. Was das bei einem Monatsgehalt von maximal 10.000 Rbl. und einer Kursgebühr von 14.000 Rbl. im Semester bedeutet, kann man sich bei uns kaum vorstellen. Das Überleben – geschweige denn solcher „Luxus“ – ist nur möglich, wenn man eine zweite Stelle in einem anderen Krankenhaus hat und voller Begeisterung steckt.

WAB - Leitbild

Zum siebten oder gar schon achten Mal – so genau weiß sie das nicht mehr – ist jetzt die Oberschwester aus der Männerabteilung des Psychiatrischen Krankenhauses Nr. 1 in Wladimir immer in ihrem Urlaub als Hospitantin bei den Freunden zu Gast. Und die Leitung überträgt ihr viel Verantwortung.  Normalerweise hat Tamara Skworzowa ab 13.00 Uhr ganz alleine die Schicht in dem Haus, wo derzeit ein Dutzend Dauerbewohner psychotherapeutisch betreut werden und untergebracht sind. Bei allen Arbeiten ist sie dabei, gleich ob es um Aufräumen in der Küche oder in der Wohnung geht, ob Sport, Lesen,  Basteln oder ein Ausflug auf dem Programm stehen. Besonders begeistert ist Schwester Tamara von der Theatergruppe, die Hanne Rußmann leitet und wo sich für jeden eine passende Rolle findet. „Großartig, wie Hanne die Stücke so adaptiert, daß keiner außen vor bleibt!“ Viel für ihre Arbeit in Wladimir habe sie hier gelernt, vor allem die Achtung vor den Kranken, den respektvolle Umgang mit ihren Behinderungen. Schon lange dulde sie auf ihrer Station im Krankenhaus keinen lauten Befehlston mehr. Einen viel besseren Zugang zu den Patienten finde man über individuelle Beschäftigung und viel Zuwendung. Ihre Station sei heute weit über Wladimir hinaus bekannt und habe viel Zulauf. Auch wenn in der ganzen Region überall neue Heime entstanden seien, komme es leider noch immer vor, daß Patienten Monate und manchmal Jahre im Krankenhaus bleiben müssen, bis endlich ein Platz für sie in einer Betreuungseinrichtung frei wird. Gerade auch nach dem Besuch im Alten- und Pflegeheim des BRK in Etzelskirchen, geleitet vom Initiator des Projekts Lichtblick, Jürgen Ganzmann, wo sie einen noch erstaunlich vitalen beinamputierten Stalingrad-Überlebenden kennengelernt habe, tue es ihr im Herzen weh, sehen zu müssen, wie armselig noch immer viele Kriegsveteranen in Rußland ihr Leben fristen. Nicht von ungefähr soll noch in diesem Jahr eine Zusammenarbeit auch in dem Bereich beginnen.

Morgen geht ihre Hospitation zu Ende, sie freut sich, jetzt in Wladimir, wo der Frühling noch immer auf sich warten läßt, das Erwachen der Natur ein zweites Mal zu erleben, aber Tamara Skworzowa wird wiederkommen – mit einem noch besseren Deutsch, um sich ihren Freunden und den Bewohnern der WAB noch besser verständlich zu machen. Mehr zu ihrer segensreichen Arbeit zu Hause unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/08/30/neues-aus-der-psychiatrie/ und mehr zur WAB Kosbach bzw. ihrem Leiter, Leonhard Hirl, unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/06/28/der-seelsorger-aus-kosbach/

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Na ja, so ganz neu, wie es die Überschrift verspricht, ist es, ehrlich gesagt, nicht mehr. Asche auf das Haupt des Bloggers, denn schon im Frühjahr hatte Tamara Skworzowa während ihrer erneuten Hospitation bei den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf einen kleinen schriftlichen Bericht und eine große Auswahl an Bildern aus dem Jahr 2009 hinterlegt, Beweisstücke einer erstaunlichen Arbeit und Zeugnis dafür, daß die Zusammenarbeit mit dem Psychiatrischen Landeskrankenhaus Nr. 1 in Wladimir im wahrsten Sinne des Wortes blüht und gedeiht. Doch lassen wir die Krankenschwester selbst zu Wort kommen:

Das Leben auf unserer Abteilung

Für das Geld, das wir von Jürgen Ganzmann erhielten, machten wir die Renovierungsarbeiten aus eigener Kraft. Natürlich half auch unser Chefarzt, Alexander Bersenjew. Wir nehmen an allen Wettbewerben teil und gewinnen immer. Alle Figuren und Skulpturen auf den Beeten sind das Werk unserer Patienten. Die Idee dazu habe ich aus Deutschland mitgebracht. Klar, daß alle zufrieden sind und sich über den ersten Preis freuen, auf den wir für die Gartengestaltung gekommen sind.

Wir spielen auch Schach und Dame. Die Jury unter Leitung von Chefarzt Alexander Bersenjew erkannte uns Mal um Mal und ohne Murren den zweiten Platz zu. Vor dem Turnier veranstalteten wir Wettkämpfe in den Abteilungen, um die besten Spieler zu ermitteln. Und wieder sind alle zufrieden und glücklich.

Mit Unterstützung der Mitarbeiter haben wir in unserer Abteilung sogar eine kleine Bibliothek eingerichtet. Lesen gefällt schließlich allen. Wenn die Patienten lesen, sind sie beschäftigt, und wir sind etwas entlastet. So geht das bei uns. Es herrscht eine gute Atmosphäre in der Abteilung. Zu uns kommt man ohne Furcht zur Behandlung, und manch einer besucht uns auch nur einfach. 

Ein kleiner Kommentar sei da ergänzend gestattet. Wer das Psychiatriekrankenhaus noch aus der Anfangszeit der Zusammenarbeit vor zehn Jahren kennt, als das Projekt „Lichtblick“ nicht viel mehr als ein Hoffnungsschimmer war, weiß zu schätzen, was hier geleistet wurde. Es genüge der Hinweis darauf, daß damals die Patienten noch mit Hilfe von Medikamenten ruhiggestellt wurden. Heute hilft man ihnen, ihren Platz zu finden, bemüht sich, sie an ihren Platz zu stellen und ihnen Verantwortung für sich und andere zu übertragen. Welch ein Bewußtseinswandel, welch ein Segen für Personal wie Patienten: Hier wie dort kommen die schönsten menschlichen Eigenschaften zum Vorschein – die Sorge füreinander und die spielerische Freude am Schöpferischen.

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