Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘russische Küche’


„Jedem Russen mangelt es an Wärme. Aber es gibt zwei Mittel, gegen die Geographie anzukämpfen: sich Freunde anzuschaffen und Wodka zu trinken. Außerdem hat der Russe seine eigenen Tropen: die Banja, das russische Dampfbad, das die Leute zunächst in rotgesichtige Teufel verwandelt, die auf Pritschen neben einem glühenden Ofen schwitzen, und danach in Engel, die nach dem Schwitzbad, in weiße Laken gehüllt, kaltes Bier trinken“, meint zumindest Wiktor Jerofejew in seinem 2004 in der Übersetzung von Beate Rausch erschienenen Roman „Der gute Stalin“. Doch es gibt durchaus noch ein anderes Mittel, dem Hitzestau – gleich ob meteorologisch oder pyrogen herbeigeführt – probat entgegenzuwirken, ein Rezept, das Jurgita Pribušauskienė aus Litauen, freundschaftlich verbunden mit Wladimir und Erlangen, empfiehlt: Kalten Borschtsch.

Kalter Borschtsch

Dessen Zubereitung ist so einfach wie vielfältig, bietet also jede Menge Variationsmöglichkeiten nach persönlichem Geschmack, weshalb hier nur die Komponenten genannt werden sollen, als da sind: Kefir mit möglichst hohem Fettgehalt oder Buttermilch, zwei bis drei kleine Knollen Rote Bete, zwei bis drei kleine frische Landgurken, ein kleingehacktes gekochtes Ei, etwas Dill und Lauch sowie eine Prise Salz. Als wichtigste Zutat nennt die Köchin Liebe ohne Dosierungsangaben, und der erfahrene Genießer weiß, daß er gut daran tut, nicht alles auf einmal zu verspeisen, sondern etwas für den nächsten Tag aufzubewahren. Da schmeckt das Mahl, ergänzt vielleicht durch Pellkartoffeln, nämlich noch besser, es wärmt die Liebe auf und kühlt jedes Mütchen – auch bei größter Hitze.

Read Full Post »


Erlangens Oberbürgermeister Florian Janik wird die Nachricht nicht eben überraschen, denn er hat sich bei seinen beiden Besuchen in Wladimir von den Qualitäten der russischen Küche überzeugen lassen. Aber freuen wird es ihn schon, wenn er hört, wie überzeugend es der Troika aus der Partnerstadt, bestehend aus Swetlana Tupizina, Kirill Sinitschkin und Maxim Rybakow, gelungen ist, im Finale den landesweiten Wettbewerb „Chef a la Russe“, ausgerichtet in Moskau von METRO Cash & Carry und dem Russischen Kulinarischen Landesverband, für sich zu entscheiden und den ersten Preis zu gewinnen. Schon erstaunlich, denn die Konkurrenz bei der dreitägigen Veranstaltung, die vorgestern endete, bestand aus 30 Teams, die ihrerseits schon alle die Vorrunden in den Regionen für sich entschieden hatten.

In der Endausscheidung traten neun Mannschaften in der Disziplin „Blackbox“ gegeneinander an. Alle erhielten die gleiche Palette von Lebensmitteln – Zitronen, Quitten, Orangen, Preiselbeeren, Ziegenkäse, Mandeln, Pflaumen, Milch, Sellerie und Wachtelfleisch sowie weitere Zutaten, die man sich selbst für das gewählte Menü ausgesucht hatte. 90 Minuten Zeit gab es dann für die Zubereitung von Vorspeise, Hauptspeise und Nachtisch.

Wladimir auf dem Siegertreppchen

Wladimir hatte schon vier Mal an dem Wettbewerb teilgenommen und immer vordere Plätze belegt. Nun sind die siegreichen Drei mit Medaillen, dem Pokal, einer Geldprämie, Geschenken der Sponsoren und – sicher die höchste Auszeichnung – mit einem Zertifikat nach Hause zurückgekehrt, das zur Teilnahme an einer Fortbildung am Institut von Paul Bocuse in Lyon berechtigt. Sollte Florian Janik das kulinarische Trio demnächst in Wladimir treffen, gibt es sicher obendrein eine Einladung nach Erlangen, denn auch die Partnerschaft geht bekanntlich durch den Magen. Und was in Erlangens Gastronomie noch immer fehlt: ein Restaurant mit russischer Küche.

Read Full Post »


In Wladimir ist das Angebot an frischem Obst und Gemüse im Winter recht begrenzt. Bei uns wachsen weder Bananen, noch Orangen oder Mandarinen, Kaki kommt aus dem Kaukasus, die exotischen Früchte beziehen wir aus Übersee. In meiner Kindheit konnten wir davon nur träumen, und im besten Fall setze man sich für drei Stunden in den Bummelzug nach Moskau, wo man dann von einem Laden zum nächsten rannte, einige Stunden in der Schlange stand, um ein Kilo Bananen zu ergattern und damit wieder drei Stunden zurück nach Wladimir zu fahren. Dabei war es angeraten, den Mund nicht aufzumachen, denn die Moskauer schimpften wie die Rohrspatzen, wenn sie spitzkriegten, daß Fremde sich angestellt hatten. Dabei waren wir ohnehin leicht schon von weitem zu erkennen an unseren riesigen Taschen, erwartungsvoll mitgenommen, um sie mit gesüßter Kondensmilch, Fleischkonserven, Wurst und Obst zu füllen. Heute gehört das alles zur Vergangenheit, aber ein russischer Haushalt ist noch immer nicht ohne Vorräte denkbar.

Damals blieb uns nichts anderes übrig, als im Frühjahr im Garten zu säen, im Sommer zu jäten und zu düngen, um dann ab August die Ernte einzufahren. Ein regelrechtes Fest war das immer, wenn wir mit viel Liebe und Phantasie unsere Schätze einlegten, einmachten, einweckten und für den Winter haltbar machten. Immer dabei: rote Bete, ein ausgesprochen beliebtes Gemüse, bis heute ein gern gelittener Gast auf unserem Tisch, auch wenn wir Russen heute über die ganze Welt verstreut sind. Also wollen wir doch zunächst einmal eine kleine Reise um die Welt der roten Bete unternehmen.

Die alten Römer verlangten bekanntermaßen von ihren Herrschern „Brot und Spiele“, aber sie lebten natürlich nicht vom Brot allein. Vielmehr galt schon im antiken Rom der Borschtsch als Leibspeise, weshalb eigens viel Kohl und rote Bete angebaut wurden.

Rüben sind auf allen Erdteilen – von der Antarktis einmal abgesehen – anzutreffen. Alle heute bekannten Sorten gehen auf eine wildes Wurzelgemüse zurück, das bis heute in Persien, an den Ufern des Mittelmeers, des Schwarzen und Kaspischen Meers sowie in Indien und China wächst. Auf den Speisezettel des Menschen kam die Wurzel wohl erstmals in Kleinasien und Zweistromland, wobei man damals nur die Blätter verzehrte, während die Rübe selbst zu medizinischen Zwecken verwendet wurde. In assyrischen Texten spricht man von deren Anbau in den Hängenden Gärten der Semiramis, die zu den sieben Weltwundern der Antike zählen. Im alten Persien hingegen galt das Gemüse als Symbol von Streit und Zwietracht, während die Römer dessen aphrodisierende Wirkung schätzten und rote Rüben sogar als Tribut von den Germanen forderten.

In die Kiewer Rus gelangte das Gemüse von Byzanz aus, wo man neben anderen Bete-Gerichten bereits die Rübensuppe, den klassischen Borschtsch, kannte. Aber erst Quellen aus dem 16. Jahrhundert beschreiben diese Speise als allgemein verbreitet im Russischen Reich, wo die Rübe übrigens auch in der Kosmetik Verwendung fand. Bemerkenswert aber auch die Hinweise darauf, die Pest, jene Geißel des europäischen Kontinents, habe auf dem Balkan und im Osten des Erdteils weniger gewütet, weil dort so viel rote Bete gegessen wurde. Und dann noch der in vielen Kulturen verbreitet Glaube, Mann und Frau würden einander für immer lieben, wenn sie gemeinsam eine rote Rübe essen.

rote-bete-4

Noch bis vor kurzem gehörte in Rußland die Botwinja zu den beliebtesten Gerichten. Es galt als Schande für die Hausfrau, wenn sie es nicht verstand, diese kalt gereichte Suppe aus Blattgemüse schmackhaft zuzubereiten. Es gab sogar ein Sprichwort: „Wie die Ustinja, so die Botwinja.“

Heute kennt und schätzt man die vielen Eigenschaften der roten Bete in aller Welt, etwa die antioxidierenden Qualitäten oder die entschlackende Wirkung auf Schwermetalle, Radionuklide und sonstige Giftstoffe neben dem hohen Gehalt an Vitamin A, C, B, Aminosäure, Makro- und Mikroelementen sowie Betain, das gegen Arteriosklerose vorbeugt, die Herztätigkeit positiv beeinflußt, die Entwicklung von Alzheimer und Osteoporose verzögert. Regelmäßige Zufuhr von Betain soll sogar das Entstehen von Darm- und Prostatakrebs vermeiden helfen und die Ausbreitung von Tumorzellen hemmen. Wichtig dabei: Alle wertvollen Bestandteile der roten Bete bleiben bei der richtigen Zubereitung erhalten und erweitern die Möglichkeit ihrer Verwendung.

Längst steht die rote Rübe nicht mehr nur in Osteuropa auf dem Speisezettel. Auch in Deutschland findet man sie auf der Karte von Restaurants, freilich leider eher noch selten. Aber besser selten als gar nicht! Die Angebote in Gläsern in den Regalen der Geschäfte oder bereits gekocht in Vakuumverpackung (für die russische Seele eine kulinarische Todsünde) können natürlich jenen Geschmack nicht ersetzen, der nur dem frisch zubereiteten Gemüse eigen ist, das ja bei richtiger Lagerung den Winter überdauert und Geschmack und Eigenschaften bis ins Frühjahr hinein bewahrt.

rote-bete-1

Wie viele Rezepte es in Rußland – und erst recht in Wadimir – gibt, um Rote Bete zuzubereiten, weiß wohl niemand zu sagen. Nennen wir deshalb nur die allerbekanntesten, die auch jeder Tourist zumindest einmal probiert haben sollte: natürlich Borschtsch, Hering im Mantel, Rote Bete mit Knoblauch, Rote Bete auf koreanische Weise, Rote Bete mit Pflaumen, Rote-Bete-Bratlinge, Kraut mit Rote Bete, Rote-Bete-Suppe, Rote-Bete-Gemüse etc. pp.

rote-bete-2

Wir wollen heute einmal das Gemüse versuchen, wozu wir zwei bis drei große Knollen nehmen, sie schälen und mittelfein reiben, in die Pfanne zusammen mit zwei bis drei mittelgrößen feingeschnittenen Zwiebeln geben, salzen und mit drei bis vier Eßlöffeln Sonnenblumenöl unterm Deckel für 30 Minuten bei 180 bis 200 Grad in die Röhre stellen. Danach alles gut umrühren, bis auch die Zwiebeln alle rot sind, ein Stück Butter und frische Kräuter darauf – und schon kann aufgetischt werden. Schmeckt heiß wie kalt, mit oder ohne Brot, mit Pasta oder Kartoffeln, wie es beliebt. Wer sich aber ein wenig mehr Zeit nehmen will, kann das Rezept erweitern und ca. ein Kilo Kartoffeln schälen, die großen vierteln oder halbieren, auf den Grund der Pfanne legen, bevor die Rote Bete und Zwiebel dazukommen. Diese Variante braucht allerdings zum Garen etwa ein Stunde. Lohnt sich aber und verspricht ein rechtes Festmahl!

Nadja Iljina

Read Full Post »


Seit dem 28. November und noch bis zum 6. Januar, also bis zum Weihnachtsfest der Ostkirche, gilt für die orthodoxe Christenheit eine von vier Fastenzeiten, 40 Tage lang, streng geregelt danach, wann Fisch erlaubt ist oder verboten bleibt – und in unterschiedlich strenger Observanz für Ordensleute oder Laien. Grundsätzlich und für alle rechtgläubigen Menschen untersagt die auf einen Beschluß des Patriarchen von Konstantinopel zurückgehende Regel aus dem Jahr 1166 in der Zeit der inneren Vorbereitung auf die Geburt Christi jeglichen Genuß von Fleisch und Eiern.

wachteleier-1

Die beiden heute hier vorgestellten Varianten des Genusses von Wachteleiern widersprechen also dem Adventskodex, besonders natürlich der von Dieter Kümpers, einem gelernten Koch und ökumenisch gestimmten Katholiken, zubereitete Toast der herzhaften und dem Fleische zugetanen Art. Aber nachdem das leicht zerbrechliche Geschenk am Dienstagabend in Wladimir von einem russischen Geistlichen an die Gäste überreicht wurde, darf man des priesterlichen Segens bei Zubereitung und Konsum versichert sein, zumal die Eier ja auch noch aus der Zucht des orthodoxen Pilgerzentrums stammen.

wachteleier-2

Hier also eine, nennen wir sie einmal „läßliche“ kulinarische Sünde wider das Fastengebot, für die es gewiß überdies ein bestimmtes Maß an Indulgenz geben dürfte, wenn man hungrige Gäste an der eigenen Tafel speist: Wachtelei auf Gemüsebratling.

wachteleier-3

Es genügt, in die vorher angebratenen Küchla, Küchle oder Küchli – je nach fränkischer Sprech- und Lesart – mit dem Daumen eine Delle zu drücken, in der dann das rohe Ei Halt findet. Sollte sich das eine oder andere dennoch als Nestflüchtling selbständig machen, ist das auch kein Schaden. Weit kommt es nicht auf dem Backblech. Jedenfalls müssen sie dann alle für etwa zehn Minuten bei 180 Grad in die Röhre und können danach frisch serviert werden, nach Gusto abgeschmeckt mit Salz und Pfeffer.

wachteleier-4

Die Wladimirer Hausfrau empfiehlt dazu einen Schlag Quark mit Dill und einen „roten Salat“.

wachteleier-5

Johannes Chrysostomos, Erzbischof von Konstantinopel und einer der vier Kirchenlehrer des Ostens, sah das Fasten übrigens in einem weiteren Sinn: Es irrt nämlich, wer da meint, es bedeute lediglich den Verzicht auf Nahrung, vielmehr meine wahres Fasten die Absage an das Übel, das Im-Zaum-Halten der Zunge, die Unterdrückung von Grimm und Zorn, die Beherrschung der Gelüste, die Abwendung von Verleumdung, Lüge und Eidbrüchigkeit. In diesem frommen Sinn wünscht mit spirituellem Gewinn der Blog einen festlichen Vierten Advent.

Read Full Post »


Unlängst hat Hans-Joachim Preuß in seinem so lesenswerten Blog eine kundige Einführung in die russische Küche gegeben und dabei der Suppe die gebührende Aufmerksamkeit geschenkt, ohne dabei freilich Rezepte zu verraten: https://is.gd/tySQjW. In Ergänzung zu dem Appetitanreger des schreibenden Kollegen hier die Anleitung zur Zubereitung einer Pilzsuppe, die um diese Jahreszeit nach einer ungewöhnlich reichen Saison ganz oben auf dem Speiseplan der russischen Hausmannskost steht.

pilzsuppe-1

Man übergießt dazu – am besten schon über Nacht – zwei bis drei Handvoll getrockneter Waldpilze mit heißem Wasser und läßt sie mindestens drei Stunden – gern auch länger – ziehen und quellen. Alles andere dauert dann nicht mehr lange.

pilzsuppe-2

Drei bis vier mittelgroße Kartoffeln werden geschält, in Streifen geschnitten und in einem Liter Wasser gekocht. Außerdem benötigt man eine große Zwiebel sowie ein Stück roter Paprika, die man würfelt, und zusammen mit einer mittelgroßen, geriebenen Karotte in reichlich Sonnenblumenöl anbrät.

pilzsuppe-3

Unterdessen nimmt man die Pilze aus dem Sud (bitte nicht wegschütten, der wird noch gebraucht), trocknet sie etwas ab, schneidet sie mittelklein, fügt sie zum Gemüse hinzu und läßt alles zusammen ca. fünf Minuten dünsten. Nun kommt noch eine feingewürfelte Tomate obendrein, die Mischung köchelt ein paar Minuten weiter, bis man die Kartoffelstücke beigibt und alles mit einem Glas von dem Sud abschmeckt.

pilzsuppe-4

Jetzt darf mit Salz, Pfeffer und einem Lorbeerblatt abgeschmeckt werden. Zwei bis drei Eßlöffel Bulgur und frische Kräuter bilden den Abschluß, und der Topf bleibt weitere zehn Minuten auf dem Herd am Kochen. Doch dann ist der Genuß groß, besonders groß mit einem Schlag Schmand, mit dem man die in Deutschland fehlende Smetana am besten ersetzt. Man muß halt hierzulande gewisse Kompromisse machen…

Read Full Post »


Der Wettbewerb um den besten Koch-Clip mit deutscher Ansage, veranstaltet vom Goethe-Institut Moskau für seine Sprachlernzentren in der Russischen Föderation, ist abgeschlossen und entschieden. Eine der Preisträgerinnen, Marina Mansurowa, kommt aus Wladimir und darf sich über einen dritten Platz freuen. Ihr Video, in dem sie zusammen mit ihrer jüngeren Schwester Reibekuchen zubereitet, ist einfach unwiderstehlich: https://is.gd/Ggy9HR

Die Sieger des Koch-Video-Wettbewerbs: Marina Mansurowa (2. v.l.)

Die Sieger des Koch-Video-Wettbewerbs: Marina Mansurowa (2. v.l.)

Doch das Erlangen-Haus beließ es nicht bei dem landesweiten Wettbewerb, sondern prämierte auch die besten Beiträge aus Wladimir, die ja schon einmal hier im Blog vorgestellt wurden. Das nochmals mit einem Klick nachzugenießen, macht sicher Freude: https://is.gd/6Ownmo

Read Full Post »


„Wird der Tee erst aufgetragen, zeigt man Ehre und Behagen“, lautet ein altes russisches Sprichwort, das bis auf den heutigen Tag gegenüber Gästen seine Gültigkeit bewahrt hat. Mit Tee bewirten wir liebe Gäste, zu einer Tasse Tee laden wir unsere Freunde ein, und wir wärmen uns mit echt russischem Tee in der Winterkälte. Doch auch in der Sommerhitze ziehe ich guten heißen Tee allem anderen vor.

Tee 6

Ein anderes russisches Sprichwort lautet: „Füttere den Wolf, wie du willst, er wird trotzdem zum Wald schauen.“ Diese Volksweisheit könnte man auch so verstehen: „Biete dem Russen Kaffee an, wie du willst, er wird trotzdem um Tee bitten.“ So ist das! Ganz einfach ist das alles!

Tee 12

Tee, wie wir ihn heute kennen und schätzen, ist alles andere als ein russisches Genußmittel, aber ohne ihn kann man sich Rußland und die Russen gar nicht mehr vorstellen. Die alten Slawen tranken Kräuter- und Früchteaufgüsse, sammelten sommers die Heilkräfte der Natur, trockneten verschiedene Kräuter und Beeren, deckten sich sorgfältig damit ein, um über das ganze Jahr genug davon zu haben.

Tee 13

Karte von der Großen Teestraße

Eine Legende erzählt, 1638 habe ein chinesischer Botschafter Zar Alexej Michajlowitsch, den Vater von Peter I, seine Aufwartung gemacht und ihm einige Truhen schwarzen Tees zum Geschenk gemacht. Die Bojaren wurden geheißen, den Tee zu verkosten, und so kauten sie denn die getrockneten Blätter, spuckten aus und fluchten, was das denn für bitteres Zeug, was daran denn gut zu nennen sei. Lug und Trug! Da ließ es sich der Alleinherrscher nicht nehmen, den Gesandten zu fragen, was das denn für ein Schabernack sei, worauf er von dem Fremden eine Tasse großartig aromatischen Tees gereicht erhielt. Da freilich rissen die Adligen das Maul auf, und ein regelrechter Kampf um den Tee nahm seinen Anfang.

Tee 10

Damals nämlich kam der Tee mit Karawanen von jenseits der asiatischen Grenzen des Russischen Reichs. Die Händler hatten zwar die Erlaubnis, die russisch-chinesischen Grenzposten in beide Richtungen zu passieren, aber dennoch gab es gewaltige Hindernisse für den Warentransport von hier nach da. Der Handelsweg zog sich über mehr als 17.700 km hin, die Strecke führte über gebirgige Gegenden, und zu deren Überwindung brauchte es bis zu eineinhalb Jahren. Die Karawanen bestanden aus 200 bis 300 Kamelen, und all die dafür notwendigen Aufwendungen machten die Fracht so teuer, daß sich den Teegenuß nur wirklich wohlhabende Leute und die Mitglieder der Zarenfamilie leisten konnten.

Die Große Teestraße führte auch durch Nischnij Nowgorod - und Wladimir

Die Große Teestraße führte auch durch Nischnij Nowgorod – und Wladimir

Wenn jemand meinen sollte, wir tränken Tee auch heute noch aus dem Samowar, muß ich ihn enttäuschen. Das traditionelle Requisit bekommt man heute nur noch in auf Touristen eingestellten Restaurants zu sehen, denn zu Hause verwenden wir schon lange den Wasserkocher oder den Topf auf der Herdplatte.

Tee 9

Dennoch unterscheidet sich unsere Teetradition noch immer von der unserer englischen oder niederländischen Geschwister im Genuß. Zunächst bereiten wir den Sud, indem wir eine kleine Teekanne mit kochendem Wasser ausschwenken, bevor wir einige Löffel der Blätter hineingeben, übergießen und dann ziehen lassen.

Tee 7

Darin nun zeigt sich unsere Besonderheit: Je nach Geschmack brüht man mit mehr oder weniger Tee bzw. Wasser auf und erhält so eine ganz individuelle Intensität, ein ganz eigenes Aroma, eine dosierte Stärke. Dazu reicht man eingemachte Beeren, Konfitüre, Honig, Pfannkuchen oder auch Gebäck und Kuchen und läßt es sich schmecken. Hauptsache der Tee ist heiß, denn: „Jeder im Hause weiß, der Tee schmeckt am besten heiß.“

Gratulation zum Tag des geriffelten Glases, Genossen!

Gratulation zum Tag des geriffelten Glases, Genossen!

Wer kennt nicht das russische Teeglas – übrigens ein Produkt der Wladimirer Handwerkskunst mit eigenem Feiertag (!) -, dessen Eigenschaft mit „geriffelt“ nur unzureichend übersetzt ist? Ein Preis für den Sprachkundigen, der einen besseren Vorschlag für „гранёный стакан“ bietet! Oder denken wir an die berühmte Tradition in russischen Zügen, den Tee in dünnen Gläsern mit metallischem Untersatz – zur Zierde und als Wärmeschutz – zu reichen. Dazu ein Stück Zucker und das Rattern der Räder… Oder Tee am Lagerfeuer mit Rauchgeschmack aus dem Kessel und dazu ein Lied, begleitet von der Gitarre…

geriffeltes Glas

In der Kindheit sammelten wir im Sommer bei der Oma auf dem Dorf alle möglichen Kräuter und Beeren für den Tee, hauptsächlich Blätter der Johannis- und Himbeere oder der Weichselkirsche, Johanniskraut, Minze, Huflattich, Hagebutte, Lindenblüten. Was man nicht alles in der Natur für einen aromatischen Tee findet, für jeden Geschmack etwas und direkt vor unserer Nase, ob im Wald, im Garten, auf der Flur oder sogar auf dem Fensterbrett. Im Sommer kann man ja die Kräuter auch noch ganz frisch in die Teekanne geben und das großartige Aroma genießen. Winters dann nimmt man einfach eine Handvoll getrockneter Blätter, Blüten und Früchte für den Hochgenuß.

Tee 8

Natürlich kann man das alles auch als Fertigmischung kaufen. Aber wer wollte den Geschmack dessen vermissen, was man mit eigenen Händen gesammelt und zubereitet hat?

Tee 11

Nach wie vor schätzt man den Tee sehr mit Zitrone, und immer wieder neue Zubereitungsarten erstaunen auch gestandene Genießer. Dabei ist es gar nicht so wichtig, ob es sich um schwarzen oder grünen Tee handelt – oder gar um Kräuter- und Früchtetee -, Hauptsache die Mischung stimmt. Was aber den schwarzen Tee angeht, so muß man in deutschen Cafés durchaus darauf vorbereitet sein, mit eher minderwertiger Qualität abgespeist zu werden. Nicht selten sieht die Bedienung den Gast, der nach „Darjeeling“ fragt, mit verwunderten Augen an und erkundigt sich danach, was das denn sei. Aber was soll’s! Am besten macht man den Tee ohnehin daheim und lädt sich liebe Gäste dazu ein.

Tee 5

Wer in Erlangen seinen Geschmack veredeln und erweitern will, ist gut beraten, all die vielen Teesorten bei „Köstlich & Co.“ in der Friedrichstraße zu versuchen. Hier findet man auch das ideale Geschenk für Freunde in Wladimir, die etwas anspruchsvoller sind als die Besucher deutscher Cafés.

Apropos: Hier noch einige Rezepte von Teeliebhabern aus Wladimir, alle leicht und zu jeder Jahreszeit zuzubereiten. Vorneweg gleich etwas für Morgenmuffel, denen diese Mischung den notwendigen Schwung in den Tag geben könnte: Eine Handvoll getrockneter Hagenbutten, am Vorabend schon angesetzt mit etwas kochendem Wasser und abgedeckt. Erst am Morgen gibt man gerade genug Wasser für ein bis zwei Tassen hinzu, kocht alles auf und läßt es fünf Minuten ziehen. Dazu dann eine Zitronenscheibe und ein Teelöffel Honig. So gelingt jedes Frühstück, so wird jeder wach.

Thymian

Thymian

Oder ein Rezept sibirischer Heilkundiger zur Vorbeugung und Therapie von Erkältungskrankheiten, das auch von Wladimirer Kennern geschätzt wird. Dazu genügt ein Teelöffel getrockneten Thymians, aufgebrüht mit einem Viertelglas Wasser. Fünf Minuten ziehen lassen – und fertig. Übrigens läßt sich der Thymian je nach Vorliebe auch mit schwarzem Tee mischen und dann auch so zubereiten. Gibt man zum Thymian auch noch Minze und Preiselbeerblätter, kann einem keine Erkältung der Welt mehr etwas anhaben.

Unbedingt versuchen sollte man eine Mischung aus Thymian, Minze, Majoran und Hagebutte, von allem je einen Eßlöffel. – Erfolg und Genuß sind garantiert!

1259652806_vladimir-fyodorovich-stozharov

Unsere Vorfahren pflegten zu sagen: „Was in der Stadt dem Gast der Teegenuß, sorgt hier im Dorf bestimmt nicht für Verdruß!“ Das gilt bis heute: Ob in der Stadt, ob auf dem Land, wir lieben Tee, das ist bekannt.

Übersetzt aus dem anonymen Bekennerschreiben einer Tee-Fee aus Wladimir

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: