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Posts Tagged ‘Rot-Kreuz-Krankenhaus Wladimir’


In der vergangenen Woche endete das Praktikum, das Gesa Baum seit Anfang August am Rot-Kreuz-Krankenhaus in Wladimir absolvierte. Hier nun ihr Abschlußbericht.

Da sitze ich nun also am Flughafen Wnukowo in Moskau und warte bis das Boarding für meinen Rückflug nach Berlin beginnt. Schon heute abend bin ich, wenn alles gut läuft, wieder zurück in Deutschland – werde auf einmal keine Wörter mehr nachschlagen müssen, selber kochen und mich wieder an die Verspätungen der Deutschen Bahn gewöhnen (hier war jeder meiner Züge auf die Minute pünktlich!). Wahrscheinlich wird das alles ein ganz schöner Kulturschock. Aber das gehört wohl dazu.

Operation in Wladimir

Wie waren sie also, diese sechs Wochen in Wladimir? Lehrreich. Im Krankenhaus entwickelte sich bald eine Alltagsroutine: Morgens Ärztekonferenz, danach Visite, Eingriffe und Operationen. Sweta, eine der Ärztinnen, kümmerte sich besonders um mich: Sie nahm sich bei der Visite Zeit, mit mir gemeinsam die Patientinnenakten durchzugehen, Labor- und Untersuchungsergebnisse zu erklären und die Behandlungsoptionen zu erläutern. Das war besonders spannend, wenn ich vorher oder nachher bei den jeweiligen Operationen dabei sein durfte – so bekam ich die Gelegenheit, den ganzen Behandlungspfad mitzuverfolgen. Doch damit nicht genug: Nach einiger Zeit durfte ich sogar hin und wieder bei Operationen assistieren! Keine Angst, natürlich legte ich nicht selber Hand an, sondern hielt Haken oder (im Falle einer Laparoskopie) die Kamera; aber schon das war für mich als jemand, die in drei Jahren Studium vor allem theoretisches (Halb-)Wissen angehäuft hatte, ein Riesenschritt in Richtung Praxis! Dabei wurde mir auch klar, was für ein handwerklicher Beruf die Medizin sein kann: Um Eingriffe routiniert und zügig durchzuführen, braucht es neben einem fundierten fachlichen Hintergrund eben auch Jahre an praktischer Erfahrung. Jaja, es liegt noch ein langer Weg vor mir…, ein spannender.

Gesa Baum in Susdal

Was mich allerdings irritierte, war der manchmal doch recht harsche Umgangston Patientinnen gegenüber, die Ängste oder Bedenken wegen einer Behandlungsoption äußerten. Das Arzt-Patientenverhältnis scheint hier hierarchischer zu sein als in Deutschland. Doch das stört die meisten anscheinend nicht – regelmäßig werden die Ärztinnen und Ärzte von dankbaren Patientinnen mit Alkohol, Pralinen und Blumen beschenkt.

Gesa Baum – Geburtstag in Wladimir

Mit dem Team auf Station und Zuhause bei Irina führte ich immer wieder Gespräche über die gesellschaftliche und politische Situation in unseren Ländern. Mich erschreckte, wie in den Köpfen vieler Menschen hier der Kalte Krieg noch gar nicht vorbei zu sein scheint: Wenn es um den Ukraine-Konflikt oder die schwierige wirtschaftliche Situation ging, bekam ich oft Sätze zu hören wie: „Die USA sind an allem schuld“. Einige, vor allem Jüngere, sehen das Ganze pragmatischer: Die machtpolitische Lage habe sich in den letzten Jahren zu Ungunsten der Russischen Föderation verschoben; da sei es logisch, wenn gerade Europa sich mehr zu den USA hin orientiere und die eigenen Bündnispartner weniger würden. Sprachen lernen – vor allem Englisch und Deutsch – ist angesichts der mangelnden Perspektiven bei heimischen Unternehmen für junge Menschen ein wichtiges Thema. Auch die Meinungen zu Deutschland sind vielfältig: Einerseits werden Technik, Ordnung und Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft bewundert; andererseits hatte ich das Gefühl, regelrecht bemitleidet zu werden für die große Anzahl an Flüchtlingen, die angeblich „die deutsche Kultur“ bedrohen. Entwicklungen wie die Einführung der Homo-Ehe und die zunehmende Debatte über Geschlechterrollen werden in den russischen Medien mit großer Aufmerksamkeit bedacht: So schaffte es die Meldung, eine Mutter in Deutschland habe versucht, ihre Tochter in einen Knabenchor zu klagen, doch tatsächlich in eine nationale Nachrichtensendung! Es gibt noch eine Menge weiterer Themen, über die ich viele unterschiedliche und überraschende Einstellungen hörte, so zum Beispiel die jüngsten Proteste in Moskau, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, an Stalin – doch das alles auszuführen, würde leider den Rahmen dieses Berichts sprengen. Festzuhalten bleibt: Einfache Wahrheiten sind rar.

Gesa Baum 10

Gesa Baum

Und dann war da ja noch der kulturelle Teil: In Wladimir selbst bestaunte ich viele der altehrwürdigen Kirchen und Klöster, den prachtvoll blühenden Patriarchengarten sowie die Gemäldegalerie. An meinem Geburtstag überraschte mich meine Gastfamilie mit einem Ausflug nach Susdal, das vor 800 Jahren gemeinsam mit Wladimir Hauptstadt der Rus war. Ich kann mich nicht erinnern, jemals so eine große Dichte von Kirchen gesehen zu haben! Wortwörtlich alle paar Schritte tauchte die nächste im Blickfeld auf – wirklich erstaunlich.

Kasan

Ein weiteres Highlight meines Aufenthalts war ein Wochenendtrip nach Kasan: Zunächst kam es mir ein wenig verrückt vor, wenn mir von allen Seiten gesagt wurde, ich müsse unbedingt in diese 600 km entfernte Stadt fahren. Für deutsche Verhältnisse ist das ja nicht gerade um die Ecke. Doch die Reise lohnte sich: In der Hauptstadt der Republik Tatarstan entdeckte ich ein meine Stereotypen wohltuend durcheinanderbringendes Gastland: Eine prachtvolle Moschee inmitten des Kremls als Symbol des friedlichen Zusammenlebens von Russisch-Orthodoxen und Muslimen; Minarette, Zwiebeltürme und westlich anmutenden Straßenzüge aus der Zeit von Katharina der Zweiten, die mich an St. Petersburg erinnerten.

Mütterchen Wolga

Nicht zu vergessen: Mütterchen Wolga, bei deren Anblick man fast traurig werden kann vor lauter Schönheit und Weite. Eine Woche später nahmen Sweta, die oben bereits erwähnte Ärztin, und ihr Freund mich mit auf die riesige Flugshow und -messe „MAKS“ am Moskauer Flughafen Schukowskij. Obwohl ich mit dem Kriegsgerät, das dort ausgestellt wurde, nicht viel anfangen konnte, war ich doch schwer beeindruckt von der riesigen Masse an Menschen, die sich dort versammelte, um waghalsige Flugmanöver zu bestaunen. Unter der Woche versuchte ich hin und wieder abends, Irinas Enkelin Dascha bei ihren Deutsch-Hausaufgaben zu helfen. Dabei fiel mir auf, wie wenig ich über deutsche Grammatik weiß: Wie wird zum Beispiel das Perfekt gebildet?! Schon ein wenig peinlich. Das zu begreifen, bestärkte allerdings meine Hochachtung vor Dascha, die trotz aller Untiefen der deutschen Sprache gut vorankommt und sich nicht entmutigen lassen will. Irina und Dascha führten mich im Gegenzug in die Welt des sowjetischen Films ein: „Iwan Wassiljewitsch ändert den Beruf“, „Das Märchen vom Zaren Saltan“ und natürlich der absolute Klassiker „Ironie des Schicksals“, eine dreistündige Liebeskomödie, die jedes Jahr an Silvester gezeigt wird (dagegen bei uns zehn Minuten „Dinner for One“…). Diese und weitere Filme haben tatsächlich so einen Kultstatus erreicht, daß auch jüngere Menschen sie schauen und viele Zitate daraus zu bekannten Redewendungen geworden sind.

Gesa Baum 11

Gesa Baum in Susdal

Das letzte Wochenende verbrachte ich wie das erste: Auf der Datscha mit Irina, ihrem Mann Wiktor und dem Kater Wassja; mit Banja, gutem Essen und Sanddornpflücken im blühenden Garten. Die sechs Wochen, die am Anfang so reichlich schienen, waren (wie das immer so ist) schneller und schneller geschrumpft, bis es schließlich unerwartet plötzlich hieß: Abschied nehmen.

Wie ich sie hasse, diese ollen Abschiede. Von Menschen, die mich so berührt haben mit ihrer Herzlichkeit, ihrer Offenheit, ihrer Bereitschaft, mich, eine wildfremde Medizinstudentin aus Deutschland, in ihre Gemeinschaft aufzunehmen, einfach so.

Sweta und Wiktor auf der Datscha

Was bleibt also? Dankbarkeit. Wehmut. Fragen über Fragen. Neugier. Und die Idee, nächstens mein Medizinstudium für ein Jahr Slawistik zu unterbrechen. Wer weiß, was für Langzeitfolgen dieses Praktikum noch haben wird?

Gesa Baum

Siehe auch: https://is.gd/62LsfM

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Mein Wladimir-Abenteuer begann eigentlich schon auf dem Weg hierher. Da ich vorher in Weißrußland war, konnte ich nur von Minsk aus nach Moskau fliegen (der belarussisch-russische Grenzübertritt auf dem Landweg ist für Deutsche verboten). Vom Flughafen aus machte ich mich auf den Weg zum Bahnhof Kurskaja, von wo mein Zug nach Wladimir abfahren sollte. Alles klappte fabelhaft; ich hatte dort sogar noch Zeit, mir eine russische SIM-Karte zu besorgen. Ging also in Ruhe zum Bahnsteig, ließ entspannt noch eine dieser ungezählten Gepäckkontrollen über mich ergehen, um den Zug betreten zu dürfen – und bemerkte in dem Moment, als ich einsteigen wollte, daß mein Paß verschwunden war. Schock. Blitzschnell schoß mir durch den Kopf, daß ich den Ausweis wohl in dem Laden, wo ich die SIM-Karte gekauft, liegen gelassen hatte. Hoffentlich – wenn er stattdessen aus meiner Tasche gefallen war… Lieber nicht drüber nachdenken. Und noch weniger darüber, daß in zehn Minuten mein Zug abfahren würde; höchstwahrscheinlich ohne mich, da ich, um in den Bahnhof hinein- und wieder herauszukommen wieder Gepäckkontrollen vor mir hatte, ganz zu schweigen von der Suche nach dem Laden in diesem Chaos von Menschenmassen… Es war 21 Uhr, um 23 Uhr erwartete mich Irina, die Krankenschwester, bei der ich wohnen würde – der gegenüber ich eh schon wegen der späten Verbindung ein schlechtes Gewissen hatte. All diese Gedanken liefen zum Glück nur in meinem Hinterkopf ab, mein Frontalkortex schaltete dagegen auf „Machen“. Ich also rein in den Bahnhof, verirrt, wieder raus, anderer Eingang. Nach unten, in den Laden gestürmt, peinlich betretener Verkäufer überreicht mir meinen Paß. Schaue auf die Uhr: 21:07 – 21:08 Abfahrt des Zuges. Hoffnungslos. Nur um es zumindest probiert zu haben, renne ich mit letzter Kraft nach oben auf den Bahnsteig. Und da geschieht das Wunder: Der Mann an der Gepäckkontrollstation tritt einfach zur Seite und ruft mir „Renn!!“ hinterher. Der Schaffner, der gerade zur Abfahrt pfeifen will, zieht mich in den Zug, die Türen schließen sich hinter mir. Eine andere Schaffnerin neben mir lächelt mich an, gemeinsam atmen wir erleichtert auf. Ich kann nicht fassen, daß es tatsächlich noch geklappt hat – ich sitze im Zug nach Wladimir!

Dort angekommen, erwartete mich direkt eine Überraschung: Statt, wie erwartet, schon am nächsten Morgen mit der Arbeit anzufangen, eröffnete mir Irina, diese unglaublich herzliche Frau, daß wir morgen zu ihrem Mann auf die Datscha fahren, weil sie das immer so macht am Wochenende. Die Datscha… Was hatte ich nicht schon für unzählige Geschichten gelesen und gehört über diesen angeblich russischsten aller russischen Orte! Und ich kann wahrhaftig nicht sagen, enttäuscht worden zu sein. Gleich am Abend ging es in die Banja (russische Sauna), zum Schluß Abklopfen mit Birkenzweigen. Nachdem der Kreislauf so ordentlich in Schwung gekommen war, wartete ein fürstliches Essen mit Freunden auf uns, wobei ein wenig Wodka und eingelegte Gurken natürlich nicht fehlen durften… Am nächsten Tag gab es gleich noch ein Festgelage; zwischendurch durfte ich den traumhaften Garten von Irina und ihrem Mann bestaunen. Wer immer beim Stichwort „Osteuropa“ Plattenbauten vor Augen hat, denen sage ich: Besucht eine Datscha, und Eure Vorstellung wird sich um 180 Grad wenden. Schönheit ist gar kein Wort dafür. Ehrlich.

Nun aber zum Hauptgrund meines Aufenthaltes hier: Mein Praktikum im Rotkreuz-Krankenhaus. Schon seit vielen Jahren gibt es einen regen Austausch zwischen diesem Krankenhaus und Erlangen. Michail Tjukarin, der Arzt, der meinen Aufenthalt hier organisiert, erzählte mir, er sei schon 1989 zum ersten Mal in die deutsche Partnerstadt gereist! Das Rot-Kreuz-Krankenhaus ist ein Haus der Akutversorgung – hier werden keine elektiven Operationen durchgeführt, sondern man kann sich hier melden, wenn dringend eine Behandlung benötigt wird. Ich bin jetzt mittlerweile seit einer Woche auf der gynäkologischen Abteilung. Hierher kommen zum Beispiel Patientinnen, die eine Eileiterschwangerschaft haben oder wegen eines Myoms (gutartiger Muskeltumor) in der Gebärmutter an Blutverlust und Schmerzen leiden. Insgesamt arbeitet ein elfköpfiges Ärzteteam auf der Station, von denen ca. vier in einer Schicht arbeiten.

Gesa Baum mit „ihrem Kind Natascha“ in Minsk

Neu für mich: Jeder Morgen beginnt mit einer Konferenz, zu der sich alle Mediziner des Krankenhauses versammeln und verlesen, welche Neuaufnahmen und Entlassungen es auf ihren Stationen gab. Danach geht es an den meisten Tagen in den OP: Der Großteil der Operationen wird laparoskopisch (wenige kleine Löcher in den Bauch, durch die Kamera und Instrumente gesteckt werden) durchgeführt. Praktisch für mich: Ich kann bequem im Sitzen auf dem Bildschirm verfolgen, was geschieht und mir in Ruhe Fragen an die Fachleute überlegen, die stets bereitwillig antworten. Überhaupt bin ich überrascht, wie sehr man sich um mich kümmert: Gefühlt alle zwei Minuten werde ich gefragt, ob ich heute denn genug gegessen habe (habe ich – ich mußte mir schon Turnschuhe kaufen, um dem Kalorienüberfluß wenigstens ein bißchen einzudämmen) und sowohl das Pflegepersonal als auch die Ärzte sind immer offen für einen kleinen Plausch – egal, ob es dabei um bei mir zu füllende medizinische Wissenslücken, deutsche Flüchtlingspolitik oder um die Frage geht, warum Russen in der Öffentlichkeit eigentlich nie lächeln.

So viel also zu meiner ersten Woche in Wladimir. Wie man hoffentlich aus diesem Bericht merkt, fühle ich mich sehr wohl und bin immer wieder baff über die Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die mir entgegengebracht wird. Ich freue mich schon auf den kommenden Monat und bin gespannt, was ich noch entdecken werde: Im Krankenhaus, auf Ausflügen – aber vor allem bei den Menschen.

Gesa Baum

P.S.: Mehr zu Gesa Baum ist hier zu lesen: https://is.gd/0uxwaV, und zu den Urgründen der Medizinkontakte mit Michail Tjukarkin geht es da zurück: https://is.gd/R0NBBa

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Am 14. November 1914, dem Geburtstag von Zarin Maria Fjodorowna, die über das Russische Rote Kreuz die Patronage innehatte, wurde dieses erste Krankenhaus in Wladimir eröffnet, erbaut aus Mitteln des Russischen Roten Kreuzes sowie mit Hilfe von Spenden. Schirmherrin über das Hospital mit 25 Betten wurde die Großfürstin Jelisaweta Pawlowna. Mittlerweile hat die Unfallklinik, unweit vom Rathaus gelegen, Platz für 444 Patienten und erfreut sich eines guten Rufes, nicht zuletzt auch wegen einer immer besseren medizintechnischen Ausstattung, vor allem aber dank der guten Ausbildung ihrer Ärzte. Einer von ihnen, Michail Tjukarkin, war denn auch Pionier der Medizinkontakte und besuchte bereits Ende der 80er Jahre Erlangen.

Rot-Kreuz-Krankenhaus Wladimir

Rot-Kreuz-Krankenhaus Wladimir

Seither herrscht ein reger Austausch mit diesem Krankenhaus, das auch immer wieder humanitäre Hilfe aus Erlangen erhielt, zuletzt vor zwei Jahren die Betten aus der Chirurgie des Universitätsklinikums. Und nun das: Für 40 Millionen Rubel, also etwa eine halbe Million Euro, eine Generalsanierung – innen wie außen -, die sich sehen lassen kann.

Patientin des Rot-Kreuz-Krankenhauses in einem Bett aus Erlangen

Patientin des Rot-Kreuz-Krankenhauses in einem Bett aus Erlangen

Im Bericht des Senders Gubernia 33 loben Patienten die spürbare Verbesserung der Ausstattung – bis hin zu den sanitären Anlagen.

OP im Rot-Kreuz-Krankenhaus

OP im Rot-Kreuz-Krankenhaus

Vor allem aber auch die medizintechnische Ausstattung konnte wesentlich modernisiert werden, neue Leitungen sind verlegt. Wichtig für ein Krankenhaus, wo jährlich um die 15.000 Patienten behandelt werden, 12.000 Operationen zu machen sind und mehr als eine Million Untersuchungen stattfinden.

Diagnostikzentrum im Rot-Kreuz-Krankenhaus

Diagnostikzentrum im Rot-Kreuz-Krankenhaus

Besonders wichtig aber: Das Dach tropft nicht mehr, und die Stationen machen einen fast musealen Eindruck, sind licht und hell geworden, erfreuen Auge und Herz.

Station des Rot-Kreuz-Krankenhauses

Station des Rot-Kreuz-Krankenhauses

Jewgenij Jaskin, ärztlicher Leiter des Krankenhauses, kann stolz auf den Erfolg sein. Als er 2005 die Klinik übernahm, erinnerte der bauliche Zustand, wie er selbst sagt, an ein „baufälliges Nachtasyl“. Es ließ es sich nicht anmerken, aber peinlich war es ihm schon immer, wenn er Kollegen aus Erlangen wie Werner Hohenberger oder Ignaz Schneider empfing.

Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses

Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Rot-Kreuz-Krankenhauses

Das ist nun vorbei, nun bleibt nur noch ein Mißstand zu beheben: der Ärztemangel. Besonders in der Kardiologie und Endokrinologie fehlen Kollegen, und so müssen die vorhandenen Mediziner oft eineinhalb oder gar zwei Stellen abdecken.

Jelena Solowjowa, Ärztin am Rot-Kreuz-Krankenhaus

Jelena Solowjowa, Ärztin am Rot-Kreuz-Krankenhaus

Na ja, und die Röntgenabteilung würde man demnächst auch noch gern erneuern, und ein MRT-Gerät bräuchte man dringend.

Historische Fassade des Rot-Kreuz-Krankenhauses

Historische Fassade des Rot-Kreuz-Krankenhauses

Aber jetzt darf man sich erst einmal über das Erreichte freuen, und der Blog wünscht weiter viel Erfolg.

 

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Aus Rjasan und Kasan, aus Moskau und – Erlangen trafen sich gestern in Wladimir und Susdal Mediziner, um den 100. Jahrestag der Gründung des Rot-Kreuz-Krankenhauses zu begehen. Wie es sich gehört, mit einer wissenschaftlich-praktischen Konferenz, zu der Werner Hohenberger, Leiter des Lehrstuhls für Chirurgie der Friedrich-Alexander-Universität, das erste Referat zum Thema „akute Koloproktologie“ beisteuerte. Eingeladen hatte den europaweit führenden und vielfach ausgezeichneten Fachmann für chirurgische Onkologie bereits im Januar Jewgenij Jaskin, ärztlicher Direktor des Notfallkrankenhauses Wladimir, im Volksmund „Rot-Kreuz-Krankenhaus“ genannt, als sich die ersten Fuhren mit den gespendeten Betten von Erlangen aus auf den Weg in die Partnerstadt machten.

Vortrag Werner Hohenberger

Vortrag Werner Hohenberger

Gestern vor 100 Jahren wurde anläßlich der 300-Jahr-Feiern des Zarengeschlechts der Romanows, am Geburtstag der Schirmherrin des Russischen Roten Kreuzes, der Kaiserin Maria Fjodorowna, das Gebäude im pseudorussischen Stil eröffnet, übrigens entworfen vom deutschstämmigen Architekten Leonid Scherer. Die ersten Patienten des Krankenhauses waren Verwundete im Ersten Weltkrieg. Heute macht man hier jährlich mehr als 12.000 Operationen, womit die Klinik die größte Einrichtung für Chirurgie und Traumatologie in der ganzen Region ist, wo vor allem die schwierigsten Fälle behandelt werden. Allein die Unfallchirurgie hat zwei Abteilungen mit je 107 Betten, auch für Patienten mit Verbrennungen. Darüber hinaus arbeiten hier Ärzte aus 36 Fachbereichen, darunter Urologie, Gynäkologie und Neurochirurgie. Mit insgesamt 547 Mitarbeitern – von den Medizinern bis zu den Pflegekräften und zum technischen Personal – und 444 Betten steht das Krankenhaus nicht nur hinsichtlich seines Profils, sondern auch von seiner Größe her mit an der Spitze der medizinischen Einrichtungen im Gouvernement Wladimir. Dabei hatte das aus Spendenmitteln gebaute Haus vor 100 Jahren mit gerade einmal 25 Betten begonnen.

Vortrag Werner Hohenbeger

Vortrag Werner Hohenbeger

Werner Hohenberger, der in Erlangen studiert hat und nach seiner Habilitation 1984 zunächst an seiner Alma Mater ordentlicher Professor wurde, dann nach Regensburg zum Lehrstuhl für Chirurgie wechselte und 1995 den Ruf an die Chirurgische Klinik der FAU erhielt, kennt Wladimir von einem früheren Besuch her und natürlich dank den vielen Hospitationen von Kollegen aus der Partnerstadt an seinem Krankenhaus. Und schließlich liegt das Rot-Kreuz-Krankenhaus stets auf der Route aller Mediziner aus Erlangen, die Wladimir besuchen: Ignaz Schneider, Jürgen Binder, Walter Otto, Michael Reitzenstein…

Werner Hohenberger

Werner Hohenberger

Die Zusammenarbeit zwischen den Medizinern dürfte sich in Zukunft weiter vertiefen, denn in Wladimir will man dem Personalmangel – derzeit fehlen, vor allem auf dem Land, 938 Ärzte und 1.185 Pflegekräfte – nicht nur mit einer Anhebung der kargen Gehälter, die kaum über 500 Euro liegen, begegnen, sondern es ist auch geplant, an der Universität der Partnerstadt endlich eine Medizinische Fakultät einzurichten. Außerdem will man endlich mehr Aufmerksamkeit der Palliativmedizin widmen und die bisher gerade einmal 15 Betten für die ganze Region innerhalb von drei Jahren auf 65 aufstocken. Sicher längst nicht genug, aber ein Anfang, der auch ein Verdienst der Kooperation mit den Erlanger Kollegen ist, die immer wieder dieses Thema anmahnten.

Dank an Irina Chasowa für die Photos! Mehr zum Thema unter: http://is.gd/QZAHau

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Davon hatte Magir Katschabajow geträumt, seit er vor sechs Jahren im Rot-Kreuz-Krankenhaus Wladimir seinen Dienst antrat: einmal persönlich Werner Hohenberger kennenzulernen, den Erlanger Mediziner von Weltruf. Vor kurzem in Istanbul wäre das beinahe gelungen, bei einem Kongreß, wo der in Baku geborene Arzt als einziger Vertreter der Russischen Föderation den Direktor der Erlanger Chirurgischen Klinik schon hatte ansprechen wollen. Aber wie als Adept an den Meister des Fachs herankommen? Erst die Städtepartnerschaft machte dies möglich – und noch mehr: Der Gast-Chirurg aus Wladimir darf zwei Tage lang bei den deutschen Kollegen hospitieren und vieles von dem in praktischer Anwendung erleben, was er bisher nur aus den Publikationen des verehrten Medizinprofessors kennt, der übrigens auch schon selbst einmal mit einem Vortrag zu einer Fachtagung in Wladimir war, freilich lange bevor der aserbaidschanisch-russische Arzt seinen Beruf ergriffen hatte.

Werner Hohenberger und Magir Katschabajow

Werner Hohenberger und Magir Katschabajow

Doch auch damit noch nicht genug des Glücks: Magir Katschabajow ist für zweieinhalb kurze Tage zusammen mit seinem Chef nach Erlangen gekommen, mit Jewgenij Jaskin, dem ärztlichen Direktor des Unfallkrankenhauses, im Volksmund Rot-Kreuz-Krankenhaus genannt, der gestern Betten in Augenschein nahm, die, obwohl noch voll funktionstüchtig, in hiesigen Kliniken keine Verwendung mehr finden und durch elektronisch gesteuerte Nachfolgemodelle ersetzt werden. Etwa 170 sind es, einschließlich der Nachttischschränkchen, Gehhilfen, Infusionsständer und anderem Inventar. Spätestens bis Ende Oktober sollte das Bettenhaus, wo all das bisher noch steht, leergeräumt sein, denn nach sechs Jahrzehnten intensiver Nutzung wird das Gebäude nun bald abgerissen und muß einem Neubau weichen.

Magir Katschabajow, Jewgenij Jaskin, Erika Schütz-Protz und Alfred Niedermeier

Magir Katschabajow, Jewgenij Jaskin, Erika Schütz-Protz und Alfred Niedermeier

Was aber hier nicht mehr gebraucht wird, kann in Wladimir noch beste Dienste leisten. Und Erika Schütz-Protz, Leiterin des Pflegedienstes, und Alfred Niedermeier, als Leiter des Dezernats 2 mit zuständig für den laufenden Betrieb und die Logistik, versprechen den Besuchern aus der Partnerstadt, keinen Schrott mitzugeben. Das hat der austauscherprobte und partnerschaftserfahrene Jewgenij Jaskin, Herr über das mit 450 Betten größte Notfallkrankenhaus der ganzen Region Wladimir, auch gewiß nicht erwartet. Im Gegenteil: Beim Rundgang bittet er sogar, das ein oder andere Bett oder Utensil, das bereits umsichtig mängelbedingt ausgesondert wurde, wieder auf die Liste zu nehmen. Am liebsten, so bekennt er, würde er alles mitnehmen, was da noch herumsteht, viel zu schade zum Wegwerfen. Doch vor allem um die stabilen Betten ist es ihm zu tun. Und da hat er schon genug zu tun. Denn die Zeit drängt. Sobald die Freunde in Erlangen die Packliste zusammengestellt haben, muß ein Transportweg für die sperrigen Hilfsgüter gefunden werden, entweder auf der Straße oder auf der Schiene, damit es im Herbst losgehen kann.

Magir Katschabajow, Helmut Schmitt, Jewgenij Jaskin, Gerd Lohwasser, Rita Stolz (hintere Reihe); Peter Steger, Walter Otto, Heidi und Jürgen Binder (vordere Reihe)

Magir Katschabajow, Helmut Schmitt, Jewgenij Jaskin, Gerd Lohwasser, Rita Stolz (hintere Reihe); Peter Steger, Walter Otto, Heidi und Jürgen Binder (vordere Reihe)

Doch bevor es heute am späteren Nachmittag schon wieder zurückgeht, blieb noch Zeit für ein Abendessen in Marloffstein im Kreis von guten Freunden, die sich alle verdient gemacht haben um den Medizineraustausch mit Wladimir: Helmut Schmitt, in dessen Zeit als Leiter des Bürgermeister- und Presseamtes die Fachtreffen der Ärzte aus beiden Städten ihren Aufschwung nahmen; Gerd Lohwasser, der als Bürgermeister und „Gesundheitsminister“ bei „Erlangens intensivster Partnerschaft“ immer ein wohlwollendes Auge auf diese Fachverbindungen hatte; schließlich die beiden Allgemeinärzte, Walter Otto und Jürgen Binder, die den Kollegen in Wladimir bereits einen Arbeitsbesuch abgestattet haben und planen, im Frühjahr wieder in die Partnerstadt zu reisen. Vielleicht mit weiteren Kollegen, wie beispielsweise Henning Altmeppen, in dessen Medizinzentrum die russischen Gäste gleich nach ihrer Ankunft vorgestern einen Nachmittag lang hospitieren durften. Da ist jedenfalls wieder einiges in Gang gekommen, und schon bald, im Herbst, werden wir wissen, wie es weitergeht.

S. auch: http://is.gd/7ghw48 und http://is.gd/vMGP4A sowie unter Eingabe von Jewgenij Jaskin in die Suchmaske des Blogs.

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Hier nun Fortsetzung und Ende des Reiseberichts, dessen erster Teil am 29. Dezember 2011 zu lesen war, wo es zur Einführung hieß: „Heute blicken wir wieder ein wenig zurück ins vielfältige Geschehen der Partnerschaft und lassen uns von Professor Ignaz Schneider an der Hand nehmen. Der Oberarzt an der Chirurgischen Klinik mit Poliklinik in Erlangen hat vom 26. Oktober bis 1. November gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, Roswitha Ungar, sowie dem Ehepaar Michael und Gerda-Maria Reitzenstein, niedergelassener Frauenarzt bzw. Direktorin des Amtsgerichts Erlangen, eine Reise nach Wladimir unternommen und einen Bericht angefertigt, der in zwei Teilen im Blog erscheint.“

Festtafel zur Begrüßung der Gäste

Am Abend fand das offizielle Begrüßungsessen für unsere Delegation in einem eleganten, stilvoll-modernen Restaurant statt. Neben den Ärzten der Klinik, Jewgenij Jaskin, Jelena Solowjowa, Roman Gorta und Magir Katschabekow (der ebenfalls als Dolmetscher geholfen hatte), waren mehrere Vertreter der Verwaltung des Krankenhauses und der Leiter der Städtischen Gesundheitsbehörde mit ihren Ehefrauen anwesend. Von Anfang an bestand eine sehr herzliche und freundschaftliche Atmosphäre, die durch die persönlichen Gespräche zwischen den Gästen und den Gastgebern noch vertieft wurde. Bei den Tischreden kam erneut der Wunsch zum Ausdruck, dieser Erfahrungsaustausch werde vor allem eine Kooperation im medizinischen Bereich zwischen den Partnerstädten Erlangen und Wladimir befördern.

Ausflug nach Susdal mit Jelena Ljubar

An den darauf folgenden beiden Tagen, dem Freitag und dem Samstag, ließen es sich unsere Gastgeber nicht nehmen, uns ihr schönes Land zu zeigen. Am Freitag unternahmen wir mit Jewgenij Jaskin und Jelena Ljubar, einer fließend deutsch sprechenden Fremdenführerin, einen Ausflug nach Susdal, das gelegentlich als das russische Rothenburg o.d. Tauber bezeichnet wird. In der Tat sind die beiden Städte auch partnerschaftlich verbunden, und ein gelbes deutsches Straßenschild in Susdal weist den Weg in das 2.660 km entfernte Rothenburg o.d. Tauber. Uns begeisterten die zahlreichen, sehr schön renovierten Kirchen und Klöster, wobei uns vor allem der Hinweis faszinierte, daß man es sich früher leistete, jeweils eine größere Sommerkirche und eine kleinere und damit leichter beheizbare Winterkirche zu bauen. In seiner Blütezeit standen in Susdal insgesamt 40 Kirchen und Klöster, und man konnte leicht errechnen, daß auf 120 Einwohner ein Gotteshaus entfiel.

Ausflug nach Murom

Am Samstag folgte wiederum in Jewgenij Jaskins Wagen ein Ausflug nach Murom an der Oka. Dort wurden wir von seiner Kollegin, Tatjana Piwikina, der Leiterin des Städtischen Kinderkrankenhauses, begrüßt. Mit ihr zusammen besichtigten wir die Sehenswürdigkeiten des Ortes, darunter die berühmte Kathedrale des Dreifaltigkeitsklosters. Nach einem gemeinsamen Mittagessen wurde uns die große Ehre zuteil, von unserer Gastgeberin noch zu Kaffee und Kuchen in ihr Privathaus eingeladen zu werden. Die herzliche Verbindung zwischen Gästen und Gastgebern kam auch in den sehr persönlichen Tischreden zum Ausdruck, wobei beide Seiten daran erinnerten, daß die Generation der Eltern und speziell der Väter trotz der Schrecknisse des vergangenen Krieges in direkten zwischenmenschlichen Kontakten die Warmherzigkeit der russischen Bevölkerung kennengelernt hatte.

Gruppenbild mit Irina Chasowa und Tatjana Afanasjewa (3. und 4. v.l.)

Der Sonntagvormittag stand uns zur freien Verfügung. Wir konnten auf eigene Faust das Stadtzentrum von Wladimir mit seinen Sehenswürdigkeiten erkunden oder in den auch am Sonntag geöffneten Geschäften Reiseandenken einkaufen. Am Nachmittag und Abend trafen wir uns auf Initiative des Ehepaars Reitzenstein mit der früheren Leiterin der Gynäkologischen Abteilung der Klinik des Traktorenwerks, Natalia Afanasjewa. Das Ehepaar Reitzenstein hatte die Ärztin bei einem früheren Besuch in Wladimir kennen- und schätzengelernt, und mit Hilfe von Irina Chasowa, der Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses, war es gelungen, den Kontakt wieder herzustellen. Frau Chasowa, die perfekt deutsch spricht, begleitete uns auch während unseres Besuches am Nachmittag, so daß die Eheleute Reitzenstein keine Schwierigkeiten hatten, ihre Eindrücke und Erinnerungen an den Besuch vor sieben Jahren auszutauschen.

Am Montag, den 31. Oktober, waren wir wieder in der Klinik. Wir trafen uns mit weiteren Kollegen und besprachen vor allen Dingen, wie die partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir auf medizinischer Ebene weiter ausgebaut werden könnten. Wir knüpften Kontakte, um bei speziellen Problemen Befunde von russischen Patienten aus der Gegend von Wladimir gemeinsam erörtern zu können oder diesen Patienten ggf. eine Behandlung in den Erlanger Universitätskliniken zu ermöglichen.

Empfang bei Oberbürgermeister Sergej Sacharow (Mitte)

Trotz seines knappen Zeitplanes nahm sich Sergej Sacharow, der Bürgermeister von Wladimir, am Nachmittag eine halbe Stunde Zeit, um unsere Delegation im Rathaus zu begrüßen. Neben dem Stadtoberhaupt begrüßten uns weitere Vertreter der Stadtverwaltung, darunter auch Wladimir Sawinow, der Leiter der Städtischen Gesundheitsbehörde. Wir unterhielten uns über Themen aus dem Gesundheitswesen und berichteten über unseren Erfahrungsaustausch mit den Kollegen im Rot-Kreuz-Krankenhaus. Der Bürgermeister zeigte sich sehr interessiert und bedauerte, daß wir ihm keine Photographien von unseren gemeinsam ausgeführten Operationen zur Verfügung stellen konnten. Nach der Überreichung von typischen Geschenken aus der Heimat der Gastgeber bzw. der Gäste endete der sehr herzliche Empfang im Rathaus von Wladimir. Mit einem Abendessen, bei dem neben unseren ärztlichen Kollegen wiederum der Gesundheitsreferent der Stadt Wladimir anwesend war, endete dieser sehr eindrucksvolle Aufenthalt in Wladimir. Beide Seiten betonten den Willen, ihr sehr herzliches Verhältnis zueinander ausbauen und damit auch die Möglichkeiten des Austausches auf dem medizinischen Gebiet in jeder Hinsicht verbessern zu wollen.

Am nächsten Morgen traten wir die Heimreise an. Bevor wir mit dem Bus zum Moskauer Flughafen losfuhren, kamen Jewgenij Jaskin und Roman Gorta ins Erlangen-Haus, um sich ganz persönlich von uns zu verabschieden. Nach alter russischer Tradition setzten wir uns für eine kurze Auszeit der Besinnung zusammen, bis wir dann schließlich in den bereitstehenden Bus stiegen, der uns nach Domodedowo brachte.

Wir flogen nach Hause mit reichlichen Eindrücken von guter Medizin, ausgeführt unter nicht immer einfachen Umständen, und waren tief beeindruckt von der Gastfreundschaft unserer russischen Gastgeber in Wladimir.

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Heute blicken wir wieder ein wenig zurück ins vielfältige Geschehen der Partnerschaft und lassen uns von Professor Ignaz Schneider an der Hand nehmen. Der Oberarzt an der Chirurgischen Klinik mit Poliklinik in Erlangen hat vom 26. Oktober bis 1. November gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, Roswitha Ungar, sowie dem Ehepaar Michael und Gerda-Maria Reitzenstein, niedergelassener Frauenarzt bzw. Direktorin des Amtsgerichts Erlangen, eine Reise nach Wladimir unternommen und einen Bericht angefertigt, der in zwei Teilen im Blog erscheint. 

Auf dem Flug von Nürnberg mit kurzer Zwischenlandung in Berlin-Tegel nach Moskau-Domodedowo fragten wir uns alle gespannt, wer uns am Flughafen abholen und wie die Verständigung klappen würde. Alle waren sehr erfreut, als sie in der Wartehalle das vertraute Gesicht von Roman Gorta erblickten, der im Juni mit der russischen Delegation nach Erlangen gekommen war. Wir begrüßten uns sehr herzlich, so wie alte Freunde, die sich schon lange Jahre kennen, und Roman Gorta begleitete uns zu dem wartenden Kleinbus mit Fahrer. Da der Gynäkologe sehr gut Englisch spricht und die Verständigung somit kein Problem war, konnten wir uns bereits auf der Fahrt nach Wladimir ausgiebig über die Fahrtstrecke, die Sehenswürdigkeiten am Rand des Weges, über unsere Arbeit in den Kliniken und das bevorstehende Programm unterhalten. Wir erreichten Wladimir gegen 19.00 Uhr abends, und daher brachten uns unsere Gastgeber nicht zuerst in die Unterkunft, sondern direkt zu einem Willkommens-Abendessen.

Essen mit Freunden

Vor dem Restaurant begrüßte uns mit echter Wiedersehensfreude der Chef des Rot-Kreuz-Krankenhauses Wladimir, Jewgenij Jaskin, der die russische Delegation bei ihrem Besuch in Erlangen angeführt hatte. Bei dem darauf folgenden Abendessen bekamen wir einen ersten Eindruck von der Vielfalt der russischen Küche. Sehr wohl wußten wir den Rat aus dem Peter-Steger-Vademecum zu schätzen, man solle die Kapazitäten des Magens gut einteilen, damit nach den Vorspeisenn auch noch Platz für die übrigen Gänge bleibt. Bei dem Essen, bei dem nicht nur Jewgenij Jaskin und Roman Gorta, sondern auch die Leiterin der Notaufnahme anwesend waren, tauschten wir nicht nur gemeinsame medizinische Erfahrungen, sondern auch Erinnerungen an den Besuch der russischen Delegation in Erlangen aus. Die Gastgeber begrüßten uns ganz offiziell während des Essens mit Trinksprüchen auf unsere neue medizinische Zusammenarbeit, die wir gerne mit Toasts auf die lange bestehende Partnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir erwiderten.

Nach dem Essen brachte man uns ins Erlangen-Haus. Ein altes Kaufmannshaus, das auf Initiative der Partnerstädte renoviert worden war und das unter anderem für gute Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung steht.

Am Donnerstagmorgen wurden wir bereits um 7.00 Uhr von Jelena Solowjowa, der Leiterin der Notfallaufnahme, abgeholt. Nach einer kurzen Begrüßung im Büro von Jewgenij Jaskin, wo wir alle einen weißen Arztkittel erhielten, stellte man uns als Ehrengäste in der täglich stattfindenden Morgenbesprechung vor. Trotz mangelnder Russischkenntnisse verstanden wir, daß hier die Notfälle und Notaufnahmen der Nacht den leitenden Ärzten vorgetragen wurden.

Nach der Visite

Zurück in Jewgenij Jaskins Büro, lernten wir den Leitenden Chirurgen der Stadt Wladimir kennen. Es erfolgte ein Meinungsaustausch über die Tätigkeit von Michael Reitzenstein und mir in Erlangen und über die Schwerpunkte der Allgemeinchirurgie an der Universität Erlangen. Uns wurden die Tätigkeitsbereiche des Notfall-Krankenhauses, im Volksmund Rot-Kreuz-Krankenhaus genannt, geschildert. Neben einer großen traumatologisch-unfallchirurgischen Abteilung gibt es weitere Abteilungen für septische Chirurgie und Gynäkologie. Bei einem Rundgang durch die Klinik besichtigten wir die Notaufnahme mit einzelnen Behandlungszimmern sowie Räumen für Spezialuntersuchungen im Bereich Gastroskopie und Koloskopie. Auch die Röntgenabteilung mit einem Computertomographen wurde uns demonstriert. Anschließend besuchten wir die OPs, wo sich Michael Reitzenstein besonders für gynäkologische Eingriffe interessierte. Diese wurden fast ausschließlich laparoskopisch durchgeführt. Der Gast aus Erlangen war nicht nur beeindruckt von der guten Ausstattung zum laparoskopischen Operieren, sondern auch von der Expertise, mit der sein russischer Kollege Roman Gorta die gynäkologischen Operationen durchführte. Ich selbst konnte bei einer Gallenblasenentfernung anwesend sein, die über eine sogenannte Mini-Laparotomie am rechten Rippenbogenrand durchgeführt wurde. Im Unterschied zu einer laparoskopischen Operation, bei der mit mehreren Instrumenten und einer Video-Optik im gasdistendierten Bauchraum gearbeitet wird, entfernt man hier die Gallenblase mit langen Spezialinstrumenten durch einen Zugang direkt über dem Hohlorgan. Daneben existiert in Wladimir natürlich auch das komplette laparoskopische Verfahren. Nahezu die Hälfte der dort tätigen Chirurgen bevorzugt die Mini-Laparotomie, nicht zuletzt weil diese technisch weniger aufwendig und damit auch kostengünstiger ist.

Insgesamt hatten wir den Eindruck, daß bei den gesehenen Standardeingriffen die russischen operativ tätigen Kollegen ihre Arbeit genauso zielstrebig und sicher ausführen, wie dies ihre erfahrenen Kollegen in Deutschland tun. Aufgefallen ist uns natürlich der doch geringere Materialaufwand. So wurden die OP-Bereiche nicht ganz so großzügig abgedeckt wie bei uns, und die verwendeten Tücher waren nicht wasserundurchlässig. EDV-Unterstützung zur Dokumentation von Patienten- und Behandlungsdaten oder zur Übermittlung wichtiger Befunde konnten wir im OP nicht finden. Die Akten wurden traditionell von Hand geführt. Einige OPs und Bereiche des Krankenhauses waren bereits baulich saniert. Es fanden sich aber auch in den OP-Vorräumen Stellen mit fehlendem Bodenbelag und offen liegendem Untergrund. Durch Geldmangel können wohl Sanierungsarbeiten nicht in dem Maße durchgeführt werden, in dem sie erforderlich wären.

Mariä-Entschlafens-Kathedrale

Am Nachmittag blieb noch Zeit für einen Abstecher zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Jewgenij Jaskin zeigte uns die Mariä-Entschlafens-Kathedrale als Hauptkirche der Stadt, die uns nicht nur durch ihren prachtvollen Innenraum, sondern auch durch ihr Äußeres und ihre hübsche Lage auf einem Hügel mit Blick zur Kljasma und auf die sich anschließende weite Ebene begeisterte. Die anschließenden Besuche im Landesmuseum und im Frauenkloster Bogoljubowo am Stadtrand rundeten den Nachmittag ab.

Fortsetzung folgt.

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