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Posts Tagged ‘Selbsthilfeorganisation Swet’


Die Stadt

Es war Ende August 2018 nach 14 Jahren meine vierzigste Reise nach Wladimir. Strahlend blauer Himmel, die ganzen zehn Tage lang, der „Jubiläumsreise“ angemessen, meine ich.

Fußgängerzone Wladimir

Es ist immer wieder beeindruckend, zu erleben, wie sehr sich die Stadt in den wenigen Jahren entwickelt hat. Vor 14 Jahren waren Spaziergänge, vor allem bei schlechtem Wetter, eher ein Hindernislauf um Pfützen und Stolperfallen herum, heute sind Gehsteige gepflastert, und man wird allenfalls gelegentlich von Radfahrern gestört, die verständlicherweise die Bürgersteige den von Autos beherrschten Straßen vorziehen.

Fußgängerzone Wladimir

Auch die Straßen wurden modernisiert, nördlich von der Altstadt entstand eine neue, vierspurige Trasse, um den Durchgangsverkehr durch die Innenstadt besser zu verteilen. Allerdings kann der Straßenbau mit der Zunahme der Fahrzeuge nicht mithalten, und damit wird „Stop and Go“ zum Standard während der Rushhour. Das Internetportal mit der aktuellen Verkehrssituation zeigt jeden Tag morgens und nach Feierabend über die Stadt verteilt rot eingefärbte Straßenabschnitte mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von weniger als 2 km/h.

Patriarchengarten

Eine Oase der Ruhe und Erholung ist dagegen die neue Fußgängerzone neben der Hauptstraße am Abhang zur Kljasma. Alte, restaurierte Häuser, Boutiquen und Andenkengeschäfte, kleine Museen sowie drei Aussichtsplattformen mit Blick zur Kathedrale, zur Kljasma und zum Patriarchengarten laden zum Verweilen ein. Dieser Park (Eintritt 80 Rubel) mit einer großen Fontäne und Blick auf die Mariä-Entschlafens-Kathedrale ist besonders schön im Mai, wenn die Kirschen blühen.

Springbrunnen im Zentrum von Wladimir

Ganz neu und erst zum Stadtfest am 26. August eingeweiht, ist der Springbrunnen vor dem Schauspielhaus am Goldenen Tor. Der Brunnen ist ebenerdig mit Gitterrosten angelegt, und so kann man zwischen den in der Intensität ständig wechselnden Fontänen einherspringen, ein Magnet für Kinder und gelegentlich auch für jung gebliebene Erwachsene. Abends erstrahlt das Ensemble dann in bunten Farben, und stündlich wird das Ganze noch mit Musik untermalt.

Wasserfreuden

Nicht weit entfernt liegt die Kirche der katholischen Rosenkranzgemeinde. Natürlich hat Pfarrer Sergej Sujew Zeit, mir die Fortschritte auf der Baustelle des Pilgerzentrums zu zeigen. Strom, Wasser, Abwasser und Heizung sind installiert, jetzt steht der Innenausbau an. Zurzeit wird aber noch an der Außenanlage gearbeitet. Durch einen Gerichtsentscheid wird das Grundstück geschätzte 100 m² größer, was z. B. zusätzliche Parkflächen ermöglicht. Leider erschweren und belasten immer wieder neue Auflagen die Kostenseite und damit den Fortgang der Arbeiten. So müssen jetzt alle Stromzuführungen unterirdisch verlegt werden, und dies trifft nicht nur den Neubau, sondern auch das Pfarrhaus und die Kirche. Bis zur Einweihung des Zentrums wird sicher noch mindestens ein Jahr vergehen, vorausgesetzt, die Spenden kommen rechtzeitig an.

Die Initiative Swet

Seit 1995 besteht in der Region Wladimir die Initiative Swet, in der sich mehr als 800 Eltern von Kindern mit den verschiedensten Behinderungen zusammengefunden haben. Ziel ist es, die jungen Leute aus der durch die administrativen Vorgaben und die medizinische Therapie entstandenen Isolation zu befreien und in die Gesellschaft zu integrieren, ein Recht, das ihnen durch die Gesetze der Russischen Föderation garantiert wird. Swet erfuhr vielfältige Unterstützung durch die Partnerschaft mit Erlangen. Mit Einzelspenden und Spendenaktionen wurden die Projekte gefördert. Mit Unterstützung von Erlangen entstanden Kontakte zu deutschen Einrichtungen und Institutionen der Behindertenarbeit, die WAB in Kosbach stellte z. B. Hospitationen zur Verfügung.

Jurij Katz in Susdal

Einer der Initiatoren und engagierten Repräsentanten ist Jurij Katz, mit dem ich über die Wiederbelebung von Hospitationen bei den Barmherzigen Brüder in Gremsdorf geredet habe. Diese Zusammenarbeit geht zurück auf das Projekt „Lichtblick“ mit dem Kinderzentrum „Blauer Himmel“. Aus dieser Zusammenarbeit erhielt Swet 2015 ein Datscha-Grundstück am Nerl zur geeigneten Verwendung. Das Grundstück wurde dann verkauft, weil die von Swet betreuten Menschen in der Gesellschaft, in Städten leben sollen, ein Leben auf dem Land würde wieder eine Isolierung bedeuten.

Swet-Baustelle in Susdal

Jurij Katz fuhr deshalb mit mir nach Susdal, um die aus dem Erlös des Grundstücks gekaufte Wohnung zu besichtigen. Sie liegt in der Mitte der Stadt, direkt gegenüber von den Handelsreihen. Es handelt sich um eine von drei Wohnungen in einem alten Holzhaus. Zurzeit läuft eine umfassende Renovierung, drei Handwerker waren auf der Baustelle tätig. Es entstehen drei Wohn-/Schlafzimmer, eine Wohnküche, ein WC mit Dusche und ein kleiner Lagerraum. Das Ganze soll als Schulungszentrum für Behinderte (ggf. mit Angehörigen) genutzt werden. Bis zu neun Personen können unterkommen und sollen in ein- bis mehrwöchigen Kursen die Grundlagen eines eigenständigen Lebens erlernen.

Jurij Katz im neuen Zentrum

Danach besuchten wir noch ein Therapiezentrum für behinderte Kinder in Susdal. In sozial schwachen Susdaler Familien sind 80 behinderte Kinder bekannt. Das Zentrum wurde von einer privaten Initiative gegründet, die Organisation Swet hilft beratend.

Therapiezentrum in Susdal

Die Finanzierung erfolgt durch Sponsoren, auch die Stadt Susdal gibt mit kleinen Anteilen Unterstützung. Ein verfallener Gebäudekomplex wird, getaktet durch die Verfügbarkeit von Spenden, Raum für Raum ausgebaut. Es ist immer wieder erstaunlich, was mit einfachen Mitteln erreicht werden kann!

Jurij Katz

Auf dem Weg zurück fällt uns etwa in der Mitte zwischen Susdal und Wladimir auf der linken Seite ein großer Neubau ins Auge, ein privates Museum mit Autos und Motorrädern. Darin befindet sich ein Café, an dessen Bar man auf Motorrädern Platz nimmt.

Wolfram Howein

Wir machen eine Sitzprobe, verziehen uns für unser Gespräch aber gerne auf die Stühle an den nebenstehenden Tischen. Ob sich das Investment rechnet? Ich bin mal gespannt, was daraus in einem Jahr geworden ist, wenn ich mal wieder nach Susdal fahren werde.

Wolfram Howein

Fortsetzung folgt.

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Vom 15. bis 19. November fand in Pskow ein Symposium zum Thema  „Ambulante Pflegedienste für Menschen mit geistigen Behinderungen in der Kommune“ statt, veranstaltet unter Federführung von Bernd Schleberger in Zusammenarbeit mit der gastgebenden, überregional tätigen karitativen Organisation „Gleiche Chancen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit geistigen und körperlichen Behinderungen“ und dem „Bundesverband Deutscher West-Ost-Gesellschaften“, Berlin.

Festung Pskow

Das Treffen verstand sich als Fortsetzung der Begegnungen vor fünf Jahren – der Blog berichtete seinerzeit (s.  https://is.gd/GTmhuw) darüber – und diente dem Erfahrungsaustausch sowie der weiteren Planung der Zusammenarbeit zwischen deutsch-russischen Partnerstädten bei der Schaffung von Betreuungsdiensten und ambulanten Pflege-Einrichtungen für Menschen mit geistigen Behinderungen auf kommunaler Ebene in der Trägerschaft von Nicht-Regierungs-Organisationen.

Festung Pskow

Erlangen war mit Fachleuten aus den Bereichen Ambulant Betreutes Wohnen und Pflege für Menschen mit geistigen, körperlichen und psychischen Einschränkungen vertreten durch Jürgen Ganzmann und Arina Alstrud (WAB Kosbach) und Thomas Neumann (Lebenshilfe ), aus Wladimir war Jurij Katz gekommen, Gründer der Selbsthilfegruppe „Swet“.

In großer Runde mit Bernd Schleberger und Jürgen Ganzmann

In Pskow trafen nicht nur sehr unterschiedliche Teilnehmer aus weit entfernten Regionen zusammen. Auch zwischen staatlicher Administration und Nicht-Regierungs-Organisationen wurden zu Beginn unterschiedliche Positionen deutlich.

Jürgen Ganzmann in den Werkstätten

Das ließen schon allein die räumlichen Entfernungen vermuten, war doch die Delegation aus Irkutsk über mehr als 7.000 km angereist, 2.000 km waren aus dem Süden des Landes, von Machatschkala im Kaukasus aus, zurückzulegen. Die deutschen Städtepartner hatten ihrerseits gute 2.000 km hinter sich: Neben den Paaren Neuss – Pskow und Erlangen – Wladimir waren auch Pforzheim, Essen, Kiel, Oldenburg und Berlin vertreten, um mit ihrem Gegenüber aus Irkutsk, Nischnij Nowgorod, Kaliningrad, Machatschkala und Moskau zusammenzutreffen.

In kleiner Runde: Jürgen Ganzmann, Arina Alstrud, Thomas Neumann und Jurij Katz

In den drei Tagen entstand nach anfänglichen Schwierigkeiten, eine gemeinsame Fachsprache zu finden, ein reger Austausch. Wie kann den Herausforderungen der Behindertenhilfe unter regional sehr unterschiedlichen Bedingungen begegnet werden. Dazu waren unterschiedliche Blickwinkel nötig.  Zum Beispiel versorgt die Region Irkutsk ca. zwei Millionen Einwohner auf der doppelten Fläche Deutschlands. Aber auch Moskau hat ganz andere Voraussetzungen als Berlin. Eines verbindet freilich alle: Beide Länder stehen vor einem Paradigmenwechsel in der Behindertenhilfe.

Arina Alstrud

In den Berichten der Teilnehmer wurde deutlich, wie sich die Initiativen der Eltern behinderter Kinder, seit rund zwanzig Jahren regional im Aufbau, nach dem deutschem Vorbild der 60er und 70er Jahre nun überregional vernetzen. Die Kaliningrader Organisation „Maria“ berichtete von dem Verzicht auf staatliche Mittel, da nach der Erfüllung der damit verbundenen staatlichen Auflagen nichts mehr für die Unterstützung behinderter Menschen übrig bleibe. Demgegenüber ist die Irkutsker Delegation hervorzuheben, die exemplarisch eine gelungene und zielorientierte Zusammenarbeit von Administration und Nicht-Regierungs-Organisation zur Verbesserung der Teilhabe von Menschen mit Behinderungen referierte.

Thomas Neumann

Den Wunsch nach mehr Unterstützung für soziales und partnerschaftliches Engagement durch die Behörden formulierte Jurij Katz aus Wladimir mit dem Satz: „Die Behörden brauchen uns nicht, aber die Gesellschaft braucht uns sehr wohl.“ Der Besuch des Heilpädagogischen Zentrums Pskow, ein mit deutscher Unterstützung entstandenes russisches Pilotprojekt mit Schule, Tagesstätte und Werkstatt, das Bildung und Beschäftigung für Menschen mit Behinderung bietet und so die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft vorbildlich ermöglicht, war auch für die deutschen Teilnehmer sehr beeindruckend – ebenso wie der Besuch einer Wohngruppe der Elterninitiative „Ich und Du“.

Jürgen Ganzmann

Erlangen und Wladimir nutzen die Gelegenheit, ihren Austausch von Erfahrung und Fachkompetenz bezüglich der Teilhabe für Menschen mit Behinderungen weiter zu vertiefen und neue Schritte der Zusammenarbeit zu planen. Da diese Verbindungen nicht nur auf eine sehr lange Historie zurückblicken und unterschiedliche soziale Partner erfolgreich einbeziehen, lag es nahe, daß die Vertreter von Irkutsk sowie Nischnij Nowgorod den Wunsch äußerten, in Zukunft mit den Erlanger Einrichtungen zusammenarbeiten zu können.

Die Engel von Pskow bewegen ihr Flügel

Die wechselseitigen Erfahrungen auszutauschen, war sehr fruchtbar, weshalb eine Fortsetzung unbedingt angestrebt werden sollte. Die ausgesprochen intensive und aus Sicht der Erlanger Teilnehmer erfolgreiche Tagung soll,  so der Wunsch der Organisatoren und Städtepartner, bereits 2018 in Berlin ihre vierte Fortsetzung finden.

Jürgen Ganzmann und Thomas Neumann

Eine Partnerschaft kann nur erfolgreich sein, wenn der Respekt im Miteinander auf Augenhöhe gegeben ist und man die unterschiedlichen Bedingungen in den Ländern versteht.

Jürgen Ganzmann

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Helm auf, das Kind zum Pferd führen, aufgesessen. Klingt doch gar nicht so schwierig. Aber wenn das Kind behindert ist, etwa an Krampfanfällen leidet oder in seiner Motorik Einschränkungen hat? Oder wenn es sich um einen autistischen Jungen handelt, wie bei dem Sohn von Galina Komarowa? Gerade für diese Kinder ist die Hippotherapie eine Möglichkeit, die Welt und sich ganz neu zu erfahren, Muskeln und Kräfte zu entwickeln, die ansonsten untrainiert und unerkannt blieben.

Swetlana Komarowa bei der Arbeit

Galina Komarowa bei der Arbeit

Die Selbsthilfeorganisation Swet macht mit dem Reiten schon seit den 90er Jahren gute Erfahrungen vor Ort, aber jetzt kam auch noch die überregionale Anerkennung: Galina Komarowa belegte bei einem landesweiten Wettbewerb für Pädagogen den zweiten Platz in der Nominierung: „Beste Unterrichtsstunde im Freien“.

 

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Ljubow Katz

Ljubow Katz, mit ihrem Mann Jurij zusammen Gründerin und Leiterin der Organisation, kann eine beeindruckende Bilanz vorweisen: An fünf Tagen in der Woche wird die Hippotherapie angeboten. Zu Beginn, 1998, waren es gerade einmal 25 Kinder, die daran teilnahmen, jetzt sind es 80, weshalb mittlerweile auch zwei Trainer angestellt sind, Galina Komarowa und Wiktor Tschukajew.

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Galina Komarowa

Eltern berichten von erstaunlichen Fortschritten ihrer Kinder: Da ist der Junge, der nach den Reitstunden buchstäblich aus sich herausgeht, Futter für sein Pferd herrichtet, selbst zu gehen versucht; da ist das Mädchen, bei dem nach dem Pferdekontakt deutliche Verbesserungen in der Artikulation zu bemerken sind. Und dann ist da die ganze Bewegung auf dem Rücken des Tiers, dessen Körpertemperatur um etwa ein Grad wärmer ist als die des Menschen und damit Krämpfe lösen kann, Muskeln geschmeidiger macht, sich einfach gut anfühlt beim Streicheln…

 

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Ein guter Auftakt für das neue Jahr: Seit Mitte des Monats hospitiert Anna Trinowa in der WAB Kosbach, die in Erlangen und im Landkreis mehr als 200 Menschen mit psychischen Erkrankungen ambulant und in Wohngruppen betreut. Noch bis Anfang März bleibt die Wladimirer Psychologin, die auch Sozialarbeit und Betriebswirtschaft studiert hat und seit vierzehn Jahren an einer Musikschule in der Partnerstadt jungen Leuten dabei hilft, Versagensängste und Lampenfieber zu überwinden. Seit einem Jahr besucht der Gast an zwei Tagen in der Woche einen kostenlosen Deutschkurs in einer sechsköpfigen Gruppe, der durch ehrenamtliche Mitarbeit bei der Selbsthilfeorganisation Swet abgegolten wird. Ein von Jürgen Ganzmann, dem Geschäftsführer der WAB, schon vor fünfzehn Jahren entwickeltes Programm, wonach der Sprachunterricht aus Spenden finanziert wird, während die Teilnehmer im Gegenzug gemeinnützige Leistungen zu erbringen haben. Anna Trinowa engagierte sich bei Swet in der Betreuung einer Wohngruppe von jungen Erwachsenen mit unterschiedlicher geistiger Behinderung.

Anna Trinowa und Jürgen Ganzmann

Anna Trinowa und Jürgen Ganzmann

Eine Praxiserfahrung, die sich jetzt auszahlt, hat die Hospitantin so doch gelernt, daß es in der Kommunikation mit ihren Schützlingen vor allem auf die emotionale Kompetenz ankommt. Eine Einsicht, die ihr nun beim ersten Auslandsaufenthalt sehr hilft, wenn die Deutschkenntnisse vielleicht noch nicht ganz ausreichen. Wobei die sich flugs verbessern, denn, so Anna Trinowa: „Im Team kümmert man sich wirklich um mich, ich fühlte mich vom ersten Tag an dort gut aufgenommen, alles bekomme ich haarklein erklärt, und täglich lerne ich jede Menge dazu, auch sprachlich. Und Erlangen ist ja auch eine Stadt, wie für Menschen gemacht. Ich fühle mich hier bestens aufgehoben.“ Aber so soll es doch auch sein in der Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir. Ein guter Auftakt eben.

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„Eigentlich sprechen ja sechs Gründe gegen die Entwicklung Wladimirs zu einer Fahrrad-Stadt“, meint Oberbürgermeister Sergej Sacharow, läßt den eher entmutigenden Satz aber nicht so stehen, sondern fügt verschmitzt an: „Aber wir machen’s doch!“ Und wie auch nicht! Wladimir hat schließlich schon mehr geschafft.

Dietmar Hahlweg, Sergej Sacharow, Marlene Wüstner und Josef Weber

Dietmar Hahlweg, Sergej Sacharow, Marlene Wüstner und Josef Weber

Und tatsächlich: Auf der fast zweistündigen Rundfahrt durch Wladimir am gestrigen Nationalfeiertag geriet Marlene Wüstner, die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft fahrradfreundlicher Kommunen in Bayern, fast schon ins Schwärmen: „Ich bin begeistert, von dem, was in dem Bereich schon geleistet wurde. Wladimir hat alle Voraussetzungen, unter seinen Bedingungen den Radverkehr gut auszubauen.“ Die ersten dreieinhalb Kilometer Radwege sind angelegt, und sogar die bereits in Bau befindliche Umgehungsstraße des historischen Stadtkerns soll einen eigenen Streifen für die Radfahrer erhalten. Und ansonsten kann man gut auf den breiten Gehsteigen fahren, die vielfach auch schon abgeflacht sind, um Rollstuhlfahrern und Radlern das Vorankommen zu erleichtern.. Und eben immer mehr meist jugendlichen Radfahrern. Übrigens alles und überall ohne Geschimpfe und Gemecker der Fußgänger. Freilich muß man die Augen offen halten wegen des einen oder anderen Schlaglochs und tut gut daran, im gefederten Sattel eines geländegängiges Rades zu sitzen.

Marlene Wüstner, Dietmar Hahlweg, Josef Weber

Marlene Wüstner, Dietmar Hahlweg, Josef Weber

Aber was war doch mit den sechs Gründen, als da sind: das Klima mit seinem langen Winter voll Eis und Schnee; die Mentalität, die dazu neigt, jetzt erst einmal ausgiebig die Vorzüge des motorisierten Inidivdualverkehrs zu genießen; die Topographie der Stadt, wegen der Hanglage mancherorts durchaus eine sportliche Herausforderung; die russischen Standards, die strikte Vorgaben zur Breite von Fahrradstreifen und Markierungen beinhalten… Doch mit den Gästen unterwegs durch seine Stadt, sind Sergej Sacharow schon zwei der Gründe entfallen, von denen er noch am Vortag im Rathaus gesprochen hatte. So stichhaltig können sie also gottlob nicht gewesen sein. Und Erlangens oberster Stadtplaner, Josef Weber, meint dazu, zumindest einen vermeintlichen Verhinderungsgrund, die Standards beim Straßenbau, könne man leicht und ohne großen baulichen wie finanziellen Aufwand verhindern, indem man auf den parallel zu den Hauptverkehrsachsen verlaufenden Straßen Radwege gestrichelt markiere, also so, daß für die Autos genug Platz bleibe, die Fahrer sich aber auf Radler einstellten. Da wäre man dann auch schon wieder im Bereich Mentalität. Und auch die erscheint den Gästen kein Hindernis zu sein, denn man kann ruhig auch auf der Fahrbahn radeln, ohne blöde angehupt zu werden. Im Gegenteil: Die Autos halten den gebührenden Abstand und lassen die abgasfreie Konkurrenz durchaus gewähren.

Dietmar Hahlweg

Dietmar Hahlweg

Jedenfalls, so Dietmar Hahlweg, der schon in den 70er Jahren das Radfahren als unverzichtbares Element der Verkehrsplanung erkannt und umgesetzt hatte, erfülle sich da in Wladimir gerade ein Traum für ihn. „Ich hoffte immer, auch die Partnerstadt würde eines Tages die Vorzüge des Fahrrads als Fortbewegungsmittel erkennen. Nun ist der Moment offenbar gekommen. Eine große Freude für mich!“ Und in der Tat: Es gibt nicht nur den ersten Fahrradverleih, auch Ständer findet man im Stadtzentrum immer wieder. Eine ganz neue Infrastruktur ist im Entstehen.

Mülltrennung: Plastik-Container

Mülltrennung: Plastik-Container

Dies gilt auch für die Müllentsorgung. Feiertag hin, Feiertag her: Marlene Wüstner und Josef Weber besichtigen am Nachmittag eine Müllsortieranlage, und auch wenn man mit offenen Augen durch die Wohnviertel geht, entdeckt man allerorts Anzeichen für den Wandel: eigene Container für Plastikabfälle, für Altmetall und Papier. Besonders freut sich Marlene Wüstner über die getrennte Entsorgung von Batterien. Wenngleich das System noch nicht flächendeckend eingeführt ist und bisher „nur“ von privaten Firmen angeboten wird.

Mira Woronitschewa und Dietmar Hahlweg

Mira Woronitschewa und Dietmar Hahlweg

An so einem Feiertag muß auch Zeit sein für eher private Glücksmomente. Etwa, wenn Dietmar Hahlweg mit Mira Woronitschewa jene Dolmetscherin trifft, die bereits 1983 für die erste offizielle Delegation aus Erlangen die sprachlichen Brücken baute.

Tatjana Oserowa und Dietmar Hahlweg

Tatjana Oserowa und Dietmar Hahlweg

Etwa, wenn er Tatjana Oserowa wiedersieht, deren verstorbener Ehemann nicht nur ganze Generationen von Deutschlehrern in Wladimir ausgebildet, sondern auch bei ungezählten offiziellen wie informellen Begegnungen gedolmetscht hat.

Dietmar Hahlweg mit Witwe und Tochter - Nina und Alla - von Percy Gurwitz

Dietmar Hahlweg mit Witwe und Tochter – Nina und Alla – von Percy Gurwitz

Etwa, wenn er Witwe und Tochter von Percy Gurwitz besucht und an den großen Brückenbauer zwischen Deutschen, Juden und Russen erinnert.

Dietmar Hahlweg und Eduard Markin

Dietmar Hahlweg und Eduard Markin

Und wenn er den Tag mit Eduard Markin beschließt, der schon Mitte der 80er Jahre mit seinem Kammerchor, wie Erlangens Altoberbürgermeister meint, dank dem Zauber der Musik das emotionale Fundament für die Partnerschaft legte und der sich heute als Weltbürger versteht, für den der Nationalismus die schlimmste Geißel der Menschheit ist und der dafür betet, daß Kunst und Kultur die Menschen aller Länder zusammenführen. In Frieden.

Jürgen Ganzmann und Elke Sausmikat

Jürgen Ganzmann und Elke Sausmikat

Ein Gedanke, dem sich auch Elke Sausmikat und Jürgen Ganzmann anschließen können, die sich am Feiertag mit ihrer Partnerorganisation, der Selbsthilfegruppe „Swet“ für Eltern mit schwerbehinderten Kindern trafen, und sich jetzt darüber freuen, noch in diesem Sommer die ersten drei Vertreter dieses Verbands bei der WAB Kosbach empfangen zu können, zu Hospitationen und zum Erfahrungsaustausch. Getreu dem gestrigen Feiertagsmotto: „Wir machen’s doch!“

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Wolfram Howein und Jurij Katz

Wolfram Howein ist dieser Tage wieder in Wladimir zu Gast. Dieser schlichte Satz hat es in sich. Wer den Tausendsassa der Partnerschaft nämlich kennt, weiß, er beläßt es dort nicht bei der beratenden Revision des Erlangen-Hauses. Er wird vielmehr noch die Rosenkranzgemeinde besuchen, wo er mit Pfarrer Sergej Sujew über die Pläne für ein Pilgerheim spricht, er will die Rot-Kreuz-Vorsitzende Olga Dejewa kennenlernen und sich im Blauen Himmel nach dessen Übergabe an die Psychiatrie umsehen, um nur einige seiner Vorhaben zu nennen.

Wolfram Howein bei der Spendenübergabe

Ohne all seine anderen Projekte, darunter auch die Vorbereitung der nächsten Bürgerreise im Mai, zu vernachlässigen, liegt Wolfram Howein etwas besonders am Herzen: das Zentrum für Familien mit behinderten Kindern, das gestern eröffnet wurde. Mehr als 6.000 Kinder mit besonderem Förderbedarf  leben in der Region Wladimir – leider zumeist mit der alleingelassenen Mutter, den 80% der Väter trennen sich von der Frau, wenn sie ein behindertes Kind zur Welt bringt -, doch es bedurfte der Initiative der Selbsthilfeorganisation „Swet – Licht“, um in einem zentrumsnahen Gebäude auf einer Fläche von knapp 200 m² die Räume im Erdgeschoß so zu renovieren, daß sie nicht nur behindertengerecht gestaltet wurden, sondern sogar neben Beratung auch Therapie anbieten. Damit ist nicht nur ein langgehegter Traum des Ehepaars Jurij und Ljubow Katz, den Gründern und Leitern der Elterninitiative, in Erfüllung gegangen, denn von Beginn der nur achtmonatigen Bauarbeiten an, finanziert aus Spenden – besonders vom lokalen Globus-Markt – und häufig durchgeführt von Freiwilligen, hat auch Wolfram Howein nicht nur mitgeträumt, sondern tatkräftig mitgewirkt an der Verwirklichung der Pläne.

Kinderglück im neuen Zentrum

Nun konnte der Gast aus Erlangen gestern im Beisein von Oberbürgermeister, Sergej Sacharow, eine Spende in Höhe von 2.000 Euro an die Einrichtung übergeben, gesammelt in einer eigenen Aktion und bestimmt für die Ausstattung des Zentrums, wo möglichst viele therapeutische Maßnahmen angeboten werden sollen, die es ansonsten weder in der Stadt noch gar auf dem Lande gibt, obwohl man allein in Wladimir drei solcher Einrichtungen bräuchte. Das weiß das Stadtoberhaupt freilich längst und verspricht denn auch, wenn nötig, beim weiteren Ausbau zumindest dieses Zentrums zu helfen, zumal die Verwaltung schon jetzt nicht ganz beiseite steht, trägt sie doch die laufenden Kosten bis hin zum Personal.

Sergej Sacharow bei der Eröffnung

Unterdessen denken Jurij und Ljubow Katz schon wieder weiter: Ein Mehrgenerationenhaus schwebt ihnen vor, wo Behinderte mit Nichtbehinderten gemeinsam leben lernen und alt werden können. Wir werden nicht fehlgehen, wenn wir annehmen, daß Wolfram Howein auch hierfür Unterstützer in Erlangen findet und seiner Devise folgt: Es gibt nichts Gutes, es sei denn, man tut es!

Mehr zu Swet unter: http://is.gd/RHIYNL und http://is.gd/3WS452.

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Grundsteinlegung

Wieder ist von einer erstaunlich mutigen Aktion der Selbsthilfeorganisation „Swet – Licht“ zu berichten. Die Elterngruppe mit schwerstbehinderten Kindern unter der Leitung des Ehepaares Jurij und Ljubow Katz legten gestern den Grundstein für ein Haus der Zukunft mit Angeboten für betreutes Wohnen. Im Dorf Wjatkino, zehn Kilometer außerhalb von Wladimir, sollen die jungen Leute lernen, mit ihren unterschiedlichen Einschränkungen selbständig zu leben. Das Projekt ist die logische Fortsetzung der Bemühungen des Elternverbands, nun schon seit 15 Jahren zu beweisen, daß behinderte Kinder nicht unbedingt in Sonderschulformen unterrichtet werden müssen, sondern durchaus in der Lage sein können, in Klassen mit ihren gesunden Alterskameraden zu sitzen. Mehr noch: Swet hat für die mittlerweile volljährigen Jugendlichen vor einigen Jahren eine sogenannte „Schule des Lebens“ eingerichtet. Dabei sollen sie, rund um die Uhr begleitet von Sozialpädagogen, zunächst einmal zwei Tage ganz für sich selbst sorgen und im nächsten Schritt im Laufe von bis zu drei Monaten an Dinge die Bewältigung des Alltags herangeführt werden: Einkaufen, Kochen, Putzen…

Ljubow Katz, Gerd Lohwasser, Peter Steger im Erlangen-Haus

Damit ihre Kinder auch als Erwachsene nicht in Heime abgeschoben werden, sollen sie möglichst autark werden, im Idealfall sogar ohne die Unterstützung ihrer Angehörigen auskommen. Gelingen soll das im eigenen Haus. Das steht zwar bisher nur auf dem Papier, aber wer die Organisation Swet kennt, weiß, daß dort keine Wolkenkuckucksheime oder Luftschlösser gebaut werden. So rechnet Ljubow Katz denn auch damit, bereits in einem Jahr den Betrieb aufnehmen zu können: „Es gibt Familien, wo die Eltern bereits älter sind, ein behindertes Kind haben und in einer Zweizimmerwohnung leben. Jetzt können sie diese Wohnung gegen eine Bleibe in unserem Haus eintauschen und können hier ihren Lebensabend verbringen, im Wissen, daß ihr Kind würdige Umstände vorfindet und sich entwickeln kann. Wenn eines Tages die Eltern sterben, übernehmen die anderen Mitbewohner des Hauses die Betreuung ihres Kindes.“

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