Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Radtouren Rußland’


Niemand brauchte gestern abend im Kulturpunkt Bruck frieren, aber nicht alle hatten noch Platz in dem überfüllten Saal gefunden, einige wurden wegen Überfüllung wieder hinaus in die dunkle Kälte geschickt, bevor Walter Költsch – zum zweiten Mal in Erlangen – seinen live kommentierten Reisefilm „Eiskalt – Mit dem Fahrrad durchs Baltikum nach Rußland“ vorstellte. Ein Roadmovie, der von Erlangen über Görlitz, via Masuren, Tallinn, Sankt Petersburg und Jaroslawl – auch auf manchen zum Teil unpassierbaren Umwegen – bis nach Susdal, Wladimir und Moskau führt und in gut zweieinhalb Stunden eine Strecke von etwa 4.000 km mit Bildern und Eindrücken bewältigt, die den Zuschauer nicht nur an überwältigenden Landschaften und faszinierenden Städten teilhaben läßt, sondern vor allem an stets offene und hilfsbereite Menschen so hautnah heranführt, daß man deren Atem zu spüren meint, ihrer Seele so nahe kommt, als wäre man ihnen selbst begegnet.

Walter Költsch

Ein etwa zwanzigköpfiger Trupp war es, der kurz vor Ostern 2013 Peter Smolka auf seiner am Ende viereinhalb Jahre dauernden und sich über 80.000 km erstreckende Tour de Friends um die Welt mit Stationen in allen Partnerstädten Erlangens begleitete, im Gepäck Grußbotschaften vom damaligen Oberbürgermeister, Siegfried Balleis, an seine Kollegen auf dem ganzen Erdenrund. Das erste Ziel, Wladimir, erreichten dann aber nur noch vier: besagter Peter Smolka, Gertrud Härer, Jörg Gruner und eben Walter Költsch, der diese Reise nach zweijähriger, unfallbedingter Zwangspause mit zwei geschienten und genagelten Unterarmen antrat, und für den die Fahrt zur bisher kältesten werden sollte.

Getrud Härer, Anneliese Martin, Walter Költsch und Peter Steger

Warum die kälteste, erklärt sich rasch: Im Knoblauchsland erfror in jenem Frühjahr 2013 das Gemüse, in der Fränkischen Schweiz lag Schnee, und bis weit über das Baltikum hinaus hatte die Equipe mit winterlicher Witterung und vor allem einem eisigen Gegenwind zu kämpfen. Aber wiedergeben läßt sich das nur anhand der Bilder des Films, anhand der kopfschüttelnden Menschen am Wegrand und anhand der Frage: „Warum tut ihr euch das an?!“

Nadja Steger

Seine Antwort wird Walter Költsch noch einmal, am 14. November, geben, wenn er um 19.30 Uhr im Redoutensaal mit seinem Vortrag das diesjährige Fernwehfestival eröffnet. Wer diesen einzigartigen Film bisher noch nicht gesehen hat, sollte sich diese vielleicht letzte Gelegenheit nicht entgehen lassen. Eine jedenfalls wird wieder, dann schon zum dritten Mal, im Publikum sitzen, die zur ersten Vorführung fast schon hatte zwangsverpflichtet werden müssen, bis sie – bereits im Vorspann – bemerkte, daß einige kurze Sequenzen auch Piszowo zeigen, jenes Städtchen auf halber Strecke zwischen Jaroslawl und Wladimir, wo ihr Vater geboren wurde und sie als Kind immer wieder die Ferien verbrachte. Mehr als zwanzig Jahre hatte Nadja Steger dieses kleine Stück Heimat nicht mehr gesehen, und nun das: Peter Smolka, Deutschlands wohl bekanntester Weltumradler, Gertrud Härer, eine der weltweit besten Langstreckenläuferinnen, Jörg Gruner, mit seinem Wisch-Handy der findigste Pfadfinder zwischen Franken und dem Ural und – bei all den Pannen – unverzichtbare Fahrradmonteur, sowie Walter Költsch, der unübertroffene Chronist und kurzweiligste Kommentator von Extremtouren rund um den Globus – ausgerechnet dieses Dreamteam legt einen Zwischenhalt in dem russischen Allerweltsdorf Piszowo ein, das für die Wahlerlangerin für immer ein Teil ihrer Kindheit bleibt. Das verbindet – und verpflichtet bis zum nächsten Auftritt von Walter Költsch, zu dessen Homepage mit all den übrigen Terminen und Themen es hier geht, ohne Frostbeulen und Schneegestöber, zum Mitreisen: https://walters-verrueckte-reisen.de

Read Full Post »


Auf die bei allen Begegnungen während der fast fünfwöchigen Radtour im Spätsommer vergangenen Jahres gestellte Frage nach dem Woher und Wohin antwortete Gertrud Härer eines Tages im Baltikum nur noch mit „Moskau“, weil doch kaum jemand etwas mit Erlangens Partnerstadt anfangen konnte. „That’s not easy!“ gab der Radfahrerin da einmal jemand zurück, als hätte er gewußt, was die – mit allen Umwegen – gut 3.200 km lange Strecke bis Wladimir so alles an Herausforderungen für die Einzelkämpferin bot: Platzregen mit unvermutet unpassierbaren Wegen oder Irrungen von Wegweisern und Navigationssystem, aber überall mit freundlichen und zuvorkommenden Menschen in Stadt und Land, mit denen die Kommunikation auch bei fehlenden Sprachkenntnissen bestens funktionierte. Ganz neu – die Blog-Leser wissen es – war für die Ausdauersportlerin die Strecke nicht, denn sie hatte vor fast fünf Jahren schon Peter Smolka auf der ersten Etappe seiner Weltumradlung bis nach Wladimir begleitet und konnte gestern abend vor dem Plenum im Großen Saal der Volkshochschule eindrucksvoll Bilder von damals, in jenem endlos kalten und unerwartet schneereichen Frühjahr 2013, mit Aufnahmen kontrastieren, die im August und September 2017 entstanden.

Jonas Eberlein, Gertrud Härer und Othmar Wiesenegger

Die Zielangabe Moskau hatte aber ja auch noch einen tieferen Grund. Von dort war der Radbotschafterin bis nach Wolokolamsk „Erlangens Mann in Moskau“, Jonas Eberlein, entgegengekommen, um sie, mit einer Freundin auf dem Tandem, bis in die russische Hauptstadt – mit Zwischenhalt in der Botschaft – und weiter nach Wladimir zu begleiten, wo dann beide, von der kleinen Delegation um Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens erwartet, am ersten Halbmarathon in der Sportgeschichte der Partnerstadt teilnahmen, alles nachzublättern im Reiseblog https://gertrud.haerer.org. In der Erlanger Gruppe auch Othmar Wiesenegger mit seiner Kamera, der mit seinen stimmungsvollen Bildern den zweiten Teil des Abends bestritt und von seiner neuen Freundschaft zum Kollegen Wladimir Fedin erzählte, dessen Bilder ab Montag in den Räumen der Erlanger Nachrichten zu sehen sind.

Das Plenum im Großen Saal füllt sich

Mit dem gestrigen Doppelvortrag endeten die diesjährigen „Russisch-Deutschen Wochen“ im 35. Jahr der Städtepartnerschaft – mit einem neuen Besucherrekord. Insgesamt 550 Teilnehmer an den verschiedenen Veranstaltungen vermeldet die Statistik, eine Zahl, die nicht nur das Konzept der Volkshochschule mit dem Zwei-Jahres-Turnus bestätigt, sondern auch als Ausweis für die Vielfalt des Austausches zwischen Erlangen und Wladimir gelten darf.

Read Full Post »


Gertrud Härer ist Wiederholungstäterin. Im Frühjahr 2013 brach sie mit Peter Smolka zu dessen Tour de Friends via Erlangens Partnerstädte um die Welt auf und begleitete ihn zusammen mit Walter Költsch und Jörg Gruner bis zur ersten Etappe – Wladimir. Als die Ausdauersportlerin Ende April vom Halbmarathon erfuhr, der am 10. September erstmals in der russischen Partnerstadt ausgetragen wird, beschloß sie, nicht nur an dem Laufwettbewerb teilzunehmen, sondern dafür schon mal im Sattel zu trainieren und wieder mit einer kleinen Gruppe gen Osten zu fahren.

Walter Költsch, Gertrud Härer, Max Smolka, Jörg Gruner und Peter Smolka

Ob es nun zu kurzfristig war und die meisten ihre Jahresplanung schon unter Dach und Fach hatten, oder ob der weite Weg und die Kombination mit dem Halbmarathon abschreckten, wissen wir nicht. Jedenfalls meldete sich niemand zu der Tour, für die auch der Blog Werbung machte. Für Gertrud Härer freilich gilt das Motto „selbst ist die Frau“, und so sagte sie sich: „Dann fahre ich eben allein.“

Gertrud Härer, gesehen von Jonas Eberlein

Immerhin fanden sich zwei Radfahrer, die zu Beginn und gegen Ende der Strecke mitstrampeln: Heiner Helfenbein, schon vor vier Jahren mit im größeren Begleittrupp dabei, der spätestens in Polen wieder umkehrte, bleibt bis Mittwoch bei der Stange und dreht dann wieder um; Jonas Eberlein wartet dann vor Moskau und bleibt die letzten 300 Kilometer bis Wladimir dabei, wo er dann auch am Laufwettbewerb teilnehmen will.

Gertrud Härer mit Tochter Julia

Gestern um 8.45 Uhr ging es dann los – mit der Verabschiedung auf dem Rathausplatz. Noch eine letzte Umarmung mit Tochter Julia, noch ein wenig Wegzehrung von Doris Höhle, die mit ihrem Mann Klaus – 2013 und 2014 – bereits zwei Radtouren nach Wladimir unternommen hat, noch beste Wünsche für eine gute Fahrt…

Gertrud Härer und Doris Höhle

„Schon verrückt“, zitierte Florian Janik bei der Verabschiedung Stimmen aus dem Blog von Gertrud Härer, freilich mit Respekt vor der sportlichen Leistung in der Stimme und ließ sich dann den Streckenverlauf erläutern.

Florian Janik und Gertrud Härer

Über Danzig nach Litauen und Lettland, über den Grenzübergang bei Zilupe rein in die Russische Föderation, dann quer rüber nach Osten. Moskau will Gertrud Härer nördlich umfahren und am 7. September nach 3.200 Kilometern in den Pedalen am Ziel ankommen,  wenn auch die anderen Erlanger, eine siebenköpfige Gruppe unter Leitung von Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, eintreffen.

Florian Janik und Gertrud Härer

Bevor es losgehen kann, überprüft aber Erlangens Oberbürgermeister noch die Gültigkeit des Visums für die Russische Föderation und überreicht schließlich der Langstreckenradlerin ihr Dokument.

Florian Janik und Gertrud Härer

Bange ist ihr nicht vor der Strecke, auch nicht davor, kein Russisch zu sprechen. Sie weiß sich zu helfen, und „bei Radlern sieht eh jeder, was gebraucht wird.“ Damit hat Gertrud Härer buchstäblich Erfahrung.

Heiner Helfenbein, Florian Janik, Gertrud und Julia Härer

Behindern könnte sie nur der viele Regen, der in diesem Sommer in Zentralrußland fällt und der schon Klaus und Doris Höhle veranlaßte, ihre diesjährige Reise ab dem Ural um eine Woche zu verkürzen. Da tröstet vielleicht die Lektüre von „Masse und Macht“ des immer wieder erhellenden Elias Canetti als geistige Wegzehrung:

Der Regen fällt in vielen Tropfen. Man sieht sie und man sieht ganz besonders ihre Richtung. In allen Sprachen spricht man davon, daß er fällt. Man sieht den Regen in vielen parallelen Strichen, durch die Zahl der fallenden Tropfen wird die Einheit ihrer Richtung betont. Es gibt keine Richtung, die dem Menschen mehr Eindruck macht als die des Falles; alle anderen haben, damit verglichen, etwas Abgeleitetes, Sekundäres. Der Fall ist, was man von frühauf am meisten fürchtet und wogegen man im Leben zuerst gewappnet wird. Man lernt, sich davor zu hüten; ein Versagen hier ist von einem gewissen Alter ab lächerlich oder gefährlich. Der Regen ist, im Gegensatz zum Menschen, das, was fallen soll. Nichts fällt so häufig und vielfach wie der Regen.

Gertrud Härer und Heiner Helfenbein

Wir behaupten hingegen: Es ist genug des Regens gefallen in diesem Sommer, und günstige Winde mögen Gertrud Härer begleiten auf ihrem langen und einsamen Weg nach Wladimir, den sie uns miterleben läßt in ihrem Blog: http://gertrud.haerer.org

Read Full Post »


Gerhard Behr-Rößler erreichte vorgestern auf seiner Radtour vom Baltikum nach Wladimir die Zielgerade – alleine, ohne Panne, ohne Zwischenfall und in nur gut zwei Wochen. Da versteht man den Möhrendorfer, wenn er kurz vor der Rückreise mit dem Flugzeug in die Heimat durchgibt:

Froh über das Geleistete und dankbar dafür, erst mal nicht mehr strampeln zu müssen, stellte ich das Fahrrad im schönen Erlangen-Haus in Wladimir in die Garage. Nach Moskau mit dem Rad weiterzufahren, hat man mir ausgeredet wegen des hohen Verkehrsaufkommens.

Radtour 17

Interessant war der Kontakt zu Pfarrer Sergej Sujew von der Rosenkranzgemeinde. Die Erzdiözese Bamberg unterstützt die Katholiken beim Bau eines Übernachtungshauses.

Radtour 16

Der Priester gibt mir ein Dankeschön mit auf die Reise, gerichtet an Erzbischof Ludwig Schick und an die Erlanger Gemeinden. die mit unterstützen.

Radtour 15

Gerhard Behr-Rößler und Sergej Sujew

Übrigens: Im Erlangen-Haus hat es mir gut gefallen: schönes Zimmer, super Frühstück und freundliche, deutschsprechende Mitarbeiterinnen.

Und hier geht es zu den vorangegangenen Etappen der Tour: https://is.gd/gF7mUz und https://is.gd/q61trR

Read Full Post »


Gerhard Behr-Rößler ist auf seinem Weg vom Baltikum am Ziel, in Wladimir, angekommen. Aber die Bilder und Meldungen, die der Soloradfahrer schickt, sind noch von der Strecke, etwa aus Jaroslawl, etwa aus Jaroslawl, jener historischen Stadt, die den Möhrendorfer stark beeindruckt hat, auch mit ihrer Größe und ihren 650.000 Einwohnern.

Jaroslawl

Jaroslawl

15 km rein und 15 km wieder raus – durch den dichten Verkehr, das war nicht einfach. Über Iwanowo ging es weiter nach Susdal, Partnerstadt von Rothenburg o.d.T.

In Susdal

Gerhard Behr-Rößler in Susdal

Das war ich schon meiner Verwandtschaft schuldig . Meine Frau stammt nämlich aus Rothenburg. Und es hat sich ja auch wirklich gelohnt: ein ganz interessantes Landschaftsbild und viele herausragende Kulturgüter.

foto_topfall

Wenig Respekt vor Kulturgütern zeigte gestern morgen das Wetter in Wladimir. Eines der heuer so häufigen Sommergewitter tobte über der Partnerstadt mit Platzregen, Hagel und Sturmböen. Da kommt es einem Wunder gleich, wenn es nur bei umgestürzten Bäumen, abgedeckten Dächern und nassen Füßen blieb.

Co84eWCXEAA-Hwn

Auch die Sorge um das Erlangen-Haus erwies sich – trotz allem: dem Himmel sei Dank! – als grundlos. Irina Chasowa, die Geschäftsführerin der „deutschen Botschaft“ in Wladimir, konnte beruhigen: „Nur das Internet war kurzfristig ausgefallen, im Keller stand für einige Zeit das Wasser, und zur Arbeit brauchte ich statt einer Viertelstunde fast eine ganze Stunde.“

-CsCRbLa420

Mindesten ein Opfer ist dann aber doch zu beklagen. Eine bis dato unbekannte Untermieterin des Erlangen-Hauses ist im Keller ertrunken, eine Maus, die wohl besser die Seepferdchenprüfung abgelegt hätte. Aber auch Mäuse sind meist erst hinterher klug – oder eben mausetot.

Read Full Post »


Er spricht kaum Russisch, war noch nie zuvor im Land und ist jetzt doch ganz allein mit seinem Fahrrad vom Baltikum aus auf dem Weg nach Wladimir. Gerhard Behr-Rößler aus Möhrendorf bei Erlangen, bereits eine gute Woche unterwegs, rechnet damit, Anfang August in der Partnerstadt anzukommen, wo ihn schon der Fahrradklub Weles mit seinem Vorsitzenden, Gennadij Stachurlow, erwartet. Von der Strecke schickte der Langstreckenradler gestern nun erste Bilder und Eindrücke.

Radtour 6

Am zweiten Tag viel Gegenwind, dafür finde ich den Europa-Radweg E 10, landschaftlich und kulturell interessant. Was ich schon im letzten Jahr beobachtet habe: Die Esten besitzen einfache Anwesen auf dem Land. Darum herum jedoch große Rasenflächen, so gepflegt wie auf dem Golfplatz . Der Geruch nach nassem Gras und offenem Feuer liegt fast immer in der Luft.

radtour-5

Vor 75 jahre begann der Überfall auf die Sowjetunion. Schon in Estland – und später noch mehr in Rußland – wird man überall daran erinnert Auf dem Bild ein deutscher Soldatenfriedhof in Estland. Auf den Stelen sind Name, Geburtsdatum, Todestag der Soldaten eingemeißelt. Viele sind mit 20 oder 21 Jahren gestorben. Mein Vater mußte mit 21 Jahren in diesen grausamen Krieg ziehen und ist nach der Gefangenschaft Gott sei Dank zurückgekehrt. Ich hingegen absolvierte mit 21 Jahren meinen Zivildienst. Hier, in Narva, eine Gedenkstelle für sowjetische Soldaten.

radtour-4

Sankt Petersburg in zwei Tagen: erst mit dem Touristenbus dann zu Fuß. Am besten ging’s mit dem Fahrrad. Hier nur ein Bild aus dem Eremitage-Museum: Alles ist ein bißchen größer als daheim in Möhrendorf.

radtour-3

Weil es reinwärts in die Stadt so schwierig war, fahre ich mit dem Zug hinaus Richtung Ladoga-See. Alles ein Abenteuer: die Fahrkarte kaufen, den Zug finden, das Fahrrad verstauen, obwohl ich auch eine Fahrkarte für das Rad gekauft habe. Dafür umso gemütlicher in dem Fernreisezug, wo jeder ein Bett hat, immer wieder Tee serviert wird und viel Kontakt entsteht.

radtour-2

Vom Ladoga-See geht es 350 km auf der A 114, vergleichbar mit einer Bundesstraße, mit viel Verkehr weiter. Der Randstreifen ist breit. So, wie der Verkehr an einem vorbeizieht, ziehen auch die Gedanken vorüber.

radtour-1

Die Abzweigung zum Rybinsker Stausee bringt mich in eine Landschaft, wie ich sie von zu Hause kenne. Hier wird Getreide angebaut, während es an der Bundesstraße entlang nur Wald und Sumpf gegeben hatte. Hier ist die Natur schön, die Dörfer sind gepflegt, die Holzhäuser und die Gartenzäune bunt bemalt.

Radtour

Gerhard Behr-Rößler

 

Read Full Post »


Es genügt ein Blick in die Augen des Ehepaars Klaus und Doris Höhle, um zu das Freudestrahlen nie wieder zu vergessen und zu verstehen, warum die beiden als bisher einzige Erlanger zum zweiten Mal in Folge per Fahrrad eine Rußlandreise via Wladimir bis in die Mongolei unternommen haben. Wenn vor einem Jahr zu Beginn noch die eine oder andere Befürchtung oder Sorge in den Packtaschen mitfuhr – immerhin befand man sich selbzweit in einem Land, dessen Sprache man nur radebrechte, dessen Menschen, Bräuche und Dimensionen noch etwas Fremdes hatten -, so wußte man im April diesen Jahres bei der Abreise, worauf man sich einließ und fand sich in den Erwartungen nicht enttäuscht: überall eine überwältigende Gastfreundschaft, selbstlose Anteilnahme, ungekünsteltes Interesse, neue Freundschaften. Gründe genug für dieses Leuchten in den Augen.

Doris und Klaus Höhle in Wladimir

Doris und Klaus Höhle in Wladimir

Wie im Vorjahr nahmen die Radnomaden zunächst die Strecke bis Litauen und feierten mit großem Hallo ein fröhliches Wiedersehen mit vielen Wirtsleuten von damals. Der kleine Umweg über das Baltikum erspart die zeitraubende und kostenpflichtige Beantragung eines Visums für Weißrußland und bietet darüber hinaus mehr Abwechslung. An der lettisch-russischen Grenze ging es dann entlang der M 9 Richtung Moskau. Die Hauptstadt mit ihrem Verkehrsgewühl blieb freilich abseits der Route, die über Klin, Dmitrow, Sergijew Possad und Koltschugino nach Wladimir führte, wo wieder Michail und Nadeschda Tschischow den Erlangern Obdach boten. Allerdings waren die Gastgeber an dem Tag auf einer Beerdigung und hinterlegten darum den Schlüssel zur Wohnung bei Anna Makarowa im Rathaus der Partnerstadt. Und so stellten die Ankömmlinge ihre Räder in die Garage und warteten in aller Ruhe auf die Gastgeber, die am Abend kamen. „Ein irres Gefühl“, erinnert sich Doris Höhle.

Doris und Klaus Höhle bei den Freunden in Wladimir

Doris und Klaus Höhle bei den Freunden in Wladimir

Und dann erst das Wiedersehen mit den Freunden und der Abend, als man stundenlang mit Oberbürgermeister Sergej Sacharow am Tisch saß, der sich, selbst begeisterter Rennradfahrer, alles haarklein erzählen ließ, selbst von seinen Strecken berichtete und eigentlich eine Ausfahrt mit den Gästen unternehmen wollte, wäre es nicht schon dunkel gewesen. Da war es dann nicht mehr weit zum Vorschlag, doch in der Region Wladimir zu bleiben, denn hinter Tjumen hörten angeblich die befestigten Straßen auf, und überhaupt ließe es sich rund um die Partnerstadt viel müheloser radeln. Doch die Durchreisenden hatten ihren Zeitplan und ein Ziel, von dem sie sich nicht abbringen ließen, dem sie sogar den Besuch im Erlangen-Haus opfern mußten.

Nadeschda Tschischowa, Doris Höhle, Sergej Sacharow, Michail Tschischow und Klaus Höhle

Nadeschda Tschischowa, Doris Höhle, Sergej Sacharow, Michail Tschischow und Klaus Höhle

Anderntags noch ein kurzer Aufenthalt bei weiteren Freunden in Bogoljubowo, die gleich für die nächste Station ein Quartier besorgten, wo man die Deutschen schon auf der Dorfstraße erwartete. Zu Hause dann bog sich der Tisch vor Speisen ungeachtet des Hinweises, man sei doch nicht zum Essen gekommen, brauchte nur einen Platz, wo man den müden Kopf hinlegen konnte. Aber das wäre eben nicht russische Gastfreundschaft, und so erlebte man ein Familientreffen mit, das den Gästen zuliebe eigens vorgezogen worden war, goß miteinander im Garten die Gemüsebeete, bekam vom Familienoberhaupt mit dem Auto die Kreisstadt Wjasniki gezeigt – „mit einem wahnsinnigem Blick über die Kljasma“, entdeckte eine geheimnisvolle Kirche im Wald, sammelte Pilze und Heidelbeeren: „Wir lebten wie im Paradies. wären am liebsten geblieben. Wildfremde Leute, die so nett zu uns waren. Und das hat uns durch ganz Rußland verfolgt!“

Doris und Klaus Höhle unterwegs

Doris und Klaus Höhle unterwegs

Nischnij Nowgorod, die Metropole an der Wolga, umfuhren Klaus und Doris Höhle, Kasan aber wollten sie sehen. Doch dazu muß man 20 km rein- und wieder 20 km rausfahren, eine gewaltige Stadt, wo die Erlanger aber einen Russen trafen, der Schwäbisch sprach, weil er mal in Deutschlands Südwesten gearbeitet hat, wo ihnen ein Mitglied des lokalen Motorrad-Klubs eine Unterkunft für gerade einmal 1.000 Rbl. besorgte – und das in der Stadtmitte. Die Jungs mit den schweren Maschinen, konnten es nicht fassen, wie man unmotorisiert auf zwei Rädern solche Strecken zurücklegen konnte und – harte Schale, weicher Kern – schlossen die neuen Freunde ins Herz. Mehr noch, sie nahmen die beiden in ihre eigene Welt auf und reichten sie weiter an ihre Rocker-Kollegen in Tscheljabinsk, wo eine Bleibe zu ähnlich günstigen Bedingungen auf die Radfahrer wartete. „Überhaupt“, wirft Klaus Höhle ein, „sah man uns kleine Radler dort wie die größten an, vor allem mich, wo doch die russischen Männer so früh sterben, während ich mit meinen 75 Jahren noch munter durch das größte Land der Erde strample.“

Doris und Klaus Höhle bei neuen Freunden

Doris und Klaus Höhle bei neuen Freunden

In Tscheljabinsk dann wieder das gleiche Bild: Man gab den Durchreisenden Adressen für die Übernachtung auf der Strecke nach Jekaterinburg mit. So fand sich einmal unter dem Code-Namen „Larissa“ ein ganzes Haus mit Sauna, exklusiv für die beiden, eingedeckt mit Lebensmitteln für Tage im voraus, an einem See im militärischen Sperrgebiet gelegen. Eine Journalistin wollte eigentlich darüber schreiben, ließ es dann aber doch bleiben, eben weil die Deutschen da ja eigentlich gar nicht hätten sein dürfen… In Jekaterinburg schließlich trafen sie zum ersten Mal auf einen Miesling, der ihnen nur unwirsch Quartier anbieten wollte. Doch das Papier von Denis, einem der hilfsbereiten Biker von unterwegs, wirkte Wunder: Wie umgewandelt war da der Herbergsvater plötzlich, machte alles möglich, stand schier stramm. Und schon nach einer halben Stunde war wieder eine Journalistin bei den Gästen und drehte eine der drei Dokumentationen. „Woher die nur immer wußten, wo wir waren?!“

Die Weite des Landes

Die Weite des Landes und des Himmels

Am Stadtratnd von Krasnojarsk rief dann einmal Anna Makarowa aus dem Wladimirer Rathaus an. Wenn auch der Empfang schlecht war, sprachen die beiden doch gern einmal wieder mit einer bekannten Stimme auf Deutsch. Aber dann waren sie schon wieder umringt von Menschen, die den Bericht über die radelnden Deutschen im Fernsehen verfolgt hatten. „Überall haben uns Leute angehalten, wollten mit uns reden, wollten ein Bild mit uns machen.“ Und immer wieder diese Gastfreundschaft. In einem Motel winkte von einem Fenster aus ein Paar den Radfahrern zu und wollte dann für die Übernachtung gar kein Geld nehmen. Nicht einmal für das Essen und das Bier ließ man die Gäste zahlen. „Der Wahnsinn!“

Taiga

Die Weite der Taiga

Wahnsinnig heiß konnte es aber auch werden. Bis zu 40° C in Sibirien. Und dann all die Höhenmeter, die bis Irkutsk zu schrubben waren. Bei hoher Luftfeuchtigkeit. Erträglich oft nur dank der vielen Einladungen von der Straße weg. Auch wenn noch nicht genug Kilometer gemacht waren, gab es oft kein Weiter. Je einsamer die Strecke, desto mehr Gastgeber. In Sibirien kein Widerspruch. Mal ging es ärmlich zu mit Plumpsklo, mal luden reiche Familien ein. Ein angehender Pfarrer engagierte seine Schwester als Dolmetscherin und ließ die Gäste nicht ziehen, bevor sie nicht in ihre übervollen Packtaschen auch noch eine Flasche russischen Meßweins gesteckt hatten.

Höhles 8

Die Weite der Strecke: Krasnojarsk, Irkustk, Tissul

Oft traf man Nachkommen von Wolga-Deutschen, deren Vorfahren von Stalin hierher verbannt worden waren und die nun, voller Freude über zwei „echte“ Deutsche, als ihre Hilfsbereitschaft aufboten, ein paar Brocken Deutsch auskramten. Mir einmal schlugen sie mit der gebotenen Höflichkeit ein Übernachtungsangebot aus, nämlich in einem verfallenen Kloster, das, betreut von einem Mönch, zu einem Siechenheim umfunktioniert war und Männlein und Weiblein in getrennten Stuben schliefen.

Irkutsk (geradeaus),

Irkutsk (geradeaus), Manilowsk (links) und Wladimir (rechts). Wer hätte das gedacht! In Sibirien gibt es auch ein Wladimir!

Begeisterung in Irkutsk. Ein moderne Stadt mitten in der Taiga – und ein Zusammentreffen mit einer deutschen Touristengruppe, darunter ein Ehepaar aus Neunkirchen am Brand. So klein ist die Welt auch im größten Land der Erde! In Irkutsk wurde dann auch der dritte Film mit den beiden Helden aus Erlangen gedreht, bevor es weiter an den Baikal ging. „Man hatte uns geraten, die Insel Olchon mit all den Touristen zu meiden, und so nahmen wir lieber die Knüppelstrecke Richtung Mongolei“, berichtet Klaus Höhle. Und man tat wohl gut daran, weil hier alles ursprünglicher und echter war. An der Strecke dann auch gleich wieder Einladungen, etwa zu einem 55. Geburtstag. Als die Höhles am andern Morgen wieder in den Sattel stiegen, waren die Gastgeber noch immer am Feiern und überschütteten die Ziehenden mit Geschenken.

Überholmanöver

Überholmanöver

„Eine traumhafte Gegend, fruchtbare Schwarzerde, im Garten ist alles gewachsen bei einem so kurzen Sommer“, schwärmt Doris Höhle noch immer. So einsam war es am Ostufer des Baikals, daß man auch einmal allein in einem Naturfreundehaus überachtete. Dann wieder „großartige Freundlichkeit, überall wird man begrüßt!“ Und dann die Jugendgruppe, ebenfalls auf Rädern, deren Leiter fragte, wo man denn in Ulan-Ude übernachten wolle. Er gab sich schließlich als Pfarrer zu erkennen und bot in der Hauptstadt Burjatiens Unterkunft an. „Wir fühlten uns immer behütet und wurden von guten Händen an andere gute Hände weitergereicht,“ blickt Doris Höhle zurück. Und ihr Mann ergänzt: „Wir haben die Menschlichkeit erlebt, fernab der Politik mit all ihren Mißverständnissen und Streitereien.“

Doris Höhle am endlosen Wasser

Doris Höhle und die Weite des Wassers

Aber es gab auch befremdliche Momente. Die Grenze zur Mongolei sei dicht wie weiland die der DDR, mit Stacheldraht bewehrt, wundert sich das Ehepaar. Man dürfe sie gar nicht per Rad passieren. Aber findige Zöllner wissen einen Ausweg. Es gibt Lotsen, die mit Schnüren die Fahrräder auf dem Dach ihrer Autos mehr oder weniger für die kurze Strecke zwischen den Ländern befestigen und dafür einen kleinen Obolus entgegennehmen, von dem sie wohl später einen Teil an die Grenzschützer abzuführen haben. Hauptsache es geht weiter. In Mongolei winkte es dann den beiden aus jedem Auto entgegen. „Da ist es schon gut, wenn man einhändig fahren kann, denn man mußte ja immer zurückwinken!“

Doris und Klaus Höhle zu Gast bei Mongolen

Doris und Klaus Höhle zu Gast bei Mongolen

Freilich ist dort der Verkehr alles andere als dicht. Noch in Irkutsk hatten die Höhles von einer Frau eine mongolische Sim-Karte geschenkt bekommen, hilfreich bei der Suche nach einer Jugendherberge in Ulan-Bator, wo der überaus freundliche Wirt die Radkisten für den Heimflug besorgte. Die Fracht kostete übrigens gerade einmal 100 $ per Fahrrad, und dann war da ja auch noch der Vertreter von Aeroflot, der bemerkte, wie schwer sich die junge Frau am Schalter mit den ungewöhnlichen Passagieren tat, sich einschaltete und dann zu erkennen gab, selbst aus der Nähe von Wladimir zu stammen. Da war es dann nicht mehr weit zu der Aussage: „Freunden muß man helfen!“ – und zu einem Abschied mit Umarmungen.

Doris Höhle und der russische Wasserspender

Doris Höhle und der russische Wasserspender

Nach 106 Tagen, davon dreizehn Ruhetage, und 9.676 km mit nur zwei Speichenbrüchen und ohne Plattfuß ziehen Klaus und Doris Höhle ein Fazit, das Freude macht:

Sattelwechsel für Klaus Höhle

Sattelwechsel für Klaus Höhle in der Weite der mongolischen Steppe

Egal wie die Politik sein mag, wir können jedem empfehlen, nach Rußland zu fahren. Man muß sich nur trauen, darf keine Angst vor dem Fremden haben. Die Menschen sind freundlich, hilfsbereit, gerade auch jenseits des Urals. In Omsk hat uns einmal ein Radler bis zum Bankomaten begleitet, obwohl er zur Arbeit mußte, und dann kam da auch noch einer im Auto vom örtlichen Radklub angefahren, der wollte, daß wir länger bleiben. Er hat uns aus der Stadt begleitet und mit Getränken versorgt. Die Straßen sind fast durchgängig frisch asphaltiert, die Autofahrer und besonders die Lastwagenfahrer sind unerwartet rücksichtsvoll. Alle haben Obacht auf uns gegeben,. Es war, als wäre immer jemand da, der über uns wacht, wir haben uns beschützt gefühlt, obwohl wir in der Fremde waren. Aber dazu hat vielleicht auch beigetragen, daß wir eine deutsche und eine russische Fahne am Rad hatten.

Mehr zu Klaus und Doris Höhle im Blog bei Eingabe ihrer Namen in die Suchmaske unter unter http://www.hoehles-challenge.de

Read Full Post »

Older Posts »

%d Bloggern gefällt das: