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Posts Tagged ‘Russisch-orthodoxe Kirche’


Den Umstand, daß ein Polizist sich kürzlich zum Priester weihen ließ, nahm Nikolaj Liwschiz, Chefredakteur der Online-Zeitung „Prisyw“, zum Anlaß, einem zu recherchieren, welche Berufswahl dem russisch-orthodoxen Klerus erlaubt ist, der ja nicht, wie hierzulande, die Absicherung durch die Kirchensteuer genießt. Tatsächlich gibt in der Kanzlei der Wladimirer Erzdiözese zu diesem Behufe ein Papier, das bereits im Vorjahr mit dem etwas sperrigen Arbeitstitel „Berufe, die vereinbar und unvereinbar sind mit dem Priestertum“ diskutiert wurde. Kategorisch ausgeschlossen ist demnach für einen Kirchenmann etwa eine Karriere als Schauspieler, Militärangehöriger oder Staatsdiener. Eher säuerlich äußert sich das Manifest gegenüber dem Unternehmertum. Es gilt zwar als eher anrüchig, aber wenn es nicht zu Lasten der Spiritualität gehe, könne man es – in Gottes Namen! – durchaus betreiben. Allerdings nicht im Bereich von Banken und Versicherungen, die zu den Tabuzonen zählen. Ganz anders die Medizin, in der man sich mit dem Segen des Bischofs betätigen kann, „wenn die Arbeit als Arzt oder Krankenpfleger gute Früchte trägt“. Ein Metier, das freilich so seine Gefahren birgt, denn sollte ein ärztlicher Fehler zum Tod eines Patienten und damit auch zu einer Anklage und Verurteilung wegen fahrlässiger Tötung führen, ziehe das auch den Verlust des geistlichen Amtes nach sich. Noch sind die Regeln nicht verabschiedet, in den Gemeinden diskutiert man den Kanon noch. Gänzlich unvereinbar mit dem Dienst in der Kirche sind aber auch Aktivitäten im halbseidenen Milieu der Bars und Kasinos sowie einschlägig übelbeleumundeter Lasterhöhlen.

P. Innokentij und Oleg Wladimirow am Grab von Oleg Popow in Egloffstein, Juli 2019

Unbeanstandet hingegen läßt der spirituelle Knigge das kreative Schaffen – von der Journalistik bis zur Kunst. Immerhin wurde in diesem Jahr Bischof Innokentij von Alexandrow und Jurjew-Polskij in der Region Wladimir zum Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Künste ernannt. Und, wie kürzlich hier im Blog berichtet, bereitet der Photograph und Graphiker im Dienst des Herrn für 2021 seine dann schon dritte Ausstellung im Rahmen der Städtepartnerschaft vor. Ganz im Geiste eines Wandermönchs wie Andrej Rubljow, der ja auch ein Künstler in der Kutte war. Beides natürlich – damals wie heute – nur für Gottes Lohn.

Siehe dazu auch: http://www.facebook.com/peter.steger.5492

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Hierzulande gibt es das Amt schon lange nicht mehr, das einst Quasimodo so erschütternd innehatte und das heutzutage per Knopfdruck erledigt wird. Doch in der orthodoxen Christenheit lebt die hohe Kunst des Glockenspiels weiter und wird auch in der Partnerstadt gepflegt. Mehr noch, seit Oktober vergangenen Jahres gibt es in der Erzdiözese Wladimir sogar eine Glöcknerschule, wo man das Läutwerk in Theorie und Praxis erlernen kann.

Unterricht und Prüfung
Unterricht und Prüfung

Unterricht und Prüfung mit Walerij Garanin

Für die Qualität der Ausbildung steht ein Name: Walerij Garanin, der 1985 die Fachhochschule für Musik in Wladimir als „Dirigent eines russischen Volkschores“ abschloß und bereits ein Jahr später im Susdaler Museumskomplex die Glocken läutete. Heute ist der Musiker im ganzen Land mit seiner Kunst unterwegs, wenn er nicht gerade in Wladimir Unterricht hält oder Prüfungen abnimmt.

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Ernennungsurkunde für das Glöckneramt

Die ersten zehn Prüflinge hatten bereits Ende 2018 bestanden, seit Februar d.J. lief nun der zweite Kurs mit fünfzehn Teilnehmern, darunter auch Frauen, aus der ganzen Region. Am 7. April, zum Fest der Verkündigung des Herrn, wurden beim Hochamt mit Erzbischof Tichon von Wladimir und Susdal in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale die Ernennungsurkunden überreicht.

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Erzbischof Tichon beim Festgottesdienst

Am 4. Oktober 2012 hatte der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche unter Vorsitz von Patriarch Kirill den Glöcknerdienst ins Leben gerufen. Nun kommt er auch in Wladimir zu Amt und Würden.

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Überreichung der Urkunden

Hierzu gibt es auch eine kleine TV-Reportage, die auch einen Höreindruck vermittelt. https://is.gd/hcNPqz

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Seit gestern ist das an Schismen wahrlich nicht arme Christentum um eine Abspaltung reicher, die freilich ihrerseits nur dank einer Einigung möglich wurde. Die seit 1921 bzw. 1992 vom Moskauer Patriarchat losgelöste autokephale und ukrainisch-orthodoxe Kirche schlossen sich Mitte Dezember zusammen und erhielten nun von Patriarch Bartholomäus, dem Primus inter pares der orthodoxen Christenheit, in Byzanz, alias Konstantinopel oder Istanbul, den Segen zu ihrer kirchlichen Unabhängigkeit.

Theologisch läßt sich diese Trennung von dem, was zusammengehört, nicht erklären. Auch wenn jetzt – sicher, wie das Amen in der Kirche – ein gegenseitiges Anathema auf den nächsten Bannstrahl treffen dürfte, handelt es sich doch einzig um einen politischen Streit, ausgelöst durch die Tragödie um die Krim und den anhaltenden Krieg in der Ostukraine, wo nicht einmal der vereinbarte Waffenstillstand über Weihnachten hält. Noch gar nicht abzusehen, was da mutwillig an seelischem und körperlichem Leid – mutmaßlich nicht in Christi Namen – angerichtet wird: Kiew, die Mutter aller russischen Städte, sagt sich von ihren Kindern los. Ein Familiendrama vor den Augen der Welt.

Dennoch, heute begehen die Gläubigen der Ostkirche den Heiligen Abend, und morgen feiern sie Weihnachten. In Wladimir zumindest das, wovon wir hierzulande immer nur träumen, ein weißes Weihnachten, zu dem der Blog nur den Frieden des Himmels wünschen kann.

Wie schön die weiße Pracht in der Partnerstadt derzeit ist, zeigen einige Bilder von Sergej Skuratow und Wladimir Tschutschadejew.

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Nach 28 Jahren im Amt verabschiedete sich gestern in der Mariä-Entschlafens-Kathedrale Erzbischof Jewlogij in den Ruhestand. Der Heilige Synod würdigte den Geistlichen als jemanden, dem es gelungen sei, die Entwicklung des kirchlichen Lebens in alle Richtungen zu lenken, die Zahl der Gemeinden und Priester sowie der Ordensleute zu erhöhen und einen konstruktiven Dialog mit der Öffentlichkeit und der Politik zu führen. Der promovierte Theologe trägt seit dem 14. Jahrhundert, als dieses Amt nach Moskau verlegt wurde, als erster wieder den Titel eines Metropoliten.

Florian Janik, Sergej Sacharow und Erzbischof Jewlogij, 8. Mai 2015

Bereits 2012, mit 75 Jahren, hatte sich Erzbischof Jewlogij ins Kloster zurückziehen wollen, doch der Heilige Synod bat ihn, im Amt zu bleiben. Aus Sicht der Städtepartnerschaft ist dem Kirchenmann nur zu danken. Er begleitete stets wohlwollend den Wiederaufbau der katholischen Rosenkranzgemeinde und gab auch dem Projekt des Pilgerzentrums seinen Segen. Wenn die Region Wladimir wenn schon nicht vom Geist der Ökumene, so doch von einem Klima der gegenseitigen Hochachtung der Konfessionen und Religionen geprägt ist, darf das wesentlich dem auf Ausgleich und Verständigung bedachten Wirken des kontemplativ gestimmten Seelenhirten angerechnet werden.

Generalvikar Warfolomej, Erzbischof Jewlogij Smirnow, Erzbischof Ludwig Schick und Pfarrer Markus Günther, 12. August 2012

Im Amt folgt Jewlogij nun Tichon, 1948 in Woronesch geboren und mit Unterbrechungen seit 1990 Erzbischof von Nowosibirsk und Berdsk, wo es ihm, ebenso wie Jewlogij in Wladimir, gelang, das kirchliche Leben wiedererstehen zu lassen. Was es bedeuten kann für seinen Glauben einzustehen, weiß der 1981 in Moskau zum Priester geweihte Pater aus der Geschichte der eigenen Familie: Sein Großvater wurde 1931 erschossen, weil er sich offen und aktiv zu seiner Gemeinde bekannt hatte. Aber Erzbischof Tichon versteht auch, für die Sache der Orthodoxie zu kämpfen. Auf seine Anzeige hin wurde 2015 in Nowosibirsk eine Tannhäuser-Inszenierung wegen „Verletzung der religiösen Gefühle von Gläubigen und Gotteslästerung“ abgesetzt und der Intendant des Theaters entlassen, worüber seinerzeit die FAZ ausführlich berichtete: https://is.gd/j1enJg

Erzbischof Tichon Jemeljanow

Erzbischof Tichon ist nun gutes Gelingen an seiner neuen Wirkungsstätte zu wünschen, wo freilich auch große Herausforderungen warten, etwa die Rückführung von bisher noch museal genutzten Gotteshäusern und Klöstern der Region Wladimir in den Besitz und in die Verantwortung der Kirche. Da wird viel Verhandlungsgeschick vonnöten sein.

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Die Freude an der gestrigen Museumsnacht verdüsterte ein Streit, der in der russischen Partnerstadt derzeit auf offener Bühne ausgetragen wird. Es geht um den gesetzlich verbürgten und nun von der Erzdiözese eingeforderten Anspruch auf Rückübereignung von Gotteshäusern, die sich bisher noch in staatlichem Besitz befinden und für weltliche Zwecke genutzt werden. In der Region Wladimir sind davon acht Objekte betroffen, die bisher dem Landesmuseum für Ausstellungen zur Verfügung standen, darunter auch das Goldene Tor, das Wahrzeichen der einstigen Hauptstadt der Rus mit seiner kleinen Turmkapelle, in dem heute das Panorama des Mongolensturms und eine Waffensammlung zu sehen sind.

Ausschnitt aus dem Panorama im Goldenen Tor

Die Aufregung ist verständlicherweise groß: Das Museum fürchtet um zentrale Einrichtungen und Flächen, die man in jahrzehntelanger Arbeit renoviert, gestaltet und mit berechtigtem Stolz präsentiert hatte. Wohin mit all den Exponaten, wo die vielen Ausstellungen unterbringen? Man wird am Ende wohl Kompromisse für eine Doppelnutzung finden müssen, wie er sich bereits für das Goldene Tor abzeichnet, wo die Kirche tatsächlich nur die Kapelle für sich beansprucht, keineswegs das ganze Gebäude, das zum UNESCO-Kulturerbe zählt. Kompromisse, wie man sie andernorts auf der Welt längst kennt, wenn etwa ein Dom für die Touristen während eines Gottesdienstes geschlossen bleibt, ansonsten aber durchaus als Monument der Geschichte zur Besichtigung offensteht. Ein Vierteljahrhundert nach den sieben Jahrzehnten der staatlich verordneten Gottlosigkeit holt die russische Gesellschaft das Erbe des Atheismus ein. Die Vergangenheitsbewältigung hat gerade erst begonnen, und die Unterscheidung der Geister ist fürwahr desto schwieriger, je näher man ihr kommt.

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Seit 2006 forscht Tobias Köllner zum Verhältnis zwischen Unternehmertum und Orthodoxie und hat sich für seine ethnologischen Feldstudien Wladimir ausgewählt (s. https://is.gd/dIfyKl). Der Leiter des DFG-geförderten Projekts „Die Wechselwirkungen zwischen der Orthodoxie und der Politik im zeitgenössischen Rußland“ an der Universität Magdeburg konnte Anfang Dezember im Erlangen-Haus seinen Aufenthalt vor Ort mit dem Fazit abschließen, nun genug Stoff für weitere Publikationen und sogar eine Habitilation gesammelt zu haben. Was freilich nicht bedeutet, damit sei er zum letzten Mal in Wladimir gewesen… Lesen Sie aber nun heute den zweiten und letzten Teil eines Interviews der Deutschen Welle mit dem Wissenschaftler zu den wichtigsten Ergebnissen seiner Arbeit:

Tobias Köllner im Erlangen-Haus

Tobias Köllner im Erlangen-Haus

5. Was denken Sie, warum nicht nur Abgeordnete, sondern auch Unternehmer für die orthodoxe Kirche spenden?

Das hängt damit zusammen, daß die Förderung der russisch-orthodoxen Kirche häufig eine klare politische Priorität genießt. Aus diesem Grund wird von bekannten russischen Unternehmern – genauso wie von bekannten Abgeordneten – erwartet, sich für dieses staatliche Projekt einzusetzen. Es geschieht also mitunter aufgrund des Drucks von oben. Wer sich diesem Druck widersetzt, kann nicht auf lukrative Staatsaufträge hoffen und bekommt Probleme in Form von Steuer- oder Hygieneinspektionen. Andererseits ist aber auch ein eigener Wille dafür entscheidend. Das heißt, zum Teil sind eigene religiöse oder moralische Überzeugungen von Bedeutung. Wichtig ist zudem der eigene Ehrgeiz, da die Mitwirkung an bekannten Bauprojekten zu einer stärkeren öffentlichen Wahrnehmung führt. Das erhöht für den Fall von politischen Ambitionen die Beliebtheit in der Bevölkerung – weil die Russisch-Orthodoxe Kirche ein hohes Ansehen genießt –, und andererseits erhöht sie häufig das Ansehen in Verwaltung und Politik.

6. Wie schätzen die Priester solche Spenden selbst?

Priester schätzen die Spenden häufig ambivalent ein. Einerseits sind sie natürlich dankbar für diese Zuwendungen und betonen deren Bedeutung. Damit wird das Wiedererstarken der russisch-orthodoxen Kirche möglich und ihre Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit erhöht. Andererseits kritisieren sie diese Spenden aber auch, da sie diese als Buße für vorherige Sünden interpretieren. Je größer also die Spende, desto größer auch die vorherige Sünde. Meistens gehen die Priester aber pragmatisch mit Spenden um und vermeiden zu harsche Kritik an den Mäzenen. Einer der von mir befragten Priester äußerte sich dazu, indem er zwei russische Sprichwörter verband: „Man kann nicht leben, ohne zu sündigen, und wenn man nicht sündigt, kann man nichts bereuen“. Die meisten Priester würden nicht so weit gehen, aber manche tun es eben doch.

7. So funktioniert das ganze System der orthodoxen Kirche, oder sind das sind nur einzelne Beispiele?

Die Idee meiner Forschung war es, anhand von sehr detaillierten Informationen über relativ wenige Personen neue und fundierte Erkenntnisse zu sammeln. Von daher bin ich zurückhaltend und vermeide Generalisierung über die gesamte russisch-orthodoxe Kirche. Aufgrund meiner Erfahrungen denke ich aber, sagen zu können, daß meine Erkenntnisse mindestens für den europäischen Teil des Landes gelten, wo ethnische Russen die relative Mehrheit stellen. Es sind also nicht nur Einzelbeispiele, sondern eher Typen, die ich aus meiner Forschung abgeleitet habe. Anhand der Einzelbeispiele versuche ich, einen Typus zu verdeutlichen.

8. Und das passiert nur in Rußland?

Nein, sicher nicht. Wenn es möglich war, habe ich meine Erkenntnisse mit anderen Ländern und anderen historischen Epochen verglichen. Zum einen sind das die Länder, einst auch ein Teil der Sowjetunion oder dem Ostblock angehörig. Nicht ohne Grund spricht man deshalb vom Postsozialismus, weil die Nachwirkungen des Systems und der folgenden Umbrüche bis heute eine Relevanz haben. Naheliegend ist aber auch der Vergleich zu anderen Ländern, wo die orthodoxe Religion dominiert. Dabei wurde zum Beispiel deutlich, daß die Idee der symphonia – einer harmonischen und gleichberechtigten Beziehung zwischen Staat und Kirche, die sich angeblich aus der byzantinischen Zeit ableiten lasse und der bis heute eine hohe Bedeutung zugemessen wird – in der Praxis weder in Byzanz, noch in Rußland oder einem anderen orthodox geprägten Staat funktioniert hat. Vielmehr handelt es sich dabei um ein Ideal, welches angestrebt wird. Weitere Vergleichsmöglichkeiten bieten andere Religionen, aber auch autoritäre Herrschaftsstrukturen wie sie in Polen oder Ungarn zu finden sind.

9. Beobachten Sie auch das Phänomen der orthodoxen Aktivisten? Wie können diese Aktivisten große Macht in einem säkularen Staat wie Rußland haben?

Ja, auch die Aktivitäten von orthodoxen Aktivisten habe ich beobachtet. Deshalb hatte ich auch am Anfang auf die Unterscheidung zwischen orthodoxer Kirche und orthodoxer Konfession hingewiesen. Allerdings sind orthodoxe Aktivisten nicht besonders prominent in meinen Publikationen vertreten, da sie kein Mehrheitsphänomen darstellen. Das kann sich aber auch schnell ändern, wie man in Deutschland sieht. Dort haben Bewegungen wie „Pegida“, die sich als Verteidiger des christlichen Abendlandes darstellen und sich durch eine Islamfeindlichkeit auszeichnen, viele Anhänger gefunden. Durch die Flüchtlingskrise konnte sich diese Bewegung, die vorher ein Randphänomen war, in breiten Bevölkerungsschichten verankern und in eine politische Partei („Alternative für Deutschland“, AfD) umwandeln. Dadurch entsteht ein Druck auf die etablierten Parteien, die dann diese Randpositionen teilweise aufgreifen, womit diese Eingang in die Politik eines säkularen Staates finden.

Da kann man nur mit Gary Shteyngardts Helden Wladimir aus dem Roman „Handbuch für den russischen Debütanten“ die „unerschütterliche Hoffnung des Russen“ teilen, „daß der liebe Gott aus Zerstörung Neues erschaffen wird“.

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Während die Katholiken heute den “Weißen Sonntag” feiern, rufen die orthodoxen Christen einander seit dem frühen Morgen „Христос воскрес! – Christ ist erstanden!“ zu und erhalten zur Antwort: „Во истину воскрес!“ – „Wahrlich ist er erstanden!“

Christ ist erstanden!

Christ ist erstanden.

Das orthodoxe Ostern – heuer wegen des im Osten geltenden julianischen Kalenders eine Woche später als in der Westkirche – ist das zentrale Fest für die rechtgläubigen Christen, wichtiger noch als Weihnachten. Erst in Tod und Auferstehung ist nämlich für die Gläubigen die Zweipersonenlehre erfahrbar: Jesus als sterblicher Mensch und als auferstandener Gottessohn. Erst in Tod und Auferstehung hat er die Menschen von der Macht des Todes und der Schuld der Sünde befreit. Oder, wie es der in Erlangen nicht unbekannte Philosoph Ludwig Feuerbach sagte: “Das Grab ist die Geburtsstätte der Religion.”

Christ ist erstanden.

Christ ist erstanden!

Ostern vorausgegangen ist das strengste und längste Fasten im Kirchenjahr. Sieben Wochen dauert die Enthaltsamkeit gegenüber den Verlockungen der Fleischeslust: keinerlei tierische Produkte, nicht einmal in Gedanken und Worten soll man diese “verbotenen Früchte” kosten. Schon die Butterwoche, also der russische Karneval, stellt die Diät radikal um, und noch der Festtisch zu Ostern verrät, daß man dem Organismus nicht gleich wieder mit schwerer fleischlicher Kost kommen sollte. Bei aller Fülle, die der russische Ostertisch bietet, regt er mehr zum Probieren als zur Völlerei an. Sicherlich aus jahrhundertealter Erfahrung vernünftig und aus ernährungsphysiologischer Sicht richtig. Vegetarier wie Lew Tolstoj, der übrigens wegen seiner Kirchenkritik im Roman “Auferstehung” exkommuniziert wurde, fragen sich da allerdings, warum überhaupt zu den Fleischtöpfen zurückkehren, wo doch auch die Fastenspeisen Leib und Seele nahr- und schmackhaft zusammenhalten.

Kulitsch

Kulitsch

Der Osterkuchen (Kulitsch) dominiert den Festtisch. Es handelt sich dabei um ein besonderes Feiertagsbrot aus Hefeteig mit viel Sahne, Eiern und Zucker. Wenn der Kulitsch gelungen ist – was gar nicht so selbstverständlich ist -, geht es dem ganzen Hausstand gut, glaubt man. Nur die besten Zutaten kommen in den Kulitsch, und jede Hausfrau schwört auf ihr eigenes Rezept, das über Generationen hinweg in der Familie überliefert wird. Früher machte man immer mehr Teig, als man selbst brauchte, weil es üblich war, in der “Hellen Woche” nach Ostern, wo sich die Freude über den Erstandenen so richtig ausleben darf, Nachbarn und Freunde zu besuchen und sie reichlich mit den Gaben der eigenen Küche zu beschenken. Um die Zubereitung des Kulitsch werden viele Geheimnisse gemacht. Damit er nicht vor der Zeit spröde und hart werde, bedarf es einer besonderen Aufmerksamkeit, die sich u.a. in der Vermeidung von Zugluft, Lärm, großen Temperaturunterschieden und vor allem von Eile und Hetze ausdrückt. Alles Dinge, die ja auch sonst weder der Küche noch der menschlichen Natur – und was wäre enger verbunden! – sonderlich zuträglich sind. Früher rührte man den Teig bereits in der Nacht von Gründonnerstag auf Karfreitag (“Reiner Donnerstag” und “Großer Freitag” in der russischen Orthodoxie genannt) an, buk ihn am Karfreitag und brachte ihn am Karsamstag zum Segnen in die Kirche. Da es sich beim Kulitsch um ein Festtagsbrot handelt, steckt er voller Köstlichkeiten wie Rosinen, Nüssen, Honig, Zitronat, Schokolade und feinster Gewürze wie Kardamon, Muskat, Zimt, Nelke und Vanille, manchmal sogar Cognac.

Kulitsch

Kulitsch

Besondere Bedeutung für den Kulitsch hat die Verzierung. Traditionsgemäß schmückt man das Osterbrot mit einem Kreuz oder den kyrillischen Buchstaben XB aus Rosinen oder Nüssen. XB steht dabei für “Христов воскрес”, also “Christ ist erstanden”. Eher diesseitig gesonnene Hände streuen auch einfach nur Puderzucker, Mohn oder viele bunte Smarties darauf.  Der Phantasie sind da keine Grenzen gesetzt.

Kulitsch

Kulitsch

Auf dem Ostertisch darf auch die Quarkspeise “Paßcha” nicht fehlen. Dieser russische Topfen wird ebenfalls großzügig mit Sahne, Eiern, Zucker und Butter angereichert. Und all die oben schon genannten leckeren Ingredienzien finden auch in der “Paßcha” freudige Aufnahme. Drei Arten von “Paßcha” gibt es, alle in etwa mit den gleichen Zutaten, aber unterschiedlich zubereitet: roh, gekocht und als Brandteig.

Ostergrüße aus Rußland

Ostergrüße aus Rußland

Roh ist er am einfachsten zuzubereiten, in den beiden anderen Aggregatszuständen hält er sich im Kühlschrank bis zu einer Woche und verträgt jede Menge Rosinen, die den Kulitsch im Rohzustand schnell säuerlich machen. Der Quark sollte von bester Qualität sein, frisch und trocken, auf jeden Fall ausgepreßt, um noch die letzte Feuchtigkeit herauszudrücken. Darauf muß er zwei Mal durch ein Sieb, und erst dann eignet sich die luftige Masse zur Zubereitung. Bei der Sahne nicht am Fettgehalt sparen, 30% dürfen es schon sein, und auch die Butter sollte erste Sahne sein, eben butterweich und formbar.  Die handverlesenen Rosinen waschen und trocknen, die Mandeln mit kochendem Wasser abgießen und nach 20 Minuten feinsäuberlich schälen und kleinhacken, kandierte Früchte und Zitronat kleinschneiden. All die duftenden Gewürze und Vanillezucker nicht vergessen, dann gelingt die Sache auch ohne große Übung und genaues Rezept. Experimentierfreude ist gefragt.

Paßcha

Paßcha

Traditionell schichtet man die Paßcha zu einer vierstöckigen Pyramide auf, was an Golgatha erinnern soll. Dafür gibt es in Rußland sogar eigene Holzförmchen mit vier Brettchen. Auf der Innenseite der Brettchen sollten wieder die Buchstaben “XB” eingraviert sein, es kann aber auch ein Kreuz, eine Lanze, ein Zweig oder ein Trieb sein, alles Symbole für die Passion und die Auferstehung.

Selbstgemachte Ostergaben

Selbstgemachte Ostergaben

Wie im Westen gehört auch im Osten der Christenheit das gefärbte oder bemalte Ei zum Osterfest. In Rußland verbindet man es mit einer Legende, wonach Maria Magdalena als Zeichen der Auferstehung Kaiser Tiberius ein Ei gebracht habe. Der Imperator zweifelte freilich an der Frohen Botschaft und meinte, ebensowenig wie aus einem weißen Ei ein rotes werde, verwandle sich ein toter Menschen in einen lebendigen. Doch siehe da, zur Beschämung des Heiden färbte sich das Ei in Marias Hand rot. Rot steht im Russischen im übrigen für alles Schöne, daher auch die eigentlich falsche Übersetzung des Roten Platzes in Moskau, der im Deutschen korrekt als Schöner Platz wiedergegeben werden müßte. Doch zurück zu den Eiern: Man färbt sie erst am Abend des Karsamstags – möglichst im Beisein und unter Mitwirkung der Kinder. In Rußland verwendet man gerne Naturfarben, die sich leicht aus Zwiebelschalen, Birken- und Apfelblättern, Efeu, Brennesseln, roten Rüben, Holunder, Blaubeeren oder Kamillenblüten herstellen lassen.

Weihe der Ostergaben

Weihe der Ostergaben

Wer sich bis hierher durchgelesen hat und noch nicht Hungers gestorben ist, sei belohnt mit einem moderat einfachen Rezept für den Kulitsch:

Zutaten: 1 Glas Milch; 25 g Hefe; 3 Eier; 70 g Butter, 100 g Rosinen, 100 g kandierte Früchte, 100 g Haselnüsse, Vanillezucker, eine Messerspitze Salz, 2 Gläser Mehl, 150 g Zucker.

Zuerst die Eier kühlen, denn so gibt es einen besseren Eischnee. Mehl und Salz sieben, Hefe mit warmer Milch verrühren und Zucker sowie die Hälfte des gesiebten Mehls zugeben.

Teig kneten, abdecken und zwei Stunden an einem warmen Ort gehen lassen. Dabei sicherstellen, daß er keine Zugluft erwischt.

Eiweiß und Eigelb getrennt – wie für einen Biskuitteig – schlagen, was den Kulitsch zarter und luftiger macht.

Geschlagenes Eiweiß und Eigelb zusammen mit dem restlichen Mehl und der fast geschmolzenen Butter in den aufgegangenen Teig geben und ihn glattkneten, dann wieder abdecken und nochmals aufgehen lassen. Der Teig muß eine Konsistenz erreichen, daß er beim Aufschneiden nicht am Messer kleben bleibt.

Dann die eingeweichten Rosinen, die kleingeschnittenen kandierten Früchte, die gehackten Haselnüsse, Vanillezucker und Kardamom zugeben und tüchtig vermischen. Die Backform mit Butter fetten und darauf Weizengrieß streuen. Den Teig dann so in die Form legen, daß er ein Drittel von ihr einnimmt, und wieder an einen warmen Ort stellen, wo der Teig ein drittes Mal aufgehen kann und oben mit einem Ei bestrichen wird.

Die Röhre auf 220°C vorwärmen und auf die unterste Stufe ein Blech mit Wasser stellen, darüber dann die Form mit dem Kulitsch eine Stunde lang backen lassen. Anschließend mit Puderzucker bestreuen oder mit einem Zuckerguß verzieren.

Guten Appetit und Frohe Ostern!

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Der 750. Todestag von Alexander Jaroslawitsch, 1252 bis 1263 Großfürst von Wladimir, nach seinem Sieg über die Schweden an der Newa mit dem Beinamen Newskij geschmückt, läßt in der Partnerstadt alle Kirchenglocken läuten. Dem von der russisch-orthodoxen Kirche 1547 heiliggesprochenen Herrscher des Mittelalters sind Prozessionen gewidmet, Gottesdienste, Gedenkfeiern, denn Alexander Newskij ist, wie es ein Journalist ausdrückt „alles für die Region Wladimir“. Viele hatten deshalb zu dem besonderen Anlaß für gestern oder heute auch mit dem Besuch von Patriarch Kirill gerechnet. Auf ihn wird man noch warten müssen, die Gläubigen werden auf das nächste Jahr vertröstet, wenn das Erzbistum sein eigenes rundes Jubiläum feiert, das neunhundertjährige.

Alexander-Newskij-Büste vor der Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche in Worscha

Alexander-Newskij-Büste vor der Heilige-Dreifaltigkeits-Kirche in Worscha

Trost finden die Rechtgläubigen freilich in Gestalt einer ganz außergewöhnlichen Ikone, die eigens aus dem Kirchdorf Worscha, etwa 30 km in Richtung Moskau gelegen, nach Wladimir gebracht wurde. Die denkwürdige Bewandtnis dieses Kultobjektes, das der Überlieferung nach eine Reliquie von Alexander Newskij in sich trägt, soll uns heute  besonders interessieren. Die geschnitzte Figur, für die orthodoxe Ikonographie gänzlich ungewöhnlich, ist mannshoch und stellt den Großfürsten als Mönch dar, angetan mit einer Schima, also einem Skapulier, das – wenn nicht erst auf dem Sterbebett – nur Ordensleute tragen dürfen, die ein außergewöhnlich gottgefälliges Leben führen. Um diese Devotionalie rankt sich eine Legende, die mit der von Peter I befohlenen Überführung der sterblichen Überreste Alexanders von Wladimir nach Sankt Petersburg in Zusammenhang steht.

Alexander-Newskij-Ikone aus Worscha

Alexander-Newskij-Ikone aus Worscha

Am ersten Tag der Aktion, so heißt es, sei die Prozession anno 1723 von der Mariä-Geburts-Kirche aus, wo Alexander Newskij beigesetzt war, nicht einmal aus Wladimir herausgekommen. Es war, als sollte es nicht sein, als wollte Wladimir die Reliquie nicht herausgeben, als sträube sich der Heilige selbst, den Weg aus seinem Fürstentum in die neue Hauptstadt nehmen zu müssen. So verwundert es nicht, wenn anderntags die Überführung schon wieder ins Stocken geriet: Die Brücke über die Worscha war beim gleichnamigen Kirchdorf eingebrochen, kurz bevor sich ihr die Prozession näherte. Zur Erinnerung an diesen Vorfall wurde die Figur aus Zypressenholz in Auftrag gegeben. Aufgestellt wurde sie dann in der Heiligen-Dreifaltigkeits-Kirche zu Worscha, wo es fortan immer wieder zu Heilungswundern gekommen sein soll. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, als die sogenannten Gottlosen, die ideologischen Bluthunde der Diktatur des Proletariats, noch das Sagen hatten, wurde die Kirche zerstört und geschlossen, doch der Gemeinde gelang es, die Heiligenstatue zu retten und vor den wütenden Bilderstürmern zu verbergen. Einer der Schänder soll aber noch – vergeblich – versucht haben, dem geschnitzten Heiligen einen Arm abzureißen. Für den Frevel, heißt es, habe der aber teuer bezahlt, denn von der Front sei der Ikonoklast mit nur einem Arm zurückgekommen.

Alexander-Newskij-Denkmal bei Pskow

Alexander-Newskij-Denkmal bei Pskow

Aus dem Alexander-Newskij-Kloster in Sankt Petersburg wird es keine Rückkehr mehr nach Wladimir geben, aber eine kleine Reliquie soll ja auch in der Holzfigur aus Worscha enthalten sein. Und immerhin ist die jetzt in die einstige Hauptstadt der Rus gekommen. Ob sie da auch Wunder gewirkt hat, ist nicht überliefert. Aber das ist ohnehin Glaubenssache. Und wer es darauf ankommen lassen will, muß sich eben bequemen, die paar Kilometer bis Worscha zu pilgern.

Mehr zu der gar nicht unumstrittenen Bedeutung von Alexander Newskij hier im Blog unter: http://is.gd/9XzDoc und http://is.gd/TjtK55

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Von welch konfus-diffusem Geist das Frauenkloster in Bogoljubowo geleitet wird, war hier schon des öfteren ein höchst unerquickliches Thema. Da aber noch immer der aus dem Westen kommende und dem ökumenischen Gedanken verpflichtete Christenmensch das Heiligtum der Orthodoxie mit der Vorfreude auf erhebende Ikonenmalerei betritt und sich eingedenk der Vergreisung und Verwaisung der katholischen Ordenswelt – von den notorisch entleerten protestantischen Kirchen ganz zu schweigen – an der schieren Existenz der rechtgläubigen Nonnen aufrichtet, sei nochmals eindringlich gewarnt vor jeder vorauseilenden Sanktionierung der hier gepflegten monastischen Wesensart. Exempli gratia? Leider nichts leichter als das.

Als während des dreißigjährigen Partnerschaftsjubiläums Ende Mai die Stadl Harmonists bei der Besichtigung der Klosterkirche ad maiorem gloriam Dei einen Lobgesang anstimmten – wohlgemerkt und erkennbar auch für das ungeschulte Ohr keine fränkische Sauf- und Raufweise -, eilte schon bei den ersten Klängen eine dienstfertige Magd des Herrn herbei, um den verduzten Freunden der Harmonie das unziemliche Singen unmißverständlich zu untersagen. Der Leiter des Chors, Knut-Wulf Gradert, wahrhaft kein Verfechter des Kirchenkampfes, zeigte sich reuig, gab sich geschlagen, machte das Zeichen zum Abbruch – wenigstens mit einer Ahnung von der großartigen Akustik des Sakralbaus und in der kränkenden Gewißheit, daß es solche und andere Sakralmusik gibt, unsere und fremde.

Der Dämon, Illustration von Michail Wrubel zum gleichnamigen Poem von Michail Lermontow

Der Dämon, Illustration von Michail Wrubel zum gleichnamigen Poem von Michail Lermontow

So weit, so schlecht. Aber es kommt noch schlimmer: Eine Wladimirer Journalistin ließ sich unlängst von ihrer Neugier leiten und fragte im Kloster, das als UNESCO-Weltkulturerbe firmiert, nach, warum man „kostenloses Essen“ falsch geschrieben habe. Hierzu ist ein kurzer Exkurs in die form- und regelreiche Welt des Russischen notwendig: Die Verneinung von Adjektiven drückt man häufig mit „ohne“ oder „un“ aus, im Russischen „bes “ oder „bez“, je nach folgendem Konsonanten. Im gegebenen Fall wäre ein „bes“ richtig gewesen, doch zu lesen war da das falsche „bez“. Der geistliche Vater des Frauenkonvents gab, darauf angesprochen, zur Auskunft, man lehne überhaupt die Schreibweise „bes“ ab, denn dahinter verberge sich der „Dämon“. Die Besucherin meinte, sich verhört zu haben, aber der Mönch ließ keinen Zweifel am Ernst seiner Deutung aufkommen. Tatsächlich nämlich bedeutet „bes“ als Nomen, nicht als Präposition, „Dämon“. Doch die vermeintlich gleichen drei Buchstaben haben gar nichts miteinander zu  schaffen. Während die einen ganz unschuldig einfach nur die Absenz einer Eigenschaft anzeigen, leiten sich die anderen von einer baltischen Wurzel ab, die „Furcht“ bedeutet. Der Kleriker meint nun – und möchte alle anderen den gleichen Hinriß glauben machen – mit der Verwendung allein schon der Vorsilbe „bes“ biete man den unreinen Geistern die Möglichkeit, sich qua Schrift, Lektüre oder gesprochenes Wort ins Allerheiligste einzuschleichen und dortselbst die schlichten Geister zu verwirren. Dumm nur, daß sich „bes“ und „bez“ in ihrer stimmhaften oder stimmlosen Aussprache – gleich ob Vorsilbe oder Hauptwort – einzig nach dem darauffolgenden Konsonanten richten. Jedenfalls nicht nach des Popen dämonologisch-linguistischen volksetymologischen Polarisierung. Nicht ganz ohne also, diese verteufelte Sache.

Woche gegen Homophobie in Rußland

Woche gegen Homophobie in Rußland

Ein provinzielle Lachnummer aus dem Kabinett geistlicher Kleingeisterei? Mag sein. Doch mag man sich hierbei noch an den mehr oder weniger aufgeklärten Kopf greifen und ein wahrscheinlich unerhörtes Stoßgebet an die ebenso oft bemühte wie notorisch erfolglos agierende Sancta Simplizitas richten, so wähnt man sich endgültig im Tollhaus der Morallehre angekommen, wenn man hört, was Patriarch Kirill verkündet. Mit seiner russisch-orthodoxen Kirche hat er mittlerweile die Deutungshochheit über Sitte und Anstand im einstigen Land der Gottlosen erreicht, das noch immer auf der Suche nach einer staatstragenden Ideologie ist. Auf diesem Weg verirrt man sich schon einmal, auch wenn man glaubt, den richtigen Kurs eingeschlagen zu haben und den weltlichen Gesetzgeber an seiner Seite weiß. Kürzlich hat denn das Oberhaupt der Christen von Moskau und ganz Rußland jedenfalls ex cathedra postuliert, die Länder, in denen man die Homo-Ehe erlaube, seien dem Untergang geweiht, seien moralisch verfault, stünden vor dem demographischen Kollaps. Dieses längst vergessen geglaubte Vokabular des Kalten Krieges vom „verfaulenden Westen“ knüpft bewußt an die unseligen Zeiten an, als die an eine lichte Zukunft ihrer Ideologie glaubenden Kommunisten den so unbelehrbaren Knechten des Kapitals den baldigen Niedergang prophezeiten. Mit bekanntem Ausgang – oder sagen wir besser Zwischenergebnis der Geschichte.

Homophobie

Homophobie ist eine Krebsgeschwulst der Menschheit

Es ist kaum zu glauben, aber derlei irrwitziges Spülicht bewässert tatsächlich trübend das Denken von ansonsten durchaus intelligenten Menschen, wie vor gar nicht langer Zeit in einem Gespräch mit Studenten aus Wladimir festzustellen. So hell ihr Intellekt im Fachgebiet, so dunkel ihre Vorstellung von Homosexualität und der Relevanz von gleichgeschlechtlichen Ehen für die Reproduktion eines Volkes. Und dann Jelena Issinbajewa, die zwar höher springt als jede andere Frau der Welt, mit ihrem Verdikt gegenüber der schwedischen Konkurrentin bei der Leichtathletikweltmeisterschaften in Moskau, als Emma Green-Tregaro mit Fingernägeln antrat, deren Farbenpracht Solidarität mit gleichgeschlechtlich lebenden Menschen in Rußland ausdrücken wollte, aber einen geistigen Tiefflug hinlegte, indem sie meinte, damit  verhalte man sich als „nicht respektvoll gegenüber unseren Menschen und Sportlern“. „Wir Russen“, so die Stabhochspringerin weiter, „sind vielleicht anders als die Europäer, aber wir setzen unsere Regeln nicht über ihre“ und fügte hinzu: „Männer sollten Frauen lieben und umgekehrt. Dies ergibt sich aus der Geschichte.“ Es geht wahrlich nicht darum, den Russen in Mißachtung zu begegnen, aber man darf auch von den Russen Respekt und Toleranz gegenüber den eigenen Homosexuellen erwarten. Daran scheiden sich derzeit die Geister, deshalb feiert der Dämon fröhliche Urstände, und hier bauen sich ungeahnte Mauern auf zwischen Ost und West, die zu überwinden eine neue Herausforderung auch für die Städtepartnerschaft sein wird. Unbequem, aber notwendig für beide Seiten, wollen wir eine tiefgreifende Entfremdung vermeiden.

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Es war die Rote Armee, die am 27. Januar 1945 das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau befreite und einen unvorstellbaren Schrecken sichtbar machte – für Deutschland und die ganze Welt. Es waren Russen und Armenier, Ukrainer und Kasachen, Usbeken und Tschuwaschen, Georgier und Weißrussen, die Juden und „Zigeuner“, Kommunisten und Geistliche, Wehrdienstverweigerer und Homosexuelle vor der geplanten und schon fast abgeschlossenen Endlösung bewahrten. Ein Menschheitsverbrechen, bis dahin ungeahnten Ausmaßes, in letzter Instanz und Konsequenz verhindert durch den Vormarsch der Roten Armee. Auch wenn dieser Gedanke vielen bis heute nicht gefallen mag: Die Sowjetunion trug somit nicht nur wegen der eigenen Opfer die Hauptlast an der Befreiung der Opfer der Deutschen, die UdSSR befreite auch die Deutschen von sich selbst.

Rußland hat die Rechtsnachfolge der Sowjetunion angetreten. Ein Erbe, das bei allen diktatorischen Auswüchsen auch immer ein humanes und aufklärerisches Element in sich trug. Dieses Talent mag verschüttet gewesen sein unter den Trümmern der Tyrannei, aber ganz verloren ging es nie. Weder im Zweiten Weltkrieg, wo die faschistischen Todeslager befreit wurden, noch heute, wenn zum Beispiel eine Wladimirer Schule sich mit den Folgen des Holocaust beschäftigt, wenn Mitglieder von Memorial alljährlich an die Opfer des Stalinismus erinnern. 

Dieses Talent darf nicht länger vergraben bleiben, gerade nicht in diesen Tagen, wo die Duma dabei ist, ein Gesetz gegen „homosexuelle Propaganda“ zu verabschieden und damit homophobe Schlägertrupps, die ihr ideologisches Rüstzeug von der orthodoxen Kirche frei Haus geliefert bekommen, ermuntert gegen die mutmaßlichen Kinderschänder mit Gewalt vorzugehen. Wehret den Anfängen!

In dem Roman „Die Falle“ von Emmanuel Bove findet man den Satz „Wir Franzosen mögen uns noch so streiten, eines versöhnt uns auf der Stelle, nämlich die Anmaßung der Ausländer, sich in unsere Angelegenheiten zu mischen.“ Diese Sentenz gilt sicherlich für die Russen nicht minder. Dennoch gerade heute der Appell aus dem von Russen befreiten Deutschland an die Russen, sich selbst zu befreien, von einer Denk- und Handlungsweise, aus der ein im Internet kursierender Aufruf wie der folgende der „Rechtgläubigen Rus“ erwachsen kann:

Opfer der Homophoben vor der Duma.

Opfer der Homophoben vor der Duma.

Brüder, die Abgeordneten lassen uns nicht verschnaufen. Morgen behandeln sie wieder das Gesetzt gegen die Homosexuellenpropaganda. Die Homos haben schon angekündigt, wiederzukommen. In dem Zusammenhang schlagen wir folgenden Aktionsplan vor:

1. Kommt alle, wer immer kann. Wir brauchen Kämpfer, Leute, die in erster Linie zuschlagen können. Dieses Mal prügeln wir sie alle: Die Männer, solange sie noch auf den Beinen stehen, den Frauen polieren wir die Fresse.

2. Verzettelt euch nicht bei der Schlägerei. Schnappt euch diejenigen, die besser als ihr schlagen könnt, drängt sie ab, schlagt diejenigen, die jene schlagen.

3. Wenn ihr selber nicht zuschlagen könnt, nehmt Eier mit, Spritzen mit Sterlisierungsmittel, Ketchup, Knallfrösche mit Druckerfarbe. Fürchtet euch nicht, wenn die Päderasten euch angreifen, beschützen wir euch mit Gottes Hilfe!

4. Nehmt Video-Kameras mit und haltet fest, wenn wir als erste angegriffen werden.

5. Alle rechtgläubigen Brüder, die nicht kommen können, mögen für uns arme Sünder und die Staatsduma beten, damit Gott seine Erleuchtung schicke und ein möglichst strenges Gesetz zum Verbot homosexueller Propaganda verabschiedet werde!

6. Wer kommt, sollte sein Gesicht verbergen. Laßt euch nicht provozieren mit dem Vorwurf der Feigheit, posiert nicht vor den Kameras. Das sind Beweise. Unsere Sache ist es, so vielen wie möglich die Fresse zu polieren und die Aktion aufzulösen.

7. Fangt nicht an, Journalisten zu verprügeln. Laßt euch auf keinen Streit mit der Presse ein. Antwortet nur auf Fragen der Art: a) Wer seid ihr? – Das russiche Volk, Orthodoxe. b) Warum seid ihr hier? – Um Schweinekram vor Gott zu verhüten. Wir schützen unsere Kinder. Die Orthodoxie lehrt, die Homos zu schlagen. Wir sind hier, um die Abgeordneten zu unterstützen, die in sich die Kraft finden, FÜR die Annahme des Gesetzes gegen die homosexuelle Propaganda zu stimmen.

8. Ruft nicht „Tod den Kinderschändern!“ oder andere zwar richtige, aber provokante Parolen. Man würde sie gegen uns wenden und uns vorwerfen, es handle sich um keine spirituelle, sondern eine rein emotionale Aktion.

9. Wenn ihr zuerst angegriffen werdet, macht Hackfleisch aus ihnen, aus Männern wie Frauen! Sie müssen uns fürchten!  

Brüder! Mitstreiter! Wir werden die Kinderschänder zum Ruhme Gottes hinwegfegen. (Es folgen Angaben zu Zeit und Ort sowie der Hinweis darauf, daß der Server yandex die Botschaft wohl nicht an alle versandt habe. Dafür müsse yandex bestraft werden, andernfalls das Portal schon morgen „unseren Kindern Toleranz gegenüber den Homosexuellen“ beibringe. Russisches Original hier:  http://is.gd/i287bG 

Wenn es nicht überall auf der Welt gelingt, die Feinde der Toleranz und Menschlichkeit in ihre Schranken zu weisen, können morgen schon hier oder da Kleinwüchsige, Farbige, Migranten, Behinderte oder einfach nur unangepaßte Menschen Opfer solcher weniger blindwütigen als vielmehr vorausschauend und haarklein geplanter Attacken im Namen einer rechtgläubigen Ideologie werden. Nur wenn jenseits der heutigen Gedenkreden das Recht auf Anderssein im täglichen Miteinander gelebt werden darf und von Gesetzen geschützt wird, können wir sicher sein vor künftigen Konzentrationslagern. Ganz im Sinn des russisch-jüdischen Lyrikers Semjon Lipkin, der angesichts des KZ Dachau, wo auch Homosexuelle sterben mußten, in seinem 1968 entstandenen Gedicht „Gedenkstätte“ fragt: „In dem geräumigen Gebäude sind / die Öfen solide und streng erkaltet. / Sind sie die Vorboten künftiger Asche / oder Zeichen der toten Vergangenheit?“ Wir sollten nicht zu schnell sein mit der Antwort. Nirgendwo.

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