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Posts Tagged ‘Susanne Lender-Cassens’


Der Ärzteaustausch gehört heute zum Standardprogramm der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir. Aber alles hat seinen Anfang, und den machte bereits 1989 Michail Tjukarkin, der heute via Blog seinem Kollegen und Freund, Klaus-Georg Bregulla, zum 80. Geburtstag gratuliert und die Gelegenheit zu einem kleinen Rückblick auf die erste Begegnung nutzt.

Im September 1989 schickten mich mein Krankenhaus und die Stadtverwaltung Wladimir zum Erfahrungsaustausch mit den Universitätskliniken nach Erlangen. Man holte mich am Flughafen Frankfurt am Main ab, brachte mich in einem feinen Studentenwohnheim unter, stattete mich mit einem Fahrrad aus und stellte mich anderntags bei der morgendlichen Ärztekonferenz der Abteilung für Innere Medizin unter der Leitung von Professor Eckhard Hahn vor. Damals war ich 30 Jahre alt, hatte mich in der selbständigen Arbeit auf den Gebieten der Notfall-, Allgemein- und Gefäßchirurgie bewährt, spielte einigermaßen gut Fußball und Eishockey, beherrschte als Autodidakt mehr schlecht als recht die deutsche Sprache und interessierte mich brennend für englischsprachige Medizin. Und ich befand mich zum ersten Mal in meinem Leben außerhalb der Landesgrenzen der UdSSR. Als das Auditorium der deutschen Ärzte nach meiner Vorstellung durch Professor Hahn mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopfte (wie man mir später erklärte, war das als Zeichen einer besonderen und großen Ehre zu verstehen), war ich drauf und dran, den Raum zu verlassen (damals war ich noch etwas wunderlich und hasenherzig). Im weiteren wußte ich gar nicht, worüber ich mich mehr verwundern sollte, über das ausgesprochen hohe Niveau der Arbeitsorganisation, der Ausstattung der Klinik oder über die herzliche Aufnahme, die ich seitens der Kollegen und des ganzen Personals erfuhr. Ich sah schon 1989 an der Klinik Behandlungsweisen und Medizintechnik (Werner Matek), die es bis heute in vielen Moskauer Krankenhäusern oder unserem Regionalkrankenhaus in Wladimir so nicht gibt.

2003 am Hotel „Goldener Ring“ in Wladimir, die Medizindelegation mit Thomas Seltmann, Steffen Lanig, Brigitte Mugele, Michael Reitzenstein, Jürgen Binder und Michail Tjukarkin

Am siebten Tag meines Auslandsaufenthalts teilte man mir mit, ein gewisser Medizinprofessor namens Klaus-Georg Bregulla wolle mich treffen. Am Abend holte mich dann mit seinem Auto ein etwa fünfzigjähriger energischer Mann mittlerer Größe am Wohnheim ab und brachte mich im Dunkeln zu seinem Haus. Der riesige Schäferhund Pepper legte mir derart freundschaftlich die Vorderpfoten auf die Brust, daß ich mich beinahe zur ewigen Ruhe gelegt hätte. Doch der Gastgeber hauchte mir rasch neues Leben ein.

Oberschwester Anna Reswowa, Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, Michail Tjukarkin und ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses, Jewgenij Jaskin, 2017

Ungeachtet meiner damals noch unbeholfenen und armseligen Sprachkenntnisse schwankte ich in meiner Begeisterung hin und her zwischen der Bewunderung für des Professors ungewöhnlich weiten medizinischen Horizont (er war der dritte Gynäkologe europaweit und der erste, der in Deutschland erfolgreich das In-Vitro-Fertilisations-Programm einführte, und hatte an dem Abend auch noch berühmte Kollegen aus Ost-Berlin, darunter von der Charité, zu Gast) und der ihm eigenen Herzensbildung und Gastfreundschaft. In diesen nun fast 30 Jahren der Bekanntschaft ließ ich jedenfalls nie etwas auf ihn kommen und versuchte, mich seiner würdig zu erweisen. Manchmal nenne ich Klaus-Georg Bregulla und seine göttliche Frau Uschi meine zweiten Eltern (ohne jede Blutsverwandtschaft) und Lehrer. Ich freue mich, bis heute mit Erlangen nicht nur diese menschlichen und fachlichen Werte zu verbinden, sondern auch eine solche Freundschaft mit Kollegen in Deutschland pflegen zu können.

Michail Tjukarkin

 

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Wieder einmal schließt sich ein Kreis. Im September vergangenen Jahres, bei ihrem Antrittsbesuch in Wladimir, hatte Susanne Lender-Cassens eine Probe des Kammerchors besucht und, von der Stimmkraft des Ensembles überwältigt, eine Einladung nach Erlangen ausgesprochen. Gestern nun verabschiedete sie begeistert die 25 musikalischen Botschafter der Partnerstadt auf der Bühne des Wohnstifts Rathsberg nach dem letzten, dem vierten Konzert dieser bemerkenswerten Tournee.

Johanna Gelius und Susanne Lender-Cassens

So ein Kreis schließt sich übrigens auch für Johanna Gelius, die bereits 1989 dabei half, im Hotel Transmar, heute NH Hotel, die „Woche der russischen Küche“ auszurichten und in der ersten Hälfte der 90er Jahre die Gastspielreisen des mittlerweile aufgelösten Wladimirer Männerchors zu organisieren. Unvergessen: Ein Sänger im Kammerchor war damals schon dabei…

Jürgen Bachmann und der Kammerchor Wladimir

Vor allem aber schließt nun der Reigen der Veranstaltungen zum 35jährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft, das die Bürgermeisterin mit ihrem Grußwort noch einmal kurz Revue passieren ließ: Veranstaltungen in Sport und Kultur, Diskussionsrunden, Begegnungen und das Glück, in politisch so angespannten Zeiten diese wunderbare deutsch-russische Freundschaft genießen zu dürfen.

Tatjana Grin

Und schließlich ist da auch noch der Auftrittsort zu nennen. Jürgen Bachmann, Kulturbeauftragter des Wohnstifts Rathsberg, weist in seiner Begrüßung darauf hin. Mit dem Kammerchor Wladimir war gestern – übrigens wieder vor vollem Saal – schon das dritte Ensemble aus einer Partnerstadt zu hören: die Octavians aus Jena, die Bläser von Bozen Brass und jetzt – darf man sagen als Höhepunkt? – die Gäste aus Wladimir, denen am Ende des Auftritts aus der ersten Reihe auf Russisch ein „Kommt wieder!“ entgegenschallte, vom nicht nachlassenden Applaus ganz zu schweigen, den der Chor mit drei Zugaben erwiderte.

Susanne Lender-Cassens und Tatjana Grin

Nur ein Wunsch blieb unerhört, der Ruf eines Zuhörers nach „Kalinka“. Diesem Stereotyp der russischen Folklore entspricht der Chor mit seiner ausgefeilten Stimmführung und dem exquisiten Repertoire nun auch ganz und gar nicht: ein federnd leicht dahergetupftes „Tanzen und Springen“ von Hans Leo Hassler; ein Broad-Way-taugliches „White Christmas“ von Irving Berlin; eine ergreifende „Stille Nacht“ auf Russisch, Englisch und Deutsch; die alle möglichen und schier unmöglichen Tonlagen umschließenden Stücke von Georgij Swiridow; die fröhlich-frisch intonierten Volkslieder mit ihren wuchtigen Bässen oder die lyrisch-zarten Lieder von Jurij Falik, alles unter dem ebenso sanften wie zupackenden Dirigat einer beseelenden Tatjana Grin.

Bleibt tatsächlich zu wünschen, auf dem Tableau im Eingangsbereich des Wohnstifts Ratsberg möge schon bald wieder die Einladung zu einem Konzert mit dem Kammerchor Wladimir zu lesen sein. Denn, wie es in dem Gedicht „Baku“ von Sergej Jessenin heißt: „Der vorbestimmte Abschied verspricht ein Wiedersehen bald.“ In den nächsten 35 Jahren ist Zeit genug dafür…

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Vor acht Jahren veranstaltete das Bürgermeister- und Presseamt zum ersten Mal einem Empfang für Personen und Gruppen, die sich ehrenamtlich für die Städtepartnerschaften engagieren. Seither entwickelte sich die Feier im Ratssaal zu einer festen Institution, bei der von Mal zu Mal die Sessel und Stühle zahlreicher besetzt sind. Gestern nun, als Wolfram Howein aus den Händen von Oberbürgermeister Florian Janik den Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften entgegennahm, blieb freilich wirklich kein Platz mehr frei. Vielleicht, weil, wie der Laudator, anerkennend und vom Manuskript abweichend, meinte, der Geehrte es beispielhaft verstehe, andere in seine vielfachen Aktivitäten und Initiativen einzubinden.

Wie vielfältig und für das Gemeinwohl entscheidend dieses Engagement gerade auch im Internationalen Bereich wirkt, betonte Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens in ihrer Begrüßung. Durchaus auch aus eigener Anschauung vor Ort auf dem Feld der Ökologie, Jugendarbeit oder Kulturvereine. Das Stadtoberhaupt ging sogar noch weiter und stellte diese Arbeit in einen globalen Zusammenhang: „Heute bedarf es mehr denn je der Menschen, die Brücken bauen; gerade jetzt, wo so viele andere sich daran machen, Brücken einzureißen und Mauern hochzuziehen.“

Florian Janik und Wolfram Howein

Desto wichtiger, einmal im Jahr all die einzuladen, denen die Zusammenarbeit mit den zehn Partnerstädten und den drei befreundeten Kommunen, von den sonstigen Verbindungen Erlangens in alle Welt zu schweigen, am Herzen liegt. Und eine Person stellvertretend für die anderen auszuzeichnen, gestern Wolfram Howein. Wofür und mit welchen Worten ist hier nachzulesen: Laudatio Wolfram Howein – 21.11.2018

Wolfram und Inge Howein

Florian Janik machte es sichtlich Freude, dem ehemaligen Siemens-Manager das in vierzehn Jahren und auf vierzig Wladimir-Reisen verdiente Lob auszusprechen, kennt er doch die Ergebnisse dieser großartigen Arbeit aus eigener Anschauung, im Blauen Himmel wie beim Roten Kreuz, im Forum Prisma wie bei den wissenschaftlichen Projekten, besonders aber im Erlangen-Haus, wo beide das „beste Frühstück in der Partnerstadt“ zu schätzen wissen, und von wo aus beide sich auch schon auf die Suche nach einem Schlummertrunk machten.

Gratulation von Melitta Schön an Wolfram Howein

Wolfram Howein nahm es in seiner Erwiderung sportlich: „Mein Engagement für Wladimir ist allemal billiger als Golf zu spielen.“ Aber im Ernst: „Mein Leben ist reicher geworden durch diese Begegnungen, und Wladimir ist mir zum Jungbrunnen geworden.“ Möglich aber natürlich auch nur, wenn die Frau diesen Einsatz unterstützt. Deshalb galt denn der erste und größte Dank Inge Howein, die nun auch schon zehn Reisen in die Partnerstadt hinter sich hat.

Gratulanten: Margrit Vollertsen-Diewerge, Ute Schirmer, Jürgen Binder, Inge und Wolfram Howein, Gerda-Marie und Michael Reitzenstein

Was das Ehepaar noch vor sich hat? Hoffentlich noch viele Jahre der Zusammenarbeit mit Wladimir – zumal sich, siehe Blogeintrag von gestern, im Bereich Erlebnispädagogik schon wieder neue Türen öffnen – und die dafür nötige Gesundheit.

Knut Gradert und seine Stadl Harmonists

Zum Gelingen des Abends trugen auf ihre Weise die Stadl Harmonists aus Kosbach mit „Weltmusik“ bei, von „California Dreaming“ über „Ein Freund, ein guter Freund“ oder „Über den Wolken“ bis hin zum abschließenden „Oj, moros, moros“, das der Leiter des Ensembles, Knut Gradert, bereits 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir mit seinem großen Chor einstudierte und zur Überraschung der Gastgeber auf Russisch interpretierte. Gestern nun also auch noch diese musikalische Brücke über ein Vierteljahrhundert Partnerschaft. Was kann schöner sein?!

Karin Günther, Ruth Sych mit der Broschüre über ihr Engagement in Wladimir vor 20 Jahren und Susanne Lender-Cassens

Höchstens noch die vielen Gespräche, die beim Stehempfang zustandekamen – über die Grenzen der jeweiligen Städtepartnerschaften hinweg. Jena stand da neben Riverside und Rennes kam mit San Carlos ins Gespräch, während Wladimir mit Cumiana Erfahrungen austauschte.

Rudolf und Inge Schloßbauer mit Giuseppe Andolina

Eine Börse der internationalen Beziehungen eben, wo, wie Florian Janik bei der Eröffnung des Buffets meinte, „bestimmt wieder neue Ideen und Projekte entstehen“.

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Wer am Donnerstag Abandoned Land auf der Kellerbühne des E-Werks erlebt hatte, war vorgewarnt: Aus Wladimir kam zum neunten Mal in Folge eine Band, die zu hören und zu sehen ein Erlebnis ist. Aber auch unvorbereitet begriff das Publikum im vollen Clubsaal gestern zum Abschluß des 41. Newcomer Festivals vom ersten Song an: Die Russen spielen Metal so, als hätten sie diese harte Gangart der Rockmusik erfunden.

Und so brauchte denn Jewgenij Golowin zu Beginn des Auftritts seine Frage „Erlangen, can you hear me?“ nicht zu wiederholen. Dem Frontmann der Band aus der Partnerstadt schallte dröhnende Zustimmung entgegen. Und, das sei vorweggenommen, am viel zu frühen Ende forderte – und bekam – der tobende Saal „one more song!“.

Andrej Trubin, Jewgenij Golowin, Andreas Küchle und Anton Goldow

Der Besuch war freilich auch gut vorbereitet. Die Erlanger Band Repellent hatte sich nicht nur während ihrer Wladimir-Tournee im Oktober mit Abandoned Land angefreundet, man war auch übereingekommen, sich musikalisch auszuhelfen. Nachdem nämlich klar war, daß der Schlagzeuger Pjotr Ragusin nicht mit nach Deutschland würde reisen können, heuerte man Andreas Küchle an, der nur zwei Wochen Zeit bekam, die Stücke alleine zu proben.

Andrej Trubin war aber dann schon vor dem Auftritt voll des Lobs: „Unser Freund hat die Songs so gut drauf wie unsere eigener Mann, so gut, daß wir nur eine einzige Probe brauchten, bei der jeder Taktschlag stimmte.“ Wie das stimmte, war dann auch beim Konzert zu hören: Als gehörte Andreas Küchle tatsächlich zur Stammbesetzung des Quartetts.

Andreas Küchle

Und dann, ganz gegen Ende des Konzerts, nahm auch noch Jonas Hack die Stöcke in die Hand, der ganz spontan schon am Donnerstag die Lücke am Schlagzeug bravourös gefüllt hatte. So klingt Partnerschaft, das ist der Sound, aus dem die musikalische Freundschaft zwischen Erlangen und Wladimir gemacht ist.

Andrej Trubin und Anton Goldow

Überhaupt, liest man all die Berichte aus neun Jahren Austausch im Rahmen des Newcomer Festivals, gibt es keinen Zweifel: Diese Begegnungen gehören zum Wertvollsten der Städtepartnerschaft, bringen vor allem junge Menschen zusammen, die sich ansonsten nie getroffen hätten und die nun oft nicht nur musikalische Freundschaften fürs Leben schließen oder zumindest Erfahrungen machen können, die ihr Leben reicher machen.

Sänger und Gitarrist Jewgenij SLAYER Golowin nach dem Konzert

Als denn auch Stephan Beck, Leiter des Amtes für Soziokultur und von Beginn an guter Geist dieses Austausches, in Vertretung der erkrankten Bürgermeisterin, Susanne Lender-Cassens, verkündet, wer den begehrten Publikumspreis gewonnen hat – die Progressive Metalcore-Band Impvlse -, gratuliert Repellent: „Ihr werdet es nicht bereuen, nach Wladimir fahren zu können!“

Abandoned Land 21

Stephan Beck und Moderator Claudio Großner

Fahren zu können, das bleibe hier nicht unerwähnt, verdanken die Siegerbands dem Amt für Soziokultur, das diesen Austausch großzügig unterstützt, nicht nur finanziell, sondern mit großem Aufwand auch organisatorisch – mit Herzblut.

Stephan Beck, Abandoned Land und Impvlse

Aber auch die russische Seite genießt diesen Austausch. Gitarrist Andrej Trubin war schon bei der allerersten Band, No Trouble, 2009, in Erlangen und freut sich nun wie ein kleiner Junge, seine „deutsche Heimat“ wiederzusehen mit all dem Bekannten und Neuen.

Abandoned Land mit Andreas Küchle in der Mitte

Damals hatte der Leadgitarrist von den deutschen Freunden eine Platte geschenkt bekommen – „Back in the USSR“ -, noch in der UdSSR erschienen, die er jetzt zurückbringt. Eine lange Reise hin und zurück für die LP und hoffentlich ein gutes Omen für das weitere Hin und Her der Rockgruppen aus Erlangen und Wladimir.

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In einer seiner frühen Erzählungen, „Die stählerne Kehle“, schildert Michail Bulgakow, im Brotberuf Arzt, was einem jungen Mediziner so durch den Kopf gehen kann:
Und so war ich also auf mich allein gestellt. Um mich das Novemberdunkel mit kreiselndem Schnee, das Haus zugeweht, das Heulen des Winds im Kamin. All die 24 Jahre meines Lebens hatte ich in einer riesigen Stadt verbracht und immer geglaubt, Schneestürme heulten nur in Romanen. Nun stellte sich heraus, daß sie tatsächlich heulen. Die Abende sind hier ungewöhnlich lang, die Lampe spiegelte sich unter ihrem blauen Schirm im schwarzen Fenster, und ich kam ins Träumen, als ich so auf den Fleck blickte, der linker Hand von mir leuchtete. Ich träumte von der Kreisstadt, vierzig Werst von mir entfernt. Wie gern wäre ich von hier dorthin entflohen. Dort gab es Strom, vier Ärzte, mit ihnen könnte man sich beraten, jedenfalls wäre es nicht so schrecklich. Aber von hier wegzukommen, war undenkbar, und bisweilen begriff ich auch selbst, daß eine solche Flucht kleinmütig wäre. Schließlich hatte ich ja genau deswegen an der medizinischen Fakultät studiert… „Aber wenn sie jetzt eine Frau mit einer schweren Geburt bringen? Oder, nehmen wir an, jemanden mit einer eingeklemmten Hernie? Was mache ich da bloß? Lassen Sie es mich doch bitte wissen! Vor 48 Tagen habe ich die Fakultät abgeschlossen – mit Auszeichnung, aber eine Auszeichnung ist das eine, ein Bruch etwas anderes. Einmal schaute ich zu, wie ein Professor eine solche eingeklemmte Hernie operierte. Ich saß im Amphitheater. Und nun rann mir beim Gedanken an den Bruch der kalte Schweiß in Strömen das Rückgrat hinunter. Abend für Abend saß ich in der gleichen Pose und goß mir Tee nach: Links von mir lagen alle Handbücher zur operativen Geburtshilfe auf dem Tisch, oben auf der Kleine Döderlein, rechts zehn verschiedene Bände zur operativen Chirurgie mit Zeichnungen. Ich räusperte mich, steckte eine Zigarette an, trank von meinem kalten schwarzen Tee…

Jürgen Zeus, Susanne Lender-Cassens, Natalia Denissowa, Olga Jaschina und Werner Hohenberger

Ganz so dramatisch würden ihren Seelenzustand die Gynäkologin Natalia Denissowa und die Neurologin Olga Jaschina sicher nicht beschreiben, aber die zweiwöchige Hospitation an den Universitätskliniken – wieder dankenswerterweise vermittelt und finanziert vom Serviceklub Rotary – hat schon auch etwas von einem Praxisschock gegenüber dem, was sie aus dem Krankenhausalltag in Wladimir – gleich ob in der Abteilung für Schlaganfälle oder im Kreißsaal – kennen, zumal sie sich ohne Dolmetscherbetreuung auf Englisch verständigen müssen. Eine nützliche und wichtige Erfahrung bekunden die Gäste vom Regionalkrankenhaus der Partnerstadt freilich beim gestrigen Empfang im Rathaus gegenüber Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, selbst im Brotberuf Krankenschwester, und den beiden Kollegen, dem emeritierten Chirurgen von Weltruf, Werner Hohenberger, und Jürgen Zeus, Internist i.R. und Stadtrat. Und eine Erfahrung, die man gern auch dem Pflegepersonal ermöglichen möchte. Also wieder ein Ergebnis des Austausches, das ausstrahlt auf andere Bereiche. Eben bereichernd.
P.S.: Die „Arztgeschichten“ von Michail Bulgakow sind 2009 in der Sammlung Luchterhand auf Deutsch erschienen. Bei obiger Übersetzung handelt es sich um eine Ad-hoc-Übertragung.

 

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Ludmila Mironowa verfolgt beharrlich ihre pädagogischen Ziele. Alle zwei Jahre gibt die Deutschlehrerin an der Schule Nr. 23 in Wladimir einer Gruppe aus verschiedenen Klassen die Gelegenheit, die graue Theorie der Sprache mit deren lebendiger Praxis zu verbinden. Die zehn Gäste im Alter zwischen elf und siebzehn Jahren sind denn auch während ihres Besuchs in Familien untergebracht – stellvertretend für die Gastgeber stehen Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Helmut Aichele -, und sie besuchen vormittags in drei Kleingruppen auf ihre Kenntnisse zugeschnittene Deutschkurse, bevor nachmittags erlebte Landeskunde mit Streifzügen durch Erlangen sowie Ausflügen in die nähere und fernere Umgebung – für zwei Tage geht es sogar bis nach Berlin – auf dem Stundenplan steht.

Olga Mironosizkaja, Ludmila Mironowa, Elisabeth Preuß, Susanne Lender-Cassens und Helmut Aichele mit der Schülergruppe

Ein derartiges Engagement im Rahmen der Städtepartnerschaft verdient besondere Anerkennung. Und die erlebten die Schüler denn auch gestern, am dritten Tag ihres Aufenthalts, der heute in einer Woche endet, im Ratssaal, wo beide Bürgermeisterinnen, Susanne Lender-Cassens und Elisabeth Preuß, die Gruppe empfingen: „Mit besonderer Freude gerade in politisch schwierigen Zeiten, wo es auf den zwischenmenschlichen Austausch ankommt“, wie Susanne Lender-Cassens betonte, die bei ihrem Besuch vor einem Jahr in Wladimir die Schule von Ludmila Mironowa und Olga Mironosizkaja selbst besucht hatte. Wie erfolgreich diese Verbindung ist, zeigte sich bei der Frage, ob denn jemand aus der Gruppe schon einmal in Erlangen gewesen sei, worauf prompt zwei Hände in die Höhe gingen.

Die Schülergruppe in der Sing- und Musikschule nach dem Unterricht mit Sandra Dichtl, Renate Aigner und Tamer Eisha

Und im Unterricht, so das Pädagogen-Trio Sandra Dichtl, Renate Aigner und Tamer Eisha, zeigten sich alle aufmerksam und interessiert, gut vorbereitet und lernwillig. Nur trauten sich die meisten noch nicht so recht, selbst mit der Sprache herauszurücken. Aber dafür sind die Mädchen und Jungs ja auch gekommen, denn Sprache kommt von Sprechen, und das lernen sie nun vor allem – in den Kursen wie in den Familien, denen an dieser Stelle nochmals ausdrücklich gedankt sei.

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Man hat ihr schon so manchen hohen und höchsten Posten in der Verwaltung des Gesundheitswesen der Region Wladimir angeboten, aber, so Swetlana Makarowa, „ich kann doch meine Kinder nicht verlassen.“ Und so ist und bleibt die gelernte Pulmologin und Pädiaterin gern ärztliche Direktorin des Kinderkrankenhauses, in dem junge Patienten aus dem ganzen Umland, so groß wie ganz Franken und die halbe Oberpfalz, bei schweren Erkrankungen medizinische Hilfe finden. Was ihr dabei besonders gefällt: An einem Tag in der Woche (einschließlich Nachtdienst) praktiziert sie selbst in ihrer Klinik, kennt also die Abläufe aus eigenem Erleben, sieht Schwächen und Stärken, weiß, wo Verbesserungen notwendig und möglich sind.

Wolfgang Rascher, Swetlana Makarowa und Patrick Morhart

Um aber das Notwendige möglich zu machen, wendet sich Swetlana Makarowa an Erlangen, dessen Unterstützung sie seit Beginn der Aktion „Hilfe für Wladimir“ 1990 zu schätzen weiß, erst recht, seit sie vor elf Jahren zur Direktorin berufen wurde. An ihrer Seite hat sie dabei seit 1998 ihren Kollegen, Wolfgang Rascher, der bereits zwei Besuche in Wladimir hinter sich hat und dabei die Fortschritte vor Ort zu sehen bekam. Nun gibt er zwar Ende März endgültig die Leitung der Klinik und Poliklinik für Kinder und Jugendliche an der FAU ab, verspricht jedoch: „Der Austausch geht weiter.“ Dafür steht auch jemand wie Patrick Morhart, ärztlicher Leiter der Neonatologie I, der seiner Besucherin erklärt, welche Geräte und Therapien man im Bereich der Hämodialyse für Früh- und Neugeborene einsetzt, etwas, das man bald auch in Wladimir einführen möchte. Darüber hinaus soll in der Partnerstadt eine ambulante Palliativversorgung für Kinder aufgebaut werden. Die gesetzlichen Voraussetzungen seien zwar gegeben, aber es fehlten die Erfahrungen, meint die Kinderärztin, weshalb man gern die fast zehnjährige Expertise der deutschen Freunde nutzen möchte.

Wolfgang Rascher, Birgitt Aßmus, Swetlana Makarowa und Patrick Morhart

Je länger die Gespräche am Montag dauern, desto mehr Ideen entstehen, und wenn man, wie etwa Stadträtin Birgitt Aßmus, über die Jahre beobachten konnte, wie positiv dieser Erfahrungsaustausch der Pädiater sich entwickelt, glaubt man auch an die baldige Umsetzung der Anregungen, die der Gast heute wieder mit nach Hause nimmt. Doch damit nicht genug, Swetlana Makarowa will auch Einblick nehmen in die Arbeit des Gesundheitsamtes, das am Tag ihres Besuches gerade vor 99 Tage ins Landratsamt eingezogen ist.

Swetlana Makarowa und Frank Neumann

Was Swetlana Makarowa von Frank Neumann, promovierter Mediziner aus dem Vogtland, der in Erlangen studierte und die Behörde seit Herbst 2015 leitet, erfährt, kennt sie so von der eigenen Gesundheitsadministration nicht: Man hat hier eigene Ärzte, die Untersuchungen machen und Gutachten erstellen, man entlastet die Krankenhäuser und niedergelassenen Ärzte, indem Assistenten die medizinischen Einschulungstests machen, man bietet anonyme Geburten und Schwangerschaftsberatung an… So viel wird hier anders gemacht, daß die Besucherin ihren Kollegen möglichst bald in Wladimir begrüßen möchte, um im größeren Fachkreis von seinen Zuständigkeiten zu berichten. Da gäbe es in vielen Bereichen – etwa bei der HIV-Problematik oder bei der TBC-Vorbeugung und Impffrage – Erfahrungen, die man nutzen könnte. Nützlich dabei könnten sicher auch die Russischkenntnisse des Gastgebers sein.

Christine Delfs, Swetlana Makarowa, Ulrike Rascher und Susanne Schmid

Christine Delfs muß in dieser Hinsicht dieses Mal passen. Bisher hatte sie in ihrer 4. Klasse an der Heinrich-Kirchner-Schule immer Kinder, die aus russischsprachigen Familien kamen. Nun ist da nur noch ein Junge, der aber selbst kein Russisch mehr spricht. Aber ausschlaggebend ist das ja nicht. Sie will ihre Aktion unbedingt fortsetzen, die sie 1999 mit Taschengeldspenden für das Kinderkrankenhaus Wladimir begonnen hatte und die mittlerweile mit dem Pausenverkauf von Leckereien aus der elterlichen Küche im Advent regelmäßig dreistellige Summen erbringt, mit denen Swetlana Makarowa bedürftige Patienten unterstützt oder Mal- und Bastelutensilien kauft. Denn es gehen immer wieder auch Bilder und Zeichnungen hin und her. Und wenn Christine Delfs eines Tages in Ruhestand geht, übernimmt diese Tradition – so vereinbarte man das im Beisein von Schulleiterin, Susanne Schmid – nach dem Motto „Familientradition verpflichtet“ Ulrike Rascher, Tochter des Professors für Kinderheilkunde. So schließen sich Kreise.

Soroptimist-Präsidentin Christine Faigle, Swetlana Makarowa, Rentia van Eldik und Doris Lang

So ein Kreis schließt sich auch beim Treffen mit den Schwestern von Soroptimist International, wo Swetlana Makarowa Mitglied ist. Der Serviceklub organisierte ja bereits die Ausstellung „Heimat“ mit dem Kinderkrankenhaus und richtete den ersten gynäkologischen Behandlungsraum für Mädchen in der Region Wladimir ein. Nun erhielt die Besucherin wiederum eine Spende für ihre Klinik, und schon im November will Doris Lang sich selbst ein Bild von der Partnerstadt machen und den Kontakt mit Soroptimist Wladimir ausbauen.

Susanne Lender-Cassens und Swetlana Makarowa

Am Ausbau dieser Verbindungen möchte auch Susanne Lender-Cassens verstärkt mitwirken. Bereits zu der Zeit, als sie noch als Krankenschwester am Universitätsklinikum arbeitete, schickte sie regelmäßig medizinisches Verbrauchsmaterial an das Kinderkrankenhaus. Nun versucht sie, dabei zu helfen, den Austausch von Pflegepersonal voranzubringen. Und Swetlana Makarowa kann der Bürgermeisterin auch schon eine erste Kandidatin benennen, die sie gerne für eine Hospitation nach Erlangen schicken würde. Und überhaupt – wen wundert das noch? – kann sie mit Stolz berichten, eine ihrer Krankenschwestern habe unlängst den ersten Preis bei einem regionalen Wettbewerb gewonnen. An Können und Motivation fehlt es da sicher nicht.

Christine Hetterle und Swetlana Makarowa

Woran es aber leider noch mangelt, ist eine Unterbringungsmöglichkeit für Eltern, deren Kinder – vor allem wegen onkologischer Erkrankungen – für einen längeren Zeitraum auf Station bleiben müssen. Zwar wurden mit Hilfe von Soroptimist einige Krankenzimmer und Räume für diese Bedürfnisse eingerichtet, aber es bräuchte etwas in der Art wie das Ronald-McDonald-Haus in Erlangen. Sicher ein noch langer Weg, aber, mit den Erfahrungen und Erläuterungen von Christine Hetterle im Gepäck, macht sich Swetlana Makarowa ermutigt und zuversichtlich heute auf die Heimreise. Wer, wie sie, erfolgreich die Bauchfelldialyse von Erlangen nach Wladimir übertragen hat, wird auch Behörden und Politik von der Notwendigkeit eines Gästehauses oder der Einführung einer palliativen Ambulanz für Kinder überzeugen.

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