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Posts Tagged ‘russische Zivilgesellschaft’


„Die Menschen verlassen sich immer mehr auf ihre eigenen Kräfte und ziehen sich in ihre eigene Privatwelt, in die eigenen vier Wände zurück und zeigen nicht die notwendige Bereitschaft zur Solidarität, streben nicht nach einer gesellschaftlichen Solidarität.“ So das Verdikt des Wladimirer Soziologen und Leiters der Forschungs-GmbH „Zentralrussisches Beratungszentrum“, Dmitrij Petrosjan, bei einer Anhörung zum Thema „Die Zivilgesellschaft als effektives Instrument der sozio-ökonomischen Entwicklung in der Region Wladimir: Ergebnisse und Perspektiven“, veranstaltet von der Zivilgesellschaftlichen Kammer des Gouvernements.

Der Referent widmete sich den soziologischen Faktoren der Wechselbeziehungen zwischen Bevölkerung und Staatsmacht in der Region Wladimir und kam zu dem Ergebnis, die Behörden und Politik setzten kein Vertrauen in die Gesellschaft und entfremdeten sich von ihr, was im Umkehrschluß auch für die Menschen gelte. Im Unterschied zu den Zeiten der Sowjetunion gäben nun aber immer mehr Bewohner der Region Wladimir an, nichts vom Staat zu erwarten, sondern sich nur noch auf sich selbst zu verlassen.

Den Staat nehmen die Leute als eine Art metaphysisches Phänomen war, das existiert und vorhanden ist als Naturerscheinung. Man müsse einfach nur unter den gegebenen Umständen überleben. Die Vorstellung von einem Machtwechsel ist deshalb alles andere als populär, weil es die Vorstellung gibt, gleich zu welchen Veränderungen es komme, ändern werde sich ja ohnehin nichts. Es gebe da unser Leben und ein Leben in einer gewissen anderen, transzendenten Dimension, zu der wir keinen Zugang haben, und wir schauen, wo wir bleiben, solange wir noch genug persönliche Freiheit genießen.

Der Soziologe sieht nicht Schlimmes darin, daß die Menschen selbständiger werden. Allerdings beunruhigt ihn der Zerfall der Gesellschaft in einzelne Individuen, die nichts von einer Solidarisierung wissen wollen, nichts von einer vereinten Anstrengung zur Lösung gemeinsamer Probleme. Besonders sichtbar werde das bei den Vollversammlungen von Wohnraumbesitzern, wo entscheidende Fragen zur Regelung und Organisation der Eigentumsverwaltung zu entscheiden sind. Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen sei ebenso niedrig wie die Wahlbeteiligung.

Drei Probleme benennt der Wissenschaftler, die eine Entwicklung der Zivilgesellschaft in der Region Wladimir behindern: 1. Der Mangel an Initiative von unten, am Streben nach Solidarität sowie Infantilität. 2. Die staatlichen Organe bewege sich nicht auf die Gesellschaft zu, ziehe es stattdessen vor, jenen auf die Finger zu klopfen, die Anstalten machen, Initiative zu zeigen. 3. Die gesellschaftlichen Organisationen seien bei ihrer Finanzierung hauptsächlich angewiesen auf staatliche Programme, was ihre Unabhängigkeit und Selbständigkeit begrenze. Besser wäre es nach Meinung von Dmitrij Petrosjan, wenn auch Mittel von Parteistiftungen und wirtschaftlichen Strukturen zur Verfügung stünden.

Und wem in der Politik vertrauen die Menschen überhaupt noch? Am ehesten dem Staatspräsidenten sowie (in absteigender Intensität) den übrigen Vertretern der Exekutive – vom Ministerpräsidenten bis zu den Gouverneuren und Bürgermeistern -, am wenigsten den Abgeordneten aller Ebenen und Parteien. Dies erklärt sich nach Meinung des Soziologen so:

Fragt man die Menschen nach der Machtteilung, nennen die Leute immer zuerst die Exekutive, obwohl doch nach allen Theorien der Machtteilung die Legislative wichtiger ist, denn sie verabschiedet die Gesetze. In der Hinsicht ist unser Politikverständnis ein wenig verdreht, wofür es ganz klar gewisse historische Traditionen gibt mit einer recht langen Erfahrung der Personifizierung der Staatsmacht unter den Bedingungen einer absoluten Monarchie, eines Imperiums usw. Aber in gewisser Weise ist dies auch hinderlich für die Beziehung der Bevölkerung zur Politik, hinderlich für das Vertrauen zu ihr. Dies ist auch ein Grund für die niedrige Beteiligung an Wahlen für die gesetzgebenden Organe. Unsere Umfragen zeigen nämlich immer wieder, daß die überwältigende Mehrheit der Wähler den Namen ihres Abgeordneten, der sie in diesem oder jenem Parlament oder Rat vertritt, nicht nennen können. Ungefähr 89% sagen: „Wir kennen unseren Abgeordneten nicht.“ Die übrigen 11% geben an, ihn zu kennen, aber selbst davon kann die Hälfte dessen Namen nicht richtig schreiben.

Nichts weniger fordert der Meinungsforscher gegen Ende seiner Ausführungen, als mehr Vertrauen in und Freiheit für die Gesellschaft, wenn er sagt:

Natürlich hat das alles mit Vertrauen zu tun. Ich habe da immer noch die Worte von Vize-Premier Igor Schuwaljow im Ohr, der beim Forum in Davos meinte, das russische Volk habe keine Neigung zur Freiheit, es habe die Freiheit vielleicht gar nicht verdient. Das ist schon frappant, zeigt sich doch darin der Ausdruck des Mißtrauens gegenüber dem Volk. Wenn wir über gesellschaftliche Entwicklung, über gesellschaftliche Kontrolle, über das Vertrauen zwischen Staat und Gesellschaft sprechen und die Menschen nicht frei sind, was können sie dann in der modernen Welt schon groß erreichen? Das ist einer der wichtigsten Faktoren, auf den ich aufmerksam machen möchte. Denn wir wissen aus Geschichte, aus der jüngsten und früheren, daß das russische Volk immer dann sehr große und ernsthafte Erfolge erzielt, wenn es die Freiheit erhält.

(nach Materialien von Zebra-TV)

Anmerkung: Die vielen Aktionen und Initiativen im Rahmen der Städtepartnerschaft mildern das scharfe Urteil ebenso wie die vielen Gruppen und Organisationen, die es in Wladimir in den Bereichen Kultur, Soziales und Sport gibt, von denen auch der Blog immer wieder berichtet.

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Eine Personalie der erfreulichen Art ist zu vermelden: Gestern wählte die Gesellschaftskammer des Gouvernements Wladimir in geheimer Abstimmung Olga Dejewa, die Vorsitzende des Roten Kreuzes der Partnerstadt, in die Bundesversammlung dieses Bürgergremiums, das sich aus Delegierten der Regionen zusammensetzt. Das zivilgesellschaftliche Organ mit beratender Funktion soll Gesetzesvorhaben öffentlich begleiten und vor Ort aktuelle soziale Fragen an die regionale bzw. föderale Politik herantragen. Auf Bundesebene besteht die Kammer aus 166 Mitgliedern, die drei unterschiedliche Gruppen darstellen: 83 repräsentieren die Subjekte der Russischen Föderation, also die Regionen; 40 Vertreter werden vom Staatspräsidenten bestimmt; 43 Mitglieder dürfen die landesweit tätigen gemeinnützigen Verbände stellen. Seit Ende Dezember 2009 gibt es die Gesellschaftskammer auch in der Region Wladimir. 42 Mitglieder zählt sie, von denen – analog zur Bundesebene – ein Drittel von der Staatskanzlei des Gouvernements benannt werden, während Städte und Kreise bzw. gemeinnützigen Verbände die übrigen „Parlamentarier“ entsenden. Überschattet ist die Arbeit des Gremiums durch prominente Austritte von zwei Persönlichkeiten, die noch von Gouverneur Nikolaj Winogradow ernannt worden waren: Schon früh verabschiedete sich im Streit der Politologe Roman Jewstifejew, und die Brocken warf vor vier Monaten auch die oppositionelle Journalistin Natalia Nowoschilowa die Brocken hin mit dem Verweis darauf, die Kammer verkomme zum Sprachrohr der Kremlpartei Einiges Rußland.

Olga Dejewa und Irina Chasowa

Olga Dejewa und Irina Chasowa

Doch lassen wir uns von all dem nicht beirren: Olga Dejewa hat gestern bewiesen, nicht nur für das Rote Kreuz eine gute Wahl zu sein. Dabei ist es ja nicht so, daß sie bisher untätig gewesen wäre! Hauptberuflich leitet sie das Sozialwerk der Stadt Wladimir, sie ist Mitglied der Partei Einiges Rußland, vertritt die Bürgerrechtsorganisation Memorial und gilt auch in der Gewerkschaftsarbeit als ausgesprochen aktiv. Gratulation! Und auf weiterhin gute Zusammenarbeit mit dem Förderverein Rotes Kreuz Wladimir!

P.S.: Der Projektantrag für eine Fortsetzung des Erste-Hilfe-Programms „Das sollte jeder wissen“ ist schon bei der Stadt Wladimir gestellt, und der Verein wird sicher nicht abseits stehen, wenn es um die Förderung der Kurse geht.

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Wieder einmal ist von einem Rating zu berichten. Die Region Wladimir liegt auf Platz 13 von 82 möglichen im Wettbewerb um die offenste Regierung. Gemeint ist damit die Möglichkeit der Behörden, mit der Öffentlichkeit und einzelnen Bürgern zivilgesellschaftliche Werte zu entwickeln. Gesagt ist damit noch nicht, daß die staatlichen Organe das auch tun. Die Untersuchung, durchgeführt vom Institut für die Entwicklung einer Informationsgesellschaft, konstatiert lediglich das Potential dazu.

Elektronischer Dialog

Analysiert wurden die offiziellen Web-Auftritte der Behörden und das Angebot von Ämtern, über soziale Netzwerke mit der Bürgerschaft online zu kommunizieren. Dabei gibt es allerdings einen Schwachpunkt. Noch. Fast gegen Null geht nämlich die Punktezahl bei fast allen untersuchten Regionen beim Thema „Zusammenarbeit mit der Bürgerschaft bei Ausarbeitung, Umsetzung und Bewertung der politischen Arbeit von Staatsorganen“. Auch in der Region Wladimir. Technisch sind die Voraussetzungen dafür gegeben, überall. Jetzt fehlt es nur noch an der Bereitschaft, sich der öffentlichen Kritik zu stellen. Da es sich um die erste Analyse dieser Art handelte, darf man hoffen, daß die Behörden bis zum nächsten Rating diese Mängel abstellen. Mal sehen, ob dann die Region Wladimir noch weiter nach vorne rückt. Immerhin gab es da unlängst schon die erste Internetkonferenz mit Oberbürgermeister Sergej Sacharow und eine Übertragung einer Stadtratssitzung. Darauf wartet man in Erlangen noch…

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Das Amerikanische Haus in Wladimir, einen Steinwurf vom Goldenen Tor entfernt, bereitet sich auf sein Geburtstagsfest vor. Am 4. Juli 1992 wurde das American Home nach gerade einmal zweimonatiger Bauzeit (25 amerikanische Freiwillige hatten Hand angelegt und mehr als 50 Firmen hatten Material gestiftet) eröffnet. Die Idee dazu kam von Ronald Pope, einem mittlerweile emeritierten Sowjetologen an der Illinois State University in Bloomington-Normal, der Partnerstadt von Wladimir. Das Geld für den Transport von den USA nach Wladimir, immerhin 100.000 Dollar, gab Ronald Popes Vater dazu. Der hemdsärmlige Professor wollte damals ein Dach schaffen, das nach dem Zusammenbruch der UdSSR eine Begegnungsstätte für Russen und Amerikaner werden sollte. Ein gelungener Versuch, wie man im Rückblick sagen darf. Geschäftsführer Alexej Altonen schätzt, daß in den vergangenen zwei Jahrzehnten um die 15.000 Wladimirer das Amerikanische Haus besucht haben, um Filme zu sehen, Feste, Vorträge zu hören und um vor allem Englisch zu lernen. Mehr als 400 Wladimirer, also doppelt so viele wie im Erlangen-Haus, belegen pro Semester die Kurse, hauptsächlich von Muttersprachlern gehalten, die im Jahresturnus wechseln und von mehr als 70 amerikanischen Universitäten kommen.

Amerikanisches Haus in Wladimir.

Auch wenn es nicht nur äußerlich große Unterschiede zum Erlangen-Haus gibt – das einstöckige American Home bietet zum Beispiel keine Übernachtungsmöglichkeiten oder Büroräume zur Vermietung -, sind die Ziele doch ganz ähnlich: kultureller Austausch, Völkerverständigung, Zusammenarbeit. Beide Häuser haben Mediatheken und Bibliotheken, beide Häuser helfen bei der Visa-Beschaffung und stellen Kontakte her, organisieren Bürgerreisen, bringen Menschen verschiedener Sprachen und Kulturen zusammen. Das war damals vor 20 Jahren wichtig, das ist heute wichtig, und das wird auch in Zukunft wichtig bleiben. Für beide gilt deshalb: Mission accomplished! Der Blog gratuliert zum Jubiläum und wünscht dem Amerikanischen Haus, auch in den nächsten 20 Jahren weiter seiner Mission gerecht zu werden.

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Wohltätigkeitsbasar für Wladimir

Zum Ende der Osteroktav, am gestrigen Weißen Sonntag, eröffnete die Hugenottenstadt bei eher kühlen Temperaturen, bedecktem Himmel und dem einen oder anderen Schauer ihren traditionellen „Erlanger Frühling“, der die Menschen nicht nur wegen der Einkaufsmöglichkeiten in hellen Scharen ins Zentrum lockt, sondern auch wegen der Möglichkeit, dort Vereine, Klubs und Organisationen mit ihren unterschiedlichen Aktivitäten kennenzulernen. Eine gute Mischung aus Kommerz, Kultur und Kommunikation entsteht auf diese Weise.  

Der Basar ist eröffnet!

Dieses Podium nutzt regelmäßig auch Soroptimist International, die Erlanger „weltweite Stimme für Frauen“, mit einem Basar, gewidmet einem guten Zweck. Gutes tut der global agierende Klub immer wieder gern in und für Wladimir. Gemeinsam mit den dortigen Schwestern, die im Jahr 2001 unter Erlanger Patenschaft in das länderübergreifende soziale Netzwerk aufgenommen wurden. Erfreulich erfolgreich entwickelten sich seither etwa die gemeinsamen Projekte zur Einrichtung eines gynäkologischen Behandlungsraums für Mädchen am Kinderkrankenhaus oder die Kartenaktion „Heimat“ mit Ausstellungen in beiden Städten.

Freundliche Beratung

Auf Anregung von Angela Dörfler baute nun gestern schon ab 11.00 Uhr einen Basar auf, wo von 13.00 Uhr bis 18.00 Uhr fleißig von den Sorores optimae, den Schwestern, die ihr Bestes geben, zusammengetragene Sachspenden feilgeboten wurden: Bücher, Kleidung, Haushalts- und Gebrauchsgegenstände und original englische Orangenmarmelade. 

Kaufentscheidung

Die Höhe des Erlöses, da möglicherweise noch aufgerundet, sei heute noch nicht genannt, aber der Verwendungszweck steht schon fest: Geholfen werden soll mit dem Geld Kindern in Wladimir, die an TBC leiden. Auch wenn die Bedrohung durch diese Lungenkrankheit in der Partnerstadt nicht mehr die Schlagzeilen beherrscht und sich Staat und Stadt, unterstützt von WHO-Programmen, der Lösung des Problems annehmen, gibt es noch viele Einzelschicksale, die jeder Mühe und Hilfe wert sind. Mehr darüber wird sicher bald schon hier zu berichten sein. Für heute aber schon ein herzliches Dankeschön an alle Schwestern, die mithelfen, zumindest die kleine Welt der Partnerschaft besser zu machen. 

Photos: Nadja Steger. Mehr zu TBC in Wladimir unter: http://is.gd/tLw1Vf und mehr zu Soroptimist unter Eingabe des Begriffs in die Suchmaske des Blogs oben rechts.

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Frühjahrswoche des Guten

Die ganze Woche über sind in Wladimir junge Menschen aufgerufen, Gutes zu tun. Sie sammeln Altkleider, Futter fürs Tierheim, helfen älteren Alleinstehenden im Haushalt, machen sich im öffentlichen Leben nützlich. Studenten und Schüler bieten für ihre Altersgenossen kostenlose Meisterkurse an oder geben Benefizkonzerte für Behinderte. Phantasie und Praxis sind keine Grenzen gesetzt. Die landesweite Aktion ist eine Fortsetzung der „Frühjahrswoche des Guten“ und soll Politik und Ehrenamt, Gesellschaft und Behörden wieder besser zusammenbringen, das Wir-Gefühl stärken. Möge es gelingen, denn die bevorstehenden Wahlen werden neue Gräben aufreißen und alte tiefer werden lassen. Gerade da schlägt die Stunde der Zivilgesellschaft, ohne die ein moderner Staat mit demokratischem Anspruch in sich zusammenbräche.  So möge denn nicht nur diese Woche das Ehrenamt seine heilsame Wirkung entfalten, sondern sich dauerhaft zum Wohl des Ganzen entwickeln. Wort zum Alltag.

 

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