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Posts Tagged ‘Stefan Barth’


Es herrscht ja gottlob kein Mangel an Zeichen und Gesten der Verständigung zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir. Aber was da am Mittwoch beim Abschiedsabend für die Gäste aus dem Erlangen-Haus im Club International der Volkshochschule seinen ebenso symbolischen wie handwerklichen Anfang nahm, dürfte eine besondere Strahlkraft entwickeln.

Reinhard Beer mit Ludmila Safronowa, Soja Ilina und Weronika Rytschkowa, dem Siegertrio

Doch der Reihe nach. Es gehört zum guten Brauch, die mittlerweile elfte Gruppe von Teilnehmern an den Deutschkursen des Erlangen-Hauses  im Club International der Volkshochschule mit einem bunten Abend zu verabschieden, den die Gäste einfallsreich mitgestalten und der Gelegenheit bietet, all denen zu danken, die den Besuchern für zwei Wochen ihre Türen öffneten und Familienanschluß boten. Fester Bestandteil dieses geselligen Beisammenseins ist immer eine von Reinhard Beer, dem Spirtus rector dieses Austausches, ersonnene Stadtrallye mit immer wieder neuen Fragen zu Geschichte und Gegenwart, dieses Mal mit einem weiblichen Trio auf dem Siegerpodest mit einem Allzeit-Rekordergebnis: 19 von 20 möglichen Punkten.

Robert Lerch, Gerhard Willner und Sabine Wellhöfer mit Elisabeth Preuß

Aber es gab auch eine Premiere. Seit 2011 ist die Erlanger Volkshochschule Prüfungszentrum für die russische Sprache, die einzige in ganz Bayern, nachdem Freising das Angebot mittlerweile aus dem Programm nahm. Eine sechsköpfige Gruppe legte dieser Tage die telc-Prüfungen auf der Stufe A1 ab, ausnahmslos erfolgreich, und so lag nahe, das an dem Abend anwesende Trio vorzustellen und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß – sie hatte zu Gunsten dieser Veranstaltung auf das Konzert „Klassik am See“ verzichtet – um Überreichung der Urkunden zu bitten.

Natalia Kaiser, Natalia Korssakowa, Tatjana Kirssanowa und Jekaterina Korschofski

Anwesend neben den beiden Deutschdozentinnen aus dem Erlangen-Haus, Tatjana Kirssanowa und Natalia Korssakowa, auch Natalia Kaiser und Jekaterina Korschofski, die erfolgreich Russisch an der Volkshochschule unterrichten. Ein Bild, das keiner weiteren Kommentare bedarf, weder auf Russisch noch auf Deutsch, es spricht für sich.

Gäste und Gastgeber im Club International

Eigentlich tut es auch dieses Bild, wo Gäste und Gastgeber so bunt gemischt sind, wie man sich das nur wünschen kann. Dennoch, so gefährlich es sein mag, weil man doch immer jemanden vergessen könnte, Elisabeth Preuß wagt es, namentlich zu danken: Markus Bassenhorst und Reinhard Beer sowie Heide Thies, der bewährten Dozentin, für die Volkshochschule, Gerhard Kreitz für den Freundeskreis Wladimir, den gastgebenden Familien. Der Chronist bürgt erst recht nicht für Vollständigkeit…

Gemischter Wladimirer Chor mit Stefan Barth, dritter v.l.

Tatjana Kirssanowa, sichtlich bewegt, tut das auf ihre Weise – mit der Regie für den weiteren Ablauf des Abends und den Worten: „Wir lassen unsre Herzen hier, wenn wir morgen wieder nach Wladimir fahren!“ Schon erstaunlich, was die Gäste da alles innerhalb der knappen zwei Wochen vorzubereiten verstanden: Ein Ständchen, ein Stück am Klavier, Präsentationen zu Traditionen und Trends der Russen…

Kochkurs „Wladimirer Pfannkuchen“ mit Heide Thies links im Vordergrund

Und dann die Arbeitskreise. Schaukochen, ein Quiz, ein Malkurs und dann eben jenes bestrickende Symbol, von dem eingangs die Rede war: ein Freundschaftsschal.

Russisches Quiz

Diese Handarbeit, deren erste Maschen Tatjana Krutogolowa, Nachtwächterin im Erlangen-Haus, und Gerhard Kreitz, Sprecher des Freundeskreises Wladimir, gemeinsam anschlugen, soll nun in der Partnerstadt von den deutschen Gästen – zusammen mit den russischen Freunden – fortgesetzt werden. Welch schönes Versprechen für die Zukunft!

Beobachtet von Marina Bit-Ischo stricken Tatjana Krutogolowa und Gerhard Kreitz am Freundschaftsschal

In die Zukunft gerichtet war dann auch noch der Besuch im Deutsch-Französischen Institut am gestrigen Vormittag, wenige Stunden vor der Heimreise. Linda Lahner nahm sich eine ganze Stunde Zeit, um ihren russischen Kolleginnen das pädagogische und kulturelle Angebot – mit allen Unterschieden wie Parallelen zu Wladimir – vorzustellen. Und schon entstanden neue Ideen für das Programm am Erlangen-Haus, etwa eine mögliche Zusammenarbeit mit einem Kindergarten oder eine engere Kooperation mit der Universität. Besonders beeindruckt aber waren die beiden Besucherinnen von der Mediathek für Kinder. Man wird sehen, ob und wie sich dies und das auch in Wladimir umsetzen ließe.

Linda Lahner, Natalia Korssakowa und Tatjana Kirssanowa

Ein Schlußwort? Vielleicht genügt der Hinweis darauf, wie ernst dieses Austauschprojekt in Erlangen genommen wird. Zur Eröffnung kam Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, zum Abschiedsabend erschien ihre Kollegin, Elisabeth Preuß; VHS-Leiter Markus Bassenhorst besuchte beide Veranstaltungen und ließ sich dazwischen immer wieder sehen, von Reinhard Beer und dem Freundeskreis Wladimir, für das Aufenthaltsprogramm und die Unterbringung verantwortlich, ganz zu schweigen. Wladimir ist eben in Erlangen Herzenssache – und nun lassen die Wladimirer auch noch ihre Herzen in Erlangen zurück.

Gerhild Fabian und Soja Ilina, gesehen von Georg Kaczmarek

Wer wollte daran noch zweifeln, angesichts dieses Bildes: Wenn Abschiedstränen sprechen könnten…

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Ein großer Erfolg, die Kultur- und Sporttage der Stadt Erlangen vom 7. bis 13. September 1986 in Wladimir

Da rückte der schon rein zahlenmäßig bisher bedeutsamste Erlanger Besuch in Wladimir näher, die Erlanger Kultur- und Sporttage vom 7. bis 13. September 1986 in Wladimir. Eine Reisegruppe mit 1o6 Personen aus Erlangen und Umgebung ging erwartungsvoll auf die Reise in die inzwischen manchem durchaus schon vertraute, zukünftige Partnerstadt: An der Spitze der Oberbürgermeister mit Vertretern nunmehr aller Stadtratsfraktionen (die CSU-Fraktion vertrat Stadtrat Professor Dr. Erwin Wolf), dem Kulturreferenten und mit Frau Professor Fairy von Lilienfeldt, einem Mitglied der Universität. Der Sport (35 Personen) war mit Volleyball, Trampolin, Schach, Schwimmen und Tanzen dabei, die Kultur (47 Personen) mit dem städtischen Theater, dem Puppentheater Mechelwind, der Jazzgruppe Nardis, der E-Werk Band und der Volksmusikgruppe die „Burgbergler“. Werner Heider und das Klavierduo Vivien und Dirk Keilhack musizierten. Der Kunstverein präsentierte bildende Kunst – u.a. Christian Mannhardt mit einer Einzelausstellung – und die Schriftsteller Inge Meidinger-Geise, Gerd Ruge und Habib Bektas lasen aus ihren Werken.

Vivienne und Dirk Keilhack

Vivienne und Dirk Keilhack

Die Eröffnungsveranstaltung im vollbesetzten Schauspielhaus begann mit engagierten Reden der beiden Oberbürgermeister. Michail Swonarjow betonte die Bedeutung dieses Städtekontaktes gerade angesichts der damaligen gespannten politischen Großwetterlage, Dietmar Hahlweg hob das gemeinsame Bemühen um eine Zukunft in Frieden und Freiheit hervor. Nach den EN vom 17.09.86 hatte die Zeremonie fast den Anstrich eines Staatsaktes. „Beide Oberbürgermeister sprachen unter den Flaggen ihrer Staaten, die symbolisch verbunden waren durch die Aufschrift „Frieden“ in russisch und deutsch. Dazu erklangen noch nach den Reden der zwei Oberbürgermeister die Nationalhymnen“. Das sich daran anschließende Kulturprogramm moderierte der Erlanger Kulturreferent Wolf Peter Schnetz, als Dolmetscher fungierte Professor Wiktor Malygin. Besonders große Resonanz bei den Wladimirern fand bei einer abendlichen Freiluftveranstaltung im Stadtpark das Figurentheater Mechelwind mit seinem magischen Feuerspektakel „Kampf mit dem Drachen“. Michael Swonarjow war wie alle anderen Anwesenden davon so begeistert, daß er seinen Erlanger Kollegen am Arm packte und für ein kurzes Grußwort ans Mikrofon zog. Der wiederholte als Hauptanliegen: Frieden aber eben auch Freiheit.

Neben dem vielgestaltigen Kultur- und Sportprogramm war Teil des Programms auch eine Diskussion zum Thema „Die aktuellen Friedensprobleme, Sicherheitsfragen und die Zusammenarbeit zwischen den Völkern“, veranstaltet von der „Wladimirer Abteilung der Gesellschaft UdSSR-BRD“ und ihrem Vorsitzenden, dem Historiker Professor Dmitrij Makejew. Hier saß, wie die Erlanger Nachrichten schrieben, der Erlanger Delegation die politische und geistige Prominenz der Stadt gegenüber. An der teils kontroversen Diskussion beteiligten sich u.a. auch Fairy von Lilienfeldt, Inhaberin des Lehrstuhls für Orthodoxe Theologie an der Universität Erlangen – Nürnberg und profunde Wladimir-Kennerin, sowie die Stadträte Dr. Rudolf Schwarzenbach (SPD) und Prof. Erwin Wolf (CSU). Letzterer, laut Erlanger Nachrichten „ein Mann, der einer Städtepartnerschaft mit Wladimir – um es gelinde auszudrücken – abwartend gegenüberstand“, erklärte beim Abschiedsessen, er werde sich nach dem hier Erlebten nunmehr in der CSU-Fraktion für die Partnerschaft einsetzten.

„Unsere Erwartungen wurden weit übertroffen“. Dieses Fazit zog laut Erlanger Nachrichten vom 17.09.1986 Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg bei der Abschlußveranstaltung der Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir. „Nicht nur der rauschende Erfolg“, so die EN weiter, „sondern auch die Offenheit und Herzlichkeit, die der Erlanger Delegation entgegengebracht wurden, fegten alle Skepsis über den Sinn einer Partnerschaft mit der russischen Stadt beiseite. Sie soll im nächsten Jahr offiziell besiegelt werden. Das ist das erklärte Ziel beider Seiten“.

Die offizielle Besiegelung der Städtepartnerschaft im Rahmen der Wladimirer Kultur- und Sporttage vom 29. Mai bis 4. Juni 1987 in Erlangen

Zu diesem Höhepunkt in der noch jungen Partnerschaftsgeschichte kamen 80 Wladimirer aus Politik, Kirche, Universität, Kultur und Sport mit Oberbürgermeister Michail Swonarjow an der Spitze nach Erlangen. Für die Orthodoxe Kirche war der Sekretär des Wladimirer Bischofs, Michail Kyrill angereist, für die Pädagogische Hochschule deren Rektor Dmitrij Makejew. Die Kultur war vertreten durch die Gesangs- und Tanzgruppe „Rus“, die Jazzcombo „Freski“, den Akkordeonisten Dmitrij Sacharow, die Sängerin Tatjana Bogdanowa und die Schauspieler Nikolaj Gorochow und Leonid Solowjow sowie ein Mitglied der Wladimirer Künstlervereinigung und den Schriftsteller Gennadij Nikiforow. Den Sport vertraten prominente Mitglieder der herausragenden Wladimirer Turnerschule, von der Damen-Jugendnationalmannschaft Swetlana Mironowa und Natalia Petrowa sowie von den Herren die beiden Weltmeister Jurij Koroljow und Wladimir Artjomow, die schon bei ihrem ersten Besuch in Erlangen, im Dezember 1984, die Erlanger begeistert hatten, zudem die Damen-Volleyballmannschaft des Pädagogischen Instituts und fünf Sporttänzer.

Die Eröffnung im Markgrafentheater am Ankunftstag begann mit Reden der beiden Oberbürgermeister. Dietmar Hahlweg sprach vom Glanzpunkt einer ereignisreichen Verlobungszeit, sein Kollege, Michail Swonarjow, sagte – ohne Generalsekretär Gorbatschow namentlich zu erwähnen -, das sowjetische Volk erlebe eine interessante Zeit, und die Demokratie in seinem Land gewinne an Bedeutung. Dem folgte ein Grußwort von Erwin Essl, München, dem ersten Vorsitzenden der Bayerischen Gesellschaft zur Förderung der deutsch-sowjetischen Zusammenarbeit, der als Vermittler bei den einschlägigen Vorgesprächen in Moskau 1981 entscheidenden Anteil am Zustandekommen dieser Partnerschaft hatte. Sodann gestalteten Solisten und Ensembles aus Wladimir den, wie die Presse schrieb, „furiosen Auftakt der Wladimirer Tage in Erlangen“. Die Schlußszene vereinte, wie die Erlanger Nachrichten vermerkten, alle Mitwirkenden auf der Bühne, die singend, spielend und tanzend das Publikum begeistert hatten. Das Gesangs-und Tanzensemble Rus, das am Tag danach in der ausverkauften Stadthalle auftrat, folgte übrigens noch am Eröffnungsabend der Einladung zu einer Hochzeitsfeier in dem ländlich geprägten Erlanger Ortsteil Kriegenbrunn und nahm, von den Gästen bejubelt, daran bis Mitternacht teil. Der frisch vermählte Ehemann hatte selbst vor wenigen Jahren an einer Bürgerreise nach Wladimir teilgenommen.

Einen spannenden Verlauf nahm die Podiumsdiskussion im Kleinen Saal der Stadthalle zum Thema „Was heißt neues Denken?“ . Für Wladimir diskutierten Oberbürgermeister Swonarjow und der Prorektor der Pädagogischen Hochschule Wladimir, Dmitrij Makejew, auf Erlanger Seite Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Prof. Dr. Karl-Heinz Ruffmann von der FAU. Die Diskussion moderierte der Veranstalter, Volkshochschulleiter, Klaus Wrobel. Die Erlanger Nachrichten vom 03.06.1987 schrieben dazu:

„Sie stellen ziemlich spitze Fragen, seufzte der Geschichtsprofessor D. A. Makejew aus Wladimir nach zweieinhalb Stunden anstrengender Diskussion, und Michail Swonarjow fühlte sich ebenfalls „in die Defensive gedrängt“. Zimperlich ging das Publikum in dem Kleinen Saal der Stadthalle mit den sowjetischen Gästen, die auf dem Podium über Glasnost (Offenheit), Perestrojka und Kremelchefs Gorbatschow „neues Denken“ Auskunft gaben, wirklich nicht um. Mit Erlangen hat sich Wladimir einen freundlichen, gleichzeitig aber hellwachen und kritischen Partner ausgesucht. (…) Nach längerer Debatte über die Vermutung von Oberbürgermeister Hahlweg, daß Moskau möglicherweise das Ziel der Weltrevolution aufgegeben habe, einigten sich Erlanger und Wladimirer auf einen von Prof. Ruffmann angebotenen Kompromiß: „Die Sowjets sind keine Weltrevolutionäre, und die Deutschen sind keine Revanchisten. Das war etwas holzschnittartig, zur Versöhnung zwischen den nicht nur räumlich weit auseinanderliegenden Partnerstädten trug es aber gleichwohl bei . “Sie sehen in uns vielleicht Revoluzzer und rote Agitatoren“, meinte der Historiker Makajew, „aber wir hatten nach 1945 auch bei dem Wort Deutsche ganz bestimmte Assoziationen.“ Er glaube fest daran, daß die Zeit kommt in der wir zueinander Freunde sagen können.“ Pater Kyrill, ein Priester der russisch-orthodoxen Kirche aus Wladimir, hatte während der Diskussion geschwiegen, “weil christliche Belange hier kaum eine Rolle spielten.“ Am Schluß äußerte er dennoch zwei Wünsche: daß im Rahmen des Partnerschaftsvertrages auch Geistliche ausgetauscht werden, “und daß unsere Kinder nie mehr gegeneinander kämpfen – es sei denn, über das Mikrofon“.

Auch alle weiteren Veranstaltungen, vom Schauturnen mit den Wladimirer Weltmeistern in der Vierfachhalle über die Tanzveranstaltung in der Stadthalle, von der Aufführung im Garagentheater über die Schriftstellerbegegnung im Kulturtreff, vom Jazz-Konzert im E-Werk bis zum gemeinsamen Ausflug mit der Dampfbahn nach Behringersmühle im Wiesenttal, sie alle waren von großem gegenseitigen Interesse geprägt, aber auch von einer erstaunlichen Unbefangenheit und Vertrautheit. Das lag wohl daran, dass sich durch den Austausch in den zurückliegenden vier Jahren doch schon relativ viele Menschen in Wladimir und Erlangen kennengelernt und Vertrauen zueinander gefunden hatten und auch die anderen sehr schnell das Gefühl bekamen, hier bei Befreundeten zu Besuch und höchst willkommen zu sein.

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dieter Habermeier, Fränkische Schweiz 1987

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dieter Habermeier, Fränkische Schweiz 1984

Einstimmiger Beschluß und Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages am 03.06.1987

Der Höhepunkt des Besuchsprogramms, die Sondersitzung des Erlanger Stadtrates mit Beschluß und Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages am 3. Juni 1987, stand somit auf dem soliden Fundament des auf dem Engagement vieler in vier Jahren Gewachsenen. Erfreulicherweise konnte dieser offizielle Partnerschaftsbeschluß nun einstimmig gefaßt werden. Auch die CSU-Fraktion, die lange gezögert hatte, stimmte zu. Das entsprach der in Erlangen in internationalen Angelegenheiten bis dahin bewährten Praxis, die der Oberbürgermeister gerade auch bei dieser so wichtigen Partnerschaft gewahrt sehen wollte. Anzuerkennen ist die Geduld der damaligen Stadtratsmehrheit und vor allem auch das Verständnis der Partner in Wladimir, die, im Wissen um den schwierigen Meinungsbildungsprozeß in der CSU, mit dem Zuwarten einverstanden waren, obwohl sie den offiziellen Partnerschaftsvertrag auch schon 1984 für entscheidungsreif angesehen hatten.

Nun war es also so weit. Oberbürgermeister Hahlweg betonte zu Beginn der Aussprache noch einmal, wie wir in Erlangen bei der Aussöhnung und Verständigung mit unseren östlichen Nachbarn mitwirken und den uns möglichen Beitrag leisten wollten. Die 1981 in Moskau angefragte Kontaktmöglichkeit zu einer Stadt in der Sowjetunion und die dann nach dem Angebot der Stadt Wladimir seit 1983 stattgefundenen gegenseitigen Besuche und Begegnungen hätten
„unsere kühnsten Erwartungen und leidenschaftlichen Hoffnungen“ weit übertroffen. Schon in relativ kurzer Zeit sei klar geworden, daß dieser Städtekontakt trotz weiter Entfernung, trotz Sprachschwierigkeiten und trotz unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen „auf dem besten Weg zu einer lebendigen Bürgerpartnerschaft ist“. Zusätzliche Entfaltungsmöglichkeiten für solche deutsch-sowjetischen Städtekontakte könne die neue Entwicklung in der Sowjetunion bieten, welche durch die Begriffe „Perestroika“ (Umgestaltung) und „Glasnost“  (Offenheit / Transparenz) geprägt sei. Dem stimmten die Sprecher der SPD, der FDP und der Grünen voll zu. Der Vorsitzende der CSU-Fraktion, Gerd Lohwasser, verwies nochmals auf die ursprünglichen Bedenken seiner Fraktion, signalisiert dann aber klare Zustimmung. Vor der dann anstehenden Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde erinnerte auch Wladimirs Oberbürgermeister, Michail Swonarjow, in seinem Grußwort an die Neuerungen unter Parteichef Michail Gorbatschow und an dessen Abrüstungsinitiativen. Die Städtepartnerschaft könne in diesem Rahmen einen Beitrag zu Frieden, Aussöhnung und Völkerverständigung leisten und helfen, “eine gemeinsame Sprache bei der Lösung komplizierter Probleme zu finden“. Die Partnerschaftsurkunde hat folgenden Wortlaut:

1. Die Städte Erlangen und Wladimir begründen feierlich eine Städtepartnerschaft.
2. Es ist ihr gemeinsamer fester Wille, mit engen und vielfältigen Kontakten die Bürger beider Städte freundschaftlich miteinander zu verbinden und damit zur gegenseitigen Verständigung unter den Völkern und zu einem gesicherten und dauerhaften Frieden beizutragen.
3. Auf der Basis von Gegenseitigkeit und Ausgewogenheit verpflichten sich beide Städte, die Beziehungen auf kulturellem, wirtschaftlichem, sportlichem und kommunalpolitischem Gebiet so intensiv wie möglich zu gestalten. Dabei gilt den Kontakten junger Menschen die besondere Aufmerksamkeit der Partner.
4. Die an partnerschaftlichen Beziehungen interessierten Organisationen, Betriebe und Vereine entwickeln ihre Aktivitäten unter Berücksichtigung dieser Vereinbarung und in gegenseitiger Abstimmung.
5. Konkrete Absprachen über Maßnahmen werden jeweils für zwei bis drei Jahre getroffen.
6. Diese Vereinbarung gilt unbefristet und ist auf Deutsch und Russisch ausgefertigt.

Gemäß dieses Partnerschaftsvertrages, der am 4. Juli 1987 auch die volle Zustimmung des Stadtrates in Wladimir fand, wurden gleich konkrete Absprachen für die nächsten Jahre getroffen. So würde neben weiteren Begegnungen zwischen Kultur- und Sportverbänden ein Schwerpunkt auf dem Austausch von Studenten und Dozenten mit dem Ziel der Überwindung von Sprachbarrieren liegen.

Schluß und Ausblick

Vom bemerkenswerten Schwung der Anfangsjahre zur inzwischen über dreißigjährigen mehrfach ausgezeichneten, modellhaften Bürgerpartnerschaft – und dies mit neuer Bedeutung

Auch in der Rückschau ist es bemerkenswert, daß das, was vielen anfangs utopisch erschien, nämlich eine lebendige Bürgerpartnerschaft zwischen einer deutschen und einer russischen Stadt, innerhalb von nur vier Jahren beglückend erfolgreichen in Fahrt kam. Diese Anfangsphase ist sehr gut schriftlich festgehalten worden, einmal von den Erlanger Nachrichten, besonders dem Mitglied der ersten Delegation, Peter Millian, aber auch von Klaus Springen, Karin Rokos und Udo B. Greiner, zudem in Dokumentationen vom Bürgermeister- und Presseamt – hier durch Herbert Lerche, der als Beauftragter für die Partnerschaft auch den „Arbeitskreis Wladimir“ bei der VHS betreute – und vom Kulturamt durch Georg Leipold. Vorreiter für die gezielt angestrebten Bürgerkontakte und deren weitere Begleitung war die Volkshochschule Erlangen mit ihrem Leiter, Dr. Klaus Wrobel.

Die Gründe für den erstaunlichen Anfangserfolg sind vielfältig. Dazu gehören die spontane Sympathie füreinander und das gegenseitige Vertrauen der engeren Beteiligten schon beim ersten Treffen im Juli 1983; dann aber ebenso die große Aufgeschlossenheit vieler Erlanger, die die neuen Kontaktmöglichkeiten freudig nutzten und durchgängig von der großen Gastfreundschaft und Herzlichkeit der Kontaktpartner in Wladimir überwältigt waren.

Die Entwicklung lief nach Abschluß des offiziellen Partnerschaftsvertrages ungebremst weiter; die Vielfalt und Vielzahl der Kontakte, Projekte und zeitweise von Hilfsaktionen nahmen weiter zu. Großen Anteil an diesem Erfolg hat Peter Steger, der nach zweijähriger ehrenamtlicher Tätigkeit ab 1987 dann hauptamtlich, aber zunächst befristet, im Bürgermeister- und Presseamt die Pflege der Städtepartnerschaft mit Wladimir übernahm. Eine Idealbesetzung, wie sich bald herausstellte. Der gelernte Slawist mit hervorragenden Kenntnissen der russischen Sprache schaffte es in kurzer Zeit, nicht nur das Vertrauen der Erlanger, sondern ebenso der Wladimirer zu gewinnen. Nachdem auch die jeweiligen Nachfolger des Gründungsduos Michail Swonarjow und Dietmar Hahlweg im Amt des Oberbürgermeisters gute persönliche Kontakte pflegten und das große Interesse aneinander in beiden Städten auf hohem Niveau erhalten blieb, entwickelte sich die Partnerschaft weiter gut. Zum starken Stützpfeiler und Kristallisationspunkt der Partnerschaft wurde seit 1995 das Erlangen-Haus in Wladimir, um dessen Entstehen sich in Wladimir Oberbürgermeister Igor Schamow und in Erlangen der berufsmäßige Stadtrat Rudolf Schwarzenbach und Helmut Eichler als baulicher Leiter und Motor des schwierigen Sanierungsprojektes besonders verdient gemacht haben. Die Verantwortung für die verwaltungsmäßige Abwicklung der vielfältigen Partnerschaftangelegenheiten lag von 1986 bis 2012 in den zuverlässigen und dabei doch flexiblen und unbürokratischen Händen des Leiters des Bürgermeister- und Presseamtes, Helmut Schmitt.

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Dietmar Hahlweg und Helmut Schmitt

Wegen ihrer nachhaltig positiven Entwicklung ist die lebendige Bürgerpartnerschaft Erlangen – Wladimir mehrmals ausgezeichnet worden. So besonders ehrenvoll 2002 durch den damaligen Bundespräsidenten Rau mit dem „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“. Laudatorin Gabriele Krone-Schmalz sprach dabei vom „leuchtenden Beispiel“ einer Städtepartnerschaft.

Die Aussichten, daß es so weitergeht, sind grundsätzlich gut. Die lokale Volksdiplomatie wird sogar, wie in der Anfangsphase, als immer wieder von der angespannte international Lage die Rede war, jetzt im Verhältnis Rußland – Deutschland wieder besonders dringend gebraucht. So froh und stolz wir auf kommunaler Ebene auf das sind, was wir in den vergangenen 30 Jahren zur Aussöhnung und zum dauerhaften Frieden mit Rußland beitragen konnten, so sehr bedrückt uns die nicht mehr für möglich gehaltene fortschreitende Entfremdung im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise. Unser aller sehnlichster Wunsch ist daher eine möglichst schnelle Lösung auf strikt diplomatischem Wege. Dabei kann, will und muß unsere Städtefreundschaft mithelfen.

Dr. Dietmar Hahlweg
Altoberbürgermeister

Quellen
Erlangen-Wladimir/UdSSR, Dokumentation eines Städtekontaktes, Stadt Erlangen, Bürgermeister- und Presseamt, Erlangen, im Juli 1984

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Dank der „Wiedervorlage“ von Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg kann heute an ein für die Städtepartnerschaft historisches Ereignis erinnert werden: Gestern von 30 Jahren ist der erste offizielle Besucher aus Wladimir in Erlangen eingetroffen. Mit der Ausstellung „Wladimir grüßt recht herzlich“ im Gepäck  – und der Sorge um den Frieden auf dem Herzen.

Ursula Leonhardt, Dietmar Hahlweg, Jurij Fjodorow und Ludmila Holub bei der Ausstellungseröffnung im Rathausfoyer

Ursula Leonhardt, Dietmar Hahlweg, Jurij Fjodorow und Ludmila Holub bei der Ausstellungseröffnung im Rathausfoyer. Photo: Bernd Böhner

Jurij Fjodorow, seinerzeit stellvertretender Bürgermeister der Partnerstadt und während seiner ganzen späteren politischen Karriere der Kärrner dieser bis heute so lebendigen Bürgerpartnerschaft, kam vom 25. April bis 2. Mai 1984 als Friedensbote nach Erlangen – und als Kundschafter des guten Willens, der dem Geist der Zusammenarbeit sein Gesicht verlieh und kraft seinen Erfahrungen bei den noch weithin fremden und fernen Freunden zu Hause die Empfehlung gab, die Kontakte zu den Menschen in jener friedensbereiten BRD-Stadt mit Leben zu erfüllen.

Ludmila Holub, Heide Mattischeck und Jurij Fjodorow

Ludmila Holub, Heide Mattischeck und Jurij Fjodorow

Die Erlanger Nachrichten zitierten den Gast  aus der Sowjetunion in ihrer Ausgabe vom 28./29. April 1984 mit dem Worten, der Weg zum Frieden liege in der gegenseitigen Verständigung. Und „diesem guten Ziel“, so der Sekretär des Exekutivkomitees, wie damals sein Titel lautete, „entsprechen die Partnerschaftsbeziehungen zwischen Erlangen und Wladimir.“ Noch war die Partnerschaft nur in Vorbereitung, noch in der Verlobungsphase. Aber Wladimir war Erlangens Wunschpartner für das von Dietmar Hahlweg so geschickt wie vorausschauend initiierte Versöhnungswerk. Noch gab es Vorbehalte auf beiden Seiten, Bedenken. Man erinnere sich: Es herrschte Kalter Krieg. Michail Gorbatschow war zwar schon Mitglied des Politbüros, war aber vor 30 Jahren im Ausland noch kaum bekannt, obwohl ihn Margaret Thatcher offenbar schon als vertrauenswürdig erkannte: „I like Mr. Gorbachev. We can do business together“, ist von ihr überliefert.

Heide Mattischeck, Erich Mondon, Jurij Fjodorow, Ludmila Holub und Claus Uhl auf dem Rathausdach

Heide Mattischeck, Erich Mondon, Jurij Fjodorow, Ludmila Holub und Claus Uhl auf dem Rathausdach

Auch Dietmar Hahlweg faßt damals Vertrauen zu dem Emissär vom Goldenen Ring, und man mochte sich. Man wollte etwas gemeinsam unternehmen und darauf hinarbeiten, auch die Zweifler vom Sinn der Partnerschaft zu überzeugen, bis sie dann 1987 auch urkundlich begründet werden konnte. In den Herzen der Väter und Mütter dieses Verständigungsprojekts auf beiden Seiten hatte die gute Sache freilich schon 1983 mit dem Besuch der ersten offiziellen Delegation aus Erlangen in Wladimir begonnen.

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dietmar Habermeier in der Fränkischen Schweiz

Jurij Fjodorow, Heide Mattischeck, Stefan Barth und Dietmar Habermeier in der Fränkischen Schweiz. Photo: Bernd Böhner

In einer Zeit, als parallel zur Entspannungspolitik die Nachrüstung mit Pershing II-Raketen betrieben wurde, was Jurij Fjodorow zu der Mahnung veranlaßte: „Waffen schaden!“ Während eines Treffens mit dem Arbeitskreis „Partnerschaft mit Wladimir“ an der VHS sprach der Gast sogar von einer „Belastung“ angesichts der Stationierung von amerikanischen Marschflugkörpern auf dem Gebiet der BRD, gerichtet gegen die Sowjetunion. Doch als Klaus Wrobel, Leiter der Volkshochschule und beherzter Befürworter der Zusammenarbeit mit Wladimir, nachfragte, ob der Partnerschaftsgedanke unter diesen militärischen Voraussetzungen Schaden nehmen könne, erwiderte der Funktionär entwaffnend offen: „Regierungen kommen und gehen, die Völker aber bleiben bestehen.“

Jurij Fjodorow, Ludmila Holub, Heide Mattischeck und Stefan Barth in der Fränkischen Schweiz

Jurij Fjodorow, Ludmila Holub, Heide Mattischeck und Stefan Barth in der Fränkischen Schweiz

Jurij Fjodorow betonte zwar den „inoffiziellen Charakter“ seiner Mission, aber den Gastgabern war klar, wie entscheidend dessen erste Eindrücke von Erlangen für die weitere Entwicklung der Beziehungen sein würden. Und so gab sich das Team um Dietmar Hahlweg, unterstützt durch die viel zu früh verstorbene Dolmetscherin Ludmila Holub, die stets mit einem bezaubernden Lächeln das richtige Wort in beiden Sprachen fand,  denn auch alle erdenkliche Mühe, den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu gestalten. Etwas, worum man sich bis heute in dieser guten Tradition bemüht.

Waldspaziergang in der Fränkischen Schweiz mit Heide Mattischeck, Ludmila Holub, Stefan Barth und Jurij Fjodorow

Waldspaziergang in der Fränkischen Schweiz mit Heide Mattischeck, Ludmila Holub, Stefan Barth und Jurij Fjodorow

In der kleinen Welt der Partnerschaft haben längst Frieden und Verständigung Einzug gehalten. Auch und gerade – wovon im Blog vielfach die Rede war und ist – unter den einstigen Kriegsgegnern. Doch die große Welt der Poltik gerät aus den Fugen, verliert das Gleichgewicht, taumelt besinnungslos einer Konfrontation entgegen, scheinbar unaufhaltsam. Eine Entwicklung, die so niemand für möglich gehalten hätte im Nachkriegseuropa, in der so stabil geglaubten Friedensordnung.

Heide Mattischeck und Ludmila Holub mit Jurij Fjodrow in Erlangen unterwegs

Heide Mattischeck und Ludmila Holub mit Jurij Fjodrow in Erlangen unterwegs

„Waffen schaden“ hatte Jurij Fjodorow vor 30 Jahren gesagt. Nun richten Russen die Waffen auf Ukrainer. Separatisten im Donbas nehmen Deutsche als „Kriegsgefangene“. Noch gestern, vor ihrem Abflug, hatten die Gäste aus Wladimir, die den Hilfstransport mit den Krankenhausbetten organisierten, gehofft, die Politiker aller Seiten würden endlich ihrer Verantwortung gerecht. Danach sieht es leider nicht aus. Aber der Satz stimmt natürlich: „Die Politiker kommen und gehen, die Völker aber bleiben bestehen.“ – Mit all den Wunden und Verletzungen, die ihnen Politiker zufügen, die nicht begreifen wollen, daß Waffen schaden.

Stefan Barth, Jurij Fjodorow, Ludmila Holub und Heide Mattischeck

Stefan Barth, Jurij Fjodorow, Ludmila Holub und Heide Mattischeck

Wer hätte geglaubt, daß im 20. Jahr des Mauerfalls diese Mahnung von Jurij Fjodorow mehr als je zuvor Gültigkeit gewinnt! Die heutigen Politiker täten gut daran, sich ein Beispiel an ihren Vorgängern zu nehmen, die den Kalten Krieg beendeten. Mit dem Mut der Vision von einer besseren, einer friedlicheren Welt.

30 Jahre später wieder in der Fränkischen Schweiz, allerdings vor verschlossenen Türen: Alexander Sobanow, Jewgenij Jaskin, Helmut Schmitt, Boris Saweljew

30 Jahre später wieder mit Gästen aus Wladimir in der Fränkischen Schweiz, allerdings vor verschlossenen Türen: Alexander Sobanow, Jewgenij Jaskin, Helmut Schmitt, Boris Saweljew

Herzlichen Dank an Heide Mattischeck für die Photos aus jener denkwürdigen Zeit. Siehe auch: http://is.gd/z3RAEs

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Sergej und Olga Siwajew in ihrer Moskauer Wohnung

Seine Bilder kauft er noch immer in Wladimir. Die dortigen Maler und Künstler kennt und schätzt er. Sie bedeuten ihm Heimat und Geborgenheit in einer Stadt, in der nur die wenigsten Zugezogenen wirklich heimisch werden. Auch wenn Sergej Siwajew und seine Frau Olga nun schon seit fünfzehn Jahren in Moskau arbeiten und 1998 ihre Wohnung im Südosten der Metropole gekauft haben, ihre Datscha in Barskoje Gorodischtsche bei Wladimir, sommers  „bewirtschaftet“ von der Großmutter, haben sie behalten, hierher zieht es sie an den Wochenenden, mag das auch bedeuten, daß man bis zu sechs Stunden Autofahrt auf sich nimmt, wenn es im Zug keine Platzkarten mehr gibt. Man hat ja ein lohnendes Ziel.

Sergej Siwajew wurde im Februar 1990 als erster Stellvertretender Bürgermeister in die junge Mannschaft von Oberbürgermeister Igor Schamow gerufen. Das in politischen Dingen noch gänzlich unerfahrene Stadtoberhaupt hatte den Mittdreißiger als Mädchen für alles an seine Seite geholt. Beide kannten sich aus dem chemischen Institut, wo sie leitende Positionen innehatten, beide waren sie „Idealisten und Romantiker“, wie es Sergej Siwajew heute sieht. „Es schien uns, wir könnten alles möglich machen, dabei hatten wir ja keine Ahnung von der Politik, waren Wissenschaftler, mußten das politische Handwerk mühsam erlernen und hatten dazu wiederum gar keine Zeit, weil die Probleme übermächtig waren.“ In der Tat waren dies die Jahre des Zusammenbruchs und Aufbaus in einem. Das alte System war in Auflösung begriffen, eine neue Ordnung mußte erst noch geschaffen werden. Zugleich waren die Menschen mit einer Infrastruktur zu versorgen – Verkehr, Fernwärme, Wohnungen, Lebensmittel -, für die großteils selbst die einfachsten Mittel fehlten. „Lehrjahre waren das für mich, auf die ich nicht mehr verzichten möchte“, urteilt Sergej Siwajew. Fast von den ersten Tagen an nahm er sich besonders der Partnerschaft mit Erlangen an, zumal es da viel zu lernen gab. Zur Herzensangelegenheit sollte sie ihm werden, und die einstigen Kollegen aus Erlangen, Dietmar Hahlweg und Rudolf Schwarzenbach, um nur die wichtigsten zu nennen, oder sein Freund Stefan Barth sind ihm noch immer ganz nah, bleiben ihm ein vertrautes Vorbild. Besonders aber freut er sich darüber, daß es endlich gelungen ist, Jena ins Partnerschaftsboot zu holen, war er doch der erste Wladimirer Lokalpolitiker von Gewicht, der 1992 die heutige „Lichtstadt“ im Rahmen eines Verwaltungsseminars besuchte und sofort erkannte, welches Potential in einer Dreier-Verbindung stecken könnte.

Auf der Datscha

Im Oktober 1994 trennten sich dann leider die Wege von Igor Schamow und Sergej Siwajew, der für seinen Chef den Wahlkampf organisiert hatte. Doch was die beiden bis heute parteilos-liberalen Politiker damals grundgelegt haben – vom Erlangen-Haus über den ÖPNV bis hin zum Kesselhaus Erlangen – darf man guten Gewissens als das „Goldene Zeitalter der Partnerschaft“ bezeichnen. So gut wie alles, was heute möglich ist, wurde von diesen beiden Überzeugungs- und Gesinnungsdemokraten vorbereitet. Sergej Siwajew ging nach Moskau, fand mit seiner praktischen Erfahrung sofort Arbeit in einem Think-Tank, einem Institut für Ökonomie, wo er heute Direktor für den Bereich Kommunale Infrastruktur ist und gegen das allgegenwärtige und fast allmächtige Übergewicht des Staates ankämpft. Duch das ganze Land reist er, um Städten und Gemeinden seine liberalen Vorstellungen zu vermitteln. Manchmal findet er sogar Gehör, manchmal auch bei den ganz Mächtigen im Lande. Demnächst darf er sein Konzept zum Thema Public Private Partnership für den Betrieb von Kindergärten sogar Jurij Luschkow, dem Herrscher über Moskau, vorstellen. „Doch die Leute glauben noch immer an den Staat, meinen er sei für alles zuständig“, muß er oft feststellen. Aber deswegen aufstecken? Nicht Sergej Siwajew. Lieber hält er auch noch am Abend Vorlesungen und examiniert den wissenschaftlichen Nachwuchs.

Von dem Schlag ist auch Olga Siwajewa, die in dem modernen Wohnblock mit 25 Etagen – die Familie lebt im 18. Stock – stellvertretende Vorsitzende des Eigentümervereins ist und weiß, wo die Leute der Schuh drückt. Sie weiß aber auch, daß die Jugend schon ganz andere Wege geht und erlebt es in der eigenen Familie: Sohn Dmitrij hat in den USA studiert, ist begeistert von Berlin und arbeitet in einem Moskauer Institut für urbane Entwicklung; Tochter Tatjana ist nach dem Studium in den Staaten geblieben und tummelt sich dort für McKinsey mit verschiedenen Projekten. Selten nur kommt deshalb die ganze Familie zusammen, zumal auch die Eltern gerne reisen – von Panama bis Tirol. Sogar in Umhausen waren sie schon im Winter, um die Pisten von Sölden herunterzuwedeln. Lange liegen die Zeiten zurück, als sie in den 90ern in einem klapprigen Lada nach Erlangen kamen, mit einem vom Sand der langen Reise verstopften Vergaser und durchgerüttelt vom spartanischen Federungssystem ihres Wagens. Nun haben sie zwei Autos, eine geräumige und geschmackvoll eingerichtete Wohnung, die sie 1998 auf dem Höhepunkt der Währungskrise auch nur kaufen konnten, weil Sergej Siwajew damals sein Gehalt in Dollar ausbezahlt bekam.

Jetzt schmiedet das Ehepaar Pläne, einmal wieder die Freunde in Erlangen zu besuchen. Ein Grund zur Vorfreude auf ein Wiedersehen mit einem großen Förderer der Partnerschaft, mit einem liebenswerten Menschen und einer bezaubernden Frau.

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