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Posts Tagged ‘Peter Steger’


Die deutsch-russischen Städtepartnerschaften sind ein wichtiger Baustein für den Fortbestand des Dialogs zwischen den beiden Ländern und können Alternativen zur Konfrontation aufzeigen. Häufig sind es einzelne Bürger, die den Stein ins Rollen bringen, wie auch das Beispiel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zeigt. Heute ist es ein besonderes Merkmal dieser Städtepartnerschaft, daß eine ost- und westdeutsche Stadt die Partnerschaft zu Wladimir trilateral gestalten. Die Städtepartnerschaft lebt durch ein sehr starkes bürgerschaftliches Engagement. Peter Steger, Loni Hirl (Erlangen) und Irina Chasowa (Wladimir) werden die Städtepartnerschaft in ihrer gesamten Tragweite vorstellen. Völkerverständigung und Frieden zu fördern, sind ein Hauptanliegen der Schweizer Zeitung „Zeit-Fragen“. Unsere Veranstaltung auf der Leipziger Buchmesse 2019 soll an die Bedeutung der Städtepartnerschaften erinnern und ruft dazu auf, solche Partnerschaften – gerade in der heutigen Zeit – auch zu russischen Städten zu vertiefen und zu erweitern.

Brigitte von Bergen, Eva-Maria Föllmer-Müller und Klaudia Schaer

Um diese Veranstaltung vorzubereiten, kamen am vergangenen Wochenende eigens aus der Schweiz Brigitte von Bergen, Eva-Maria Föllmer-Müller und Klaudia Schaer nach Erlangen – bereits mit genauen Orts- und Zeitangaben für die Leipziger Buchmesse: Samstag, den 23. März, zwischen 15.00 Uhr und 16.00 Uhr in der Halle 4 A, Stand 102.

Die genossenschaftliche Zeitung „Zeit-Fragen“ ist eine unabhängige, vierzehntägig erscheinende Publikation für freie Meinungsbildung, Ethik und Verantwortung. Sie setzt sich für die Bekräftigung und Einhaltung des Völkerrechts, der Menschenrechte und des humanitären Völkerrechts ein und ist in deutscher, französischer sowie englischer Sprache erhältlich. Periodisch wird auch eine italienische Ausgabe publiziert, – und sogar auf Russisch ist das Periodikum zu haben, wenn etwa über den „Dialog an der Wolga“ zu berichten ist, den eine vierköpfige Delegation aus der Schweiz im Herbst in Wolgograd erfolgreich aufnahmen, inspiriert übrigens von Begegnungen während der vorjährigen Buchmesse in Leipzig.

Wer weiß, was sich da alles für die Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir ergibt. Alle, die nicht zur Buchmesse nach Leipzig kommen können, finden hier mehr zu den Fragen der Zeit: http://www.zeit-fragen.ch

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Wolfgang Morell, der sein in der Gefangenschaft erlerntes Russisch bis heute erstaunlich präsent hält, stimmte sich gestern mit den Weihnachtsgedichten des in die USA emigrierten russischen Literaturnobelpreisträgers Joseph Brodsky auf das Fest ein.

Wolfgang Morell und Peter Steger

Doch auch in Wladimir gibt es Lyrik, auch zum heutigen Anlaß, zu entdecken, etwa von Jekaterina Zwetkowa, mit ihren vom 21. Januar 2004 datierten und heute vom Chefübersetzer der Blog-Redaktion ins Deutsche übertragenen Zeilen:

Jekaterina Zwetkowa mit Väterchen Frost

Dem Wunder der Wunder, ein Segen – / den Augen der Jungfrau vom Kind, / die Allzärtlichkeit der Frauen-Mütter-Bräute gegeben: / Liebe, Unnahbarkeit, gehorsamkeitsblind.

Segnet die Freude, segnet die Trauer / im Unkenntnis-Einheits-Glück, / dem allergeheimsten Sakrament, auf dem  wir alles bauen: / eine Handvoll Rußland, von der russischen Erde ein Stück.

 

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Heute ein Rückblick auf den Besuch des Kammerchors Wladimir, der die knappe Zeit zwischen Konzerten und Proben Ende November, Anfang Dezember auch für einen Ausflug nach Bamberg nutzte, begleitet von Sieghard Hellmann und Georg Kaczmarek, dem wir auch den folgenden Bericht verdanken.

Tatjana Grin und Sieghard Hellmann

Sieghard Hellmann vom Freundeskreis Wladimir, als ehemaliger Wahlbamberger bestens stadtkundig, übernahm die Ausflugsleitung. Ich durfte, als sein Adlatus, die mit 25 Mann und Frau starke Chorgemeinschaft begleiten. Peter Steger, der Partnerschaftsbeauftragte, ließ es sich allerdings nicht nehmen, kurz am Bahnhof zu erschienen, die Fahrkarten zu überreichen und uns allen besseres Wetter zu wünschen. Ausgerechnet an diesem Montag schüttete es nämlich sprichwörtlich wie aus Kübeln. Nach einem allgemeinen Regenschirmcheck ging es mit der Regio-Bahn auch gleich los.

Der nette Schaffner, ließ sich von Sieghard Hellmann über den Zweck der Reise, die Städtepartnerschaft mit Wladimir – Wladimir? Wo liegt denn das bitteschön? – und natürlich über den Kammerchor genauestens informieren, anstatt zu überprüfen, ob sich vielleicht ein Fremdling unter die Ausflügler gemischt hatte. Schade nur, daß die Chormitglieder im Waggon so weit verstreut saßen, sonst hätten sie bestimmt ein Liedchen für den netten Kontrolleur angestimmt, wie später an anderer Stelle geschehen.

Zu unserer großen Überraschung fruchteten die „Wetterwünsche“, und die Regenschirme durften ganztägig in den Taschen bleiben.  Bamberg zeigte sich von seiner freundlichen Seite, mit der wir eigentlich nicht gerechnet hatten. Einen ganz kurzen Schauer gab es glücklicherweise nur, während wir, übrigens sehr köstlich, in der Uni-Mensa zu Mittag speisten. An dieser Stelle vielen Dank an Peter Steger, der organisatorisch an diese Stärkung gedacht hatte.


Der Streifzug durch die Stadt begann mit der zeitsparenden Busfahrt in die Innenstadt. Dann ein kurzer Spaziergang durch die engen Gassen zum Alten Rathaus mit dem Blick auf „Klein-Venedig“ am Regnitzufer, am „Schlenkerla“ vorbei. Ein Besuch im historischen Brauereiausschank blieb uns leider versagt, da am Abend für den Chor noch ein Auftritt im Wohnstift Rathsberg auf dem Programm stand. Zum Ausgleich dafür wurde direkt gegenüber das Angebot des Andenkenladens rege in Anspruch genommen. Weiter ging es über die steile Treppe zum Domplatz und zum Dom selbst. Die Chormitglieder waren von der Innenarchitektur derartig beeindruckt, daß sie spontan beschlossen, eine kleine Gesangseinlage darzubieten.

Die Dirigentin Tatjana Grin war nicht sicher, ob man sowas im Dom überhaupt durfte. Man durfte. Zwei Lieder wurden aufgeführt, zur Freude vieler Touristen – und hier nachzuhören, einmal der Hymnus „Agni Parthene“ https://youtu.be/WXRvZg7U2bs und dann noch das der Vorweihnachtszeit angemessene „Stille Nacht“ unter https://youtu.be/ECrI4CMufEs

Über die Alte Hofhaltung war dann der Rosengarten der Neuen Residenz an der Reihe. Der Himmel hellte gerade in diesem Augenblick auf, und der Blick über die Bamberger Dächer faszinierte derart, daß unzählige Selfies und Kammeraufnahmen geschossen wurden.


Die Zeit für alle Sehenswürdigkeiten und Museumsbesuche war knapp bemessen, denn man sollte sich ja auch noch intensiv dem Shopping widmen können. Für so manche der Damen war die Zeit jedoch immer noch viel zu kurz, wie sich am Nachmittag am Sammelpunkt, der Kettenbrücke, herausstellte. Zwei Damen fehlten. Als sie schließlich doch auftauchten, erreichten wir im Affentempo gerade noch pünktlich den Bahnhof und unseren Zug, denn es dauerte eine geraume Zeit, bis die Regio-Bahn in Richtung Erlangen endlich losfuhr. Tja, auf die Bahn ist halt Verlaß, was die Unpünktlichkeit angeht.


Erlangen empfing uns mit unfreundlichem Dauerregen und mit Peter Steger am Bahngleis, der für den weiteren Transfer nach Rathsberg sorgte. Siehe dazu Blog-Bericht https://is.gd/U4vX3k

Für mich persönlich hat sich der Tagestrip mit den supernetten Gästen außerordentlich gelohnt. Danke Sieghard. In zahlreichen Gesprächen konnte ich interessante Gedanken austauschen über das Leben hüben wie drüben, über das Verhältnis zueinander und über so manche persönlichen Dinge. Und zum Schluß für mich der wichtigste Punkt. Ich wurde von den Sängern herzlichst eingeladen, Wladimir wieder zu besuchen. Das zu tun, habe ich auch hoch und heilig versprochen: Zur Einweihung des Pilgerhauses an der katholischen Rosenkranzkirche komme ich mit Bestimmtheit. Vielleicht könnte der Kammerchor sogar diesem Festakt beiwohnen. Wenn das kein guter Gedanke ist!

Peter Steger deutete es während der Jahresversammlung des „Nadjeschda-Hoffnung“-Fördervereins an, dafür eine Reise organisieren zu wollen. Aber schauen wir erst mal, was uns das kommende Neue Jahr bringt: «Поживём — увидим», wie man auf Russisch in solchen Fällen zu sagen pflegt.

Georg Kaczmarek

Max Firgau

P.S.: Siegfried Brückner, künstlerischer Impresario der Gastspielreise des Kammerchors Wladimir, übergab dieser Tage 25 CDs mit der Aufnahme des Festkonzerts vom 1. Dezember in Kirchehrenbach. Die Scheiben nimmt nun Max Firgau am Wochenende mit in die Partnerstadt. Mehr dazu unter: https://is.gd/Dlyc6c

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Den Kurs hat John Stackmann eben erst gesteckt und die Längen vermessen für die beiden Trailstrecken, die beim 19. Winterwaldlauf in der Brucker Lache am 23. März 2019 erstmals neben den traditionellen Distanzen Aufnahme ins Programm finden. Ganz im Sinne von Witalij Galkin, der heuer bereits mit am Start war und sich derzeit mit seiner Frau, Dozentin am Lehrstuhl für Philosophie und Religionswissenschaften an der Universität Wladimir, wieder in Erlangen aufhält, denn auch russische Organisatoren von Laufveranstaltungen bieten immer mehr Trails an. Für Nichtläufer: Das sind die unwegsamen Strecken über Stock und Stein, querfeldein, wo es stolpert und holpert, wo so manch einer über die Wurzeln purzeln kann, wenn man nicht trittfest ist und ein waches Auge hat.

Im Ziel: Witalij Galkin, John Stackmann und Peter Steger, gesehen von Manuela Stackmann

Aber diese Läufe entdecken – mit allen Unwägbarkeiten des Geländes – immer mehr Athleten als die Königsdisziplin für sich. Die Herausforderungen in der Brucker Lache halten sich freilich auch für Amateure im Bereich des Machbaren: Der eine oder andere Stamm im Weg läßt sich leicht überspringen oder umlaufen, und die unerwarteten Steigungen erhöhen nur den Reiz des ganz neu zu entdeckenden Waldstücks. Sehr zur Freude des Trios auf dem Jungfernlauf, der nach 50 entspannt-lockeren Minuten für neun Kilometer ein grandioses Rennen – übrigens erneut unter der Schirmherrschaft von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß – unter Wettbewerbsbedingungen verspricht, zumal auch wieder Gäste aus Wladimir kommen wollen. Die Anmeldung ist bereits möglich unter http://www.winterwaldlauf.de. Auf die Plätze, fertig, los!

Galkin

Witalij Galkin und John Stackmann beim Winterwaldlauf 2018

Nach Lektüre des Blogs schickte John Stackmann noch folgenden Kommentar:

Es war mir ein Vergnügen, den russisch-deutschen Freundschaftsexpreß diesmal als weißbärtige Lokomotive anzuführen, der über die neue zweite Runde des Trail-Laufs für 2019 mit 8,7 km dampfte und zwei Followern einheizte. Trotz winterlicher Kälte wurde es einem dadurch nicht kalt. Und die Abwechslung auf den schmalen Naturpfaden lenkte zumal von der eigenen körperlichen Anstrengung ab und motiviert und begeistert hoffentlich bei der ersten öffentlichen Aufführung am 23.03.2019. Da wird man allerdings davor schon die erste Runde mit 7,3 km hinter sich haben, die bereits 2018 als Premiere großen Zuspruch fand, wird man die Beine spüren und die Reserve einteilen, damit die gesamten 16 km gut zu überstehen sind …

Hier nochmals der Rückblick auf den diesjährigen Lauf: https://is.gd/EM1gv2

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In der vorvergangenen Nacht verabschiedete sich Fritz Wittmann für immer von seiner Frau Elisabeth und Tochter Johanna. Seinen 92. Geburtstag, den er am kommenden Sonntag noch einmal richtig groß hatte feiern wollen, erlebte der Weltkriegsveteran nicht mehr, mit dessen Tod das vielleicht bemerkenswerteste Kapitel der Städtepartnerschaft Erlangen-Wladimir zu Ende geht. Der ehemalige Leiter der Volksschule Möhrendorf schrieb nämlich Geschichte mit seinem Leben für die Versöhnung zwischen Deutschen und Russen. Dabei hatte alles, wie den Stationen seiner Autobiographie zu entnehmen, ganz anders begonnen:

Fritz und Elisabeth Wittmann

Als Hitler an die Macht kam, war ich sechs Jahre alt. Ich kam in die Schule und lernte „deutsch zu fühlen und deutsch zu denken“. Als ich 23 geworden war, kehrte ich aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. Als Kind hatte ich teil an der Illusion der Mehrheit aller Deutschen, der Führer werde Deutschland in eine neue Zukunft führen. Wir sangen schon bald „Deutschland, heiliges Wort“ und von den „Fahnen, die wir fliegen lassen sollten in das große Morgenrot, das uns zu neuen Siegen leuchten sollte oder brennen uns zum Tod“. Daß letzteres so furchtbar wahr werden sollte für Millionen, das dachten wir nicht. Als ich 1944, fünf Tage nach dem Attentat auf Hitler, Soldat wurde, war die Illusion, den Krieg siegreich zu beenden, längst dahin. Daneben blieb aber unvorstellbar, daß wir den Krieg verlieren. Auf dem Weg zur Front an der Oder sagte uns ein Soldat, der von Anfang an an der Ostfront gekämpft hatte: „Wenn wir den Krieg verlieren, dann Gnade uns Gott.“ Zu jener Zeit waren die meisten meiner Kameraden, wie auch ich, überzeugt, daß wir sowieso die Niederlage Deutschlands nicht überleben würden. Zu oft hatten wir gehört, daß es besser sei, „in Ehren zu sterben, als in Schande zu leben“. Anfang Februar 1945 kam ich an die Oderfront. Dort warteten wir bis Anfang März auf den Beginn der russischen Offensive. Nach deren Beginn waren wir drei Tage später in Küstrin-Neustadt schon eingeschlossen. Am Morgen des 11. März wurde mir die erste „Feindberührung“ zu einem Erlebnis, das für mein weiteres Leben von entscheidender Bedeutung wurde. Ich habe diese „menschliche Feindberührung“ in „Der Russe lebt“ 40 Jahre später zu Papier gebracht. In der stundenlangen Nähe dieses Meinesgleichen von der anderen Seite gab ich meiner Mutter das Versprechen, mich auf keinen Fall selbst zu erschießen. (Nach meiner Rückkehr aus der Gefangenschaft erfuhr ich, daß mein Bruder Hans zu dieser Stunde in der Nähe von Danzig gefallen war.) Von da an beschäftigte mich die Vorstellung an ein Leben in Gefangenschaft. Ich fand im Gedanken, daß dort, wo Soldaten herkommen, auch Mütter sind, einen Ausweg in meiner ausweglosen Lage. Wie sehr mir von dieser Mütterlichkeit später Hilfe und Rettung werden würde, ahnte ich damals nicht. Als wir dann in der folgenden Nacht die russische Umzingelung durchbrachen und ich zehn Tage lang mit einer Gruppe von zwölf Mann im bereits von der Sowjetarmee besetzten Westpommern herumirrte, wurde mir klar, daß die Hingabe meines Lebens ein sinnloses Opfer wäre. Als wir am Morgen des 21. März von einer russischen Streife umzingelt waren, ergaben wir uns, ohne Widerstand zu leisten.

1990 verdichtete sich die erste Feindberührung so:

Der Russe lebt

Am 11. März 1945 / rückten wir in unsere Stellung ein / im Waldfriedhof von Küstrin. / Da lag, / das Gesicht mit Tannenreis bedeckt, / ein toter russischer Soldat. / Nur wenige Meter / von unserem Schützengraben entfernt, / ließ er mir keine Ruhe. / Stunde um Stunde kam er mir / in meinen Gedanken näher. / In einer Feuerpause der russischen Granatwerfer / zog es mich zu ihm hin. / Ich hob das Reis und erschrak / über das junge Gesicht. / Ich dachte an seine Mutter und an meine. / Diese Gedanken haben den mir anerzogenen Haß / tödlich verwundet. / Sie retteten mir das Leben. // Nun sind diese erste tote russische Soldat und / seine mir unbekannte Mutter / in meinen Gedanken und Träumen. / Solange ich lebe.

Erlanger und Wladimirer Veteranen, Juni 1995

Aktenkundig ist die Verbindung von Fritz Wittmann zur Städtepartnerschaft seit 1987, als in den Erlanger Nachrichten ein Leserbrief erschien, in dem der im mittelfränkischen Rohr geborene und nun im oberfränkischen Baiersdorf lebende Pensionär Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg zu dem mutigen Schritt gratulierte, diesen Kontakt aufzunehmen und davon sprach, Russisch lernen zu wollen, um selbst bei diesen Beziehungen eine aktivere Rolle spielen zu können. Als regelmäßiger Gasthörer im Arbeitskreis Wladimir der Volkshochschule lernte er bald alle entscheidenden Akteure des Austausches kennen und half immer mehr selbst, Begegnungen zu organisieren. Stellvertretend dafür steht das Konzert des Kammerchors Elegie 1990 in Baiersdorf und die Sammlung von Spenden für dessen Mitglieder. Dann, ein Jahr später, der große Schritt, die erste Reise nach Wladimir, zusammen mit der zehnköpfigen ersten Erlanger Veteranendelegation anläßlich des 50. Jahrestages des Überfalls der Wehrmacht auf die Sowjetunion. Bleibend sein Eindruck damals, zum Ausdruck gebracht vom Vorsitzenden des Wladimirer Veteranenverband, Jakow Moskwitin: „Wir wollen uns gegenseitig die Schuld nicht vorhalten.“ Hier, wo er in Nikolaj Schtschelkonogow, der, wie sich herausstellte, dem SS-Mann 1945 in Küstrin unbekannterweise gegenübergelegen hatte, einen zum Freund gewordenen einstigen Feind fand, hier auf dem Platz des Sieges am 22. Juni 1991 in der Partnerstadt muß es wohl gewesen sein, daß Fritz Wittmann seine Friedensmission als persönliche Berufung annahm, gespeist von einer tiefen Spiritualität und einem lebensfrohen Glauben.

Es folgte 1992 der Gegenbesuch der Wladimirer Veteranen, ein Jahr später die Gastspielreise des Veteranenchors mit einem Auftritt in Rohr wie in Baiersdorf, immer umsorgt von Fritz Wittmann, der es verstand, einen ganzen Freundeskreis aufzubauen und einen Kreis „Liebe – Friede – Leben“ zu entwerfen, der in Wladimir gestickt wurde. Wladimir sollte ihn nicht mehr loslassen. Reise auf Reise folgte mit Vorträgen, Gesprächen, immer neuen Freundschaften – und schließlich die Idee, seine vier Jahre währende Gefangenschaft, die ihn bis die Kohlenschächte des Ural führte, ohne je geschlagen worden zu sein, niederzuschreiben und in das 2001 erschienene Buch „Rose für Tamara“ auch die Erfahrungen anderer Wehrmachtssoldaten aufzunehmen, nachdem der Autor bereits 1986 und 1990 Teil 1 und 2 seines aphoristischen Werks „Lachen und Weinen unter dem Apfelbäumchen“ und 1999 zusammen mit seinem jüdischen Freund, Percy Gurwitz, in Wladimir seine „Gereimten Kommentare“ publiziert hatte.

Fritz 10

Oberbürgermeister Florian Janik bei der Überreichung des Friedenskreises an Wladimirer Veteranen mit Jelena Owtschinnikowa, Sergej Sacharow, Peter Steger und Birgitt Aßmus im Erlangen-Haus

„Rose für Tamara“, 2003 in der Übersetzung von Nadeschda Jewrassowa auch in Wladimir herausgegeben, erhielt im Jahr 2002 aus den Händen von Bundespräsident Johannes Rau den „1. Preis für bürgerschaftliches Engagement in Rußland“ und erlebte als Wegbereiter des Erinnerungsbandes „Komm wieder, aber ohne Waffen!“ von Peter Steger vor zehn Jahren eine Neuauflage. 2010 schließlich erfuhr Fritz Wittmann auch in Erlangen die verdiente Auszeichnung mit dem Ehrenbrief für Verdienste auf dem Gebiet der Städtepartnerschaften.

Peter Steger, Alexandra Gräfin von Lambsdorff, Fritz Wittmann, Brüne Soltau, Johannes Rau und Jürgen Ganzmann bei der Preisverleihung 2002 in Berlin

„Land meiner zweiten Geburt“ nannte der Verstorbene Rußland, dessen Schicksal ihn bis in seine letzten Tage beschäftigte und wo man in einer Umarmung „selbst zur Winterszeit noch durch die dickste Wattejacke die Herzlichkeit spürt“. Er teilte diese Erfahrungen mit dem Veteranenkreis um Friedhelm Kröger, trug diese Botschaft aber auch stets auf den Lippen, etwa mit den Zeilen, die er gern rezitierte:

Fritz 11

Fritz Wittmann, Bürgermeisterin Elisabeth Preuß und Oberbürgermeister Siegfried Balleis bei der Verleihung des Ehrenbriefes 2010

Im Krieg begruben wir / auf beiden Seiten unsere Toten. / Nun gedenken wir ihrer gemeinsam / und reichen uns, Deutsche und Russen, / die Hand zum Frieden.

Thomas Rex, Peter Steger, Fritz Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow mit den Friedensspaten, 2008 in Erlangen

Diese „Hand zum Frieden“ ist nun erkaltet. Es ist an uns, einander, Deutsche wie Russen, Herzen und Hände im Geist von Fritz Wittmann zu wärmen und im seinen Sinne darauf zu trinken, daß es nur noch Veteranen des Friedens geben möge. Wie und daß das geht, hat er uns vorgelebt wie kein zweiter.

Der Veteranenkreis um Friedhelm Kröger mit Fritz und Elisabeth Wittmann beim Empfang mit Bürgermeisterin Susanne Lender-Cassens, 2017

P.S.: Ziemlich genau vor zwei Jahren schrieb Tatjana Parilowa, Mitglied des eingangs erwähnten Chores Elegie bei den Auftritten 1990, Fritz Wittmann zu seinem 90. Geburtstag eine Widmung, die hier im Blog erschien: https://is.gd/N2bakX Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte die Musiklehrerin ihren Freund noch besucht – als sein letzter Gast aus Wladimir.

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„Wie hätte ich denn da zu Hause bleiben sollen?! Da gab es doch gar keinen Zweifel“, erwiderte gestern Swetlana Makarowa mit ihrem so gewinnenden Lächeln die erstaunten Fragen, warum sie denn eigens den weiten Weg nach Erlangen auf sich genommen habe, um an der gestrigen Abschiedsfeier für Wolfgang Rascher teilzunehmen. „Wir haben in Wladimir ihm und seinem ganzen Haus unendlich viel zu verdanken, und dafür meine Verbundenheit zu zeigen, ist kein Weg zu weit.“

Wolfgang Rascher, Swetlana Makarowa und Dieter Wenzel

Die ärztliche Direktorin des Regionalen Kinderkrankenhauses in der Partnerstadt weiß, wovon sie spricht. Als Pulmologin nahm sie vor drei Jahrzehnten dort die Arbeit auf und erlebte 1990/91 als stellvertretende Leiterin der Klinik den Beginn der Aktion „Hilfe für Wladimir“, für ihr Haus koordiniert von Dieter Wenzel, mit all den Lieferungen von medizinischem Gerät, Medikamenten, Lebensmitteln, Verbrauchsmaterial, begleitet von Hospitationen und Fortbildungen an der Klinik mit Poliklinik für Kinder und Jugendliche in Erlangen.

Swetlana Makarowa, Elisabeth Preuß und Florian Janik

Seit elf Jahren leitet sie nun selbst das Krankenhaus mit 325 Betten, wo Kinder aus der ganzen Region behandelt werden. Und das immer besser – seit der Zusammenarbeit Erlangen, die Erfolge von der Einführung der Peritonealdialyse bis zu den Standards bei der Krebstherapie aufzuweisen hat.

Swetlana Makarowa und Peter Steger

Aber, man merkt es der Pädiaterin an, es ist mehr als nur die materielle Hilfe und der Wissenstransfer, für den sie zu danken kam. „Es geht tiefer, viel tiefer“, betont sie denn auch in ihrem Grußwort, das sie auch an die Stadtspitze, prominent vertreten durch Oberbürgermeister, Florian Janik, und Bürgermeisterin, Elisabeth Preuß, die beide die Klinik in Wladimir und die kindermedizinische Erfolgsgeschichte kennen. Dieses „Tiefer“ darf man getrost Freundschaft nennen, Verbundenheit, die mit dem gestrigen Tag nicht endet. „Es geht weiter“, bestätigte diesen Eindruck der nach 20 Jahren im Amt des Klinikdirektors scheidende Wolfgang Rascher. „Und jetzt habe ich ja mehr Zeit, auch für Wladimir.“

Swetlana Makarowa und Wolfgang Rascher

Da fügt sich auch das Geschenk ins Bild, ein Gemälde des Goldenen Tors, als „Anerkennung für einen goldenen Menschen, der hoffentlich bald wieder kommt und durch das Goldene Tor in unsere Stadt tritt.“ Noch aber darf der Gastgeber nicht abtreten. Der bereits berufene Nachfolger bog im letzten Augenblick in eine andere Richtung ab, und so wird Wolfgang Rascher, dessen segensreichem Wirken die Erlanger Nachrichten gestern eine ganze Seite widmeten, noch bis März 2019 weiter die Geschicke seiner Klinik leiten.

Swetlana Makarowa und Klemens Stehr

Wenn schon der Nachfolger nicht im Publikum saß, dann doch der Vorgänger, Klemens Stehr, von 1977 bis 1998 Direktor der Klinik, unter dessen Ägide die Zusammenarbeit mit Wladimir ja begann, und der, bereits emeritiert, 2001 die Partnerstadt im Rahmen einer Rotary-Delegation besuchte. Für Swetlana Makarowa ein besonderer Tag, bewegend, tiefergehend…

Und hier geht es zum Reisebericht von Wolfgang Rascher: https://is.gd/9bQwhm

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Die deutsch-russischen Beziehungen sind Jahrhunderte alt. Immer wieder hat es intensive und distanzierte Zeiten gegeben. An vielen Stellen merken wir, wie die Welt um uns herum turbulenter, unberechenbarer und chaotischer geworden zu sein scheint. Die uns so vertraute Weltordnung formiert sich neu, vielerorts wird das vermeintliche Ende der „westlichen Weltordnung“ konstatiert. Gerade jetzt müssen wir mit Rußland im Gespräch bleiben und Inseln der Kooperation ausloten. Dies gilt nicht nur, um Konflikte wie in Syrien und der Ukraine zu lösen, sondern um der Entfremdung unserer Gesellschaften entgegenzuwirken.

Harry Scheuenstuhl MdL, Dirk Wiese MdB, Carsten Träger MdB und Peter Steger, gesehen von Franz Rabl

Daher ist es wichtig, einen Kontakt und Austausch zwischen den Gesellschaften aus beiden Ländern, insbesondere der jüngeren Generation, zu intensivieren. Dialog beruht auf reden, reden, reden und so vielen Begegnungen wie möglich. Nur so können wir sich verfestigenden Vorurteilen entgegenwirken. Schon heute gibt es zahlreiche Initiativen im Jugend- und Kulturbereich, in der Zusammenarbeit von Hochschulen und Wissenschaft sowie Städtepartnerschaften.

So war es in der Ankündigung zur gestrigen Diskussionsveranstaltung der SPD-Bundestagsfraktion am späten Vormittag im Gasthaus „Zum Scharfen Eck“ in Neustadt an der Aisch zu lesen, bei der auch die vielfältigen Erfahrungen der Zusammenarbeit zwischen Erlangen und Wladimir zur Sprache kamen, von Carsten Träger, MdB, gar als „vorbildlich“ für andere deutsch-russische zivilgesellschaftliche Kontakte bezeichnet.

Lissy Gröner im Publikum, gesehen von Heike Gareis

Im Mittelpunkt des gut besuchten Treffens, an dem u.a. auch die frühere Abgeordnete des EU-Parlaments, Lissy Gröner, und Bürgermeister, Klaus Meier, teilnahmen, standen aber die Ausführungen von Dirk Wiese, MdB und seit dem Frühjahr Nachfolger von Gernot Erler im Amt des Koordinators für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit Rußland, Zentralasien und den Ländern der Östlichen Partnerschaft. Dem Vorstandsmitglied im Petersburger Dialog gelang es, das Publikum schon nach wenigen Sätzen davon zu überzeugen, auf wie vielen Ebenen bei allen gegenwärtigen Problemen auf höchster Ebene der deutsch-russische Meinungs- und Gedankenaustausch gepflegt werde, wie wichtig der Bundesregierung neben den offiziellen Kanälen besonders die bürgerschaftlichen Begegnungen zwischen unseren Ländern seien.

Dirk Wiese (2. v.l.) bei der Podiumsveranstaltung des Deutsch-Russischen Forums in Berlin am 14. September 2018

Dabei wolle man es nicht bei guten Worten und hilfreichen Gesten belassen. 17 Millionen Euro, so der Sauerländer, der bereits vor einer Woche in Berlin bei der Veranstaltung des Deutsch-Russischen Forums auf dem Podium saß, habe man zur Förderung dieser Kontakte im laufenden Jahr in seinem Etat zur Verfügung, drei Millionen mehr als 2017. Und – es könnten noch mehr Mittel werden. Dabei sind da die Zuschüsse noch gar nicht eingerechnet, die man bei der Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch, beim Bundesverband der Deutschen West-Ost-Gesellschaften oder bei der Stiftung West-Östliche Begegnungen beantragen kann.

Peter Steger, Vortrag zur Partnerschaft mit Wladimir, Neustadt / Aisch, gesehen von Franz Rabl

Der Politik sind diese Verbindungen zwischen unseren Ländern also durchaus etwas wert, und wenn man noch weiß, wie großzügig die Deutsche Botschaft mittlerweile Visa im Rahmen der Städtepartnerschaften ausstellt, kann kein Zweifel daran bestehen, wie sehr Berlin an guten Beziehungen zu Moskau gelegen bleibt – entgegen so manchem Eindruck und trotz allen Differenzen. Leider – das gehört eben auch zum Bild – fehlt es auf russischer Seite an ähnlichen Fördermöglichkeiten für den Austausch.

Dirk Wiese bei seinem Vortrag, Neustadt / Aisch, gesehen von Franz Rabl

Doch zurück zum gestrigen Morgen. Da kam auch noch ein wichtiges gesellschaftspolitisches Thema auf: die Integration der Spätaussiedler aus den Nachfolgestaaten der UdSSR. Diese, so Klaus Meier, sei gerade auch dank einem großen bürgerschaftlichen Engagement mittlerweile weitgehend gelungen und vollzogen, obwohl es auch in Neustadt in Zusammenhang mit dem „Fall Lisa“ (das angeblich von Flüchtlingen in Berlin entführte Mädchen) leider zu einer Demonstration gekommen sei, die ihn sehr traurig gemacht habe. Insgesamt aber, so das Fazit auch für Erlangen, wo den Projekten „Sputnik“ und „Begleiter“ ebenso wie dem Verein „Brücken“ viel zu verdanken ist, seien die Menschen angekommen, niemand spreche in seiner Stadt mehr von der „Stalinallee“.

Carsten Träger, Dirk Wiese, Harry Scheuenstuhl und Peter Steger, gesehen von Franz Rabl

Eine gesamtgesellschaftliche Leistung, die heute schon fast vergessen scheint. Millionen von Spätaussiedlern, die dort, von wo sie kamen, oft als „Deutsche“ oder gar „Faschisten“ beschimpft und in der neuen historischen Heimat dann als „Russen“ bezeichnet und ausgegrenzt wurden, fühlen sich nun hier angenommen und zu Hause. Etwas, so ein Besucher der Veranstaltung, das auch an das Wort von Angela Merkel im Hinblick auf die Flüchtlinge glauben lasse: „Wir schaffen das!“

P.S.: Danke an den Bildreporter Franz Rabl, der in seiner Zeit als Forstamtsdirektor in Erlangen aktiv am Austausch mit Wladimir teilnahm.

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