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Posts Tagged ‘Studium in Rußland’


Wladimir wartet gleich mit mehreren Institutionen für ehrenamtliche Helfer auf. In der russischen Partnerstadt haben diese die Möglichkeit, über einen längeren Zeitraum hinweg Auslandserfahrungen zu sammeln und das Leben vor Ort aus nächster Nähe kennenzulernen. Verschiedenste Programme und Stipendien ermöglichen ein Auslandssemester, einen Freiwilligendienst oder auch ein Praktikum in Wladimir. Hier sprechen wir exklusiv für den Blog mit denjenigen, die diese Möglichkeiten aktuell nutzen:

Momentan engagieren sich drei deutsche Jugendliche in Wladimir: Lara Heinen aus Lüdenscheid im Erlangen-Haus, Mathilda Wenzel aus Saalfeld im Euroklub und an einer örtlichen Gesamtschule sowie Frederick Marthol aus Erlangen am Fremdspracheninstitut der Universität und ebenfalls im Euroklub.

Frederick Marthol, Mathilda Wenzel und Lara Heinen

Alle drei haben im letzten Jahr die Schule abgeschlossen und sich danach für einen Aufenthalt in Wladimir entschieden. Im folgenden Gespräch ziehen die drei 18 Jahre alten Gäste ein erstes Resümee aus mehreren Monaten Freiwilligenarbeit:

Redaktion: Warum genau habt Ihr Euch für die Stelle in Wladimir beworben?

  • Lara: „Meine Mutter kommt aus diesem Land, ich kann daher auch fließend Russisch sprechen und war öfters mit der Familie zu Besuch bei Verwandten. Ich habe mich übrigens nicht für Wladimir, sondern die Russische Föderation insgesamt beworben. Nachdem ich also eine Zusage von meiner Trägerorganisation „weit erhalten hatte, standen drei russische Städte zur näheren Auswahl. Ich persönlich hätte es ganz cool gefunden, nach Ufa zu fahren, da diese Stadt um einiges größer als Wladimir ist und insgesamt mehr zu bieten hat. Ich bin aber dennoch sehr glücklich mit meinem Standort hier, da ich auf keinen Fall nach Sergijew-Possad wollte.“
  • Frederick: „Die Erlanger Partnerstädte haben mich schon immer interessiert, und daher wollte ich auf jeden Fall in eine. Nachdem sich die Kommunikation mit den anderen Städten aber als sehr zäh herausgestellt hatte, wurde es dann Wladimir. Ich war aber 2015 schon einmal hier und kannte deswegen grob, was mich erwartet. Der Vorvorgänger meiner Stelle hat mir von der Arbeit ausführlich berichtet, und es klang eigentlich ganz interessant. Außerdem ist es hier einmal etwas komplett anderes, als das, was ich sonst so gewohnt bin. Und das „Erasmus-Plus-Programm“ bietet eine interessante Chance, auch für einen kürzeren Zeitraum, also nicht gleich ein ganzes Jahr, Freiwilligenarbeit im Ausland zu leisten.“
  • Mathilda: „Ich habe mich über die Eurowerkstatt Jena auf mehrere Städte in Europa beworben. Bei einem Seminar des „European Volunteer Service“ habe ich dann von der Möglichkeit gehört, in der Jenaer Partnerstadt Wladimir einen Freiwilligendienst zu machen, woraufhin ich mich hier beworben habe. Ich hatte zwar auch noch eine Zusage für eine französische Kleinstadt erhalten, entschied mich aber letztendlich für Wladimir entschieden, weil mich das einfach mehr interessierte.“

Redaktion: Wie sieht Euer Alltag konkret aus?

  • Mathilda: „Mein Tag beginnt am Morgen mit dem Russischunterricht in der Universität, das dauert meistens vier Stunden. Danach fahre ich mit dem Bus zum Euroklub wo ich meine Deutschunterrichtsstunden oder verschiedene Präsentationen vorbereite. Auch Veranstaltungen für die Gesamtschule oder natürlich auch für den Euroklub plane ich von dort aus. Am Abend fahre ich zurück ins Studentenwohnheim, wo ich manchmal noch den Russischunterricht nachbereite.“
  • Lara: „Der Tag beginnt für mich meist mit Sport im Fitness-Center. Ich muss nämlich erst mittags im Erlangen-Haus erscheinen, da der Deutschunterricht da am frühen Nachmittag beginnt. Dort starten wir dann mir einem kurzen Briefing, bei dem wir die anstehenden Unterrichtsstunden zeitlich ein- und auf unser Team aufteilen. Anschließend assistiere ich beim Unterricht oder realisiere eigene Projekte wie z.B. einen Filmabend oder auch das Plätzchenbacken vor Weihnachten. Hin und wieder gebe ich auch Einzelunterrichtsstunden. Nach dem Feierabend um 21.00 Uhr fahre ich entweder heim oder gehe noch kurz einkaufen.“
  • Frederick: „Nach dem Frühstück gehe ich zur Universität, wo ich entweder zuerst meine eigene Russischunterrichtsstunde habe oder eine Themenpräsentation/Konversationsstunde in der deutschen Sprache anbiete. Nach diesen beiden Terminen spreche ich mich meistens noch mit Oxana, einer Dozentin an der Uni, ab, welche Veranstaltungen in den nächsten Tagen anstehen und wie diese ablaufen sollen. Danach fahre ich auch öfters in das Büro des Euroklub, wo häufig noch weitere Arbeiten auf mich warten.“

Redaktion: Und womit verbringt Ihr Eure Freizeit hier in Wladimir?

  • Mathilda: „Ich treffe mich häufig mit Freunden aus dem Wohnheim auf einen Tee, oder wir unternehmen etwas wie zum Beispiel Eislaufen, einen Museumsbesuch oder ähnliches. Ich war auch schon mehrmals in Moskau, Nischnij Nowgorod und einmal in Samara.“
  • Lara: „Wie schon gesagt, ist mir Sport sehr wichtig. Im Fitness-Center habe ich auch Freunde gefunden, mit denen ich inzwischen vieles unternehme. Wir gehen zum Beispiel öfters ins Kino. Ich fahre auch gerne in andere Städte.“
  • Frederick: „Ich schließe mich den beiden an. Andere Städte anschauen, finde ich klasse, am Wochenende war ich zum Beispiel mit einem befreundeten Studenten in Sankt Petersburg! Nach der Arbeit gehe ich meist noch laufen. Außerdem fahre ich auch ich hin und wieder am Abend in die Stadt auf ein oder zwei Bier.“

Redaktion: Worauf hattet Ihr nach Eurer Ankunft zu verzichten?

  • *Alle Drei*: „Trinkbares Wasser aus der Leitung!“
  • Mathilda: „Das Leben im Wohnheim ist manchmal gewöhnungsbedürftig, besonders die Hygienestandards, aber das liegt vielleicht auch an Studentenwohnheimen generell. Anfangs fand ich auch das Einkaufen schwierig, weil ich die Produktbeschreibungen nicht lesen konnte.“
  • Lara (lacht): „Klopapier darf hier nicht im WC heruntergespült werden, sondern es gehört in den Mülleimer!“
  • Frederick: „Die Registrierungen vor Ort nerven mich. Das stört bei spontanen Fahrten einfach! Am meisten vermisse ich aber das Fahrrad als Fortbewegungsmittel, wie ich es aus Erlangen gewohnt bin. Diese ewige Busfahrerei hier ist schrecklich und macht mich unflexibel.“
  • Mathilda: „Ach ja, und die Einrichtung meines Internetvertrags per Kabel ließ sich nur sehr schwer bewerkstelligen… Ich rannte von einem Universitätsgebäude ins nächste und wurde immer aufs Neue weitergereicht. Diese Bürokratie erschwert viele Angelegenheiten, die sich eigentlich ganz einfach lösen ließen.“

Redaktion: Was war die unangenehmste Erfahrung während Eures Aufenthaltes?

  • Mathilda: „Ich habe mich einmal in Nischnij Nowgorod verlaufen und konnte noch zu wenig Russisch, um mich mit den Einheimischen zu verständigen. Ich wollte zudem noch dringend zum Bahnhof, denn die Zeit war knapp. Das war schlimm. Ich saß in tausend falschen Bussen, fragte mich ewig durch, und bat schließlich einen Bekannten per Handy, einer anderen Buspassagierin mein Problem auf Russisch zu erläutern. Diese half mir dann zum Glück weiter, und ich habe den Zug letztendlich doch noch erwischt.“
  • Frederick: „Diese eine Erfahrung gibt es bei mir jetzt nicht direkt. Aber generell stört es mich, mit den meisten Menschen hier nicht kommunizieren zu können. Wann immer ich von Passanten angesprochen werde, kann ich ihnen immer nur schulterzuckend mitteilen, sie kaum zu verstehen. Richtig unangenehm wird es jedoch erst dann, wenn anschließend völlig unbeeindruckt weitergeredet wird, ohne ein Ende in Sicht. Bei den Sicherheitsbeamten an öffentlichen Gebäuden ist das häufig so.“

Redaktion: Wladimir oder Melbourne nach dem Abi?

  • Frederick: „Auf jeden Fall Wladimir! Nach Australien komme ich bestimmt im Laufe meines Lebens einmal, bei der Russischen Föderation bin ich mir da nicht so sicher. Das ist jetzt nicht unbedingt das Land, wo ich auch als Tourist hinfahren würde. Und, wie schon gesagt, es ist einfach mal etwas anderes als der ganze Standardkram.“
  • Mathilda: „Wladimir! Ganz einfach: Weil ich über dieses Land viel weniger Wissen hatte, als über Australien. Zudem ist die Wahrscheinlichkeit, hier ehemalige Klassenkameraden zu treffen viel geringer.“ (lacht)
  • Lara: „Erstens habe ich ein paar Ansprüche, und zweitens: Was will ich in Australien? Ein paar Känguruhs streicheln und am Strand rumhängen? Nein – Australien ist mir zu Mainstream! Meine Mutter hat mich ja eigentlich auf die Idee gebracht, nach hierher zu fahren. Diese Idee hat mich dann aber endlich auch überzeugt. So bin ich jetzt das erste Mal alleine im Land und kann auch noch meine Sprachkenntnisse anwenden und erweitern.“

Redaktion: Gibt es eigentlich Probleme bei der täglichen Arbeit?

  • Mathilda: „Am Anfang auf jeden Fall die Sprache. Daraus resultierten dann Probleme beim Verständnis von Zwischenmenschlichem… Auch die ungewohnten Arbeitsweisen waren anfangs sehr schwierig für mich und sind es zum Teil immer noch. An der Uni herrschen beispielweise andere Umgangsformen zwischen den Dozenten und Studenten, als ich das von Deutschland gewohnt bin.“
  • Frederick: „Ja, da hat Mathilda schon recht. Die Arbeit läuft einfach ganz anders. Viel unstrukturierter. Es stört mich auch, meine Aufträge immer nur sehr grob bis gar nicht terminiert zu bekommen. Die Sprachbarriere macht sich gar nicht so sehr bemerkbar, eher sind es kulturelle Differenzen, die dann auch die Arbeit beeinträchtigen.“
  • Lara: „In den ersten Wochen meines Aufenthaltes hatte ich oft das Gefühl, nicht gebraucht zu werden, beziehungsweise überflüssig zu sein. Mittlerweile ist das aber nicht mehr so. Vielleicht liegt es an dem Umstand, die erste Freiwillige im Erlangen-Haus zu sein.“

Redaktion: Könnt Ihr Euch mit Euren jetzigen Erfahrungen vorstellen, im Rahmen eines Studiums ein Auslandssemester in Wladimir zu machen?

  • Mathilda: „Nicht in Wladimir, aber an einer anderen russischen Hochschule. Die Uni in Wladimir kenne ich ja jetzt schon sehr gut, da will ich dann schon noch eine andere Stadt sehen.“
  • Lara: „Ich weiß es noch nicht, aber generell ablehnen tue ich es auch nicht.“
  • Frederick: „Nein. Wie Mathilda kenne ich die Uni jetzt sehr gut, und wenn ich noch mal längere Zeit ins Ausland gehen sollte, dann auf jeden Fall in ein anderes Land. Aber vielleicht ändere ich meine Meinung ja noch einmal.“

Redaktion: Vielen Dank für eure Unterstützung! (alle lachen)

Frederick Marthol

Weiterführende Informationen zu einem Aufenthalt in Wladimir:

Auslandssemester an der Vladimir State University: www.vlsu.ru und https://is.gd/Jz1nB5

Bewerbung beim Sprachenzentrum des Goethe-Instituts in Wladimir, dem Erlangen-Haus: https://www.kulturweit.de  und http://erlangen.ru

Bewerbung beim Euroklub (+ Partnerorganisation): https://is.gd/w7OaB0 und https://is.gd/UkCmby

Sendeorganisation www.eurowerkstatt-jena.de

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Für alle, die einmal an einer russischen Universität studieren wollen, gibt es noch Restplätze im Wintersemester 2016 über das sogenannte DAAD Go East-Stipendium, das die Kosten für einen Sprachkurs, die Reise sowie fünf Monate lang je 300 Euro bietet. An dem Programm beteiligt ist auch die Staatliche Universität Wladimir – http://www.vlsu.ru/index.php?id=202.

Historisches Gebäude der Universität im Stadtzentrum

Historisches Gebäude der Universität im Stadtzentrum

Bei Interesse, bitte sich an Bianca Köndgen von der Friedrich-Alexander-Universität wenden unter: bianca.koendgen@fau.de. Und hier geht es zum Blog von Philipp Schütze, der seine Erfahrungen als Gaststudent in Wladimir mit großer Anschaulichkeit schildert: https://wobistduphilipp.wordpress.com

 

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Ein Wiederholungstäter in Wladimir: Philipp Schütze. Aufmerksame und langjährige Leser werden sich gern an ihn und seinen Blog http://is.gd/9O1T6s – s. auch Blogroll – erinnern. Auch wenn es seinem heutigen Bericht nicht auf den ersten Blick anzumerken ist, muß wohl etwas hängengeblieben sein, gibt es wohl etwas, das ihn wieder in die Partnerstadt gezogen hat. Aber da es fast allen so geht, die einmal dort waren, braucht man die Sache vielleicht ja auch gar nicht groß erklären…

Philipp Schütze 2011 in Erlangen

Philipp Schütze 2011 in Erlangen

In den Semesterferien zusätzliches Lernen in einem anderen Land? Anstatt eines Sommerurlaubs am Strand – Übernachtung und Leben in einem russischen Studentenwohnheim, ein tägliches Programm an interkulturellen Veranstaltungen und Exkursionen in und um Wladimir. Acht Studenten tauschten in diesem Jahr Hausarbeiten, Nachprüfungen und Praktika gegen drei Wochen in der Erlanger Partnerstadt und dies ist ihr Bericht.

Gruppenbild mit Rektor Ansor Saralidse

Gruppenbild mit Rektor Ansor Saralidse

Das Motto der vom 29.07. bis 14.08. veranstalteten Sommerschule der Staatlichen Universität Wladimir (VlGU) lautete «История, психология и культура – всё взаимосвязано» (Geschichte, Psychologie und Kultur – alles miteinander verbunden), was die interdisziplinäre Marschrichtung der Bildungsreise schon vorgab. An dieser Stelle soll Ihnen die Veranstaltung, deren Programm, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer und die Organisation hinter dem Aufenthalt in Wladimir nähergebracht werden.

Staatliche Universität Wladimir

Staatliche Universität Wladimir

Nach meiner verspäteten Ankunft – ich musste bis zum 30. August arbeiten und habe mit maßgeblicher Hilfe der Stadt Erlangen mein Visum gerade noch rechtzeitig erhalten – nahm ich als letzter der Gruppe den altbekannten Weg über Moskau nach Wladimir auf mich und wurde nach 18monatiger Absenz freundlich in dem gleichen Wohnheim empfangen, in dem ich zuvor bereits ein Jahr gewohnt hatte. Es sollte für knapp drei Wochen die Herberge für die aus Deutschland zugereisten Studierenden sein, welche aus Berlin, Bremen, Jena, Chemnitz und in meinem Fall aus Erlangen den Weg in das Wladimirer Gouvernement gefunden hatten. Für die Verständigung in der Gruppe mit den Universitätsmitarbeitern und die Erledigungen des Alltags erwies es sich als nützlich, dass wir mit Andreas und Alexander (beide aus Jena) sowie Dascha (Berlin) drei Russlanddeutsche in unseren Reihen hatte, die bei Übersetzungen von unklaren Programmpunkten oder der Organisation von Tickets, Essen etc. der Gruppe helfen konnten. Untergebracht in Zweier- und Dreierzimmern und das erste Mal Gast in einem russischen Wohnheim, stellte sich vor allem bei denen, die Russland das erste Mal erlebten, innerhalb kurzer Zeit der erwartete Kulturschock ein, der sich im Laufe der Sommerschule wohl noch verstärkte, letztendlich aber doch merklich relativierte.

Im Wohnheim mit Iwan Nisowzew (grünes Hemd)

Im Wohnheim mit Iwan Nisowzew (grünes Hemd)

Im Programm der Sommerschule waren zuerst die Begrüßung durch den Schirmherren, Rektor Ansor Saralidze, und die Erkundung der Universität vorgesehen. Nach der ersten Besichtigung der Lokalitäten inklusive dem Einleben im Wohnheim startete das Programm der Sommerschule mit den notwendigen Sprachkursen, wobei in unserer Kleingruppe insgesamt sechs Kurse à 90 Minuten unterrichtet wurden. Neben den Sprachkursen erfolgten in Einzelsitzungen immer wieder Diskussionen und Exkurse zur russischen Jugendpolitik und komparatistischen Sprachwissenschaft. Auch wurden wir in Veranstaltungen, die die Besonderheiten und Historie der Oblast (Region) und der Stadt zum Thema hatten – wie traditionelle Malerei (am Lern- und Übungsobjekt Holzlöffel) – und in der Stadtgeschichte Wladimirs unterrichtet.

Vor der Demetrius-Kathedrale

Vor der Demetrius-Kathedrale

Neben diesen in der Universität durchgeführten Seminaren besichtigten wir die historische Altstadt Wladimirs und das Stadtmuseum im Goldenen Tor. Weiterhin wurden wir über die russischen Lebensmittelmärkte in der „Straße der Welt“ geleitet. Außerhalb Wladimirs umfasste die Sommerschule drei große Exkursionen nach Moskau, nach Bogoljubowo und nach Susdal. Die wohl nachhaltigsten Erfahrungen machte unsere Gruppe wohl aber auf einem zweitägigen Trip ins universitätseigene Lager „Politechnik“, das selbst für den gesündesten Rücken eine besondere Art der Belastungsprobe bereithielt. Im Camp – zu diesem Zeitpunkt von ausgewählten „Aktivisten“ der Universität, der russischen Ringermannschaft und einigen Universitätsmitarbeitern bevölkert – übernachteten wir in einer eigenen Hütte, mit zwei Räumen zur Trennung von Männlein und Weiblein. Duschkabinen und sanitäre Einrichtungen existierten im Umkreis dieser Hütte, ebenso eine öffentliche Speisung. Durch die in unvorstellbarer Anzahl vorhandenen Mücken, die katastrophalen Betten und die Wandzeichnungen, die Dekaden von studentischen Gästen vor uns an der Holzwand der Hütte hinterlassen hatten, aber auch dank dem Treffen mit Rektor Saralidze wird der Besuch des russischen Sommerlagers wohl lange in unserem Gedächtnis haften bleiben.

In den Marktreihen

In den Marktreihen

Über die Stadt Wladimir sind Sie durch den Blog ja bereits bestens informiert. Auch wurde hier schon darüber berichtet, dass die Universitätsstrukturen sich in den letzten Jahren gewandelt haben. Anstatt von zwei Universitäten (VlGU und die Pädagogische Universität) existiert mittlerweile nur noch eine (staatliche) Hochschule – die VlGU. Diese zeichnete sich nun zum dritten Mal als Gastgeber für Studenten aus, die zum Zweck der Fortbildung und zum besseren Verständnis zwischen den Kulturen in den Semesterferien an Hochschulkursen in den verschiedensten Bereichen teilgenommen haben. Die Kurse und der Austausch wurden dabei vom Büro für internationale Beziehungen in Person von Nadeschda Troschina und Ljubow Naumowa organisiert und vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) durch Stipendien unterstützt. Unsere Kontaktpersonen und Organisatoren vor Ort waren Jekaterina Wachromejewa, die die Sommerschule bereits im dritten Jahr begleitete, und Larissa Schastowa. Tatkräftig wurden sie dabei von Iwan Nisowzew unterstützt, der als ehemaliger Student und Mitarbeiter der VlGU am Lehrstuhl für Fremdsprachen nun in Jena studiert. Im Rahmen des DAAD-Programms wurden alle Studierenden gefördert, deren Studienschwerpunkt einen Bezugspunkt zur russischen Kultur oder den Studienfächern Psychologie, Pädagogik und Geschichte aufwies. Die Kosten für die Sommerschule, insgesamt 800 Euro exklusive An- und Abreise, wurden für alle Studierenden aus Fördermitteln des DAAD bezahlt. Diese umfassten dabei die Unterkunft, alle Gebühren für Seminare und Exkursionen einschließlich der Fahrtkosten sowie Frühstück, Mittag und Abendessen.

In der Moskauer Metro

In der Moskauer Metro

Fazit: Die Weiterbildungsmöglichkeit in der Erlangener Partnerstadt bietet für Studierende die kostengünstige Möglichkeit, Russland zu erleben. Dabei ist es vor allem hilfreich, dass die Universität sich um ihre Teilnehmerinnen und Teilnehmer auch wirklich bemüht, was sich im Abholservice am Flughafen, den geleiteten Exkursionen, dem persönlichen Kontakt mit den Organisatoren, zu dem auch ein „russischer Abend“ in den eigenen vier Wänden gehört, und in der vollständigen Übernahme jedweder bürokratischer Gänge äußert. Daneben ist die Sommerschule wohl vor allem für angehende Slawisten oder zur Vertiefung respektive Abrundung von Sprachkenntnissen zu empfehlen.

Vor der Staatlichen Universität Moskau

Vor der Staatlichen Universität Moskau

Was man allerdings wissen sollte, ist, dass man bei diesem Projekt auch auf Hindernisse stoßen kann. So ist der Kulturschock bei einem erstmaligen Russlandaufenthalt doch durchaus als groß zu bezeichnen, das Leben im Studentenwohnheim ebenfalls gewöhnungsbedürftig, manche Veranstaltungen, die im Plan vorhanden sind, können sich kurzfristig ändern, wobei natürlich immer auf die Wünsche und Bedürfnisse der Studierenden Rücksicht genommen wurde. Auch kommt man durch das straff organisierte Programm wenig mit den russischen Kommilitonen in Kontakt, was zusätzlich dadurch erschwert wird, dass zum Zeitpunkt der Sommerschule in Russland auch Semesterferien sind.

Abschiedsidylle an der Kljasma

Abschiedsidylle an der Kljasma

Alles in allem jedoch war die dreiwöchige Sommerschule 2013 ein Erlebnis, bei dem wir viele wertvolle Erfahrungen machen konnten. Durch die Förderung des DAAD stellt das Projekt eine kostengünstige Weiterbildung in einem anderen Land dar, das von Seiten unserer Studierenden noch viel zu selten genutzt wird. Für mich war es natürlich noch mehr als eine Sommerschule an der VlGU – drei  Wochen in Wladimir bedeuteten gleichzeitig ein Wiedersehen mit meiner alten Studienstadt, mit Bekannten und Freunden.

Philipp Schütze

Links: Im Lager „Politechnik“: http://is.gd/gNyzeY; Sommerschule des DAAD: http://is.gd/4JspW2; Fotoserie Verabschiedung: http://is.gd/Ro11Aa

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Philipp Schütze, der Student der FAU Erlangen-Nürnberg, dessen Studienjahr in Wladimir derzeit ausläuft, hat eine kurze Gegenüberstellung der materiellen Lage der russischen Intelligenz vorgelegt, die lesenswert ist.

Philipp Schütze mit OB Sergej Sacharow 2011 im Erlangen-Haus

Nach den Recherchen des angehenden Historikers sehen die Ausgangsdaten in der UdSSR der 30er Jahre, als man Wissenschaftler und Fachkräfte für den Aufbau des Sozialismus brauchte, wie folgt aus: Das monatliche Existenzminimum lag bei 110 Rbl., ein Student erhielt 175 Rbl. Stipendium, und ein Professor verdiente 1.500 Rbl. In den 80er Jahren, also noch vor dem Zerfall der Sowjetunion, veranschlagte man 80 Rbl. als Existenzminium, gewährte Studenten 40 Rbl. und entlohnte einen Professor mit 500 Rbl. Und nun die Zahlen für 2011 in der Russischen Föderation, das Jahr, in dem die Regierung wieder mehr in die Köpfe investieren wollte: Existenzminium – 6.500 Rbl., Stipendium – 1.500 Rbl., Professorengehalt – 20.000 Rbl.

Derzeit bekommt man für einen Euro gut 40 Rbl., russische Studenten haben also keine 40 Euro monatlich zur Verfügung und das bei einem offiziellen Existenzminimum von knapp 160 Euro. Schlimmer noch: Auch nach den Gehaltserhöhungen des Vorjahres bleiben alle Berufe im öffentlichen Dienst chronisch unterfinanziert. Ein Lehrer in einer russischen Dorfschule verdient 4.000 Rubel, also nicht einmal 100 Euro, und liegt damit unter dem Existenzminimum -trotz einer regulären und hochqualifizierten Arbeitsstelle (die Lehramtsausbildung ist an ein Studium gebunden).

Wie auch immer man es dreht – 70 % der Menschen arbeiten nach ihrem Studium nicht in ihrem Fach, knapp 80 % der ausgebildeten russischen Ingenieure verdienen ihr Geld wegen fehlender Arbeitsplätze und miesen Gehalts nicht in ihrem Beruf; nach der Promotion und als wissenschaftlicher Mitarbeiter hat man einen Monatsverdienst von etwa 150 Euro zu erwarten. Den Studenten fehlt die Zeit für ihr Studium, weil sie für ihr Essen arbeiten müssen. – Bildung hierzulande, so schließt Philipp Schütze seinen Bericht, sei „eine traurige Angelegenheit“.

Heinz Gerhäuser und Walentin Morosow 2011 in Wladimir

Unterdessen rätselt man in Wladimir seit einer Woche, ob Walentin Morosw, Rektor der Universität, nur eine Grippe auskuriert oder von seinem Posten abberufen wurde. Jedenfalls ist er seit der Jahreswende nicht mehr in seinem Amtszimmer erschienen. Offiziell heißt es, man habe keine Kenntnis von einem etwaigen Rücktritt oder einer Entlassung, allerdings dementiert man auch nicht die Gerüchte über eine Ablösung. Auch sie wäre übrigens eine traurige Angelegenheit, hat sich Walentin Morosow doch große Verdienste um die Zusammenarbeit mit der FAU und insbesondere mit dem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen erworben. Aber warten wir es ab: Es gibt sicher auch bald wieder von erfreulichen Dingen zu berichten.

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Nun geht es bald zu Ende, das Auslandsjahr des FAU-Studenten Philipp Schütze. Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen. Die legt der geborene Thüringer in seinem lesenswerten Blog mittlerweile auch vor, doch da trotz Link im Blogroll nicht davon auszugehen ist, daß den alle regelmäßig verfolgen, hier als C&P der Bericht über das Gespräch von Philipp Schütze mit dem Prorektor der Staatlichen Universität Wladimir, Sergej Mosin, das am 2. Dezember stattgefunden hat:

Durch Peter Steger vermittelt, erfolgte heute mein Treffen mit dem Prorektor der Staatlichen Universität Wladimir. Das Thema: Meine Erfahrungen mit dem russischen Universitätssystem und die Verbesserung des studentischen Austauschs mit der FAU Erlangen-Nürnberg, der Partneruniversität.

Dabei war mein Anliegen natürlich, über meine Zeit in Wladimir zu erzählen und aus persönlichem Interesse nach dem Entwicklungsprozess der Bachelor- und Masterstudiengänge in Russland zu fragen.

Sein Anliegen bestand neben dem persönlichen Kennenlernen eines Austauschstudenten aus Deutschland darin, zu wissen, wie man den Studentenaustausch verbessern kann.

Philipp Schütze und Sergej Mosin

Wir gingen damit auseinander, dass es natürlich die Aufgabe der Studenten ist, ihre Erfahrungen in Russland in Deutschland zu kommunizieren, dass aber auch vermehrte Bemühungen der Wladimirer Staatlichen Universität unternommen werden sollten, um ausländische Studenten auf Wladimir aufmerksam zu machen. Was er vorschlug, war ein Film, der von der Universität Wladimir produziert werden soll, um  in deutscher und russischer Ausfertigung Studenten in Russland und Deutschland auf die jeweiligen Universitäten aufmerksam zu machen. Vielleicht werde ich darin noch eine Rolle spielen…

Hier aber eine kleine Auflistung der Pros und Contras eines Studiums in Wladimir:

Pro:

– kleine Klassen mit familiärer Lernatmosphäre;

– große Unterstützung durch die Koordinatoren aus Erlangen und aus Wladimir;

– Unterstützung bei den organisatorischen Vorbereitungen (Visa, Einladung, etc.);

– kleine Sprachkurse (teilweise Einzelunterricht, Gebühren abhängig von Häufigkeit);

– internationales Umfeld im ausländischen Studentenwohnheim.

Contra:

– Sprachbarriere größer als in anderen Staaten, da auch Englisch so gut wie nicht gesprochen wird;

– kein flächendeckendes Stipendiensystem, keine Unterstützung durch den zentralen DAAD (wenn, dann durch dezentrale DAAD-Promos-Stipendien);

– die Universität erfüllt vor allem, was die Motivation der Studenten, die Infrastruktur und die Bibliotheksausstattung angeht, keine west- und mitteleuropäischen Standards;

Und um die Uni in Deutschland bekannter zu machen, wird noch etwas Arbeit erforderlich sein – ich werde mich wohl irgendwann um den Wikipedia-Artikel kümmern.

Wir werten das als ein Versprechen und hoffen, daß nach der erfolgreichen Pionierarbeit von Philipp Schütze noch viele weitere Studenten der FAU ihren Weg nach Wladimir finden.

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