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Posts Tagged ‘Susanne Schmid’


Man hat ihr schon so manchen hohen und höchsten Posten in der Verwaltung des Gesundheitswesen der Region Wladimir angeboten, aber, so Swetlana Makarowa, „ich kann doch meine Kinder nicht verlassen.“ Und so ist und bleibt die gelernte Pulmologin und Pädiaterin gern ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses, in dem junge Patienten aus dem ganzen Umland, so groß wie ganz Franken und die halbe Oberpfalz, bei schweren Erkrankungen medizinische Hilfe finden. Was ihr dabei besonders gefällt: An einem Tag in der Woche (einschließlich Nachtdienst) praktiziert sie selbst in ihrer Klinik, kennt also die Abläufe aus eigenem Erleben, sieht Schwächen und Stärken, weiß, wo Verbesserungen notwendig und möglich sind.

Wolfgang Rascher, Swetlana Makarowa und Patrick Morhart

Um aber das Notwendige möglich zu machen, wendet sich Swetlana Makarowa an Erlangen, dessen Unterstützung sie seit Beginn der Aktion „Hilfe für Wladimir“ 1990 zu schätzen weiß, erst recht, seit sie vor elf Jahren zur Direktorin berufen wurde. An ihrer Seite hat sie dabei seit 1998 ihren Kollegen, Wolfgang Rascher, der bereits zwei Besuche in Wladimir hinter sich hat und dabei die Fortschritte vor Ort zu sehen bekam. Nun gibt er zwar Ende März endgültig die Leitung der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche an der FAU ab, verspricht jedoch: „Der Austausch geht weiter.“ Dafür steht auch jemand wie Patrick Morhart, ärztlicher Leiter der Neonatologie I, der seiner Besucherin erklärt, welche Geräte und Therapien man im Bereich der Hämodialyse für Früh- und Neugeborene einsetzt, etwas, das man bald auch in Wladimir einführen möchte. Darüber hinaus soll in der Partnerstadt eine ambulante Palliativversorgung für Kinder aufgebaut werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen seien zwar gegeben, aber es fehlten die Erfahrungen, meint die Kinderärztin, weshalb man gern die fast zehnjährige Expertise der deutschen Freunde nutzen möchte.

Wolfgang Rascher, Birgitt Aßmus, Swetlana Makarowa und Patrick Morhart

Je länger die Gespräche am Montag dauern, desto mehr Ideen entstehen, und wenn man, wie etwa Stadträtin Birgitt Aßmus, über die Jahre beobachten konnte, wie positiv dieser Erfahrungsaustausch der Pädiater sich entwickelt, glaubt man auch an die baldige Umsetzung der Anregungen, die der Gast heute wieder mit nach Hause nimmt. Doch damit nicht genug, Swetlana Makarowa will auch Einblick nehmen in die Arbeit des Gesundheitsamtes, das am Tag ihres Besuches gerade vor 99 Tage ins Landratsamt eingezogen ist.

Swetlana Makarowa und Frank Neumann

Was Swetlana Makarowa von Frank Neumann, promovierter Mediziner aus dem Vogtland, der in Erlangen studierte und die Behörde seit Herbst 2015 leitet, erfährt, kennt sie so von der eigenen Gesundheitsadministration nicht: Man hat hier eigene Ärzte, die Untersuchungen machen und Gutachten erstellen, man entlastet die Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte, indem Assistenten die medizinischen Einschulungstests machen, man bietet anonyme Geburten und Schwangerschaftsberatung an… So viel wird hier anders gemacht, daß die Besucherin ihren Kollegen möglichst bald in Wladimir begrüßen möchte, um im größeren Fachkreis von seinen Zuständigkeiten zu berichten. Da gäbe es in vielen Bereichen – etwa bei der HIV-Problematik oder bei der TBC-Vorbeugung und Impffrage – Erfahrungen, die man nutzen könnte. Nützlich dabei könnten sicher auch die Russischkenntnisse des Gastgebers sein.

Christine Delfs, Swetlana Makarowa, Ulrike Rascher und Susanne Schmid

Christine Delfs muß in dieser Hinsicht dieses Mal passen. Bisher hatte sie in ihrer 4. Klasse an der Heinrich-Kirchner-Schule immer Kinder, die aus russischsprachigen Familien kamen. Nun ist da nur noch ein Junge, der aber selbst kein Russisch mehr spricht. Aber ausschlaggebend ist das ja nicht. Sie will ihre Aktion unbedingt fortsetzen, die sie 1999 mit Taschengeldspenden für das Kinderkrankenhaus Wladimir begonnen hatte und die mittlerweile mit dem Pausenverkauf von Leckereien aus der elterlichen Küche im Advent regelmäßig dreistellige Summen erbringt, mit denen Swetlana Makarowa bedürftige Patienten unterstützt oder Mal- und Bastelutensilien kauft. Denn es gehen immer wieder auch Bilder und Zeichnungen hin und her. Und wenn Christine Delfs eines Tages in Ruhestand geht, übernimmt diese Tradition – so vereinbarte man das im Beisein von Schulleiterin, Susanne Schmid – nach dem Motto „Familientradition verpflichtet“ Ulrike Rascher, Tochter des Professors für Kinderheilkunde. So schließen sich Kreise.

Soroptimist-Präsidentin Christine Faigle, Swetlana Makarowa, Rentia van Eldik und Doris Lang

So ein Kreis schließt sich auch beim Treffen mit den Schwestern von Soroptimist International, wo Swetlana Makarowa Mitglied ist. Der Serviceklub organisierte ja bereits die Ausstellung „Heimat“ mit dem Kinderkrankenhaus und richtete den ersten gynäkologischen Behandlungsraum für Mädchen in der Region Wladimir ein. Nun erhielt die Besucherin wiederum eine Spende für ihre Klinik, und schon im November will Doris Lang sich selbst ein Bild von der Partnerstadt machen und den Kontakt mit Soroptimist Wladimir ausbauen.

Susanne Lender-Cassens und Swetlana Makarowa

Am Ausbau dieser Verbindungen möchte auch Susanne Lender-Cassens verstärkt mitwirken. Bereits zu der Zeit, als sie noch als Krankenschwester am Universitätsklinikum arbeitete, schickte sie regelmäßig medizinisches Verbrauchsmaterial an das Kinderkrankenhaus. Nun versucht sie, dabei zu helfen, den Austausch von Pflegepersonal voranzubringen. Und Swetlana Makarowa kann der Bürgermeisterin auch schon eine erste Kandidatin benennen, die sie gerne für eine Hospitation nach Erlangen schicken würde. Und überhaupt – wen wundert das noch? – kann sie mit Stolz berichten, eine ihrer Krankenschwestern habe unlängst den ersten Preis bei einem regionalen Wettbewerb gewonnen. An Können und Motivation fehlt es da sicher nicht.

Christine Hetterle und Swetlana Makarowa

Woran es aber leider noch mangelt, ist eine Unterbringungsmöglichkeit für Eltern, deren Kinder – vor allem wegen onkologischer Erkrankungen – für einen längeren Zeitraum auf Station bleiben müssen. Zwar wurden mit Hilfe von Soroptimist einige Krankenzimmer und Räume für diese Bedürfnisse eingerichtet, aber es bräuchte etwas in der Art wie das Ronald-McDonald-Haus in Erlangen. Sicher ein noch langer Weg, aber, mit den Erfahrungen und Erläuterungen von Christine Hetterle im Gepäck, macht sich Swetlana Makarowa ermutigt und zuversichtlich heute auf die Heimreise. Wer, wie sie, erfolgreich die Bauchfelldialyse von Erlangen nach Wladimir übertragen hat, wird auch Behörden und Politik von der Notwendigkeit eines Gästehauses oder der Einführung einer palliativen Ambulanz für Kinder überzeugen.

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Unübersehbar die bunten Plakate, gestern verteilt über das ganze Gebäude der Heinrich-Kirchner-Schule, die auf eine bereits seit 18 Jahren gepflegte Tradition hinweisen: Kinder spenden für Kinder.

HSK 3

Zunächst sammelten die Klasse von Christine Delfs an der Grundschule Taschengeld, später hatte die Lehrerin die Idee, den Erlös eines Pausenverkaufs an das Kinderkrankenhaus in Wladimir weiterzugeben. Eine Initiative, die jetzt, immer im Advent, fest zum Jahresrhythmus der Schüler in Büchenbach gehört.

Der Verkaufsstand mit Müttern und Schulleiterin Susanne Schmid sowie Christine Delfs

Natürlich nicht möglich ohne die fleißig helfenden Hände zu Hause, wo Eltern mit ihren Kindern all die süßen Happen und Leckerbissen für den Stand vorbereiten. Und auf den ist der Ansturm wieder einmal groß, ganz wie der erste Pausenhunger.

Dieses Mal ist freilich etwas anders. Die Kinder wurden nämlich selbst beschenkt – aus Wladimir mit Lebkuchen. Dahinter steckt eine wahre Weihnachtsgeschichte, die hier erzählt werden soll.

Das Kammerensemble der Philharmonie Wladimir, das am Sonntag nach dem letzten Konzert in Herzogenaurach noch am Abend mit viel Post aus Erlangen an Bord des bedingt fahrtüchtigen Kleinbusses in Richtung Heimat aufbrach, hatte schon gegen Mitternacht ein Panne – mit Ansage. Das Fahrzeug hatte es am Montag vergangener Woche mit einem Getriebeschaden gerade noch so bis Erlangen geschafft, aber es gelang in der Kürze der Zeit nicht, Ersatz zu finden. Während die WAB Kosbach den Gästen einen eigenen Wagen für die Zeit der Tournee bereitstellte, bemühte sich Adam Neidhardt in seiner Werkstatt, den VW-Bus wieder in Gang zu bringen, warnte allerdings, mit ihm die Heimreise anzutreten. Doch nach einer problemlosen Probefahrt auf der Autobahn entschied Igor Besotosnyj, das Wagnis einzugehen. Auf der Höhe von Dresden dann mit Knirschen und Krachen das Aus. Der Notruf in Erlangen ging um 0.30 Uhr ein, und am Montagmittag sah man sich auf dem Parkplatz kurz vor der Abfahrt Hermsdorf wieder. Wenigstens brauchte niemand in der frostigen Nacht frieren, denn der Motor lief ja noch, und der Tank war gut gefüllt. Trotzdem ein harter Schlag: Der herbeigerufene Abschleppdienst diagnostizierte einen irreparablen Getriebeschaden und versprach, sich um Ersatz zu bemühen. Doch wie sollte das Ensemble nach Hause kommen? In Sankt Petersburg erwartet man sie heute schon wieder auf der Bühne… Es gibt zwar eine Busverbindung von Dresden nach Moskau, auch Plätze wären noch frei, aber die Strecke führt über Riga, die Reise dauert fast vierzig Stunden, und mit all den Instrumenten und dem vielen Gepäck auch noch umsteigen? Bleibt nur der Nachtzug. Und da geht tatsächlich einer gegen halb neun, es sind sogar noch vier letzte Betten frei. Aber nicht ab Dresden, sondern ab Berlin. Da ist es gut, einen Bus des Stadtjugendamtes zur Verfügung zu haben, der die Gestrandeten rechtzeitig zum Bahnhof Ost bringt. Gute 20 Stunden später trifft das Trio, unterstützt von seinem technischen Begleiter, gestern abend in Moskau ein, erwartet von Musikerkollegen, mit denen es gleich weiter nach Sankt Petersburg geht, während die Post aus Erlangen wohl schon heute in der Partnerstadt zugestellt wird. Als kleines Zeichen der Dankbarkeit teilte das Ensemble seinen eisernen Proviant an Lebkuchen mit den Kindern von der Heinrich-Kirchner-Schule, nachdem die Künstler von der Aktion erfahren hatten.

Christine Delfs und die Lebkuchen aus Wladimir

Wie geht die Geschichte weiter? Das hängt auch ein wenig von den Lesern des Blogs ab. Seit 1989 tritt Igor Besotosnyj in wechselnder Besetzung mit seinem Ensemble regelmäßig in Erlangen auf und begeistert sein Publikum. Ohne eigenen Bus würde das in Zukunft schwieriger. Das Erlanger Rathaus half zwar bei der Panne und der Heimreise der Gruppe, kann aber nicht die Reparaturkosten in Höhe von geschätzt bis zu 3.000 Euro übernehmen, eine Summe, die für das Ensemble nur schwer zu finanzieren wäre. Die Geschichte könnte also ein richtig gutes Ende nehmen, wenn auf das Konto der Stadt Erlangen DE 797635 0000 0000 000031 mit dem Vermerk „0117537 – Pannenhilfe Wladimir“ der eine oder andere Betrag – gegen Spendenbescheinigung – einginge. Die musikalischen Gäste würden sich bestimmt im nächsten Jahr mit einem Galakonzert für das Weihnachtsgeschenk aus Erlangen bedanken.

 

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Will man etwas über das Schulwesen eines anderen Landes erfahren, sieht man sich am besten die Praxis an. An der scheiden oder bewähren sich alle akademischen Theorien und die unaufhörlichen Reformen. An der bewährt sich aber auch der pädagogische Erfolg der Lehrkräfte, und das besonders eindrucksvoll in der auch an grauen Wintertagen lichtdurchfluteten Heinrich-Kirchner-Schule, wo die Wladimirer Gäste, Tatjana Kowalkowa und Tatjana Artischtschewa, gestern gleich zu Unterrichtsbeginn von der Leiterin, Susanne Schmid, begrüßt und von der Klasse 2 b mit der so eingängigen Schulhymne aus der Feder von Martina Heuser freudig eingestimmt wurden auf das, was da noch so alles kommen sollte. Da im Rathaus schon Bürgermeisterin Birgitt Aßmus wartete, blieb nicht eben viel Zeit für ein erstes Kennenlernen und einen Kurzbesuch in der Förderklasse, wo eine kleine Gruppe von Migranten-Kindern intensiv sprachlich auf die Einschulung vorbereitet wird. Dennoch Zeit genug, um all die vielen Ähnlichkeiten zu entdecken – sieht man sich doch auch in Wladimir ähnlichen Problemen mit Schülern aus den ehemaligen Sowjetrepubliken gegenüber – und eine Gegeneinladung auszusprechen.

Tatjana Artischtschewa, Tatjana Kowalkowa, Christa Schmid, Dagmar Trzcinski, Martina Heuser

Tatjana Artischtschewa, Tatjana Kowalkowa, Susanne Schmid, Klassenlehrerin Dagmar Trzcinski, Martina Heuser und die 2b der Heinrich-Kirchner-Schule

Wenn es stimmt, daß, wie Fjodor Tjutschew, der vielzitierte Lyriker des 19. Jahrhunderts, meint, Rußland sich nicht mit dem Verstand begreifen lasse, weshalb man allenfalls daran glauben könne, dann gilt das sicher in besonderer Weise für das Schulwesen. Freilich für das föderale deutsche Pendant nicht minder. Gute zweieinhalb Stunden Zeit nahmen sich denn auch Birgitt Aßmus und Carmen Mahns, Leiterin des Schulverwaltungsamtes, sowie Jolana Hill, im Bürgermeister- und Presseamt u.a. Koordinatorin für außerschulische Bildungsprojekte und die Ehrenamtsbörse, um das eine oder andere zu verstehen, noch mehr aber intuitiv zu erfassen von all dem vielen, das Erlangen und Wladimir bei allen Unterschieden gerade auch im Schulwesen vereint: das Bemühen um interaktiven Unterricht, Qualitätskontrolle, Fortbildungsmaßnahmen für die Lehrkräfte, Einführung von Programmen wie „Computer statt Schulranzen“ – immer hoffentlich zum seelischen Wohl der Kinder. Um das, so die Leiterin des Amts für Bildung, Tatjana Kowalkowa, bemühe man sich besonders, weshalb vor allem in den Gesamt- und Ganztagsschulen Psychologen ein Mitspracherecht haben, wenn es darum geht, für welchen Zweig sich ein Kind zu entscheiden hat.

Tatjana Kowalkowa 3

Carmen Mahns, Tatjana Kowalkowa, Birgitt Aßmus, Tatjana Artischtschewa und Jolana Hill

So ein Mitspracherecht hat übrigens auch der Elternbeirat, wie Tatjana Artischtschewa aus ihrer eigenen Praxis zu berichten weiß. Diesem Gremium, dem man auch noch angehören darf, wenn man gar keine Kinder mehr an der jeweiligen Schule hat, obliegen nicht nur Beratungspflichten, etwa bei wirtschaftlichen Umgang mit Haushaltsmitteln, sondern es übernimmt auch Aufsichtsfunktionen, entscheidet mit bei der Ernennung des Rektors und kümmert sich um Sponsoren. Und da kommt auch schon das Ehrenamt ins Spiel, das, diskreditiert durch die Sowjetzeit, wo man gewissermaßen zwangsverpflichtet war, kostenlos allerlei mehr oder weniger Gutes zu tun, heute erst wieder von unten her wachsen muß, wie Tatjana Kowalkowa meint. Dazu wünscht sie sich unbedingt einen Erfahrungsaustausch mit Erlangen und lädt die drei Gastgeberinnen denn auch kurzerhand nach Wladimir ein. Vielleicht, meint sie später, sollte man auch noch jemanden von Siemens oder der Universität mitnehmen. Warum? Weil diese Arbeitgeber inzwischen freiwillig Aufgaben übernehmen, die bis zum Zerfall der UdSSR alle Großbetriebe zu erfüllen hatten: die Bereitstellung von Krippen, Kindergärten und Ferienlagern. Mittlerweile sind diese Einrichtungen alle an die Kommunen gefallen – und häufig aus Geldnot zerfallen. Auch in Wladimir. Nur noch 7.000 der 28.000 Schüler konnte im vergangenen Jahr an einem Ferienprogramm teilnehmen. Dabei habe man doch in den Schulen das Ziel, den Kindern möglichst viele Angebote zu machen, unter denen sie frei wählen können. Nur eine Wahl bleibt ihnen – zumindest an den Ganztagsschulen – verwehrt: keine Wahl zu treffen, sprich ab- und herumzuhängen. Wieder mehr Disziplin soll einkehren – und Kontrolle. Nach massenweisen Mogeleien mit den Prüfungen wird jetzt landesweit das Abitur unter Online-Videoüberwachung abgelegt, die Klassenbücher werden ebenso ins Netz gestellt wie Eltern und Lehrer Zugriff auf die Daten der Kinder an mittlerweile zwei der fast 50 Wladimirer Schulen haben, die mit Chips ausgestattet sind, die den bargeldlosen Einkauf in der Mensa ermöglichen, aber auch registrieren, wann die Schule betreten und verlassen wird. Viel Stoff jedenfalls für den künftigen Erfahrungsaustausch.

Helge Köhler, Tatjana Kowalkowa, Tatjana Artischtschewa

Helge Köhler, Tatjana Kowalkowa, Tatjana Artischtschewa

Das Kontrastprogramm der behüteten Welt der Waldorfpädagogik folgt auf ausdrücklichen Wunsch der russischen Besucherinnen am Nachmittag. Durch eine Welt, wo die Kinder angehalten sind, möglichst viel über die Erfahrung des eigenen Körpers aufzunehmen, möglichst alles in der Gemeinschaft zu gestalten, ohne viel Spielzeug oder gar Elektronik, dafür mit Eurhythmie, einem Leben in Harmonie. Immer nah bei den andern, bei sich selbst und bei der Natur. Helge Köhler, die sich noch einiges an Russisch-Kenntnissen von ihrer Nachkriegsschulzeit in Naumburg bewahrt hat, übernimmt die Führung durch den Kindergarten mit seinen drei Gruppen und die kleine Krippe mit zwölf Plätzen.

Waldorf-Kinderstube

Waldorf-Kinderstube

Und wer könnte das besser tun, als die ehrenamtliche Helferin, die von Beginn an dabei war, als vor etwa 40 Jahren das erste Haus da gebaut wurde, wo heute am Waldrand von Bruck ein ganzes Bildungszentrum mit gut 600 Schülern entstanden ist, die aus dem ganzen Großraum kommen. Helge Köhler lebt die ganze Weltanschauung, die hinter der Waldorf-Pädagogik steckt, erzählt den Kleinen im Kindergarten einmal die Woche Märchen, hilft bei der Bewegungsstunde, musiziert mit. Und sie hat eine besondere Beziehung zu Wladimir.

Krippe im Waldorfkindergarten

Krippe im Waldorfkindergarten

Als dort Anfang der 90er Jahre zunächst ein Kindergarten und später eine Schule für Waldorf-Pädagogik entstanden, suchte man eine „Mutter“, eine Schirmherrin in Erlangen. Helge Köhler ließ sich nicht lange bitten und beherbergte mittlerweile wohl alle Erzieherinnen von der Wladimirer Partnereinrichtung, eine Beziehung die bis heute anhält und in ihrer Dauer und Intensität im Bereich Bildung wohl einzigartig ist. Allenfalls noch vergleichbar mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, das schon seit Ende der 80er Jahre den Austausch mit der Wladimirer Universität pflegt.

Helge Köhler und Tatjana Kowalkowa mit dem Wladimir-Album

Helge Köhler und Tatjana Kowalkowa mit dem Wladimir-Album

Nur ein einziges Mal hingegen war Helge Köhler mit ihrem vor fast zehn Jahren verstorbenen Mann selbst in Wladimir, um im Waldorfkindergarten vormittags mitzuarbeiten und ihre Erfahrungen weiterzugeben. Im Herbst 1994 war das, kurz bevor auch Tatjana Kowalkowas Mann verstarb. An diese Zeit erinnert ein Photoalbum mit gesticktem Einband, in das nicht nur die Bilder von den verschiedenen Begegnungen eingeklebt sind. Es findet sich da auch ein besonderer, noch ungehobener Schatz der Partnerschaft, ein kleines Wunder, wie Tatjana Kowalkowa meint: ein Tagebuch, aus dem hervorgeht, daß das Ehepaar Köhler einen Abend lang auch bei der Besucherin zu Gast war.

Tatjana Kowalkowa vor 20 Jahren und heute

Wiederentdeckt: Tatjana Kowalkowa vor 20 Jahren und heute

„Das bin ja ich“, ruft Tatjana Kowalkowa baß erstaunt aus, „in meiner alten Küche!“ Und jetzt erst fällt es beiden wie Schuppen von den Augen. Und jetzt erst erklärt es sich, warum beide von Beginn an eine besondere Wärme in der Begegnung verspürten, erst jetzt wird verständlich, warum die Einladung nach Hause für beide Seiten etwas so Selbstverständliches hatte. „Als Unbekannte bin ich in dieses Haus gekommen und fühlte mich doch gleich daheim“, ringt die Besucherin überwältigt um Worte: „Und jetzt weiß ich warum!“ Da hat sich auf wunderbare Weise ein zwanzigjähriger Kreis geschlossen, den so viele gebildet haben und zu denen schon damals auch Tatjana Kowalkowa gehörte. Ganz wie es sich in dieser wundervollen Partnerschaft gehört!

Steinadler-Stamm der Erlanger Pfadfinder

Steinadler-Stamm der Erlanger Pfadfinder

Das Wunder der Partnerschaft, davon kann man sich am Abend überzeugen, haben auch die Pfadfinder schon erlebt. Thomas Zeh faßt seine Wladimir-Erfahrung denn auch gleich in einem Satz zusammen: „Ich habe schon viel Erfahrung mit Pfadfindern aus aller Welt, aber noch nie ist man sich so schnell so nah gekommen wie mit unseren russischen Freunden.“ Deshalb will man nicht nur den Austausch fortsetzen. Es gibt noch weiterreichende Pläne: Tatjana Kowalkowa, die immer wieder betont, wie wichtig diese Art der Jugendarbeit sei, möchte an einer Schule ein Museum einrichten, wo die Geschichte der Pfadfinder und Pioniere gemeinsam dargestellt wird. Denn, so die Pädagogin, die sowjetischen Pioniere haben sich alles von den Pfadfindern abgeschaut, die ja vor der Revolution im Zarenreich schon recht aktiv waren. Hinzugefügt haben sie lediglich den ideologischen Überbau.

Jochen Dörring, Thomas Zeh, Tatjana Kowalkowa und Tatjana Artischtschewa mit den Pfadfindern vom Stamm der Steinadler

Jochen Dörring, Thomas Zeh, Tatjana Artischtschewa und Tatjana Kowalkowa mit den Pfadfindern vom Stamm der Steinadler

Und noch etwas wünscht sie sich: nichts weniger als die wunderbare Pfadfindervermehrung in Wladimir. Dafür will sie junge Erwachsene gewinnen, Schulen ansprechen – und gemeinsam mit den Erlanger Freunden Seminare veranstalten. Und wenn man Jochen Dörring und Thomas Zeh genau zuhört, könnte das auch etwas werden. Vielleicht auch mit Hilfe des Landesverbandes, wo es Fachleute für derlei Fragen gebe. Auf jeden Fall aber mit einer Patenschaft für neue Pfadfinderstämme. Und dann wird vielleicht auch wahr, was Tatjana Kowalkowa den jungen Steinadlern mit auf den Weg gibt: „Die Photos, die ich jetzt von Euch gemacht habe, zeigt Ihr möglicherweise, wenn Ihr selbst schon alt geworden seid, Euren Kindern und Enkeln, die dann hoffentlich noch immer Freundschaft mit den Pfadfindern von Wladimir halten.“

Weil er gar so schön ist, hier nochmals der Link zum Pfadfinderaustausch: http://is.gd/0qeQPZ. Aber auch ein Blick zurück in die Partnerschaftsgeschichte der Heinrich-Kirchner-Schule sei empfohlen: http://is.gd/js4jV4 und http://is.gd/ygWg9w

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Lew Tolstoj, dessen Anna Karenina derzeit in einer opulenten Neuverfilmung durch die Kinos wandelt, hat sich in seinem Schaffen besonders der Erziehung und Bildung von Kindern gewidmet. Sogar eine Fibel hat er für den Unterricht geschrieben. Eine seiner vielen Märchen, Fabeln und Kindergeschichten heißt „Das Hemd des Glücklichen“ und birgt ein schönes Geheimnis:

Chrstine Delfs und Rektorin Susanne Schmid mit den Kindern bei den Vorbereitungen.

Chrstine Delfs und Rektorin Susanne Schmid mit den Kindern bei den Vorbereitungen.

Vor langer, langer Zeit, als die Erde noch jung war und die Märchen noch wahr waren, lebte ein Zar.

Eines Tages lag er schwerkrank danieder und versprach die Hälfte seines Reiches demjenigen, der ihm Heilung bringe. Da versammelten sich die Weisen des Landes und beratschlagten, wie sie dem Zaren helfen könnten. Aber niemand wußte Rat. Nur ein Weiser erklärte: „Wenn man einen glücklichen Menschen findet, ihm sein Hemd auszieht und es dem Zaren anlegt, dann wird der Zar genesen.“

Alles vorbereitet!

Alles vorbereitet!

Daraufhin schickte der Zar Boten aus, die in seinem weiten Reich einen glücklichen Menschen suchen sollten.

Aber es gab keinen einzigen Menschen, der mit allem wahrhaft zufrieden und deshalb glücklich gewesen wäre. Der eine war zwar gesund, aber in seiner Armut unglücklich. Und wenn einer gesund und reich war, dann war die Ehe unglücklich oder seine Kinder waren nicht geraten. Kurz, jeder klagte über sein Los und nannte es ungerecht.

Es kann losgehen!

Es kann losgehen!

Eines Abends ging der Zarensohn an einer armseligen Hütte vorüber, und er hörte, wie drinnen jemand sagte: „Nun habe ich meine Arbeit getan, habe mich satt gegessen, satt getrunken und gehe schlafen – was fehlt mir noch? Ich bin der glücklichste Mensch.“

Eines der Plakate.

Eines der Plakate.

Den Zarensohn erfaßte eine große Freude. Nach seiner Rückkehr in den Palast befahl er, diesem Mann sein Hemd auszuziehen und ihm dafür so viel Geld zu geben, wie er nur wünschte, und dem Zaren das Hemd zu überbringen. Die Boten eilten zu dem Glücklichen, um ihm gegen schweres Gold sein Hemd einzutauschen. Aber der Glückliche war so arm, daß er nicht einmal ein Hemd am Leibe hatte.

Es geht los.

Es geht los.

Vor nun auch schon langer Zeit, vor dreizehn Jahren, um genau zu sein, hatte Christine Delfs, Lehrerin an der Heinrich-Kirchner-Schule die Idee, den Kindern in ihrer dritten und vierten Klasse zu zeigen, wo sie das Glück finden und gleichzeitig kranken Altersgenossen helfen könnten. Nicht mit dem vergeblichen Kauf des Hemdes eines Glücklichen, nicht als etwas, das man erwerben kann, sondern als Geschenk, das man sich selbst macht, wenn man anderen hilft. Und seither wissen die Schulkinder von Christine Delfs, wie glücklich es macht, anderen zu helfen, anderen eine Freude zu machen.

Der kleine Genuß.

Der kleine Genuß.

Und so spenden sie seit dreizehn Jahren einen Teil ihres Taschengeldes oder verkaufen in der Pause, wie gestern wieder geschehen, all die leckeren Kuchen, Muffins, Brezen, Frucht- und Gummibärchenspieße, die sie von zu Hause mitgebracht haben. Nichts für mehr als einen Euro. Und jeder Euro soll nach Wladimir gehen, ins Kinderkrankenhaus, und dort Freude bringen und die kleinen Patienten wieder gesund machen.

Der Ansturm.

Der Ansturm.

Noch wissen wir nicht, wieviele Euro zusammengekommen sind, aber schon Mitte Januar werden die Kinder ihre Weihnachtsspende an Gäste aus der russischen Partnerstadt übergeben und dann wissen, daß man Glück nicht kaufen kann. Für kein Gold der Welt. Man kann es sich nur schenken lassen. Am besten, wenn man selbst etwas verschenkt oder etwas für andere tut. Das steht dann zwar in keinem Zeugnis, aber dieses Wissen ist viel wichtiger, als alle Noten zusammengenommen.

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Was Leoni, Kim und Anni aus der Klasse 4 c der Heinrich-Kirchner-Schule da so bunt und phantasievoll zu Papier gebracht haben, verdient es, den Blog in seiner vollen Pracht und Größe zu zieren:

Plakat zum Pausenverkauf für Wladimir.

Christine Delfs mit ihrem Pausenteam.

Man muß es gesehen haben, mit welchem Eifer, mit welcher Begeisterung alle dabei sind, wenn es wieder darum geht, Geld zu sammeln für die kleinen Patienten im Kinderkrankenhaus Wladimir. Alle haben – sicher nicht ohne die dankenswerte Unterstützung ihrer hilfsbereiten Eltern – etwas Leckeres für den Pausenverkauf mitgebracht und appetitlich – wie zum Anbeißen – auf zwei Tischen in der Aula der Grundschule im Westen des Stadtteils Büchenbach ausgebreitet. Nicht vergebens. Der kleine Hunger umlagert den Verkaufsstand und läßt die Vorräte schwinden. Zumindest im Fall der Gummibärchen-Spieße schneller, als der Vorrat reicht. Und was am Ende der ersten Pause wirklich noch übrig ist, findet bestimmt beim zweiten Gang seine hungrigen Abnehmer.

Der letzte Gummibärchen-Spieß.

Wir wissen noch nicht, wie hoch der Erlös für das Kinderkrankenhaus sein wird, drei Dinge aber wissen wir schon jetzt gewiß: Die Klassenlehrerin Christine Delfs hat, unterstützt durch die Schulleiterin Susanne Schmid, ihre langjährige gute Tradition der Unterstützung für Wladimirer Kinder durch Erlanger Kinder fortgesetzt. Die Hilfe kommt sicher wieder eins zu eins an. Und alle haben in der Pause etwas ganz Entscheidendes gelernt: Schon die Kleine können etwas füreinander tun – auch über Grenzen und Sprachbarrieren hinweg. Und das tut gut. Uns allen.

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Marina Trubizyna, flankiert von Freunden: Fam. Schirmer u. Fam. Köhn

Heute geht die einwöchige Hospitation an der Heinrich-Kirchner-Schule für Marina Trubizyna zu Ende, ein Aufenthalt – für sie der erste in Deutschland überhaupt -, der möglicherweise ein ganz neues Kapitel im Austausch der Partnerstädte aufschlägt. Erstmals nämlich standen die Grundschüler im Zentrum der Aufmerksamkeit, die ersten vier Jahre, wo es den Kindern noch so leicht fiele – man weiß das aus ungezählten Analysen -, eine Fremdsprache zu erlernen und wo doch die Politik noch viel zu wenig tut, um dies im Rahmen des Stundenplans zu ermöglichen. Immerhin: An der Heinrich-Kirchner-Schule wird Englisch ab der 2. Klasse unterrichtet. Noch früher freilich beginnt man damit in der Marina Trubizynas Schule Nr. 23, benannt nach dem in Wladimir geborenen Physiker Alexander Stoletow, nämlich bereits in der 1. Klasse, wenn auch nur mit einer Stunde pro Woche. Ab der 2. Klasse sind es dann schon zwei, dann drei und ab der 5. Klasse fünf Stunden. Von der 8. Klasse an werden sogar die Fächer Erdkunde, Ausländische Literatur und Geschichte, Kulturwissenschaft der Länder Europas, Ökologie und ab der 11. Klasse  sogar Angewandte Wirtschaftskunde in englischer Sprache unterrichtet. Bisher war es so, daß von der 5. Klasse an als zweite Fremdsprache verpflichtend entweder Deutsch oder Französisch angeboten wurden, ab der 7. Klasse heißt es auch noch Latein büffeln. Nun will man sogar versuchen, Deutsch schon ab der 2. Klasse einzuführen. Leisten müssen das bei insgesamt 950 Schülern – davon gut 400 in den ersten vier Klassen – 15 Lehrkräfte für Englisch, zwei für Französisch und vier für Deutsch.

Wenn man Marina Trubizyna, ihres Zeichens Englischlehrerin mit sehr guten passiven Deutschkenntnissen, fragt, worin der Unterschied beim Unterricht liege, zögert sie lange mit der Antwort:

Hier geht es nicht so formal zu, wie das bei uns noch immer üblich ist. Die Kinder geben sich freier, ungezwungener, was sich auch in der Sitzordnung widerspiegelt. Bei uns sind die Reihen der Schulbänke wie mit dem Lineal gezogen, hier bildet man gern Kreise und geht ab vom Frontalunterricht. Aber wir gehen auch bereits in diese Richtung, machen viel Gruppenarbeit und stärken die Eigeninitiative der Schüler. Das gelingt uns besonders gut mit Wettbewerben zur Förderung der Kreativität. So nehmen wir zum Beispiel regelmäßig an der Aktion „Lesende Stadt“ teil und lassen die Kinder ihre eigenen Bücher zusammenstellen und sogar herausgeben. Finanziert wird das unter anderem durch einen Bücherbasar.

Bei dem Thema spürt man den ganzen Enthusiasmus einer leidenschaftlichen Pädagogin, einen Enthusiasmus, ohne den man freilich auch in Rußland diesen Beruf nie ergreifen würde. Ungeachtet aller Versprechungen der Politik gilt der Lehrerstand noch immer viel zu wenig, und die Entlohnung, – sie bleibt ein trauriges Kapitel. Auch wenn man sein Deputat voll ausschöpft, kommt man auf gerade einmal 8.000 Rbl., ganze 200 Euro im Monat. Marina Trubizyna nimmt es mit bitterem Humor: „Wenn man nur eine Schicht arbeitet, reicht es hinten und vorne nicht mit dem Geld fürs Leben, arbeitet man aber zwei Schichten, reicht es nicht mit der Zeit fürs Leben.“  Doch auch der Schule selbst fehlt das Geld: Die Obergrenze für Schlüsselzuweisungen liegt bei 800 Schülern. Was dann tun, wenn man 950 Köpfe zählt?

Zur Frage Fremdsprachen in der Grundschule will sich Marina Trubizyna nun mit der Leiterin der Heinrich-Kirchner-Schule, Susanne Schmid, weiter per Internet austauschen, und eine Einladung nach Wladimir ist auch schon ausgesprochen. Im August dann kommt sie mit einer Jugendgruppe wieder nach Erlangen, dann schon zu Freunden wie den Ehepaaren Johannes und Sigrid Köhn und Herbert und Ute Schirmer, die sich die Unterbringung der Besucherin geteilt und wahrlich nicht zum ersten Mal geholfen haben, Gästen aus Wladimir ein Zuhause zu geben. Dafür auch an dieser Stelle ein großes und herzliches Dankeschön!

S. auch: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2011/05/26/zu-gast-an-der-heinrich-kirchner-schule/

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UdSSR - CCCP, Westerwaldweg

Dieses Symbol der nun schon vor zwei Jahrzehnten im Strudel der eigenen Geschichte untergegangenen Sowjetunion, Hammer und Sichel, würde man nun gewiß nicht im gutbürgerlichen Neubaugebiet von Büchenbach erwarten. Und doch, da prangen sie, die kyrillischen Initialen der UdSSR – CCCP – auf der Rückseite des Wartehäuschens an der Bushaltestelle Westerwaldweg, gegenüber der Heinrich-Kirchner-Schule. Ob mit Bedacht aus Nostalgie, ob als Provokation, ob als Schibboleth einer ideologisch-landsmännischen Verbundenheit, wir wissen es nicht. Und doch läßt sich mühelos eine Verbindung zum heutigen Thema des Blogs herstellen.

Antje Wiese-Käppner

Die Heinrich-Kirchner-Schule, den Lesern bisher eher bekannt durch die ebenso liebevoll wie fortwährend gestalteten Spendenaktionen der 3. Klasse von Christine Delfs für das Kinderkrankenhaus Wladimir, veranstaltet nämlich in diesen Tagen eine Lesewoche mit besonderen Gästen und einer Besucherin aus dem größten Nachfolgestaat der SU, der Russischen Föderation, und die vertritt in Erlangen natürlich Wladimir. Doch zunächst zu zwei anderen Besuchern der Schule. Noch vor Unterrichtsbeginn findet man da am Morgen Antje Wiese-Käppner, Buchhändlerin ihres Zeichens und Betreiberin des Büchermobils. Wie eine Agentin der Leseförderung zieht sie von Schule zu Schule, schafft Übersicht in der Überfülle der Neuerscheinungen auf dem Büchermarkt, gibt Lehrern, Eltern und Schülern Empfehlungen und Anregungen, hilft beim Aufbau von Schulbüchereien wie etwa am Albert-Schweitzer-Gymnasium – und hat viel Freude daran.

Gerd Lohwasser, Susanne Schmid, Marina Trubizyna und die Schüler

Eine Freude machen wollte eine Schülergruppe dem nächsten Gast an der Schule, Bürgermeister Gerd Lohwasser, selbst gelernter Lehrer, der auch als Politiker im Herzen immer Pädagoge geblieben ist. Nun geht seine Zeit als zweiter Mann im Rathaus Erlangen auf eigenen Wunsch dem Ende entgegen, nur noch gute vier Wochen bleibt er im Amt. Ein ebenso guter wie trauriger Anlaß, Abschied zu nehmen von jemandem, der die Schullandschaft Erlangens wie kaum ein anderer geprägt hat. Jedes Kind hat ein Fähnchen für Gerd Lohwasser mit einem guten Wunsch für die Zukunft und einem herzlichen Lachen. Wie könnte Abschiednehmen schöner sein?!

Marina Trubizyna, Gerd Lohwasser

Gekommen ist Gerd Lohwasser aber eigentlich, um Marina Trubizyna bei ihrer Hospitation an der Heinrich-Kirchner-Schule zu begrüßen. Die Gastlehrerin von der Schule Nr. 23 in Wladimir ist bereits seit Samstag in Erlangen und will sehen, wie hier Grundschüler an Fremdsprachen herangeführt werden. An ihrer Schule nämlich unterrichtet man bereits ab der ersten Klasse Englisch und will jetzt ab der zweiten Klasse auch Deutsch einführen. Anders als in Bayern besuchen die Kinder  in Rußland eine Gesamtschule, die im Fall der Schule Nr. 23 ein neusprachliches Gymnasium angeschlossen hat, das in der Partnerstadt als führend gilt. Doch davon wird der Blog noch gesondert berichten.

Lese- und Spielstunde mit Marina Trubizyna

Bei der Vorbereitung der Lesewoche hatte Schulleiterin, Susanne Schmid, die Idee, auch die Wladimirer Kollegin aktiv einzubeziehen und startete eine Umfrage unter den Schülern, wer denn alles Russisch spreche. Zu ihrer großen Überraschung waren das viel mehr als gedacht. In den ersten beiden Klassen meldete sich mehr als ein Dutzend, bei den älteren sind es auch fast zehn. Bei der Vorlesestunde mit russischen Märchen dann die erfreuliche Bestätigung. Gleich welche Geschichte Marina Trubizyna zur Lektüre vorschlägt, die Kinder kennen jede von ihnen – und würden am liebsten jede hören. In den Familien der Spätaussiedler und Zuwanderer aus den Nachfolgestaaten der UdSSR wird die Muttersprache ganz offensichtlich gepflegt, und die Eltern greifen durchaus zum Buch, wenn es darum geht, die Kleinen zu unterhalten.

Ohne Worte

Eine Riesengaudi war das, und die meisten hatten mehr Spaß mit den russischen als mit den deutschen Märchen. Nicht nur wegen der inneren Verbindung zur Muttersprache, sondern weil Marina Trubizyna die Märchen von den Kindern mitspielen ließ. Da durfte auch der liebste Junge einmal den Wolf spielen, auch das schüchternste Mädchen einmal helfen, die Märchen-Rübe aus dem Beet zu ziehen. Eine Unterrichtsstunde mit Witz und Herz. Aber auch eine Lehre für die Zaungäste dieser Lektion: Da schlummert ein zweisprachiger Schatz in den Kindern, ein Reichtum, den man nicht drangeben sollte in einem Schulsystem, das schon bald nach der Grundschule unter großem Zeitdruck auf Spezialisierung und Optimierung setzt. Wenn die Eltern nicht hinterher sind, werden diese Kinder als Erwachsene ihr Russisch oft nur noch auf umgangssprachlichem Niveau beherrschen. Dabei haben sie doch alle Anlagen, um einmal zu perfekten Mittlern zwischen den Sprachen und Kulturen zu werden, wenn, ja wenn die Schulen die Möglichkeit hätten, diesen Schülern das Fach Russisch für Muttersprachler – und sei es nur eine Stunde die Woche – anzubieten. Und das gilt für andere Sprachen nicht minder: Türkisch, Italienisch &. Es muß ja nicht auf dem Niveau der Franconian International School sein, aber tun sollten die Schulpolitiker da etwas. Denn gerade diese Kinder sind das Kapital unserer Zukunft.

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