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Posts Tagged ‘Roman Jewstifejew’


Wladimir verlor nach dem Mongolensturm und dem Aufstieg Moskaus nicht nur seine Bedeutung als Hauptstadt der vorzaristischen Rus und Sitz des Patriarchen, sondern verschwand regelrecht in der provinziellen Bedeutungslosigkeit. Öffentliche Aufmerksamkeit erlangte die Partnerstadt nach allgemeinem Dafürhalten erst wieder mit Alexander Herzen, der 1838 als Verbannter die Erlaubnis erhielt sich in Wladimir niederzulassen, wo er heiratete, Vater eines Sohnes wurde und die Lokalzeitung leitete. Kurz darauf zog der Publizist schon wieder weiter nach Moskau und überließ Wladimir wieder der Bedeutungslosigkeit, wie der Politologe Roman Jewstifejew meint.

Doch der Dozent an der Akademie für Verwaltung und Wirtschaft läßt sich gern eines Besseren belehren. Das Buch der amerikanischen Historikerin Susan Smith-Peter „Imagining Russian Regions, Subnational Identity and Civil Society in Nineteenth-Century Russia“, erschienen 2018, nämlich bezeugt ein Wladimir auch ohne Alexander Herzen mit dem Bild auf dem Umschlag „Wladimir an der Kljasma“ von Andrej Martynow aus dem Buch „Eine Reise in Gemälden von Moskau bis zur chinesischen Grenze. Sankt Petersburg, 1819“, entstanden also vor genau 200 Jahren.

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In der Nacht fiel Schnee. Dunkel wurde es draußen und schön. Wenn nur auch die Seele ein Dach gefunden und zur Ruhe gekommen wäre. Diese peinliche Fassungslosigkeit des Alters, voll der Wehmut, zeigt sich in allem: Müdigkeit, Vergeßlichkeit, Hilflosigkeit kommen unmerklich immer näher und umzingeln dich. Da bleibt nur, sich selbst zu befehlen: Rücken gerade halten, Mut fassen, lächeln und laut auflachen bei der Frage des Enkels: „Oma, was hast du denn eigentlich vor unserer Zeitrechnung gemacht?“ – Denn nur in der Kindheit wissen wir nichts von der Zeit und glauben, wir waren und werden immer sein…

Zeilen von Tatjana Oserowa und ein Bild von Roman Jewstifejew, auf Facebook gestern gefunden und heute Ihnen mit auf den Weg gegeben als Einblick in das, was wir oft die „russische Seele“ nennen.

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Vor hundert Jahren beantwortete Oswald Spengler in seinem „Untergang des Abendlandes“, wie beim Diskussionsforum Prisma vorgestern von Roman Jewstifejew zitiert, die Frage nach dem Wesen der Wahrheit so: „Für die Menge das, was man ständig liest und hört… Drei Wochen Pressearbeit, und alle Welt hat die Wahrheit erkannt. Ihre Gründe sind so lange unwiderleglich, als Geld vorhanden ist, um sie ununterbrochen zu wiederholen.“ Heute wissen wir, der Okzident ist zwar durchaus krisenanfällig, beweist aber weiterhin seine Vitalität, und gestern erfuhren die Erlanger Gäste nun auch, wie man als ein von zwei Geschäftsleuten Anfang der 90er Jahre gegründetes und bis heute erfolgreich betriebenes Medienunternehmen in Wladimir – zunächst als Radiosender, dann als TV-Station und nun seit einigen Jahren ausschließlich als regional ausgerichtetes Internetportal – anständig Geld verdienen kann und überlebt, ohne dem Publikum und den Werbekunden ein X für ein U vorzumachen: mit ausgewogener Berichterstattung, immer an Fakten und objektiven Maßstäben ausgerichtet, angesiedelt zwischen den regierungstreuen Staatsmedien und einem fundamentaloppositionellen Journalismus. Derart viel und intensiv an einem späten Vormittag über das Wesen der russischen Medien im Spannungsfeld zwischen Politik und der Freiheit des Wortes, zwischen ökonomischen Zwängen und Berufsethos erfahren zu können, hätte der Journalist Wolfgang Mayer so nicht erwartet, und man darf gespannt sein, wie er über diese Begegnung mit seinem Wladimirer Kollegen, Chefredakteur Sergej Golowinow von Zebra-TV, schreiben wird. Dem soll hier deshalb auch nicht vorgegriffen werden.

Sergej Golowinow, Gerda-Marie Reitzenstein, Julia Obertreis, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Jutta Schnabel und Amil Scharifow

Ausgespart bleiben für heute auch viele weitere Stationen des gestrigen Tages, der seinen Höhepunkt in einem Empfang für Bürgermeisterin Elisabeth Preuß bei Gouverneur Wladimir Sipjagin in der Staatskanzlei fand, im sogenannten „Weißen Haus“ der Region Wladimir. Eine Zeitenwende – der Begriff erscheint angemessen – wenn man bedenkt, daß es in den letzten fünf Jahren, in der Regierungszeit der abgewählten Landesmutter, Swetlana Orlowa, auf politischer Ebene keinerlei Zusammenarbeit mit dem Gouvernement gab, ungeachtet all der vielen Vorstöße und Vorschläge aus Erlangen, ungeachtet der guten Tradition des Austausches und der Begegnungen unter ihren Vorgängern, Nikolaj Winogradow und Jurij Wlassow.

Wladimir Sipjagin und Elisabeth Preuß

Wladimir Sipjagin, erst vor einem Monat – übrigens mit dem Versprechen, die Pressefreiheit zu schützen und keine Drangsalierung der Medien zu dulden – in sein Amt eingeführt, erweist sich im Gespräch mit seinem Gast als umfassend informiert über die Partnerschaft und hebt nicht nur die Bedeutung des Erlangen-Hauses hervor, sondern weist auch auf die gelungene Aussöhnung zwischen den Kriegsveteranen aus beiden Städten hin und will ganz offensichtlich diese auf Ebene des Gouvernements unterbrochene Tradition fortsetzen, wobei er sich offen für jede Art der Zusammenarbeit etwa mit der Metropolregion Nürnberg oder der dortigen IHK zeigt, sich aber auch gemeinsame Projekte in den Bereichen Umwelt und Soziales oder Medizin vorstellen kann. „Da ist bei allem, was schon im Austausch zwischen unseren Städten passiert, noch viel Luft nach oben“, freut sich Elisabeth Preuß und überbringt dem Gastgeber die herzliche Einladung von Oberbürgermeister Florian Janik nach Erlangen. „Ich komme gerne“, erwidert der Hausherr, „und wir werden meinen Besuch gut vorbereiten, damit wir dann auch gleich Verträge für eine erweiterte Zusammenarbeit unterzeichnen können.“ Willkommen!

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Das Thema, das sich das Gesprächsforum Prisma bei seinem mittlerweile dritten Zusammentreffen gestern in der Wladimirer Akademie für Verwaltung und Wirtschaft stellte, erschöpfend an einem Nachmittag abhandeln zu können, auch wenn der sich – eine gute Stunde länger als geplant – bis in den frühen Abend hinein erstreckte, hatte wohl niemand in der Runde erwartet. Aber die Gastgeber, Oberbürgermeisterin Olga Dejewa und Akademieleiter Wjatscheslaw Kartuchin als Moderator, unterstützt von Fachleuten aus der Journalistik und der Wissenschaft, hatten das richtige Rezept gefunden, um alle, Deutsche und Russen, zur Frage „Objektivität von Massenmedien bei der Globalisierung“ miteinander in einen fruchtbaren Austausch von Meinungen und Argumenten zu bringen. Nur zwei Impulsreferate seitens Wladimir – von Wjatscheslaw Kartuchin und dem Politologen Roman Jewstifejew als Komoderator – sowie ein Vortrag von Wolfgang Mayer, ehemaliger Wirtschaftsredakteur der Nürnberger Nachrichten und zehn Jahre lang Mitglied des Deutschen Presserates, zu der Situation der Medien in Deutschland und weltweit.

Das Plenum von Prisma

Was Bürgermeisterin Elisabeth Preuß in ihrem Grußwort für die Erlanger Delegation als „kleine Schritte zum großen Ziel Verständigung“ bezeichnete, erwies sich rasch als ein Gang durch offene Türen. Kein noch so kontroverses Thema blieb nämlich ausgespart, von den viel zu schwachen russischen Gewerkschaften, die es nicht schaffen, wie in Deutschland, Tarifverträge für Journalisten zu erstreiten – bis hin zu den gehäuften Morden an Reportern während der letzten 20 Jahre in der Russischen Föderation. Wer bisher glaubte, die russische Medienlandschaft sei weitgehend gleichgeschaltet, sah sich am Konferenztisch einer großen Vielfalt gegenüber, von den Wladimirer Staatssendern bis hin zu den durchaus kritischen Redaktionen von Pro Wladimir und Zebra-TV oder der Position des Bloggers Kirill Nikolenko, der meinte, der Staat versuche viel zu sehr, die Medien und die öffentliche Meinung zu steuern. Demgegenüber vertrat Wjatscheslaw Kartuchin die Auffassung, seine Landsleute vertrauten gerade angesichts der überbordenden und ungefilterten Flut von Nachrichten und Meldungen mehr einer ordnenden Hand der Behörden. Strittig diese Meinung – auch unter den Gastgebern.

Die deutsche Delegation: Wolfgang Niclas, Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer, Elisabeth Preuß, Amil Scharifow und Doris Lang

Einig freilich ist man sich in der Verurteilung von Zensur, die auch das russische Grundgesetz verbietet, oder in der Beobachtung, wie das Internet zunehmend die Meinungsführerschaft übernimmt, altersunabhängig, hier wie dort. Oft zu Lasten der festangestellten Journalisten, deren Zahl aus Kostengründen in den letzten zehn Jahren, wie Wolfgang Mayer ausführte, um ein Drittel abgenommen habe. Häufig auch zu Lasten der Qualität der Berichterstattung, eine Lücke, die zunehmend von Webautoren und Bloggern gefüllt wird. Spätestens hier stellt sich dann die Frage nach der Objektivität, die, wie Richterin i.R., Gerda-Marie Reitzenstein, am Beispiel der Justiz darlegte, ohnehin auch in scheinbar übersichtlichen Sachen wie einem Verkehrsunfall vom jeweiligen Blickwinkel abhänge und schwierig einzuschätzen sei. Wie dann gezielte Falschmeldungen von Übermittlungsfehlern unterscheiden, wie klären, wer etwa richtig liege bei der Wertung dessen, was vor vier Jahren auf der Krim geschah, eine Frage, die der in Erlangen promovierte Historiker, Wolfgang Mayer, so zuspitzte: Annexion oder Beitritt nach einem Referendum?

Roman Jewstifejew, Kirill Nikolenko und Sergej Golowinow

Auf großes Interesse stieß vor diesem Hintergrund bei den Gastgebern die Einführung des Unterrichtsfachs Medienkompetenz an bayerischen Schulen. Denn, wie sich gerade als junger Mensch zurechtfinden in dem übergroßen Angebot an Information, wie Tendenzielles, Unseriöses und gar Hetzerisches von dem unterscheiden, was nicht gleich in jeden Bericht, woran Elisabeth Preuß gelegen ist, die persönliche Meinung des Autors in den Vordergrund stellt, was Fakten und Wahrheit vermittelt. Stoff genug möglicherweise für einen Journalistenaustausch, den zwischen den Partnerstädten aufzunehmen, beide Seiten anregen.

Gerda-Marie Reitzenstein, Jutta Schnabel, Wolfgang Mayer und Elisabeth Preuß

Mehr noch: Roman Jewstifejew, neben seiner Professur an der Akademie auch als Blogger und Publizist ausgesprochen aktiv, macht einen ganz konkreten Vorschlag zum Ende der Veranstaltung: ein Medienprojekt, das die Lebensverhältnisse der Menschen in Erlangen und Wladimir zum Thema hätte, eine Plattform, wo jenseits der politischen Schlagzeilen – denen will der Wissenschaftler damit ein großes Dennoch entgegensetzen – zur Sprache kommt, was die Stadtgesellschaften ausmacht und bewegt. Eine Idee, die noch auszuformulieren wäre, für die Mitstreiter nötig würden, die anzugehen aber jede Mühe lohnen könnte.

Roman Jewstifejew, Gerda-Marie Reitzenstein, Olga Dejewa, Elisabeth Preuß, Wjatscheslaw Kartuchin, Juta Schnabel (1. Reihe), Wladimir Rybkin, Julia Obertreis, Irina Chasowa, Wolfgang Niclas, Wolfgang Mayer, Alexander Illarionow und Doris Lang

Am Ende finden sich auch alle in den Worten von Julia Obertreis, Leiterin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, wieder, die an allen drei bisherigen Treffen teilnahm: „Dieses Forum ist ein Glücksfall für die Partnerschaft, und wir müssen es unbedingt fortsetzen.“ Wen wundert es da, wenn beim gemeinsamen Abendessen schon nach einem Termin für Prisma IV im Frühjahr in Erlangen gesucht wird.

P.S.: Nachzutragen bleibt noch der Ausspruch des Tages aus dem Mund von Sergej Golowinow, Chefredakteur von Zebra-TV: „Ein guter Journalist ist ein schlechter Journalist.“ Bisher nur einmal in all den Jahren seiner Tätigkeit sei er von allen in einem Bericht dargestellten Seiten gelobt worden. Oder, wie das Franz Josef Strauß einmal formulierte: „Wer everybody’s Darling sein möchte, ist zuletzt everybody’s Depp.“

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Um die 30 Millionen sollen es in Deutschland sein, die sich ehrenamtlich in Kultur, Sport, Medizin oder im sozialen Bereich, für die Jugend oder Alten, für die Umwelt oder in der Politik betätigen, von der Feuerwehr oder Bergwacht gar nicht erst zu reden. Auch und gerade die Städtepartnerschaften könnten ohne den unentgeltlichen Einsatz und die Phantasie von Ehrenamtlichen nicht das leisten, wofür wir sie so schätzen. Staat und Gesellschaft wissen, was sie an diesen Menschen haben, ohne die vieles gar nicht mehr funktionieren würde, weshalb es für sie auch Ehrungen auf allen Ebenen gibt, vom Verein bis zu staatlichen Institutionen: Erlangen etwa verleiht einen eigens geschaffenen Ehrenbrief für besondere Verdienste im Bereich der Städtepartnerschaften.

Jahr des Freiwilligen (Ehrenamtlichen) 2018

Am 5. Dezember vergangenen Jahres hat sich nun auch kraft eines Erlasses von Präsident Wladimir Putin die Russische Föderation dem Internationalen Tag des Ehrenamtes angeschlossen und 2018 gleich zum „Jahr des Freiwilligen“ ausgerufen, das auch gesetzlich diese gesellschaftlich so wichtige Arbeit unterstützen soll. Richtig sei dies, meint der Wladimirer Politologe, Roman Jewstifejew, in einem Interview, das er noch vor dem Jahreswechsel dem Regionalsender Gubernia 33 gab, und fährt fort:

Initiative von unten ist notwendig, sie bedarf unbedingt der Unterstützung. Aber tun sollte man das in kontrollierten Formen. Deshalb nimmt sich der Sache auch eine staatliche Struktur an. Der Staat hat für sich diese Möglichkeit in der Form des Ehrenamts entdeckt, wobei es hauptsächlich um junge Leute geht, die sich leichter überzeugen und manchmal sogar zwingen lassen, etwas Nützliches zu tun. Es handelt sich also um eine jener Formen, die für den Staat verständlicher und ungefährlicher als andere sind. Würden wir politische Bewegungen fördern, wäre das gefährlich. Es gilt also, Bewegungen zu unterstützen, die sich für die soziale Entwicklung als nützlich erweisen.

Noch ist das Ehrenamt – auch in Wladimir – selbst in der Entwicklung, noch herrscht die allgemeine Auffassung vor, der Staat trage für alle Bereiche der Gesellschaft die alleinige Verantwortung und Zuständigkeit, noch sieht man die Menschen fast nur zum behördlich angeordneten „Subbotnik“ im öffentlichen „Volontariat“, aber Selbsthilfeorganisationen wie „Swet“, die sich um Familien mit schwerbehinderten Kindern kümmert, sprechen für einen Aufbruch in der russischen Bürgerschaft. Hemmend wirkt leider noch der geringe Anteil von Rentnern, denn die müssen sich in der Regel etwas zu ihrem Ruhegeld hinzuverdienen, haben zumeist nicht die Mittel und Möglichkeiten wie ihre Altersgenossen in Deutschland. Aber immerhin kann nun diese „Initiative von unten“ mit dem Segen von oben bei der Gestaltung des Gemeinwesens aktiv mitwirken. Man wird sehen, wie sich dadurch Staat und Gesellschaft verändern und verbessern.

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Der Jahreswechsel ist immer auch die Zeit guter Vorsätze, die meist schon wenig später ersatzlos gestrichen werden. Da tut man gut daran, die „weißen“ Verse – das russische Gegenstück zum französischen „vers libre“ – von Roman Jewstifejew zu lesen, die er den Ungereimtheiten entlang des Lebenswegs gleich am 1. Januar entgegenstellte.

Unentwegt vorwärts

Wenn du Verse schreibst / mit ungeheurer Macht, / bedeuten die Worte nichts mehr, / und der Sinn liegt zwischen den Zeilen. / deren Zahl sich der Null annähert, / und es besiegen sie die Leerstellen – / wie vom Schnee eingeebnete, ehemals höckrige Gedanken, / und nur durch die Fenster einsamer zufälliger Buchstaben / wird besser sichtbar, / wie es dort sein mag, wo es keinerlei Worte gibt, / nur Stille, / zu der wir unentwegt unterwegs sind.

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Beim heutigen Festakt zum dreißigjährigen Jubiläum der Städtepartnerschaft Erlangen – Jena um 18.00 Uhr im Redoutensaal mit Roland Jahn, dem Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen – herzliche Einladung an alle! – wird die Dokumentation „Wege zueinander“ vorgestellt. Enthalten darin ist auch ein Artikel des Professors für Politologie, Autors und Bloggers Roman Jewstifejew aus Wladimir, der mit seinem subjektiven Blick auf die Wiedervereinigung Deutschlands hier sein Podium findet:

Roman Jewstifejew

Als jemand, der 25 Jahre in der UdSSR und 25 Jahre in Rußland lebte, insgesamt also mehr als ein halbes Jahrhundert, habe ich die Möglichkeit, darauf zurückzublicken, wie die russische Gesellschaft den Prozeß der Vereinigung der beiden Deutschlands aufnahm. Dabei kann man, wie ich meine, mindestens drei Etappen definieren, wie dieses so außerordentlich wichtige, gesamteuropäische Ereignis aus russischer Sicht gewertet wird.

Die erste Etappe von 1988 bis 1998 kann man als Übergang vom Gefühl des Mitwirkens an einem großen Ereignis hin zu einer gewissen Enttäuschung bezeichnen. Ende der 80er Jahre glaubte man in der UdSSR, die Geschehnisse in Deutschland seien nur der Auftakt zu noch bedeutenderen Ereignissen im eigenen Land. Der Glaube war groß, die Träume, die sich für die europäischen Nachbarn erfüllt haben, müßten auch zur Verwirklichung aller Sehnsüchte der Sowjetmenschen führen. Dabei träumte man von ebenso einfachen wie widersprüchlichen Dingen: Leben und Konsum sollten so sein wie im „idealen Westen“. Damals meinten die Leute, man brauche sich nur vom planwirtschaftlichen Parteisystem befreien, und dann werde sich alles von selbst ergeben. Der geheimnisvolle und unbekannte Markt werde es schon richten, wie das einst Adam Smith postuliert hatte.

Eben deshalb zeigten die Sowjetbürger Ende der 80er Jahre nicht nur viel Anteilnahme, sondern freuten sich aufrichtig mit den Deutschen über die Möglichkeit, ihren langgehegten Traum von einer geeinten Nation zu verwirklichen. Darüber hinaus konnte man diese Vereinigung für sich genommen als mächtigen außenpolitischen Schlag ins Kontor des sowjetkommunistischen Systems verstehen, dessen längst alle schon überdrüssig waren. Es bedurfte scheinbar nur noch eines Schlags von innen, um das Modell zum Einsturz zu bringen und zu erleben, wie an seiner Stelle auf wunderbare Weise eine neue staunenswerte Welt entsteht.

Bekanntermaßen vereinten sich die beiden Deutschlands, während die UdSSR zerfiel, ohne daß diese neue staunenswerte Welt entstanden wäre. Im Gegenteil: Anfang der 90er Jahre erlebte Rußland eine der tragischsten Perioden seiner Geschichte, als die Wirtschaft ebenso zusammenbrach wie das Sozialsystem oder die Bereiche Bildung und Wissenschaft. Eine gewisse Zeit verlor denn auch das Thema der Wiedervereinigung Deutschlands an Bedeutung, an seine Stelle traten die inneren Probleme des Überlebens. Doch Mitte der 90er Jahre hatten sich die Menschen ein wenig von den Erschütterungen erholt und begriffen nun, daß man die Wiedervereinigung Deutschlands insgesamt als großen Erfolg der deutschen Nation zu betrachten hatte, während es um das neue, unabhängige Rußland viel schwieriger stand. Dessen ungeachtet entwickelten sich die Beziehungen zu Deutschland damals recht freundschaftlich. Der Umstand, dass Rußland und seine Regionen Unterstützung seitens des deutschen Volks erhielten, ließ in der zweiten Hälfte der 90er Jahre in der russischen Gesellschaft ein Gefühl der Enttäuschung und sogar Verärgerung mit Blick auf die eigenen Probleme und Mißerfolge aufkommen, gerade auch vor dem Hintergrund dessen, was die europäischen Nachbarn erfolgreich zuwege brachten.

In der zweiten Etappe von 1999 bis 2008 sucht sich diese Frustration einen Ausweg und Lösungsansatz in den Bereichen Politik, Kultur und Ideologie. Allmählich – und nicht nur unter dem Einfluß der Staatsmacht – nehmen die Russen gegenüber der sie umgebenden Welt einen aggressiveren und feindseligeren Standpunkt ein. In der Gesellschaft reift ein greifbares Unbehagen wegen der Stellung, die Rußland nach der Transformation einnimmt, die doch ihrem Wesen nach den Übergang vom kommunistischen System zum demokratischen Modell hätte leisten sollen. Doch die Ergebnisse dieses Transits hatten sich für die Mehrheit der Russen als ganz unkenntlich erwiesen. In dieser Situation entwickelten sich nun bei einem Teil der Bevölkerung nicht nur eine UdSSR-Nostalgie, sondern auch recht starke Gefühle des Ressentiments an der Schwelle zum Revanchismus bei den extremen Anhängern der Wiedergeburt des Großmachtdenkens.

In diese Etappe fallen zwei bedeutende Erklärungen des Präsidenten der Russischen Föderation, Wladimir Putin. 2005 charakterisierte der den Zerfall der UdSSR als die „größte geopolitische Katastrophe des vergangenen Jahrhunderts“. Zwei Jahr später hielt er auf der Sicherheitskonferenz in München eine scharfe Rede, voller Vorwürfe an die westlichen Partner und mit der Definierung der neuen Position Rußlands in der Welt als Großmacht, die danach strebt, in dieser Welt zu einem Machtzentrum zu werden. Diese Worte gründeten nicht nur in der persönlichen Sicht des Präsidenten, sondern er brachte damit die bei einem großen Teil der Russen wiedergeborenen Großmachtgefühle zum Ausdruck.

Die dritte Etappe ab 2009 beschreitet dann festen Schrittes den Weg des Ressentiments. Dabei ist es schwierig zu sagen, wer voranging und wer den Anstoß gab: Putin der Gesellschaft oder die Gesellschaft Putin. Ihren Höhepunkt fand diese Entwicklung jedenfalls in den Ereignissen von 2014 auf der Krim. Durchaus möglich, daß eines der Motive der Kremlstrategen darin zu finden ist, eine eigene erfolgreiche „Wiedervereinigung“ zu erreichen, wie das Deutschland Ende der 80er Jahre gelungen war. Es ist dies auch die Zeit, wo die Idee vom russischen Volk als dem „zerstreutesten“ Volk dieser Welt aufkommt. Sprich, dieses durch Staatsgrenzen geteilte und zerstreute Volk müsse man im Rahmen eines Landes wiedervereinen. Und zur Lösung dieses Problems seien fast alle Mittel recht. Ich halte mir hier mit dem „fast“ ein Hintertürchen offen, denn auf offizieller Ebene beschreibt sich die Politik Rußlands als voll und ganz übereinstimmend mit dem internationalen Recht. Doch die tatsächliche Umsetzung dieser Politik versteht ebensowenig wie die die öffentliche Mehrheitsmeinung das internationale Recht als eine Instanz, die in Fragen der nationalen Wiedergeburt / Revanche eine übergeordnete Rolle spielt.

So kommt es, daß die Vereinigung einer Nation, die in der Politik Deutschlands in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine so große Rolle spielte, Anfang des 21. Jahrhunderts ihre russische Spezifik zu gewinnen beginnt. Diese Prozesse sind natürlich überlagert von wirtschaftlichen und politischen Besonderheiten Rußlands, von den eigenen Schwächen und einigen unangenehmen Zügen. Insgesamt, kann man sagen, verfestigt sich in den Köpfen der Russen in dieser Etappe die Frage danach, warum es den Deutschen – und das auch noch mit voller Rückendeckung der UdSSR – möglich war, sich zu vereinen, während dem russischen Volk dies verwehrt bleibe.

Ich weise darauf hin, daß diese Frage so noch nirgendwo formuliert wurde, vielmehr leite ich sie ab aus der gegenwärtigen Atmosphäre in der Gesellschaft, wie ich sie empfinde. Deshalb auch mein Hinweis im Titel auf den subjektiven Charakter meiner Gedanken, die keinen wissenschaftlichen Anspruch erheben. Doch eine ähnliche Idee äußerte Putin in dem Interview, das er kürzlich Oliver Stone gab: „Die Hauptsache liegt darin, daß sich nach dem Zerfall der Sowjetunion 25 Millionen Russen über Nacht im Ausland wiederfanden, und das ist wirklich eine der größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts.“

Es ist offensichtlich, wie der Staatspräsident auf die Ereignisse am Ende des 20. Jahrhunderts abhebt, als eine Nation wieder zusammenfand, während die andere zu einem „zerstreuten“ Volk wurde. Diese Logik Putins kommt in großen Teilen einer Bevölkerung entgegen, die jene Katastrophe, die Suche nach neuer Orientierung, die Enttäuschungen, das Ressentiment und neue, bisher ganz unbestimmte Hoffnungen auf die Entstehung einer russischen Nation durchlebt hat.

Das moderne Rußland betrachtet Deutschland natürlich schon lange nicht mehr als Feind, als potentiellen Gegner, vielmehr blickt Rußland auf seiner Suche nach einem würdigen Leben unentwegt nach Westen und vergleicht seine neueste Geschichte mit den Entwicklungen der europäischen Staaten. Dabei sind die Russen sehr empfänglich für alle Fälle, die sie als Phänomene historischer Ungerechtigkeit empfinden. Ich hoffe, daß das Zusammenleben auf dem europäischen Kontinent und die aktive Zusammenarbeit uns ein besseres Verständnis füreinander und die Lösung aller schwierigen Probleme zwischen unseren Ländern ermöglichen.

Roman Jewstifejew, aus dem Russischen von Peter Steger

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