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Posts Tagged ‘Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir’


Zunächst war man zu glauben versucht, da hätte sich jemand vom Lied der Prinzen „Alles geklaut“ inspirieren lassen, aber dann erwies es sich doch – schlimm genug –  nur als ein Akt des Vandalismus. Unbekannte hatten sich im Schutz der Dunkelheit an dem wohl umstrittensten Wahrzeichen Wladimirs vergriffen, am Sperrholz-Herz mit dem Liebesschwur auf dem Kathedralenplatz.

Durchblick ohne Herz zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Nun liegt das Herz auf der Intensivstation einer Werkstatt und soll bis Ende des Monats wieder in die entstandene Lücke eingesetzt werden.

Der Kathedralenplatz ohne Herz, dafür mit Schneeresten

Zur Ruhe wird das Herz aber nicht kommen. Es gibt nämlich nicht nur in der Bevölkerung Befürworter wie Gegner dieser Installation. Vielmehr stehen sich nun auch Stadtverwaltung und die Oberste Denkmalschutzbehörde gegenüber. Während die eine meint, der beherzte Schriftzug verkörpere die Heimatverbundenheit der Wladimirer, spricht die andere Seite von einer Störung des historischen öffentlichen Raums. Mehr noch, die Denkmalschützer fordern die völlig Entfernung des Konstrukts bis zum 30. November. Andernfalls werde man den Rechtsweg einschlagen.

Wie auch immer die Operation am offenen Herzen ausgehen mag, die Wladimirer werden ihre Stadt sicher auch weiter lieben. Und für Erlangen bleibt Wladimir so oder so eine Stadt, an die sie ihr Herz verloren haben.

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Da trafen sich gestern in Regensburg zwei große Gestalter der Städtepartnerschaft: Wolf Peter Schnetz, der als Autor und Kulturreferent schon in den 70er Jahren Kontakte zu sowjetischen Schriftstellern aufgenommen und den Kontakten zwischen Erlangen und Wladimir entscheidende Impulse gegeben hatte, und Wiktor Malygin, seinerzeit als stellvertretender Leiter des Pädagogischen Instituts Initiator des bis heute andauernden Austausches mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde und bis heute Mitglied im Vorstand der Stiftung „Erlangen-Haus“.

Wiktor Malygin und Wolf Peter Schnetz

Nun also das Wiedersehen, um, wie der Gast aus Wladimir ankündigte, über die Situation von „Lyrik auf der Welt“ zu sprechen. Ein großes Thema, zu groß für die kurze Begegnung. Die Freunde tauschten dann doch lieber Erinnerungen aus. Wie kam die Städtepartnerschaft zustande? Was hat sich seitdem verändert? Was macht dieser und was jene? Und wie geht es Deiner Familie, wollte Wolf Peter Schnetz vom Besucher wissen. Er lebe gern den Sommer über auf seiner Datscha, umgeben von alten Bäumen, Blumenbeeten und Johannisbeersträuchern, wo er häufig von seinen drei Kindern und fünf Enkeln besucht werde, erzählte er. Wenn er sich nicht seiner Familie oder seinen Studenten widme, sei er viel auf Reisen oder er schreibe: wissenschaftliche Erörterungen, Essays, Theaterkritiken und Lyrik. „Der Dichter schafft, schreibt, liebt, träumt“, sagt Wiktor Malygin und fragt sich manchmal: „Was bleibt, was nimmt er mit?“ Ein paar Gedichte werden vielleicht bleiben, meint Wolf Peter Schnetz, Menschen, die Lyrik lieben, wird es immer geben.

Regine Arends

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Eine Studie, aus der dieser Tage die Süddeutsche Zeitung zitiert, besagt, die Russen schienen stärker als alle anderen 35 in die Untersuchung einbezogener Völker von der einzigartigen Stellung ihres Landes überzeugt zu sein: 61% der weltgeschichtlichen Entwicklung seien direkt auf den Einfluß ihres Staates zurückzuführen. An zweiter Stelle liegen mit 55% die Briten. Die Deutschen bringen es auf 33% und die US-Amerikaner auf gut 29% der Selbstüberschätzung. Nachzulesen unter https://is.gd/Ch0OiD

Stoke-on-Trent und Wladimir in Erlangen vereint

Was aber nun, wenn Vertreter solcher Alpha-Völker im Rahmen der Städtepartnerschaft aufeinandertreffen? Hierzu eine lehrreiche Schnurre, die sich am Vorabend des Dreiländer-Fußballturniers am vorvergangenen Wochenende wie folgt zutrug: Als der Trainer der Mannschaft aus Wladimir nach der Ankunft erfuhr, zu dem Treffen sei nur ein weiteres Team aus dem Ausland angereist, nämlich aus Stoke-on-Trent, meinte er in Anspielung auf die gegenwärtigen zwischenstaatlichen Spannungen bedauernd: „Aber mit den Engländern sind wir ja nicht gerade befreundet.“ Darauf der Gastgeber: „Aber dafür haben wir doch die Partnerschaft. Da haben noch alle zusammengefunden.“ – „Da hast du wohl recht. An uns soll’s nicht liegen“, gab der Russe noch zurück und wechselte das Thema. Am Ende des Turniers, nach all den Spielen, den gemeinsamen Bus- und Bahntransfers sowie den Nächten in der Jugendherberge war schließlich gar nicht mehr so wichtig, wer den Pokal holte, sondern nur noch eines: Die Trainer beider Mannschaften hatten einander mit ihren Teams eingeladen – nach Stoke-on-Trent und nach Wladimir. Fazit der beiden: „Wir Russen und Engländer haben so viel unangenehme Dinge voneinander nur gehört, jetzt, wo wir einander persönlich kennen, wollen wir Freundschaft halten.“ – Eben dafür haben wir ja die Partnerschaft, die beste Remedur gegen übersteigertes Selbstwertgefühl.

 

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Unerwartet schlechte Wetterbedingungen haben auch ihre gute Seite und können schnell den Eisbrecher zu Beginn von Gesprächen spielen. Gleich nach der Landung des Flugzeuges auf einem der Moskauer Flughäfen fielen mir die hohen Schneemaßen auf dem Gelände auf, was mich aber nicht weiter wunderte. Schließlich haben wir Januar, dachte ich. Doch schon in Gesprächen während der Fahrt vom Südosten Moskaus Richtung Innenstadt ging es vor allem um den ungewöhnlichen Schneefall. Sobald man aus dem Auto ausstieg, merkte man die Höhe der Schneemassen in den Fußgängerzonen. In den Medien war von einem Jahrhundert-Schneefall die Rede. Mir bereitete der Schneesturm jedoch keine Sorge, da ich in Moskau hauptsächliche mit der legendären Metro unterwegs war. Ich hatte aber vor, während meines Verwandtschaftsbesuches in Moskau auch Freunde in unserer Partnerstadt zu besuchen. So hatte ich während meines Aufenthaltes in Moskau einen kurzen Abstecher nach Wladimir geplant. Wie bei früheren Reisen fuhr ich auch dieses Mal mit der „Lastotschka“, einem Schnellzug, der zwischen Moskau und Nischnij Nowgorod verkehrt und in Wladimir hält.

Blick auf die eingeschneite Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Als ich ohne Verspätung ankam, stellte ich fest, daß hier noch mehr Schnee fiel. Zuerst wollte ich mich mit Schamil Chabibullin treffen, der mit seiner Musikband „Metamorphis“ Ende 2017 beim Newcomer Festival im E-Werk die Herzen der Zuschauen erobert hatte (https://is.gd/i7pWzs). Nach dem Treffen mit ihm und anderen Mitgliedern der Gruppe war das kalte und ungewöhnliche Wetter kein Thema mehr für unsere Gespräche. Ich wurde sehr neugierig, als die Rockmusiker mir über ihre „Basis“ erzählten, die sie ohne jegliche Förderung unterhalten, und wollte sie unbedingt mit eigenen Augen sehen.

Schamil Chabibullin und Amil Scharifow

Nach einer kurzen Fahrt durch das eingeschneite Wladimir erreichten wir die „Basis“, die sich in einem Keller befand und aussah wie ein professionelles Musikstudio. Ich erfuhr, daß die Mitglieder der Band die Musik als Freizeitaktivität verstehen und das Studio aus eigenen Mitteln finanzieren. Für das Quartett ist Musik aber mehr als ein Hobby, sie ist Freundschaft, sie verbindet Menschen und bereitet Spaß. Einige der Rockmusiker waren schon mehrmals in Erlangen und haben dort viele Freunde und Bekannte. Die Teilnahme von Wladimirer Bands am Newcomer Festival ist ja schon zu einer guten Tradition geworden. Der Austausch leistet einen wichtigen Beitrag zur Städtepartnerschaft, und dabei spielen Menschen wie Schamil, dem unsere Kontakte sehr am Herzen liegen, eine wichtige Rolle. Mit ihm kann man nicht nur über Musik, sondern auch über gesellschaftliche und deutsch-russische Themen reden.

Amil Scharifow und Sergej Sujew

Als wir beim Spaziergang durch die Innenstadt an der einzigen katholischen Kirche vorbeikamen, stattete ich dem dortigen Pfarrer, Sergej Sujew, einem langjährigen Freund der Städtepartnerschaft, einen unangekündigten Besuch ab. Schließlich dürften die Türen des Gotteshauses offen sein, dachte ich – und wurde nicht enttäuscht. Der Geistliche war über meinen Überraschungsbesuch sichtlich erfreut und schenkte mir eine CD mit russischen spirituellen Liedern. Zugegeben, diese Lieder sind die ersten religiösen Melodien, die ich auf Russisch hören werde, und ich bin gespannt, ob sie Einfluß auf meine Weltanschauung haben.

Schamil Chabibullin in der „Basis“

Am letzten Tag meines Besuches traf ich mich mit Wladimir Tichomolow, der sich Anfang 2017 bei uns in der „Berg-WG“ aufgehalten und Erlangen sowie die nähere Umgebung per Fahrrad erkundet hatte. Über seinen Aufenthalt hat der Blog hier https://is.gd/MOyI3b berichtet. Außerdem kam ich mit Wjatscheslaw Kartuchin zusammen, der auf Wladimirer Seite das Dialogforum „Prisma“ leitet. Kurz vor der Abreise besuchte ich noch Guram Tschjotschjew, einen Landsmann von mir, der in Sachen Städtepartnerschaft ein Begriff ist. Der angesehene Orthopäde war bereits Anfang der 90er Jahre zum Austausch in Erlangen und hat da viele Freunde. Wir hatten eigentlich nur vor, zusammen Kaffee zu trinken. Dann kamen wir jedoch überein, daß sich zwei aus Georgien stammende Menschen im Ausland lieber zu einem Getränk, Tschatscha genannt, verabreden sollten, das in Heimat landestypisch ist und uns verband, bis es Zeit war, nach all dem Wiedersehen mit Freunden wieder in Zug nach Moskau zu steigen… Bis zum nächsten Mal.

Amil Scharifow

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Wie erst heute bekannt wurde, ist bereits am 24. Januar, neunundachtzigjährig, Inge Obermayer verstorben. Die Schriftstellerin prägte mit ihrem Wirken und Schaffen vor allem die schwierigen Anfangsjahre der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir und hinterließ u.a. einen großartigen Artikel unter dem Titel „Der Drache darf nicht siegen“, erschienen am 25. Oktober 1986 in der Nürnberger Zeitung, der besser als jeder noch so bemühte Nachruf ihren unvergessenen (und nicht nur literarischen) Beitrag zu Versöhnung und Verständigung anläßlich der Erlanger Kultur- und Sporttage in Wladimir zum Ausdruck bringt.

Die Städtefreundschaft zwischen Wladimir und Erlangen soll zu Frieden und Entspannung beitragen. Sie kann nur in einer Atmosphäre des Friedens gedeihen. Das Wettrüsten und die Militarisierung des Weltraums machen den Frieden nicht sicherer, sondern gefährden ihn. Immer mehr Menschen in West und Ost fühlen sich durch diese Entwicklung bedroht. Sie fordern eine Politik, die auf Verständigung, Vertrauen und gewaltfreie Konfliktregelung gerichtet ist. Sicherheit ist nicht gegeneinander, sondern nur miteinander möglich. Wir, die Repräsentanten unserer Städte Wladimir und Erlangen, haben den festen Willen, einen Beitrag für Frieden und Verständigung zu leisten.

Das sind Ausschnitte aus der Deklaration, die im September, während in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage stattfanden, Vertreter der beiden Städte unterzeichneten. Unsere Mitarbeiterin Inge Obermayer schildert die Eindrücke, die sie während dieser Zeit in Wladimir erlebte.

Inge Obermayer, 2013, mit Büchern ihrer Autorenkollegen aus Wladimir

Die Sonne scheint, der blaue Himmel ist wolkenlos. Es ist ein Spätsommertag, die Blätter beginnen, sich herbstlich zu färben. Auf dem Hügel über der breit und träge dahinfließenden Kljasma weht ein leichter Wind.

1194 bis 1197 ließ der Großfürst Wsewolod III. hier eine Kathedrale errichten, die dem heiligen Demetrios von Saloniki geweiht wurde. Nach der Oktoberrevolution wurde die Kathedrale als Baudenkmal von besonderer historischer Bedeutung für das ganze Land unter staatlichen Schutz gestellt. Im August und September 1941, als die deutschen Truppen Richtung Moskau vorrückten, wurde der Einsturz der Demetrios-Kathedrale durch das Einziehen eines Stahlbetonringes in das gesamte Mauerwerk verhindert.

Demetrius-Kathedrale

Mit den Fingerspitzen berühre ich die alte Mauer. Über mir an den Fassaden erwürgt Herakles, aus weißem Kalkstein gehauen, das unverwundbare Ungeheuer, den Nemëischen Löwen, besingt David die Schönheit der Welt, schnäbeln sich riesige Urvögel. Unter dem Kreuz auf der goldglänzenden Kuppel ist ein Halbmond zu erkennen. Symbol für das besiegte Heidentum?

Ich gehe die paar Schritte zur Mariä-Entschlafens-Kathedrale. Sie gehört zu den beiden „offenen“ Kirchen in Wladimir, das heißt, in ihnen werden Gottesdienste abgehalten. In der Diözese sind 51 Kirchen offen. Fünf Geistliche sind an der Kathedrale tätig. Die Baptisten in Wladimir haben ein Bethaus, aber keinen ständigen Geistlichen.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Die Erlanger treffen mit Vertretern der „Gesellschaft zur Förderung der Beziehung zwischen der UdSSR und der BRD“ zusammen. Die Wladimirer Abteilung wurde erst im Januar 1986 gegründet, sie hat bereits 5.000 Mitglieder. Die Erlanger berichten unter anderem über die Gruppe „Christen für den Frieden“ und deren Fragen, die sie mit auf den Weg nach Rußland gegeben haben: „Warum gibt es so viel Mißtrauen auf der Welt?“ „Wie ist der Widerspruch zwischen den Worten und Taten zu lösen?“ Freilich können an diesem Vormittag und  in dieser Runde die Probleme nicht gelöst werden. Doch die Wladimirer und die Erlanger, die sich am Tisch gegenübersitzen, sind sich einig; „Wir müssen alle viel lernen, um unser eigenes Zeitalter zu erkennen, wir müssen etwas tun für die Veränderung des Bewußtseins“.

Vom 7. bis 13. September finden hier in Wladimir die Erlanger Kultur- und Sporttage statt. Techniker, Bühnenarbeiter, Puppenspieler, Schauspieler, Schachspieler, Sportler, Maler, Fotografen, Musiker, Schriftsteller, Stadträte (der SPD, CSU, Grünen Liste, FDP/FWG), der Oberbürgermeister, der Kulturdezernent und eine Professorin bevölkern die Straße der russischen Stadt.

Es gibt Schachturniere, Schautanzen, Trampolinspringen, Volleyballspiele. Schwimmwettkämpfe (nun weiß ich, was die Erlanger für gute Schwimmer sind!). Im Kulturhaus des Traktorenwerkes bestreiten das Tanzensemble Wladimirez und der Erlanger Hausmusikkreis ein Programm. Im Kulturpalast des Chemiewerkes werden Jazz- und Rockmusikern – Nardis und E-Werk Band – nach den Konzerten ihre Schallplatten aus den Händen gerissen. Im Park vor dem neuen Stadtbrunnen bestaunen 10.000 Besucher das Feuerwerkspektakel des Mechelwinder Figurentheaters. „Mehr gelbe Lichter, mehr blaue“, rufen die Kinder begeistert und wollen nicht, daß der Drache siegt.

Im Theater gibt es viel Szenenapplaus für Helmut Ruges Hugenottenspiel „Babette“. In der Ausstellung umringt eine ganze Schulklasse den Maler Christian Manhart, im Nu sind die Kataloge vergriffen. In der Bildergalerie konzertieren Vivienne und Dirk Keilhack, das Kammernmusikensemble der „Villa Marteau“ und Werner Heider, der seine eigenen Werke, wie „Modi“, „Landschaftpartitur“ und „Adamah“ spielt.

Übrigens: In der Erlanger Kulturwerkstatt, dem Kommunalen Modellversuch zur Erschließung neuer Arbeitsfelder, herrschte bereits im August Hochbetrieb. Zwei Sattelschlepper einer russischen Speditionsfirma mußten beladen werden. Mit den Bühnenbildern für die Stücke, mit Musikinstrumenten, Feuerwerkskörpern, Trampolinen, Bildern, Werkzeugen. Allein 15 Kisten wurden gebaut, über 100 Frachtlisten erstellt.

Wladimir – der historische Kern steht unter Denkmalschutz –  ist eine Großstadt mit 360.000 Einwohnern. 50 Produktionsstätten liefern unter anderem Traktoren, Autozubehör, Elektromotoren, Möbel, Klaviere und Uhren. Die Pädagogische und die Polytechnische Hochschule besuchen insgesamt 17.000 Studenten. In den beiden Theatern proben die Schauspieler augenblicklich Stücke von Majakowskij, Tschechow und Gogol.

Hochzeitsglück unterm Goldenen Tor

Ich schlendere an den grasbewachsenen Festungswällen vorbei unter Kiefern und Birken. Meine Tage sind ausgefüllt. Vor dem Hochzeitspalast steht eine schwarze Limousine, ihr Dach ist mit zwei übergroßen goldenen Eheringen geschmückt. Die junge Braut trägt ein langes weißes Spitzenkleid, im Arm hält sie den dunkelroten Rosenstrauß. Zu den Klängen des Hochzeitsmarsches wird sie getraut.

Im „Dienstleistungsbetrieb“ ist Modenschau. Sehr beliebt, so ist zu erfahren, sei in letzter Zeit „der sogenannte sachliche Stil“, Rock, Jacke und Bluse. Die Mannequins schweben auf hochhackigen Schuhen über den Laufsteg. Chic sind sie, im wadenlangen rotweißschwarz karierten Rock. Den Männern, so heißt es, „bieten wir anstelle der traditionellen Jacken die lockere Form von Pullovern an“, und „mit dem wachsenden Wohlstand bekommen wir mehr Aufträge für Abendkleider, für Frack und Smoking“. In dem Betrieb kann man sich auch eine Datscha kaufen, mehrere stehen zur Auswahl bereit, kosten zwischen 900 und 3.000 Rubel, Lieferzeit drei Monate.

Das zehn Jahre alte Staatsgut Teplitschnyj versorgt die Stadt mit 15 Sorten Gemüse wie Gurken, Tomaten, Radieschen, Paprika, Petersilie, Weißkohl, 8.000 Tonnen pro Jahr. Seit fünf Jahren verwendet man keine Pestizide mehr, Schädlinge werden biologisch bekämpft. 600 Beschäftigte arbeiten auf dem Gut, unter ihnen 17 Agronomen und 17 Ingenieure.

Die Schüler und Schülerinnen in der Schule Nr. 25 haben gerade ihre siebte Deutschstunde. Die Buben tragen dunkelblaue Anzüge, die Mädchen dunkelbraune Kleider mit schwarzen, rüschengeschmückten Schürzen. „Auf Wiedersehen“, lachen sie alle. Die deutsche Abteilung in der Gebietsbibliothek umfaßt 6.000 Bände. Swetlana hat Paprika, Tomaten und Pilze gekocht, Fleisch gebraten. Gemütlich ist es bei ihr, ich fühle mich daheim. „Iß, iß!“ Immer mehr Süßigkeiten kommen auf den Tisch. „Gibt es wirklich soviel Türken bei euch? Warum?“, wollen ihre Freunde wissen.

„Mit zwei Jugendlichen“, sagt der selbstbewußte junge Musiker, „habe ich mich auf’m Zimmer unterhalten, einfach so über alles, über Musik, und wie wir leben und über Politik. War bisher das Tollste!“

Beeindruckt haben den Schauspieler zwei russische Touristen in der Hoteldisco. „Mit Händen und Füßen, etwas Russisch, etwas Deutsch haben wir gesprochen. Und ich bekam sogar ein Geschenk.“ Sie schenken von Herzen, die Wladimirer, eine bemalte Dose, eine Schallplatte, Parfüm oder einen Talisman, den seine Trägerin seit elf Jahren trug, ehe sie ihn der Erlangerin in die Hand gab. Immer größer, immer sicherer werden die Schritte zur Partnerschaft, die im Frühjahr 1987 in Erlangen besiegelt werden soll.

Während der Kulturtage arbeiten Erlanger und Waldimirer an einer gemeinsamen Deklaration. Manchmal wird um die richtige Formulierung gerungen. Warum, wundern sich die Russen, wollen die Erlanger nicht für den Frieden kämpfen? Sie ließen es sich erklären und verstanden, daß Hitlers „Mein Kampf“ und Goebbels „Totaler Krieg“ die Bedeutung des Wortes prägten, es unbenutzbar machten. Im Russischen heißt „kämpfen“ soviel wie „sich bemühen“, „miteinander arbeiten“, „sich für etwas einsetzen“. Man kämpft auch um eine gute Schulnote. Am Abschiedsabend verlesen die beiden Oberbürgermeister die Deklaration, und der Beifall will nicht enden.

Die Sonne scheint, der Himmel ist wolkenlos. Immer noch weht ein leichter Wind. Ein paar Saatkrähen krächzen um die weißen Mauern der Demetrios-Kathedrale.

Inge Obermayer, NZ vom 25.10.1986

Was die Großmeisterin des Worts auch familiär mit der Sowjetunion verband, ist hier in ihren Erinnerungen an den Vater nachzulesen: https://is.gd/WtYqOO

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Erst im August hatte Dmitrij Makejew seinen achtzigsten Geburtstag gefeiert, nun ist er gestern verstorben. Einen sanften Mann verliert Wladimir, einen klugen Mittler des Ausgleichs, einen bedachten Historiker, der aus der Geschichte gelernt hatte, wie wichtig Versöhnung und Austausch zwischen den Völkern sind. In der Region Moskau geboren, kam der Wissenschaftler 1977 nach Wladimir, um zunächst als Dozent am Pädagogischen Institut zu lehren, wo er sich rasch zum Prorektor emporarbeitete, bevor er 1988 die Leitung der Hochschule – 1993 zur Staatlichen Pädagogischen Universität erhoben und 2011 mit der Polytechnischen Universität zur Wladimirer Staatlichen Universität verschmolzen – bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2007 übernahm.

Altrektor Dmitrij Makejew, Florian Janik und Ansor Saralidze, Rektor der Universität Wladimir, Herbst 2014

In all diesen Jahren spielte Dmitrij Makejew eine herausragende Rolle in der Geschichte der Städtepartnerschaft: Als regionaler Vorsitzender des Verbands der Völkerverständigung handelte er in einer Nachtsitzung im Hotel Kljasma mit Rudolf Schwarzenbach, dem großen Mentor dieser Kontakte, die Formulierungen für die Charta der Städtepartnerschaft aus, 1985 begann unter seiner Ägide der Austausch mit dem Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde, und ebenfalls in diese Zeit fiel der Anfang seiner Freundschaft mit Klaus Wrobel, dem Direktor der Erlanger Volkshochschule, die er auch selbst immer wieder zu Vorträgen und Diskussionsveranstaltungen besuchte. Überhaupt war er der große Kommunikator, erklärte hier wie dort auf Podien und in Seminaren die gesellschaftlichen wie politischen Unterschiede und scheute auch vor der Herausforderung nicht zurück, 1997 mit dem Erlanger Kollegen, Michael Stürmer, russische Sorgen und Befürchtungen angesichts der Nato-Osterweiterung zu diskutieren. Dabei behielt er stets die Verdienste von Mitstreitern in der Sache der Verständigung im Blick und verlieh dem Begründer der Städtepartnerschaft und damaligen Oberbürgermeister Erlangens, Dietmar Hahlweg, 1995 die Ehrendoktorwürde; zwei Jahre später ging die Auszeichnung an Klaus Wrobel.

Wir trauern um Dmitrij Makejew

Es ist still in den letzten Jahren um den ohnehin eher in sich gekehrten Gelehrten geworden, Alter und Gesundheit forderten ihren Tribut. Aber seine besonnene Stimme bleibt hörbar als jene, die ganz zu Anfang des wissenschaftlichen Austausches zwischen Wladimir und Erlangen so vornehm-vernehmlich erklang und bis heute alle Begegnungen durchdringt, in ihnen allen schwingt. So schwer der Verlust, so traurig die Melodie der Threnodie, so beglückend das Vermächtnis: Wenn am Dienstag der Patriarch der Partnerschaft zu Grabe getragen wird, steht – welch eine Fügung des Schicksals! – in der Trauergemeinde auch eine vierköpfige Studentengruppe des Instituts für Fremdsprachen und Auslandskunde am Sarg. Ein Abschied, der verpflichtet.

Mehr zu den Leistungen des Verstorbenen hier: https://is.gd/v3BEku

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Gestern reiste eigens Frank Nienhuysen von der Süddeutschen Zeitung aus München an, um sich einen ganzen Nachmittag lang über die Städtepartnerschaft insgesamt und besonders das Projekt „Lichtblick“, also die Zusammenarbeit der WAB Kosbach vor allem mit der Psychiatrie und der Elterninitiative „Swet“ in Wladimir, zu informieren. Verraten darf man wohl, daß der Redakteur im Ressort Außenpolitik für Anfang Mai gemeinsam mit seinem Moskauer Kollegen, Julian Hans, einen Artikel über die Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir plant, in den auch die Erfahrungen von Irina Schadowa eingehen sollen, die derzeit bei der WAB Kosbach in der Wohngruppe am Anger hospitiert.

Irina Schadowa und Frank Nienhuysen

Eine schöne, überregional journalistische Anerkennung für alle, die zum Gelingen dieser deutsch-russischen Bürgerpartnerschaft beitragen, deren hohes Lied der Blog Tag für Tage und heute mit dem seit September 2008 aktuell dreitausenddreihundertdreiunddreißigsten Eintrag anstimmt. Sicher nicht immer zum Gefallen aller, aber stets im Geiste von „hier blogge ich, ich kann auch anders“ – und dankbar für die vielen Gastartikel sowie Kommentare, die auch virtuell erleben lassen, wie vielstimmig das Miteinander von Erlangen und Wladimir klingt.

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