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Posts Tagged ‘Peter Steger’


Wie an einem Schluck Regen in diesem ausgedörrten Sommer erfreute sich der Kulturredakteur des Blogs an dem lyrischen Fundstück aus der Feder der Wladimirer Dichterin Olga Rutschko und machte sich gleich an die Nachdichtung.

Wladimir – der nächste Regen kommt bestimmt, gesehen dieser Tage von Wladimir Tschutschadejew

Gar nicht eilig hatte es der Winter, / Sommerträume, Schnee dahinter. – / Morgens trittst du vor die Tür, / taub-erstarrt, um zu bemerken, / daß des Schweigens Regelwerke / sind des Schnees und Himmels Kür.

Unter dichten, kalten Netzen – / wir allein, am Weg die letzten, / fern von uns die Stadt verklingt. / Weder Straße oder Garten, / Schnee fällt wie aus feiner Watte, / die uns auf die Wange sinkt.

Olga Rutschko / Peter Steger

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In loser Folge erscheint ab jetzt in der Übersetzung von Peter Steger Kurzprosa des Wladimirer Autors Anatolij Gawrilow. Zum Einstieg heute zwei Texte darüber, wie schnell man ins Gefängnis geraten kann.

Ich bin Künstler. Mein Hauptthema ist das Meer. Mir ist gleich, was ich esse, was ich trage und was man über mich sagt. Ich habe keine Feiertage. Mein Feiertag ist das Meer. Das Meer im Morgengrauen, am Mittag, nachts, das Meer ruhig, unruhig, das Meer in all seinen Erscheinungen. Ich komme gerade aus dem Gefängnis. Man sperrte mich ein, weil einer hochgestellten Dame auf einer Ausstellung meiner Bilder übel wurde. Ein Freund hat mich bei sich aufgenommen. Er überließ mir ein Zimmer, kaufte Pinsel, Farben, Leinwand. Und ich male wieder das Meer.

***

Ein gelangweilter Millionär ließ sich überreden, an einem Spiel teilzunehmen, bei dem man eine Woche als Obdachloser lebt. Danach wählt man drei von den echten Sandlern aus, die einem gefallen, und spendiert ihnen einen gewissen Teil seiner Millionen. Am Ende des einwöchigen Lebens auf Platte erhielten zwei Penner je ein Zimmer in einer Gemeinschaftswohnung, während der dritte, ein Schriftsteller, mit einer Einzimmerwohnung und einem Vertrag mit einem Verlag bedacht wurde. Nach einiger Zeit bemerkt der Millionär, daß alle seine Geschenke verkauft und vertrunken sind, während der Schriftsteller sogar im Gefängnis sitzt – für den Mord an seinem Verleger.

Anatolij Gawrilow

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In einem Bummelzug der 80er Jahre – vollgestopft mit Menschen auf dem Weg zum Einkauf von Lebensmitteln, nach denen man in einem Rätsel suchte: lang, grün und riecht nach Wurst, was ist das? – waren die unmöglichsten Sachen zu hören, konnte man die unglaublichsten Dinge sehen.

Jeden Morgen stürmten ihn die Leute in den Regionen Wladimir, Jaroslawl oder Kalinin, und abends kämpften die müden, mit Rucksäcken und Taschen beladenen Fahrgäste, die den Tag über das ganze Mütterchen Moskau abgelaufen waren, um die Sitzplätze. Kaum jemand ohne schwere Taschen voller Lebensmittel, Schuhe und Kleidung in den Händen. Mit anderen Attributen – Mappen voller Manuskripte, Bücher, Kladden und aller möglicher Kleinkram – reisten die Studenten und angehende Doktoranden.

Gelernte Fahrgäste kannten sich bestens darin aus, in welchen Waggon es sich zu setzen empfahl, um sich nicht über den langen Bahnsteig mühen zu müssen und genau an den Türen zum Heimatbahnhof aussteigen zu können, wo man dann direkt in das nächste Verkehrsmittel umsteigen mußte, sei es Bus oder Oberleitungsbus. Sie wußten Bescheid über die Arten der Angriffe auf die sich öffnenden Türen, wußten, an welcher Stelle genau sich diese Türen auf dem Bahnsteig befinden würden. Und so sprangen  oder flogen sie denn, nachdem sie anfangs einen kleinen Schritt zur Seite getreten waren, in den Waggon hinein, besetzten die Plätze für sich und die Ihren, welche darauf mit überschweren Taschen vorsichtig (da sie auch Eierkartons dabei hatten) zu dem sie erwartenden Verwandten vordrangen.

Wer den rechtzeitigen Einstieg verpaßt hatte, hetzte durch die Waggons auf der Suche nach einem freien Platz und strandete schließlich, ohne auch nur einen einzigen gefunden zu haben, gescheitert im Gang.

So ging auch einmal ein großer, schöner, selbstbewußter Mann um die 50 durch unseren Waggon. Er suchte mit den Augen ein freies Plätzchen, und als er eines im Eck am Ausgang entdeckte, wandte er sich mit der dringenden Bitte an die Fahrgäste, diesen freizuhalten, da er gleich eine Großmutter herbringen werde. „Sie ist sehr müde, bitte lassen Sie niemand anderen Platz nehmen!“ – „Natürlich“, nickte man zustimmend, „wir halten ihn für die alte Dame frei.“

Alle waren es zufrieden, auf ihrem Weg einen so aufmerksamen und liebevollen Sohn getroffen zu haben, und stellten sich nun vor, wie er am Arm eine schwächliche und betagte Frau herein- und an ihren Platz führen würde, um sich dann die Fahrt über um sie zu kümmern.

Der Mann kehrte dann lange nicht zurück. Andere, mit schweren Taschen beladene Fahrgäste fragten dauernd im Vorübergehen, ob der Platz noch frei sei, doch alle Sitznachbarn verteidigten ihn im Chor mit dem Hinweis darauf, gleich werde jemand seine Großmutter herführen. So ging das fast bis zum Abfahrtspfiff weiter.

Und da tauchte endlich in der Tür die bekannte Figur des Mannes auf. Aber wo nur war die Großmutter…, grau, hilflos, ein weißes Kopftuch auf, ein dunkles Kleid an? Eine große, schöne, noch junge Frau, eine die der Volksmund noch „im vollen Saft“ nennt, schwebt erhobenen Hauptes durch den Waggon. An der Hand führt sie ein entzückendes Mädchen mit riesigen weißen Schleifen in den Zöpfen.

Tatjana Oserowa

„Und wo ist nun die alte Dame?“ wollten die Fahrgäste wissen, für die sie so entschlossen den Platz freigehalten hatten. „Ja, steht etwa vor Ihnen etwa keine Großmutter?“ gab der Mann zurück, und alle um ihn herum lachen.

Tatjana Oserowa, Übersetzung Peter Steger

Original unter: https://is.gd/BesSr6

 

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„Eine Vertreterin der Staatlichen Universität Wladimir nahm vom 14. bis 18. Mai in Erlangen an einem Training für Führungskräfte an Hochschulen teil.“ So beginnt eine Meldung auf der Homepage der Universität in der russischen Partnerstadt und führt weiter aus: Ziel des Treffens war es, Erfahrungen mit den besten Praxisbeispielen ausländischer Universitäten im Bereich der Internationalisierung von Hochschulbildung auszutauschen. An der Veranstaltung nahmen Mitarbeiter führender Hochschulen aus Großbritannien (Stoke-on-Trent), Italien, Jordanien, Israel, der Türkei, der Tschechei und der Ukraine teil. Die Staatliche Universität Wladimir repräsentierte die Leiterin des Amtes für Internationale Beziehungen, Ljubow Naumowa.

Während des Aufenthalts machten sich die Gäste mit dem Organisationssystem der Internationalen Kontakte an der Friedrich-Alexander-Universität vertraut, insbesondere hinsichtlich der Umsetzung der internationalen Mobilität von Dozenten und Studenten, der Arbeit mit ausländischen Studenten sowie dem Qualitätsmanagement gemeinsamer Bildungsprogramme.

Ljubow Naumowa

Die Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg gehört zu den ältesten und angesehensten Hochschulen Deutschlands und rangiert in der Spitzengruppe der zwanzig besten Universitäten des Landes. Augenblicklich zählt die FAU ca. 40.000 Studenten, von denen 5.000 aus dem Ausland kommen. Unsere Universitäten sind seit langem Partnerhochschulen und kooperieren in verschiedenen Bereichen der Lehre, Forschung und Wissensvermittlung.

Bianca Köndgen vom International Office der FAU und Leiterin der Veranstaltung im Vortrag

Im Laufe des Besuchs kam es auch zu einem Treffen mit dem Beauftragten für die Städtepartnerschaft Wladimir-Erlangen, Peter Steger. Darüber hinaus wurden Fragen einer weiteren Zusammenarbeit zwischen den Universitäten in Wladimir und Erlangen sowie die Teilnahme von Wissenschaftlern aus Wladimir an Veranstaltungen in Erlangen besprochen.

Zum Original geht es hier: https://is.gd/HR50rB

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Um zehn Uhr setzte sich gestern bei strahlendem Sonnenschein ein schier endlos langer Zug von der Philharmonie Wladimir zum Platz des Sieges in Marsch: Kriegsveteranen, Politiker, Angehörige des Militärs, Musiker, Vertreter der gesellschaftlichen Organisationen, einfache Menschen und – in privater Mission als einziger Deutscher an diesem 73. Festtag des Sieges über den Faschismus – der Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Erlangen, Peter Steger.

Wiedersehen: Stadtrat Schamil Chabibullin und Peter Steger

Anders als man es von den Fernsehbildern her kennt, die zumeist nur die Parade auf dem Roten Platz in Moskau zeigen, bleibt das militärische Element des Gedenktages in der Partnerstadt eher Beiwerk, auch wenn heuer mehr Fahrzeuge denn je im Einsatz kommen – vom historischen Studebaker bis zum modernen Mienenräumpanzer: mehr Gulasch als Kanonen, mehr Gastronomie als Artillerie, mehr Luftballons als Salutschüsse. Vor allem aber keine martialischen Töne in Richtung Westen, vor allem kein Wort des Vorwurfs an die Rechtsnachfolger des einstigen Gegners, der die Völker des Ostens hatte versklaven und vernichten, ihr Land und ihre Bodenschätze in Besitz nehmen wollen.

Unsterbliches Regiment

Im Mittelpunkt des nicht enden wollenden Zuges das „Unsterbliche Regiment“ – mit nach offiziellen Angaben – 22.500 Teilnehmern mit Portraits ihrer Angehörigen, die am Krieg teilnahmen. Mehr als 200.000 waren es aus der ganzen Region Wladimir, die ihre Heimat verteidigten. 153 trugen die Auszeichnung „Held der Sowjetunion“, 23 standen im Rang eines „Kavaliers des Ordens des Ruhmes“. Kaum einer von ihnen ist mittlerweile mehr am Leben. Allein in der vergangenen Woche verstarben acht Veteranen, 748 leben noch in der Region, 277 davon in der Partnerstadt, doch nur 20 wohnten der zweistündigen Veranstaltung auf dem Platz des Sieges bei.

Militärkolonne. Photo: Zebra-TV

Darunter Nikolaj Schtschelkonogow, der bereits 1991 die erste Veteranendelegation unter Leitung der Stadträte Heinrich Pickel und Martin Scheidig in Wladimir begrüßte und ein Jahr später selbst nach Erlangen kam, der deutschen Partnerstadt verbunden bis heute.

Wiedersehen: Peter Steger und Nikolaj Schtschelkonogow

Am 24. Juni 1945 hatte der Veteran, der mit 17 Jahren an die Front kam und beim Sturm auf Berlin dabei war, auf dem Roten Platz in Moskau an der Siegesparade teilgenommen. Und noch heute, mit fast 93 Jahren, bleibt er unermüdlich tätig als Zeitzeuge und Mittler zwischen den einstigen Gegnern. Welch eine Freude beim Wiedersehen an einem solchen Tag, welch bewegender Moment, wenn der Sohn eines Angehörigen der Waffen-SS mit dem Kavalier des Rotens Sterns und des Ruhms Blumen an der Ewigen Flamme niederlegen darf!

Gedenken: Nikolaj Schtschelkonogow und Peter Steger. Photo: Zebra-TV

Hier, wo jener 10.861 Wladimirer gedacht wird, die nicht aus dem Krieg zurückkehrten in ihre Heimatstadt, von wo aus 24.724 an die Front gezogen waren. Um diese Zahlen ins Verhältnis zu setzen: Knapp 70.000 Einwohner lebten hier damals. Welch ein Blutzoll für einen Ort, der hinter der Front lag. Nicht auszudenken, um wie viel der höher ausgefallen wäre, hätte die Rote Armee nicht die Wehrmacht vor Moskau aufhalten können.

Wiedersehen: Witalij Gurinowitsch mit Enkelin Eva und Peter Steger

Der Begegnungen sind noch viele an diesem Vormittag: mit dem Historiker Witalij Gurinowitsch, der wesentliche Forschungsarbeit zu den Kriegsgefangenenlagern in der Region leistete und noch immer mit Zeitzeugen und deren Angehörigen in Kontakt steht. Erst dieser Tage hatte er einen von ihnen aus Deutschland zu Besuch.

Wiedersehen: Anatolij Mitrofanow und Peter Steger

Mit Anatolij Mitrofanow, der ehrenamtlich am Sportaustausch mit Erlangen mitwirkt. Mit vielen anderen, die der Städtepartnerschaft und Völkerverständigung verbunden sind.

Bemerkt: Hier befand sich in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges 1941-1945 die Wladimirer Infanterieausbildungsstätte. Die Gedenktafel wurde zum 45jährigen Jahrestag des Sieges am 9. Mai 1990 angebracht. Wenige Schritte vom Erlangen-Haus entfernt, stadteinwärts gegenüber.

45.000 sollen es am Ende gewesen sein, die an den vielen Gedenkveranstaltungen und Feiern über den ganzen Tag hinweg an verschiedenen Orten teilnahmen. Das Fest eines Volkes, das sich ausgesöhnt hat mit den Deutschen. Wie es mit deren politischer Zusammenarbeit weitergeht, zeigt heute die erste Begegnung des neuen Außenministers, Heiko Maas, mit seinem russischen Kollegen, Sergej Lawrow. Und was gibt es Neues in der Städtepartnerschaft? Der Urlaub des Bloggers geht zu Ende, schon bald aber wird davon zu berichten sein, wie es weitergeht mit dem Jugendaustausch, denn gestern abend traf noch eine vierköpfige Gruppe aus Erlangen ein, die für den Sommer die nächsten Begegnungen plant. So ist das, und so ist das gut zwischen Erlangen und Wladimir: Die einen kommen, und die andern gehen, die feste Freundschaft aber bleibt bestehen.

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50 km nordöstlich von Wladimir entstand Ende des 19. Jahrhunderts eine Textilmanufaktur, um die herum man eine Arbeitersiedlung entstand. Die Geschichte der Kreisstadt mit ihren 12.000 Einwohnern reicht also noch nicht weit zurück in die russische Historie. Desto wichtiger ist der Ort für die deutsch-russische Erinnerung.

Ein Blumenkorb für die Toten

Hier nämlich, eine knappe Autostunde von der Partnerstadt entfernt, liegt die zentrale Gedenkstätte für die Kriegsgefangenen der Wehrmacht und ihrer Verbündeten, die im Hospital von Kameschkowo verstarben. 2007 eröffnete die Deutsche Kriegsgräberfürsorge das Gelände im Nordwesten des Ortes, wo vom August 1943 bis Mai 1948 auf einer Fläche von 8.000 qm insgesamt 1.511 Männer begraben liegen, 1.274 von ihnen einzeln bestattet, die übrigen in 37 Massengräbern.

Liste der Gefangenenlager in der Region Wladimir

Die Statistik des Todes weiß noch mehr: Ihre letzte Ruhe fanden hier 1.274 Deutsche, 152 Rumänen, 100 Ungarn, 81 Italiener, 60 Österreicher, 32 Moldawier, 15 Franzosen und ebensoviele Tschechen, 14 Polen, neun Jugoslawen, sechs Ukrainer, vier Russen je ein Jude, Lette, Luxemburger, Niederländer, Schwede und Norweger.

Ensemble der Gedenkstätte

Nicht ganz leicht zu finden ist die Gedenkstätte entlang einem Sandweg, der, vorbei an Wellblechgaragen, von der Umgehungsstraße in den Wald abbiegt. Kein Hinweisschild, aber die Einheimischen helfen den Fremden gern.

Gedenken für die ungarischen Gefangenen

An zwei Tagen in der Woche – bei Bedarf auch öfter – brachte man vom Hospital in Kameschkowo mit seinen bis zu 1.200 Betten die Toten mit Pferdegespannen und setzte sie – häufig zwei bis drei Leichen in einem Sarg – am Waldrand bei. Man hatte ihnen nicht mehr helfen können, zu entkräftet waren sie von der Front gekommen, zu sehr hatten ihnen Fleckfieber oder die Ruhr zugesetzt, zu schwer waren die Verwundungen gewesen. Wo es nicht einmal für die eigenen Leute genug Medikamente und Nahrungsmittel gab, grenzt es an ein Wunder, wenn gerade einmal zehn Prozent der mehr als 10.000 Patienten insgesamt verstarben. Und dann waren da ja auch noch die etwa 200.000 Versehrten der Roten Armee, die man in den 16 Krankenhäusern der Region Wladimir versorgte.

Gedenken an die italienischen Gefangenen

Schon auf dem Rückweg zum Auto und voller Gedanken an die so sinnlosen Opfer, dann der Kairos der Versöhnung. Vier Jungs, mit zwei Rechen bewehrt, kommen in Richtung Gedenkstätte und geben sich als Schüler zu erkennen, die hier, am Vorabend des Tages des Sieges, 73 Jahre nach Kriegsende, den Friedhof in Ordnung zu bringen, Äste zu entfernen, Maulwurfhügel einzuebnen… Welch eine Geste!

Peter Steger und die Friedhofsgärtner

Im Gespräch erzählt das Quartett, sie besuchten die Schule Nr. 2, und man kümmere sich da ehrenamtlich um die Gedenkstätte, es handle sich ja um die gemeinsame Geschichte. Die Gäste sollten doch einmal dort – es folgt eine genaue Wegbeschreibung – vorbeischauen.

Im Einsatz auf dem Gelände des Friedhofs

Ohne jede Anmeldung kommt man da gleich in ein Klassenzimmer, wo gerade über die Bedeutung des Kriegsendes gesprochen wird. Vor einigen Jahren schon hat die Schule eine Art Patenschaft für die Gedenkstätte übernommen und gibt diese Tradition von Jahrgang an Jahrgang weiter. Da liegt es nahe, daß sich die beiden Deutschlehrerinnen, Julia Tarbejewa und Ludmila Natscharowa, nichts mehr wünschen als einen Austausch mit einer Schule in Deutschland. Dem Wunsch kann bei so viel Enthusiasmus sicher entsprochen werden.

Zu Gast in der Schule Nr. 3, Kameschkowo

Jedenfalls hört die Klasse gebannt dem unerwarteten Gast aus Erlangen zu und bedankt sich auch noch mit einer Friedenstaube. Wieder so ein Kairos am 8. Mai, 73 Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches.

Eine Friedenstaube für Peter Steger

Auch in der Schule Nr. 3 ist der Besuch aus Deutschland nicht angekündigt, aber hochwillkommen. Gerade sitzt eine Klasse im eigenen Museum, sieht sich die Arbeiten des Wladimirer Künstlers Witalij Rybakow an – nach Motiven des Stücks von Bertold Brecht „Furcht und Elend des Dritten Reiches“.

Ausstellung mit Arbeiten von Walerij Rybakow in der Schule Nr. 2

Passend zu der Geschichte der Schule, in deren Mauern just das Hospital untergebracht war, wo die kranken Kriegsgefangenen zu zweit und zu dritt auf zusammengeschobenen Betten lagen.

Exponat im Museum der Schule Nr. 2

Im Museum, das fast die Hälfte des Obergeschosses einnimmt, neben landeskundlichen Exponaten zur Geschichte von Kameschkowo eine ganze Reihe von Gebrauchsgegenständen aus dem Besitz der Kriegsgefangenen, eingetauscht bei den Einheimischen gegen Lebensmittel.

Exponate des Museums in der Schule Nr. 2

Swetlana Kudrjaschowa kennt die Geschichte der Schule wie kaum jemand sonst. Als Koautorin eines Buches berichtet sie nicht nur über die einstigen Schüler und Lehrer, sondern auch eingehend über das Schicksal der Kriegsgefangenen und natürlich des Personals.

Swetlana Kudrjaschowa und Peter Steger mit einer BMW der Wehrmacht

Sogar deutsche Ärzte waren eingesetzt und arbeiteten mit russischen Krankenschwestern zusammen, die sich zunächst aus Furcht vor ansteckenden Krankheiten gegen die Aufnahme der Kriegsgefangenen gewehrt hatten. Verständlicherweise. Schließlich starben auch einige von ihnen an Typhus, sogar der Frisör aus dem Ort überlebte eine Ansteckung im Hospital nicht.

Korridor des einstigen Krankenhauses, heute Schule Nr. 2

Ein weiteres Gebäude gab es und einen Dorfklub, wo die Gefangenen Russisch lernen und Theaterstücke einstudieren konnten, die sie dann auch mit großem Erfolg aufführten, darunter den „Faust“ oder das Puschkin-Stück „Mozart und Salieri“ – alle Rollen mit Männern besetzt.

Außenansicht Schule Nr. 2

Zeitzeugen leben kaum noch, aber die Schule bewahrt das Gedächtnis an jene schwere Zeit. Swetlana Kudrjaschowa hofft sogar, eines Tages den ganzen oberen Trakt des Schulgebäudes für ihr Museum nutzen zu können. Dann werden noch mehr Kinder und Jugendliche aus der Stadt und dem Landkreis erfahren, was sich hier vor sieben Jahrzehnten zwischen Russen und Deutschen abspielte.

Außenansicht der Schule Nr. 2, Kameschkowo

Gerade einmal noch 760 Kriegsveteranen leben heute in der Region Wladimir. Ihnen gelten heute die Ehre und der Dank für die Befreiung Europas vom Faschismus – unter unsäglichen Opfern.

Stadtkirche mit Schule Nr. 2 im Hintergrund, Kameschkowo

Wer, wenn nicht wir Deutsche haben heute Grund, den Russen für die Vergebung zu danken, für die Versöhnung, für die ausgestreckte Hand. Welch ein Glück, dies vor Ort erleben zu dürfen.

Platz des Sieges, Kameschkowo

Gleich was wir derzeit politisch aneinander auszusetzen haben: Uns eint der feste Wille, nie wieder gegeneinander in den Krieg zu ziehen. Dieses Moment sollte mehr einigen als alles andere trennen kann. Ergreifen wir den Kairos, wie er gestern in Kameschkowo zu erleben war!

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Es gibt ungezählte Menschen in Wladimir, bei denen man sich nicht zu Gast, sondern zu Hause fühlt. Aber ein Besuch bei Guram Tschjotschjew trägt doch eine besondere Note. So oft man auch schon der Einladung des Orthopäden gefolgt sein mag, dieser Hohepriester der kaukasischen Gastfreundschaft hält immer wieder eine Überraschung parat, dieser Großmeister der Tischreden sprengt das eine um das andere Mal jede Vorstellung.

Peter Steger und Guram Tschjotschjew

So auch gestern abend, als er die Mappe der Stadt Erlangen mit dem Arbeitsprogramm für die erste große Ärztedelegation im April 1991 präsentiert. Der heutige 58jährige Professor von Weltruf war damals der jüngste in der Gruppe, aber wohl auch der lernbegierigste, der seine Deutsch-Lektionen bis heute beherrscht. Neben all dem Fachlichen – er bezeichnet sich als Vertreter der „deutschen Schule“ – lernte der Nordossete vor allem eines: die ethische Verantwortung gegenüber dem Patienten. Sein Lehrmeister damals am Waldkrankenhaus – Dietrich Hohmann, der, bereits 62 Jahre alt, eine junge Frau, die sich vor einen Zug geworfen und dabei alles gebrochen hatte, was sich nur brechen läßt, 26 Stunden lang operierte und rettete. „Nur um auszutreten oder eine Tasse Kaffee zu trinken verließ der Professor den OP“, erinnert sich der Gastgeber mit Bewunderung. „Und wie oft legen heute Ärzte schon nach zwei oder drei Stunden das Besteck beiseite und behaupten, es sei nichts mehr zu machen…“

Arbeitsprogramm für Ärztedelegation April 1991

 

Guram Tschjotschjew im Freundeskreis

Damals, in Erlangen, lernte der Hobby-Diätologe auch den Wert des Geldes schätzen. 120 DM erhielten die via Moskau und Prag per Bahn angereisten Gäste zur Begrüßung in einem Umschlag. Damals, vor fast drei Jahrzehnten, als es in Wladimir sogar Zündhölzer nur gegen Bezugsscheine gab, eine „phantastische Summe, für die alle anderen in der Gruppe kräftig einkauften.“ Guram Tschjotschjew hingegen, der sich sogar noch an die Stückelung des Betrags erinnert, schickte je einen Zehn-Mark-Schein an zwei Freunde, die bis heute die Banknoten als Talisman in ihrem Portemonnaie mit sich tragen. Und den Rest? Den steckte er in den Bau seines Hauses, in dem er heute all die Gäste aus Erlangen empfängt. Welch eine Investition in die Partnerschaft, in die Freundschaft!

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