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Posts Tagged ‘Sudetendeutsche’


Wer erinnert sich noch an Jahr und Tag seines Zuzugs nach Erlangen oder in eine andere Stadt? Wohl nur, wer nicht nur durchgezogen, sondern hier oder dort seine neue Heimat gefunden hat – wie Renate Gregor, die genau heute vor 60 Jahren in Erlangen ankam und bis heute hier geblieben ist. Wohl nur jene, die – wie die damals Zehnjährige – ihre alte Heimat für immer verloren haben, sie für immer verlassen mußten.

Festung Breslau - Propagandaplakat

Renate Gregor flüchtete am 19. Januar 1945 aus dem zur Festung erklärten Breslau an der Hand der Mutter im Zug Richtung Berlin, die kleine Schwester im Gepäcknetz. Doch schon vor Cottbus war zunächst Endstation, bei – 20° C, unter Beschuß von Tieffliegern, die mit Sprengstoff präparierte Blätter abwarfen. Wochen sollte es dauern, bis das Auffanglager Amberg erreicht war. Wasser gab es aus dem Tank der Lokomotive, für Verpflegung sorgte das Rote Kreuz, über dessen Suchdienst der Vater später, 1947, seine Familie in der Oberpfalz fand. Er war im Krieg. Als er einmal Fronturlaub hatte, nahm er seine Tochter zu einer Würstchenbude im Schatten des historischen Rathauses mit. „Eine wunderschöne Stadt war dieses Breslau vor der Zerstörung , ich kann im Geiste die Straßen noch abgehen, weiß noch, wo der Großvater väterlicherseits, ein Barbier, der es bis zum Theaterfrisör gebracht hat, sein Haus und der andere Opa seine Schneiderwerkstatt hatte. Aber als mein Mann und ich Anfang der 90er Jahre zum ersten Mal wieder Breslau besuchten, war das Elternhaus nicht mehr zu finden“, weiß Renate Gregor zu berichten.

Frankenhof

Schon nach kurzer Zeit im Lager ging es auf einen Bauernhof, per Zwangseinweisung. Willkommen waren da die „Polaken“ nicht. Als nutzlose Kostgänger sah man sie, auch wenn sie bei der Ernte und sonst überall mithalfen und anpackten und versuchten, sich als Selbstversorger – Pilze und Beeren gab es ja zuhauf in den Wäldern – durchzubringen. Erst als die Familie 1947 wiedervereint war und der Vater in seinem Beruf als Kürschner eine Anstellung in Erlangen fand, schlug auch Renate Gregor in der fremden Heimat Wurzeln. Gewohnt wurde in der Gebbertstraße, schräg gegenüber vom Röthelheimbad, beengt, aber vereint; die Ohmschule (heute Friedrich-Rückert-Schule) lag nicht weit weg. Nach einem recht guten Abschluß arbeitete das Flüchtlingsmädchen einige Jahre in der Chemischen Industrie in der Rathenaustraße, betätigte sich aber nebenher schon als Gruppenleiterin der Sudentenjugend. In der Jugendarbeit fand sie denn auch ihre wahre Profession und machte die Ausbildung zur staatlich geprüften Jugendpflegerin, als welche sie am 1. Oktober 1964 im Jugendzentrum „Frankenhof“ in die Dienste der Stadt Erlangen eintrat, wo sie bis zu ihrem Ausscheiden am 30. September 2004, also genau vierzig Jahre später, guter Geist und sorgende Mutter für alle Gäste war.

Renate Gregor

Auch wenn Renate Gregor es die anderen nicht hat spüren lassen, so gab es doch Gäste, besonders aus Wladimir, die ihr mehr als andere ans Herz gewachsen waren. Michail Firsow, der künstlerische Leiter des Tanz- und Folklore-Ensembles „Rus“ gehörte sicher dazu. Noch heute weiß die Herbergsmutter, daß der viel zu früh verstorbene Komponist und Arrangeur mit Vorliebe im Zimmer Nr. 175 abgestiegen ist. „Da wurden immer dumme Witze wegen des Schwulenparagraphen gemacht, aber Michail interessierte das nicht.“ Nach einem späten und kargen Frühstück sei er immer gerne in den „Alten Simpel“ gegangen, um sich dort mit seinen Erlanger Freunden zu treffen. „Im Unterschied zu den Gästen aus der DDR waren die Besucher aus der UdSSR immer so herzlich und offen. Mit dem OB Span aus Jena zum Beispiel war gar nicht zu reden, mit dem konnte man nicht warm werden. Mit unseren Wladimirern war das ganz anders!“ Das will etwas heißen, denn kaum jemand ist so eng mit den Gästen in Tuchfühlung gekommen wie Renate Gregor. Von der Ordnung in den Zimmern bis zu kulinarischen Vorlieben blieb ihr kaum etwas verborgen. Leider auch nicht, wie streng Maestro Eduard Markin mit den Knaben seines Chors umgesprungen ist, denen er nicht einmal gestattete, eine Cola oder Süßigkeiten anzunehmen; eine der wenigen eher unangenehmen Erinnerungen. Erwin Gregor ließ sich übrigens von der Begeisterung seiner Frau infizieren und schrieb für die Lokalpresse emphatische Artikel über die Auftritte von Wladimirer Musikern.

Erlangen-Haus im Winter

Besonders herzlich waren die Beziehungen zu Tatjana Garischina, der Wladimirer Partnerschaftsbeauftragten, der Renate Gregor so manchen nützlichen Hinweis zur Führung des Erlangen-Hauses gab. Im September 1997 reiste sie auf Anregung des damaligen Oberbürgermeisters, Dietmar Hahlweg, sogar in die Partnerstadt, um ihre Erfahrungen vor Ort zu vermitteln. Im Mai 2005, zum zehnjährigen Jubiläum des Erlangen-Hauses und 60. Jahrestag des Kriegsendes, besuchte sie nochmals die Partnerstadt, nun schon in der Nachfolge von Rudolf Schloßbauer als Ehrenamtsbeauftragte. Jetzt konnte sie sich davon überzeugen, daß das Erlangen-Haus zwar unter neuer Leitung, aber auf einem guten Weg war. Überzeugen konnte sie sich auch davon, daß ihre Unterstützung des Kindernotfallkrankenhauses auf dem Weg über die sogenannte „Restpfennigaktion“ ankam, und so ist Renate Gregor die einzige, die auch im Ruhestand weiter ihren sogar ein wenig aufgestockten Beitrag auf das Konto „Hilfe für Wladimir“ überweist, obwohl die „Restcentaktion“  (freiwillig gehen die Beträge rechts vom Komma des Gehalts von städtischen Mitarbeitern auf ein Sonderkonto) seit einem Jahr für San Carlos umgewidmet ist. Außerdem firmiert sie als Mitglied im Förderverein „Rot-Kreuz-Zentrum Wladimir“. Und schließlich gibt es niemanden, der wie sie so aufmerksam die Zeitung nach Berichten – und seien sie noch so versteckt und unauffällig – durchforstet und die Fundstücke dann auch noch ausgeschnitten und mit Datum versehen beim Partnerschaftsbeauftragten deponiert. Ein Chronistendienst, für den gar nicht genug gedankt werden kann.

Breslau - Kaiserbrücke

Noch einmal zurück zur verlorenen Heimat. Woher angesichts des Verlustes und Schmerzes diese Bereitschaft zur Versöhnung gerade mit den Russen? „Wir wissen doch, wer Schuld an dem Krieg hatte. Jedenfalls nicht die Menschen, die ihr eigenes Land verteidigten, nicht die Menschen, die selbst vertrieben und in den eroberten Gebieten angesiedelt wurden“, erwidert da Renate Gregor. Zu dem „Wir“ gehören Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Bürgermeister Gerd Lohwasser, Stadträtin Gerlinde Stowasser, Eike Haenel, Gründer und künstlerischer Leiter der „Ihna“, Menschen, denen man die alte Heimat genommen hat und die ihrer neuen Heimat so viel zu geben verstehen… Das mit der Kriegsschuld mag rational überzeugen, erklärt aber nicht das erstaunliche Wunder, das sich da in Menschen vollzogen hat, die alles verloren haben. Vielleicht ist Renate Gregor ja auch deshalb eine so gute Herbergsmutter geworden, weil sie selbst am besten weiß, was es bedeutet, ohne Heimat zu sein. Mit „ihrem“ Frankenhof ist sie bis heute eng verbunden, und Gästehaus wie Jugendherberge geben nach wie vor nicht nur das preiswerte Nachtquartier für Besucher aus Wladimir und anderen Partnerstädten ab, sondern bieten einen Flecken Heimat in der Fremde, weil man hier das Herz am rechten Fleck trägt.

Wer übrigens wie Renate Gregor etwas Gutes für die Partnerstadt tun möchte, sei an das Kt.-Nr. 19-000345, Stadtsparkasse Erlangen, BLZ 763 500 00, Stichwort „Hilfe für Wladimir“, erinnert. Spasibo und danke!

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