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Posts Tagged ‘Spasibo Erlangen’


Till Berger von den Erlanger Rangers, der Freizeitkicker, die zum sechsten Mal das mittlerweile 17. Benefiz-Hallenfußballturnier ausrichteten, hatte schon recht, als er nach dem dritten Spiel mit Bedauern konstatierte, dem Team Inter Wladimir fehle es heuer an Biß, die Jungs wirkten weniger spritzig als in den Vorjahren. Pawel Bondarjew, Spielführer der Mannschaft aus der Partnerstadt, widersprach dem zwar, freilich nur mit dem halbherzigen Hinweis darauf, man habe ja auch schon so gut wie alles gewonnen: beim vorletzten Mal den Siegerpokal, 2013 dann den dritten Platz. Und noch habe man ja nicht einmal die Hälfte der Begegnungen hinter sich.

Inter Wladimir beim Anschlußtreffer gegen das Team der FAU

Inter Wladimir beim Anschlußtreffer gegen das Team der FAU

Schon im nächsten Spiel gegen die Mannschaft der Friedrich-Alexander-Universität, unterlagen allerdings die russischen Gäste mit 4:2, und am Ende landete Inter Wladimir immerhin auf dem vierten von zehn möglichen Plätzen. Immerhin. Aber gegenüber Bürgermeisterin Birgitt Aßmus, die gemeinsam mit dem Schirmherrn des Turniers, dem Rektor der FAU, Thomas Schöck, die Sieger- und Teilnehmerurkunden übergab, gestand dann Pawel Bondarjew doch ein: „In Sotschi lief es besser für die Russen.“

Jekaterina Logowowa und Pawel Bondarjew

Jekaterina Lugowowa und Pawel Bondarjew

Als Beobachterin auf den Rängen – wie schon in den Tagen zuvor als aufmerksame Begleiterin der Ärztinnen im Kinderkrankenhaus und beim Besuch der Heinrich-Kirchner-Schule, die Journalistin, Jekaterina Lugowowa, vom Staatlichen Lokalsender Wladimir, die nicht schlecht staunte über das ständige Hin und Her in der Partnerschaft, über die Vielseitigkeit des Austausches. Gekommen ist die Absolventin der Wladimirer Universität bereits vor einer Woche und wird noch bis Donnerstag bleiben – auf Anregung von Oberbürgermeister Siegfried Balleis, der sich während des dreißigjährigen Partnerschaftsjubiläums in Wladimir über die Vielzahl der Sender und Zeitungen wunderte und meinte, man sollte doch den journalistischen Austausch wiederbeleben.

Jekaterina Logowowa und Thomas Rex

Jekaterina Lugowowa und Thomas Rex vor der Frankenschau

Der Bayerische Rundfunk mit seinem Studio Franken in Nürnberg bist für eine solche Hospitation der perfekte Gastgeber. Bereits in den frühen 90er Jahren hat der Sender mit Christoph Baumann und Axel Mölkner mit dokumentarischer Sorgfalt die humanitäre Aktion „Hilfe für Wladimir“ und die Entstehung des Erlangen-Hauses begleitet. Thomas Rex, bekannt mindestens in ganz Nordbayern durch seine Moderation der Frankenschau, setzte diese gute Tradition fort mit seinem einfühlsamen Bericht über das zwanzigjährige Jubiläum der Partnerschaft in Wladimir, besonders aber mit den ausführlichen Reportagen „Spasibo Erlangen“ über Schwerpunkte und Erfolge der Zusammenarbeit insgesamt und „Leben lernen“ über das Projekt „Blauer Himmel“. Nun darf man gespannt sein, welches Material Jekaterina Lugowowa, die wie ihr fränkischer Kollege selbst dreht und moderiert, nach Hause bringt und was sie davon auf den Bildschirm bringt. Denn angesichts des fortwährenden „kalten Krieges“ der Massenmedien – leider mehr hier als dort – können differenzierte Berichte über die von den Redaktionen leider nur zu oft verschwiegenen, vielen kleinen Bausteine der Volksdiplomatie und Bürgerpartnerschaft der Verständigung nur dienlich sein.

Mehr zu Thomas Rex im Blog unter: http://is.gd/RmATl4

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Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkonogow und Altoberbürgermeister Dietmar Hahlweg

Nach all den Berichten und Bildern von den Feierlichkeiten zum 8. und 9. Mai in Wladimir hier im Blog sind nun die anderen dran. Die Delegation begleitet haben nämlich Stefan Mößler-Rademacher von den Erlanger Nachrichten, der noch nie in der Partnerstadt war, und der BR-Journalist Thomas Rex mit seinem Kamermann Volker Adam, ein echter Wiederholungstäter mit nun bereits sechs Aufenthalten. Auf sein Habenkonto geht nicht nur ein Dutzend von Kurzberichten, ihm sind vor allem die beiden Reportagen „Spasibo Erlangen“ und „Leben lernen“ zu verdanken, gewidmet im ersten Fall der ganzen Breite der Partnerschaft, im zweiten dem Aufbau der Erlebnispädagogik im Blauen Himmel.

Während man die Erlanger Nachrichten zu jeder Tages- und Nachtzeit zur Hand nehmen oder im Internet nachlesen kann, sollte man sich für den Bericht des Bayerischen Rundfunks die Zeit notieren und nehmen oder den Recorder programmieren. Gesendet werden die neuesten Eindrücke aus Wladimir am kommenden Sonntag um 18.05 Uhr in der Frankenschau des Bayerischen Rundfunks. Einschalten und anschauen!

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Jahresrückblick 2009


Bei mehr als einhundert Begegnungen und Austauschprogrammen im zurückliegenden Jahr kam sogar für den Blog manches Mal zu viel Stoff zusammen, um ihn der geneigten virtuellen Leserschaft vorzustellen. Wie viel das sein mag, läßt sich ermessen, wenn man sich allein das im Dezember unveröffentlichte Material vornimmt.

Horribile dictu: Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Stadträtin Gerlinde Stowasser tauschten gutgläubig beim Partnerschaftsbeauftragten Euro gegen Rubel, um auch einmal auf eigene Faust einen kurzen Einkaufsbummel in den Wladimirer Arkaden zu unternehmen. Doch schon in einem Café fand der Ausflug beim Bezahlen der Zeche ein jähes Ende: Einer der Tausend-Rubel-Scheine war gefälscht, ihm fehlte der Silberstreifen. Doch deswegen mußten die beiden Falschmünzerinnen nicht gleich alle Hoffnung am Horizont fahren lassen. Die Bedienung verzichtete darauf, die Polizei zu rufen. Sie begriff offenbar, daß die sprach- und arglosen Besucherinnen selbst unschuldige Opfer von Roßtäuschern waren. Zurück im Erlangen-Haus, stellten die geprellten Lokalpolitikerinnen ihren Wechsler zur Rede. Auch der fiel aus allen Wolken, hatte er doch die vermeintlich geldwert-gültigen Banknoten von Renate Winzen übernommen, die sie von ihrem letzten Wladimir-Besuch mit nach Hause gebracht hatte.  Eine sichere Quelle, wie er meinte. Aber wußte er auch, woher die Koordinatorin der Wissenschaftskontakte das Geld hatte? Hinterher ist man immer klüger. Dabei hätte genügt, die Warnungen des Blogs vom 18. Januar 2009 zu beherzigen. Horribile dictu: Der Blogger und Partnerschaftsbeauftragte in Personalunion handelt fahrlässig entgegen den eigenen Empfehlungen – und das gegenüber hochrangigen Vertreterinnen der Erlanger Bürgerschaft und einer offiziellen Delegation in Wladimir. Das nennt man Lehrgeld bezahlen und sei Anlaß genug, sich für 2010 ff vorzunehmen, umsichtiger zu werden und keinem noch so täuschend echtem Schein mehr zu trauen.

Glück im Unglück: Erstmals in den 26 Jahren der Partnerschaft wurde ein Gast aus Erlangen in Wladimir Opfer eines Verkehrsunfalls. Und das unmittelbar vor dem Erlangen-Haus. Die drei Insassen des Wagens trugen nur leichte bis mittelschwere Verletzungen davon und konnten nach einer Nacht im Krankenhaus schon wieder entlassen werden. Der Erlanger erlitt eine Gehirnerschütterung, deren Folgen aber bis zur Rückreise weitgehend auskuriert waren. Bei allem Glück im Unglück ist doch allen ein rechter Schreck in die Glieder gefahren, vor allem wohl der Familie daheim.

Sport in Vollendung: Heike Howein, eingeweiht in die hohe Kunst des Aikido, nahm eine Einladung der Kampfsportkollegen aus Wladimir an und zeigte ihren eigenen Weg zum Ziel, einer gelungenen Mischung aus wachem Geist und guter Haltung. Die japanische Philosophie einer Technik des „Nicht-Kämpfens“ hat zwar in Wladimir bereits aufmerksame Adepten gefunden, aber von der Meisterin aus Erlangen konnten sie nach eigenem Bekunden noch viel lernen. Mehr zu dem Thema Aikido unter www.kiundaikido.de/cms.

  Szenen aus einem Splatterfilm: Mann und Frau kennen sich seit Jahr und Tag, haben nicht zum ersten Mal miteinander die eine oder andere Flasche geleert. So auch vor zwei Wochen im Kreis Melenki, ganz im Südosten des Gouvernements Wladimir, nachts in der Wohnung des arbeitslosen Mannes. Er fühlt sich von ihr provoziert, beleidigt und greift zu einer Ahle. Mit dem Werkzeug bringt er der Frau – wie später die Gerichtsmedizin zum grausigen Protokoll gibt – 584 Stiche in alle Körperteile bei. Das Opfer verblutet schließlich. Der stark sehbehinderte Täter sagt aus, er habe sich beim Zustechen an den Schreien der Frau orientiert. Im übrigen sei die selbst schuld, denn sie habe ihn herausgefordert, er hingegen habe im Affekt gehandelt. Seine blinde Mutter hat diese Nacht des Schreckens in der Nachbarwohnung miterlebt und um Hilfe gerufen. Aber niemand hörte sie. Ein Gruselstück aus einem Alptraum, grausame Wirklichkeit geworden in der Wladimirer Provinz.

Szenenwechsel. Eine eher willkürlich-ungeordnete und assoziative Zusammenstellung von Ereignissen aus dem Jahr 2009, dem 26. Jahr der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, im Telegrammstil mit der Anregung, über die Suchmaske ganz oben auf der Seite des Blogs nochmals nachzulesen, was zu den Personen und Projekten zu finden ist.

Erlangen – Wladimir – Jena: Das unstreitig größte Ereignis des Jahres ist die Bildung dieses Partnerschaftsdreiecks, das seit dem Besuch von Oberbürgermeister Albrecht Schröter im Mai in Wladimir Gestalt annimmt und mit Leben erfüllt wird. Schon jetzt sind Universitäten, Schulen, Sport und Kultur in engem Austausch.

Wissen schaffen: Der Sprachwissenschaftler Josef Jarosch steht für viele aus Forschung und Lehre, die gemeinsam mit Wladimirer Kollegen auf die Suche nach des Pudels Kern gingen. Genannt seien hier nur beispielgebend die Symposien im Rahmen der Kooperation zwischen dem Fraunhofer Institut für Integrierte Schaltungen und der Staatlichen Universität Wladimir sowie die Seminare der Theologen aus beiden Städten.

Jubilare: Pjotr Dik wäre 70 geworden, Percy Gurwitz vollendete sein 90., Wolf Peter Schnetz sein 70., Jürgen Üblacker sein 60. Lebensjahr, und Dietmar Hahlweg, das sei heute schon verraten, feiert morgen seinen 75. Geburtstag.

Swetlana Schelesowa

Quereinsteigerin: Swetlana Schelesowa erwies sich als Glücksfall für das Erlangen-Haus. Kompetent, kollegial, konstruktiv und kreativ. Die ideale Ergänzung für Irina Chasowa. Nebenher hat sie auch noch die weiß Gott schwierige Buchhaltung für das Projekt „Blauer Himmel“ souverän bewerkstelligt.

Rücktritt: Bürgermeisterin Wera Guskowa, eine Gewährsfrau der Partnerschaft vor allem in den Bereichen Soziales, Schulen und Kultur, verließ ihren Posten und wechselte in die Medizin zurück. „Kulturminister“ Wladimir Balachtin trat in den Ruhestand.

Rückkehr: Andrej Sirin wurde rehabilitiert und kehrte auf seinen Posten als Leiter des Gesundheitsamtes der Region Wladimir zurück. Seine kommissarische Vertreterin, Irina Odinzowa, übernahm die Leitung des Landeskrankenhauses.

Tiefer Fall: Swetlana Plijewa, Leiterin des Veteranenhospitals in Penkino, dem verwaltungstechnisch der „Blaue Himmel“ angeschlossen ist, wurde beschuldigt, einem Verwandten eine Dienstwohnung verkauft zu haben, und mußte ihren Posten räumen. Maestro Eduard Markin fiel wegen dienstlicher Verfehlungen bei seinen Vorgesetzten in Ungnade und mußte sein Amt als Generaldirektor des Zentrums für Chormusik an seinen Sohn Artjom abtreten.

Himmelsstürmer: Das Projekt „Lichtblick“ feierte sein zehnjähriges Jubiläum. Wolfram Howein, seit drei Jahren Berater und Koordinator des „Blauen Himmels“, kann stolz sein. Das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik ist zu einem echten Gemeinschaftsprojekt geworden, Vizegouverneur, Sergej Martynow, will es zu einer landesweiten pädagogischen Ausbildungsstätte ausbauen.

Sorgenkind: Das Gericht in Wladimir vertagte erneut die Entscheidung im Fall Wiktor Lomykin, des uneinsichtigen früheren Geschäftsführers des vor zehn Jahren eingerichteten Rot-Kreuz-Zentrums. Bis zum Urteil, das nun Anfang kommenden Jahres erwartet wird, bleibt die so segensreiche Tätigkeit des Roten Kreuzes in Wladimir eingefroren. Doch wo die Not groß, ist die Rettung nah: Oberbürgermeister Alexander Rybakow hält persönlich die Hand über den Neustart des Zentrums.

Brüne Soltau, Wera Guskowa, Stefan Müller MdB

Verabschiedung: Brüne Soltau, gemeinsam mit Jürgen Üblacker der große Mentor und Macher in der humanitären Zusammenarbeit mit Wladimir, hat sich als Vorsitzender des BRK Erlangen-Höchstadt in den Ruhestand verabschiedet. Sein Nachfolger, Stefan Müller MdB, plant aber für 2010 seinen Antrittsbesuch in Wladimir, während  dessen Stellvertreterin, Melitta Schön, schon heuer ihr Herz für die Partnerstadt entdeckt hat.

Erfolgsgeschichte: Das Erlangen-Haus, bestens beraten von Wolfram Howein, hat die erste große Innensanierung hinter sich. Die Gästezimmer sind noch gastlicher und wohnlicher geworden, es gibt drahtlosen Zugang zum Internet, der Heizkessel wurde überholt – alles aus selbsterwirtschafteten Mitteln! Krise hin, Krise her: Auch die Deutsch-Kurse erfreuen sich weiter großer Beliebtheit; gut 200 Teilnehmer sind in den verschiedenen Kursen eingeschrieben.

Gesang, Tanz, Musik: Die engelsgleichen Stimmen des Mädchenchors des Christian-Ernst-Gymnasiums haben unter dem Dirigat von Joachim Adamczewski das anspruchsvolle Wladimirer Publikum regelrecht verzaubert, den Autor dieser Zeilen eingeschlossen. Stefanie Ferreira machte eine Erfahrung der besonderen Art: Während sie hier in Franken bei ihren Kursen für afrikanische und lateinamerikanische Tänze mehr Energie geben muß, als die zurückbekommt, war es in Wladimir genau umgekehrt. Energiegeladen auch die Metallgewitter der Rockband „No Trouble“ aus Wladimir, die am Newcomer-Festival im E-Werk teilnahmen und den bezwingenden Auftakt für einen langfristigen Austausch im Bereich Rockmusik gaben.

R.I.P.: Rainer Haerten, Fairy von Lilienfeld, Andrej Romanow, Karl Sallet, Maria Sykowa, Ernst Hallerwedel. Unvergessen, unersetzbar.

Enttäuschung: Nicht alle Vorhaben konnten umgesetzt werden. Der Plan, das Wladimirer Jugendparlament zusammen mit Jugendlichen aus ganz Rußland nach Erlangen einzuladen, scheiterte an der Finanzierung.

Versöhnung: Der Mindener Kreis um Friedhelm Kröger führt ehemalige deutsche Kriegsgefangene aus Wladimirer Lagern zusammen. Ihr Versöhnungswerk ist bewundernswert, die Biographien dieser Weltkriegsveteranen geben nicht nur dem Blog menschliche Tiefe und historische Weite. Einige von ihnen wollen im Mai 2010 noch einmal nach Wladimir zum 65. Jahrestag des Kriegsendes. Sie haben den Krieg in sich besiegt.

Heinz-Helmut von Hinckeldey

Persönlichkeit: Heinz-Helmut von Hinckeldey, ein Mensch mit Charakter, Lebensweisheit, Mut und Selbstdiziplin. Nach Jahren unschuldiger Haft u.a. im Wladimirer Zentralgefängnis als „Kriegsverbrecher“ ist der 95jährige von der Kraft beseelt, seinen einstigen Peinigern zu verzeihen. Ein Mann, vor dem man sich verbeugen möchte, der dies freilich nie zuließe!

Familienglück: Der Belgier Bertrand und die Wladimirer Ljuba Selvais haben in den Ardennen ihr Zuhause und gemeinsam mit Sohn Pierre Boris ihr Glück gefunden.

Jürgen Ganzmann, Margit Stirnweiß, Detlef Troll mit zwei Heimbewohnern

Abschied und Wiederkehr: Jürgen Ganzmann, Kopf und Herz des Projekts „Lichtblick“ verläßt Ende des Jahres die Barmherzigen Brüder, wo er über zwei Dekaden die Behindertenwerkstätte und einiges mehr geleitet und gestaltet hat. Zunächst ein Schock für die Projektpartner in Wladimir. Doch Günther Allinger, Gesamtleiter der Einrichtung in Gremsdorf und Vorsitzender der Stiftung „Lichtblick“, konnte die Gemüter beruhigen. Unter seiner bewährten Ägide werden alle Programme fortgeführt, und Jürgen Ganzmann bleibt der Sache in neuer Funktion ab Januar 2010 als Leiter des Seniorenheims des BRK in Etzelskirchen ebenfalls erhalten, wie sein künftiger Chef, Jürgen Üblacker, versichert.

Zukunftshoffnungen: Der Jugendaustausch läßt weiter hoffen. Junge Menschen wie Jutta Schnabel, Michael Winckelmann, Andreas Bernard, Simon Hirscher, Claudia Nagel, Maria Kuczera, Nikolaj Sakuterin oder Janne Pott machten Praktika, initiierten Projekte in den Bereichen Umwelt, Ökumene, „Blauer Himmel“, Jugendparlament und bleiben aller Voraussicht nach bei der Stange.

Joachim Herrmann mit seinen Wladimirer Gästen

Bürgerkönig: So nannte die Deutsch-Gruppe des Erlangen-Hauses Innenminister Joachim Herrmann nach dem Empfang in seinen Amtsräumen am Odeonsplatz in München. Und der Erlanger in der Landeshauptstadt nahm die Einladung von Oberbürgermeister Alexander Rybakow an und reist im Mai 2010 nach Wladimir.

Partnerschaftsmotto: Geprägt von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß: „Das Rote Kreuz ist der rote Faden der Partnerschaft.“

Neuauflage: Margrit Vollertsen-Diewerge veröffentlichte ihr bereits im Jahr 2000 erschienenes Märchenbuch „Drei schwarze Schiffe“ neu – in drei Sprachen (auf Deutsch, Russisch und Esperanto) mit Hör-CD, besprochen von Klaus Karl-Kraus, illustriert von Natalia Kusnezowa aus Wladimir.

Humanitäre Hilfe: Die Familien Axmann und Schirmer stehen für viele, die auch im ablaufenden Jahr konkrete Hilfe für Menschen und Einrichtungen in Wladimir leisteten. Leider ist die wieder und noch immer in vielen Bereichen notwendig.

Hoher Besuch: Der neue Generalkonsul in München, Andrej Grosow, machte seinen Antrittsbesuch und konnte sich nach dem Empfang im Rathaus durch Oberbürgermeister Siegfried Balleis und Rektor Karl-Dieter Grüske im Club International der VHS, dem Forum des Freundeskreises Wladimir, Einblick in die die Vielfalt der Partnerschaft verschaffen. Tief beeindruckend, wie der Diplomat unumwunden gegenüber Stadträtin Birgitt Aßmus bekundete.

Irina Arschanych

Ausgestellt: Fast das ganze Jahr über hingen die Bilder der Erlanger Fotoamateure im Museumswinkel, nun sinid sie in Wladimir zu sehen. Im Sommer zeigte das BRK in der Henri-Dunant-Straße 4 erstmals Arbeiten einer Wladimirer Künstlerin. Irina Arschanych, Hospitantin bei den Barmherzigen Brüdern, demonstrierte ihr Können mit stimmungsvoll eingefangenen Motiven aus Franken und Wladimir. Fast zeitgleich präsentierten vier Erlanger Maler ihr Schaffen in Wladimir.

Reportage: Nach 2006 (Spasibo Erlangen) drehte im August 2009 Thomas Rex vom Bayerischen Rundfunk schon seine zweite Reportage in Wladimir. Dieses Mal einen 45 Minuten langen Bericht unter dem Titel „Leben lernen“ über das Projekt „Blauer Himmel“ in Penkino für Bayern alpha. Und ganz nebenbei: Wer weiß, was aus dem Projekt geworden wäre, hätte der Redaktionsleiter und Moderator der Frankenschau nicht bei der Aktion „Sternstunden“ gutes Wetter für eine Unterstützung des Vorhabens gemacht.

Entdeckung: Der führende Fachmann für Erlebnispädagogik, Werner Michl, Professor an der Ohm-Hochschule Nürnberg, hat bei seinen Wladimirer Kollegen mehr entdeckt als die gemeinsame Leidenschaft für das Pilzesammeln und wird mit seinem wissenschaftlichen Sachverstand das Projekt weiter begleiten.

Abschied: Nach vielen Jahren der Organisation von Wohltätigkeitskonzerten für Wladimir mit Ensembles aus der Partnerstadt nimmt Erwin Batz aus gesundheitlichen Gründen seinen Abschied von der Bühne. Ein Großer geht, dem großer Dank zu entrichten ist.

Sportliche Kontinuität: Eine Tugend der Schwimmer um Nadjeschda Egikjan und Wolf-Dieter Thiel. Da könnten sich andere Disziplinen einiges abschauen. Gewiß nicht zum Schaden der Partnerschaft! Am Ball bleiben da buchstäblich nur die Kicker um Pawel Bondarjew und Fjodor Lawrow, die auch in diesem Jahr wieder in Erlangen aufspielten.

Dummheit: Es war abzusehen, wozu das in diesem Jahr in Kraft getretene Verbot von Spielhallen in Rußland im allgemeinen und in Wladimir im besonderen führen würde. Es wird illegal weitergespielt. Der Mensch ist eben überall ein homo ludens und sucht das Risiko. Dieser Tage wurde denn auch wieder einmal eine illegale Spielhölle ausgehoben. Dieses Mal in Murom. Wo wohl das nächste Mal?

Anti-Atomkraft: Um in der Nähe von Murom zu bleiben, aber das Thema zu wechseln: Das in Monakowo geplante AKW brachte die Menschen auf die Straße und schlug hohe Wellen nicht nur an der Oka, sondern auch an der Kljasma. Ausgang ungewiß. Klar ist nur, daß sich der Widerstand weiter formieren wird.

Strukturhilfe: Das Klärwerk Erlangen, seit Anfang der 90er Jahre aktiv im Fachaustausch mit Wladimir, hat schweres Gerät in die Partnerschaft transportieren lassen: Turbokompressoren, die helfen sollen, die Arbeit der Kollegen zu optimieren.

Politik: Die gesetzlichen Voraussetzungen für eine zivilgesellschaftliche Kammer in der Region Wladimir könnten Grundlage für mehr Bürgerengagement werden.

Medien: Die Erlanger Nachrichten könnten, um es diplomatisch auszudrücken, etwas mehr Interesse für die Städtepartnerschaften insgesamt zeigen und sich ein Beispiel an den Wladimirer Kollegen nehmen. Da freut es besonders, wenn der geachtete Doyen des Erlanger Journalismus, Udo B. Greiner, in Hugos Welt von „Wahren Diamanten“ schreibt, die er im Blog gefunden haben will.

Überraschung: Für eine solche – und zwar eine erfreuliche – sorgten Iwan Nisowzew und Ludmila Kaschina mit der Gründung eines Deutsch-Klubs an der Fakultät für Fremdsprachen der Staatlichen Universität Wladimir.

Medizin: Die gute Tradition des Ärzteaustausches setzte sich heuer in den Bereichen Gynäkologie, Pädiatrie und Stomatologie fort.

Tatjana Parilowa an der Pestalozzi-Schule

Originell: Das „tanzende Klassenzimmer“ von Tatjana Parilowa.

Wiederaufnahme: Wolfram Howein plant schon für das nächste Jahr einen Neustart seiner erfolgreichen Bürgerreise vom Mai d.J., Rolf Bernard hat im Oktober seine zweite Pilgerreise nach St. Petersburg und Wladimir organisiert.

Der Austausch geht weiter: Trotz G 8 und immer engerem Spielraum für alles Fakultative soll der Schüleraustausch mit Wladimir am Gymnasiums Fridericianum und am Marie-Therese-Gymnasium sowie am Emmy-Noether-Gymnasium nicht ins Hintertreffen geraten. Im Gegenteil: Wenn jetzt auch noch das Christian-Ernst-Gymnasium Kontakte zur Kunstschule Nr. 2 in der Partnerstadt aufnimmt, kann man getrost weiter auf die Zukunft der Beziehungen bauen.

Studentinnen im Wladimirer Stadtpark

Fortsetzung folgt: So heißt es seit Ende der 80er Jahre, als das Institut für Fremdsprachen und Auslandskunde mit der damaligen Pädagogischen Hochschule, der heutigen Humanwissenschaftlichen Universität, einen regelmäßigen Austausch vereinbarte. Seither vergeht kein Jahr, wo sich nicht Studenten und Dozenten im Frühjahr hier und im Herbst dort treffen. Rekordverdächtig und jeder Anerkennung würdig. Die Einladung für die nächste Gruppe aus Wladimir ist schon raus.

Zitat: Gerhard Wolf, Direktor des Christian-Ernst-Gymnasiums auf der Rückreise von Wladimir im Bus: „Erlangen kann stolz sein auf diese Partnerschaft. Der Austausch muß weitergehen, noch für viele Generationen!“

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Wieder einmal rächt sich der Umstand, daß es in Rußland bis dato kein recht funktionierendes Instrumentarium gegen Monopole gibt. Jetzt hat es den Wladimirer öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) getroffen. Der Busgigant „BigAwtoTrans“ hat den einzigen verbliebenen Konkurrenten, „Wladawtolinija“ übernommen. In Geschäftskreisen nennt man den Abschluß historisch, und in der Tat hat es bislang in der Partnerstadt keinen vergleichbaren Handel gegeben. Über die Gründe für die Übernahme schweigen sich beide Seiten bisher aus.

Awtandil Biganow, Direktor der Unternehmensgruppe „BigAwtoTrans“, versichert zwar, es werde sich für die Kunden nichts ändern, und die Beschäftigten könnten bei ihm weiterarbeiten. Seinerseits fürchtet er die ohnehin zahnlosen Wettbewerbshüter nicht und verweist darauf, es gebe ja immer noch zwei oder drei Konkurrenten. Aber Skepsis ist angebracht. Die genannten Anbieter spielen de facto kaum eine Rolle, so gut wie alle Linien sind nun in der Hand von „BigAwtoTrans“, und was das bedeuten kann, mußte die Stadtverwaltung 2002 schon einmal schmerzlich und blamabel erleben. Man wollte damals nämlich auf einer einträglichen Linie einen Wettbewerber zulassen, doch Awtandil Biganow ließ sich seine Kreise nicht stören: Er wies seine Fahrer an, die Strecke lahmzulegen, kein Bus bediente mehr die Linie, und schon machte das Rathaus einen Rückzieher. Man kann das Erpressung nennen.

Alexander Juswik

Alexander Juswik

Voraussagen lassen sich in jedem Fall steigende Preise und ein ruppiger Umgangston. Im übrigen ist die Übernahme auch ein Verlust für die Städtepartnerschaft. Über ein Jahrzehnt hinweg haben die VAG und die ESTW in Nürnberg und Erlangen eng mit Alexander Juswik, Chef von „Wladawtolinija“ zusammengearbeitet. Den Großteil seiner gut 70 Busse von Mercedes und MAN hat er entweder direkt hier oder dank der Vermittlung seiner fränkischen Partner bei deutschen Großhändlern gekauft. Am Anfang seiner Karriere stand sogar ein von den Stadtwerken bei der Sparkasse Erlangen eingefädelter Kredit zum Ankauf seiner ersten Busse, der fristgerecht und in vollem Umfang zurückbezahlt wurde. Die 2006 gedrehte Reportage „Spasibo Erlangen“ von Thomas Rex, Bayerischer Rundfunk, zeigte den Jungunternehmer noch als ein Paradebeispiel der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen den Partnerstädten. Nicht unterschlagen bleibe, daß Alexander Juswik stets bereit war, für seine Erlanger Freunde Busse kostenlos oder für einen symbolischen Preis zur Verfügung zu stellen, wenn größere Bürgergruppen in Wladimir zu Besuch waren.

In jedem Fall geht eine Ära zu Ende. Neue, rauhere Zeiten brechen an, wenn die Großen nicht mehr nur die Kleinen fressen, sondern sich sogar andere Große einverleiben.

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Philipp Dörr, am 22.  Dezember 1926 in Fränkisch Crumbach, Odenwald, auf einem Bauernhof geboren, wirbelt wahrscheinlich auch noch im Tiefschlaf durch Raum und Zeit. Wenn da nicht das böse Knie wäre, man bekäme schon Muskelkater bei der schieren Beobachtung all seiner Bewegungen. Stets in Bewegung sind auch seine Sprechwerkzeuge, getrieben vom Schwungrad einer Lebensgeschichte, die ihn nicht ruhen läßt, und geordnet von einem erstaunlichen Gedächtnis für Fakten und Daten.

1933 eingeschult – im Jahr der Machtergreifung – und 1941 konfirmiert – just in dem Jahr, in dem das Unternehmen Barbarossa seinen verhängnisvollen Anfang nahm und in dessen menschenfressenden Strudel er am Ende hineingezogen wurde -, mußte Philipp Dörr im gleichen Jahr seinen Vater begraben. Nun war er der Hofherr und mußte gemeinsam mit der Mutter für die Schwester sorgen. Eigentlich ein gewichtiger Grund, ihn nicht einzuziehen. Doch der Ortsbauernführer meinte, es gebe in der Gegend genug Ostarbeiter in der Landwirtschaft, und so rückte die Halbwaise am 26. August 1944 in Erfurt ein.

Philipp Dörr

Philipp Dörr

Zunächst waren Dienst und Ausbildung in der Kaserne angesagt, doch schon Ende Januar 1945 kam der Marschbefehl nach Frankfurt an der Oder zu einer Infanterie-Geschützkompanie auf eine Beobachtungsstelle mit Blick auf Kunersdorf, dem heutigen Kunowice, das nur vom 3. bis 6. Februar gegen die vorrückende Rote Armee gehalten werden konnte. Unter den Siegern jener Schlacht war übrigens auch Nikolaj Schtschelkonogow aus Wladimir, der seit 1991 Freundschaft mit den ehemaligen Gegnern aus Deutschland hält und den Spaten (Schwerter zu Pflugscharen) übergab, mit dem Kurt Seeber in Minden so zackig exerzierte. Heute kann Philipp Dörr mit seinem russischen Kameraden scherzen und augenzwinkernd behaupten, er habe damals absichtlich immer falsche Feuerbefehle gegeben und ihm damit das Leben gerettet. Gleich wie: Die Hauptsache ist die, daß beide überlebt haben und – Wunder der Geschichte! – sich heute nicht mehr feind sind.

Zum Scherzen war der Odenwälder seinerzeit sicher nicht aufgelegt. Als Versprengter mußte er sich nach der Niederlage von Kunersdorf in Storkow melden und wurde der Ortsverteidigung zugeteilt. Wenn es ihm da nicht gelungen wäre, sich vom Acker zu machen, würde er heute, da ist er sich sicher, mit all den andern im Massengrab liegen. Auf abenteuerlichen Wegen, wie sie nur eine in Auflösung begriffene Armee vorgeben kann, landete Philipp Dörr schließlich in Königs Wusterhausen, blieb dort über Nacht, landete dann auf einem LKW, der ihn durch Wald und Feld brachte, bis er ganz in der Nähe der Stadt am 26. April 1945 in Gefangenschaft geriet. Via Cottbus marschiert er mit einer Gefangenenkolonne gen Osten, bis er am 2. Mai mit 2.000 Mann in Waggons verladen wurde und fünf Tage lang per Bahn nach Kreuzburg in Schlesien unterwegs war. Von dort brach er Mitte Juni wiederum im Waggon Richtung Sowjetunion auf und kam Mitte Juli in Gus-Chrustalnyj an, 70 km von Wladimir entfernt. Eine Schmalspurbahn führte ins Torflager 190/9. Da war aber noch alles leer, unbewohnt und unmöbliert. Kascha (die russische Buchweizengrütze) und Brot teilte er sich mit einem bayerischen Freund bis zum 1. April 1946; schon am 30. März schrieb er die erste Karte nach Hause, die dort auch ankam. Die Mutter wußte bereits seit Dezember 1945 von einem Kameraden, daß ihr Sohn lebte und in Rußland war.

Vom 1. April bis 13. August mußte Philipp Dörr in einem zweiten Lager Torf stechen, wiederum in der Nähe von Gus-Chrustalnyj, bevor er dann in das „Kirchenlager“ (Auferstehungskirche) in Wladimir verlegt wurde. Hier asphaltierte er die erste Teerstraße Wladimirs nach dem Krieg, die ehemalige Leninstraße, heute Große Moskauer Straße. Es folgten Einsätze beim NKWD (das Innenministerium mit dem Geheimdienst hatte ich im Wladimirer Kreml auf barbarische Weise eingerichtet) und im Sägewerk, und 1947 wurde der Hesse Brigadier am alten Bahnhof, über den der ganze Warenumschlag lief. Sogar Bodenproben zog er am Steilufer der Kljasma, dort, wo später das Stadion gebaut werden sollte. Ein Natschalnik aus Moskau war eigens zu den geologischen Untersuchungen angereist. Immer wieder verhalfen dem an gute Bauernküche gewohnten Gefangenen einheimische Frauen zu einer Extraportion.  Karotten gab es, und Kartoffeln und Gemüsesuppe kochten sie für ihn. Auch in einer Tuchfabrik war er eingesetzt und durfte wegen guter Arbeitsleistungen sogar für zwei Wochen ins „Urlauberlager“ außerhalb der Stadt. Hier konnte man einen Spaziergang machen, „Mensch ärgere dich nicht“ spielen, hatte eine Stube für sich. Im Herbst 1947 dann ein Ernteeinsatz in der Nähe von Moskau, und zum Abschluß mußte Philipp Dörr aber noch einmal nach Gus-Chrustalnyj, dieses Mal in die Glasfabrik. Hier, im Trockenraum bei schrecklicher Hitze, gab es immerhin die doppelte Ration. Am 9. Dezember 1947 dann der Tag, auf den alle hinlebten: Er wird in einen Waggon verladen, der drei Tage später abfährt und am 22. Dezember in Frankfurt an der Oder ankommt, just am Geburtstag des Heimkehrers. Mit dem 22. hat es seither eine besondere Bewandtnis im Leben des Philipp Dörr. An einem 22. ging es ab in die Gefangenschaft, an einem 22. kam er nach Deutschland zurück. Und wieder ist es Erfurt, wenngleich nun eine andere Kaserne, wo er Zwischenstation macht, um dann über Bad Hersfeld am Morgen des 30. Dezember 1947 auf dem heimatlichen Hof in Fränkisch Crumbach einzutreffen.

Von einer Fernsehsendung auf die Städtepartnerschaft aufmerksam gemacht, hat Philipp Dörr zusammen mit Fritz Wittmann und Willi Börke 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes Wladimir und die noch auffindbaren Orte seiner Lagerzeit besucht. Gesucht, aber bisher nicht gefunden hat er auch jene blonde Ärztin, die ihn, der so gut wie nie schlapp machte, für zehn Tage krankgeschrieben hatte, als er einmal an schlimmem Durchfall litt. Der deutsche Brigadier hatte ihn gewarnt, er könne statt in der Krankenstation bei einem Strafzug landen, was für den geschwächten Gefangenen den Tod hätte bedeuten können. Aber die Strapazen des vier Kilometer langen täglichen Fußmarsches vom Lager zur Arbeitsstelle im kalten Februar mit vollen Hosen, wischten alle Bedenken beiseite. Und recht so.  Bis heute ist er der barmherzigen Namenlosen dankbar, die ihm auch noch zwei Wochen lang zu Revierverpflegung verhalf, bis er wieder ganz bei Kräften war. Er würde alles für diese gute Fee im Arztkittel und ihre Angehörigen tun… An ihrer Statt kümmert er sich jetzt um die Lehrerin Ludmila Mironowa und deren Tochter, die ihn in Wladimir begleitet und einen Schüler bei einer Facharbeit über das Schicksal deutscher Kriegsgefangener betreut hat. Im Sommer erwartet man wieder Besuch aus Wladimir in Fränkisch Crumbach.

Kurt Seeber und Philipp Dörr

Kurt Seeber und Philipp Dörr

Rückblickend auf seine russischen Jahre sagte der quecksilbrige Landwirt über all die Jahrzehnte hinweg immer wieder: „Die russischen Menschen sind gut, nur das System ist schlecht.“  In der Reportage des Bayerischen Rundfunks „Spasibo Erlangen“ von Thomas Rex, zu finden unter www.erlangen.de/de/desktopdefault.aspx/tabid-675/, gibt Philipp Dörr im Garten des Erlangen-Hauses zu Protokoll: „Damals mußte ich hierher, heute komme ich mit Freuden!“ Im Unterschied zu anderen hat Philipp Dörr aber auch nie tote Kameraden in den Lagern zu Gesicht bekommen. Und mit einem gehörigen Schuß Bauernschläue verstand er es geschickt, sich Strafen zu entziehen. Als er einmal von einem Sachsen verpfiffen wurde, weil er sich eine Extraration Brot organisiert hatte, wurde er dazu verdonnert, an zehn Abenden in Folge von 22.00 Uhr bis 24.00 Uhr Holz zu sägen. Doch nach dem ersten Abend tat er, als wisse er von nichts und verstünde noch weniger, und man ließ ihn in Ruhe. Vielleicht begriffen die Bewacher auch, daß sie hier einen Menschen vor sich hatten, der nun weiß Gott nichts Böses im Schilde führte, einen Menschen, der nichts wollte, als überleben und baldmöglichst wieder nach Hause fahren, wo ihn Mutter und Schwester so dringend brauchten und sehnlich erwarteten. Erst nach 60 Jahren übrigens gewann Philipp Dörr jenen Kurt Seeber zum Freund, der damals im gleichen Lager saß. Doch das konnte er wirklich nicht wissen.

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