Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Russischer Fasching’


Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man weiß, daß die Ostslawen schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter austrieben und das Frühjahr begrüßten.

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der vierzigtägigen österlichen Fastenzeit, die sogar den Verzehr von Milchprodukten untersagt, noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse, gern auch Kaviar. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Der heutige Montag ist der „Rüsttag“, wo im ganzen Land die Jahrmarktsbuden aufgebaut werden und die Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit diese Kraft genug hatten, für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt und in effigie für den Winter eine Strohpuppe verbrennt und deren Asche zu Grabe trägt, aus der im Frühjahr die frische Saat hervorwachsen soll.

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikten Ablauf des Rituals halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber gestaltet sich der russische Karneval in geregelteren Bahnen als hierzulande das närrische Treiben und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Maslenzia mit Rus auf der Bühne in Erlangen, Dezember 2016

Um in unseren Breiten zumindest kulinarisch die Butterwoche mitfeiern zu können, bietet sich an, nach russischem Rezept Pfannkuchen zu backen. Dazu ist es nur nötig, beim Rühren der gesalzenen Eier bis zu einer leichten Schaumbildung ein Glas kochendes Wasser und darauf etwa die gleiche Menge Kefir dazuzugeben, bevor man das Mehl einstreut (etwas Soda nicht vergessen), alles klumpenfrei vermischt, ein wenig zuckert und einige Sonnenblumenöl darübertropfen läßt. Ein russischer Pfannkuchen sollte möglichst dünn und von beiden Seiten gleichmäßig gebacken sein, golden wie die Sonne, für die er ja ursprünglich steht.

Read Full Post »


Susdal, Museumsdorf.

Am Montag ist Wolfram Howein von einer einwöchigen Reise nach Wladimir zurückgekommen, wieder voller Begegnungen im Erlangen-Haus, im Blauen Himmel, in der Rosenkranzgemeinde oder im Rathaus, um nur einige Stationen zu nennen. Überall gern gesehen als Berater und Freund, mitunter auch als Mäzen, wie bei der Einweihung des Zentrums für schwerbehinderte Kinder der Selbsthilfeorganisation Swet. Sein Besuch fiel in die Masleniza, den russischen Karneval, und wohl als erster Erlanger besuchte er die Gänseschlacht in Susdal, der sein Bericht gewidmet ist. Also auf sie mit Gebrüll oder besser Geschnatter:

Winterpuppe in Susdal

Die Butterwoche in Russland verläuft etwa zeitgleich mit der Faschingswoche bei uns und endet mit dem Sonntag der Vergebung, dieses Jahr am 26.2., an dessen Nachmittag dann eine große Puppe als Symbol des Winters verbrannt wird. In Susdal findet am Tag davor die Gänseschlacht statt, ein Fest das auch heuer wieder Tausende von Zuschauern aus allen benachbarten Städten und Regionen anlockte.

Familie Nikolajew

Ich wurde am Freitagmorgen um 10 Uhr von der Arztfamilie Nikolajew aus Gus Chrustalnyj abgeholt. Der Verkehr nach Susdal hatte schon Ausmaße angenommen, teilweise ging es nur mit Stop and Go voran. Über Schleichwege erwischten wir noch einen akzeptablen Parkplatz und machten uns bei leichtem Schneetreiben auf den Weg durch die tief verschneite Stadt.

Kunsthandwerk in Susdal

Der Platz vor den Handelsreihen war mit touristischen Verkaufsständen zugestellt, auf dem Weg zur Kathedrale kam das Angebot von Fahrten mit Pferdeschlitten dazu. Nach dem Überqueren der zugefrorenen Kamenka folgten dann die Stände mit Produkten für das leibliche Wohl, Bliny, Schaschlik, Tee und Honigwein wechselten sich ab. Ort des Geschehens war das Freiluftmuseum, vor dessen Tür eine ca. 6 m hohe Puppe die Fotografen anlockte und auf ihre Verbrennung am Sonntag wartete.

Pfahlklettern in Susdal

Im Museum war dann bereits alles im Fluss. Stände mit Handwerkskunst wechselten sich ab mit Aktionsflächen. Für Kinder und mit ihnen wurden russische Märchen gespielt. Russische Burschen zeigten ihre Muskeln in Kampf- und Geschicklichkeitsspielen. In einer mit Schnee aufgehäuften zentralen Arena wurde schließlich mit Musik und anderen Darbietungen auf die halbstündlich stattfindende Gänseschlacht aufmerksam gemacht. Als wir ankamen kletterte gerade ein junger Mann mit nackter Brust und bloßen Füßen einen hohen, mit Seife beschmierten Pfahl hinauf. Unter starkem Applaus kam er oben an und erhielt nach dem Abstieg einen Preis.

Gänseschlacht in Susdal

Danach kamen die Gänse. Jeweils 6 bis 8 Tiere von unterschiedlichen Züchtern wurden in die Arena gesetzt und herumgetrieben. Schon nach kurzer Zeit gingen die Leittiere aufeinander los, wohl um das Revier für die Familie zu sichern. Begleitet wurde das Getümmel von Geschnatter und Flügelschlagen der anderen Gänse, unterstützt durch die Zurufe des Publikums. Nach maximal 10 Minuten wurden die Tiere wieder eingesammelt. In den Armen ihrer Züchter waren sie schon bald wieder friedlich.

Pferdeschlitten in Susdal

Zweimal schauten wir dem Spektakel zu, dann ging es nach kleinem Imbiss zurück nach Wladimir, wo schon der B2-Deutschkurs auf die Teilnehmer aus der Familie Nikolajew wartete. Der Kurs bestand an diesem Tag darin, diese Eindrücke und andere Faschings- und Fastenbräuche in Russland und Deutschland bei Tee und Bliny auszutauschen. Die Kursteilnehmer freuten sich, mit mir als echtem Deutschen zu diskutieren, und als geborener Westfale konnte ich zu ihrem aktuellen Kursthema „Ruhrgebiet“ einige mundartliche und folkloristische Eigenarten dieser Region beitragen.

Wolfram Howein, Text und Photos

Susdal - Schaschlik und mehr

P.S.: Die Gänseschlacht wird zwar erst seit 2004 in Susdal ausgetragen, geht aber in ihrer Tradition weit zurück in die russische Geschichte. So wird überliefert, bereits Peter der Große habe das Schauspiel mit viel Leidenschaft verfolgt. Die Kämpfe locken neben Touristen auch Fachleute an, gilt doch Susdal als das Zentrum der Gänsezucht, das sich – noch – ein eigenes Institut für das liebe Federvieh und den Erhalt seltener Rassen leistet. Darunter die in Deutschland „Russische Gans“ genannte Züchtung für Schaukämpfe.
 

Susdal - Gänseschlacht

Die Kämpfe, das sei zur Beruhigung sensibler Tierfreunde gesagt, verlaufen unblutig. Die Ganter, die übrigens nur in Begleitung ihrer Hofdamen in Rauflaune geraten, zwicken und zwacken einander zwar nach Kräften, aber der Unterlegene muß schlimmstenfalls ein paar Federn lassen. Viel gefährlicher werden den Vegetariern, die sich ansonsten an Grünfutter und Schrot halten, bekanntermaßen der Fuchs und sein ärgster Nahrungskonkurrent, der Mensch.
 
Mehr zu den Gänsen von Susdal unter: http://www.youtube.com/watch?v=03PNt2wGzow und http://is.gd/mJs00d
 

Read Full Post »


Russische Bliny

In Europa gibt es wohl kein Land, in dem nicht in der einen oder anderen Form Pfannkuchen auf den Tisch kämen. Rußland macht da keine Ausnahme, besonders nicht in der Butterwoche, der „Masleniza“, also in den Tagen vor der großen Fastenzeit, die heute beginnen und dem Osterfest vorangehen. Welche bunten Bräuche mit dem russischen Karneval verbunden sind, kann hier im Blog unter dem Eintrag vom 27. Februar 2009 nachgelesen werden. Was dort aber fehlt und heute nachgereicht werden soll, sind Rezepte zum Selberbacken der russischen Bliny, die gleich zu welcher Jahres- und Tageszeit, gleich ob Fest- oder Werktag in einer unglaublichen Vielfalt den Gaumen träumen lassen.

Masleniza

Es gehört übrigens nicht zum slawischen Küchenlatein, wenn man daran erinnert, daß diese Leibspeise der Russen die winterliche Sehnsucht nach der Sonne symbolisiert, rund und goldgelb wie beide sind. Und da jeder Blin für eine Sonne gilt, kann man gar nicht genug davon essen, gerade in diesem düster-trüben fränkischen Winter und so kurz vor der Fastenzeit, die ja auch der westlichen Christenheit unmittelbar bevorsteht. Nun aber zu der Rezept-Troika – und guten Appetit!

Rezept 1 – Russische Bliny nach Hausfrauenart (für vier Personen)

Zutaten: 800 g Weizenmehl, 800 ml warme Milch, 4 Eier, 50 g Butter, 1 Prise Salz, 1 TL Zucker, 20 g Hefe.

Zubereitung: Hefe in 600 ml Milch auflösen und in eine Schüssel mit dem Mehl geben, verrühren und zum Gehen an einen warmen Ort stellen. Die Eier aufschlagen und Dotter von Eiweiß trennen. Die vier Dotter im Rest der Milch mit zerlassener Butter, Salz und Zucker vermischen. Die Mischung dem Teig beigeben, verrühren und nochmals an einem warmen Ort gehen lassen. Das Eiweiß schlagen und unmittelbar vor dem Backen der Bliny in einer gefetteten Pfanne unterheben.

Rezept 2 – Bliny aus Buchweizen (ein altes Rezept)

Zutaten: 2 Gläser Buchweizen, 2 1/2 Gläser warme Milch, 30 g Hefe, Salz.

Zubereitung: Mehl in Milch oder Wasser verrühren und die in Milch aufgelöste Hefe und Salz hinzugeben. Den Teig an einem warmen Ort gehen lassen. Nach zwei bis drei Stunden erst mit dem Backen beginnen. Erst wenn der Teig sich gehoben hat, sorgfältig die Bliny in einer heißen ausgefetteten Pfanne backen, ohne den Teig nochmals umgerührt zu haben. 

Rezept 3 – Bliny mit Quark

Zutaten: 1 l Kefir mit mindestens 3% Fettgehalt, 1/2 l Milch, 1,5 Teelöffel Soda, 3 Eßlöffel Zucker, Salz, 2 Eier; für die Füllung: 1 kg Quark (möglichst russischen aus „Irina“ in der Wladimirstraße) oder Topfen, 2 Eier, Puderzucker.

Zubereitung: Kefir in eine Schüssel gießen und zusammen mit einem Ei verrühren, Puderzucker, Soda und Salz beigeben und umrühren. Dann Mehl dazu, bis der Teig sämig und dickflüssig wird. Abdecken und über Nacht in den Kühlschrank stellen. Am Morgen Öl in der Pfanne heiß werden lassen und den Teig portionsweise in die Pfanne geben und die Bliny backen. Jeden Pfannkuchen mit einem Stück Butter einfetten und in eine Form geben. In die Mitte der Bliny ein Quarkfüllung geben, rollen und mit Konfitüre oder saurer Sahne (am besten Smetana) reichen. Für die Füllung ist wichtig, den Quark gut mit den Eiern und dem Zucker zu vermischen.

Read Full Post »


Eine närrische Zeit mit Helau und Alaf, allgemeiner Kostümierung und organisiertem Frohsinn auf allen Kanälen und in allen Sälen gibt es in Rußland (noch) nicht. Muß vielleicht ja auch gar nicht sein, wenn man daran denkt, daß man auch hier schon lange vor der Christianisierung mit ganz eigenen Sitten den Winter ausgetrieben und das Frühjahr begrüßt hat. Während die Narren und Jecken am Rhein und am Main längst wieder in Sack und Asche gehen, treibt der russische Fasching seinem tollen Höhepunkt entgegen. Doch der Reihe nach.

Butterwoche

Butterwoche

Die tolle Zeit nennt sich hier „Masleniza – Butterwoche“, was darauf hinweist, daß vor der österlichen Fastenzeit noch einmal so richtig geschlemmt werden darf, freilich bereits ohne Fleischgenüsse. Was in heidnischer Zeit (das war eben noch ein „Heidenspaß“) eine Woche vor und eine Woche nach der Tag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, hat das Christentum gar streng auf sieben Tage verkürzt. Dennoch hielt sich vieles aus jenen fernen Zeiten, zum Beispiel der Brauch, Pfannkuchen zu backen, die als Symbol für die Sonne gedeutet werden. Als Vorbereitung auf die Fastenzeit darf nur noch Fisch gegessen werden – und natürlich, wie der Name sagt, alles mit viel Butter und Käse. Doch auch die einzelnen Tage haben ihre je gesonderte Bedeutung:

Butterwoche

Butterwoche

Der Montag ist der „Rüsttag“, wo die Buden aufgebaut werden, die ersten Pfannkuchen (Bliny) auf den Tisch kommen. Übrigens ging der erste Pfannkuchen immer an die Armen, damit die Kraft genug hatten, für für die armen Seelen zu beten.

Der Dienstag gilt als „Spieltag“, wo die Jugend ruhig einmal über die Stränge schlagen darf.

Der Mittwoch hält „Leckeres“ bereit; der Schwiegersohn geht zur Schwiegermutter, um sich Pfannkuchen abzuholen, trifft dort aber oft auch unerwartet andere Gäste…

Der Donnerstag läßt alle feiern. Ein Volksfest, wie es sein soll mit Schlittenfahrten, Tänzen, ausgelassenem Treiben.

Der Freitag führt wieder die jungen Männer zur Schwiegermutter, wo sie sich einen ganzen Abend lang bewirten lassen können.

Der Samstag gehört den Schwägerinnen, die von den jungen Bräuten nach Hause eingeladen werden und nicht ohne ein Geschenk wieder heimgehen.

Der Sonntag steht für die gegenseitige Vergebung, um die man einander für während des Jahres angetanes Unrecht bittet, bevor man die Fastenzeit antritt.

Butterwoche

Butterwoche

Wie viele sich heute noch an dieses strikte Ritual halten, sei dahingestellt, in jedem Fall aber verläuft der russische Karneval in geregelteren Bahnen und macht bei der Verkehrspolizei keine Sonderschichten notwendig. Was der Stimmung auf den Straßen und Plätzen und dem Appetit auf Pfannkuchen aber gar nicht abträglich ist. Und wer schon einmal das Tanz- und Folklore-Ensemble „Rus“ hat erleben können, wird die bunten Kostüme, die mitreißenden Tänze und den überwältigenden Gesang der Masleniza nie mehr vergessen.

Read Full Post »

%d Bloggern gefällt das: