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Posts Tagged ‘Roman Jewstifejew’


Gestern erschien in der Zeitung Каспiй (Kaspij) ein Interview mit dem Poltikwissenschaftler und Publizisten, Roman Jewstifejew, Professor an der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten der Russischen Föderation, zur gegenwärtigen politischen Lage.

Roman Jewstifejew als Moderator

Was sind die tatsächlichen Gründe für den Rücktritt der Regierung und den Wechsel von Dmitrij Medwedjew, des Premiers seit Mai 2012?

Wenn wir ehrlich sind, hat man uns die tatsächlichen Gründe nicht mitgeteilt. Es gibt sie wahrscheinlich, aber uns ließ man nur die Version von Medwedjew wissen. Kommentatoren, Fachleute und Journalisten verbreiteten eine Menge verschiedener Versionen, die alle in etwa gleichermaßen glaubwürdig erscheinen. Die einen sagen, es könne mit Putins Unzufriedenheit hinsichtlich des Gangs der Nationalprojekte stehen, andere meinen, Medwedjew selbst trage schon lange schwer an seinem Amt. Versionen gibt es viele. Aber insgesamt kann man es so formulieren: Es war an der Zeit. Es ist der Moment gekommen, wo Putin einen neuen Premierminister brauchte, und für Medwedjew fand sich ein neuer Arbeitsplatz. Mit großer Wahrscheinlichkeit kann man sagen, das alles stehe in Zusammenhang mit der letzten Amtszeit des Präsidenten Wladimir Putin, mit seinem Bestreben, seinen Einfluß und seine stabilisierende Rolle in der russischen Politik zu bewahren. Zugleich aber möchte ich die Rolle des Premierministers und seiner Person nicht übertrieben darstellen. „Rücktritt der Regierung“ ergibt eine fette Überschrift, aber es ändert und beeinflußt das Leben von, wenn es hoch kommt, nur einigen Hundert, vielleicht einigen Tausend Menschen, nämlich das der Minister und Mitarbeiter der Ministerien). Seit dem Rücktritt von Michail Kassjanow im Jahr 2004 spielten die Premierminister eine ausgesprochen unauffällige Rolle, sogar in der Wirtschaftspolitik, ganz zu schweigen von der großen Politik als solcher. Natürlich mit Ausnahme der Zeit, als Wladimir Putin – von 2008 bis 2012 – selbst als Premier fungierte.

Aber in diesem Rücktritt findet sich auch etwas Handfestes, nicht Anzweifelbares: Mindestens ein Hight-Tech-Arbeitsplatz von den 25 Millionen, die der Präsident versprochen hatte, wurde somit im Jahr 2020 geschaffen. Die augenblickliche Einführung des Amts des stellvertretenden Vorsitzenden im Sicherheitsrat zeigt gut, wie schnell manchmal Fragen entschieden werden, wenn die Hauptperson das für notwendig erachtet.

Wie schätzen Sie die von Präsident Putin vorgeschlagenen Veränderungen an der Verfassung unseres Landes ein? Wofür sind sie überhaupt gedacht?

Leider haben wir bisher in die von Putin konzipierte politische Konstruktion bisher keinen Einblick. In den Vorschlägen des Präsidenten gibt es wahrscheinlich ablenkende und verschleiernde Elemente, und das eine oder andere erfahren wir wohl erst später, möglicherweise ist das dann sogar das Wichtigste. Das ist Putins Stil: Veränderungen unvermutet mit Elementen der Geheimhaltung herbeiführen. Man kann also nur mutmaßen, wie die endgültige Variante der von Putin erdachten Reform aussehen könnte. Am ehesten dürfte die Endfassung von einer Vielzahl von Parametern abhängen, die sie noch weiter verändern, da das System sich erst im Lauf der Zeit einspielen wird.

Um die Vorgänge besser zu verstehen, rate ich, sich die Ereignisse der zweiten Hälfte der 80er Jahre in der UdSSR in Erinnerung zu rufen, also die Periode der sogenannten Perestroika. In jener Zeit kam es zu einer kritischen Umdeutung der Ziele und Werte der Gesellschaft, allerdings ohne eine Veränderung der politischen Institutionen, die alle fest mit dem sowjetischen Parteisystem verhaftet waren. Im Ergebnis wurden schon nach wenigen Jahren diese politischen Institutionen von den neuen Ideen und Werten hinweggefegt – zusammen mit der ganzen UdSSR.

Heute, im Jahr 2020, haben wir eine Lage mit umgekehrten Vorzeichen. Die von Putin verkündeten Veränderungen betreffen lediglich einige politische Institutionen, allerdings ohne  auch nur einen Verweis auf eine kritische Durchdringung der Ziele und Werte. Wir sind gehalten, darüber erst gar nicht nachzudenken, sondern die Notwendigkeit der Veränderungen einfach so hinzunehmen, weil Putin den besseren Überblick hat. Natürlich gründet sich das alles auf Worte, aber es sind eben jene Worte, die ohne großen Aufwand von anderen Worten widerlegt werden können. Es geht leider nur um die Machtfülle dieser Worte, nicht um ihren Sinn. Heute liegt diese Machtfülle bei diesen Worten, morgen bei anderen. Und der Sinn bleibt unausgesprochen.

Der entscheidende Widerspruch liegt meiner Meinung nach zwischen den vorgeschlagenen Veränderungen mächtiger politischer Institutionen und den unveränderten (und öffentlich schlecht artikulierten) Zielen und Werten. Die Entwicklung dieses Widerspruchs wird wohl auch die Beständigkeit des Systems definieren. Ob das wie zu Zeiten der Perestroika zur Überlastung und Zusammenbruch des Systems führt, kann ich nicht sagen. Aber das Risiko besteht.

Bedeuten die vorgeschlagenen Veränderungen eine Abmilderung der strikten präsidialen Vertikale der Macht zugunsten einer weicheren Politik mit Elementen einer parlamentarischen Demokratie?

Ich glaube, die Architekten dieser Reform denken überhaupt nicht in solchen Begriffen, tragen sie nur zum Zweck der öffentlichen Erklärung ihrer Handlung vor. Zugrunde liegen andere Motive und Ziele. Ja, kann schon sein, als Nebenwirkung könnte das eine oder andere in einigen Vorstellungen aussehen wie eine Stärkung des Parlamentarismus oder eine Begrenzung der präsidialen Vollmachten. Doch das zu beurteilen, ist noch zu früh. Wir können das Gesamtkonzept noch nicht erkennen. Im Text der Erklärung des Präsidenten finden die Parteien beispielsweise nur drei Mal Erwähnung – und das auch nur in allgemeinem Zusammenhang. Dabei ist das doch ein Schlüsselelement des Parlamentarismus. Aber es fehlt in diesem Bild. Oder besser: Es ist stillschweigend vorhanden, genau so, wie es im heutigen Parlament vertreten ist. Bleibt es aber so bestehen, werden wir es mit einem sehr sonderbaren Parlamentarismus zu tun haben. Vieles ist in der Erklärung nur angedeutet und unklar in der Ausführung. Zum Beispiel die Fragen der kommunalen Selbstverwaltung, die Teilhabe der Bürger an der Ausarbeitung und Beschlußfassung von politischen Entscheidungen u.s.w. Dies alles legt nahe, daß es hier nicht um eine großangelegte Reform des politischen Systems geht, etwa um den Übergang vom einer Präsidialrepublik zu einer parlamentarischen Republik, sondern um eine punktuelle Nachjustierung des Systems zur Erlangung wichtiger und doch nur lokaler Ziele des Landes.

Wie können die vollzogenen Veränderungen auf die Lösung der Frage des Jahres 2024 Einfluß nehmen, wenn die Amtszeit von Putin als Präsident der Russischen Föderation endet?

Ich denke, diese Frage wird sich schon vor 2024 klären, faktisch sogar schon in diesem Jahr. Ein Teil der Konstruktion dürfte bis zu diesem Sommer stehen. Der Hauptteil, also vorgezogene Duma- und Präsidentschaftswahlen, könnte schon im Herbst oder im nächsten Jahre kommen. Diese Entscheidung wird anhängig von der Entwicklung im Land und in der Welt getroffen. Offensichtlich ist eins: Die von Putin vorgeschlagenen Veränderungen plus jene Veränderungen, die noch bevorstehen und von denen wir nichts wissen, zielen auf die Bewahrung der Möglichkeit für Putin, auch nach Ende seiner Präsidentschaft im Zentrum des politischen Lebens unseres Landes zu bleiben. Putin sieht darin zweifellos die Garantie für die Stabilität und nachhaltige Entwicklung Rußlands. Viele sind mit ihm in dieser Frage einverstanden, allerdings ist der Preis dieser Frage noch unklar. Und das muß beunruhigen.

Putin konstruiert jetzt eine Zukunft ohne ihn als Präsident des Landes, wo er aber weiterhin die Hauptrolle in der politischen Entwicklung spielen soll. Die institutionellen Rahmenbedingungen dieser Rolle sind bislang überhaupt nicht definiert. Es könnte die Leitung eines erneuerten Staatsrates oder der Regierung sein, wenn nicht die irgendeines anderen Organs mit neugewonnener Funktion und Gewichtung. Es liegt heute eine große Bandbreite von Optionen auf dem Tisch, und darin liegt vielleicht ja sogar der Sinn der gegenwärtigen Etappe.

Und hier geht es zum Original: https://is.gd/FNVFWd

 

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Wladimir verlor nach dem Mongolensturm und dem Aufstieg Moskaus nicht nur seine Bedeutung als Hauptstadt der vorzaristischen Rus und Sitz des Patriarchen, sondern verschwand regelrecht in der provinziellen Bedeutungslosigkeit. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Partnerstadt nach allgemeinem Dafürhalten erst wieder mit Alexander Herzen, der 1838 als Verbannter die Erlaubnis erhielt sich in Wladimir niederzulassen, wo er heiratete, Vater eines Sohnes wurde und die Lokalzeitung leitete. Kurz darauf zog der Publizist schon wieder weiter nach Moskau und überließ Wladimir wieder der Bedeutungslosigkeit, wie der Politologe Roman Jewstifejew meint.

Doch der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft läßt sich gern eines Besseren belehren. Das Buch der amerikanischen Historikerin Susan Smith-Peter „Imagining Russian Regions, Subnational Identity and Civil Society in Nineteenth-Century Russia“, erschienen 2018, nämlich bezeugt ein Wladimir auch ohne Alexander Herzen mit dem Bild auf dem Umschlag „Wladimir an der Kljasma“ von Andrej Martynow aus dem Buch „Eine Reise in Gemälden von Moskau bis zur chinesischen Grenze. Sankt Petersburg, 1819“, entstanden also vor genau 200 Jahren.

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In der Nacht fiel Schnee. Dunkel wurde es draußen und schön. Wenn nur auch die Seele ein Dach gefunden und zur Ruhe gekommen wäre. Diese peinliche Fassungslosigkeit des Alters, voll der Wehmut, zeigt sich in allem: Müdigkeit, Vergeßlichkeit, Hilflosigkeit kommen unmerklich immer näher und umzingeln dich. Da bleibt nur, sich selbst zu befehlen: Rücken gerade halten, Mut fassen, lächeln und laut auflachen bei der Frage des Enkels: „Oma, was hast du denn eigentlich vor unserer Zeitrechnung gemacht?“ – Denn nur in der Kindheit wissen wir nichts von der Zeit und glauben, wir waren und werden immer sein…

Zeilen von Tatjana Oserowa und ein Bild von Roman Jewstifejew, auf Facebook gestern gefunden und heute Ihnen mit auf den Weg gegeben als Einblick in das, was wir oft die „russische Seele“ nennen.

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Vor hundert Jahren beantwortete Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“, wie beim Diskussionsforum Prisma vorgestern von Roman Jewstifejew zitiert, die Frage nach dem Wesen der Wahrheit so: „Für die Menge das, was man ständig liest und hört… Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen.“ Heute wissen wir, der Okzident ist zwar durchaus krisenanfällig, beweist aber weiterhin seine Vitalität, und gestern erfuhren die Erlanger Gäste nun auch, wie man als ein von zwei Geschäftsleuten Anfang der 90er Jahre gegründetes und bis heute erfolgreich betriebenes Medienunternehmen in Wladimir – zunächst als Radiosender, dann als TV-Station und nun seit einigen Jahren ausschließlich als regional ausgerichtetes Internetportal – anständig Geld verdienen kann und überlebt, ohne dem Publikum und den Werbekunden ein X für ein U vorzumachen: mit ausgewogener Berichterstattung, immer an Fakten und objektiven Maßstäben ausgerichtet, angesiedelt zwischen den regierungstreuen Staatsmedien und einem fundamentaloppositionellen Journalismus. Derart viel und intensiv an einem späten Vormittag über das Wesen der russischen Medien im Spannungsfeld zwischen Politik und der Freiheit des Wortes, zwischen ökonomischen Zwängen und Berufsethos erfahren zu können, hätte der Journalist Wolfgang Mayer so nicht erwartet, und man darf gespannt sein, wie er über diese Begegnung mit seinem Wladimirer Kollegen, Chefredakteur Sergej Golowinow von Zebra-TV, schreiben wird. Dem soll hier deshalb auch nicht vorgegriffen werden.

Sergej Golowinow, Gerda-Marie Reitzenstein, Julia Obertreis, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Jutta Schnabel und Amil Scharifow

Ausgespart bleiben für heute auch viele weitere Stationen des gestrigen Tages, der seinen Höhepunkt in einem Empfang für Bürgermeisterin Elisabeth Preuß bei Gouverneur Wladimir Sipjagin in der Staatskanzlei fand, im sogenannten „Weißen Haus“ der Region Wladimir. Eine Zeitenwende – der Begriff erscheint angemessen – wenn man bedenkt, daß es in den letzten fünf Jahren, in der Regierungszeit der abgewählten Landesmutter, Swetlana Orlowa, auf politischer Ebene keinerlei Zusammenarbeit mit dem Gouvernement gab, ungeachtet all der vielen Vorstöße und Vorschläge aus Erlangen, ungeachtet der guten Tradition des Austausches und der Begegnungen unter ihren Vorgängern, Nikolaj Winogradow und Jurij Wlassow.

Wladimir Sipjagin und Elisabeth Preuß

Wladimir Sipjagin, erst vor einem Monat – übrigens mit dem Versprechen, die Pressefreiheit zu schützen und keine Drangsalierung der Medien zu dulden – in sein Amt eingeführt, erweist sich im Gespräch mit seinem Gast als umfassend informiert über die Partnerschaft und hebt nicht nur die Bedeutung des Erlangen-Hauses hervor, sondern weist auch auf die gelungene Aussöhnung zwischen den Kriegsveteranen aus beiden Städten hin und will ganz offensichtlich diese auf Ebene des Gouvernements unterbrochene Tradition fortsetzen, wobei er sich offen für jede Art der Zusammenarbeit etwa mit der Metropolregion Nürnberg oder der dortigen IHK zeigt, sich aber auch gemeinsame Projekte in den Bereichen Umwelt und Soziales oder Medizin vorstellen kann. „Da ist bei allem, was schon im Austausch zwischen unseren Städten passiert, noch viel Luft nach oben“, freut sich Elisabeth Preuß und überbringt dem Gastgeber die herzliche Einladung von Oberbürgermeister Florian Janik nach Erlangen. „Ich komme gerne“, erwidert der Hausherr, „und wir werden meinen Besuch gut vorbereiten, damit wir dann auch gleich Verträge für eine erweiterte Zusammenarbeit unterzeichnen können.“ Willkommen!

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Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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Um die 30 Millionen sollen es in Deutschland sein, die sich ehrenamtlich in Kultur, Sport, Medizin oder im sozialen Bereich, für die Jugend oder Alten, für die Umwelt oder in der Politik betätigen, von der Feuerwehr oder Bergwacht gar nicht erst zu reden. Auch und gerade die Städtepartnerschaften könnten ohne den unentgeltlichen Einsatz und die Phantasie von Ehrenamtlichen nicht das leisten, wofür wir sie so schätzen. Staat und Gesellschaft wissen, was sie an diesen Menschen haben, ohne die vieles gar nicht mehr funktionieren würde, weshalb es für sie auch Ehrungen auf allen Ebenen gibt, vom Verein bis zu staatlichen Institutionen: Erlangen etwa verleiht einen eigens geschaffenen Ehrenbrief für besondere Verdienste im Bereich der Städtepartnerschaften.

Jahr des Freiwilligen (Ehrenamtlichen) 2018

Am 5. Dezember vergangenen Jahres hat sich nun auch kraft eines Erlasses von Präsident Wladimir Putin die Russische Föderation dem Internationalen Tag des Ehrenamtes angeschlossen und 2018 gleich zum „Jahr des Freiwilligen“ ausgerufen, das auch gesetzlich diese gesellschaftlich so wichtige Arbeit unterstützen soll. Richtig sei dies, meint der Wladimirer Politologe, Roman Jewstifejew, in einem Interview, das er noch vor dem Jahreswechsel dem Regionalsender Gubernia 33 gab, und fährt fort:

Initiative von unten ist notwendig, sie bedarf unbedingt der Unterstützung. Aber tun sollte man das in kontrollierten Formen. Deshalb nimmt sich der Sache auch eine staatliche Struktur an. Der Staat hat für sich diese Möglichkeit in der Form des Ehrenamts entdeckt, wobei es hauptsächlich um junge Leute geht, die sich leichter überzeugen und manchmal sogar zwingen lassen, etwas Nützliches zu tun. Es handelt sich also um eine jener Formen, die für den Staat verständlicher und ungefährlicher als andere sind. Würden wir politische Bewegungen fördern, wäre das gefährlich. Es gilt also, Bewegungen zu unterstützen, die sich für die soziale Entwicklung als nützlich erweisen.

Noch ist das Ehrenamt – auch in Wladimir – selbst in der Entwicklung, noch herrscht die allgemeine Auffassung vor, der Staat trage für alle Bereiche der Gesellschaft die alleinige Verantwortung und Zuständigkeit, noch sieht man die Menschen fast nur zum behördlich angeordneten „Subbotnik“ im öffentlichen „Volontariat“, aber Selbsthilfeorganisationen wie „Swet“, die sich um Familien mit schwerbehinderten Kindern kümmert, sprechen für einen Aufbruch in der russischen Bürgerschaft. Hemmend wirkt leider noch der geringe Anteil von Rentnern, denn die müssen sich in der Regel etwas zu ihrem Ruhegeld hinzuverdienen, haben zumeist nicht die Mittel und Möglichkeiten wie ihre Altersgenossen in Deutschland. Aber immerhin kann nun diese „Initiative von unten“ mit dem Segen von oben bei der Gestaltung des Gemeinwesens aktiv mitwirken. Man wird sehen, wie sich dadurch Staat und Gesellschaft verändern und verbessern.

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Der Jahreswechsel ist immer auch die Zeit guter Vorsätze, die meist schon wenig später ersatzlos gestrichen werden. Da tut man gut daran, die „weißen“ Verse – das russische Gegenstück zum französischen „vers libre“ – von Roman Jewstifejew zu lesen, die er den Ungereimtheiten entlang des Lebenswegs gleich am 1. Januar entgegenstellte.

Unentwegt vorwärts

Wenn du Verse schreibst / mit ungeheurer Macht, / bedeuten die Worte nichts mehr, / und der Sinn liegt zwischen den Zeilen. / deren Zahl sich der Null annähert, / und es besiegen sie die Leerstellen – / wie vom Schnee eingeebnete, ehemals höckrige Gedanken, / und nur durch die Fenster einsamer zufälliger Buchstaben / wird besser sichtbar, / wie es dort sein mag, wo es keinerlei Worte gibt, / nur Stille, / zu der wir unentwegt unterwegs sind.

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