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Posts Tagged ‘Pjotr Dik’


Welch eine Fügung! Nur wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag, ausgerechnet an Neujahr, wo sein Wladimirer Freund und Kollege, Pjotr Dik, vor 80 Jahren im Altai geboren wurde, verstarb nun Hans Zahn, ein Pictor doctus mit einer überwältigenden Herzensbildung und einnehmenden Gastfreundschaft.

Hans Zahn mit einem Portrait seiner selbst, im Jahr 2000 von Pjotr Dik in Susdal geschaffen

Jeder der beiden Künstler stellte für sich genommen einen ganzen Kosmos dar, schuf ein unschätzbares Geschmeide in der Schatzkammer der Partnerschaft, zusammen bildeten sie nichts minder als ein strahlendes Sternbild, das noch weit über beider Tod hinaus in ihrem großartigen Werk das Dunkel der Trauer von uns Hinterbliebenen erhellen wird. Sie malten beide nicht kunsthandwerklich für den Tag, sie hinterließen uns weit geöffnete Fenster in jene Welten, die beide zusammenhielten.

Jelena Jermakowa und Jurij Iwatko im Jahr 2015 bei Rosie und Hans Zahn zu Gast

Wenn es Trost für beider Weggang gibt, dann findet man ihn in ihrer Kunst, und Hans Zahn hätte als Altphilologe alter Schule hinzugefügt: Vita brevis, ars longa.

Die Trauerfeier findet am Montag, den 7. Januar, um 12.00 Uhr in St. Georg zu Kraftshof statt. Zum welterfahrenen Schaffen von Hans Zahn, Mitglied des Erlanger Kunstvereins, ist hier mehr zu erfahren: https://is.gd/Vpgub0, und er selbst schrieb über seine Freundschaft mit Pjtor Dik: https://is.gd/CfHkDL

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Heute würde Pjotr Dik 80 Jahre alt. Der Künstler, als Nachfahre von einst aus Deutschland eingewanderten deutschen Mennoniten im Altai geboren, kam Ende der 60er Jahre nach Wladimir und arbeitete in der Partnerstadt als Graphiker und Bildhauer. Zu den Glücksmomenten seines Lebens, das unvermittelt am 14. August 2002 in Worpswede endete, gehört, dank der Städtepartnerschaft mit seiner Kunst in die alte Heimat zurückgekehrt zu sein.

Johann Adam Stupp, Ehrenvorsitzender des Erlanger Kunstvereins, widmete dem Mittler zwischen den Kulturen einen Artikel, veröffentlicht 2001 zur Verleihung des Rußlanddeutschen Kulturpreises an diese großartige Persönlichkeit.

Kira Limonowa, die Witwe des Künstlers, die bis heute Ausstellungen ihres Mannes kuratiert

Zur Pastellmalerei, der von ihm heute ausschließlich angewandten Technik, fand der Künstler Peter Dik erst im Laufe der Zeit. Am Anfang stand die plastische Metallbearbeitung, die er studiert und einige Jahre ausgeübt hatte. Mit der Zeit wandte er sich dann mehr der Graphik, insbesondere der Monotypie, aber auch der Lithographie zu. Von dort gelangte er zur Handhabung von Pastellfarben. Er entdeckte für sich die überraschenden Effekte, die sich durch sie erzielen lassen. Die Technik seiner Pastelle basierte mit Kohle in schweren Umrissen und in ziemlich starken Farben. Er hatte damit seine persönliche künstlerische Ausdruckssprache gefunden, eine Sprache, die es ihm ermöglichte, die Vielfalt der äußeren Eindrücke aufzunehmen und im Sinne der eigenen Vorstellungen zu realisieren; seine Bildwelt zu erschaffen.

Den großen Vorzügen des Pastellmaterials in bezug auf die Erzielung farblicher Wirkungen steht jedoch bekanntermaßen der Nachteil entgegen, daß es empfindlicher gegen mechanische Verletzungen, zum Beispiel gegen Stoß, ist, weil die Farbe nicht fest auf dem Grund haftet. Demgegenüber besitzt es andere Vorteile: Hier gibt es kein Vergilben, Bräunen und Reißen wie bei Öl. Für seine Bilder verwendet Peter Dik neben weißen sowie schwarzen Spezialpapieren auch etwas Besonderes, von anderen Künstlern nicht Benutztes, nämlich Sand- oder Schmirgelpapier. Die Rauhigkeit dieses Grundes ist Vorteilhaft, schluckt aber natürlich viel Farbe. Das Fixieren – bei Pastell immer eine besondere Schwierigkeit, weil es leicht zu Veränderungen im Farbwert führen kann – ist bei Gebrauch von Schmirgelpapier nicht empfehlenswert, ja praktisch unmöglich. Peter Dik hat seine eigene Technik entwickelt, um das Malmaterial dauerhaft anzubringen: Er trägt die Farbe mit dem Finger auf und erzielt durch kräftiges Reiben ungemein weiche, matte, samtige Töne, bei denen es mehr auf die bestechende Schönheit des Vortrags ankommt als auf peinliche Genauigkeit. Nicht, wie es der überragende Pastellmaler der Kunstgeschichte, Edgar Degas, handhabte, der sehr auf die Zeichnung achtete, setzt Peter Dik seine Farben unmittelbar ein und baut die Wirkung seiner Bilder breitmalerisch auf den kräftigen Kontrasten des reinen Oberflächenlichtes auf. Die leichte Unbestimmtheit in den Umrissen ist gewollt, sie schafft die eigentümliche, traumhaft verschwimmende Atmosphäre, die östliche Stimmungen von den klaren Konturen des Südens unterscheidet. Es sind vor allem dunkle Farbtöne, die hart entgegen den hellen, besonders gegen Weiß, stehen. Der Maler holt durch ständiges Abwägen der Farbwerte des Lichtes und des Schattens und ihrer komplementären Farbtöne in der Entgegensetzung die angestrebte Wirkung heraus. Darauf kommt es ihm an.

Peter Diks Malerei ist expressiv und, obwohl stets vom Gegenständlichen ausgehend, abstrahierend bis zur Grenze völliger Abstraktion. Seine Darstellungen zeigen keine technisch-zivilisatorischen Errungenschaften unserer Gegenwart, die eine Datierung ermöglichen würden. Seine Werke sind nicht für die Zeit bestimmt, in der sie entstehen, sondern sie sind zeitlos in dem Sinne, daß sie eine Verbindung schaffen von der Vergangenheit bis zum Heute und tendenziell darüber hinaus. Das gilt für alle Motivbereiche, in denen er arbeitet, seien es Portraits, Genreszenen, Stilleben oder Landschaften. Dieses konsequente Absehen von einer abbildenden Wiedergabe der Wirklichkeit verweist darauf, daß die Ideen, innere Bilder des Malers, ihn zu seinen Arbeiten inspirieren. In der Tat ist dies so. Der Künstler trachtet danach, Modelle auszuzeichnen, die in seiner inneren Schau auftauchen. Darum auch ist er bestrebt, die Realisierung in jeweils einem Zuge durchzuführen und abzuschließen, damit die Einheit des zugrunde liegenden Gedankens nicht auseinanderläuft und verloren geht. Seine Arbeiten bleiben im kleinen oder mittleren Format.

Die Ergebnisse dieses Bemühens tragen ihre Bedeutung in sich selbst. Sie vermitteln keine wie immer gearteten Botschaften. Sie tragen keine sekundären Bedeutungen; sie sind autonom. Die Werke Peter Diks haben ihren letzten Ursprung in der Seele des Künstlers. Sie sind bestimmt durch eine tiefsitzende Empfindung von Stille und Einsamkeit, ja auch von Schmerz und Trauer. In ihnen läßt sich der Widerhall einer großräumigen, grenzenlos weiten, melancholischen Landschaft mit langen, strengen Wintern spüren, die den Menschen ihren Charakter aufprägt. Dies drückt sich auch in der gebeugten Haltung der Gestalten aus, die allein, als „Zweiheit“, wie Dik sagt, oder zu dritt im Raum stehen oder gehen.

Auf die Frage, welche Richtungen und Schöpfungen der Kunst bei ihm selbst einen tiefgehenden Eindruck hinterlassen haben, nennt Peter Dik die mittelalterlichen Ikonen und Fresken. Diese vielen fremdartig erscheinenden Bilder strahlen eine tiefe innere Ruhe, kontemplativ verinnerlichte feierliche Geschlossenheit und Harmonie aus. Sicher trägt die Rückbesinnung auf die Traditionen der religiösen Kunst der orthodoxen Christen für den gläubigen Menschen Peter Dik programmatischen Charakter. Insofern läßt sich von einer geistigen Kontinuität als einem der bestimmenden Merkmale des Malers Peter Dik sprechen.

Wir ahnen, daß der Schicksalsweg dieses feinnervigen Künstlers durch Not und Entbehrung im Krieg und unter den Bedingungen der kommunistischen Diktatur des Schreckens kein leichter war. Peter Dik kam als Kind schwarzmeerdeutscher Mennoniten, die Stalin nach Sibirien verschleppt hatte, am 1. Januar 1939 im Dorf Gljaden, Bezirk Blagoweschtschensk, Region Altai, zur Welt. Er berichtet: „Ich bin in der Altaisteppe geboren. Ein uferloses Meer von Steppengras und ein gewaltiger Himmel. Der Wind spaziert über die Steppe, das Gras breitet sich aus wie Wellen, die über das Meer hinweglaufen. Jedes Element, das in diesem Raum auftauchte, wurde als bedeutend aufgefaßt, – ein Gefühl, gleichsam kosmischen Ursprungs. Meine Kindheit verlief im krassen Kontrast zu dem, was die Natur dieses erstaunlichen Landstrichs ausmacht. Das erste, woran ich mich aus diesen Jahren erinnere, ist der Tod meines Vaters an Tuberkulose. Damals war auch meine Mutter, entsprechend dem Befehl Stalins zur totalen Mobilisierung aller Deutschen in der UdSSR, in die Arbeitsarmee gepreßt worden. Mich, gerade drei Jahre alt, mußte meine Tante aufnehmen, die schon zwei eigene Kinder hatte. Das Leben in den ersten Nachkriegsjahren war um keinen Deut besser als während des Krieges: der gleiche Hunger, die gleiche Notwendigkeit, ums Überleben zu kämpfen. Und überdies ein Leben unter der Aufsicht der Komendantur. Meine Reaktion auf all das war ein starker Widerstand. Ich konnte nicht glauben, daß meine Eltern verschleppt worden waren, weil sie etwas Schlechtes getan haben sollten, und daß ich mich für sie und dafür schämen sollte, daß ich Deutscher war.“

Nach Beendigung der siebenklassigen Volksschule arbeitete Peter Dik als Lade-, Erd- und Steinbrucharbeiter. In der „Tauwetter-Periode“ durfte er die Kunstschule in Swerdlowsk besuchen und schließlich 1968 – 1973 an der als „Stroganowka“ bekannten Hochschule für Kunst und Industrie in Moskau studieren. Seine Arbeiten fanden freundliche Aufnahme und brachten Anerkennungen ein, so den Titel „Verdienter Künstler“. Dies ermöglichte es ihm, durch Reisen und Studienaufenthalte seinen Horizont zu erweitern, zuerst in den damaligen Sowjetrepubliken Lettland, Georgien, Armenien und Estland, ab 1992 auch in Deutschland, wo er an Ausstellungen in Erlangen, Düsseldorf, Berlin, München, St. Augustin, Hamburg und Pommersfelden teilnehmen konnte. Einzelausstellungen gab es u. a. in Moskau, Wladimir, Sankt Petersburg, London, Erlangen, Nürnberg und Bozen.

Werke Peter Diks wurden erworben von Kunstmuseen in Moskau, Sankt Petersburg, Wladimir, Orjol, Twer, Tula, Tjumen sowie von der Staatlichen Tretjakow-Galerie Moskau und den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen München.

Im Jahre 2001 wurde Peter Dik mit dem Rußlanddeutschen Kulturpreis ausgezeichnet.

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Von allen Medizinkontakten zwischen Erlangen und Wladimir erweisen sich die Verbindungen der Pädiatrie als die beständigsten. Seit 1990 im Kinderkrankenhaus die ersten Hilfskonvois eintrafen, besteht auch der ärztliche Austausch zwischen den Partnerstädten, und seit 1999 spendet auf Initiative von Christine Delfs, Lehrerin an der Heinrich-Kirchner-Schule, alle Jahre wieder in der Adventszeit ihr Taschengeld bzw. verkauft Leckereien in der Pause zu Gunsten der kranken Kinder in Wladimir. 300 Euro sind dieses Mal zusammengekommen, eine Rekordsumme, die vor allem auf der Krebsstation Freude machen soll, wie Swetlana Makarowa, ärztliche Direktorin des Krankenhauses, bei der Übergabe versichert.

Peter Steger und Swetlana Makarowa

Gebastelte, gezeichnete und gemalte kleine Kunstwerke gehen im Gegenzug als Dankeschön nach Erlangen. Aber auch schon als Grundstock für eine Ausstellung, die 2019 zum zwanzigjährigen Jubiläum der Aktion an der Heinrich-Kirchner-Schule zu sehen sein wird. Wie eng die kreative Bewältigung der Krankheit hier Erlangen und Wladimir verbindet, zeigen die vielen Bilder in den Korridoren, die 2008 im Rahmen des Projekts „Heimat“ entstanden, wo, unterstützt von Soroptimist International, Kinder Einblicke in ihre Vorstellung von Heimat gaben.

Weltkarte der Kinder mit Swetlana Makarowa und Peter Steger

Eine Freude für alles Sinne ist es mittlerweile, die Klinik zu besuchen: hell und farbenfroh die Gestaltung und patientenorientiert die Verwaltung. Vorbei die Zeiten der Warteschlangen. Bei der Anmeldung bekommt man zentral alle notwendige Auskunft bis hin zur Terminvergabe.

Anmeldung

Und die Ausstattung? Auch die mittlerweile auf modernstem Niveau. Dabei war man ohnehin immer vorne mit dabei. Etwa als – ebenfalls im Rahmen einer Aktion von Soroptimist International – 2001 hier ein gynäkologisches Behandlungszimmer für Mädchen eingerichtet wurde. Das erste seiner Art in der ganzen Region. Erst in jüngster Zeit gibt es diese Angebote auch andernorts, die Politik hat am Beispiel von Wladimir landesweit die Notwendigkeit solcher Beratungs- und Therapiemöglichkeiten für junge Frauen verstanden und handelt nun.

Gynäkologisches Behandlungszimmer für Mädchen

Nur ein großer Wunsch ist noch nicht erfüllt: das Perinatalzentrum für Wladimir. Zwar, so Swetlana Makarowa, sei man stolz, mittlerweile sogar Frühgeburten mit einem Gewicht von 450 Gramm gesund groß zu bekommen, aber es bleibe noch einiges in der Neonatologie zu tun. Möglichst gemeinsam mit den Kollegen aus Erlangen, von denen man schon so vieles gelernt und übernommen habe.

Heimat

Für diese Erfolge steht eine kontinuierlich sinkende Kindersterblichkeit. Auf 1.000 Geburten kommen statistisch nur noch fünfeinhalb Todesfälle. Schon ganz nah an den Daten für Deutschland, die bei etwa dreieinhalb Toten liegen – und weit entfernt von den fast zweistelligen Zahlen aus den 90er Jahren. Schön, wenn die Partnerschaft dazu – etwa mit den ersten Inkubatoren oder einem Rettungswagen – etwas hat beitragen können.

Heimat

Als Pjotr Dik im August 2002 in Worpswede während eines Studienaufenthalts unerwartet mit gerade einmal 63 Jahren verstarb, hinterließ der deutsch-russische Künstler seiner Witwe, neben all seinen Graphiken und Gemälden auch das gemeinsam erbaute Haus in Susdal. Von hier aus organisiert Kira Limonowa bis heute Ausstellungen ihres Mannes im ganzen Land.

Das Haus von Peter Dik

Aber hier, bei der Architektin des Erlangen-Hauses, gehen auch nach wie vor Musiker, Maler und Meister des Wortes ein und aus – wie die Lyrikerin Jekaterina Zwetkowa, die auch als Filmemacherin tätig ist und der italienisch-spanischstämmige Nicolas Celoro, in Paris geboren, und derzeit als Pianist auf russischen Bühnen zu erleben. Der kosmopolitsche Komponist arbeitet derzeit an einem Werk über Susdal. Bis zum dreißigjährigen Jubiläum der Partnerschaft mit Rothenburg im Sommer dürfte der Maestro die Arbeit zwar kaum abschließen, aber vielleicht ist sie ja später einmal in Erlangen zu hören. Bis dahin begnügen wir uns mit einem Epigramm von Jekaterina Zwetkowa:

Nicolas Celoro, Kira Limonowa, Jekaterina Zwetkowa und Peter Steger

Ich fand im Schreibtischfach auf einem Fetzen Papier die Notiz: Ich lebe, wenn ich Gedichte schreibe, einfach einer Eingebung folgend, schlicht in die Welt hineinhörend… Mehr noch liebe ich es, zu schweigen und in der Stille zu verharren. Und wenn man einen andern schätzt und mag, ist man mit ihm schweigend viel glücklicher, weil die Worte… Sie sind zu einer gewaltigen zerstörerischen Kraft geworden.

Blickfang in Susdal an der Kamenka

So soll denn auch dieser Bericht mit einem stillen Blick auf Susdal glücklich enden.

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Und dann kam Peter…

1992 – 2018 Eine fränkisch-russische Freundschaft

Mit rührender Loyalität transportiert Peter Steger alljährlich ein unförmiges Paket für uns von Susdal über Wladimir und Erlangen nach Kraftshof. „Der Hönig“ steht in Kiras Schrift darauf. Nein, das sind nicht Eulen nach Athen, obwohl man sehr wohl auch hier hervorragenden fränkischen Honig kaufen kann. „Der Hönig“ ist mehr als nur Konsumware zum Frühstück. Es ist ein Symbol einer nunmehr 29 Jahre alten Freundschaft mit der Familie Dik. Sinnbildlich enthält er den Blick auf ihr Holzhaus in Susdal, die Düfte des gepflegten Bauerngartens im August, das Geläute der umliegenden Klosterkirchen und die wohltuende Ruhe und Gelassenheit der Uferwege entlang des Kamenka mit Blick auf die Stadtkulisse – und sie sind allesamt hier in Franken in keinem Geschäft zu erwerben.

Kira Limonowa und eine ihrem Mann gewidmete Ausstellung in Wladimir, 2009

1992 besuchte uns Peter im Rahmen einer Kunstverein-Ausstellung von fünf Malern und Graphikern aus Wladimir zum ersten Mal. Seine Deutschkenntnisse waren bescheiden, unsere Russischkenntnisse völlig „non-existent“, aber kollektiv konnten sich unsere wenig verbalen Kommunikationsfähigkeiten sehen lassen. Peter mußte man einfach mögen. Er konnte so herzerfrischend und ansteckend lachen. Das Nonverbale wurde so schnell durch gegenseitige Empathie ausgeglichen. Peters unbändige Neugierde für alles, was mit Deutschland, mit der Sprache und ihrer Kultur zu tun hatte, machte uns den Austausch leicht. An Gesprächsthemen fehlte es nie.

Bald entdeckte Peter unser Kraftshofer Atelier für sich und machte oft die Nacht zum Tag. Er war unglaublich fleißig und sehr von der neuen Umgebung beflügelt. Entstanden sind dabei allerlei Bilder von unserem fränkischen Dorf, von der beleuchteten Kirche bei Nacht, von den Scheunen mit ihren typischen Giebeln und Steildächern. Ihm gelang es immer, diese Bilder mit seinem besonderen Merkmal, einer Mischung aus Gegenständlichem mit Reduziertem, ja Abstraktem,  zu prägen, wodurch auch ein ungeschultes Auge sofort erkennen konnte, worum es sich hier nur handeln konnte: ausschließlich um ein typisches, historisches, fränkisches Dorf.

Kraftshofer Kirche, 1993 (?)

Ausflüge in die hiesige Gegend waren mit Peter ein Vergnügen. Mit dem Stift hinters Ohr geklemmt und das Notizbuch zur Hand, hielt er alle paar Meter kurz an, um eine architektonische Form, ein Gebäude-Ensemble, die Umrisse des Walberla, eine Felsformation mit einen wenigen Strichen festzuhalten. Bald hatten wir gelernt, am besten dabei zu schweigen und ihn nicht mit fränkischer Geschichte zuzudröhnen. Seine Augen sahen ohnehin anders, und daran ließ er uns teilhaben. Unsere eigene Umgebung lernten wir allmählich mit seinen Maleraugen gewinnbringend neu wahrzunehmen, denn er sah nicht nur die uns vertraute Landschaft, sondern verlieh ihr auch eine besondere Stimmung, eine seelische Dimension, die zwar noch als fränkisch erkennbar war, aber in der malerischen Umsetzung an Universalität gewann. Ein einfaches Bootshaus an der Donau in Regensburg dient hier als Beispiel dafür. Das Bild strahlt Ruhe und Zufriedenheit aus.

Bootshaus an der Donau bei Regensburg, 1993 (?)

Auch wenn wir wissen, wo genau und an welchem Tag die Inspiration dazu entstand, bleibt es doch unbedeutend, macht freilich das Bild für alle Betrachter gleichermaßen zugänglich. Für uns aber ist es zusätzlich eine geschätzte Erinnerung.

Auf diesen ersten Besuch folgten viele weitere – ab dem zweiten mit Kira, was noch mehr Humor und Heiterkeit mit sich brachte – und auch Gegenbesuche in Wladimir, später in Susdal. Schriftlich blieben wir in Verbindung und freuten uns  immer, wenn der Steger-Anruf mit der Anfrage eines neuen Besuchs kam. Wir denken mit großer Dankbarkeit an diese Zeiten zurück – an Gespräche am Küchentisch und vor dem Kamin, an Begegnungen mit anderen Künstlern und Kunstinteressierten, an gemeinsame Erlebnisse, ob eine Bauernbeerdigung in der fränkischen Schweiz oder eine Vernissage in Erlangen. Peter und Kira nahmen mit Begeisterung an unserem Leben teil, sind ja auch unauslöschlich selbst ein Teil davon geworden und der ganzen Familie ans Herz gewachsen. Bilder, die wir besonders schätzen, zeigen Peters Fähigkeit, einen Menschen ohne Gesichtszüge, allein durch die Körpersprache und -haltung unverkennbar darzustellen: Unsere Tochter übt abends Flöte in der beleuchteten Scheune. Peter hat die dabei entstandene Musik als Bild festgehalten.

Katie übt, Kraftshof 1997

2002 besuchten wir Peter und Kira in Worpswede und erlebten, wie unser Freund als Stipendiat in der Umgebung der ehemaligen Künstlerkolonie arbeitete und auch dort eine Art zweites deutsches Zuhause fand. Wir konnten dabei nicht ahnen, daß wir uns dort von diesem so lieb gewonnenen Freund für immer verabschiedet hatten. Aber wir sind sehr dankbar, daß Kira den Kontakt zu uns noch so wunderbar pflegt und unentwegt dafür sorgt, daß Peters Werk weiterhin in Ausstellungen und in Veröffentlichungen präsent bleibt.

Worpswede 2002

Das letzte Bild zeigt ein Liebespaar in einem Moorkahn, so wie sie zum Transport von gestochenen Torf bei Worpswede verwendet werden. Für uns beinhaltet dieses Bild die zwei Seiten des Freundes Peter Dik. Erst Tage vor seinem Tod, erzählte er mit wunderbarer Selbstironie, er fertige das Bild als Etikette für einen regionalen Likörhersteller. Kunst für Kommerz war ihm ganz fremd, aber in diesem Fall ließ er eine Ausnahme zu, spricht das Bild doch auch von Sehnsucht, von der Liebe zu zweit und vom Lossegeln in die Dämmerung hinaus… Diese Art von Bild konnte er ohne jeden Kitsch malen.

Hans und Rosie Zahn

Hans und Rosie Zahn im Gespräch mit Frank Steenbeck aus Jena bei dessen Vernissage am 4. November in Erlangen, Galerie am Eck

Aus drei Wochen Unterkunft bei uns sind 29 Jahre herzerwärmender Freundschaft mit Peter und Kira entstanden. Grund genug, um an seinem heutigen 79. Geburtstag mit Freude und Dankbarkeit an Peter zu denken und der Städtepartnerschaft Wladimir-Erlangen in ihrem 35. Jahr für eine weiterhin blühende Zukunft alles-alles Gute zu wünschen.

Rosie und Hans Zahn

Mehr zum Schaffen des Künstlers unter: https://is.gd/wpWREN

 

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In Berlin findet sie im September zum dritten Mal statt, in Wladimir lädt dieser Tage die Art Week erstmals ein, die Kunst aus allen Regionen des eigenen Landes näher kennenzulernen. 16 Staaten weltweit beteiligen sich mittlerweile an dem Projekt, das sich zum Ziel setzt, Gegenwartsmalerei zugänglicher zu machen und junge Künstler zu ermuntern, ihr Talent zu entwickeln.

Wladimir Sewostjanow

Wladimir Sewostjanow

Wie lohnend das sein kann, zeigt sich am Beispiel von Wladimir Sewostjanow, der von sich behauptet, ewig ein kleiner Junge zu bleiben, denn: „Je mehr man sich von der Kindheit bewahrt, desto größer wird man als Künstler.“ Wie auch immer, der 1952 geborene Maler, der seit 1977 in Erlangens Partnerstadt lebt und arbeitet, ist nun zum Ehrenmitglied der Russischen Akademie der Künste ernannt worden.

Wladimir Sewostjanow

Wladimir Sewostjanow

Ein Ritterschlag nicht nur für Wladimir Sewostjanow, der übrigens meint, sein Kater Caesar sei mehr Künstler als er selbst, weil der die Welt betrachte und schweige, sondern auch eine große Auszeichnung für die Kulturszene Wladimirs überhaupt. Und da gilt Wladimir Sewostjanow, der in Erlangen bisher – leider – nur bei Gruppenausstellungen vertreten war, als einer der großen Meister, der sich an den bereits verstorbenen Kollegen Pjotr Dik und Wiktor Dynnikow.

Wladimir Sewostjanow

Wladimir Sewostjanow

Aber da hinken natürlich alle Vergleiche, zumal der Geehrte immer wieder darauf verweist, seine Kunst wolle sich das Geheimnis bewahren. Ganz wie sein Kater Caesar.

Kunstjury in Wladimir mit Arbeiten von Häftlingen

Kunstjury in Wladimir mit Arbeiten von Häftlingen

Eine weiter erfreuliche Nachricht aus der Wladimirer Kunstwelt ist zu vermelden. Seit 2009 gibt es in der Russischen Föderation einen Wettbewerb, den die Justizvollzugsanstalten mit dem Künstlerverband veranstalten. In den Bereichen Kunsthandwerk, Spielzeug und Malerei werden Preise vergeben.

Nikolaj Krylow: Föhrenhain

Nikolaj Krylow: Föhrenhain

Zum Sieger kürte die Jury dieses Jahr in der Sparte Malerei Nikolaj Krylow, der in Wjasniki seine Haftstrafe absitzt. Seine Arbeit „Föhrenhain“ belegte den ersten Platz wegen der feinen Ausarbeitung der Details und des gelungenen Schattenwurfs. Das Werk ist nun Teil einer größeren Ausstellung, die via Wladimir nach Moskau geht, wo dann alles zum Verkauf steht. Der Erlös wird auf die Konten der inhaftierten Künstler überwiesen. So schön und gelungen kann Rehabilitation sein.

 

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Der Freitag endete mit den schönen Künsten und einem guten Gespräch: im Zentrum der Stadt wurde eine umfangreiche Ausstellung des auch in Erlangen gut bekannten Pjotr Dik eröffnet. Der international renommierte Künstler starb 2002 unerwartet bei einem Aufenthalt in Worpswede. In seiner Heimat wird er verehrt, unzählige Kunstfreunde kamen gestern zur Vernissage.

Pjotr Dik: Mondnacht

Pjotr Dik: Mondnacht

Im Erlangen-Haus schließlich fand sich am gestrigen Abend der „Deutsche Club“ zusammen. Die Ärztin Nadeschda Oblowazkaja, die übrigens im Januar mit Familie und Hund zu einem Urlaub nach Erlangen aufbrechen wird, trug philosophische Gedanken zum neuen Jahr vor. Von unguten Einflüssen von Mißgunst und Eile, über die guten Einflüsse von grünen und blauen Farbtönen, bis zu den Folgen des Essens, ohne dabei Hunger zu haben, gab sie ihre Gedanken wieder, die zu ernsten und heiteren Diskussionen führten. Die Sprachstudierenden diskutierten dabei z.B. auch den Unterschied von „ungewohnt“ und „ungewöhnlich“ oder den Gebrauch von reflexiven Verben.

Die Ökologin und Baumschützerin, Nadeschda Oblowazkaja, mit einer Linde in Franken

Die Ökologin und Baumschützerin, Nadeschda Oblowazkaja, mit einer Linde in Franken

Der Samstag begann ernst: Ein Gespräch mit Tatjana Samkowaja, Leiterin des AIDS-Zentrums, stand an. Seit 15 Jahren Mitarbeiterin, leitet sie die Einrichtung seit fünf Jahren. Etwa 2.000 Patienten aus Stadt und Oblast Wladimir werden betreut, darunter auch 180 Kinder, geboren von HIV-positiven Müttern. 48 dieser Kinder sind positiv getestet. Während früher 80% der Ansteckung durch Drogensucht erfolgte, ist diese Gefahr auf 60% gesunken, umgekehrt steigt der Anteil an Infizierung durch Sexualkontakte. Das Zentrum bietet von Prophylaxe, Diagnose bis zum Therapieplan eine umfassende Begleitung der Patienten, alles kostenlos.

Tatjana Sam und Elisabeth Preuß

Tatjana Samkowaja und Elisabeth Preuß. Photo: Irina Chasowa.

Der Ärztin liegt besonders Aufklärungsarbeit und Prophylaxe am Herzen. Diskriminierung von HIV-Trägern tritt sie mutig in vielen Vorträgen entgegen. Sie klärt in Universitätsseminaren und Jugendzentren, an Schulen, auf Elternversammlungen und beim Militär auf. Das ambulante Zentrum hat zwei Fachärzte für AIDS, einen Pädiater, zwei Infektiologen, einen Psychologen, einen Hautarzt und ein Labor mit Fachkräften. Eine große Sorge ist der engagierten Medizinerin der Nachwuchsmangel: Es wird zunehmend schwerer, freiwerdende Arztstellen in ihrem Zentrum und in kooperierenden Praxen, vor allem auf dem Lande, zu besetzen.

Elisabeth Preuß mit den Kriegsveteranen; 2. v.l.: Nikolaj Schtschelkonogow

Elisabeth Preuß mit den Kriegsveteranen; 3. v.l.: Nikolaj Schtschelkonogow. Photo Irina Chasowa.

Nach diesem Gespräch ging es mit dem Bus ins Stadtzentrum, zum Vereinsraum der Veteranen, der mir von einem früheren Besuch schon bekannt war. Nikolaj Schtschelkonogow erwartete Irina Chasowa und mich am Eingang, dann saßen wir einer kleinen Gruppe Veteranen gegenüber, die teilweise in Japan, teilweise auf polnischen, und teilweise auf deutschem Boden gekämpft haben. Einer der Veteranen aus dem dem Dorf Schuja bei Iwanowo erzählte, er habe als Kind den Absturz eines  abgeschossenen deutschen Flugzeuges aus unmittelbarer Nähe beobachtet, die Bilder der getöteten Piloten gingen ihm bis heute nach. Er sähe so gern zumindest einen Gedenkstein für die beiden Soldaten an der Absturzstelle. Sein Wunsch war, ob nicht deutsche Veteranen recherchieren könnten, welches Flugzeug mit welcher Besatzung damals abgeschossen wurde.

Unisono äußerten die Veteranen Sorge ob der Situation in der Ukraine, betonten aber, die Freundschaft zwischen Erlangen und Wladimir sei unverrückbar. Das bekräftigte ich mit deutlichen Worten: Städtepartnerschaften sind immer wichtig, in diesen Zeiten, wo zwischen unseren Staatschefs dunkle Wolken aufziehen, sind sie noch wichtiger. Ich werde im Erlanger Rathaus jeden Besuch aus Wladimir in den kommenden Monaten noch herzlicher empfangen!

Nikolaj Schtschelkonogow, Jurij Fjodorow, Alexander Rybakow, Siegfried Balleis und Peter Steger bei Kranzniederlegung an Russengräbern in Erlangen, Oktober 2008

Nikolaj Schtschelkonogow, Jurij Fjodorow, Alexander Rybakow, Siegfried Balleis und Peter Steger bei Kranzniederlegung an Russengräbern in Erlangen, Oktober 2008

Die Veteranen erkundigten sich auch nach der Flüchtlingssituation in Erlangen und berichteten, in Wladimir lebten derzeit etwa 1.000 Flüchtlinge aus der Ukraine. Nikolaj Schtschelkonogow ließ die Begegnungen der Veteranen seit 1991 nochmals Revue passieren, besonders die Treffen mit Schülern in Erlangen sind ihm frisch im Gedächtnis. Diese Stunde war, wie jede Begegnung mit den Veteranen, eine eindringliche Mahnung, Frieden zu halten. Mir lag viel an diesem Termin, denn diese Zeitzeugen werden immer weniger, und jedes Gespräch mit ihnen ist wertvoll. Mich beeindruckt, wie frisch und humorvoll diese Männer sind, ist doch jeder sicher schon an die 90 Jahre alt.

Am Nachmittag fuhren wir nach Susdal zur Witwe von Pjotr Dik, die uns zum Essen eingeladen hatte. Sie lebt in einem Holzhaus auf dem Gelände eines der Männerklöster, malerischer geht es kaum. Der Blick aus dem Atelier ihres Mannes geht hinüber zu einen Frauenkloster, sowohl bei Tageslicht, als auch in der frühen Dämmerung und bei Nacht gleichermaßen spektakulär. Absolute Ruhe herrscht dort, nur unterbrochen von gelegentlichem Glockengeläut von einem der Klöster. Und man versteht Kira Limonowa, wenn sie sagt, sie verbringe immer weniger Zeit in Wladimir und immer mehr in Susdal.

Der Blick aus dem Atelier von Pjotr Dik

Der Blick aus dem Atelier von Pjotr Dik

Der Teekessel blubberte ohne Unterlaß, dazu gab es köstliche russische Speisen, und wenn nicht neue Gäste gekommen wären, um mit Kira eine Ausstellung in Nowosibirsk zu besprechen, vielleicht säßen wir dann immer noch dort…

Dr. Elisabeth Preuß, Bürgermeisterin

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Beide sind zum ersten Mal in Deutschland, zum ersten Mal überhaupt in Europa und fühlen sich gleich in ein Märchenland versetzt voller Häuser und Gassen, die sie bisher nur aus Büchern und Bildern oder den Nachstellungen von historischen Schlachten eines befreundeten Künstlers kennen. Und werden bis zum Sonntag zu Gast in einem Haus in Kraftshof sein, dessen Geschichte man bis in die Zeit vor dem Dreißigjährigen Krieg zurückdatieren kann, heute bewohnt von Hans und Rosie Zahn, die seit Anfang der 90er Jahren schon ungezählten Malern und Graphikern aus Wladimir großzügig Quartier und Freundschaft angeboten haben. So nun auch Jurij Iwatko und seiner Frau, Jelena Jermakowa, die ihr Glück noch gar nicht fassen können, in der Stadt von Albrecht Dürer angelangt und bei einem deutschen Kollegen untergebracht zu sein, der schon mit Pjotr Dik befreundet war.

Jelena Jermakowa, Jurij Iwatko, Rosie und Hans Zahn

Jelena Jermakowa, Jurij Iwatko, Rosie und Hans Zahn

A propos Pjotr Dik: Jurij Iwatko ist selbst erstaunt, wie sehr seine Karriere dem Weg des großen deutsch-russischen Graphikers gleicht, der vor zwölf Jahren in Worpswede verstorben ist: zeitversetzt die gleiche Ausbildung im Ural und in Moskau mit anschließender Übersiedlung in die Region Wladimir, künstlerischer Beginn mit Großplastiken und Skulpturen für Ehrenmale, später die ganz individuelle Entwicklung eines eigenen Stils. 1993 kam der aus dem Ural stammende Freund der Avantgarde ganz in den Nordwesten der Region Wladimir, nach Alexandrow, wo einst Iwan der Schreckliche seine Residenz und Hauptstadt eingerichtet hatte und eine Zitadelle von vergangener Pracht zeugt. „Heute ist da nicht mehr viel los, ganze vier Berufskünstler gibt es in der Kreisstadt mit 60.000 Einwohnern, aber die Nähe zu Moskau kommt uns sehr entgegen“, meint der Gast, der über viele Jahre seine Bilder auf dem Arbat, der Fußgängerzone in der Hauptstadt, verkauft hat. 1.500 Arbeiten ingesamt, darunter auch viel, was er dem Publikumsgeschmack habe anpassen müssen, bis genug Geld beisammen war, um sich in Alexandrow ein altes Haus zu kaufen, wo er jetzt mit seiner Familie lebt und ein Atelier eingericht hat, um Kinder und Jugendliche in den Grundtechniken der Kunst zu unterrichten. Übrigens gehörte auch seine Frau, mittlerweile selbst künstlerisch tätig, zu seinen Schülern.

Die schematische Anatomie der Aggression: willkürliche Form, Eindringen und Spuren der Gewalt

Die schematische Anatomie der Aggression: willkürliche Form, Eindringen und Spuren der Gewalt

Jurij Iwatko hat seine Bilder und Skulpturen schon überall in Rußland gezeigt und kann von seiner Inspiration und Hände Arbeit leben. In Deutschland freilich waren seine Arbeiten noch nie zu sehen. Das soll sich ändern: Morgen, am 3. September wird um 19.00 Uhr in den Räumen des Erlanger Kunstvereins, Hauptstraße 72, die Ausstellung „Pulverfässer 1914 – 2014“ eröffnet (s. http://is.gd/JE6S9Z) . Mit Exponaten der beiden Wladimirer Künstler, Jurij Iwatko und Igor Tschernoglasow, der selbst nicht kommen konnte, seine Beiträge aber dem Kollegen mitgegeben hat. Man braucht Jurij Iwatko nicht lange zu bitten. Seinen Beitrag zur Ausstellung zeigt er gerne vorab, das Triptychon „Die schematische Anatomie der Aggression“, gegossen aus Altmetall in ihren drei Stadien der willkürlichen Form, des Eindringens oder der Invasion und schließlich der Spuren der Gewalt. Wie das Publikum seine Interpretation des Themas aufnimmt, wird man sehen, aber vorab freut sich der Künstler schon einmal darüber, wie die deutschen Zollbeamten begeistert reagierten, als sie die Plastiken im Gepäck des Reisenden aufspürten, wie sie einander herbeiriefen und anerkennend nickten, bevor sie den Künstler durchwinkten. „Das hat mich riesig beeindruckt“, erinnert sich Jurij Iwatko. „Da habe ich mich gleich verstanden gefühlt, auch wenn ich kein Deutsch spreche.“

Jelena Jermakowa und Jurij Iwatko

Jelena Jermakowa und Jurij Iwatko

Bevor es ins Bett geht, will das Ehepaar unbedingt noch Kraftshof erkunden, voller Entdeckerfreude und Lebenslust. Und man will es gar nicht glauben, daß mit ebenso unerwarteter wie erschreckender Aktualität das Ausstellungsthema „Pulverfässer 1914 – 2014“ in ihrer Heimat täglich mehr an Brisanz gewinnt, wo die Lunte wieder brennt. Wenn Gouverneurin Swetlana Orlowa im 1. Kanal des Russischen Staatsfernsehens – auf die demokratisch gewählte Regierung der Ukraine gemünzt – prophezeit: „Diese Junta wird besiegt, glauben Sie mir!“ und den „rotzfrech gewordenen Amerikanern“ unterstellt, sie wollten „die ganze Welt an sich reißen“, während die Landemutter dem russischen Volk einen „Sieger-Code“ attestiert, ohne auch nur mit einem Wort die russischen Soldaten zu erwähnen, die in der Ukraine bzw. bei „Manövern an der Grenze“ ums Leben gekommen sind, wie Sergej Selesnjow, der gestern in Wladimir bestattet wurde. Wenn drei stramm patriotisch gestimmte Organisationen im ideologischen Gleichschritt ein Auftrittsverbot in Wladimir für Diana Arbenina und ihre Band fordern, weil die populäre Rocksängerin und Liedermacherin sich „für Kiew“ ausgesprochen und damit zu den „verhaßten Personen“ gehört, die „staatsfeindlich agieren“. Wenn ein Stadtrat dazu aufruft, als Reaktion auf die Sanktionen des Westens „massenhaft auf die Verwendung des Dollars“ zu verzichten und alle Greenbacks via Zentralbank an Barack Obama zurückzuschicken, um in Zukunft nur noch eine „harte Währung“ zu verwenden, den Rubel. Die Lunte brennt. Künstler allein können die neue „schematische Anatomie der Aggression“ allein nicht aufhalten. Sie werden später neue Formen der Verarbeitung dieses europäischen Traumas finden müssen. Heute tun sie gut daran, ihre Kritik an den Verhältnissen oder gar Sympathie für die „Faschisten und Revanchisten in der Ukraine“ für sich zu behalten oder bis zur Unkenntlichkeit zu verfremden, wenn sie nicht an den medialen Pranger gestellt werden wollen, wie in dieser Reportage – einer Kulturnation unwürdig – mit deutschen Untertiteln des zentralen Senders NTV zu sehen:  http://is.gd/8TRQV2

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