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Posts Tagged ‘Susdal’


Eine achtköpfige Gruppe, begleitet von Wolfram Howein, der die Reise hervorragend organisiert hatte, besuchte vom 3. bis 12. August Moskau und Wladimir.

Samstag

Wir flogen von Nürnberg über Zürich nach Moskau. Am Flughafen Domodjedowo angekommen, nahmen wir den Aero Express und die Metro zu unserem Hotel, das in der Nähe der Haltestation Partisanskaja lag, ca. neun km außerhalb des Zentrums.

Sonntag

Wir erkundeten die Metropole Moskau. Unser Transportmittel zu den Sehenswürdigkeiten war die Metro. Beim Ein-, Aus- und Umsteigen konnten wir die einzigartigen Stationen bewundern. Wir schlenderten über den Alten Arbat, gingen um den Kreml über den Roten Platz mit dem Kaufhaus GUM und der Basilius-Kathedrale bis zum Grab des Unbekannten Soldaten mit der „Ewige Flamme“ im Alexander-Garten.

Sprachkurs 9

Thorsten Hulke vor der Basilius-Kathedrale

Dann besuchten wir das Neujungfrauenkloster mit dem Prominentenfriedhof, auf dem zahlreiche Größen aus Politik, Kunst und Kultur ihre letzte Ruhe fanden. Nachmittags holten wir unser Gepäck und bestiegen am Kursker Bahnhof den Zug nach Wladimir.

Nach zwei Stunden Fahrt erreichten wir unser Ziel und wurden von Irina Chasowa, der Leiterin des Erlangen-Hauses herzlich empfangen. Hier waren wir untergebracht, und hier fand auch der Sprachunterricht statt.

Montag

Galina verwöhnte uns nun täglich mit einem liebevoll hergerichteten, sehr leckeren Frühstück. Es war so reichhaltig, daß es auch für unsere guten Esser kaum zu bewältigen war. Nach dem Frühstück gab es noch einmal eine Begrüßung durch das gesamte Team des Erlangen-Hauses.

Montag bis Freitag fand jeweils von 09.00 Uhr bis 12.30 Uhr der Sprachunterricht statt. Unsere Lehrerinnen, Natalia und Tatjana, gestalteten den Unterricht sehr vielseitig mit Hilfe moderner Techniken wie z.B. dem elektronischen Whiteboard. Wir lernten wichtige Redewendungen im Alltagsleben, übten Alltagssituationen, wiederholten Grammatik und übten die Aussprache. Die Zeit verging wie im Flug.

Die Gruppe mit Natalia Dumnowa, Ulrike Blum und Tatjana Kolesnikowa

Am Montagnachmittag führte uns Wolfram durch Wladimir, zeigte uns die wichtigsten Sehenswürdigkeiten.

Wir besuchten die Demetrius-Kathedrale und die Mariä-Entschafens-Kathedrale, beide zum UNESCO-Welterbe gehörend, sowie die katholische Rosenkranzkirche und das Goldene Tor.

Dienstag

Der Nachmittag stand zu unserer freien Verfügung. Wir erkundeten die Partnerstadt auf eigene Faust.

Mittwoch

Nachmittags fuhren wir zusammen mit einem kleinen öffentlichen Bus (Marschrutka)  nach Susdal, wo uns Natalia Orlowa erwartete. Sie brachte uns die Geschichte Susdals, den Zusammenhang mit der russischen Geschichte, sowie die Besonderheiten des Euthymius-Klosters und des Kremls näher.

Eine Kutsche brachte uns vom Euthymius-Kloster zum Weißen Kreml. Etwas erschöpft von den vielen Eindrücken und Informationen, nahmen wir abends ein Taxi um nach Wladimir zurückzukommen.

Donnerstagnachmittag, Freitagnachmittag und Samstag

standen uns wieder zur freien Verfügung. Ganz individuell besuchten wir einzeln oder in Grüppchen den Globus-Supermarkt, den alten Friedhof in Wladimir, das Frauenkloster in Bogoljubowo, und die Mariä-Schutz-und-Fürbitt-Kirche an der Nerl.

Freiluftmuseum für Holzarchitektur in Susdal

Einige zog es nochmals nach Susdal, um sich das Freilichtmuseum anzuschauen, außerdem fand zu dieser Zeit eine interessante Patchwork-Ausstellung statt.

Sonntag

Wir unternahmen eine gemeinsame Busfahrt nach Murom.

Bootsfahrt auf der Oka bei Murom

Mit Olga, der Reiseleiterin, sahen wir uns zwei Klöster an und machten eine einstündige Schiffahrt auf der Oka – bei recht kühlen Temperaturen.

Der Muromer Bäcker

Dann besuchten wir einen Vergnügungspark und eine Lebkuchenfabrik, in der wir eigenhändig Lebkuchen mit Zuckerguß verzierten.

Rummelplatz in Murom

Unterwegs trafen wir Katja, unsere Russischlehrerin aus Erlangen.

Montag

Wir bestiegen den Sapsan-Schnellzug und kehrten nach Moskau zurück.

Bahnhof Wladimir

Mit Metro und Aero Express kamen wir zum Flughafen und flogen nach Frankfurt. Nachdem der Anschlußflug nach Nürnberg annulliert wurde, brachte uns die Deutsche Bahn nach einer erlebnisreichen Reise mit vielen neuen und interessanten Eindrücken zurück nach Erlangen.

Nachtrag: Es empfiehlt sich, die Sprachreise zu verlängern, um das Gelernte gleich umzusetzen.

Ulrike Blum

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Die Agentur Tour-Stat befragte unlängst russische Touristen, wohin sie am liebsten innerhalb des Landes reisen, um dort die Gastronomie zu genießen. Drei Prozent davon nannten Susdal. Die Stadt am Goldenen Ring belegte damit gemeinsam mit Sotschi den zehnten Platz. Ganz vorne liegt mit 16% der Stimmen Sankt Petersburg, gefolgt von Kasan und Moskau. Gefragt wurde übrigens auch nach den Lieblingszielen für russische Feinschmecker im Ausland. Da favorisierte man Weißrußland vor Georgien, Italien, Armenien und Frankreich. Deutschland folgt unter ferner liefen, obwohl zumindest die Gäste aus Wladimir doch vor allem die fränkischen Wurstwaren und das hiesige Bier schätzen. Das hat sich wohl noch nicht landesweit herumgesprochen. Wie auch immer: Für alle Topfgucker der Hinweis darauf, daß heute in Susdal der Tag der nachhaltigen Gastronomie begangen wird – mit einer Küche aus lokalen Zutaten. Hungers dahinserbeln wird aber auch so in Rothenburgs Partnerstadt niemand, allerdings sind die Preise in den Lokalen durchaus gepfeffert und gesalzen.

Für diejenigen also, die heute Hausmannskost genießen, ein ganz einfaches Rezept, das sich nach jedem Mahl empfiehlt: Ein Café glacé à la russe, der immer gelingt, gleich ob mit Mokka, Kaffee, Muckefuck oder Kakao. Nach russischem Gusto – im Unterschied zur deutschen Variante des Eiskaffees – sollte das Getränk nur wirklich frisch aufgebrüht oder angerührt sein – und noch schön heiß. Wichtig auch, nur wirklich gutes Eis als Einlage zu nehmen. Am besten mit viel Sahne, wie im Plombir. Das erspart die Beigabe von Zucker und Milch sowie Schlagobers.

Und zum Nachtisch noch eine Sentenz von Alexander Puschkin, der meinte: „Der Magen eines gebildeten Menschen hat die besten Eigenschaften eines edlen Herzens: Sensibilität und Dankbarkeit.“ Dem Sinnspruch des russischen Dichterfürsten wollen wir uns als Genießer würdig erweisen.

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Der Samstagvormittag gehört im Erlangen-Haus den Kindern. Ebenso erstaunlich wie erfreulich die Weiterentwicklung des pädagogischen Programms. Im August 2017 hatte Anna Lesnjak eine Fortbildung am Goethe-Institut in Moskau gemacht, und schon wenige Wochen später startete sie mit der Zwerglgruppe.

Man merkt es dem Großen Saal im Erlangen-Haus an: Das Unterrichtsmaterial zeigt spielerische Elemente, und die Lehrerin geht denn auch mit spielerischem Ernst ans Werk.

Man merkt es den Kindern an: kein Zwang, keine Unlust. Sie freuen sich auf den Unterricht und sind mit Eifer bei der Sache.

Wer erinnert sich noch, wie diese beiden Maskottchen heißen?

Mit einem Ball bringt Jekaterina Ussojewa alle ins Spiel. Wer ihn zugeworfen bekommt, stellt sich vor und wirft ihn dann weiter. Das ging gestern schwuppdiwupp, denn es waren nur fünf gekommen. Wo denn die andere Hälfte abgeblieben sei, fragt der Gast. „Die feiern noch den 8. Mai und die Butterwoche“, kommt prompt zur Antwort. Auch recht, wenn Festtage als Entschuldigungsgrund genügen.

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Jekaterina Ussojewa

Nachhilfe brauchen die Kleinen aber noch in Sachen Erlangen. Was das für eine Stadt ist, wo sie liegt, was sie mit Wladimir zu schaffen hat, wissen noch nicht alle. Aber, wer weiß, in fünf oder sechs Jahren kommt ja vielleicht schon die eine oder der andere per Schüleraustausch in die deutsche Partnerstadt und erinnert sich dann an diese kleine Einführung.

Peter Steger und die Zwerglgruppe

Während sich dann der Unterricht wieder dem eigentlichen Stoff – den Jahreszeiten und der Rechtschreibung – zuwendet, wartet draußen der tauende Rest des Winters.

Und wo könnte man den schöner erleben als in Susdal, wohin man für gerade einmal 100 Rubel in knapp einer Stunde mit dem Linienbus fahren kann – mit Stehplatz. Eng an eng, denn in Rothenburgs Partnerstadt gibt es etwas zu erleben: das Winteraustreiben, die Butterwoche, die Masleniza, den Höhepunkt des russischen Karnevals.

Von dem bunten Spektakel gibt es hier http://www.facebook.com/peter.steger.5492 mehr zu sehen.

Peter Steger und Sergej Skuratow

Besonders schön aber am Rand des Volksfestes: Freunde wiedersehen, wie den Bildreporter Sergej Skuratow, der die Partnerschaft seit Anfang der 90er Jahre mit seiner Kamera begleitet.

Sergej Sacharow und Peter Steger

Und natürlich Sergej Sacharow, Stadtdirektor von Susdal und bis vor dreieinhalb Jahren Oberbürgermeister von Wladimir, der sich den ganzen Nachmittag Zeit nimmt, um seine Wintermärchenstadt zu zeigen. Aber auch, was ihm besonders am Herzen liegt: das Wohl von behinderten Kindern, deren Zentrum die Stadtverwaltung nach Kräften unterstützt, etwa durch die teilweise Übernahme der Kosten für die Heizung oder des pädagogischen Personals. Ansonsten aber funktioniert die Einrichtung ganz ähnlich wie in Deutschland die Lebenshilfe.

Und dann der Höhepunkt: die Wohnung zum Lebenlernen. Eben erst eröffnet. Heute ziehen die ersten fünf behinderten Jugendlichen für zwei Wochen ein, um hier einzuüben, wie sie für sich selbst sorgen, ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Möglich wurde dies dank dem Engagement der Selbsthilfegruppe Swet, die ja seit ihrer Gründung vor einem Vierteljahrhundert eng mit Erlangen zusammenarbeitet und in Wladimir bereits Wohnungen dieser Art einrichten konnte – mit Unterstützung der fränkischen Freunde. So auch hier: Die Finanzierung des Projekts wurde möglich dank dem Verkauf eines Grundstücks – zwischen Wladimir und Susdal gelegen -, das aus Mitteln des Erzbistums Bamberg angekauft worden war, um dort eine erlebnispädagogische Einrichtung für behinderte Kinder zu schaffen. Dieses Vorhaben wurde dann in Penkino unter dem Namen „Blauer Himmel“ verwirklicht, das Bauland blieb eine Brache und ging an die Organisation Swet, die ihrerseits dort ein kleines Kinderdorf errichten wollte. Als sich auch diese Pläne zerschlugen, fiel die Entscheidung für den Verkauf, und aus dem Erlös konnte nun in Susdal – mitten im Zentrum der Stadt, gegenüber dem Marktplatz, in bester Lage – ein ganzes Haus saniert und behindertengerecht eingerichtet werden.

Guten Morgen

Viele Umwege waren nötig, um an dieses Ziel zu kommen. Aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben. Jeder Morgen wird daran erinnern. Möge jeder Morgen ein guter Morgen für die jungen Gäste des Hauses werden!

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Nun kann sie wohl endlich im Jahr 2020 kommen, die Fremdenverkehrsabgabe von ein bis zwei Prozent der Übernachtungskosten eines Touristen in Susdal, so wie das Stadtdirektor, Sergej Sacharow, nach dem Beispiel der Partnerstadt Rothenburg o.d.T.  schon seit langem immer wieder fordert. Anders, so sein Petitum, könnten kleinere Kommunen dem Ansturm der Gäste nicht die notwendige Infrastruktur entgegensetzen, zumal in einigen Regionen des Landes diese Taxe bereits erhoben wird.

Die stille Seite Susdals im Herbst

Der Besucherstrom nimmt denn auch beständig zu, vor allem aus Asien. Bereits in den ersten neun Monaten des Jahres wählten mehr Touristen aus dem Fernen Osten als im gesamten Vorjahreszeitraum den Goldenen Ring als Urlaubsziel. Um 41% wuchs deren Anteil, und man geht davon aus, bis zum Ende des Jahres werde man doppelt so viele Chinesen beherbergt haben wie 2017.

Salzgurken im Glas. Für die Richtigkeit der Übersetzung ins Chinesische übernimmt der Blog keine Verantwortung.

Dem trägt man allenthalben Rechnung. Im Straßenbild tauchen überall chinesische Schriftzeichen auf, und die Homepage des Museums für Holzarchitektur hat bereits ein Sinologe für User aus dem Reich der Mitte überarbeitet. Mittels QR-Code und Broschüren in der eigenen Sprache finden sich auch Individualreisende nun besser zurecht. Und dem Stadtsäckel sollte es auch bald besser gehen, wenn man sich weiter ein Beispiel an Rothenburg nimmt, wo man ja mit einem eigenen Konzept schon seit Jahren besonders auf Gäste aus Japan setzt.

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Mehr als 42 Mio. Dollar stellen die Bank für Entwicklung der BRICS-Staaten und der Kreml den Städten Gorochowez und Susdal in der Region Wladimir als Kredit zur Verfügung. Möglich wurde der Geldsegen dank einem Antrag der Russischen Kulturministeriums, der landesweit neun historischen Kommunen zu Mitteln verhelfen sollte, die touristische Infrastruktur zu verbessern.

Gorochowez an der Kljasma

Den Löwenanteil der Gesamtsumme, nämlich 32.550.000 $, erhält dabei Gorochowez, wobei die Mittel bis zum Jahr 2020 auszugeben sind. Bescheidener fällt der im gleichen Zeitraum zu verwendende Zuschlag für Susdal mit 9.500.000 $ aus, weil in der Partnerstadt von Rothenburg o.d.T. bereits gute Voraussetzungen für den Fremdenverkehr bestehen, diese aber noch besser genutzt werden könnten.

Susdal an der Kamenka

Die Hälfte des Geldes kommt übrigens direkt aus dem Haushalt der Russischen Föderation, die anderen 50% stellt die Bank für Entwicklung der BRICS-Staaten zu einem niedrigen Jahreszinssatz von ca. 2% bereit. Die beiden Kommunen werden dabei überhaupt nicht belastet, denn Moskau will den Kredit selbst innerhalb der nächsten zwölf bis fünfzehn Jahre zurückzahlen. Man wird sehen, was Susdal und Gorochowez mit diesen Talenten anstellen.

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Kommt man nach Wladimir und Susdal, unternimmt man eine Zeitreise zurück in das russische Mittelalter. Um diesen Eindruck noch effektiver zu machen setzt das Landesmuseum nun auch VR-Brillen ein. Gäste können sich nun also ein virtuelles Bild davon machen, wie der Susdaler Kreml im 17. Jahrhundert aussah.

Susdaler Kreml

Eine Stunde lang dauert die Exkursion für Kleingruppen, wobei sich der jeweilige Aufenthaltsort innerhalb des bereits im 10. Jahrhundert angelegten Komplexes, umgeben von einer 1.400 m langen Mauer,  mit seinem Erzpristerlichen Palas und den beiden Kirchen dank der Brille darstellt, als befände man sich tatsächlich in jenen fernen Zeiten.

Virtuell unterwegs vor der Mariä-Geburts-Kathedrale auf dem Gelände des Susdaler Kreml

Es handelt sich um den ersten Probelauf in der Region Wladimir für diese neue Technologie. Wird sie gut angenommen, kann man sie sicher auch für andere Sehenswürdigkeiten einsetzen.

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Zwei Amtszeiten lang leitete Igor Kechter als Bürgermeister die Geschicke von Susdal und stattete der Partnerstadt Rothenburg o.d.T. zwei Besuche ab, bei denen er viel gelernt hat. Dann kehrte der 53jährige freiwillig der Politik den Rücken, um sich ohne all die Zwänge, die öffentliche Ämter so mit sich bringen, ganz neuen, kreativen Aufgaben zuzuwenden.

Gute hundert Kilometer südwestlich von Saratow gründeten seine Vorfahren den Weiler Klein-Walter. Sie stammten aus Bayern und kamen auf Einladung von Kaiserin Katharina II an die Wolga, wo die Familie bis 1941 blieb, bis nach dem Überfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion die Rußland-Deutschen pauschal zu Volksfeinden erklärt und hinter den Ural verbannt wurden. Igor Kechters Vater, Erik Christianowitsch, war damals gerade einmal zwei Jahre und wuchs im sibirischen Tjumen auf, wo er später auch seine russische Frau aus Chanty-Mansijsk kennenlernte, mit der er unlängst die Goldene Hochzeit feiern konnte. In Wladimir, wo die Tochter bereits lebte und wohin auch Igor und sein älterer Bruder Wladimir zogen. Erst ab 1962 erhielten die verfemten Deutschen das Recht auf freie Niederlassung, konnten die Verbannungsorte verlassen, die Rehabilitation und Befreiung vom Etikett des „Volksfeindes“ erfolgte dann noch später, im Jahr 1991.

Igor und Ludmila Kechter

Wollte man einigermaßen unbehelligt mit einem deutschen Familiennamen leben, tat man gut daran, die Muttersprache nicht zu gebrauchen. Und so ist denn auch das Deutsche in der Familie nicht mehr präsent, nur die Großmutter beherrschte es noch, bereits Igor Kechters Vater wuchs ganz russischsprachig auf. Sechs Geschwister hatte er, von denen drei bei der Vertreibung ums Leben kamen. Und der Großvater, Christian Christianowitsch, kam nicht mehr aus der Arbeitsarmee zurück. Aber das ist für Igor Kechter Geschichte, mit der er sich versöhnt hat. Selbst hat er wegen seiner Herkunft keine Nachteile mehr erfahren, nur in der Kindheit war er beim Räuber-und-Gendarm-Spiel eben immer auf der anderen Seite. Abgesehen von einer Tante mütterlicherseits ist auch niemand ausgewandert oder nach Deutschland übergesiedelt. Der Großteil der mittlerweile vielköpfigen Familie lebt sogar weiterhin in Sibirien. Dennoch: Zu Deutschland besteht schon ein besonderer Bezug, den allerdings seine Ehefrau Ludmila herstellt: „Da fühlen wir uns immer wie daheim.“

1983 immatrikulierte sich Igor Kechter in der Militärakademie und brachte es bis zum stellvertretenden Leiter der Kommunistischen Partei. Dienst tat er lange Jahre ganz im hohen Norden Sibirien, an der Lena, u.a. in der Hafenstadt Tiksi. Derart urwirtlich war es da, und Lebensmittel gab es fast ausschließlich aus Konserven, so daß der Militär seine Frau mit den beiden Kindern immer in die „Sommerfrische“ nach Zentralrußland schickte. „Eine Zeit, in der ich lernen mußte, für mich selbst zu sorgen und mir ab und an eine Freude zu bereiten, indem ich kochte“, erinnert sich Igor Kechter. Damals ist dann wohl auch seine kulinarische Leidenschaft entstanden, angeregt auch vom Kontakt mit den einheimischen Völkerschaften und ihrer Küche aus Rentierfleisch und Fisch. Auf die Frage, ob er denn auch gut koche, reagiert er allerdings schweigend mit einem Blick auf die Frau, die dann auch mit Lob nicht sparen will. Besonders seine Schaschliks seien unschlagbar. Das wird er auch schon bald unter Beweis stellen können, denn dieser Tage nimmt der Hobbykoch an einer Schaschlik-Meisterschaft in Tschetschenien teil, wo er sich nicht kampflos ergeben, sondern die Jury mit einer Kreation überzeugen will, die mit kurz in Salz eingelegten Gurken als Beilage überraschen dürfte.

Auf der „Anrichte“ im Büro von Igor Kechter

Überhaupt die Gurke. Sein Restaurant „Ogurez“ in Susdal trägt den Namen des Gemüses, das wiederum seit den 80er Jahren für die ganze Stadt symbolisch steht, als man sich auf den Anbau spezialisierte und regelrechte Gurkenmillionäre hervorbrachte. Und dann der Tourismus: Als Igor Kechter 1993 seinem älteren Bruder nach Susdal folgte, begannen die beiden mit dem Aufbau eines holzverarbeitenden Betriebs, erkannten aber bald die Chancen im Fremdenverkehr. So gründeten sie mit zwei Kompagnons die AG „Heißen Quellen“, eine einzigartige Sauna- und Badelandschaft, die 2002 eröffnet wurde, von der sie sich dann aber 2013 wieder trennten, als Igor Kechter, der seit 2011 als Stadtrat tätig war, zum Bürgermeister gewählt wurde.

Nun, wieder in der Privatwirtschaft, fühlt er sich freier. Sieben Gebäude gehören ihm in Susdal, die er derzeit restauriert, und im nächsten Jahr soll in Gawrilow Possad in der Nachbarregion Iwanowo ein Museum für russische Nationalgetränke eingerichtet entstehen. Den Grundstock hat er schon in seinem Wladimirer Büro eingerichtet, eine Flaschen- und Krügesammlung mit einer Vielzahl von Unikaten. Überhaupt ist er immer auf der Suche nach dem Besonderen. Immer wieder entdeckt er alte Rezepte und entwickelt zu deren Wiederbelebung neue Konzepte, schreibt Bücher, hält Vorträge und brennt für den Fremdenverkehr, der auf drei Beinen steht, wie er meint: schlafen, sehen und essen. Ein Dreisatz, den er als stellvertretender Vorsitzender des Verbands der kleinen Touristenstädte Rußlands ebenso beherzigt wie als Impulsgeber für die gastronomische Entwicklung Susdals.

Igor Kechter

Seine „kulinarische Landkarte“ sorgt für Vielfalt und lokalen Bezug. 70% der Beschwerden von Touristen betrafen noch vor wenigen Jahren den „Einheitsbrei“ der Restaurants. Nun sollen die Gasthäuser zumindest zwei bis drei originell-originale Gerichte anbieten – und das in allen Fremdenverkehrsstädten des Gouvernements Wladimir – nach einem Qualitätsstandard und einer Zertifizierung. Eine Idee, die auch andere Regionen aufgreifen wollen und die Unterstützung der Politik in Moskau findet. Apropos Politik: Als es in den 80er Jahren darum ging, eine Kleinstadt touristisch „aufzurüsten“, kam Susdal zum Zug, weil jemand im Politbüro ein Faible für die Museumsstadt hatte und damit den Mitbewerber Gorochowez ausstechen konnte. So wurde damals alles zentral gesteuert, auch das Glück Susdals am Goldenen Ring. Für den galt übrigens auch eine kulinarische Planwirtschaft – und durchaus mit Verstand. Um den Touristen nämlich in jenen Zeiten der Mangelwirtschaft nicht immer und überall das gleiche Menü zu kredenzen, gab es Vorgaben für die Städte hinsichtlich der Auswahl von Gerichten.

Igor Kechter vor seiner Flaschensammlung

Dank Igor Kechter weiß man nun aber auch, daß der erste russische Malzkaffee in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts in Susdal hergestellt wurde, daß es früher für jeden Monat ein eigenes Getränk gab, daß man hier sogar Bier braute und ein Monopol auf die Herstellung und den Vertrieb von Honigwein, „Medowucha“ genannt, besaß, daß die Kartoffeln hierzulande einst – wie in Deutschland und Frankreich – „Erdäpfel“ genannt wurden, ein Begriff, der aus dem heutigen Russischen gänzlich verschwunden ist…

Für das Seine brennen

Wer also mehr erfahren will über die Eß- und Trinksitten der Russen, besuche in Susdal das Restaurant „Ogurez“, trinke dort einen Kaffee mit Gurkensirup oder einen Getreidewein, spreche mit Igor Kechter oder greife zu seinem Buch, dessen Titel frei übersetzt lauten könnte: „Für das Seine brennen“, in dem es freilich nicht nur um Selbstgebranntes geht und das in Auszügen bald auch auf Deutsch im Blog erscheinen wird. Dabei geht es mehr als um die Gurke!

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