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Posts Tagged ‘Projekt Blauer Himmel’


Der Samstagvormittag gehört im Erlangen-Haus den Kindern. Ebenso erstaunlich wie erfreulich die Weiterentwicklung des pädagogischen Programms. Im August 2017 hatte Anna Lesnjak eine Fortbildung am Goethe-Institut in Moskau gemacht, und schon wenige Wochen später startete sie mit der Zwerglgruppe.

Man merkt es dem Großen Saal im Erlangen-Haus an: Das Unterrichtsmaterial zeigt spielerische Elemente, und die Lehrerin geht denn auch mit spielerischem Ernst ans Werk.

Man merkt es den Kindern an: kein Zwang, keine Unlust. Sie freuen sich auf den Unterricht und sind mit Eifer bei der Sache.

Wer erinnert sich noch, wie diese beiden Maskottchen heißen?

Mit einem Ball bringt Jekaterina Ussojewa alle ins Spiel. Wer ihn zugeworfen bekommt, stellt sich vor und wirft ihn dann weiter. Das ging gestern schwuppdiwupp, denn es waren nur fünf gekommen. Wo denn die andere Hälfte abgeblieben sei, fragt der Gast. „Die feiern noch den 8. Mai und die Butterwoche“, kommt prompt zur Antwort. Auch recht, wenn Festtage als Entschuldigungsgrund genügen.

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Jekaterina Ussojewa

Nachhilfe brauchen die Kleinen aber noch in Sachen Erlangen. Was das für eine Stadt ist, wo sie liegt, was sie mit Wladimir zu schaffen hat, wissen noch nicht alle. Aber, wer weiß, in fünf oder sechs Jahren kommt ja vielleicht schon die eine oder der andere per Schüleraustausch in die deutsche Partnerstadt und erinnert sich dann an diese kleine Einführung.

Peter Steger und die Zwerglgruppe

Während sich dann der Unterricht wieder dem eigentlichen Stoff – den Jahreszeiten und der Rechtschreibung – zuwendet, wartet draußen der tauende Rest des Winters.

Und wo könnte man den schöner erleben als in Susdal, wohin man für gerade einmal 100 Rubel in knapp einer Stunde mit dem Linienbus fahren kann – mit Stehplatz. Eng an eng, denn in Rothenburgs Partnerstadt gibt es etwas zu erleben: das Winteraustreiben, die Butterwoche, die Masleniza, den Höhepunkt des russischen Karnevals.

Von dem bunten Spektakel gibt es hier http://www.facebook.com/peter.steger.5492 mehr zu sehen.

Peter Steger und Sergej Skuratow

Besonders schön aber am Rand des Volksfestes: Freunde wiedersehen, wie den Bildreporter Sergej Skuratow, der die Partnerschaft seit Anfang der 90er Jahre mit seiner Kamera begleitet.

Sergej Sacharow und Peter Steger

Und natürlich Sergej Sacharow, Stadtdirektor von Susdal und bis vor dreieinhalb Jahren Oberbürgermeister von Wladimir, der sich den ganzen Nachmittag Zeit nimmt, um seine Wintermärchenstadt zu zeigen. Aber auch, was ihm besonders am Herzen liegt: das Wohl von behinderten Kindern, deren Zentrum die Stadtverwaltung nach Kräften unterstützt, etwa durch die teilweise Übernahme der Kosten für die Heizung oder des pädagogischen Personals. Ansonsten aber funktioniert die Einrichtung ganz ähnlich wie in Deutschland die Lebenshilfe.

Und dann der Höhepunkt: die Wohnung zum Lebenlernen. Eben erst eröffnet. Heute ziehen die ersten fünf behinderten Jugendlichen für zwei Wochen ein, um hier einzuüben, wie sie für sich selbst sorgen, ein selbstbestimmtes Leben führen können.

Möglich wurde dies dank dem Engagement der Selbsthilfegruppe Swet, die ja seit ihrer Gründung vor einem Vierteljahrhundert eng mit Erlangen zusammenarbeitet und in Wladimir bereits Wohnungen dieser Art einrichten konnte – mit Unterstützung der fränkischen Freunde. So auch hier: Die Finanzierung des Projekts wurde möglich dank dem Verkauf eines Grundstücks – zwischen Wladimir und Susdal gelegen -, das aus Mitteln des Erzbistums Bamberg angekauft worden war, um dort eine erlebnispädagogische Einrichtung für behinderte Kinder zu schaffen. Dieses Vorhaben wurde dann in Penkino unter dem Namen „Blauer Himmel“ verwirklicht, das Bauland blieb eine Brache und ging an die Organisation Swet, die ihrerseits dort ein kleines Kinderdorf errichten wollte. Als sich auch diese Pläne zerschlugen, fiel die Entscheidung für den Verkauf, und aus dem Erlös konnte nun in Susdal – mitten im Zentrum der Stadt, gegenüber dem Marktplatz, in bester Lage – ein ganzes Haus saniert und behindertengerecht eingerichtet werden.

Guten Morgen

Viele Umwege waren nötig, um an dieses Ziel zu kommen. Aber es hat sich gelohnt, nicht aufzugeben. Jeder Morgen wird daran erinnern. Möge jeder Morgen ein guter Morgen für die jungen Gäste des Hauses werden!

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Am 12. September berichtete wladimirpeter hier im Blog über das Zentrum „Blauer Himmel“ in Penkino:

Wegen neuer föderaler Gesetze, die eine unmittelbare Anbindung von Reha-Einrichtungen an die jeweils zuständige Klinik fordern, wurde der „Blaue Himmel“ in Penkino geschlossen. Die Kinder sollen aber nach ihrer Behandlung in der Psychiatrie oder ihrem Aufenthalt in einer sozialen Einrichtung auch in Zukunft zur Rehabilitation und erlebnispädagogischen Nachsorge ein neues Dach, ebenfalls außerhalb Wladimir in naturnaher Lage finden.

Mehr war dazu im September nicht zu erfahren, für mich Grund genug, bei meinem Besuch vom 11. bis 19. Oktober der Sache weiter nachzugehen. Ich bekam erfreulicherweise schnell einen Termin bei der Leitung des Gesundheitswesens der Regionalverwaltung und erfuhr, man plane tatsächlich die Fortführung eines Rehazentrums, allerdings wegen der gesetzlich geforderten unmittelbaren Anbindung an die zuständige Klinik auf dem Gelände der Psychiatrie Nr.1 in Wladimir. Das dazu vorgesehene Gebäude bedarf aber noch einer umfassenden Renovierung, weshalb mit einer Eröffnung erst in einigen Jahren zu rechnen ist.

Offen bleibt die Frage, ob in einer innerstädtischen Einrichtung dann das Konzept der Natur- und erlebnispädagogischen Rehabilitation überhaupt fortgesetzt werden kann, was ja die Grundlage der Arbeit in Penkino schuf. Zudem ist zu befürchten, die für Penkino gespendeten Spielsachen sowie die Geräte und Materialien für Sport, Camping, Wanderung und Skilanglauf könnten zwischenzeitlich ungenutzt verrotten und unbrauchbar werden. In offener und freundlicher Diskussion kamen wir deshalb zu dem Ergebnis, die Materialien besser einer bereits bestehenden Einrichtung im Umland von Wladimir zur unmittelbaren Weiterverwendung zu überlassen. Nach Rücksprache mit dem Schulamt der Partnerstadt bot sich dafür ein Internat für Waisenkinder mit Behinderungen im Landkreis Sudogda an.

Das Heim in Luchtonowo

So fuhren dann am nächsten Tag Julia Arsenina, stellvertretene Direktorin des Gesundheitswesens, Viktoria, eine Mitarbeiterin des Schulamtes, und ich zu dem 40 km von Wladimir entfernt liegenden Internat in Luchtonowo. Wir wurden von der Direktorin, Jelena Winogradowa, erwartet und herumgeführt. In einem gut erhaltenen Gebäude in parkähnlicher Landschaft leben hier 64 Kinder, behinderte Voll- und Sozialwaisen, 7 bis 17 Jahre alt. Die Kinder mit leichten bis schweren Behinderungen werden von Pädagogen, Sozialpädagogen sowie je einem Psychologen und einem Sportlehrer rund um die Uhr betreut. Der Sportlehrer betreibt nach Aussage der Direktorin besonders gerne Aktivitäten in den umliegenden Wäldern, was unseren Intentionen entgegenkommt.

Wir sahen kleine Klassenzimmer im laufenden Unterricht mit bis zu 15 Schülern, eine Bibliothek, eine Sporthalle und ein Behandlungszimmer für die psychologische Betreuung. Auch Kochen und Wäschewaschen stehen auf dem Lehrplan. In einer kleinen Werkstatt erlebten wir Kinder beim Polstern und Reparieren von einrichtungseigenen Stühlen, im Hintergrund eine Reihe von Nähmaschinen.

Die Direktorin zeigte sich beglückt von den unerwarteten, neuen Möglichkeiten, sie sprach von einem vorgezogenen Weihnachtsgeschenk für ihre Kinder. Die Gesundheitsbehörde der Region und das Schulamt sagten den umgehenden Transfer der Materialien zu, und ich hoffe, bei meiner für das Frühjahr 2018 vorgesehen Reise Vollzug vermelden zu können!

Julia Arsenina, Viktoria, Wolfram Howein und Jelena Winogradowa

 

Alle Beteiligten in Erlangen und vor allem auch in Wladimir hätten sich lieber einen Fortgang der Arbeiten in Penkino gewünscht. Aber immerhin kamen in den neuneinhalb Jahren seit Januar 2008 mehr als 4.000 Kinder, manche davon mehrfach, für jeweils zwei Wochen nach Penkino und erfuhren dort liebevolle Zuwendung und Pädagogik in freier Natur. Mir bleibt, allen Beteiligten und Helfer in den Partnerstädten herzlich zu danken sowie alles Gute für die nun in Penkino nicht mehr beschäftigten engagierten Pädagogen, Ärzte und Schwestern zu wünschen.

Durch die Übergabe an das Internat in Luchtonowo konnten wir schließlich die bestimmungsgemäße weitere Verwendung der Geräte und Materialien sicherstellen, der Blaue Himmel hat so zu mindestens vorübergehend eine neue Heimat gefunden. Die Erlanger Wladimir-Freude werden auch diese Einrichtung hilfsbereit begleiten und sicherlich die Psychiatrie Nr. 1 nicht minder unterstützen, wenn es in ein paar Jahren zu einer wie auch immer gearteten Neuauflage kommt.

Wolfram Howein

Nachtrag: Die seit 40 Jahren bestehende Einrichtung hat eine recht informative Plattform im Internet, freilich bisher nur in russischer Sprache: https://is.gd/eo7Tdw

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Eine abwechselungsreiche Woche liegt vor mir, als ich mit Günther Allinger, Gesamtleiter der Barmherzigen Brüder Gemsdorf, am 3. Oktober pünktlich um 15.15 Uhr am Moskauer Flughafen Domodjedowo ankomme. Wir wollten mit dem Zug nach Wladimir fahren und hatten geplant, den Zug um 20.05 Uhr zu nehmen. Doch alles geht überraschend schnell, schon nach 15 Minuten sind wir durch die Kontrollen, das Gepäck ist auch bald da, und wir erreichen den Airport-Express um 16.30 Uhr, der uns in die Stadt zum Pawelezkij-Bahnhof bringt. Zwei Stationen mit der Metrolinie 5, und wir sind am Kursker Bahnhof, wo wir noch den Schnellzug um 18.25 Uhr nach Wladimir erwischen.

Nach einem Sonntag bei Freunden auf der Datscha hatte ich dann Gelegenheit, Olga Dejewa zu treffen, die gerade zum neuen Stadtoberhaupt von Wladimir gewählt worden war. So wurde ich ihr erster ausländischer Besucher und konnte ihr Briefe mit Glückwünschen aus Erlangen, besonders von unserem Oberbürgermeister, Florian Janik, übergeben.

Olga Dejewa und Wolfram Howein

Olga Dejewa und Wolfram Howein

Ich traf sie allerdings in ihrer Eigenschaft als Vorsitzende des Roten Kreuzes Wladimir, ein Amt, das sie im Frühjahr 2016 wegen der neuen politischen Aufgabe abgeben wird. Ich wollte mich über den Fortgang des Projektes „Ambulantes Hospiz“ informieren, das vom Erlanger Förderverein zur Unterstützung des Roten Kreuzes in Wladimir gesponsort wird. Neben Olga Dejewa nahmen an dem Gespräch der Projektkoordinator, Wladimir Prosor, eine Mitarbeiterin des Krankenhauses Nr. 5 und zwei Pädagoginnen einer medizinischen Schule für Pflegeberufe teil, die auch die ehrenamtlichen Helfer für die Hospizarbeit ausbilden sollen. Wladimir Prosor berichtete über den Stand des Projektes. Weil Hospizarbeit im russischen Gesundheitswesen Neuland bedeute, sei es schwer, an potentielle Patienten heranzukommen.

Anders die Situation bei den Helfern. Von den 1.500 Studenten der medizinischen Schule haben sich bereits 60 Freiwillige gemeldet. Die beiden Pädagoginnen berichteten über ihre Arbeit mit den Ehrenamtlichen, wobei auch psychische Probleme im Umgang mit den Patienten und deren Familien zum Ausbildungsprogramm gehören. Diese jungen Leute machen keine umfassende medizinische Behandlung, sondern sie sollen vorwiegend soziale Hilfe für die Kranken leisten. Die medizinische Behandlungen sollen durch Kooperationsverträge mit den Kliniken abgedeckt werden, mit einer Klinik ein solches Abkommen bereits abgeschlossen. Mit viel Engagement wurde einiges erreicht, es bleibt aber noch viel zu tun. Die weitere Förderung durch den Erlanger Förderverein wird auch davon abhängen, ob es gelingt, zunehmend russische Sponsoren zu gewinnen.

Bei einem überregionalen, russischen Fachtreffen hat eine der Pädagoginnen das Projekt vorgestellt. Man ist der Meinung, Wladimir leiste mit diesem Projekt landesweit Pionierarbeit.

Ohne einen Besuch in unserem Kinder-Reha-Zentrum „Blauer Himmel“ ist eine Reise von mir nach Wladimir nicht denkbar. Günther Allinger und ich fuhren also nach Penkino, wo man sich gerade auf eine neue Gruppe von Kindern vorbereitete. Gemeinsam mit Wasilij und Marina, zwei der Pädagogen, konnten wir die Anlage besichtigen und aktuelle Problem diskutieren. Die beiden sind mit viel persönlichem Engagement dabei, die Anlage zu verschönern. Lebensgroße Tierfiguren, ein kleines Holzhaus, eine Bauernstube und anderes sind Bastelarbeiten, die mit den Kindergruppen angefertigt und in der Anlage aufgestellt werden.

Blauer Himmel

Blauer Himmel

Die Pädagogen erzählten auch über ihre Außenaktivitäten, z. B. Wanderungen in den umliegenden Waldgebieten mit interessanten und spannenden Aufgaben für die Kinder. Marinas Teilnahme an der Winteruniversität Erlebnispädagogik im Bayerischen Wald hat neue Ideen und Anregungen gebracht! Schließlich besichtigten und testeten wir die von den Erlanger Pfadfindern errichteten Stationen auf dem Erlebnispfad. Kompliment, die Jungs aus Erlangen haben gute Arbeit geleistet!

Das Zentrum „Blauer Himmel“ ist jetzt fast sechs Jahre in Betrieb, trotzdem gibt es immer noch etwas zu verbessern. In der für die kalte Jahreszeit so wichtigen Werkstatt fehlt es nach wie vor an Ausstattung und Werkzeugen, auch der Gemeinschaftsraum bedarf noch medialer Aufrüstungen. Schließlich kommt die Versorgung des Zentrums mit Material für Basteln und Werken immer noch zu kurz. Wir haben gemeinsam mit den Pädagogen eine Wunschliste erstellt, die aus noch vorhandenen Restspenden befriedigt werden soll.

Erlebnispfad im Blauen Himmel

Erlebnispfad im Blauen Himmel

Da der „Blaue Himmel“ als Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik in Penkino an der Kljasma seine dauerhafte Heimat gefunden hat, ist das vor mehr als zehn Jahren aus Spenden erworbene Grundstück – in einem Dorf zwischen Wladimir und Susdal an der Nerl gelegen – nicht mehr nötig. Das Grundstück sollte daher an die Elterninitiative Swet übertragen werden (der Blog berichtete schon mehrfach über diese Organisation). Ein Grund für unsere Reise, bei der wir die Besonderheiten der russischen Bürokratie, noch verstärkt durch die Behandlung in zwei Sprachen, kennenlernen konnten. Protokolle von Besprechungen und Beschlüssen, Übergabeverträge und Kopien der Pässe wollten ins Russische übersetzt und mit zahlreichen Unterschriften und Stempeln vor den Augen einer Notarin versehen werden. Mit diesen Dokumenten konnten dann Ljubow Katz (als Vorsitzenden der Elternvereinigung Swet) und Günther Allinger (als Vorsitzender der Stiftung Lichtblick) das Übergabeprotokoll unterzeichnen. Inzwischen wurde das Grundstück rechtsverbindlich der Elterninitiative überschrieben, wie der Blog bereits am 29.10. berichtete.

Swetlana Schelesowa und Günther Allinger

Swetlana Schelesowa und Günther Allinger

Wie bei fast allen meinen Reisen hatte ich auch diesmal wieder Gelegenheit, mich in die Sprachkurse des Erlangen-Hauses einzubringen. Es gab sehr interessante und lange Diskussionen über die aktuelle Lage mit viele Fragen über Deutschland und unsere Situation mit den vielen Flüchtlingen aus moslemischen Ländern. Auch viele Russen sehen vor dem Hintergrund all der Ethnien in der Kaukasus-Region den Islam als Bedrohung.

Schließlich hatte ich noch tiefergehende Gespräche über die Situation des Erlangen-Hauses. Trotz eines Rückgangs der Teilnehmer an den Sprachkursen können wir wirtschaftlich ein ausgeglichenes Ergebnis für das Jahr 2015 erwarten. Hilfreich dabei im Hotelbetrieb nach wie vor eine zu erwartende Auslastung von mehr als 50 %.

Wolfram Howein

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Der gestern hier aufgegriffene Gedanke von Klaus Springen findet zwar in der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir jeden Tag seinen anschaulichen Ausdruck, aber er ist einfach zu schön, um ihn nicht noch einmal zu zitieren: „Vielleicht war die Reise auch ein Exempel für die, die in ihrem Kämmerlein ihre Vorurteile pflegen. Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Wladimir fahren!“ Das nämlich hat Ende Juli eine neunköpfige Pfadfindergruppe vom Stamme Asgad vor, um, einer Idee von Oberbürgermeister Florian Janik folgend, im Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik Blauer Himmel gemeinsam mit russischen Studenten einen „Pfad der Sinne“ anzulegen. Da war bei dem gestrigen Treffen im Blockhaus noch vieles im Werden und Entstehen, aber mit Hilfe von Wolfram Howein, dem ehrenamtlichen Berater des Blauen Himmels zeichneten sich rasch erste Konturen ab: Welches Werkzeug, welche Ausrüstung, welchen Finanzrahmen man brauche… Alles Fragen, bei deren Lösung aber auch Stadtrat Helmut Wening, im „Nebenehrenamt“ überdies Erster Vorsitzender des Förderkreises der Pfadfinder vom Stamme Asgard, behilflich sein will.

Sergej Sagitow, Wolfram Howein und Helmut Wening mit dem größeren Teil der Reisegruppe vom Stamm Asgard

Sergej Sagitow, Wolfram Howein und Helmut Wening mit dem größeren Teil der Reisegruppe vom Stamm Asgard

Nach einem gut einstündigen Trainingslauf im Sebalder Forst ebenfalls dabei Sergej Sagitow, der gestern mit der sechsköpfigen Vorhut – weitere vier Gäste reisen heute an – des munteren Wladimirer Laufvereins Bodrost eingetroffen ist und die Sentenz von Klaus Springen partnerschaftlich wendet und spiegelt: „Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Erlangen fahren!“ Das tun die Sportler nun schon zum vierten Mal in Folge, um am morgigen Winterwaldlauf in der Brucker Lache teilzunehmen, mit alten wie neuen Gesichtern, in einer Stadt, die, wie es der Nordische Geher und Delegationsleiter, Anatolij Mitrofanow, so schön ausdrückt, „uns zur zweiten Heimat geworden ist, wo wir uns bei Freunden wohlfühlen.“

Angekommen im Hause Stackmann

Angekommen im Hause Stackmann: Sergej Satiow, Olga Sagitowa, Nikolaj Petrow, Chankischi Emirgamsajew (sitzend) und Anatolij Mitrofanow, Lilia Samjatina, Manuela und John Stackmann

Für dieses Gefühl weiß bestens das Ehepaar Manuela und John Stackmann zu sorgen, in deren Haus die lauffreudigen Freunde ein Willkommensessen erwartete – und natürlich jede Menge Läuferlatein über all die vielen Wettkämpfe, hinter und vor den Sportlern liegend. Hauptsache: nicht zu ernst und keinesfalls verkrampft angehen, schön locker bleiben. Deshalb heute nur ein paar leichte Trainingsrunden, damit die Beine morgen dann sicher über alle Runden und rasch ins Ziel tragen. Und wenn noch einige Zuschauer zu den Läufen – über 15 km um 13.00 Uhr und über 10 km um 15.15 Uhr – kommen wollten, würde das die Stimmung sicher nur noch weiter aufhellen. Deshalb mehr zu der Veranstaltung hier: http://www.winterwaldlauf.de

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„Wenn wir von Erlangen sprechen, meinen wir Deutschland, und wenn wir von Deutschland sprechen, meinen wir Erlangen. Wir lieben Erlangen!“ So das Bekenntnis von Bürgermeisterin Jelena Owtschinnikowa, die damit glaubt, ihren Landsleuten aus dem Herzen zu sprechen. Und sie hat wohl recht damit, wenn man den gestrigen ersten Arbeitstag der Delegation von Oberbürgermeister Florian Janik noch einmal Revue passieren lassen will.

Swetlana Makarowa, Florian Janik, Martina Stamm-Fibich und Melitta Schön

Swetlana Makarowa, Florian Janik, Martina Stamm-Fibich und Melitta Schön

Im Kinderkrankenhaus ist das besonders zu spüren, wo man seit 1990 freundschaftlich-fachliche Verbindungen zu den Pädiatern in der deutschen Partnerstadt unterhält. Swetlana Makarowa, die ärztliche Direktorin, weiß das nicht nur mit Erinnerungen an ihre eigenen Hospitationen in Erlangen zu belegen, sie kann auch Geräte zeigen, die in den 90er Jahren im Rahmen der Aktion „Hilfe für Wladimir“ gespendet wurden und noch heute ihren Dienst tun, obwohl man sie längst durch modernere Apparate ersetzen könnte: „Sie sind uns einfach ans Herz gewachsen. Und warum sollen wir sie wegwerfen, wenn sie so treu funktionieren?“

Florian Janik, Martina Stamm-Fibich und Swetlana Makarowa

Florian Janik, Martina Stamm-Fibich und Swetlana Makarowa

Die Visite aus Erlangen bekommt alles zu sehen, von der Neonatologie bis hin zur Onkologie, für die das Ehepaar Arnold und Erika Axmann erst unlängst wieder 700 Euro gespendet hat; von dem einzigen gynäkologischen Behandlungsraum für Mädchen in Wladimir, eingerichtet mit Hilfe von Soroptimist International in Erlangen, nach dessen Vorbild ähnliche Therapiezimmer in Kreiskrankenhäusern der Region geschaffen wurden – bis hin zu den Angeboten an Eltern, vor allem bei einer Langzeittherapie beim Kind zu bleiben, ebenfalls eine Anregung der deutschen Kollegen. Und auch die vielen kleinen Spender aus Erlangen, etwa von der Grundschule Tennenlohe oder der Heinrich-Kirchner-Schule, die regelmäßig Aktionen zu Gunsten der kleinen Patienten in Wladimir machen, sind nicht vergessen, und ihre Bilder und Zeichnungen hängen überall auf den Gängen. Der größte Wunsch hier: den Erfahrungsaustausch mit Erlangen fortsetzen, denn „von der Medizinstadt wollen wir noch viel lernen, und unsere Freunde dort wollen wir immer wieder besuchen!“

Janik 11

Im Blauen Himmel

Sofort zu spüren bekommt man diese Liebe zu Erlangen aber auch im Blauen Himmel, dem mit Hilfe der Aktion Sternstunden geschaffenen Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik, fast 40 km außerhalb von Wladimir, idyllisch am Waldrand und am Ufer der Kljasma gelegen, wo gerade wieder im zweiwöchigen Turnus 22 Kinder aus einem Waisenheim therapiert werden. „So, wie nirgendwo sonst in ganz Zentralrußland“, betont Alexander Bersenjew, Chefpsychiater der Region Wladimir, der gemeinsam mit den deutschen Partnern schon vor einem Jahrzehnt das Konzept für dieses Reha-Zentrum entwickelt hatte. Und die Pädagogin Marina Goljakowa ergänzt: „Die Kinder fühlen sich hier so wohl, daß sie am liebsten hierbleiben wollen, und wenn möglich, können sie auch wiederkommen, immer wieder!“ Länger als zwei Wochen am Stück geht aber nicht, weil die Kleinen dann wieder zur Schule müssen.

Janik 12

Alexander Bersenjew, Melitta Schön, Florian Janik, Marina Goljakowa und Martina Stamm-Fibich

Mit der Dorfjugend trägt man regelmäßig Sportwettkämpfe aus, die Akzeptanz vor Ort ist groß – und es gibt große Pläne für die Zukunft. Marina Goljakowa berichtet den Gästen vom jüngsten Besuch der Fachleute für Erlebnispädagogik aus Nürnberg, Jena und Wien und zeigt einen Entwurf von Wladimirer Studenten für einen Hindernis-Parcours, für dessen Umsetzung es gar keiner großen Finanzmittel bedürfte, helfende Hände und weitere Ideen würden schon genügen. Den Gästen fällt dazu gleich einiges ein, schon gibt es Vorstellungen, wie Erlanger Jugendliche bei dem Projekt mitwirken könnten, und auch der Herzenswunsch von Alexander Bersenjew, die Kontakte seines Psychiatrischen Krankenhauses auch auf die FAU in Erlangen auszuweiten, wird wohl zu erfüllen sein. Es ist ja keine einseitige Sache, diese Liebe der Wladimirer zu Erlangen.

Janik 13

Martina Stamm-Fibich, Florian Janik, Melitta Schön und Alexander Tschinakow

Auf dem Rückweg vom Blauen Himmel ist gerade noch Zeit, um, geführt von Alexander Tschinakow, dem kundig-klugen Kenner der Geschichte seines Landes, das Kronjuwel der russischen Baukunst zu besuchen, Mariä Schutz und Fürbitt an der Nerl, wo Großfürst Andrej Bogoljubskij aus Kiew den Grundstein für die russische Staatlichkeit gelegt und Wladimir zur Hauptstadt erhoben hat.

Janik 14

Melitta Schön, Martina Stamm-Fibich, Irina Chasowa, Florian Janik und Ljubow Katz

Der Nachmittag gehört der Elterninitiative Swet, die seit zwei Jahrzehnten in Zusammenarbeit mit Erlangen landesweit einzigartige Programme für Familien mit schwerbehinderten Kindern entwickeln und natürlich das Spielzimmer „Erlangen“ ebenso zeigen wie das mit Mitteln der kirchlichen Hilfsorganisation Renovabis verwirklichte Pilotprojekt „Betreutes Wohnen“ für junge Erwachsene mit Behinderungen. Jurij Katz, gemeinsam mit seiner Frau Ljubow Begründer der Selbsthilfegruppe nach dem Motto der Lebenshilfe, war selbst erst im Frühjahr bei der WAB Kosbach zu Besuch und erwartet nun schon im November vier Fachleute von dort zu einem Symposium. Und dann noch ein weiterer Erfolg von Swet: Auf Initiative der Organisation hat die Regionalduma ein Gesetz für die Pflegschaft von schwerbehinderten Kindern angenommen. Und binnen eines Jahres konnten bereits einhundert Familien gefunden werden. Freilich fehlen jetzt noch immer 400 Plätze, aber wer die schier unerschöpfliche Energie des Ehepaars Katz kennt, glaubt gern, das auch das zu schaffen ist.

Janik 15

Florian Janik und Natalia Kolesnikowa mit dem Kammerchor Raspew

Seit Mitte der 90er Jahre kennt und liebt der Kammerchor Raspew Erlangen, wo man im Ensemble Vocanta sogar einen musikalischen Wunschpartner gefunden hat. Und nun die Einladung an den neuen Oberbürgermeister und seine Delegation, auch den musikalischen Teil der Verbindungen zwischen beiden Städten kennenzulernen, in der intimen Atmosphäre der letzten Kirche Wladimirs, die unmittelbar vor der Oktoberrevolution fertiggestellt wurde und wo heute das Glasmuseum eingerichtet ist. „Überwältigend, großartig, genau das Richtige nach einem Tag, wo einem vom Erlaufen der Geschichte Wladimirs und der Partnerschaft schon die Füße weh tun können“, zeigt sich Florian Janik nach dem Konzert begeistert.

Janik 16

Florian Janik mit fortgeschrittenen Deutschkurs-Teilnehmern im Erlangen-Haus

Wo aber wäre die Liebe zu Erlangen nicht mehr zu spüren, als im Erlangen-Haus, das seit 1999 offizieller Partner des Goethe-Instituts Moskau ist, und wo sich am Abend eine Gruppe von Fortgeschrittenen der Deutschkurse eingefunden hat, um den Gästen Fragen zu stellen? Wo, wenn nicht hier, wo im Jahr mehr als 200 Jugendliche wie Erwachsene Deutschunterricht nehmen und damit Wladimir zum größten Sprachlernzentrum in Zentralrußland machen, größer als die Einrichtungen in Nischnij Nowgorod, Jaroslawl oder Sergijew Possad. „Dank der Städtepartnerschaft“, wie Irina Chasowa, die Geschäftsführerin des Erlangen-Hauses betont, und „dank der Unterstützung der VHS Erlangen“, wie Tatjana Kirssanowa, zuständig für die Kooperation mit dem Goethe-Institut, ergänzt. Die Fragen dann – so vielfältig wie die Gruppe: Ob man nicht auch einen „grünen Zweig“ der Partnerschaft wachsen lassen könnte und ob nicht auch für Wladimir eine Baumschutzverordnung sinnvoll wäre; wie es denn um die Medizin in Deutschland bestellt sei; wie man sich um die alten Menschen kümmere; ob man im Westen nicht zu früh mit dem Sexualkundeunterricht an Schulen beginne; ob die gleichgeschlechtliche Ehe nicht ins Verderben führe… Besonders die beiden letzten Fragen wurden durchaus kontrovers diskutiert. Ob es Martina Stamm-Fibich und Florian Janik gelungen ist, die Hörerschaft davon zu überzeugen, daß der Untergang des Abendlandes nicht unmittelbar bevorstehe, jedenfalls gewiß nicht wegen zu früher Aufklärung der Kinder und zu großer Toleranz gegenüber anderen Lebensformen, in die sich der Staat nicht einmischen sollte, wird erst ein weiteres Treffen klären können. „Dazu gibt es bestimmt noch viel Gelegenheit“, verspricht Erlangens Oberbürgermeister, sichtlich beeindruckt von der Offenheit der Diskussion, die nach jeder „letzten“ Frage noch eine „allerletzte“ hervorbringt und mindestens ein akademisches Viertel länger als die geplante Stunde dauert.

Janik 17

Irina Maschkowzewa, Jelena Owtschinnikowa, Kirill Kowaljow, Florian Janik, Martina Stamm-Fibich, Melitta Schön und Anna Makarowa

Der Liebe zu Erlangen tut es jedenfalls keinen Abbruch, wenn die Gäste zum Abendessen auf sich warten lassen. Wie auch, wenn sogar das gewiß strittige Thema der Ukraine-Krise freundschaftlich besprochen werden kann? Wenn man es in beiden Städten mit Flüchtlingen zu tun hat, denen in erster Linie geholfen werden sollte – bevor man die Schuldfrage stellt. Wenn man sich klar darüber ist, auf beiden Seiten nur das zu kennen, was die Medien vermitteln. Wenn man hier wie dort die Gemengelage vor Ort kaum beurteilen kann. Wenn man aber auch erfahren muß, wie die Auseinandersetzungen im Grenzgebiet zur Ukraine Familien zerreißen, wie Jelena Owtschinnikowa aus eigenem Erleben berichtet. „Nun sollten beide Seiten nicht mehr danach fragen, wer angefangen hat, sondern die Logik des Krieges stoppen und einen Schritt aufeinander zugehen, die gegenseitigen Interessen anerkennen, wie das seinerzeit schon Willy Brandt mit seiner Ostpolitik praktizierte.“ Fragen, die im Rahmen eines Abendessens mit Freunden sicher nicht letztgültig zu klären sind, die aber für die feste Absicht stehen, das Gespräch nicht abreißen zu lassen. „Und auch all unsere Projekte weiterzuführen“, fordert Stadträtin Irina Maschkowzewa, die sich noch immer an ihre Zeit als Ärztin auf der Intensivstation des Kinderkrankenhauses erinnert als Anfang der 90er Jahre jener „Atemzug frischer Luft aus Erlangen“ Einzug hielt. Womit sich der Kreis für diesen Tag schließt.

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Am 1. November zeigte der Wladimirer Sender TV 6 eine Reportage über das Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik „Blauer Himmel“, das wesentlich mit Spendenmitteln der Aktion „Sternstunden“ des Bayerischen Rundfunks und in Zusammenarbeit mit den Barmherzigen Brüdern Gremsdorf eingerichtet wurde. Die Fernsehanstalt begleitete Wolfram Howein nach Penkino, in das fast 40 km von Wladimir entfernte Dorf, wo vor fünf Jahren das Zentrum entstand. Heute feiert der Kurator des Projekts Geburtstag. Anlaß nicht nur, ihm zu gratulieren und für seine großartige ehrenamtliche Arbeit zu danken, sondern auch die Sendung in Übersetzung in den Blog zu nehmen.  

Die Kinder malen Bilder aus Sand. Mit Sand-Art können Kinder ausgezeichnet ihre Erlebnisse ausdrücken, Freude wie Sorge. Nicht von ungefähr ist diese Kunstform eine der Schlüsselmethoden der Therapie in diesem Rehabilitationszentrum. Vor vier Jahren gehörte Swetlana Balaschowa zu den Ideengebern für dieses in unserem Land einzigartige Zentrum. Jetzt kommen hierher im Zweiwochenrhythmus Kinder mit unterschiedlichen psychischen Erkrankungen. Das russisch-deutsche Projekt „Blauer Himmel“ hat als erstes seiner Art bei uns fortschrittliche europäische Methoden bei der Behandlung von seelischen Störungen eingesetzt.

Swetlana Balaschowa mit ihrem mittlerweile verstorbenen Erlanger Freund, Alexander Kefeli

Swetlana Balaschowa mit ihrem mittlerweile verstorbenen Erlanger Freund, Alexander Kefeli

Swetlana Balaschowa, ehemalige Pädagogin im Blauen Himmel, dazu: „Ein Wunder, daß uns diese Idee überhaupt in den Kopf kam, ein Wunder, daß sich ein anderer Mensch fand, der diese Idee unterstützte, ein Wunder ist Wolfram, der schon so viele Jahre hierherkommt, ein Wunder jene Menschen, die hier arbeiten, ein Wunder die Kinder, die hier behandelt werden.“

Wolfram Howeins Leben ist in den letzten zehn Jahren unverbrüchlich mit Rußland verbunden. Der ehemalige IT-Manager bei Siemens hat, als er in Rente ging, beschlossen, nun sei die Zeit gekommen, um anderen Menschen zu helfen. Er ist es denn auch, der die Mittel für das Projekt „Blauer Himmel“ gesammelt hat. Innerhalb von zwei Jahren haben die Erlanger dem Zentrum sieben Millionen Rubel übergeben. Wolfram hat persönlich auf die korrekte Verwendung der Spenden geachtet.

Wolfram Howein mit den Professoren für Erlebnispädagogik Ultrich Lakemann aus Jena und Werner Michl aus Nürnberg, 2011 vor dem Erlangen-Haus

Wolfram Howein mit den Professoren für Erlebnispädagogik Ultrich Lakemann aus Jena und Werner Michl aus Nürnberg, 2011 vor dem Erlangen-Haus

Wolfram Howein, Kurator des Projekts „Blauer Himmel“: „Ich bin kein Fachmann, der beurteilen könnte, inwieweit diese Arbeit effektiv ist. Meine Aufgabe besteht darin, deutsche Fachleute hierher zu bringen. Nach deren Eindruck bringt die Atmosphäre hier – ein menschlicher Umgang, die Natur, all das – sehr gute und positive Resultate.“ Wolfram ist mit einem Geschenk gekommen. Zum ersten Mal ist das Buch von Werner Michl „Erlebnispädagogik“ auf Russisch erschienen. Auf die Arbeit des Professors an der Universität Luxemburg hatte man schon lange gewartet, erzählt das Buch doch, wie man es vermeidet, kurzsichtig zu sein im Kampf gegen die Ängste kranker Kinder.

Kinder im Blauen Himmel mit der Leiterin Olga Andrijenko und Erzbischof Ludwig Schick, August 2012

Kinder im Blauen Himmel mit der Leiterin Olga Andrijenko und Erzbischof Ludwig Schick, August 2012

„Jahrhundertelang weinte Mütterchen Rußland, des Bösen überdrüssig…“ Aljona träumt von der Bühne. Sie singt seit der frühesten Kindheit. Im Dezember fährt sie zu einem Gesangswettbewerb nach Sankt Petersburg. Man hat das Mädchen hierher nach einer schweren Belastungssituation überwiesen. Erst vor kurzem hat man sie, ihren Bruder und ihre Schwester aus dem Elternhaus geholt und in das Kinderheim in Sobinsk gebracht. Aljona glaubt, Nachbarn hätten die Eltern angeschwärzt und behauptet, sie seien Trinker. Das Gericht hat beschlossen, den Eltern die Fürsorge zu entziehen.

Aljona Merkulowa selbst meint dazu: „Wie soll man das überprüfen? Die Nachbarn behaupten, sie trinken. So ist das gekommen.“ – „Und die Wahrheit ist nicht herausgekommen?“ – „Beim ersten Prozeß hatten wir keinen Anwalt. Beim zweiten dann schon. Aber dann ist meine Mutter gestorben.“

Olga Andrijenko, Leiterin des Zentrums: „Die Arbeit hier ist wirklich schwer. Psychisch belastend. Weil wir all das natürlich nicht einfach an uns abprallen lassen können.“

Alexander Bersenjew, Marina Goljakowa, Wassilij Grischin, Olga Andrijenko und Erzbischof Ludwig Schick im Blauen Himmel, August 2012

Alexander Bersenjew, Marina Goljakowa, Wassilij Grischin, Olga Andrijenko und Erzbischof Ludwig Schick im Blauen Himmel, August 2012

Das Zentrum sucht dringend Pädagogen, Psychiater, Krankenschwestern. Die Einrichtung liegt abseits, im Dorf Penkino, Landkreis Kameschkowo. Und das Gehalt ist bescheiden. Die übriggebliebenen Enthusiasten versuchen, die unschätzbare Erfahrung bei der Rehabilitation der Kinder zu bewahren. Aber ohne Fachpersonal kann das russisch-deutsche Projekt „Blauer Himmel“ nicht fortbestehen.

Wolfram Howein hat bei seinem Besuch im Herbst auch die politischen Entscheidungsträger auf die problematische Situation mit dem Personal hingewiesen. Es besteht Hoffnung, daß da Abhilfe geschaffen wird. Einstweilen aber wird schon in den nächsten Wochen die Ärztin Olga Andrijenko mit einer Mitarbeiterin nach Erlangen kommen, um ähnliche Einrichtungen kennenzulernen und sich mit den Fachleuten für Erlebnispädagogik um Professor Werner Michl an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule Nürnberg auszutauschen. Ein wichtiger Arbeitsschwerpunkt für das nächste Jahr ist damit also schon wieder vorgegeben. Viel Arbeit also weiter auch für Wolfram Howein. 

Und hier geht es dann zur Reportage: http://is.gd/gShNUT

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Tief bewegt zeigte sich Alexander Bersenjew, Chefpsychiater der Region Wladimir, als er vorgestern gemeinsam mit Wladimir Besrukow, dem Chef der regionalen Gesundheitsbehörde, in Gremsdorf vor dem Denkmal für die etwa 300 behinderten Menschen stand, die während der NS-Diktatur aus „rasse- und volkshygienischen“ Gründen in Vernichtungslager geschickt wurden. Anerkennung und Respekt für diese Erinnerungskultur sprachen denn auch die Gäste dem Gesamtleiter der Behinderteneinrichtung, Günther Allinger, aus, der die grausam-inhumanen Spuren der Geschichte nicht verwischen will, sondern den Erlanger Künstler Dieter Erhard beauftragt hat, ein Mahnmal für die Opfer der „Herrenmenschen“ zu schaffen, das mit seinen Gleisschwellen und den abgesägten Schienen an den längst verschwundenen Bahnhof an der stillgelegten Bahntrasse erinnert, von wo aus die Todestransporte begannen.

Wladimir Besrukow, Alexander Bersenjew und Günther Allinger vor dem Denkmal für die ermodeten Heimbewohner.

Das dunkelste Kapitel in der Geschichte der Einrichtungen, 1895 vom Orden der Barmherzigen Brüder gegründet. Aber die Besucher aus Wladimir verbindet mit Gremsdorf eine ganz andere Geschichte: human, weltoffen, bunt und vielfältig. Das Projekt Lichtblick, Ende 1999 aus der Taufe gehoben und bereits 2002 von Bundespräsident Johannes Rau mit dem 1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland ausgezeichnet, ist von einer einzigartigen Dynamik geprägt, die bis heute Anstoß gibt für eine Vielzahl von gemeinsamen Initiativen: Deutschkurse für Fachkräfte aus der Psychiatrie in Wladimir, Praktika, Kunstausstellungen, Fachaustausch – bis hin zum Blauen Himmel. Eine fortwährende Erfolgsgeschichte mit immer neuen Fortsetzungen.

Alexander Bersenjew und Wladimir Besrukow vor Einblicke-Plakat in Gremsdorf.

Vor allem aber hat diese Geschichte viele Figuren und Helden, Schauplätze und Episoden. Wenn man allein versuchen wollte festzuhalten, wer da alles mitspielt, vom BRK Erlangen-Höchstadt bis zur Erzdiözese Bamberg, von der WAB Kosbach bis zur Laufer Mühle, vom Bezirksklinikum am Europakanal bis zum Bayerischen Rundfunk mit seiner Aktion Sternstunden. Und es kommen immer mehr dazu: die Georg-Simon-Ohm-Hochschule sowie das Klinikum Nord in Nürnberg, die Psychiatrische Klinik in Erlangen oder die deutschlandweit agierende und international ausgerichtete gemeinnützige Organisation Erlebnistage, um eine Auswahl der deutschen Projektpartner zu bieten.

Gruppenbild mit Betreuerinnen und der Schutzheiligen St. Lucia in der KWAK, der Kleinen Werkstatt für Arbeit und Kreativität.

Und alles zur Verbesserung der Therapie von Menschen mit psychischen und psychiatrischen Behinderungen. Und da gab und gibt es noch immer viel zu tun, voneinander zu lernen. In Theorie wie Praxis. Als Leiter einer Klinik mit 700 Betten hat Alexander Bersenjew einen besonderen Blick fürs Praktische. Abgeschaut hat er sich etwa schon vor zwölf Jahren beim ersten Besuch in Gremsdorf die eigene Wäscherei. Seither spart er nach Anfangsinvestitionen für die vier Waschmaschinen und zwei Schleudern viel Geld, das er nun lieber für die Behandlung seiner Patienten einsetzt, von denen einige im Rahmen der Arbeitstherapie sogar in der Wäscherei helfen können. Aber, so klagt er, noch immer fehle es in Rußland an Einrichtungen für Menschen, die austherapiert sind, allerdings noch nicht auf eigenen Beinen stehen können. Noch immer gebe es nicht genug Angebote, um auch bei schweren psychischen Beeinträchtigungen allmählich an Beschäftigung und Kreativität herangeführt zu werden, wie etwa in der KWAK, wo man übrigens auch fleißig köstliche Elisenlebkuchen bäckt, die eigentlich erst am kommenden Sonntag beim ganztägigen Werkstattfest zu probieren sind.

Günther Allinger, Wladimir Besrukow, Alexander Bersenjew mit Sibylle Menzel im Gespräch.

Statt dessen viel zu viele behördliche Einschränkungen. So dürfen Behinderte unter keinen Umständen Lebensmittel verpacken, weil man ihnen die notwendige Hygiene nicht zutraut, und die Produkte der Werkstätten haben auf dem russischen Markt so gut wie keine Absatzmöglichkeiten, wenn überhaupt Aufträge hereinkommen. So entsteht Behinderung, so beweist sich der Satz: „Menschen sind nicht behindert, sie werden behindert.“ Aber auch in Rußland soll das nicht so bleiben. Schon am 29. November wird Alexander Bersenjew in der Staatsduma zu Moskau bei einer Anhörung unter dem Vorsitz von Walentina Matwijenko, der Präsidentin des Föderationsrats, zum Thema Behinderte und Arbeit sprechen und dabei seine Eindrücke von dem Besuch in der Metropolregion Nürnberg schildern. Besser hätte man die Reise ja gar nicht terminieren können.

Wolfram Howein, Michael Kleiner, Jürgen Üblacker, Günther Allinger, Wladimir Besrukow, Alexander Bersenjew und Jürgen Ganzmann.

Bei allem Drang nach vorne ist die Stiftung Lichtblick nach wie vor das Rückgrat der Zusammenarbeit. Hier werden die Mittel gemeinsam verwaltet, hier fallen die Entscheidungen über die Schwerpunkte der Zusammenarbeit, hier stellt man die Weichen für die gemeinsame Zukunft mit Wolfram Howein als Projektkoordinator, Michael Kleiner für die Erzdiözese Bamberg, Jürgen Üblacker und Jürgen Ganzmann für das BRK Erlangen-Höchstadt, Günther Allinger für die Barmherzigen Brüder und Peter Steger (nicht im Bild, dafür am Auslöser) für die Stadt Erlangen. Was aus der internen Sitzung unter Leitung von Alexander Bersenjew und Günther Allinger nach draußen dringen darf und soll ist eine gute Botschaft: Die Mission ist erfüllt. Der Blaue Himmel, das vor drei Jahren eröffnete Zentrum für Natur- und Erlebnispädagogik, ist nun dank der administrativen Unterstützung von Wladimir Besrukow dem Psychiatrischen Krankenhaus in der Partnerstadt angegliedert, und es kommen ausschließlich Kinder zu der zweiwöchigen Reha-Therapie, die von Psychiatern dafür ausgewählt wurden, möglichst in Gruppen mit ähnlichen Krankheitsbildern wie etwa Autismus oder ADHS. Umso wichtiger, gerade jetzt den Fachaustausch und die Deutschkurse fortzusetzen.

Alexander Bersenjew und Jekaterina Wachromejewa an der Ohm-Hochschule in Nürnberg.

Besonders wichtig auch, weil die Zusammenarbeit mit der Georg-Simon-Ohm Hochschule in Nürnberg nun so richtig in Fahrt kommt. Bei den International Days vom 21. bis 22. November, an denen Referenten aus aller Welt teilnahmen, dominierten gestern die Beiträge aus Wladimir. Der Lehrstuhl für Psychologie der Staatlichen Universität war prominent vertreten durch dessen Dekanin, Olga Filatowa, die Dozentin Irina Tscherkassowa, sowie Jekaterina Wachromejewa, zuständig für internationale Zusammenarbeit, sowie die Studentin, Natalia Popkowa, und bot in vier Vorträgen Einblicke in Forschungsergebnisse auf der Grundlage der Kooperation mit dem Blauen Himmel.

Alexander Bersenjew, Olga Filatowa, Wolfram Howein, Irina Tscherkassowa, Natalia Popkowa, Wladimir Besrukow und Jekaterina Wachromejewa.

Alexander Bersenjew, seit September auch Inhaber des neugeschaffenen Lehrstuhls für Psychiatrie, wird dabei nicht müde, auf die Bedeutung der Arbeit mit Kindern hinzuweisen. „Was wir in der Kindheit versäumen, rächt sich später unerbittlich“, lautet sein Credo, wenn er darauf hinweist, daß fast 30% der Wehrpflichtigen wegen psychischer Störungen nicht einberufen werden. Wenn er beklagt, wie viele psychiatrischen Erkrankungen viel zu spät behandelt werden. Doch immerhin, führt er als Antwort auf eine Frage aus dem Auditorium aus, sei das Thema nicht mehr tabuisiert wie noch zu Sowjetzeiten. 1992 hatte Boris Jelzin, Rußlands erster Präsident, einen Erlaß unterzeichnet, der Zwangseinweisungen in die Psychiatrie nur unter strengen richterlichen Auflagen erlaubt. Seither sei auch in der Gesellschaft vieles besser geworden. Psychisch Kranke grenze man nicht mehr aus, abwertende Begriffe wie „Irrenhaus“ tauchten nicht mehr in den Medien auf, die Stigmatisierung sei vorüber. Noch nicht überall, noch nicht in allen Köpfen, aber es habe sich viel geändert. Zum Guten.

Wladimir Besrukow, Thomas Fehn und Alexander Bersenjew.

Da ist es nur gut und richtig, nach dem Antrittsbesuch in der Erwachsenenpsychiatrie am Montag, nun auch noch die Kinderabteilung zu besuchen, wo sich Oberarzt Thomas Fehn die Zeit nimmt, die Station zu zeigen. Zu sehen gibt es da einiges. Der Gastgeber beklagt zwar die beengten Räumlichkeiten für seine 30 jungen Patienten, doch dafür gibt es hier ein Betreuungsverhältnis, von dem man in Wladimir nur träumen kann. Während im Universitätsklinikum an der Schwabachanlage sieben Fachärzte auf 30 Kinder kommen, sind es im Wladimirer Psychiatrischen Krankenhaus gerade einmal zwei Mediziner, die für die Therapie von 50 Jungen und Mädchen zuständig sind. Dafür sind die Verweildauern in Erlangen viel länger, im Schnitt drei Monate, während Alexander Bersenjew die Kinder nach der Behandlung der akuten Symptome seine kleinen Patienten gleich wieder in die Familien zurückschickt und sie weiter in der Tagesklinik therapieren läßt. Ansonsten gleicht sich das meiste bis hin zu den Medikamentengaben, wenn auch die Präparate unterschiedliche Bezeichnungen haben. Zwei Dinge freilich würden die beiden Gäste lieber heute als morgen noch bei sich einrichten, den Time-Out-Raum, wo sich die Kinder buchstäblich austoben können (oder müssen), und das Ruhezimmer, wo ein Wasserbett, besondere Beleuchtung und meditative Musik die Patienten zur Besinnung bringen.

Alexander Bersenjew, Elisabeth Preuß, Wladimir Besrukow.

Als dann am Abend Bürgermeisterin Elisabeth Preuß für die Gäste ein Essen gibt, herrscht Aufbruchstimmung. Noch nie konnte so vieles als gelungen gewertet werden, noch nie gab es so viele neue Pläne. Von denen soll hier erst wieder berichtet werden, wenn sie Gestalt annehmen. Helfen soll dabei weiter auch die Stadtverwaltung, ein Ersuchen, dem die Gastgeberin gerne entspricht. Und so darf sicher verraten werden, daß die Partnerschaftsarbeit mit Wladimir im Jahr 2013 vom Schwerpunktthema „Menschen mit Behinderungen“ geprägt sein wird. Mit der ausgesprochen kompetenten Unterstützung durch Elisabeth Preuß, wie Wladimir Besrukow und Alexander Bersenjew anerkennend hervorheben.

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