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Posts Tagged ‘russische Geschichte’


Ein derart volles Haus mit einem dreißigköpfigen Auditorium wie gestern abend in der Aula der Volkshochschule hatte Moritz Florin dann doch nicht zu seinem Vortrag zum Thema „Rußland zwischen Revolution und Terror“ erwartet, doch der promovierte Historiker und Akademische Rat vom Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU fand zu dem ausnahmsweise nicht studentisch geprägten Publikum rasch Zugang und nahm es auf eine lehrreiche Reise mit in jene Zeiten, wo Schrecken und Gewalt als Programm für gesellschaftlichen Umsturz firmierten.

Moritz Florin

Um diesen Ansatz zu stützen auch gleich zu Beginn des etwa einstündigen Referats der Hinweis: „Wer die jüngere Geschichte Europas verstehen will, beschäftige sich mit der Französischen Revolution.“ Der Geist jener Zeit beeinflußte auch und besonders das Denken im Russischen Reich, wie prägend, zeigt ein Zitat aus dem 1868/69 veröffentlichten Roman „Krieg und Frieden“ von Lew Tolstoj:

„Die Revolution war eine große Sache!“ fuhr Monsieur Pierre fort und verriet durch diese kühne und herausfordernde Behauptung sein äußert jugendliches Alter. „Wie? Revolution und Königsmord sind eine große Sache?“ „Ich rede nicht von Königsmord, ich rede von Ideen.“ „Ja. Ideen von Raub, Mord und Königsmord“, warf eine ironische Stimme erneut ein. „Das waren zweifellos Auswüchse, aber nicht das eigentlich Wichtige. Wirklich wichtig sind die Menschenrechte, die Befreiung von Vorurteilen und die Gleichheit der Bürger.“

Wohl kaum Zufall, wenn gerade einmal zwei Jahre vorher Dmitrij Karakosow einen Attentatsversuch auf Zar Alexander II unternimmt, verhindert ausgerechnet von einem Lehrling, dem der Prototyp des Terrorismus als einen der „Esel“ bezeichnet, für die er doch geschossen habe. Immerhin „inspiriert“ der Geheimbündler über seine Hinrichtung hinaus spätere Anschläge wie den von Wera Sassulitsch auf den Stadthauptmann von Sankt Petersburg im Jahr 1878 und 1881 die schließlich erfolgreiche Ermordung von Zar Alexander II durch eine Gruppe der „Narodnaja Wolja“, des selbsternannten „Volkswillens“, der die eben erst von der Leibeigenschaft befreiten, aber weiter verarmten Bauern in eine lichte Zukunft führen will und deren traditionelle genossenschaftliche Lebensweise als Grundlage der weiteren gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet. Der Kaiser ist tot – ebenso wie fünf der erhängten Attentäter, darunter Sofia Perowskaja, die erste für ein politisches Vergehen hingerichtete Frau im Russischen Reich -, doch ihm folgt der Sohn, Alexander III, der sich abwendet von den liberalen Reformen des Vaters, die Autokratie restauriert und die „Ochrana“ gründet, jene Geheimpolizei, die dem Untergrund den Krieg erklärt und später auch von den Bolschewiken unter neuen Namen fortgesetzt wird. Diese betrachten den Terrorismus übrigens als ineffektiv und gescheitert; sie setzen lieber – und das durchaus erfolgreich – auf Staatsterror gegenüber ihren Gegnern. Gelesen aber hatten sie alle – bis hin zu Wladimir Lenin – den 1869 von Sergej Netschajew verfaßten „Revolutionären Katechismus“ https://is.gd/7vlmzb, das dem Verfechter der gerechten Sache einiges abverlangt:

Tyrannisch gegenüber sich selber, muß er auch anderen gegenüber tyrannisch sein. Er muß all die sanften, schwächenden Gefühle der Verwandtschaft, Liebe, Freundschaft, Dankbarkeit und sogar der Ehre in sich unterdrücken und der eiskalten, zielstrebigen Leidenschaft für die Revolution Raum geben. Für ihn gibt es nur eine Freude, einen Trost, einen Lohn und eine Befriedigung — den Erfolg der Revolution. Tag und Nacht darf er nur einen Gedanken haben, ein Ziel vor sich sehen — erbarmungslose Zerstörung. Während er unermüdlich und kaltblütig diesem Ziel zustrebt, muß er bereit sein, sich selber zu vernichten und mit seinen eigenen Händen alles zu vernichten, das der Revolution im Wege steht.

Moritz Florin

Eine Stunde ist natürlich viel zu wenig für den weiten Weg vom russischen Untergrund, dem es nie gelingen sollte, das Volk auf seine Seite zu bringen, über den „Blutsonntag“ im Jahr 1905 bis hin zur Bürgerlichen Revolution und dem darauf folgenden Staatsstreiches der Bolschewiken 1917, die dem Terrorismus von Anarchisten und Nihilisten die systematische Unterdrückung und physische Vernichtung aller Gegner des neuen Systems entgegensetzten und Staatsterror zur Methode machten. Doch wer dabei war und die anschließende Diskussion in ihrem lebhaften Widerstreit erlebte, nahm zumindest den Vorsatz mit nach Hause, diesen so entscheidenden Teil der russischen Geschichte im Selbststudium zu vertiefen, denn, so der Dozent, die Ideengeschichte der russischen Sozialrevolutionäre wirkte sogar noch bei der „Roten Armee Fraktion“ fort. Aber auch einmal wieder die Spur von Carl Ludwig Sand aufzunehmen, würde sich lohnen. Der aus Wunsiedel stammende Theologiestudent, dem in Alterlangen eine Straße gewidmet ist, gründete an der FAU eine Burschenschaft, die noch heute als „Bubenreuther“ bekannt ist, setzte seine Ausbildung in Jena fort und ermordete 1819 August von Kotzebue, Anlaß für Clemens Wenzel von Metternich, mit den Karlsbader Beschlüssen dem liberalen Geist an den Universitäten die Luft zu nehmen, Anlaß aber auch für den Freigeist und Sympathisanten der „Dekabristen“, Alexander Puschkin, 1825 dem fränkischen Gotteskrieger mit dem Gedicht „Der Dolch“ ein literarisches Denkmal zu setzen. Viele Spuren eben, die der gestrige Abend legte, denen nachzugehen lohnt.

Jekaterina Korschofski

Derweil im gleichen Gebäude um die selbige Zeit ein ebenfalls bis auf den letzten Platz gefülltes Klassenzimmer, wo man unter Anleitung von Jekaterina Korschofski, Absolventin der Universität Wladimir und dereinst als Au-pair in Erlangen tätig, bevor sie hier ihre Familie gründete, erfahren kann: „Kyrillisch schreiben… ist gar nicht so schwierig“. An einem Abend freilich ist das Thema noch nicht erledigt, weshalb Teil 2 des Kurses morgen folgt. Dies aber nur nachrichtlich, denn es gibt keine Plätze mehr, ausgebucht. Was wollen sich die Programmverantwortlichen der Russisch-Deutschen Wochen mehr wünschen!

 

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Dmitrij Artjuch von der Redaktion der Wladimirer Internetplattform „Zebra-TV“ hat erstaunliches Material zum gestrigen hundertsten Jahrestag der „Oktoberrevolution“ zusammengestellt. Demnach hat  – am 25. Oktober 1917 (nach julianischem Kalender) bzw. am 7. November 1917 (nach der von den Sowjets später eingeführten gregorianischen Zeitrechnung) um 21.40 Uhr – den Befehl zum Warnschuß des Kreutzers „Aurora“ in Richtung der Winterresidenz in Petrograd, letzter Posten der bürgerlichen Regierung, ein gewisser Alexander Belyschew gegeben, geboren 1893 in Kletnjewo bei Wjasniki in der Region Wladimir und ausgebildet in Erlangens späterer Partnerstadt zum Maschinenschlosser an der Handwerksschule.

Aurora 3

Alexander Belyschew

Als Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ hatte Alexander Belyschew de facto das Schiff unter sich und handelte auf Anordnung des „Petrograder Zentralen Revolutionären Kriegskomitees“ und gab mit dem Schuß im Schein des Suchscheinwerfers den Auftakt zur Machtergreifung der Bolschewisten, die ihren Umsturz später propagandistisch zum „Sturm des aufständischen Proletariats und der Revolutionsarmee auf das letzte Bollwerk der alten Welt“ verklärten.

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Gedenktafel am 152-mm-Geschütz der „Aurora“

Fünf Jahre lang, von 1908 bis 1913, machte der spätere Herold der „Oktoberrevolution“ seine Ausbildung in Wladimir an der Lehranstalt, später als Berufsschule für Luftfahrttechnik weitergeführt und – bis 1990 – nach ihrem berühmten Abgänger benannt. Im Archiv der Fachschule findet sich noch heute ein Gruppenbild der Absolventen, wo auch Alexander Belyschew zu erkennen ist.

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Alexander Belyschew

Unmittelbar nach seinem Abschluß erhielt der junge Wladimirer seine Einberufung zur Ostseeflotte, wo er ab 1914 im Maschinenraum auf dem Kreutzer „Aurora“ diente. Als das Schiff im Februar 1917 wegen Reparaturarbeiten in Petrograd ankerte, begeisterte er sich, wie es heißt, für die revolutionären Ideen und ließ am 27. Februar den Kapitän und seinen ersten Offizier verhaften.

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Das heutige Museumsschiff „Aurora“

Einen Monat später hatte Alexander Belyschew bereits den Mitgliedsausweis der Bolschewisten, und kurz darauf war er unter der Menge, die Wladimir Uljanow alias Lenin bei seiner Rückkehr aus dem Exil in der Schweiz via Deutschland auf dem Finnischen Bahnhof in Petrograd mit Jubelrufen begrüßte. Im Sommer des gleichen Jahres wählte man den Jungkommunisten zum Vertreter seines Kreutzers im „Kollegialen Organ der Matrosenmassen“ sowie zum Vorsitzenden des „Schiffskomitees“ der „Aurora“.

Die „Aurora“

Zwei Tage vor der „Oktoberrevolution“ erhielt Alexander Belyschew, unter dem ein weiterer Kamerad aus der Region Wladimir diente, die Anordnung, das Schiff in Gefechtsbereitschaft zu bringen und weitere Befehle abzuwarten. Tagsüber am 24. Oktober ernannte ihn schließlich Jakow Swerdlow, ein Vertrauter Wladimir Lenins, zum Kommissar des „Revolutionären Kriegskomitees“ auf der „Aurora“ und sollte mit allen Mitteln den Verkehr auf der Newa im Bereich der Nikolajew-Brücke unterbinden, die von regierungstreuen Truppen gehalten wurde. Um dies zu bewerkstelligen, ließ Alexander Belyschew auch den neuen Kapitän der „Aurora“ festnehmen. Tags darauf konnte er seiner Mannschaft mitteilen, die Regierung sei zurückgetreten und habe sich im Winterpalais verschanzt. Er war es dann auch, der beschloß, die Geschützsalve zum Sturm auf die Residenz mit Übungsmunition abzufeuern. Erst bei Gegenwehr, so seine Absicht, sollte scharf geschossen werden.

Alexander Belyschew in Leningrad

Der Künder der „Oktoberrevolution“ kehrte übrigens nach dem Sieg der Bolschewiken in die Heimat zurück, doch schon 1923 zog es ihn wieder in die Stadt an der Newa, wo er in verschiedenen Betrieben arbeitete und 1974 verstarb.

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Berufsfachschule für Luftfahrtechnik, an der Alexander Belyschew ausgebildet wurde.

Schnitt und Sprung in die Gegenwart: Der Geist der „Oktoberrevolution“ wehte gestern auch noch einmal durch Wladimir, als – die Angaben der Veranstalter decken sich mit den Schätzungen der Journalisten – etwa eintausend Alt- und Jungkommunisten durch die Stadt zogen und einhundert rote Luftballons aufsteigen ließen. Gut, daß sie es dabei dann auch beließen, ohne zu schießen.

Ruhm dem Großen Oktober!

Mehr zu Alexander Belyschew in der russischen Quelle unter: https://is.gd/lvKJpV

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„Aber höher als ihr, Zaren, sind die Glocken“, lautet eine Mahung an die Mächtigen aus der Feder von Marina Zwetajewa, jener Lyrikerin, die für sich in den despotischen Jahren des Stalinismus den Ausweg im Freitod fand. Ausgerechnet in Alexandrow, der Stadt in der Region Wladimir, wo die mit Rainer Maria Rilke seelenverbundene und vom Leben zutiefst verwundete Dichterin sich von 1915 bis 1917 niedergelassen hatte und wo 1991 das erste ihr gewidmete Museum eröffnet wurde, ausgerechnet hier, wo sie mit einem weiteren Opfer der kommunistischen Tyrannei, mit dem Schriftsteller Ossip Mandelstam, zusammengetroffen war, ausgerechnet hier sollte Iwan dem Schrecklichen, jenem Altmeister des Terrors gegen das eigene Volk, ein Denkmal errichtet werden. Das zweite seiner Art landesweit nach einem ähnlichen Monument der Apotheose des Menschenschinders auf dem Zarenthron in Orjol im Herbst vergangenen Jahres.

Nicht ganz von ungefähr, denn jener Moskauer Großfürst, der sich einen Stammbaum andichten ließ, der bis zurück zu den römischen Kaisern reichte, hatte in Alexandrow von 1564 bis 1581 seine Residenz eingerichtet, um, wie er selbst sagte, jenseits von Moskau Gott näher sein zu können, was ihn freilich nicht hinderte, gegen Nowgorod ins Feld zu ziehen. Immerhin aber wurde hierher 1571 auch die landesweit einzige Druckerei – nach einem Brand in Moskau – verlegt, wo 1577 eines der seltensten Bücher der russischen Literatur entstand, ein Gebetsbuch, von dem es vermeintlich nur noch 24 Exemplare gab, bis unlängst auf einer Auktion Nummer 25 auftauchte und nun für eine wahrscheinlich nicht geringe Summe in die Heimat zurückkehrte.

Doch zurück zum Denkmal für Zar Iwan IV. Die Skulptur hatte ein Künstler in Moskau geschaffen, das Projekt wurde von einer privaten Gruppe betrieben, aber die örtlichen Behörden zeigten sich nicht allzu enthusiastisch von dem Vorhaben, das immer wieder verschoben wurde. Schließlich wurde der Bildhauer der Sache überdrüssig und kündigte an, sein Werk andernorts zu präsentieren.

Kulturell sicher ein zu verschmerzender Verlust, in jedem Fall mehr als aufgewogen durch eine Gedenktafel für Marina Zwetajewa an dem Haus, wo sie seinerzeit mit ihrer Schwester Anastasia wohnte und dichtete. Jahre später, 1925, schrieb die Vertreterin einer Weltliteratur auf Deutsch, das sie perfekt beherrschte, an Rainer Maria Rilke:

Dichten ist schon Übertragen, aus der Muttersprache in eine andere, ob Französisch oder Deutsch wird wohl gleich sein. Keine Sprache ist Muttersprache. Dichten ist Nachdichten. Darum versteh ich nicht, wenn man von französischen und russischen etc. Dichtern redet. Ein Dichter kann Französisch schreiben, er kann nicht ein französischer Dichter sein. Das ist lächerlich. Ich bin kein russischer Dichter und staune immer, wenn man mich für einen solchen hält und als solchen betrachtet. Orpheus sprengt die Nationalität, oder dehnt sie so weit und breit, daß alle (gewesenen und seienden) eingeschlossen sind.

Wie schön, sie in Alexandrow, 130 km nordwestlich von Wladimir, geehrt zu wissen, wo es im Juni alljährlich ein Zwetajewa-Lyrik-Festival gibt. Die Glocken der Dichtung sind eben doch höher als die Macht der Zaren…

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In diesen Januartagen, Anno 1248, schickte Papst Innozenz IV eine Bulle an Großfürst Alexander Newskij, den er mit „nobili viro Alexandro duci Susdaliensi“, also als „Edelmann und Fürst von Susdal“ ansprach. Inhalt des Sendschreibens ist ein Angebot an Alexander, sich, dem Beispiel seines verstorbenen Vaters Jaroslaw folgend, der römisch-katholischen Kirche anzuschließen und sich im bevorstehenden Kampf gegen das Mongolenheer an den Deutschherren-Orden in Litauen um Hilfe zu wenden. Gemeinsam und mit Gottes Hilfe, so der Heilige Vater, werde man sich den Tataren mannhaft entgegenstellen.

Alexander Newskij gilt als grimmig-unversöhnlicher Verteidiger der Rechtgläubigkeit und zählt nicht von ungefähr zu den großen Heiligen der russischen Orthodoxie. Doch schon ein gutes halbes Jahr später, am 15. September 1248, trifft aus dem Vatikan eine weitere Botschaft ein, aus der sich rückschließen läßt, daß die erste Bulle zumindest nicht ablehnend beantwortet wurde. Hier schreibt nämlich Innozenz IV an „Alexandro, illustri regi Nougardiae“, also an den „erlauchten Herrscher von Nowgorod“: „Du hast mit jeglichem Eifer darum gebeten, Dich als Glied zum einen Haupt der Kirche kraft aufrichtigen Gehorsams aufzunehmen, als dessen Zeichen Du vorschlugst, in Deiner Stadt Pleskau (Pskow) eine Kirche für die Lateiner zu errichten.“

Innozenz IV

Innozenz IV

Der Streit darüber, ob die Bullen tatsächlich an Alexander Newskij gerichtet waren und wie ggf. seine tatsächlichen Reaktionen darauf aussahen, hält unter den russischen Historikern an. Gesichert ist allerdings, daß der Großfürst in jenem heute so fernen Jahr nur selten in seinem Reich weilte, weil er in die Hauptstadt der Mongolen, nach Karakorum, gereist war, um sich dort die Wladimirer Fürstenwürde bestätigen und die Herrschaftsinsignien überreichen zu lassen. In seiner Vita heißt es, zwei römische Kardinäle hätten ihm die Botschaft des Papstes überbracht. Doch Alexander soll das Angebot, sich Rom anzuschließen, barsch mit den Worten zurückgewiesen haben: „Von Euch nehmen wir keine Belehrungen an.“

Alexander Newskij

Alexander Newskij

Wir wissen nicht, wie sich die Geschichte des russischen Reiches entwickelt hätte, wäre Alexander Newskij auf das Angebot aus dem Vatikan eingegangen. Klar ist nur, der Großfürst hat es vorgezogen, einen Pakt mit den Mongolen einzugehen, um seine Macht von Gnaden der Eroberer zu erhalten. Und er hat einen Ton im Umgang mit dem Westen und dessen „Belehrungen“ vorgegeben, der noch heute gern angeschlagen wird. Vielleicht ein jahrhundertelanges Mißverständnis, auf jeden Fall bis heute ungeklärt und strittig, wenn es um die Position von Rußland gegenüber Osten und Westen geht, wenn alle bisherigen Versuche scheiterten, das Schisma von 1054 zu überwinden. Schade, jammerschade, denn den Schaden tragen wir alle noch in uns. Geschichte vergeht eben nicht, sie lebt fort. Im Guten wie im Schlechten.

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Der 750. Todestag von Alexander Jaroslawitsch, 1252 bis 1263 Großfürst von Wladimir, nach seinem Sieg über die Schweden an der Newa mit dem Beinamen Newskij geschmückt, läßt in der Partnerstadt alle Kirchenglocken läuten. Dem von der russisch-orthodoxen Kirche 1547 heiliggesprochenen Herrscher des Mittelalters sind Prozessionen gewidmet, Gottesdienste, Gedenkfeiern, denn Alexander Newskij ist, wie es ein Journalist ausdrückt „alles für die Region Wladimir“. Viele hatten deshalb zu dem besonderen Anlaß für gestern oder heute auch mit dem Besuch von Patriarch Kirill gerechnet. Auf ihn wird man noch warten müssen, die Gläubigen werden auf das nächste Jahr vertröstet, wenn das Erzbistum sein eigenes rundes Jubiläum feiert, das neunhundertjährige.

Alexander-Newskij-Büste vor der Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche in Worscha

Alexander-Newskij-Büste vor der Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche in Worscha

Trost finden die Rechtgläubigen freilich in Gestalt einer ganz außergewöhnlichen Ikone, die eigens aus dem Kirchdorf Worscha, etwa 30 km in Richtung Moskau gelegen, nach Wladimir gebracht wurde. Die denkwürdige Bewandtnis dieses Kultobjektes, das der Überlieferung nach eine Reliquie von Alexander Newskij in sich trägt, soll uns heute  besonders interessieren. Die geschnitzte Figur, für die orthodoxe Ikonographie gänzlich ungewöhnlich, ist mannshoch und stellt den Großfürsten als Mönch dar, angetan mit einer Schima, also einem Skapulier, das – wenn nicht erst auf dem Sterbebett – nur Ordensleute tragen dürfen, die ein außergewöhnlich gottgefälliges Leben führen. Um diese Devotionalie rankt sich eine Legende, die mit der von Peter I befohlenen Überführung der sterblichen Überreste Alexanders von Wladimir nach Sankt Petersburg in Zusammenhang steht.

Alexander-Newskij-Ikone aus Worscha

Alexander-Newskij-Ikone aus Worscha

Am ersten Tag der Aktion, so heißt es, sei die Prozession anno 1723 von der Mariä-Geburts-Kirche aus, wo Alexander Newskij beigesetzt war, nicht einmal aus Wladimir herausgekommen. Es war, als sollte es nicht sein, als wollte Wladimir die Reliquie nicht herausgeben, als sträube sich der Heilige selbst, den Weg aus seinem Fürstentum in die neue Hauptstadt nehmen zu müssen. So verwundert es nicht, wenn anderntags die Überführung schon wieder ins Stocken geriet: Die Brücke über die Worscha war beim gleichnamigen Kirchdorf eingebrochen, kurz bevor sich ihr die Prozession näherte. Zur Erinnerung an diesen Vorfall wurde die Figur aus Zypressenholz in Auftrag gegeben. Aufgestellt wurde sie dann in der Heiligen-Dreifaltigkeits-Kirche zu Worscha, wo es fortan immer wieder zu Heilungswundern gekommen sein soll. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als die sogenannten Gottlosen, die ideologischen Bluthunde der Diktatur des Proletariats, noch das Sagen hatten, wurde die Kirche zerstört und geschlossen, doch der Gemeinde gelang es, die Heiligenstatue zu retten und vor den wütenden Bilderstürmern zu verbergen. Einer der Schänder soll aber noch – vergeblich – versucht haben, dem geschnitzten Heiligen einen Arm abzureißen. Für den Frevel, heißt es, habe der aber teuer bezahlt, denn von der Front sei der Ikonoklast mit nur einem Arm zurückgekommen.

Alexander-Newskij-Denkmal bei Pskow

Alexander-Newskij-Denkmal bei Pskow

Aus dem Alexander-Newskij-Kloster in Sankt Petersburg wird es keine Rückkehr mehr nach Wladimir geben, aber eine kleine Reliquie soll ja auch in der Holzfigur aus Worscha enthalten sein. Und immerhin ist die jetzt in die einstige Hauptstadt der Rus gekommen. Ob sie da auch Wunder gewirkt hat, ist nicht überliefert. Aber das ist ohnehin Glaubenssache. Und wer es darauf ankommen lassen will, muß sich eben bequemen, die paar Kilometer bis Worscha zu pilgern.

Mehr zu der gar nicht unumstrittenen Bedeutung von Alexander Newskij hier im Blog unter: http://is.gd/9XzDoc und http://is.gd/TjtK55

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Vor genau 775 Jahren ist Wladimir gefallen. Am 7. Februar 1238 nahm das Heer von Batu dem Prächtigen, einem Enkel des Dschingis Khan, nach nur fünftägiger Belagerung die Hauptstadt der Rus ein. Susdal hatte sich bereits am 5. Februar ohne große Gegenwehr ergeben. Mit Ausnahme von Nowgorod eroberte der Mongolenherrscher alle weiteren Städte der russischen Fürstentümer und drang darauf weit bis Ungarn und Polen vor. Für die nächsten zweieinhalb Jahrhunderte verblieb Rußland unter dem Tatarenjoch, das erst Iwan der Schreckliche endgültig abschüttelte.

Der Mongolensturm.

Der Mongolensturm.

Wladimir verlor seinen Status als Hauptstadt der Rus an das aufstrebende Moskau, büßte seine Rolle als Machtzentrum ein, wenn auch die Moskauer Großfürsten noch bis zum Ende der Rjurikiden-Dynastie zur Krönung an die Kljasma kamen. Die Folgen der Belagerung mit all den Toten und Verwundeten, mit all den Zerstörungen sind heute dank dem Panoramabild im Goldenen Tor gut zu sehen. Eine Chronik berichtet, der Sturm der Eroberer sei von Westen gekommen, und am späten Vormittag des 7. Februar sei die der Einmarsch mit Feuer und Schwert erfolgt. Bischof Mitrofan rief die Bevölkerung in die Muttergottes-Kirche in die Altstadt, während die Fürstenbrüder Wsewolod und Mstislaw Jurjewitsch die Eroberer mit Geschenken gnädig stimmen wollten. Vergebens. Die Kirche wurde in Brand gesteckt – mit den dort Schutz suchenden Russen. Kaum jemand überlebte. Am eindrucksvollsten ersteht diese versunkene Zeit in all ihrer Grausamkeit wieder auf in dem Spielfilm „Andrej Rubljow“, von Andrej Tarkowskij 1969 an Originalschauplätzen gedreht.

Mehr dazu unter: http://is.gd/MFScQk

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Denkmalschützer und Historiker in Wladimir sorgen sich um den Befestigungswall, ein Zeugnis mittelalterlichen Städtebaus, wie es nur noch selten in russischen Städten anzutreffen ist. Wildes Parken am Fuß des Erdwalls, das Fehlen einer Drainage, vor allem aber das unerlaubte Befahren mit Geländewagen und dem daraus folgenden Verlust der schützenden Grasnarbe setzen dem Baudenkmal derart zu, daß es vom Regen ausgewaschen zu werden und ins Rutschen zu geraten droht. In jedem Fall, so Museumsdirektorin Swetlana Melnikowa in einem TV-Interview, entspreche die Bedeutung dieser aufgeschütteten „Stadtmauer“ keinesfalls den fehlenden Bemühungen um ihren Erhalt.

Befestigungswall Wladimir mit Goldenem Tor

Erbaut im 12. Jahrhundert unter Andrej Bogoljubskij als Bollwerk gegen die verfeindeten Fürstentümer der Rus mit einem Umfang von fast sieben Kilometern, hielt der Wall 1238 die Mongolen immerhin neun Tage lang vom Sturm der Stadt ab, bis sie am zehnten Tag dann doch unter der Übermacht der Angreifer fiel und in der Folge ihre Bedeutung als Hauptstadt an Moskau verlor. Von den einst fünf Wach- und Durchfahrtstoren ist nur noch das Goldene Tor erhalten, an dessen östlicher Seite sich heute der letzte Rest des Walls hinzieht bis zum Museum „Altes Wladimir“.

Befestigungswall Wladimir

Schon einmal übrigens drohte Wladimirs Befestigung der endgültige Verfall. Im 19. Jahrhundert nämlich nutzte man die Hänge als Schutt- und Müllkippe. Einem heute weitgehend vergessenen Kaufmann und Mäzen namens Nikolaj Borowezkij, der offenbar viel Zeit und Geld dafür aufwenden mußte, ist es zu verdanken, wenn heute zumindest noch Reste des Walls erhalten sind. Im Juni 1941 gab es dann noch einen Anlauf des Stadtsowjets, die Anlage in ihrem Bestand zu sichern, doch zwei Tage nach der Initiative überfielen die Hitler-Truppen die UdSSR. Lange darf man nach Ansicht der Fachleute jetzt aber nicht mehr  mit den Instandhaltungsmaßnahmen warten – beginnend mit einer Absperrung und der Wiederbegrünung -, wenn man nicht endgültig verlieren will, was noch erhalten ist von dem einst mächtigsten Befestigungswall der Alten Rus.

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