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Posts Tagged ‘russische Medien’


„Hier riecht es nach Zeitung“, rief Ella Rogoschanskaja erfreut, als es in den Keller der Nürnberger Nachrichten ging, wo – ein ingenieurtechnisches Meisterwerk – auf engstem Raum die Druckerei liegt, von wo aus die Postkästen und Kioske der ganzen Region beliefert werden. Die seit Jahren in Nürnberg lebende Journalistin aus Wladimir hatte die Gäste am Vormittag durch ihre neue Heimat geführt und sah nun auch zum ersten Mal das Verlagshaus mit allen Bereichen, von den Redaktionsstuben bis zur Auslieferung der Blätter Nürnberger Nachrichten und Nürnberger Zeitung.

Wjatscheslaw Kartuchin, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Klaus Schrage und Ella Rogoschanskaja

„Eine derart moderne und große Druckerei, noch dazu unter einem Dach mit der Redaktion, haben wir in Wladimir nicht“, bekennt Wjatscheslaw Kartuchin, Leiter der Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, dem Betriebsratsvorsitzenden Klaus Schrage, der sich gestern viel Zeit für die Führung genommen hatte. „Diese Bereiche sind in der Regel getrennt. Dafür haben wir in so gut wie jeder Kreisstadt unserer Region eine eigenständige Lokalzeitung.“ Noch, möchte man hinzufügen, denn auch die russische Medienlandschaft befindet sich im Umbruch, orientiert sich zu Lasten der gedruckten Zeitung immer stärker auf das Internet. Noch aber zeigt sich in der Partnerstadt und im ganzen Gouvernement mit der Größe von ganz Franken und der halben Oberpfalz zusammengenommen ein buntes Bild mit allein in Wladimir vier TV-Stationen, nicht weniger Radiosendern, drei Zeitungen und vielen Internetportalen, unter denen Zebra-TV, immer wieder auch die Referenz für den Blog, herausragt. „Wenn bei uns eine Pressekonferenz angesetzt ist“, beschreibt Julia Kusnezowa vom privaten Fernsehkanal TV6, der zu Ren TV gehört, „dann ist die Hütte voll, während es, wie wir erfahren haben, im Erlanger Rathaus schon einmal vorkommen kann, daß ein Termin platzt, weil kein Journalist kommt. Undenkbar bei uns.“

Julia Kusnezowa und Karina Romanowa

Beide Journalistinnen arbeiten ja beim Fernsehen (s. vorherige Einträge im Blog) und machten ihre ersten Medienerfahrungen mit dem Radio. Beide moderieren, beide haben sich die Liebe zum gesprochenen Wort bewahrt und genießen staunend die technischen Möglichkeiten beim Bayerischen Rundfunk, Studio Franken, kundig-pfundig rundgeführt von Daniel Peter und begrüßt von Thomas Rex, dem Gesicht der allsonntäglichen Frankenschau, der mit seinen drei Reportagen über die Städtepartnerschaft besonders eng mit Wladimir verbunden ist und auch bereits einmal einer russischen Kollegin Gelegenheit zu einem Praktikum gab: https://is.gd/nbCQw3

Thomas Rex, Karina Romanowa, Julia Kusnezowa, Daniel Peter und Wjatscheslaw Kartuchin

„Wenn wir das alles so sehen, würden wir uns auch Rundfunkgebühren wünschen“, meinen die Gäste, „aber das ließe sich gesellschaftspolitisch nicht durchsetzen. Bei allen Vorteilen, die wir hier sehen, etwa die starke Präsenz in den Regionen und die ausgewogene Berichterstattung.“ Vor allem auf letzteres kommt es Julia Kusnezowa und Karina Romanowa an, und so lautet denn auch die Antwort auf eine Frage am Abend im Kollegenkreis, was das schönste Zuschauerlob für sie beide sei: „Die Anerkennung, den Fakten entsprechend und ehrlich berichtet zu haben.“ Dies, Tatsachen und Gewissenhaftigkeit, sei denn auch ihr höchster Anspruch an sich selbst, und: „Die Leute wissen das zu schätzen. Damit und mit Kompetenz verschafft man sich dann auch Ansehen in einem allgemeinen Klima des Mißtrauens gegenüber den Medien.“ Etwas, das die deutschen Kollegen sicher ebenfalls unterschreiben würden.

Ella Schindler, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa und Klaus Schrage

Im Unterschied zur Podiumsdiskussion im Erlanger Club International am Montag geriet das gestrige Gespräch in der Nürnberger Nordkurve, gemeinsam unterhaltsam moderiert von der eloquent zweisprachigen Ella Schindler und dem noch besser als sonst schon gestimmten Klaus Schrage eher zu einer kammermusikalischen Veranstaltung mit – freilich zu wenig – Zeit für Zwischentöne, für Fragen nach dem journalistischen Arbeitsalltag in Wladimir, für das kollegiale Kennenlernen – und für noch mehr Lust, einander besser zu verstehen.

Wjatscheslaw Kartuchin, Wolfgang Mayer, Julia Kusnezowa, Karina Romanowa, Ella Schindler und Klaus Schrage

Ein Wort des Dankes fehlt noch. Wolfgang Mayer hatte nach seiner Teilnahme an der Prisma-Reise nach Wladimir im November vergangenen Jahres, die Idee, eine Journalistendelegation aus der Partnerstadt zur Fortsetzung des Dialogs einzuladen. Er hielt sich nun bescheiden im Hintergrund. Aber ohne ihn wären all die Begegnungen nicht zustande gekommen. Wie schade und bedauerlich das wäre, zeigen diese Begegnungstage. Deshalb nochmals danke und спасибо!

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Am Montag, den 18. März, veranstaltet der Club International der Volkshochschule Erlangen, Friedrichstraße 17,  um 19.30 Uhr eine Podiumsdiskussion mit Gästen aus Wladimir zum Thema „Russische Medien – Wie frei ist die Presse in Wladimir?“, moderiert von Georg Escher, Nürnberger Nachrichten. Das Trio aus der Partnerstadt hält sich vom 17. bis 22. März in Franken auf, um die hiesige Medienlandschaft kennenzulernen und die Diskussion fortzusetzen, die den im November in Wladimir aufgenommenen Dialog zu Fragen der Rolle von Presse für das Bild voneinander fortsetzt. Siehe hierzu: https://is.gd/MsOoV5

Julia Kusnezowa

Julia Kusnezowa arbeitet als Chefredakteurin und Moderatorin beim privaten Sender 6TV und schreibt auf dessen Homepage über sich selbst:

Im zweiten Studienjahr stieß ich einmal bei der Suche nach Arbeit im Telephonbuch auf die Nummer des hiesigen staatlichen Regionalsenders, wählte und stellte die Frage, ob man jemanden brauche. Auf die Erwiderung, man suche kluge und schöne Leute antwortete ich: „Dann meinen Sie mich.“ So begann meine journalistische Laufbahn mit unendlich vielen Drehs zu unterschiedlichen Themen von Sport bis Landeskunde, mit schlaflosen Nächten am Schreibtisch und im Schneideraum, mit der Moderation der Morgen- und Abendnachrichten beim Sender „Rossia“ und jetzt bei Kanal 6. Natürlich dachte auch ich schon einmal daran, mir etwas anderes zu suchen. Aber wenn ich mir dann vorstelle, jeden Morgen um 9 Uhr aufstehen und vielleicht sogar bereits um 8 Uhr mit all den Staus zur Arbeit fahren zu müssen, um dann bis zum Abend in einem staubigen und stickigen Büro zu sitzen… Uff! Da ist mir dann schon klar: Meine Arbeit ist die allerbeste! Stören tut nur eines: Wir als Moderatoren haben kein Recht auf eigene Stimmung. Wir können ja dem Zuschauer nicht erklären, daß wir uns mit der Mutter gestritten oder einen uns nahestehenden Menschen verloren haben…

Karina Romanowa

Die studierte Psychologin Karina Romanowa arbeitet bei Gubernia 33, einem vor fünf Jahren vom Gouvernement ins Leben gerufenen und finanzierten staatlichen Sender und ist dort u.a. für den Internetauftritt zuständig. Nicht verwunderlich deshalb, daß die Journalistin in einer kaum zu überschauenden Menge von News-Gruppen aktiv ist und sowohl bei Facebook als auch dessen russischem Klon, VKontakte, veröffentlicht.

Nikolaj Liwschiz

Nikolaj Liwschiz schließlich, der sich auf seinem Facebook-Auftritt als jemanden charakterisiert, er sei „fast so wie alle“, arbeitet als Chefredakteur von Prisyw, einer Zeitung, die Ende Juli 2017 zum hundertjährigen Jubiläum ihres Bestehens ihre Druckfassung einstellte und seither nur noch als Internetzeitung mit Stream-Diensten und TV-Angeboten erscheint. Hinzu kommt eine wöchentliche Videokolumne des Journalisten mit entspannt-nachdenklichen Kommentaren zum Zeitgeschehen in Wladimir und der Welt.

Das Arbeitsprogramm für die Troika mit Besuchen in verschiedenen Redaktionen stellte der Nürnberger Journalist Wolfgang Mayer, der im November die Prisma-Gruppe nach Wladimir begleitete, mit seinem Kollegen Klaus Schrage von den Nürnberger Nachrichten zusammen.

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Immer mehr russische Printmedien stellen – wie wohl fast überall auf der Welt – zunehmend auf Internetausgaben um. Diese Entwicklung trifft nun auch das Wladimirer Amtsblatt, die Wladimirskije Wedomosti“, das seit 1997 von der Staatskanzlei und der Duma der Region Wladimir herausgegeben und finanziert wird. Schon im Dezember hatte Gouverneur Wladimir Sipjagin angekündigt, die amtlichen Mitteilungen, neuen Gesetze und normativen Akte nur noch digital zu veröffentlichen. Nun setzt der Landesvater dies auch um und will damit kräftig sparen: von den bisher p.a. verausgabten 20 Mio. Rubel immerhin dreieinhalb Mio. Rubel. Allerdings offenbar nicht im Konsens mit dem Chefredakteur, der nach sieben Jahren als Chef des Amtsblattes seinen Rücktritt einreichte. Vielleicht ja auch, weil er weitere „Optimierungen und Anpassungen“ fürchtet oder politisch mit dem Gouverneur hadert. Der freilich fordert von den Medien grundsätzlich, wie schon im Wahlkampf, das gesamte Meinungsspektrum widerzuspiegeln, keinen Bereich auszusparen und sich gern auch kritisch mit ihm selbst und seinem Wirken auseinanderzusetzen.

Wladimirer Amtsblatt

Neben dem Amtsblatt leistet sich das „Weiße Haus“, Amtssitz des Gouverneurs und des Regionalparlaments, der Duma, seit März 2015 auch den Fernsehsender Gubernia 33. Auch dieses Medium wird sich auf eine Verschlankung einstellen müssen, denn der Hausherr weist darauf hin, mit dem dafür bereitgestellten Steuergeld könnte man jährlich einen neuen Kindergarten bauen. Wladimir Sipjagin selbst will nun regelmäßig einmal im Quartal bei einer Pressekonferenz den Medien Rede und Antwort stehen – und natürlich jederzeit auf Anfrage zu aktuellen Entwicklungen. Und selbstverständlich gibt es einen Internetauftritt unter https://gubernator33.ru, wo man sich stets auf den aktuellen Stand bringen kann. Mit Facebook und seinem russischen Ableger, dem Portal VKontakte, fremdelt der Gouverneur allerdings noch; in den sozialen Medien ist er persönlich nur sporadisch unterwegs. Schadet ja auch nicht, wenn man besonnen und mit Bedacht zu Werke geht.

Mehr zur Medienlandschaft in Wladimir findet sich hier: https://is.gd/vNv8BW

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Vor hundert Jahren beantwortete Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“, wie beim Diskussionsforum Prisma vorgestern von Roman Jewstifejew zitiert, die Frage nach dem Wesen der Wahrheit so: „Für die Menge das, was man ständig liest und hört… Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen.“ Heute wissen wir, der Okzident ist zwar durchaus krisenanfällig, beweist aber weiterhin seine Vitalität, und gestern erfuhren die Erlanger Gäste nun auch, wie man als ein von zwei Geschäftsleuten Anfang der 90er Jahre gegründetes und bis heute erfolgreich betriebenes Medienunternehmen in Wladimir – zunächst als Radiosender, dann als TV-Station und nun seit einigen Jahren ausschließlich als regional ausgerichtetes Internetportal – anständig Geld verdienen kann und überlebt, ohne dem Publikum und den Werbekunden ein X für ein U vorzumachen: mit ausgewogener Berichterstattung, immer an Fakten und objektiven Maßstäben ausgerichtet, angesiedelt zwischen den regierungstreuen Staatsmedien und einem fundamentaloppositionellen Journalismus. Derart viel und intensiv an einem späten Vormittag über das Wesen der russischen Medien im Spannungsfeld zwischen Politik und der Freiheit des Wortes, zwischen ökonomischen Zwängen und Berufsethos erfahren zu können, hätte der Journalist Wolfgang Mayer so nicht erwartet, und man darf gespannt sein, wie er über diese Begegnung mit seinem Wladimirer Kollegen, Chefredakteur Sergej Golowinow von Zebra-TV, schreiben wird. Dem soll hier deshalb auch nicht vorgegriffen werden.

Sergej Golowinow, Gerda-Marie Reitzenstein, Julia Obertreis, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Jutta Schnabel und Amil Scharifow

Ausgespart bleiben für heute auch viele weitere Stationen des gestrigen Tages, der seinen Höhepunkt in einem Empfang für Bürgermeisterin Elisabeth Preuß bei Gouverneur Wladimir Sipjagin in der Staatskanzlei fand, im sogenannten „Weißen Haus“ der Region Wladimir. Eine Zeitenwende – der Begriff erscheint angemessen – wenn man bedenkt, daß es in den letzten fünf Jahren, in der Regierungszeit der abgewählten Landesmutter, Swetlana Orlowa, auf politischer Ebene keinerlei Zusammenarbeit mit dem Gouvernement gab, ungeachtet all der vielen Vorstöße und Vorschläge aus Erlangen, ungeachtet der guten Tradition des Austausches und der Begegnungen unter ihren Vorgängern, Nikolaj Winogradow und Jurij Wlassow.

Wladimir Sipjagin und Elisabeth Preuß

Wladimir Sipjagin, erst vor einem Monat – übrigens mit dem Versprechen, die Pressefreiheit zu schützen und keine Drangsalierung der Medien zu dulden – in sein Amt eingeführt, erweist sich im Gespräch mit seinem Gast als umfassend informiert über die Partnerschaft und hebt nicht nur die Bedeutung des Erlangen-Hauses hervor, sondern weist auch auf die gelungene Aussöhnung zwischen den Kriegsveteranen aus beiden Städten hin und will ganz offensichtlich diese auf Ebene des Gouvernements unterbrochene Tradition fortsetzen, wobei er sich offen für jede Art der Zusammenarbeit etwa mit der Metropolregion Nürnberg oder der dortigen IHK zeigt, sich aber auch gemeinsame Projekte in den Bereichen Umwelt und Soziales oder Medizin vorstellen kann. „Da ist bei allem, was schon im Austausch zwischen unseren Städten passiert, noch viel Luft nach oben“, freut sich Elisabeth Preuß und überbringt dem Gastgeber die herzliche Einladung von Oberbürgermeister Florian Janik nach Erlangen. „Ich komme gerne“, erwidert der Hausherr, „und wir werden meinen Besuch gut vorbereiten, damit wir dann auch gleich Verträge für eine erweiterte Zusammenarbeit unterzeichnen können.“ Willkommen!

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Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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Der im Jahr 2001 gegründete „Petersburger Dialog“ stellt, ähnlich wie die Städtepartnerkonferenzen, gerade in Zeiten der politischen Konfrontation eine unverzichtbare Plattform für den Meinungsaustausch zwischen der deutschen und russischen Zivilgesellschaft zur Verfügung. Ein Forum, das, weder lokal noch inhaltlich festgelegt, hier wie dort die unterschiedlichsten Themen an immer wieder wechselnden Orten diskutiert. Vom 18. bis 20. November tagte nun die Arbeitsgruppe Medien in Wladimir, wozu Hartmut Augustin, Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, folgenden Bericht veröffentlichte:

Egal ob Hörfunk, Fernsehen oder Zeitung – momentan gibt es neben dem tagesaktuellen Geschehen ein Hauptthema, das die Redaktionen umtreibt: die digitale Transformation. Wie gelingt es, konvergente Redaktionen aufzubauen, die althergebrachte und neue Medien-Kanäle bespielen können? Das ist in Deutschland so und auch in der Russischen Föderation. Und genau deshalb stand die Tagung der Arbeitsgruppe Medien des Petersburger Dialoges vom 18. bis 20. November 2015 unter dem Thema: „Veränderung in den Medien im digitalen Zeitalter“.

Petersburger Dialog

Die Tagung fand dieses Mal in Wladimir statt. Von deutscher Seite nahmen der ARD-Hörfunk-Studioleiter in Moskau, Hermann Krause, Buchautor Sergej Lochthofen, der Leiter der russischen Redaktion vom RBB, Oleg Zinkovski, und der Chefredakteur der Mitteldeutschen Zeitung, Hartmut Augustin, teil. Die russische Delegation führte der Erste Stellvertretende Generaldirektor von ITAR-TASS, Michail Gusmann, an. Am Runden Tisch im Haus der Freundschaft saßen neben politischen Vertretern aus der Region vor allem Kolleginnen und Kollegen aus Redaktionen von Zeitungen, Fernsehen und Online-Diensten.

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Welche Zukunft hat die Tageszeitung? Wie seriös sind die digitalen Nachrichten-Angebote? Wie gut ist heute die Ausbildung der Journalistinnen und Journalisten? Welchen „Biß“ haben junge Kolleginnen und Kollegen im Fernsehen? Wie steht es um Wahrheit und Glaubwürdigkeit bei digitalen Angeboten? Welche Regeln gelten im Internet? Wie gefährlich sind Blogs für etablierte Medien? Wie unabhängig muß und kann die Presse sein, wenn sie vom Staat finanziert wird? Gibt es eine Zensur in deutschen und russischen Medien? Diese und weitere Fragen wurden drei Stunden lang von den Teilnehmern lebhaft und kontrovers diskutiert. Es zeigte sich: Es gibt keine einheitliche deutsche oder russische Meinung, sondern die Sicht auf die digitale Transformation und die Konsequenzen hängen vom Lebensalter, Medium und journalistischen Selbstverständnis ab. Im Ergebnis erhielten die Teilnehmer einen sehr guten Einblick in die Situation beider Länder. Die Delegationen waren sich einig in der Absicht, dieses Thema bei weiteren Treffen zu vertiefen.

Mehr zum Thema unter http://www.petersburger-dialog.de

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Ein Brief aus dem Internet und einige Zitate zur aktuellen Lage:

Über die Feiertage war ich in einer Provinzstadt in der Region Wladimir zu Besuch, 300 km von Moskau entfernt, um mich mit Freunden zu treffen, zu feiern, zu plaudern. Dabei wurde mir wieder klar: Moskau und Petersburg sind nur ein Teil von Rußland.

Die Stadt hat 80.000 Einwohner, keine Industrie, riesige Betriebe, in der Hauptsache Waffenschmieden, aus der Sowjetzeit stehen als Ruinen in der Landschaft. Hier und da wird gebaut, Kleingewerbe, Tankstellen, Handel. Die Einkommen beginnen bei 7.000 Rubel im Monat. Ich, ich habe mich nicht vertan, es gibt Leute, die solche Löhne bekommen. Im Durchschnitt verdient man 12.000 bis 15.000 Rubel, und man kann sich glücklich schätzen, wenn man eine Arbeit zu diesem Gehalt macht. Wer 30.000 Rubel bekommt, gilt als Glückspilz und Reicher. Dabei liegen die Preise für Lebensmittel, Konsumartikel und Wohnungsnebenkosten auf dem Niveau von Petersburg. Die Menschen leben in echter Armut, ernähren sich schlecht, tragen die allerbilligste chinesische Massenware. Rätselhaft blieb mir, wie man mit solchen Einkünften überlebt, wenn man an Miete, Verkehr, Ausbildung für die Kinder und anderes denkt. „Tja, so leben wir eben“, heißt es da. Natürlich kamen wir auch auf die Politik zu sprechen.

Da steht es ganz schlecht. Alle, ich wiederhole, alle, mit denen ich sprach, erklären, Putin sei ihr Mann. Die Krim sei zu Recht angeschlossen worden, in der Ukraine herrschten Faschisten. Amerika wolle uns nur schaden. Europa sei in Unzucht versunken und tanze nach der Pfeife des Außenministeriums der USA. Eine Verbindung zwischen der Einnahme der Krim und der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage sehen sie nicht. Vielmehr sind sie fest davon überzeugt, die ganze Welt habe uns den Krieg erklärt, wogegen man nun mobil machen, weshalb man Putin unterstützen müsse. Schwere Zeiten habe man ja nicht zum ersten Mal durchzumachen gehabt.

20 km von Tschernobyl entfernt

20 km von Tschernobyl entfernt? Nein. 120 km von der Ringautobahn um Moskau.

Aber stimmt ja gar nicht. Einige Male sprach ich mit Leuten, die Putin gar nicht mochten. Aber da hatte ich mich zu früh gefreut. Ihn mögen die nicht, welche meinen, Putin sei nicht entschlossen genug, man hätte nämlich die Fünfte Kolonne längst hops nehmen, Oppositionelle wie Nemzow und Nachwalnyj öffentlich abknallen sollten. Putin täte gut daran, die Liberalen aus der Regierung zu jagen und Rogosin oder Schojgu zum Premier zu ernennen. Putin sei ein Weichei, weil er im Frühjahr nicht gleich mit Panzerkolonnen den Südosten der Ukraine – einschließlich Odessa – eingenommen und keinen Marschflugkörper auf die Rada in Kiew abgefeuert habe, als sich da alle Abgeordneten versammelten.

So ist das. Dabei sind diese Leute alles meine alten Freunde, deren Bekannte, einfache Russen. Alle Versuche, sie umzustimmen, ihnen auch einen anderen Blickwinkel zu eröffnen trafen auf höfliches Anhören und die darauf folgende Replik, im Fernsehen stelle man das alles ganz anders dar, als ich es tue. Na ja, und die 400 Rubel für einen Internetanschluß ist bei einem Gehalt von 10.000 Rubeln auch nicht jeder zu zahlen gewillt, während das Staatsfernsehen kostenlos zu empfangen ist. Es blieb ein belastender Eindruck zurück…

Soweit dieser Brief. Als Beleg ein Zitat aus der aktuellen Berichterstattung des Ersten Kanals des staatlichen russischen Fernsehens: „Ukrainische Militärs und deren Söldner haben friedliche Bürger in Mariupol beschossen. Die Streitkräfte setzen den Artilleriebeschuß von Donezk und Gorlowka fort.“ Schnitt. Einblendung einer Frau, die sagt: „Mein Kind fragt mich, warum man uns umbringt. Die Menschen unterstützen das offizielle Kiew und dessen Handlungen nicht.“

Aber es kann nicht nur am zentralen staatlichen Fernsehen liegen. Stimmung macht die Politik selbst. Ganz bewußt. Auch vor Ort, nicht nur in Moskau. Dazu nur drei Zitate der Gouverneurin der Region Wladimir, Swetlana Orlowa, dieser Tage in den lokalen Medien veröffentlicht:

Obama, Kamerun… Eure Sanktionen jucken uns doch längst nicht mehr. Wir sind schon mitten drin im Importersatz.

Zwei Jungs haben einen Film über das abendliche Wladimir gedreht. Wie ich mir das so anschaue, denke ich mir, warum sollte das denn nicht Tokio sein? Ich sage euch, das ist sogar besser als Tokio!

Sollen sich doch dieser Obama und dieser Kamerun den ganzen Dreck holen. Die werden schon noch angekrochen kommen und Rußland um Hilfe bitten!

Honi soit qui mal y pense, wenn der Name des britischen Premiers im Mund der Landesmutter wie das afrikanische Land klingt und man so eine gewollte Verbindung zur Herkunft des amerikanischen Präsidenten mutmaßen sollte. Wir geben lieber wieder, was der Wladimirer Politologe, Roman Jewstifejew, aktuell zu sagen hat.

Vorahnung des Bürgerkriegs

Nicht die Spur einer Vorahnung von Bürgerkrieg, überhaupt nicht. Kann gar nicht sein. Es kann keine Vorahnung von Krieg geben, wenn schon längst Kriegszustand herrscht. Das sind ganz andere Gefühle. Und das aus dem Grund, weil in Rußland in jeweils unterschiedlicher Form schon seit einigen Hundert Jahren Bürgerkrieg herrscht. Feinde gab es immer, man schuf sich Feinde, man ernannte Feinde, Feinde bekämpfte und vernichtete man. Innere wie äußere. Und niemand vermochte das aufzuhalten, niemand. Jedes Jahr feiern wir den Sieg im Krieg. Ohne Unterlaß, ohne Einhalt. Jedes Jahr der Sieg. Mit immer mehr Pomp. Weil es nicht geht ohne Sieg. Ohne Sieg bleibt nur die Niederlage. Weil Krieg herrscht. Was soll es also da für eine Vorahnung geben, es gibt keine Vorahnung.

Nachtrag:… Nur die Hoffnung, daß sich das Land mit sich selbst, die Politik mit den Menschen wieder versöhnt. Am 27. Februar 2015 wurde Boris Nemzow in Moskau erschossen.

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