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Posts Tagged ‘Reiner Schulz’


„Eine derart leidenschaftliche Rede von einem Politiker für Friede und Verständigung hätte ich nicht erwartet. Ich bin zutiefst von seiner Emotionalität beeindruckt und freue mich über sein Bekenntnis zur Partnerschaft“, bekannte Jurij Iwatko nach dem Grußwort von Florian Janik, der gestern abend die Eröffnung der Ausstellung „Pulverfässer 1914 / 2014“ zum Anlaß nahm, auf zwei ganz aktuelle Bezüge zum Motto der Veranstaltung hinzuweisen: Auf die bereits heute im Eilverfahren notwendige Aufnahme von etwa 300 Flüchtlingen aus der unzumutbar überfüllten zentralen Einrichtung in Zirndorf, die man zunächst notdürftig in Zelten unterbringen müsse. Aber auch auf den unerklärten und unerklärlichen Krieg im Osten der Ukraine.

Jurij Iwatko, Florian Janik und Jelena Jermakowa

Jurij Iwatko, Florian Janik und Jelena Jermakowa

Desto wichtiger die Teilnahme von Wladimirer Künstlern an der Ausstellung, desto wichtiger die gegenseitige Einladung zum Austausch und Dialog. Desto herzlicher auch der Beifall für Jurij Iwatko und seine Frau Jelena Jermakowa, also Florian Janik die russischen Freunde dem vielköpfigen Publikum vorstellte. Denn zumindest in den Räumen des Kunstvereins Erlangen will niemand Krieg. Auch und gerade nicht Jurij Iwatko, der im Gespräch mit Erlangens Oberbürgermeister seine zwei Verwandten, die im Zweiten Weltkrieg verwundet wurden, und die Freunde, die traumatisiert aus dem Afghanistan-Krieg zurückkehrten. Deshalb auch sein Bekenntnis: „Das letzte, was ich will, ist Krieg. Krieg ist eine tragische Sackgasse. Friede der einzige Weg.“ Und zur aktuellen Situation in der Ukraine: „Jetzt ist es an der Zeit, nicht danach zu fragen, wer die Schuld an der Entwicklung trägt, sondern wie man die Gewalt aufhalten kann!“

Reiner Schulz und Jurij Iwatko mit der Skulptur "Requiem" von Igor Tschernoglasow

Reiner Schulz und Jurij Iwatko vor der Skulptur „Requiem“ von Igor Tschernoglasow aus Wladimir

In der von Reiner Schulz initiierten Ausschreibung zum Projekt wird George F. Kennan mit seinem berühmten Ausspruch zitiert: „Die politische und militärische Lage in Europa glich 1914 einem Pulverfaß, und es brauchte nur einen vergleichsweise kleinen Anlaß, um die europäische Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts auszulösen.“ Was dann im Text folgt, widerlegt jeder Schuß im Osten der Ukraine auf dramatische Weise: „Heute ist die Feindschaft zwischen den Völkern in Europa überwunden, und Freundschaft ist gelebte Normalität. Kriege im damaligen Sinne sind unvorstellbar geworden. Aber auch heutzutage sind wieder Pulverfässer vorhanden, z.B. in der Wirtschaft und in der Finanzwelt.“ Wenn das nur so wahr geblieben wäre!

Karin Lippert und Michael Jordan

Karin Lippert vom Kulturprojektbüro und Zeichner Michael Jordan

Reiner Schulz macht denn auch in seiner Rede keinen Hehl daraus, kalt erwischt worden zu sein von der Entwicklung zwischen Rußland und der Ukraine, zwischen Ost und West. Aber auch enttäuscht worden zu sein, daß es nicht gelungen ist, Künstler aus Rennes zur Teilnahme an der Ausstellung zu gewinnen. Eigentlich nämlich war die Schau als eine künstlerische Trikolore gedacht; nun ist halt eben ein deutsch-russisches Projekt daraus geworden.

Katalog zur Ausstellung "Pulverfässer 1914 - 2014"

Katalog zur Ausstellung „Pulverfässer 1914 – 2014“

Und eines, das zu sehen lohnt! 53 Künstler, davon sechs aus Wladimir, haben mehr als einhundert Arbeiten aller denkbaren Techniken und Stilrichtungen eingereicht, 20 davon wurden von der Jury für die Ausstellung ausgewählt, aber sie alle sind in dem ansprechend gestalteten zweisprachigen (Dank und Lob an Anna Makarowa und Nadja Steger für die Übersetzungen!) Katalog enthalten, der für 10 Euro zu erwerben ist.

Stadträtin Ursula Lanig im Gespräch mit Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Stadträtin Ursula Lanig im Gespräch mit Jurij Iwatko und Jelena Jermakowa

Jurij Iwatko ist zwar stolz, erstmals an einer Ausstellung in Europa teilnehmen zu können, aber gleich so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen, entspricht dann doch nicht ganz seinem Naturell. Was er mit seiner Kunst ausdrücken will, das erklärt er freilich gern im persönlichen Gespräch anhand seines Triptychons „Schematische Anatomie der Aggression“. Teil 1, die „willkürliche Form“, zeigt ein Stück Leinwand, in Zinn gegossen, wo noch alle Formen unberührt, zu allem bereit wirken. Teil 2, „Eindringen“ oder „Invasion“, kündet mit dem gewaltsamen Vormarsch von Waffen gegen die Sphäre der Leinwand von der bevorstehenden Zerstörung, und Teil 3, „Spuren der Gewalt“, stellt den Betrachter vor das Chaos, wo die ursprüngliche Ordnung ebenso verloren scheint wie die Waffen zerbrochen sind: „Es kann keine Sieger geben“, so das Fazit des Künstlers. „Im Krieg verlieren alle!“

Beryll Höfling, Geschäftsführerin der Kulturstiftung, die das Projekt unterstützt hat, und Hannelore Heil-Vestner, ehemalige Vorsitzende des Kunstvereins Erlangen

Beryl Höfling, Geschäftsführerin der Kulturstiftung, die das Projekt unterstützt hat, und Hannelore Heil-Vestner, ehemalige Vorsitzende des Kunstvereins Erlangen

Nicht ungenannt sollen auch die Künstler aus Wladimir bleiben, deren Beiträge zum Projekt nicht (noch bis zum 27. September) in der Ausstellung  zu sehen, aber im Katalog zu entdecken sind: Jelena Sacharowa-Starowerowa mit dem Triptychon aus Emaille auf Holz „Frieden in Rothenburg“, „Frieden in Wladimir“, „Frieden für alle“; Anatolij Demjanow mit dem Diptychon „Der Kampf“ und „Die Konfrontation“ in Sepia auf Papier; Ludmila Chosjaschewa mit den beiden Papierarbeiten in Mischtechnik „Laßt ihn leben…“ und „Traum“ sowie Dmitrij Cholin mit den beiden Werken in Holz, Glas und Öl „Die Bezwingung“ und „Das Geheimnis“.

Hier der Video, den das Ehepaar aus Wladimir zur Eröffnung der Ausstellung gedreht hat: https://yadi.sk/i/35_P4Mk3bYD6i

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