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Posts Tagged ‘russische Literatur’


„Aber höher als ihr, Zaren, sind die Glocken“, lautet eine Mahung an die Mächtigen aus der Feder von Marina Zwetajewa, jener Lyrikerin, die für sich in den despotischen Jahren des Stalinismus den Ausweg im Freitod fand. Ausgerechnet in Alexandrow, der Stadt in der Region Wladimir, wo die mit Rainer Maria Rilke seelenverbundene und vom Leben zutiefst verwundete Dichterin sich von 1915 bis 1917 niedergelassen hatte und wo 1991 das erste ihr gewidmete Museum eröffnet wurde, ausgerechnet hier, wo sie mit einem weiteren Opfer der kommunistischen Tyrannei, mit dem Schriftsteller Ossip Mandelstam, zusammengetroffen war, ausgerechnet hier sollte Iwan dem Schrecklichen, jenem Altmeister des Terrors gegen das eigene Volk, ein Denkmal errichtet werden. Das zweite seiner Art landesweit nach einem ähnlichen Monument der Apotheose des Menschenschinders auf dem Zarenthron in Orjol im Herbst vergangenen Jahres.

Nicht ganz von ungefähr, denn jener Moskauer Großfürst, der sich einen Stammbaum andichten ließ, der bis zurück zu den römischen Kaisern reichte, hatte in Alexandrow von 1564 bis 1581 seine Residenz eingerichtet, um, wie er selbst sagte, jenseits von Moskau Gott näher sein zu können, was ihn freilich nicht hinderte, gegen Nowgorod ins Feld zu ziehen. Immerhin aber wurde hierher 1571 auch die landesweit einzige Druckerei – nach einem Brand in Moskau – verlegt, wo 1577 eines der seltensten Bücher der russischen Literatur entstand, ein Gebetsbuch, von dem es vermeintlich nur noch 24 Exemplare gab, bis unlängst auf einer Auktion Nummer 25 auftauchte und nun für eine wahrscheinlich nicht geringe Summe in die Heimat zurückkehrte.

Doch zurück zum Denkmal für Zar Iwan IV. Die Skulptur hatte ein Künstler in Moskau geschaffen, das Projekt wurde von einer privaten Gruppe betrieben, aber die örtlichen Behörden zeigten sich nicht allzu enthusiastisch von dem Vorhaben, das immer wieder verschoben wurde. Schließlich wurde der Bildhauer der Sache überdrüssig und kündigte an, sein Werk andernorts zu präsentieren.

Kulturell sicher ein zu verschmerzender Verlust, in jedem Fall mehr als aufgewogen durch eine Gedenktafel für Marina Zwetajewa an dem Haus, wo sie seinerzeit mit ihrer Schwester Anastasia wohnte und dichtete. Jahre später, 1925, schrieb die Vertreterin einer Weltliteratur auf Deutsch, das sie perfekt beherrschte, an Rainer Maria Rilke:

Dichten ist schon Übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob Französisch oder Deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc. Dichtern redet. Ein Dichter kann Französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, daß alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Wie schön, sie in Alexandrow, 130 km nordwestlich von Wladimir, geehrt zu wissen, wo es im Juni alljährlich ein Zwetajewa-Lyrik-Festival gibt. Die Glocken der Dichtung sind eben doch höher als die Macht der Zaren…

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Unter diesem Titel ist 1999 eine altrussische Epistolographie mit Übersetzungen und Kommentaren erschienen, wo sich auch das Sendschreiben des Erzbischofs Wassilij von Nowgorod an seinen Amtsbruder Fjodor in Twer findet und die Frage abgehandelt wird, ob das Paradies untergegangen sei. In diesen alttestamentarischen Streit wollen wir Laien uns nicht einmischen, dafür sei aus der Einleitung zitiert:

Deshalb schreibe ich Dir, Bruder, was ich herausgefunden habe, denn auf Gottes Geheiß sollen wir einander Briefe schreiben über die für uns von den heiligen Aposteln und großen Hierarchen recht ausgelegten göttlichen Schriften. Haben doch die heiligen Apostel einander unablässig Briefe geschrieben, und so gebührt es auch uns, da wir berufen sind an ihrer Statt. Jeder bleibe in dem, darin er berufen ist.

Briefumschlag mit dem Motiv der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Briefumschlag mit dem Motiv der Mariä-Entschlafens-Kathedrale in Wladimir

Und so schreiben sie denn, die Russen, seit dem Mittelalter Episteln; legen mit Nikolaj Karamsins sechsbändiger Brief-Sammlung eines Reisenden Ende des 18. Jahrhunderts das Fundament der eigenen Prosaliteratur; verschicken in Person von Wissarion Belinskij mit dem „Brief an Gogol“ Anfang des 19. Jahrhunderts den Prototyp der Literaturkritik; errichten der verschickten Nachricht im „Postmeister“ von Alexander Puschkin ein dichterisches Denkmal; fühlen mit dem mißhandelten Lehrbuben in Moskau, der sein Heimweh und Leid in einem Brief klagt, den der verwaiste Junge in der nach ihm benannten Erzählung „Wanka“ von Anton Tschechow „an den lieben Opa im Dorf“ adressiert, unzustellbar, weil der Absender die Anschrift des Empfängers nicht kennt; überantworten der Post ihre Gnadengesuche an den Genossen und Generalissimus Josef Stalin; lauschen dem feinsinnigen „Gespräch in Briefen“ zwischen den Lyrikern Marina Zwetajewa und Rainer Maria Rilke; hektographieren Alexander Solschenizyns „Offenen Brief wider die Zensur“; fordern in einem offenen Brief, unterzeichnet von 200 Autoren, Wladimir Putin auf, Meinungsfreiheit zu gewähren; und greifen noch heute – freilich, wie überall auf der digitalisierten Welt, immer seltener – zum analogen Stift und Papier und stecken ihre Zeilen in einen Umschlag, der, wie in diesem Beispiel noch aus der Sowjetzeit, bereits frankiert ist und die Nüchternheit eines Formblatts mit vorgegebenen Feldern für Adresse von Empfänger wie Absender sowie einem Raster für die Postleitzahl mit künstlerischer Schönheit zu paaren weiß. Eine Ästhetik des alltäglichen Gebrauchsgegenstands, die angesichts der ansprechenden Form auch an die Qualität des Inhalts appelliert. Wir sollten wirklich einander mehr Briefe schreiben.

 

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Zu Zeiten der Sowjetunion galten die Russen immer als das lesehungrigste Volk auf Erden. Die russische Literatur hat seit dem 19. Jahrhundert Weltgeltung, und der Nobelpreis ist immer wieder nach Rußland gegangen: Iwan Bunin, Michail Scholochow, Boris Pasternak, Iossif Brodskij, Alexander Solschenizyn. Der mächtige Schriftstellerverband vereinigte in der UdSSR nicht nur ein Heer von mehr oder weniger getreuen Rittern der Feder und unterhielt ein ganzes Netz von Vortragsräumen, Erholungsheimen und Begegnungszentren, ein Autor wie Jewgenij Jewtuschenko füllte ganze Stadien mit seinen Rezitationen. Die andere Seite: Wer sich jenseits der Grenzen des sozialistischen Realismus und des Auftrags der Partei bewegte, wurde in die Emigration getrieben, eingesperrt, erschossen. Und doch las man auch deren Werke im Samisdat, also in Untergrundausgaben, immer wieder abgeschrieben oder hektographiert von guten und tapferen Geistern des Widerstands im Land, oder im Tamisdat, in Ausgaben, die im Ausland erschienen und auf Schleichwegen in die UdSSR gelangten.

BücherAll das ist lange vorbei, auch die Lesebegeisterung, wenngleich man noch immer jede Wette eingehen darf, daß Russen ihren Puschkin besser (auswendig) kennen als Deutsche ihren Goethe. Doch landauf, landab gibt es auch Bemühungen, zumeist von örtlichen Bibliotheken, das Buch wieder zum Gegenstand der öffentlichen Diskussion zu machen. In Wladimir hat man sich dazu das sogenannte „Bu!fest“ einfallen lassen, das an diesem Wochenende zum zweiten Mal im ehemaligen Haus der Offiziere am Kathedralenplatz ein Programm voll Zauberei bietet, wie es die Organisatoren, das Antiquariat Eidos und die Stadtverwaltung, versprechen. Immerhin 40 Verlage aus Moskau und Sankt Petersburg stellen aus, und zu haben sind auch Werke, die nur in kleiner Auflage erschienen und im Buchhandel kaum noch erhältlich sind. Natürlich sind auch Wladimirer Autoren mit von der Partie bei den Lesungen, Diskussionsforen, Vorträgen, in der Schreibwerkstatt. Und schließlich sind Autoren vertreten, die als literarische Zauberer gelten und mit ersten Veröffentlichungen auch in Deutschland erscheinen: Swjatoslaw Loginow und Jewgenij Lukin, die mit ihren Romanen aus dem Reich der Fantasy und Science Fiction in Rußland schon einen guten Ruf genießen.

Am Dienstag, den 19. November,  dann lädt der Freundeskreis Wladimir ab 19.45 Uhr in den Club International der Volkshochschule zu einem Vortrag ein, den Manfred Bruchner über Leben und Werk von Alexander Puschkin hält. Wer keine Zeit hat, halte sich an die Kurzprosa des Wladimirer Autors, Anatolij Gawrilow, dessen jüngste Erzählungen unter Eingabe seines Namens in die Suchfunktion des Blogs jederzeit hier aufrufbar sind. Und welche Schlüsselrolle die Literatur für die Städtepartnerschaft spielte, ist hier nachzulesen: http://is.gd/4XDfcp

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„Und sie betrachteten meine Urgroßmutter, und meine Urgroßmutter verschmolz mit dem Dämmerlicht zu etwas Traurigem, Schönem, Fremden. Und da Traurigkeit, Schönheit und Fremdheit die Grundzüge der russischen Seele sind, verliebten sich die Künstler und die Gelehrten in meine Urgroßmutter, und meine Urgroßmutter ließ sich von ihnen lieben.“ Das ist von Judith Herrmann in ihrer Erzählung Rote Korallen so wunderbar gesagt, daß es nur wahr sein kann. Jedenfalls kann man die russische Seele nirgends besser und schöner entdecken als in der Literatur.

Wladimir Solouchin: Unter einem glücklichen Stern.

Als Austragungsort für Großveranstaltungen rund um Buch – vergleichbar mit dem Erlanger Poetenfest – hat sich Wladimir bisher nicht hervorgetan. Aber das ändert sich. Denn die Feiertage Anfang des Monats standen ganz im Zeichen des „Bu!fest“, einer Messe für zumeist hauptstädtische Kleinverlage, die mit ihren Auflagen in der Regel kaum über die Metropole hinausdringen. Desto größer der Erfolg. Einhellig bescheinigen die Veranstalter der Wladimirer Leserschaft großes Interesse am gedruckten Buch (das E-Book hat den Anschluß noch nicht geschafft) und wollen das erstmals außerhalb von Moskau organisierte Lesefest schon 2013 in die nächste Runde schicken. Wieder in Wladimir.

Wenedikt Jerofejew: Moskau – Petuschki.

Die Partnerstadt hat zwar nicht die ganz großen lebenden Autoren zu bieten, die man auch in deutscher Übersetzung lesen kann (und sollte), wenn man einmal von Anatolij Gawrilow absieht, von dem es auch hier im Blog viel zu entdecken gibt. Aber das liegt vielleicht auch an den Verlagen. Es wäre ja zu überlegen, ob nicht auch einmal Kleinverlage aus Wladimir mit ihren Schriftstellern nach Moskau gehen, um dort auf sich aufmerksam zu machen, etwa mit Jurij Schikanow, ebenfalls im Blog vertreten. Und dann sind da ja noch Wenedikt Jerofejew mit seinem modernen Klassiker Moskau – Petuschki und Wladimir Solouchin, von dem auf Deutsch – längst vergriffen – nur der Roman „Ein Tropfen Tau“ und der Essay „Schwarze Ikonen“ erschienen sind. Da gibt es viel nachzuholen und nachzulesen nicht nur beim nächsten „Bu!fest“, sondern vor allem auch hierzulande.

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Heute wieder ein Kleinod aus der Sammlung von Kurzgeschichten des Wladimirer Autors Anatolij Gawrilow. Voll herber Poesie, verdichtet zum Konzentrat, ein literarischer Edelstein aus der Geröllhalde der Erinnerung, den man mit jedem Lesen neu schleift und poliert.

Anatolij Gawrilow

Es war Mai. Alles rundherum blühte und duftete. Mir war nach etwas Ungewöhnlichem, und so rannte ich los, und in meinem Rücken wirbelte wild der Wind, und eine gewaltige reine Sonne ging in der Steppe auf, und genau dorthin rannte ich. 

Später schmierte Vater die Schubkarre, und wir trotteten zur Verladestation Zement holen und kratzten fast zwei Säcke mit Zement voll.

Auf dem Rückweg verschwand Vater in einer Trinkhalle, aus der er angeregt, fröhlich und gesprächig wieder herauskam. Doch dann geriet er ins Stolpern, fiel hin, und ich legte ihn auf die Zementsäcke und karrte die ganze Fuhre auf Schleichwegen heim, damit uns niemand sah.

Ich gab mir alle Mühe und beeilte mich, denn ich wollte nicht zu spät zum Spiel gegen die vom rechten Ufer kommen. Ich schaffte es gerade noch, und in der letzten Minute versenkte ich mit einem schönen Hechtsprung den Ball im eigenen Tor. Alle gingen auseinander, während ich mit dem Gesicht in der Erde liegenblieb und selbst zur Erde werden wollte.

Da kam plötzlich jemand zu mir her, beugte sich zu mir herab, tröstete mich, wischte mir das Gesicht mit einem wohlriechenden Tuch ab. Katja Uspenskaja war das, und ich weinte los.

Wir machten aus, am Abend ins Kino zu gehen, und alles rundherum blühte und duftete, und ich war glücklich.

Der Abend brach an, und ich ging zum verabredeten Ort, kam aber dort nicht an, da ich plötzlich gepackt und mit einem Polizeimotorrad zur Wache gebracht wurde, wo der Wachtmeister mich aufforderte aufzuschreiben, wie alles war.

„Ja, was soll denn gewesen sein?“ fragte ich. „Schreib, was war“, antwortete er und ließ mich allein. Ich schrieb. Dann sah er es sich an und sagte: „Du warst also nicht dabei?“ – „Richtig“, antwortete ich. – „Und kennst keinen von ihnen?“ – „Keinen.“ – „Und hast nichts gesehen?“ – „Nichts.“ – „Schön, du kannst wieder gehen, aber halt dich fern von ihnen.“ – „Gut“, antwortete ich, ohne zu klären, von wem ich mich fernhalten sollte, worum es überhaupt ging. „Halt dich fern von ihnen. SCHREIB du lieber.“ – „Gut.“ – „Und jetzt geh.“ – „Danke.“ – „Geh und SCHREIB.“ – „Gut, danke.“

November, der Tag der Miliz, ein Festkonzert.

Das lang schon Vergangene kam mir wieder in den Sinn, ich schaltete den Fernseher ab, trank einen Schluck auf das Wohl des Wachtmeisters und machte mich ans Schreiben.

Übersetzung Peter Steger

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Frohe Weihnachten

Es scheint, in diesem Jahr müssen wir den Winter aus Wladimir importieren. Die soeben zu Ende gegangene Ausstellung von Künstlern aus der Partnerstadt trug den Titel „Schnee“, das Konzert von RUS war der Altrussischen Weihnacht gewidmet, und während unser Wetter der Jahreszeit spottet, versinkt Wladimir unter einer weißen Decke. Mit der weißen Weihnacht wird es heuer in Erlangen jedenfalls nichts. Darüber können auch die schönsten Lieder oder Geschenke nicht hinwegtrösten. Welchen Trost, welche Hoffnung aber gerade die Literatur aus dem Schnee zu ziehen vermag, ist in der Novelle „Geld für Maria“ des sibirischen Autors Walentin Rasputin nachzulesen oder zu erspüren in der Kurzgeschichte „Es schneit“ des Wladimirer Schriftstellers Anatolij Gawrilin, die der Blog als kleines Weihnachtsgeschenk seinen Lesen macht:

Das Glockenspiel, die Hymne, die letzten Nachrichten und das Lied „Es schneit“.

Es schneit und schneit, es schneit und schneit, und alles ist für was bereit…

Kein Schnee, schwarzer Frostboden, Staub.

Heute muß das Modell fertig und noch abgegeben werden. Eigentlich ist es ja schon fertig, es braucht nur noch den letzten Schliff.

Der stets fröhliche Busfahrer gibt über Lautsprecher die Haltestellen durch, macht seine Späße, singt „Es schneit“ vor sich hin.

Heute muß die Form fertig und noch abgegeben werden. Eigentlich ist sie ja schon fertig, es braucht nur noch den letzten Schliff.

Die Form ist konvex-konkav, eine Halbkugel, auseinandernehmbar, mit Nägeln fixiert.

Gestalt und Theorie des Formplans abnehmen lassen, dann die Eingruppierung bekommen.

Abnehmen lassen, Schatunow ins Restaurant einladen.

Schatunow ist mein Meister, einer der besten Former der Formbauhalle im Werk „Asow-Stahl“.

Er arbeitet schnell, spricht schnell, und ich kann seinen Informationen nicht immer so recht folgen.

Es schneit und schneit, es schneit und schneit, und alles ist für was bereit…

Witja ist in der Armee, Kolja in Moskau, die Klassenkameradin Moskaljewa ist gleich nach der Schule zur Baikal-Amur-Magistrale.

Witja schreibt aus der Armee, ihm gehe es dort gut, er habe seinen Spaß, es gebe dort viele freie Mädchen, Kolja aus Moskau ruft dazu auf, Sokrates bei der Selbsterkennung zu folgen, Moskaljewa schweigt.

Es schneit und schneit, es schneit und schneit, und alles ist für was bereit…

Wenn ich Theorie und Praxis bestehe, bekomme ich die Stelle, und das Neue Jahr feiere ich dann im Freundeskreis meines Cousins Mischka mit Spitznamen Ohr.

Das muß irgendwo am rechten Ufer sein, unweit vom Friedhof,  da gibt es einen Puff, Karten, coole Gespräche, Messer. Mal sehen.

Es schneit und schneit, es schneit und schneit, und alles ist für was bereit…

Kein Schnee, nur schwarzer Frostboden, Staub, Rauch.

Jeder Baum besteht aus Wurzel, Stamm und Krone. Jeder Baum hat seine Besonderheiten. Die Qualität von Eichenholz wird mit dem Alter des Baums immer besser. Als besonders wertvoll gilt das Holz der Mooreiche. Buchenholz eignet sich gut zur Imitation von Nuß, die Maserung der karelischen Birke vermittelt den Eindruck von Gekräuseltem und Gewelltem. Beizen verstärkt die Maserung. Auf dem Weltmarkt gilt das Holz des schwarzen Mahagonibaums als besonders wertvoll. Mahagoni… Mahagoni…

Wenn man irgendwoher Mahagoni bekommen könnte, daraus etwas Exklusives machen, auf den Weltmarkt damit gehen würde…

Ich habe den Werksausweis daheim vergessen, bin auf der Suche nach einem Loch am Zaun entlang durch das Steppengras gegangen, habe eins gefunden – und bin in die Falle getappt. Man hat mich zum Chef der Wachmannschaft geschleppt, aber alles ist glimpflich ausgegangen.

Ich bin in den Laden gelaufen, habe eine Flasche Cognac gekauft und sie mit meinem Meister im Trockenraum geleert.

Ich bin heimgegangen und habe das obengenannte Lied vor mich hingesungen, und es hat tatsächliche geschneit.

Und alles ist für was bereit.

© Anatolij Gawrliow. Übersetzung: Peter Steger 2011.

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Daniil Charms

So tragisch sein Schicksal ist – man weiß bis heute nicht, ob er 1942 in einer psychiatrischen Anstalt im belagerten Leningrad an Hunger oder in einem sibirischen Lager an Entkräftung gestorben ist -, so bleibend ist die schöpferische Kraft der Literatur von Daniil Charms. Mit ihm erlebte die russische Avantgarde Höhepunkt und Ende. Wie durch ein Wunder bewahrten Frau und Freund über all die dunklen Jahre des Stalinismus seine Manuskripte, die aber trotz der Rehabilitierung des anarchistischen Dichters erst 1989 wieder in der Sowjetunion erscheinen konnten. Das Werk dieses Klassikers der russischen Moderne läßt sich nicht mit der Alltagslogik verstehen, steckt es doch voll von groteskem Eigensinn und querköpfiger Lust am Aberwitzigen. Ein beredtes Beispiel hierfür die Erinnerung des Dichters an seine Empfängnis und Geburt: 

Jetzt will ich mal davon erzählen, wie ich geboren wurde, wie ich aufwuchs und wie ich an mir die ersten Anzeichen des Genies entdeckte. Geboren wurde ich zwei Mal. Dazu gekommen ist das folgendermaßen:

Daniil Charms: Tatjana Drutschinnina

Mein Papa heiratete meine Mama im Jahre 1902, aber zur Welt brachten mich meine Eltern erst Ende 1905, weil Papa sich wünschte, sein Kind möge unbedingt zu Neujahr geboren werden. Papa berechnete, die Empfängnis müsse in dem Fall auf den 1. April fallen, weshalb er meiner Mama  erst zu diesem Datum mit dem Ansinnen kam, ihr ein Kind zu machen. Das erste Mal warf sich Papa am 1. April 1903 an Mama heran. Mama hatte diesen Moment schon lange erwartet und freute sich riesig. Aber Papa war, wie sich zeigen sollte, recht zum Spaßen zu Mute, konnte sich nicht beherrschen und sagte zu Mama: „April, April!“ Mama fühlte sich schrecklich gekränkt und ließ Papa an dem Tag nicht mehr an sich heran. Da hieß es warten bis zum nächsten Jahr.

Im Jahre 1904, am 1. April, warf sich Papa wieder mit dem gleichen Ansinnen an Mama heran. Aber Mama erinnerte sich an den Vorfall vom Vorjahr und sagte, sie habe keine Lust mehr, sich zum Gespött machen zu lassen und ließ Papa wieder nicht an sich heran. Da konnte sich Papa aufführen, wie er wollte, es half alles nichts. Erst im Jahr darauf gelang es meinem Papa, meine Mama herumzukriegen und mich zu zeugen. Meine Empfängnis fiel also auf den 1. April 1905.

Papas Berechnungen erwiesen sich freilich als Reinfall, weil ich als Frühgeburt vier Monate vor dem Termin zur Welt kam. Papa machte einen derartigen Aufstand, daß die Hebamme, die mich geholt hatte, nicht mehr ein noch aus wußte und mich gleich wieder dorthin zurückzustopfen begann, von wo ich eben herausgeschlüpft war.  

Gedenktafel in Sankt Petersburg

Ein Bekannter von uns, der bei der Sache anwesend war, ein Student der Militärmedizinischen Akademie, gab zum besten, es sei unmöglich, mich zurückzustopfen. Doch ungeachtet der Worte des Studenten stopfte man mich dennoch hinein, wenn auch, wie sich später bei dem überstürzten Gehudel herausstellte, akurat nicht an der richtigen Stelle. Da hub dir erst ein Kuddelmuddel an. Die Wöchnerin schreit: „Her mit meinem Kind!“ Sie bekommt zur Antwort: „Ihr Kind ist, wie man so sagt, in Ihrem Inneren.“ „Wie das!“, schreit die Wöchnerin. „Wie kann das Kind in mir drinnen sein, wenn ich es doch eben erst zur Welt gebracht habe!“ „Aber“, antwortet man ihr „vielleicht irren Sie sich!“ „Wie das!“, schreit die Wöchnerin „Ich soll mich irren!? Wie sollte ich mich irren!? Ich habe doch mit eigenen Augen gesehen, wie das Kind eben noch genau da auf dem Leintuch lag!“ „Das stimmt schon“, sagt man ihr, „aber vielleicht ist es irgendwohin gekrochen.“ Kurzum, niemand weiß, was der Wöchnerin sagen. Doch die Wöchnerin schlägt Skandal und verlangt nach ihrem Kind.

Man kam nicht umhin, einen erfahrenen Arzt hinzuzuziehen. Der erfahrene Arzt untersuchte die Wöchnerin und breitete ratlos die Arme aus. Aber dann hatte er doch noch einen Einfall, und er verabreichte der Wöchnerin eine tüchtige Dosis Englischen Salzes. Die Wöchnerin verschaffte sich Erleichterung, und dergestalt kam ich zum zweiten Mal zur Welt.

Da geriet Papa wieder außer Rand und Band und meinte, man könne dieses Kind ja nun wirklich und beim besten Willen noch nicht sozusagen als geboren betrachten, es handle sich dabei doch nicht um einen, wie es heißt, ganzen Menschen, eher wohl noch um eine halbe Leibesfrucht, die man besser wieder zurückstopfen oder in den Brutkasten geben sollte. Und so kam ich in den Brutkasten.

Im Brutkasten brachte ich vier Monate zu. Ich weiß nur noch, daß der Brutkasten aus Glas war und durchsichtig, mit einem Thermometer dran. Ich hockte im Innern des Brutkastens auf Watte. Sonst weiß ich nichts mehr. Nach vier Monaten holte man mich aus dem Brutkasten heraus. Dies geschah just am 1. Januar 1906. Dergestalt kam ich gewissermaßen zum dritten Mal zur Welt. Als mein Geburtstag galt hinfort der 1. Januar.

Übersetzung: Peter Steger

Angemerkt sei, daß als offizieller Geburtstag des Autors der 30. Dezember 1905 angegeben wird. Aber wen wundert das noch groß, wenn jemand am 1. April empfangen wurde…

 

 

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