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Posts Tagged ‘Stadtgeschichte Wladimir’


Wladimir verlor nach dem Mongolensturm und dem Aufstieg Moskaus nicht nur seine Bedeutung als Hauptstadt der vorzaristischen Rus und Sitz des Patriarchen, sondern verschwand regelrecht in der provinziellen Bedeutungslosigkeit. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Partnerstadt nach allgemeinem Dafürhalten erst wieder mit Alexander Herzen, der 1838 als Verbannter die Erlaubnis erhielt sich in Wladimir niederzulassen, wo er heiratete, Vater eines Sohnes wurde und die Lokalzeitung leitete. Kurz darauf zog der Publizist schon wieder weiter nach Moskau und überließ Wladimir wieder der Bedeutungslosigkeit, wie der Politologe Roman Jewstifejew meint.

Doch der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft läßt sich gern eines Besseren belehren. Das Buch der amerikanischen Historikerin Susan Smith-Peter „Imagining Russian Regions, Subnational Identity and Civil Society in Nineteenth-Century Russia“, erschienen 2018, nämlich bezeugt ein Wladimir auch ohne Alexander Herzen mit dem Bild auf dem Umschlag „Wladimir an der Kljasma“ von Andrej Martynow aus dem Buch „Eine Reise in Gemälden von Moskau bis zur chinesischen Grenze. Sankt Petersburg, 1819“, entstanden also vor genau 200 Jahren.

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Die Aufklärung des CIA war natürlich besonders an strategischen Objekten interessiert, wozu zweifelsfrei ein Flugplatz gehört, auch wenn der nicht für militärische Zwecke genutzt wurde. Vielleicht deshalb taucht die Anlage auch nur einmal in den nun veröffentlichten  Geheimdokumenten auf, nämlich am 20. September 1949 mit dem Vermerk: „Dies ist der erste Bericht über den Wladimirer Flugplatz. Die Angaben sind noch zu bestätigen und durch zusätzliche Informationen zu ergänzen.“ Tatsächlich gab auf dem Gelände des heutigen Heizkraftwerks ab Mitte der 30er Jahre bis 1958 auf einer Fläche von 1 x 1,5 km zwei Start- bzw. Landebahnen, wo die US-Agenten ein „vierstöckiges Gebäude mit einem turmähnlichen Aufbau und einer Antenne“ entdeckten: „Im Erdgeschoß befanden sich fünf Schiebetüren, die zwei Drittel der Fassade des Gebäudes abdeckten. Im dritten und vierten Stock lagen die Wohnungen für das Personal“. Neben weiteren Betriebsgebäuden erwähnt der Bericht etwa 20 Leichtflugzeuge und einige Doppeldecker für Übungsflüge. Sehr viel mehr wissen aber auch die Heimatkundler in Wladimir nicht mehr über den Flugplatz, obwohl es seit Mitte der 30er Jahre einen recht aktiven Fliegerklub gab und Berichte vorliegen, wonach sogar verwundete Soldaten von der Front nach Wladimir geflogen wurden.

1 photo 2017 01 26 12 04 42Plan des Traktorenwerks im CIA-Bericht vom 14. Februar 1952

Ganz anders das Material zum 1941 erbauten Traktorenwerk, dem insgesamt fünf mehrseitige Berichte aus den Jahren 1950 bis 1952 gewidmet sind – mit detaillierten Angaben zu den ab 1944 ausgelieferten Zugmaschinen, Produktionszahlen, Arbeitsdisziplin, Ausstattung und exakten Lageskizzen. Hatte man hier in den ersten Kriegsjahren noch hauptsächlich Bauteile für Panzer produziert, so stellte man 1944 allmählich auf den landwirtschaftlichen Sektor um. Die Amerikaner vermerken dazu, ab 1945 habe es „eine ständige Erweiterung der Anlagen“ gegeben, und erst 1949 habe das Werk seine endgültige Größe erreicht, damals noch außerhalb von Wladimir gelegen, etwa vier Kilometer vom Stadtzentrum entfernt und mit einem bis heute genutzten eigenen Bahnanschluß an die Strecke Moskau – Nischnij Nowgorod.

1 photo 2017 01 26 12 04 30Lageplan des CIA vom Traktorenwerk vom 7. März 1950 mit dem damals schon weitgehend aufgelösten Lager für Kriegsgefangene Nr. 7190/1.

Zur Ausstattung des Betriebs gehörten nach Angaben des CIA „große Pressen“, made in USA, „zu schwer für moderne Produktionsbedingungen“. Einige Werkzeuge stellte man auf „kleineren Automaten und mit metallverarbeitenden Geräten“ her, „die aus deutschen Fabriken stammen“. Die Deutschen finden nicht nur als Kriegsgefangene Erwähnung, laut Erkenntnissen der amerikanischen Spionage ließen sich in der ersten Hälfte des Jahres 1948 in Wladimir einige deutsche Ingenieure mit ihren Familien nieder. Sie arbeiteten demnach vor allem in der Chemieindustrie, waren aber auch als Berater im Traktorenwerk tätig. „Für sowjetische Verhältnisse kann man ihre Lebensumstände als ausgezeichnet beschreiben. Sie verdienten mindestens 2.000 Rubel und konnten alles zum Selbstkostenpreis kaufen.“

Im ersten Bericht vom 7. März 1950 ist die Rede von 150 Wachleuten, die u.a. von Türmen herab die Ordnung unter den etwa 4.000 Arbeitskräften wahrten. Erwähnt wird aber auch das sieben Meter hohe Stalin-Denkmal am Werkseingang.

1 photo 2017 01 26 12 04 29Lageplan vom 7. März 1950

Als dann im Februar 1952 ein neuer Bericht zusammengestellt wurde, hatte die Produktion im Drei-Schicht-Betrieb mit 13.000 bis 15.000 Traktoren des Modells Universal II pro Jahr bereits richtig Fahrt aufgenommen. Der dritte Bericht weiß dann schon von einem Frauenanteil der Belegschaft von fast 40% und führt einige leitende Mitarbeiter sogar mit Namen an. Außerdem erlangte man im März 1952 Kenntnis von italienischen und englischen Maschinen, angeschafft vom „Vladimirski Traktorni Zavod imeni Zhdanova“ zur Ergänzung der bereits vorhandenen amerikanischen und deutschen Anlagen. Entgangen ist den Agenten auch nicht, daß die Produktion rasch wieder auf militärische Zwecke umgestellt werden könnte, was dann aber doch nicht geschah, wie wir heute wissen. Was offenbar geheim bleibt, sind die Quellen. Deren Schutz ist wohl Ehrensache der Schlapphüte auch noch nach so vielen Jahren.

Natürlich wurden auch weitere Betriebe, wie das Chemie-, Autozubehör- und Elektrogerätewerk ausspioniert, während erstaunlicherweise jeder Hinweis auf die Wodkabrennerei fehlt, obwohl die doch in Kriegszeiten die unter „Molotow-Cocktail“ bekannt gewordene brennbare Flüssigkeit herstellte. Aber vielleicht wird ja dieses Material noch immer als geheim eingestuft. Das erfahren wir wohl erst nach der nächsten Veröffentlichung. Nicht auszudenken, was heute alles von den Diensten gesammelt wird, in Zeiten, wo sogar vermeintliche Freunde und sogenannte strategische Partner einander ausspähen, was das Zeug hält. Was da später von heute wohl noch alles ans Licht kommen mag? „Das Spionieren, scheint’s, ist deine Lust“, bemerkt denn auch Faust gegenüber Mephistopheles, der zurückgibt: „Allwissend bin ich nicht; doch viel ist mir bewußt.“ Wie gut, daß es da die Städtepartnerschaft gibt, wo man sich offen austauscht und doch einander auch die Geheimnisse läßt – auf der Basis von gegenseitigem Vertrauen.

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Gestern beging man – auch in Wladimir – den Internationalen Tag der Architektur. Grund genug, an eine Idee zu erinnern, die das uns heute bekannte und so lieb gewordene Gesicht der Partnerstadt regelrecht verschandelt hätte. In den 70er Jahren nämlich, ganz im Geist der damals herrschenden Bauweise, gab es nämlich Überlegungen, den historischen Kern mit einer ganzen Zeile von sechs achtstöckigen Plattenbauten zu durchziehen.

Blick auf den Patriarchengarten und die Altstadt, gesehen von Dieter Erhard

Blick auf den Patriarchengarten und die Altstadt, gesehen von Dieter Erhard

Ein Vorhaben, angesichts der damals herrschenden Wohnungsnot aus praktischen Gründen durchaus nachvollziehbar, aber natürlich für den Geist einer so geschichtsträchtigen Stadt wie Wladimir nachgerade ein architektonisches Sakrileg. Erstaunlich genug: Es gelang damals den Denkmalschützern und Stadtarchitekten, die Politik dazu zu bewegen, die Altstadt nicht anzutasten, und so ist Wladimir, das ja gottlob auch weit hinter der Front im Zweiten Weltkrieg lag, im Zentrum fast unberührt geblieben von Bausünden.

Wladimirs Feuerwehrchef, Pawel Litow, und das Brandmeisterdenkmal in der Fußgängerzone Wladimir

Wladimirs Feuerwehrchef, Pawel Litow, und das Brandmeisterdenkmal in der Fußgängerzone Wladimir

Mehr noch: Durch die ersten Ansätze dieser Tage zu einer Fußgängerzone mit einer Vielzahl von Figuren und Skulpturen sowie dank der Umgehungsstraße gewinnt Wladimir mehr und mehr Attraktivität für Flaneure, macht Lust zum Verweilen. Da gab es also wahrlich gestern Grund zum Feiern!

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