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Gestern erschien auf der Internetplattform Zebra eine Nachbetrachtung der Videokonferenz von Prisma aus der Feder des Politologen, Roman Jewstifejew, der wichtige Ergänzungen zu dem bereits hier erschienenen Rückblick enthält:

Jedes historische Ereignis großen Ausmaßes führt mehrere Leben. Zunächst wird es von den Zeitgenossen unmittelbar erlebt, später setzt ihre Erinnerung ein, es bilden sich mündliche und schriftliche Traditionen der Beschreibung des Ereignisses heraus und die Erinnerungen gehen über an die nächsten Generationen, denen wiederum das eine wichtig, das andere unwichtig erscheint, so daß sich die Erinnerung an das Ereignis unweigerlich verändert und korrigiert wird. Wissenschaftler, Historiker, Philosophen, Soziologen und viele andere erwecken das Ereignis zu neuem Leben, indem sie versuchen, mit wissenschaftlichen Methoden objektive Umstände und Merkmale des Ereignisses zu ermitteln. Die Literatur, Kunst und Filmwelt schaffen und neue Bilder und Bedeutungen aus ihrem Blickwinkel und füllen sie mit ihren eigenen Mitteln mit Leben. Gleichzeitig werden soziokulturelle und politische Institutionen einbezogen, die ihre je eigenen Versionen und Deutungen schaffen und der Gesellschaft vermitteln.

Prisma Roman

Roman Jewstifejew

Da kann es nicht überraschen, wenn es oft zu regelrechten Kollisionen von unterschiedlichen Interpretationen, Einschätzungen und Schlußfolgerungen hinsichtlich der historische Erinnerung an bestimmte Ereignisse kommt, insbesondere dann, wenn wichtige politische Akteure, wie Staaten, beteiligt sind.

Leider bildet die Geschichte des Zweiten Weltkriegs keine Ausnahme. Eine der größten Tragödien der Menschheitsgeschichte wurde oft zu einem Instrument der politischen Einflussnahme und des Einflusses, der nationalen Konkurrenz und sogar der nationalen Überlegenheit. All dies ist leicht zu erkennen, auch ohne Spezialist zu sein, in einer offenen und für jedermann zugänglichen modernen Informationsumgebung.

Ausgehend von diesen Überlegungen nahm ich die Einladung sehr aufmerksam und gewissenhaft an, mich an der nächsten Sitzung des bekannten russisch-deutschen Diskussionsklubs „Prisma: Wladimir – Erlangen“ zu beteiligen.

Das vor einigen Jahren auf Initiative der Stadtoberhäupter von Wladimir und Erlangen und unter Beteiligung der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Verwaltung und Wirtschaft gegründete Forum hat bereits mehrere Sitzungen abgehalten, die sich allesamt als recht angeregt und interessant erwiesen und durchaus aktuelle und drängende Themen behandelten, die sowohl für die russische als auch für die deutsche Seite von Interesse sind: Probleme der Migration, Rolle der Medien in der modernen Gesellschaft, Ökologie und viele andere mehr.

Thema der Diskussion war diesmal die Erörterung der Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg. Etwas, das an sich schon faszinierend klang. Fakt ist, daß die Erörterung eines solchen Themas innerhalb eines Landes – und erst recht innerhalb Rußlands – als reine Formalität, nahe an der Banalität, erscheinen mag. Natürlich, was gibt es denn auch zu streiten, wenn fast jede Familie noch die Erinnerung an jene bewahrt, die in diesem Krieg umkamen und litten, ebenso wie an die, deren Leben und Schicksal durch den Krieg gebrochen wurden. Sprechen sie doch für sich selbst und bestimmen weiterhin unsere Haltung gegenüber diesem Ereignis.

Aber über die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg unter Beteiligung von Russen und Deutschen zu sprechen, ist natürlich eine ganz andere Sache. Ich würde sogar sagen, es ist eine schwer kalkulierbare.

Aber die Leitung der Plattform „Prisma“, vertreten durch den Direktor der Wladimirer Filiale der Russischen Akademie für Verwaltung und Wirtschaft, Wjatscheslaw Kartuchin, die Oberbürgermeisterin von Wladimir, Olga Dejewa, und den Partnerschaftsbeauftragten Peter Steger, die keine Angst vor dieser Unberechenbarkeit hatten, ergriffen die Initiative und luden mutig und offen aktive Bürger, junge Menschen und Wissenschaftler zur Diskussion ein. Genau so, wie es sich die Gründer des Diskussionsforums seinerzeit gedacht hatten.

Ich werde hier nicht alle Berichte, Referate und Diskussionsbeiträge wiedergeben, ich will vielmehr nur einige allgemeine Eindrücke aus dem Meinungsaustausch festhalten.

Ich beginne damit, dass aus hinlänglich bekannten Gründen die Teilnahme nur in Form von Projektionen auf Computerbildschirmen möglich war, sprich alle beteiligten sich aus der Ferne an der Diskussion. Wenn ich hier vorgreifen darf, wäre zu sagen, daß dieser Umstand die Qualität des Treffens in keiner Weise beeinträchtigte, sondern im Gegenteil das Gespräch reicher und intensiver machte. So war es möglich, ganz unterschiedliche Menschen aus zwei Ländern in einem Diskussionsraum zusammenzubringen. Diese erfolgreiche Erfahrung brachte übrigens einen der Organisatoren der Konferenz, Wjatscheslaw Kartuchin, auf die Idee, in künftige Diskussionen über ähnliche Themen auch Vertreter anderer Länder, etwa der Vereinigten Staaten, einzubeziehen.

Zweitens möchte ich anmerken, daß an dem Gespräch über die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg Vertreter mehrerer Generationen teilnahmen, darunter der Veteran des Großen Vaterländischen Krieges, Nikolaj Schtschelkonogow, der mit seiner Energie, seinem Optimismus und seinem Glauben an unsere gemeinsamen Kräfte die ganze Runde buchstäblich mit Kraft betankte.

Das Thema der historischen Verbindung zwischen den Generationen und insbesondere die Frage, wie diese Verbindung erhalten werden könne, war Gegenstand eines Beitrags von Oleg Gurejew, stellvertretender Direktor des Landesmuseums Wladimir-Susdal. Interessant dabei, daß diese Verbindungen weit über die nationalen Grenzen hinausgehen und die freundschaftlichen Beziehungen unserer Region und ihrer Bewohner zu Deutschland, Italien und anderen Ländern stärken. So wahrt man in den Niederlanden ehrend das Gedenken an einen Militärpiloten, Iwan Smirnow, einen gebürtigen Wladimirer, der in Holland zu einem Nationalhelden wurde.

Drittens war für mich persönlich die Position des deutschen Volkes hinsichtlich der Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg besonders interessant. Dies gilt desto mehr, als den Beiträgen der deutschen Teilnehmer ein Bericht von Wjatscheslaw Kartuchin vorausging, in dem er unmißverständlich darauf hinwies, eine Verzerrung der Geschichte sei absolut unzulässig; es seien gerade diese Entstellungen und Verfälschungen, die in einer Reihe von Ländern zur Entwicklung radikal nationalistischer Ansichten und Bewegungen führen.

Die Erlanger Historikerin, Julia Obertreis, präsentierte einige der neuesten Forschungsergebnisse zum Zweiten Weltkrieg und, was am interessantesten ist, einige der Themen, die im heutigen Deutschland Aufmerksamkeit erregen. Und sie erinnern sich nicht nur an ihre Verluste und Opfer, sondern auch an das unvorstellbare Leid und die Trauer, die die faschistische Invasion über das sowjetische Volk brachte. Die Professorin sprach sehr aufrichtig und authentisch darüber. Und auch darüber, daß man in Deutschland versucht, die Erinnerung an unsere Landsleute zu bewahren, die zwangsweise nach Deutschland gebracht wurden, um in deutschen Unternehmen zu arbeiten. An diese Menschen und ihre Angehörigen wird in Deutschland erinnert, man schafft spezielle Hilfsprogramme. Mir scheint dies ist ein interessantes Beispiel für die Überwindung der traumatischen historischen Erinnerung durch die Hilfe und Unterstützung derer zu sein, die unter dem Krieg zu leiden hatten.

Übrigens sei angemerkt, daß die russischen Teilnehmer nach ihrem Beitrag von Julia Obertreis eine Reihe von Fragen stellten, die einige Diskrepanzen aufwiesen, etwa zu der Bewertung historischer Fakten, den aufgeführten Statistiken und so weiter. Im Verlauf der Diskussion stimmte Julia Obertreis den Hauptargumenten und Ausführungen zu, die von den russischen Teilnehmern vorgebracht wurden.

In dieser Hinsicht gefiel mir viertens die Tatsache, daß bei dem Treffen Diskussionen, ja sogar Streitgespräche geführt wurden, allerdings immer mit der Absicht aller, die Wahrheit zu finden, die Meinung der anderen zu verstehen, und nicht mit dem Ziel, zu gewinnen und den eigenen Standpunkt durchzusetzen. Zu einer Vielzahl von Fragen wurden unterschiedliche Meinungen geäußert, aber gegenseitiger Respekt und Vertrauen ermöglichten es, aus diesen Streitgesprächen wechselseitigen Nutzen zu ziehen und die Fehler des anderen zu korrigieren. Wahrscheinlich funktioniert genau so Vertrauen, indem es nämlich unsere gemeinsamen Fähigkeiten stärkt und vervielfacht.

Fünftens empfanden alle Diskussionsteilnehmer die Notwendigkeit, das Gespräch über das historische Gedächtnis fortzusetzen, und zwar nicht nur in Form eines professionellen Gesprächs unter Historikern, sondern auch in Form von Diskussionen innerhalb der Gesellschaft, die ja tatsächlich die dieses historische Gedächtnis zu tragen hat. Dies desto mehr, als für viele Beiträge leider einfach nicht genügend Zeit zur Verfügung stand. Deshalb kam man klar überein: Das Gespräch sollte ohne Aufschub fortgesetzt werden, möglichst schon im September dieses Jahres.

Doch als wohl wichtigstes Fazit des Treffens erlaube ich mir, die Worte von Nikolaj Schtschelkonogow zu zitieren, der als Frontsoldat vielleicht sogar scharf aber poitiert sagte:

Sie alle, die jetzt gesprochen haben, haben alles richtig gesagt, aber Sie alle haben den Krieg nicht gesehen, und Sie können nicht wissen, wie schrecklich und fürchterlich er ist. Aber Sie können einen neuen Krieg verhindern. Und Sie sind verpflichtet, das zu tun!

Roman Jewstifejew

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In Zeiten von Corona, wo der leibhaftige Austausch zwischen den Partnerstädten ruht, bleibt als einziges und gern genutztes Mittel der Kommunikation neben dem guten alten Fernruf das Internet mit seinen vielfältigen Möglichkeiten. Insbesondere ist das die Videokonferenz, zu der man sich von zu Hause, vom Arbeitsplatz oder von unterwegs dazuschalten kann, wenn man von einem Gastgeber, „Host“ genannt, eingeladen wird. Diese Rolle übernahm nun vorgestern die Akademie für Verwaltung und Wirtschaft in Wladimir mit ihrem Leiter, Wjatscheslaw Kartuchin, für das Diskussionsforum „Prisma“, das mit dem Thema „Gedenkkultur“ eigentlich bereits im Juni in der Partnerstadt hätte stattfinden sollen, wenn da nicht die Pandemie dazwischengekommen wäre.

Nun sitzt man sich also per Bildschirm gegenüber – und arrangiert sich mit den Umständen, die zwar, wenn die Sitzung, wie im gegebenen Fall, ganze zweieinhalb Stunden dauert, durchaus Sitzfleisch und Konzentration fordern, die aber auch eine erstaunlich gut funktionierende Plattform bieten, um Argumente und Meinungen auszutauschen. Technisch ohne jede Störung, vor allem aber nutzbar auch von digitalen Laien, sofern der Rechner mit Kamera und Mikrophon ausgestattet sein sollte, was, wie man hört, noch nicht für alle Arbeitsplätze im Erlanger Rathaus gilt.

Oleg Gurejew, Nikolaj Schtschelkonogow und Alexander Illarjonow

Und so sitzt man sich also gegenüber und beschnuppert sich in einem fünfzehnköpfigen Kreis schon ein paar Minuten vor Beginn der Konferenz mit virtuellen Lockerungsübungen, prüft die Leitung, den Ton, die Kameraeinstellung, die Sitzhaltung und sagt sich, wie weiland der Schöpfer: „Es ist gut!“

Olga Dejewa

Schwierig freilich ist das Thema der Sitzung, die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg, den Oberbürgermeisterin, Olga Dejewa, in ihrer Begrüßung eine „große Tragödie“ nennt, unter der auch ihre eigene Familie – wie fast alle in der Sowjetunion – zu leiden hatte: Ein Onkel fiel an der Front, ein zweiter kam versehrt zurück… Es sei deshalb von überragender Bedeutung, das Gedächtnis an jene Jahre an die nächsten Generationen weiterzugeben und zu einer patriotischen Haltung zu erziehen.

Wjatscheslaw Kartuchin

Schwierig, weil sich, wie Wjatscheslaw Kartuchin mit Bezug auf den jüngst veröffentlichten Aufsatz von Wladimir Putin, ausführt, um ihren entscheidenden Beitrag zum Sieg über den Faschismus betrogen sehen. Geschichtsklitterung, Verzerrung und Entstellung der Fakten, Relativierungen, alles Entwicklungen, denen man sich entgegenstellen müsse.

Julia Obertreis

Schwierig, weil, wie Julia Obertreis, Inhaberin des Lehrstuhls für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas an der FAU, in ihrem Beitrag ausführte, die Forschung in Deutschland der russischen Sicht etwa einer Mitschuld Polens am Ausbruch des Zweiten Weltkrieges nicht teile.

Wehrmachtsangehörige in sowjetischer Gefangenschaft

Schwierig vor allem aber, wenn dann die Wladimirer Seite fragt, wie es denn so weit habe kommen können, daß ein Kulturvolk wie die Deutschen so habe verrohen, so bestialisch habe wüten können wie besonders an seiner Ostfront. Da kann keine Erklärung ausreichen, da kann kein Verweis auf Propaganda weiterhelfen. Darüber wird man weiter sprechen müssen: Wie ist ein solcher Kulturbruch möglich?

Botschafter Géza Andreas von Geyr übergibt am 6. Mai 2020 Dokumente aus deutschen Archiven an Michail Schwydkoj, Beauftragter des russischen Präsidenten für internationale Kulturzusammenarbeit

Bei allem Schwierigen setzt Julia Obertreis aber auf die weiteren Gespräche im Rahmen der deutsch-russischen Historikertreffen, und vor allem die virtuellen Gastgeber loben immer wieder die Rolle der Städtepartnerschaft, die sich seit dem 22. Juni 1991, dem 50. Jahrestag des Überfalls der Wehrmacht auf die UdSSR, besonders der Versöhnung zwischen den Veteranen verpflichtet sieht, wofür neben dem einstigen Frontkämpfer – 140 von ihnen leben noch in Wladimir – Nikolaj Schtschelkonogow auch Witalij Gurinowitsch steht, der 1995, damals noch Leiter der zeitgeschichtlichen Abteilung des Landesmuseums, eine Ausstellung zum Thema „Kriegsgefangene in Wladimirer Lagern“ nach Erlangen brachte. Sein einstiger Kollege und heutiger stellvertretender Direktor des Museums schlägt nun eine Neuauflage der Ausstellung mit zusätzlichem Material vor. Ein Angebot, das Erlangen gewiß nicht ausschlagen wird, zumal auch hier die Stoffsammlung fleißig weitergeht und es Überlegungen gibt, eine aktualisierte Fassung des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen“ herauszugeben.

Peter Steger

So schwierig sie sein mag, bei allem Trennenden verbindet kaum etwas die Deutschen und Russen so sehr wie die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg. Da ist es gut, die verbindliche Stimme des ebenfalls zugeschalteten Politikwissenschaftlers, Roman Jewstifejew, zu hören, der meint, alles sei eine Frage der Wahrnehmung und der Beeinflussung durch Politik und Medien. Er plädiert deshalb für die „soft power“ der Wissenschaft, die sich gegen jede Propaganda stellen und offenbleiben müsse. Offen bleiben aus Zeitgründen dann auch noch die Beiträge von Jutta Schnabel mit Beispielen aus der Erinnerungsarbeit im Rahmen des Jugendaustausches und von Peter Steger zum Beitrag der Städtepartnerschaft zur deutsch-russischen Verständigung. Doch schon plant man die nächste Konferenz dieser Art, um – auch anhand dieser Referate – die so notwendige Diskussion fortzusetzen, denn auch das Trennende sollte uns verbinden.

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Ist es schön sehr alt zu werden? Ja, wenn man geistig noch in der Lage ist, der Gegenwart zu folgen.

Christa und Friedhelm Kröger

Bei meinem Vater, Friedhelm Kröger, der ab dem Jahr 2003 mit tatkräftiger Unterstützung und Betreuung von Peter Steger einen Kreis der Wladimir-Gefangenen aufbaute und dann regelmäßig bei den Jahrestreffen mit dabei war, lassen seit einiger Zeit die geistigen Kräfte spürbar nach. Als Peter Steger ihn und meine Mutter im März noch einmal im Seniorenheim in Minden besucht, freute er sich natürlich sehr. Inzwischen fällt es ihm zunehmend schwerer, die Gegenwart zu verfolgen, und auch die Erinnerungen an die Vergangenheit verblassen spürbar. Als ich ihn letztens noch einmal zu seiner Gefangenschaft befragen wollte, wehrte er ab: „Das ist long-long ago.“

Friedhelm Kröger 3

Peter Steger und Friedhelm Kröger

Im Nachhinein denke ich, daß alles seine Zeit hatte: die Jugend in der NS-Zeit, die langen Jahre der Gefangenschaft, die glückliche Rückkehr, ein erfolgreiches Berufsleben als Lehrer und sein nunmehr langes Leben als Ruheständler. „Ich nehme das Schicksal so, wie es kommt„, äußerte er kürzlich – und ich glaube, er hat recht: Mit seinen 94 glücklich erreichten Lebensjahren muß er nicht mehr alles erinnern können. Er darf in Ruhe auch einmal seine Vergangenheit vergessen. Wie war das mit Helmut Kohls Gnade der späten Geburt? Vielleicht gibt es auch eine Gnade des rechtzeitigen Vergessens – einer glücklichen aber auch schrecklichen Zeit, die bekanntlich nicht vergehen will…

Michael Kröger  (*1956)

Ein Lebenszeichen aus der Gefangenschaft

Friedhelm Kröger war ein unerschöpflicher Quell der Erinnerung an die Zeit des Krieges und der Gefangenschaft, der eine Vielzahl von Beiträgen hier im Blog speist. Wer den Veteranen noch nicht kennt, sollte vielleicht hier beginnen https://is.gd/HLpEqk und dann seinen Namen in die Suchmaske eingeben.

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Der Hinweis kam von der Blog-Leserin, Elfriede Vittinghoff. Sie war beim Wandern in der Nähe von Ittling, einem der 24 Ortsteile von Simmelsdorf, am Grab eines unbekannten russischen Soldaten vorbeigekommen und hatte neben einem Bild auch die Koordinaten geschickt.

Die in Karten als „Russengrab“ eingezeichnete Gedenkstätte hat die Position N49°35,845′ E11°18,794′ und liegt entlang der Route http://www.komoot.de/smarttour/315334, von Erlangen aus leicht erreichbar und ohne große Anstrengung zu bewältigen, zumal in dieser Jahreszeit am Wegrand immer wieder üppig tragende Heidelbeerbüsche zur süßen Rast einladen.

In der E-Mail hieß es weiter, es müsse doch eigentlich auch Daten zu dem Soldaten geben, und:

Es wäre doch traurig, wenn die Familie all die vielen Jahre nichts über den Verbleib des Verstorbenen erfahren hat.

Mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ist und bleibt das leider so, wie in ungezählten anderen Fällen auch. Die Angehörigen dürften im besten Fall erfahren haben, der Sohn, Ehemann, Bruder und vielleicht schon Vater sei bei den Kämpfen um N.N. in faschistische Gefangenschaft geraten.

Die galt fast schon als Todesurteil. Tatsächlich überlebten von den geschätzt 5.700.000 gefangenen Rotarmisten nur etwa 2.400.000 die Arbeits- und Vernichtungslager. Und wer nach dem Zusammenbruch von Nazi-Deutschland wieder zurück in die UdSSR kam, galt dort als Verräter und verschwand oft zunächst im GULag.

Die Grabstelle liegt also in der Gemeinde Simmelsdorf, im Wald zwischen den Ortsteilen Simmelsdorf und Sankt Martin, südlich von Unterwindsberg und westlich von Hüttenbach „auf der Ebene“, d.h. auf einem Berg gelegen. Auf dem Weg dorthin kommt man von Sankt Martin aus an uralten Kirschbäumen und einer großen Blumen-Lichtung vorbei – im Grenzgebiet der Marktgemeinden Schnaittach und Simmelsdorf. Nach Auskunft der Simmelsdorfer Verwaltung wird das Grab des unbekannten russischen Soldaten unter den Kiefern von einer unbekannten deutschen Person nach wie vor gepflegt und in Ordnung gehalten. Könnte es symbolischer sein? Auch ansonsten ist nicht mehr viel bekannt: Im April 1945, kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner, ging ein Gefangentransport zu Fuß von Freiröttenbach (heute Markt Schnaittach) nach Simmelsdorf. Dabei könnte der russische Soldat umgekommen sein.

Das Grab ist laut Gemeindeverwaltung leer. Nach dem Krieg bestattete man den unbekannten Rotarmisten mit anderen, ebenfalls nicht identifizierten Sowjetsoldaten auf dem unweit gelegenen katholischen Friedhof in Bühl (Gemeinde Simmelsdorf). Dort fanden, etwas nördlich der Kirche, hinter dem Priestergrab, fünf deutsche und 14 sowjetische Soldaten, darunter der unbekannte Russe aus dem Wald, ihre letzte Ruhe. Gemeinsam.

Das Schicksal der Toten wird sich wohl nie mehr rekonstruieren lassen. In den Wirren der letzten Kriegstage ging zu viel verloren, wurde zu viel absichtlich vernichtet, um die Beweise von Terror- und Greueltaten nicht in Feindeshand geraten zu lassen.

Es ist nicht einmal klar, ob es sich um Russen handelt. Damals – und bis heute – gilt ja als „Russe“, wer aus der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten stammt, während in der Sowjetarmee Russen Seit an Seit mit Ukrainern, Weißrussen, Juden, Kasachen, Usbeken, Udmurten und Vertretern all der vielen anderen Völkern und Nationen des größten Flächenstaates der Erde dienten, den die Nationalsozialisten unterwerfen und dessen Bevölkerung sie versklaven und vernichten wollten. Schmerzlich erlebbar bis heute auch hier, in dieser Idylle des Vorgartens der Fränkischen Schweiz.

Friedhof in Bühl

Man sollte all jene, die heute weiter das Kriegshandwerk betreiben, an Orte wie diese führen und fragen, was sie später einmal den Eltern, Geschwistern, Frauen und Kindern sagen wollen, wenn die Nachricht „gefallen“, „gefangen“ oder „vermißt“ eintrifft.

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Offiziell begründet wurde es zwar erst 2008, aber bereits auf den Tag genau vor 30 Jahren nannte Joachim Sossalla, 1. Vorsitzender des 1. Nordbayerischen Amateur Fotoclubs, in seinem Schreiben vom 19. Juni 1990 an Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, die Drei-Länder-Ausstellung von Photographen aus Erlangen, Jena und Wladimir „sowie eines Lichtbildners aus Moskau“ ein Städtepartnerschaftsdreieck. Fast schon seherisch wählte der Vereinsleiter aus Nürnberg, dessen Erlanger Vertreterin, Karin Günther, später die Erlanger Foto Amateure gründete, diesen Begriff und wies darauf hin, dieses Zusammenwirken sei in der „gegenwärtigen politischen Situation von hoher Aktualität“, etwas, das leider noch immer im deutsch-russischen Verhältnis gilt. Fast könnte man daran verzweifeln, wären da nicht diese großartigen Zeugnisse der Verständigung zwischen Erlangen, Jena und Wladimir, die bis ins Jahr 1989 zurückreichen und bis heute fortbestehen.

Die ausgesprochen erfolgreiche Ausstellung wurde dann übrigens gar nicht so teuer, unter anderem weil Peter Steger, damals schon Partnerschaftsbeauftragter für beide Städte, die sprachliche und organisatorische Betreuung der Gäste aus Wladimir übernahm: Wladimir Fedin, Sergej Uchin und Wladimir Filimonow. Diese drei bauten dann eine ganz wunderbare Freundschaft mit Karin Günther und ihren Erlanger Foto Amateuren auf, der die Partnerschaft ungezählte Ausstellungen verdankt, und die bis heute anhält. Erst dieser Tage traf von Wladimir Fedin eine Mail mit drei Eidechsenbildern ein, wo er seiner deutschen Kollegin mitteilte, er begeisterte sich neuerdings für Makrophotographie, habe aber auch wegen Corona weniger Aufträge…

Karin Günther im Mai 2013 vor dem Erlangen-Haus in Wladimir mit ihren Photofreunden Wladimir Fedin, Wladimir Filimonow und Sergej Uchin sowie deren Ehefrauen

Und Jena? Damals schon dabei Klaus Enkelmann von Unifok, dessen Vorsitzender er heute ist. Bestimmt zwei Dutzend gemeinsamer Ausstellungen ließen sich auflisten – und jedes Jahr ein Gruppenausflug, immer auf der Suche nach neuen Motiven.

Karin Günther mit Oberbürgermeister Albrecht Schröter und Klaus Enkelmann im Januar 2015 bei einer Ausstellungseröffnung im Rathaus Jena

Der Bericht wäre unvollständig ohne den Hinweis darauf, daß die Erlanger Foto Amateure längst unser aller Bild von allen Partnerstädten prägen; sogar mit dem tschechischen Chomutov, dem früheren Komotau – Erlangen hat für die Vertriebenen aus dieser nordböhmischen Stadt bereits 1963 die Patenschaft übernommen – ist es dem Verein gelungen, einen intensiven Austausch aufzubauen. Sogar? Nicht so ganz verwunderlich, wenn man weiß, daß Karin Günther, diese Weltbürgerin, dort geboren wurde und selbst die Flucht mitmachte. Aber das ist schon wieder eine ganz andere Geschichte, die hier nachzulesen ist: https://is.gd/UmEE7q

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Als Jelena Jermakowa 2015 ihren Mann, Jurij Iwatko, nach Erlangen begleitete, tat sie das nicht (nur) als seine Muse, sondern ganz in eigener Sache. Während der Bildhauer nämlich sein „Letztes Opfer“ für die Skulpturenachse in Tennenlohe schuf, füllte sie ganze Mappen mit ihren Skizzen und Graphiken.

Jelena Jermakowa, Tennenlohe, August 2015

Nun schickte die Künstlerin aus Alexandrow, fast zwei Autostunden nordwestlich von Wladimir gelegen, gestern eine Nachricht, die nicht viele Worte macht, es aber in sich hat:

Jelena Jermakowa: Dieter Erhard

Ein Gruß aus Alexandrow von Jelena Jermakowa. Ich habe eine Reihe von graphischen Arbeiten zu meinen Eindrücken von unseren Begegnungen angefertigt. Jurij und ich denken oft an unsere Deutschlandfahrt zurück. Ich möchte meine Arbeiten, den hier gezeichneten Freunden zur Erinnerung an unsere Freundschaft zum Geschenk machen.

In Liebe, Jelena

Jelena Jermakowa: Russana Hillmann

Da bekommt an eine Ahnung davon, was diese deutsch-russische Städtepartnerschaft im Innersten zusammenhält.

Jelena Jermakowa: Reiner F. Schulz

Zu der Meisterschaft der Künstlerin braucht wohl nichts weiter gesagt zu werden, ihr Können spricht für sich und sie.

Jelena Jermakowa: Peter Steger

Nur kurz zu den dargestellten Personen: Dieter Erhard, selbst Künstler und immer wieder Gast in Wladimir und anderen Partnerstädten, organisierte freundschaftlich das Symposium in Tennenlohe; Russana Hillmann begleitete das Ehepaar freundschaftlich nach Rothenburg o.d.T.; Reiner F. Schulz, wie Dieter Erhard in Wladimir nicht unbekannt, brachte die beiden freundschaftlich mit weiteren Mitgliedern des Erlanger Kunstvereins zusammen; der Partnerschaftsbeauftragte, Peter Steger, durfte das Projekt freundschaftlich begleiten. So schön kann die deutsch-russische Volksdiplomatie sein.

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Bisher erschienen hier im Rahmen des Projekts „Kriegskinder“ nur Erinnerungen von Deutschen. Heute einmal ein Rückblick auf die Nachkriegsjahre von Wera Guskowa, seit 1977 als Kinderärztin tätig und von 1992 bis 2009 im Wladimirer Rathaus als Sozialbürgermeisterin u.a. auch zuständig für Medizin und Schulen. Mehr dazu unter: https://is.gd/OwUpPo

Peter Steger und Wera Guskowa, 1998

Den Krieg habe ich nicht mehr erlebt, denn ich kam erst in den 50er Jahren auf die Welt. Meine ganze Generation wuchs in der schweren Nachkriegszeit auf, als unser Volk die zerstörten Städte, Betriebe und Fabriken wiederaufbaute. Allerdings erinnere ich mich noch ausgezeichnet, wie wir alle, Kinder wie Erwachsene, mit großem Enthusiasmus und Willen mitmachten beim Aufräumen in den Straßen, beim Bäumepflanzen, beim Bauen, immer im Streben, so schnell wie möglich die glückliche Zukunft näherzubringen, wo es nie mehr Bombardierungen, Hunger und Tod geben sollte. Und das während nebenan einfache Leute lebten, die aus dem Krieg zurückgekehrt waren: ehemalige Soldaten und Offiziere, die wie durch ein Wunder diesen Fleischwolf überlebt hatten. Viele trugen noch ihre Militäruniform, hielten sich zurück mit Schilderungen ihrer Heldentaten, weil sie meinten, sie hätten einfach der Heimat gedient, wie es sich eben gehörte.

Ich erinnere mich aus meiner Kindheit noch an Onkel Kolja von unserem Hinterhof, der immer eine „Gymnastjorka“, ein Gymnastikhemd, trug, deren einer Ärmel leer war; er hatte den Arm im Krieg verloren. Solche Menschen gab es viele, die im Krieg Arme, Beine, Augen verloren hatten. Natürlich waren diese Nachkriegsjahre sehr schwer, die Menschen lebten ärmlich, doch alle waren glücklich, gesiegt zu haben, und dieses Glück teilten alle freudig miteinander. Ich weiß noch, wie wir alle Feste gemeinsam im Hof feierten, einen gemeinsamen Tisch deckten, an dem es viele Gespräche über und Erinnerungen an den Krieg gab; einige weinten im Gedenken an ihre gefallenen Angehörigen. Doch diese Gespräche vereinten uns alle, auch uns Kinder, die im Haß auf den Faschismus und in großem Stolz auf unser Land erzogen wurden.

Je mehr wir über jenen schrecklichen Krieg erfahren, desto besser verstehen wir, daß jeder Soldat ein echter Held war, der unter furchtbaren Bedingungen ganz Rußland und Europa durchschritt, um uns allen den Sieg heimzubringen. Jeder von uns sollte die große Erinnerung an die unsterbliche Großtat unseres Volkes an die kommenden Generationen weitergeben.

Wera Guskowa

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Für eine der vielen Begegnungen im Rahmen des Austausches mit Wladimir begänne jetzt allmählich die Hochphase der Vorbereitung: den Besuch des Kinderensembles von „Rus“. Statt dessen hier nun ein Rückblick des Gründers und Künstlerischen Leiters der Gruppe, Witalij Antonow, Preisträger vieler allrussischer und internationaler Festivals sowie des russischen Kulturministeriums, Verdienter Künstler Rußlands. 

1995 besuchte unser Tanz- und Gesangskinderstudio „Rus“ zum ersten mal das wunderschöne Erlangen. Damals waren wir noch eine ganz neue Kulturtruppe, gegründet 1989 von seinem künstlerischen Leiter, Witalij Antonow, der bis heute dem Ensemble vorsteht. Da es unsere erste Auslandsreise war, bereiteten wir uns gewissenhaft und mit allem Ernst auf die Tournee vor und studierten sogar das Volkslied „Wohl unter Linden“ ein.

Gabriele Lindner, Dieter Meiner, Witalij Antonow und Hildegard Meiner

Als wir dann in Erlangen ankamen sahen wir uns einem ganzen Gebirge von lächelnden Gesichtern gegenüber und erlebten ein derartig freundschaftliches Willkommen, daß wir angenehm schockiert waren. Und diese Freundlichkeit der Erlanger begleitete uns über die ganzen zehn Tage unseres Aufenthalts hinweg bei unseren Auftritten wie bei den vielen Ausflügen mit ihrer Fülle an Interessantem für die Kinder ebenso wie für die erwachsenen Betreuer, Musiker, Gesangspädagogen und Tanzlehrer.

Ein Wimmelbild u.a. mit Michail und Lydia Petrow, Nikolaj Litwinow, Fritz Wittmann, Witalij Antonow, Leonhard Plack und Brunhilde Hummich

Wir traten in Schulen auf, spielten in Altersheimen, in Konzertsälen, auf Kirchweihen und wo auch sonst noch. Dabei kamen wir viel mit den Einheimischen zusammen und hatten auch einen Empfang im Rathaus bei Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg. Übrigens kam, als mir im Juli 2004 die Auszeichnung „Verdienter Künstler Rußlands“ verliehen wurde, als eines der ersten Gratulationsschreiben ein Brief von Oberbürgermeister Siegfried Balleis, ein Dokument, das ich bis heute dankbar aufbewahre.

Dolmetscherin Nadja Loktjewa und Witalij Antonow

Bei den vielen Ausflügen in die Umgebung mit all ihren alten Burgen kamen wir auch nach Nürnberg, wo wir den großartigen Tiergarten besuchten, wo uns besonders das Delfinarium beeindruckte. Geleitet wurden diese Touren von Karl Heinz Lindner, einem Profi in solchen Dingen und besonders aufmerksamen Menschen. Dabei kam es natürlich auch zu vielen Überraschungen und Entdeckungen. Besonders im Gedächtnis ist mir ein Vorfall in Nürnberg geblieben, als unser Fahrer den Bus an einem Ort abstellte, wo das, wie sich später herausstellte, verboten war. Als wir abends nach unseren Unternehmungen zurückkamen, war unser Bus weg. Man hatte ihn abgeschleppt. Karl Heinz fuhr zur Polizei, wo er eine Strafe in Höhe von 500 DM bezahlen mußte, bevor man uns den Bus zurückgab. Dabei wäre die Strafe noch höher ausgefallen, wenn die Polizei nicht, weil wir aus Erlangens russischer Partnerstadt kamen, einen Nachlaß eingeräumt hätte. Diese und all die anderen Kosten unseres Aufenthalts trugen die Stadtverwaltung Erlangen und der Stadtverband Kultur, dessen Leiter Karl Heinz Lindner damals war.

Lydia Petrow, Witalij Antonow und Karl Heinz Lindner

In Erlangen selbst nahm uns Lydia Petrowa unter ihre Fittiche. Sie fuhr, häufig begleitet von Herbert und Brunhilde Hummich, im Bus mit, spazierte mit uns durch die Stadt, erzählte und zeigte alles. In jeder Hinsicht ist sie eine ganz liebe, gutherzige, gesellige und wunderbare Frau, ein hochanständiger und einfühlsamer Mensch. Wir sprechen noch immer oft von ihr in den höchsten Tönen. Unsere Gruppe schätzte sich jedenfalls sehr glücklich, sie und ihren Mann, Michail Petrow, damals in Erlangen kennengelernt zu haben.

Witalij Antonow mit Dominik und Peter Steger

Eingeladen aber hatte uns Peter Steger, der auch für unser Programm insgesamt verantwortlich zeichnete. Ich kenne Peter schon sehr lange, mehr als 25 Jahre. Er ist ein stets pünktlicher, aufmerksamer und guter Mensch, immer einsatzbereit, in Maßen streng und dabei nie ungerecht. Man könnte ihn als einen Menschen mit feinem Geschmack charakterisieren. Aber trifft das nicht auf alle echten Franken zu? Wir unterhalten jedenfalls eine besondere Beziehung zu ihm. Dank ihm wurden die Verbindungen zwischen unseren Partnerstädten über all die vielen Jahre hinweg ausgesprochen freundschaftlich und warmherzig.

Witalij Antonow und seine Frau Swetlana mit Michail Firsow

Nach dieser ersten Reise kam ich als Mitglied anderer Delegationen noch öfter nach Erlangen und verspürte dabei immer die große Gastfreundschaft der Deutschen. Einige Jahre nach unserer ersten Tournee kamen wir noch einmal mit dem Kinderstudio in unsere geliebte Partnerstadt, wo uns vor allem Angelika Balleis einen unvergeßlichen Pizza-Abend schenkte. Bei all den vielen weiteren Gastspielen von Frankreich und Italien bis Österreich und Slowenien, die wir später gaben, bleiben doch die Eindrücke aus Erlangen prägend, denn hier begann für uns alles.

Nun hatten wir zusammen mit Peter Steger für diesen Sommer die dritte Erlangen-Tour für die Kinder-Rus geplant. Doch die Umstände, die derzeit die ganze Welt auf den Kopf stellen, lassen es nicht zu. Wir lassen uns aber die Hoffnung nicht nehmen, diesen Besuch später nachholen und noch einmal Gast in unserer geliebten Partnerstadt sein zu können.

Antonow Möhrendorf

Auftritt in Möhrendorf

Nochmals herzlichen Dank an alle, die uns noch kennen, in Liebe und Hochachtung für unsere deutschen Freunde!

Witalij Antonow

Als kleiner Trost für die entgangenen Auftritte hier drei Mitschnitte von Konzerten der singenden, tanzenden und musizierenden Kinder: https://yadi.sk/i/22Kl_6xlhIkYKQ und https://yadi.sk/i/U7SO8yF7FVEnhg sowie https://yadi.sk/i/RPsBunxed7RJiQ, angesagt von Witalij Antonow

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Eigentlich wäre ich heute zum 75. Jubiläum des Tags des Sieges in Wladimir. Ich hätte eine Delegation aus der Partnerstadt Erlangen begleitet. Vor genau 25 Jahren, am 9. Mai 1995, war ich zum 50. Jahrestag des Kriegsendes auch in Wladimir. Eine von fünf Reisen dorthin in den 90ern, auf der ich viel gelernt habe über Rußland und die Russen. Dafür profitiere ich bis heute und bin sehr dankbar dafür. #niewiederkrieg hat für mich damals eine sehr klare Bedeutung bekommen. Und ich spüre bis heute eine sehr enge Verbindung nach Wladimir und zu den Freunden dort. Deswegen habe ich ein paar alte Dias zum 9. Mai herausgesucht.

So schrieb gestern der Journalist Axel Mölkner-Kappl auf Facebook und fügte dann in einer Notiz für die Blog-Redaktion hinzu:

Ich spüre in diesen Tagen, wie wichtig es ist, daß wir dahinreisen – sobald es die Gelegenheit dazu gibt. Ich freue mich drauf.

Diesen Erinnerungsschatz will der Blog gerne zu heben helfen. Deshalb hier eine Abfolge von Aufnahmen, die ein Vierteljahrhundert alt, aber auch von ungeahnter Aktualität sind.

An bekannten Gesichtern auf dem Bild zu sehen: Andrej Filinow, Journalist und heute Intendant des Lokalsenders Wladimir, Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg und Peter Steger; der Herr, der sich zu dem Kind umdreht, ist Jurij Fjodorow, Vater der Partnerschaft auf russischer Seite. 9. Mai 1995

Erlangen-Haus Jubiläum 11

Andrej Filinow mit seiner Frau Tatjana am 9. Mai 2019

Gabriel Lisiecki vom Erlanger Bürgermeister- und Presseamt und Dietmar Hahlweg legen am Platz des Sieges einen Kranz nieder.  9. Mai 1995

 

Rechts im Bild der Weltkriegsveteran Nikolaj Schtschelkongow. 9. Mai 1995

Erlangen-Haus Jubiläum 7

Der 50. Jahrestag des Großen Sieges. 9. Mai 1995

Ganz bewußt zum 50. Jahrestag des Kriegsendes wurde vor 25 Jahren als Zeichen des Friedens und der Verständigung in Wladimir das Erlangen-Haus eröffnet. Auch hierzu hat Axel Mölkner-Kappl ein Dia ausgegraben und digitalisiert.

7. Mai 1995: Peter Steger, die beiden Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg und Igor Schamow, sowie Tatjana Garischina, die erste Leiterin des Erlangen-Hauses; dahinter Percy Gurwitz, Jurij Fjodorow, Frank Hoffer, Deutsche Botschaft Moskau, Gouverneur Jurij Wlassow und Nikolaj Winogradow, Vorsitzender der Regionalduma

Und wenn wir schon bei Botschaften sind. Elisabeth Preuß, die – man kann es kaum anders sagen – eine Seelenverwandtschaft mit Wladimir verbindet, nahm in den letzten Stunden ihrer Amtszeit als Bürgermeisterin auf bewegende Weise Abschied vom Erlangen-Haus. Sicher nur in ihrer politischen Funktion. Sicher nicht als Wahl-Wladimirerin. Aber hören und sehen Sie selbst:

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Wäre nicht die Corona-Pandemie, hielte sich derzeit Oberbürgermeister Florian Janik an der Spitze einer fünfzehnköpfigen Delegation in Wladimir auf und spräche heute auf dem Platz des Sieges. Nun, da alles anders gekommen ist, legte das Stadtoberhaupt gestern, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, an den sogenannten Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder und wandte sich mit folgenden Worten an die Partnerstadt:

Peter Steger und Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

Liebe Freundinnen und Freunde in Wladimir,

vor fünf Jahren durfte ich auf dem Platz des Sieges zu Ihnen sprechen. Heute, am 75. Jahrestag des Kriegsendes, wende ich mich aus Erlangen an Sie alle. Auch wenn die Corona-Krise uns gegenwärtig trennt, eint uns doch in dieser Zeit die gemeinsame dankbare Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus.

Dieser Kampf gegen eine menschenverachtende Ideologie forderte besonders aufseiten der Sowjetunion einen unermesslichen Blutzoll. Kein anderes Land hatte unter dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht mehr zu leiden als die UdSSR, kein Staat trug mehr zur totalen Niederlage des Deutschen Reiches bei. Und ungeachtet der schrecklichen Kriegsfolgen leistet auch niemand einen größeren Beitrag als die Russische Föderation zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren.

Ich betrachte es deshalb als ein Wunder der Geschichte, wie wir diese Bürgerpartnerschaft pflegen dürfen, die bereits 1983, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, von weisen Menschen hier wie dort begründet wurde. Ich bin darum dankbar für die zum Frieden und zur Verständigung ausgestreckte Hand, die wir gern ergreifen. Und ich freue mich, hoffentlich schon bald wieder in Ihre wunderschöne Stadt kommen zu können.

Ich lege heute diesen Kranz an den Gräbern nieder, wo die sterblichen Überreste von 271 russischen Soldaten ruhen, die in der Folge des 1. Weltkriegs in Erlangen verstarben. Ich tue dies in ehrender Erinnerung an die vielen Kriegsveteranen aus Wladimir, die bereits an dieser Gedenkstätte standen.

Ihnen allen, die den Krieg besiegt und den Frieden geschaffen haben, gilt nicht nur heute meine besondere Verehrung. Ihnen möchte ich an diesem Tag mit dieser Geste danke sagen für die Befreiung vom Nationalsozialismus und danke für 75 Jahre Frieden zwischen unseren Völkern. Unsere Verpflichtung ist es nun, diesen Frieden zu bewahren.

Ich gratuliere Ihnen zum Tag des Sieges und wünsche Ihnen ein schönes Fest des Friedens und des Guten.

Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

 

Дорогие друзья во Владимире!

Пять лет назад мне выпала честь выступить с речью на Площади Победы во Владимире. Сегодня, 75 лет после окончания Второй мировой войны, я обращаюсь к Вам всем из Эрлангена. И, несмотря на то, что сейчас нас разъединяет коронавирус, нас объединяет огромная благодарость за Победу над фашизмом.

Эта борьба против идиологии, направленной на уничтожении всего человеческого, потребовала особенно со стороны Советского Союза неизмеримых потерь. Ниодна другая страна не пострадала от уничтожающего всё на своём пути плана Барбаросса больше, чем Советский Союз, ниодно государство не внесло такого вклада в уничтожение Третьего Рейха как СССР. И, несмотря на ужасные последствия войны, ниодна другая нация не внесла такой вклад в мирное Объединение Германии 30 лет назад как Россия.

Для меня стало чудом истории то, что сегодня мы можем поддерживать побратимство между нашими гражданами. Это – партнёрство, которое началось в 1983 году, ещё во времена Холодной войны, это – связи, которые были заложены мудрыми людьми здесь и там. Поэтому я так благодарен за этот мир, за это взаимопонимание между нами, за эту протянутую руку дружбы, которую мы приняли с такой радостью. И я надеюсь, что уже очень скоро снова смогу приехать в Ваш прекрасный город.

Сегодня я возлагаю венок на могилы 271 русского военнопленного, умершего в Эрлангене во время и после Первой мировой войной. Я делаю это в память о многочисленных ветеранах из Владимира, которые столько раз стояли здесь, вспоминая своих боевых товарищей. Вам всем, победившим войну и сохранившим мир, моё искреннее уважение и почтение. Этим жестом я благодарю Вас за освобождение мира от фашизма и говорю спасибо за 75 лет мира между нашими народами. Наша обязанность сегодня – сохранить его.

С Днём Победы! С праздником мира и добра!

Doch damit nicht genug. Die Partnerschaft kann COVID-19 zwar am unmittelbaren Austausch hindern, hat aber nicht das Zeug, alle Verbindungen abbrechen zu lassen, wie folgendes Projekt beweist:

Gestern hätte in Wladimir nämlich auch eine Ausstellung der Kunstvereine beider Partnerstädte mit dem Titel „Sieg über den Krieg – Erinnerungen“ eröffnet werden sollen. Nun ist sie hier wie dort und überall auf der Welt im Internet zu sehen, und Nils Naarmann stellt das Projekt im Video kurz vor:

Zu sehen ist die Ausstellung hier auf der Homepage des Kunstvereins Erlangen https://is.gd/K6cVm6 sowie des Künstlerverbands Wladimir https://izo33.ru – noch das ganze Jahr und rund um die Uhr. Eine ausführlichere Besprechung des Projekts folgt noch.

Sieg über den Krieg 1

Amil Scharifow und Nils Naarmann

Aber kein Fest ohne Lieder. Deshalb zu guter Letzt für heute noch ein Ständchen im Sitzen mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell, der mit seiner musikalischen Einlage seine Kameraden in Wladimir grüßt.

Und noch eine Zugabe: Wolfgang Morells Freund, Nikolaj Schtschelkonogow, erwidert den musikalischen Gruß und berichtet – freilich auf Russisch – von seinen Begegnungen in Deutschland. Besser kann deutsch-russische Verständigung wohl kaum gelingen… Mit einem Klick hier https://is.gd/bVLgUH sind Sie dort in Wladimir.

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