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Posts Tagged ‘Peter Millian’


Er ließ es sich nicht anmerken, aber ein wenig nervös war Kirill Wedernikow gestern schon, so kurz vor der Ausstellungseröffnung in der Volkshochschule mit Oberbürgermeister Florian Janik und all den vielen Gästen aus Politik, Verwaltung und vor allem natürlich Kunst und Kultur. Doch schon im Gespräch mit Erlangens Stadtoberhaupt löste sich die Spannung und wich der Freude darüber, mit welcher wißbegierigen Offenheit man seinen Arbeiten begegnete.

Irene Hetzler, Florian Janik, Kirill Wedernikow, Carolin Gugel und Hans-Peter Singer

Der Künstler hätte es freilich auch schon vorher wissen können. Denn von Beginn an hatte er – „trotz meiner geringen Englischkenntnisse“ – mit der Gruppe Andersartig eine gemeinsame Sprache gefunden, hatte die Verständigung über die Kunst, diese universelle Form des menschlichen Ausdrucks, bestens funktioniert. Und es war manchmal beim Aufbau, als hätten die Bilder ihren Platz an den Wänden und in den Räumen selbst gefunden.

Jutta Brandis

Glücklich und zufrieden jedenfalls waren nicht nur die Künstler, sondern vor allem Jutta Brandis, die mit „(R)Evolution“ nach dreißig Jahren des Wirkens an der Volkshochschule hiermit ihre vorletzte Ausstellung kuratierte, darunter viele mit Gästen aus Wladimir. Doch keine hatte sie nach eigenen Worten bisher so mit Freude über das Gelingen erfüllt wie diese, die nun noch bis zum 12. April in den Räumen der Volkshochschule, Friedrichstraße 19, zu sehen sind.

Peter Steger, Kirill Wedernikow, Hans-Peter Singer, Jutta Brandis, Carolin Gugel, Irene Hetzler, Michael Ort und Eva Herrmann

Zeit genug also, sich selbst noch einen Eindruck zu verschaffen von diesem deutsch-russischen Projekt einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit, die Florian Janik in seinem Grußwort als wichtiges Element der Verständigung in Zeiten politischer Konflikte lobte, die aber auch zeigt, wie gut Künstler verschiedener Länder konzeptionell zusammenfinden können. Denn, so Kirill Wedernikow: „Sie entsteht zwar in Raum und Zeit, ist aber nicht an diese Dimensionen gebunden, wirkt darüber hinaus.“ Worte, die so auch gelten könnten für das eigens zu dieser Ausstellung komponierte „Concertino für Vibraphon und Klavier“, uraufgeführt von Michael Ort und Eva Herrmann.

Anke Steinert-Neuwirth, Peter Steger, Kirill Wedernikow, Hans-Peter Singer, Carolin Gugel und Irene Hetzler

Ein großer Teil der Bühne – und auch der Ausstellungsfläche – gehörte gestern dem Gastkünstler, der Gelegenheit erhielt, anhand eines Videos mit beeindruckend animierten Arbeiten aus seiner jüngsten Schaffensperiode und einer Präsentation seinen Werdegang darzustellen. Erstmals im Ausland und erstmals in dieser Ausführlichkeit, denn in der Heimat können sich nicht alle an seiner Ästhetik etwas abgewinnen.

Karin Günther und Peter Millian

Sie hat ja auch tatsächlich etwas Düsteres, und vor allem in seinem Zyklus der Lost Places und Industriebrachen sehe man wenig Optimismus und Aufbruch, wie Peter Millian von den Erlanger Nachrichten bemerkte. „Richtig“, bestätigte der 27jährige Künstler aus Wjasniki, hundert Kilometer östlich von Wladimir gelegen, „aber aus diesem Schatten bin ich herausgetreten, diese Periode liegt hinter mir.“

Zwar, so der Künstler, ziehe ihn noch immer diese Landschaft des Verfalls mit ihren groben Formen und den unendlichen Räumen des Vergehens magisch an, weil es da so viel Gestaltungsmöglichkeit gebe, aber nach seinen Anfängen im Bereich des Graffiti und der Straßenkunst und all den Lehrjahren durch die Kunsthochschule in Susdal sowie die Aufenthalte in Sankt Petersburg und Moskau wende er sich nun stärker philosophischen, theologischen und mythologischen Themen zu.

Kirill Wedernikow im Gespräch

Man hört es aus seinen Worten heraus, man merkt es seinen Bildern an: Hier wird man Zeuge eines künstlerischen Reifeprozesses, der auf dem Weg zu echter Meisterschaft ist, im Ausdruck wie im Handwerk. Passend zum evolutionären Titel der Ausstellung mit dem R in Klammern.

So richtig zur Geltung kommt das im Musikzimmer, wo die Keramiken von Carolin Gugel und die Arbeiten von Kirill Wedernikow einander nicht nur ergänzen, sondern in ihrer Wirkung verstärken, formal wie inhaltlich. Aber davon sollte man sich selbst überzeugen. Zeit ist ja noch genug.

Und nehmen Sie sich auch ein paar Minuten für die Mappen, wo sich neben Angaben zu den Persönlichkeiten auch die Preise für die Arbeiten finden. Es bietet sich die exklusive Gelegenheit, eine Wedernikow-Sammlung, die erste in Deutschland und außerhalb seiner russischen Heimat, aufzubauen.

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Namen zu nennen, ist immer so eine Sache. Manches Mal notwendig, weil nur so Umfang und Fülle zu erkennen sind, oftmals undankbar, weil man doch immer wieder jemanden zu erwähnen vergessen kann, meist dann gleich die wichtigste Person. Heute besteht Anlaß, den Versuch der Vollständigkeit zu unternehmen, heute am 70. Geburtstag von Udo B. Greiner, dem langjährigen Leiter der Lokalredaktion der Erlanger Nachrichten.

Udo B. Greiner, 2. v.l., umgeben von Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, dem Ehepaar Angelika und Siegfried Balleis, Peter Steger und Rudolf Schwarzenbach

Udo B. Greiner, 2. v.l., umgeben von Helmut Schmitt, Sergej Sacharow, dem Ehepaar Angelika und Siegfried Balleis, Peter Steger und Rudolf Schwarzenbach, Juni 2012

Sein segensreiches Wirken für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir fand im Blog schon vielfachen Ausdruck. Hinzuzufügen ist dem freilich ein ganz besonderer Umstand. Der Jubilar ist nicht nur selbst mehrfach in die russische Partnerstadt gereist. Er hat es vielmehr verstanden, fast seine gesamte Redaktion für dieses Werk der Völkerverständigung zu gewinnen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit deshalb hier einmal die Namen all der Journalisten, die im Auftrag von Udo B. Greiner die Partnerschaftsarbeit vor Ort erlebt haben: Peter Millian, Wolf-Dietrich Nahr, Axel Mölkner, Rainer Wich, Manfred Öfele, Klaus Springen, Lothar Hoja, Stefan Mößler-Rademacher; für das Bildmaterial aus Wladimir sorgten Hilde Stümpel und Bernd Böhner, wenn die Korrespondenten nicht gleich selbst auf den Auslöser drückten. Und auch wer nicht zu den „Reisekadern“ gehörte, kam nie ganz um das Thema „Wladimir“ herum, sei es in den Bereichen Kultur, Sport, Wissenschaft oder Wirtschaft. Dies erst sorgte für die so breit angelegte Berichterstattung über das Geschehen zwischen Erlangen und Wladimir, und dafür wieder einmal Dank zu sagen, ist heute die Zeit gekommen. Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Greiner, und auf Wiederlesen!

Mehr zu Udo B. Greiner u.a. hier: http://is.gd/m2g52X

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Heute nun die Fortsetzung des Rückblicks von Altoberbürgermeister auf die ersten fünf Jahre der Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, die entscheidende Periode:

Schon beim ersten offiziellen Besuch in Wladimir entstehen Nähe und Vertrauen

Der Besuch der offiziellen Stadtratsdelegation in Wladimir fand vom 29. Juli bis 1. August 1983 statt. Ihr gehörten Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Stadträtin Heide Mattischeck als Vertreterin der SPD-Stadtratsfraktion und Stadtrat Claus Uhl für die FDP-Fraktion an. Die CSU-Fraktion hatte nach eingehender Diskussion eine Beteiligung an der Delegation abgelehnt. Der dadurch freigewordene Platz wurde den Erlanger Nachrichten angeboten, die Peter Millian entsandten.

Mira Woronitschewa, Peter Millian, Dietmar Hahlweg

Mira Woronitschewa, Peter Millian, Dietmar Hahlweg

Der Aufenthalt in Wladimir nahm vom herzlichen Empfang mit Blumen auf dem Moskauer Flughafen durch die stellvertretende Vorsitzende des Exekutivkomitees des Stadtsowjets, Bürgermeisterin Wera Sorina, bis zur Verabschiedung durch die gesamte Stadtspitze auf dem Moskauer Flughafen einen außerordentlich positiven Verlauf. Die anfängliche Befangenheit wich schnell einem locker, vertrauten Umgang, was neben den beteiligten Personen mit dem sehr einfühlsam zusammengestellten Programm zusammenhing. Dem offiziellen Empfang im Rathaus, traditionell mit Brot und Salz, folgten in bunter Mischung Besuche staatlicher, kommunaler und gesellschaftlicher Institutionen, Betriebsbesichtigungen einschließlich deren umfangreichen kulturellen und sozialen Einrichtungen, Rundgänge in der Stadt und Ausflüge ins Umland mit Besuch der nahegelegenen bekannten Klosterstadt Susdal.

Beim Besuch des mit 17.000 Beschäftigten größten Arbeitgebers am Ort, des Traktorenwerkes, wurde Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg überraschend gebeten, zu den ca. 150 Betriebsangehörigen zu sprechen, die sich in der Mittagspause zu Ehren der Erlanger Delegation versammelt hatten. Beeindruckend bei all diesen einzelnen Besuchen, ob im Kindergarten oder im Betrieb: Überall waren Freude, Interesse und die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft spürbar. Überall, auch bei Kurzbesuchen, waren reichlich Speis und Trank liebevoll aufgetischt, gab es Gastgeschenke. Die russische Freude am guten und fröhlichen Essen und Trinken tat ihr weiteres zum schnellen Kennenlernen. Dabei war es nicht nur die Qualität der Speisen, der Getränke und der gepflegten Tischdekorationen, was beeindruckte und gute Stimmung machte, sondern vor allem auch die gute russische Sitte, während des Essens kurze, muntere Toasts auszubringen, und zwar von allen Anwesenden. Hier, wie auch dann beim Picknick im Wald, wurde schnell klar, daß unsere russischen Gesprächspartner zwar gutgeschulte und überzeugte Kommunisten sein mochten, aber daneben auch lebensfrohe Russen waren. Ein emotionaler Höhepunkt der Reise, die ja vor allem der Aussöhnung dienen sollte, war für die Delegation aus Erlangen die Kranzniederlegung am Ehrenmal für die Gefallenen Wladimirs. Beide Seiten waren aber auch tiefberührt, als sich bei einer gemeinsamen Zigarettenpause von Michail Swonarjow und Heide Mattischeck herausstellte, daß beide ihren Vater im Krieg an der Front in der Sowjetunion verloren hatten.

Zum Abschluß einigte man sich ohne Probleme auf folgendes Arbeitsprotokoll vom 1.8.1983:

Vom 29.Juli bis 1.August 1983 weilte auf Einladung des Exekutivkomitees des Wladimirer Stadtrates der Volksdeputierten eine Delegation des Stadtrates Erlangen mit Oberbürgermeister Dr. Dietmar Hahlweg an der Spitze in der Stadt Wladimir, die mit Vertretern des Wladimirer Stadtrates, an der Spitze Herr Michail Iwanowitsch Swonarjow, Gespräche über partnerschaftliche Beziehungen führte.

Beide Seiten stimmen zu, daß im Geiste des Treffens, das in Moskau zwischen dem Generalsekretär des ZK der KPdSU, dem Vorsitzenden des Obersten Sowjets der UdSSR, Juri W. Andropow, und dem Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Helmut Kohl, stattgefunden hat, günstige Möglichkeiten für die Aufnahme von freundschaftlichen und partnerschaftlichen Beziehungen zwischen Erlangen und Wladimir existieren.

Die beiden Seiten brachten ihre Sorgen um die ernste Verschärfung der internationalen Lage in der ganzen Welt und in den einzelnen Regionen sowie um die Verstärkung der Kriegsgefahr zum Ausdruck. Sie sind einig, daß gegenwärtig die Hauptaufgabe darin besteht, daß alle Völker verstärkt zur Bannung der Atomkriegsgefahr sowie zur Erhaltung der Entspannung und der Festigung des Friedens beitragen.

Von beiden Seiten wurde das Streben nach Frieden und internationaler Sicherheit aufgrund der friedlichen Koexistenz von Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen betont. Unterstrichen wurde auch das Recht aller Völker auf freie Entwicklung, Gerechtigkeit sowie wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt.

Die Teilnehmer der Verhandlungen sprachen sich für die Entwicklung von Beziehungen zwischen den offiziellen Vertretern der Städte und der verschiedenen Bevölkerungsgruppen, insbesondere der Jugend, durch gegenseitigen Austausch in den Bereichen Kultur, Sport und Tourismus aus.

Von beiden Seiten werden Maßnahmen getroffen, damit schon in diesem Jahr das Abkommen mit konkreten Vorschlägen zur Realisierung dieser Verabredung ausgearbeitet wird.

Das Wladimirer Stadtexekutivkomitee ist auf Wunsch der Stadt Erlangen bereit, bei der Gestaltung des Besuchsprogramms einer Reisegruppe der Volkshochschule Erlangen, die im August 1983 die Stadt Wladimir besuchen wird, behilflich zu sein und auch Kontakte zu Einrichtungen der Erwachsenenbildung herzustellen.

Dem Vorsitzenden des Stadtexekutivkomitees der Stadt Wladimir, Herrn Michail Iwanowitsch Swonarjow, wurde die Einladung zu einem offiziellen Besuch der Stadt Erlangen überreicht. Die Delegation soll sich aus drei bis fünf Vertretern der Stadt Wladimir zusammensetzen. Diese Einladung wurde mit Genugtuung und Dankbarkeit angenommen.

Michail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Michail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Die gesetzten Worte des Protokolls bringen naturgemäß nicht zum Ausdruck, was sich in diesen vier Tagen unter den Beteiligten ereignet hatte. Durch ein klug und sensibel zusammengestelltes Programm – es dürfte maßgeblich vom höchst agilen Sekretär des Exekutivkomitees des Stadtsowjets, Jurij Fjodorow, gestaltet worden sein – entwickelte sich neben den förmlichen Reden sehr bald ein entspannter, offener Umgang miteinander. Es wuchs das Gefühl, daß beide Seiten es ehrlich meinten, daß man irgendwie gut zueinander passe und man einander vertrauen könne.

Picknick im Wald für die erste Delegation aus Erlangen

Picknick im Wald für die erste Delegation aus Erlangen

Gespräche zum Abschluß in Moskau

Das gewachsene Vertrauen zeigte sich vor allem auch bei dem Verständnis der Wladimirer Seite für den Umgang und die erbetene Geduld mit den Bedenken der CSU-Fraktion. Diese Bedenken, die Dietmar Hahlweg laut EN vom 5. August 1983 „in allen Gesprächen deutlich machte, und die sich auf die Existenz politischer Gefangener in einem Wladimirer Gefängnis richteten, wurden von allen Seiten zurückgewiesen“. Bei dem Gespräch in der deutschen Botschaft am Schlußtag in Moskau wurde zwar die Existenz solcher Gefangener nicht ausgeschlossen, doch wurde betont, gerade dies dürfe dann kein Hindernis sein, sich um freundschaftliche und partnerschaftliche Beziehungen zu bemühen. Die deutsche Botschaft begrüßte den Städtekontakt ausdrücklich. Der Text des Arbeitsprotokolls sei fair und im üblichen Rahmen der Abmachungen, die partnerschaftlichen Beziehungen vorausgehen. In einem am gleichen Tag in Moskau geführten Abschlußgespräch äußerten sich Mitglieder der sowjetischen Akademie der Wissenschaften besorgt über die Entwicklung der Rüstung im Nato-Bündnis. Insbesondere der Umstand, daß durch die Aufstellung von Pershing-II- und Cruise-Missile-Raketen erneut eine existenzielle Bedrohung der Sowjetunion von deutschem Boden ausgehe, erzeuge in der UdSSR tiefe Betroffenheit und Angst (s. EN vom 5. August 1983).

Ermutigungen, noch im Jahr 1983 den Grundsatzbeschluß pro Wladimir zu fassen

Weil der erste Besuch der offiziellen Delegation im Juli 1983 einen so überaus ermutigend positiven Verlauf genommen hatte und auch die Teilnehmer der kurz darauf durchgeführten VHS-Reise als erste Bürgergruppe in Wladimir ebenso herzlich empfangen wurden und von der Stadt beeindruckt waren – die EN titelten am 13. September 1983 über den VHS-Besuch „Wladimir war überwältigend“ – schlug der Oberbürgermeister den Stadtratsfraktionen vor, schon 1983 und damit vor dem Gegenbesuch aus Wladimir einen positiven Grundsatzbeschluß zufassen. In einer umfangreichen Vorlage zur Stadtratssitzung am 26. Oktober 1983 erläuterte er die Vorgeschichte, skizzierte die bestehenden Kontakte zwischen der Bundesrepublik und der UdSSR, beantwortete die Fragen „Was spricht für Kontakte zu einer Stadt in der UdSSR?“ und dann „Was spricht für Kontakte zur Stadt Wladimir?“ mit anschließenden Vorschlägen zum weiteren Verfahren und einem klaren positiven Beschlußvorschlag.

Fortsetzung folgt.

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Heide Mattischek, langjähriges Mitglied des Erlanger Stadtrates und Bundestagsabgeordnete, gehört zum innersten Kreis derer, die vor 30 Jahren die Städtepartnerschaft mit Wladimir begründet haben und begleitet bis heute wohlwollend kritisch den Austausch. Ihre Teilnahme an der Bürgerreise zum dreißigjährigen Jubiläum Ende Mai / Anfang Juni schlug denn auch eine Brücke zwischen Damals und Heute. Von besonderem Wert deshalb ihre Einschätzung der Partnerschaft und ihr Ausblick auf die Zukunft.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck und Siegfried Balleis in Wladimir 2013

30 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Erlangen und Wladimir – das ist eine Erfolgsgeschichte. Als 1981 der damalige Oberbürgermeister, Dr. Dietmar Hahlweg, bei einem Autorentreffen in Moskau seine Idee von einer Partnerschaft Erlangens mit einer sowjetischen Stadt äußerte, hat sich niemand auch nur ansatzweise vorstellen können, was aus dieser damals mutigen Initiative einmal werden würde. Zu dieser Zeit gab es lediglich zwei Städte in der Bundesrepublik, die Kontakte zu Städten in der Sowjetunion geknüpft hatten. Das waren Hamburg und Saarbrücken – erstere zu Leningrad (heute wieder St. Petersburg), letztere zu Tbilisi in der damaligen Sowjetrepublik Georgien.

Dietmar Hahlwegs Motivation war geprägt von der Ostpolitik Willy Brandts „Wandel durch Annäherung“. Diese Annäherung hatte sich seit dem sogenannten „Nato-Doppelbeschluß“ im Jahre 1979 wieder verschlechtert. Von daher war die Bemühung um eine Städtepartnerschaft mit einer sowjetischen Stadt der Versuch, durch „Volksdiplomatie“ zwischen Kommunen und ihren Bürgerinnen und Bürgern Kontakte zu knüpfen.

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck, 1983

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck, 1983

Die Initiative der Stadtspitze Erlangens – auch über die deutsche Botschaft in Moskau – hatte Erfolg. Es war natürlich keine Rede davon, Erlangen in der UdSSR eine Stadt aussuchen zu lassen. Die Wahl der Verantwortlichen in Moskau fiel – aus welchen Gründen auch immer – auf Wladimir. Diese Stadt am „Goldenen Ring“ war damals nur wenigen, an russischer Geschichte und Kultur Interessierten ein Begriff. So hatte 1981 eine VHS-Reisegruppe unter der Leitung von Klaus Wrobel auf einer Rundreise auch Wladimir besucht und konnte viel Positives berichten.

Nicht nur die Mitglieder der ersten offiziellen Delegation (Oberbürgermeister Dietmar Hahlweg, Stadtrat Claus Uhl, FDP, Stadträtin Heide Mattischeck, SPD, und Peter Millian von den Erlanger Nachrichten), die sich im Sommer 1983 auf den Weg nach Osten machten, waren gespannt, wie man sie in Wladimir empfangen werde. Auch für die Offiziellen dort war dieser Besuch aus der Bundesrepublik durchaus „unbekanntes Gelände“.

Heide Mattischeck mit Wera Sorina, Michail Swonarjow, Claus Uhl, Mira Woronitschewa, Dietmar Hahlweg, Jurij Fjodorow

Heide Mattischeck mit Wera Sorina, Michail Swonarjow, Claus Uhl, Mira Woronitschewa, Dietmar Hahlweg (stehend), Jurij Fjodorow und Igor Iwanow (in der Hocke) 1983

Umso größer war unsere Erleichterung über den herzlichen Empfang schon in Moskau. Die zweite Bürgermeisterin, Wera Sorina, begrüßte uns gleich nach der Landung noch im Flugzeug. Da der Autoverkehr in jener Zeit mit dem heutigen nicht vergleichbar war, erreichten die Erlanger die künftige Partnerstadt in wesentlich kürzerer Zeit. als das heute möglich ist.

Dort wurden wir von Oberbürgermeister Michail Swonarjow und zahlreichen Vertretern der Stadt und der Partei, der KPdSU, im Rathaus empfangen. Nach alter russischer Sitte überreichte man uns Brot und Salz. Natürlich waren beide Seiten etwas befangen, – aber wir hatten dennoch den Eindruck, willkommen zu sein.

Auch wenn es „nur“ um erste Kontakte zwischen zwei Städten ging, hatte dieser Besuch aus Erlangen in einer Stadt in der Sowjetunion wohl auch Bedeutung darüber hinaus. Und so hatten denn auch die Gastgeber in Wladimir alles getan, um den Besuch aus der BRD zu einem Erfolg zu machen. Man zeigte uns voller Stolz alle Sehenswürdigkeiten der Stadt, die wunderschönen Kathedralen, das Traktorenwerk, die Nachbarstadt Susdal mit ihren vielen Klöstern, Erholungseinrichtungen im Umland und vieles andere mehr. Und man verwöhnte uns nicht nur kulinarisch, sondern auch mit kulturellen Highlights wie Musik- und Tanzveranstaltungen.

Picknick

Picknick mit Michail Swonarjow, Wera Sorina, Mira Woronitschewa, Heide Mattischeck, Dietmar Hahlweg, Jurij Fjodorow und Claus Uhl, Wladimir 1983

Schon nach kurzer Zeit entstand trotz sprachlicher Probleme, die zu überwinden uns die Übersetzerin Mira Woronitschewa hervorragend geholfen hat, auch eine durchaus persönliche Sympathie. Es blieb nicht aus, auch Gespräche über den schrecklichen 2. Weltkrieg zu führen. Dem Überfall Nazi-Deutschlands auf die UdSSR im Jahr 1941 sind mehr als 20 Millionen Menschen in der Sowjetunion – Soldaten und Zivilisten – zum Opfer gefallen. Es stellte sich heraus, nicht nur die Familie von Bürgermeister Swonarjow war unmittelbar davon betroffen, sondern auch auf Seiten der Delegation war der Verlust von Angehörigen zu beklagen. Diese gemeinsame Erfahrung verband uns – ohne Schuldzuweisung.

Und so ist es für mich ein gutes Gefühl, noch heute mit Menschen, die ich damals kennengelernt habe, bis heute einen guten und treuen Kontakt zu haben: Zu Jurij Fjodorow, der damals die „rechte Hand“ von Bürgermeister Michail Swonarjow war, und zu Mira, unserer kompetenten und aufmerksamen Dolmetscherin unter nicht einfachen Bedingungen. Was 1983 nicht vorstellbar war, nämlich private Einladungen in die Familien, ist heute ein wesentlicher Bestandteil der Beziehungen zwischen unseren beiden Städten.

Peter Steger hat in einer kleinen Broschüre zum dreißigjährigen Jubiläum aufgelistet, wie sich die Partnerschaftsbeziehung zwischen Wladimir und Erlangen entwickelt hat. Entsprechend dem „Fünfjahresplan“ für Kultur-, Sport- und Jugendaustausch, der 1983 unterzeichnet worden war, lag der Schwerpunkt der Aktivitäten in den ersten Jahren in diesem Bereich. Kulturelle und sportliche Höhepunkte, die uns Wladimirer Gruppen nach Erlangen brachten, machten viele Bürgerinnen und Bürger in Erlangen neugierig auf die neue Partnerstadt. In den darauf folgenden Jahren des gewaltigen politischen Umbruchs in der Sowjetunion gab es in Erlangen eine große Welle der Hilfsbereitschaft, nicht nur von Seiten der Stadt, auch von Firmen und Organisationen und vor allem private Initiativen. Wir wären jedoch gut beraten, wenn wir mit dem Verweis darauf zurückhaltend umgehen würden.

Die Auflistung aller Aktivitäten von so unterschiedlichen Akteuren wie dem Fraunhofer Institut und der Barmherzigen Brüder in Gremsdorf, dem Kreisverband Erlangen-Höchstadt des BRK und der Veteranen ist ein beredter Beweis für die Lebendigkeit dieser Partnerschaftsbeziehung. Wenn 200 Bürgerinnen und Bürger zum Jubiläumsfest nach Wladimir anreisen, spricht das für das weiterhin große Interesse an der Beziehung zu Wladimir. Auch wenn das Programm in Wladimir vorbereitet wurde, so war es doch für Peter Steger sowie für Doris Hinderer und Silvia Klein, die ihn tatkräftig unterstützt haben, ein Kraftakt, die Erlanger Gruppe zu betreuen. Immer waren es die drei, die angesprochen wurden, wenn Hilfe gefragt war. Die sprichwörtliche russische Gastfreundschaft war in unserem Hotel leider nur eingeschränkt zu spüren.

Mir ist erneut deutlich geworden, wie wichtig es ist, für solche Großveranstaltungen mit der Unterstützung der vielen Vereine, Organisationen und Initiativen rechnen zu können. Dieses zivilgesellschaftliche Engagement ist in der Russischen Föderation (noch) nicht sehr stark ausgeprägt. Wie notwendig die Unterstützung von derartigen Initiativen ist, wird am Beispiel des Roten Kreuzes in Wladimir deutlich. Eine lebendige Demokratie braucht Parteien und Gewerkschaften, aber auch Bürgerinnen und Bürger, die sich darüber hinaus für das Gemeinwohl engagieren, sich für soziale Einrichtungen, für die Umwelt und für Menschenrechte einsetzen.

Es wäre schön gewesen, wenn wir während des Partnerschaftsjubiläums mit dem Oberbürgermeister und gewählten Stadtvertretern  darüber hätten sprechen können. Dazu gab es leider keine Gelegenheit. Wohl gab es Treffen der beiden Oberbürgermeister, aber ein Gespräch der offiziellen Delegation aus Erlangen mit verantwortlichen Stadtvertretern war nicht vorgesehen. Gegenstand des Gesprächs hätten die positive Bilanz der 30 Jahre sein können, aber auch die Schwerpunkte der Zusammenarbeit in den kommenden 10 Jahren.

Auch  im Rahmen einer Städtepartnerschaft sollte ein Austausch von unterschiedlichen politischen Meinungen möglich sein. Das im vergangenen Jahr in Moskau beschlossene sogenannte „Agentengesetz“, mit dem die Unterstützung kritischer Initiativen aus dem Ausland verboten wurde, hat doch wohl auch in Wladimir Konsequenzen. Mich hätte die Meinung der Wladimirer dazu interessiert  – und ob das Gesetz dort direkte Auswirkungen hat. Unter Freunden sollte man auch kontroverse Sachverhalte besprechen können. Wenn zum Beispiel ein Mitglied von Amnesty International Erlangen kein Einreisevisum mehr bekommt. Ganz sicher keine Entscheidung, die in Wladimir gefällt wurde.

Ich habe keine Sorge: Die Partnerschaft wird weiter blühen und gedeihen und, wo möglich und nötig, noch vertieft werden. Dazu beitragen kann meines Erachtens ein verstärkter Schüleraustausch, so schwierig das auch immer sein mag.

Silvia Klein und Doris Hinderer in Wladimir

Silvia Klein und Doris Hinderer in Wladimir

Ich will an dieser Stelle noch einmal Peter Steger danken, der zusammen mit Doris Hinderer und Silvia Klein bei der Vorbereitung und der Durchführung dieses Großereignisses wieder alles gegeben hat.

Heide Mattischeck

Zwei Anmerkungen seien gestattet: Die Diskussion mit Stadträten wird baldmöglichst nachgeholt. Wladimirs Oberbürgermeister Sergej Sacharow hat bereits angekündigt, eine kleine Delegation der gewählten Volksvertreter nach Erlangen zu entsenden. Der Fall der Einreiseverweigerung, tatsächlich nicht von Wladimir zu verantworten, ist nach wie vor Gegenstand diplomatischer Verhandlungen auf Ebene der deutschen Botschaft in Moskau.

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Heide Mattischeck ist gewiß keine Quotenfrau. Lange vor Erfindung dieser Fördermaßnahme für das schöne Geschlecht hat sie sich ihren Platz in der Politik mit Kompetenz, Fleiß und Bürgernähe erobert und bestimmte als SPD-Stadträtin von 1972 bis 1991 maßgeblich die Geschicke Erlangens mit, bis sie dann von 1990 bis 2002 sogar als Bundestagsabgeordnete ihren fränkischen Wahlkreis in Bonn und Berlin vertrat. Neben all den vielen kommunal- und innenpolitischen Fragen, die Heide Mattischeck beschäftigten, trieb sie ein Thema besonders um: die Aussöhnung mit dem Osten nach einem Krieg, unter dem gerade ihre eigene Familie, die den Vater verlor und dann auch noch vertrieben wurde, so schlimm zu leiden hatte.

Heide Mattischeck

Heide Mattischeck

Als der damalige Oberbürgermeister, Dietmar Hahlweg, so erinnert sie sich, Anfang Juni 1881 gemeinsam mit den Schriftstellern Inge Meidinger-Geise und Wolf Peter Schnetz in Moskau wegen einer Partnerschaft zu einer sowjetischen Stadt vorfühlte, gehörte die UdSSR noch zum „feindlichsten Ausland“. Die ersten Bemühungen zur Verständigung, angeregt von der Ostpolitik mit ihrem Motto „Wandel durch Annäherung“, fanden in einem gar nicht so wohlwollenden Umfeld statt. Die Konservativen, wie die passionierte, nun aber schon pensionierte Volksvertreterin rückschauend ohne Vorwurf urteilt, waren zunächst strikt gegen die Absichten der Sozialdemokraten. Die ersten Schritte hatten also etwas Gewagtes an sich. Schwieriges Terrain für ein Stadtoberhaupt, das immer auf Ausgleich bedacht und gerade bei den internationalen Beziehungen darauf aus war, Einmütigkeit über alle politischen Lagergrenzen hinweg zu erzielen. Kaum möglich, sollte man meinen, wenn die CSU fast geschlossen gegen die Operation Wladimir stand und wegen des dortigen Zentralgefängnisses, in dem bis 1981 auch Dissidenten einsaßen, dafür auch öffentlichen Beifall erhielt. Bis schließlich doch ein CSU-Stadtrat aus der Phalanx ausbrach und seine Parteifreunde davon überzeugte, daß es möglich wäre, eine Bürgerpartnerschaft mit Wladimir zu beginnen. Doch wir eilen voraus und nehmen vorweg, was hier ein andermal Anlaß zum Rückblick geben soll.

Iwanow und Heide Mattischeck

Igor Iwanow, Vorsitzender des Stadtrates Wladimir, und Heide Mattischeck

Man schrieb das Jahr 1983, Sommer, als Dietmar Hahlweg mit den beiden Stadträten Heide Mattischeck und Claus Uhl, FDP, begleitet vom Journalisten Peter Millian, Erlanger Nachrichten, das noch gänzlich unbekannte Gelände 200 km nordöstlich von Moskau erkundete. „Ein Glück“, so Heide Mattischeck, „daß wir Peter Millian dabei hatten – er besetzte den der CSU zustehenden, von ihr aber nicht genutzten Platz in der Delegation -, der dem Unterfangen ebenso aufgeschlossen wie kritisch gegenüberstand, wußten wir doch gar nicht so recht, wie das wohl alles gehen würde. Ohne die spätere Berichterstattung in den EN hätten wir die Kontakte nie so schnell in der Bürgerschaft verankern können.“ Man hatte sich wohl vorbereitet, wußte, daß man mit der Aufnahme von Verbindungen zur UdSSR bundesweit zu den ersten zehn Kommunen gehörte, in Bayern sogar bis dato die einzige Stadt mit derlei Ambitionen war. Aber wer konnte schon vorhersagen, ob man sich menschlich verstehen und einander näherkommen würde? Schließlich hatten weder Wladimir noch Erlangen die Wahl füreinander getroffen, sondern die Gesellschaft für Völkerfreundschaft in Moskau hatte sich als Schmuser eingeschaltet und dem Brautwerber Dietmar Hahlweg die Herzdame des Goldenen Rings zur Vermählung präsentiert.

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

MIra Woronitschewa, Peter Millian und Dietmar Hahlweg

Und dann der Beweis dafür, daß auch arrangierte Ehen das Zeug zum Glücklichwerden haben können: „Wir hatten von Beginn an das Gefühl, gerngesehene Gäste zu sein. Natürlich war zu der Zeit der Kommunismus noch dogmatisch und wurde recht strikt ausgelegt.“ Überraschend für Heide Mattischeck auch, wie sehr das ideologische Korsett mit traditionellen Mustern durchsetzt war und aufgelockert daherkam. Überall konnte man den Stolz auf die eigene Kultur und das russische Brauchtum spüren, etwa wenn man den Gästen Brot und Salz reichte. Und dann überhaupt die großartigen Vorführungen auf den Bühnen, gar nicht vergleichbar mit unserer Amateurkultur und nur erklärlich durch die Kombinate mit ihren eigenen Budgets für Kultur und Sport.

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Gruppenbild der neuen Partner und Freunde mit Peter Millian am Auslöser

Natürlich konnte man sich damals noch nicht frei bewegen, schon gar nicht als Mitglied einer offiziellen Delegation. Man wurde förmlich mit Gastfreundschaft und Betreuung „ummantelt“. Gerne hätte Heide Mattischeck einmal auf eigene Faust in einem Laden einen Samowar gekauft. Doch kaum hatte sie den Wunsch geäußert, als sie anderntags im Hotel schon eine ganze Auswahl verschiedener Geräte aufgestellt vorfand. Vielleicht wollte man aber auch einfach der Besucherin die triste Leere eines sozialistischen Kaufhauses vorenthalten. Daneben die bis heute so lebendige Erinnerung daran, wie nah man sich persönlich kam, wie offen die Gespräche verliefen. Wenn es denn überhaupt zwischen Gastgebern und Gästen noch emotionales Eis zu brechen gab, dann war das spätestens zu dem Zeitpunkt gelungen, als Heide Mattischeck und Michail Swonarjow, der mittlerweile verstorbene Oberbürgermeister von Wladimir, während einer Rauchpause im Park eines Gewerkschaftserholungsheims auf ihre Väter zu sprechen kamen, die sie beide noch als kleine Kinder im gleichen Jahr auf der Krim verloren hatten. „Berührend war das“, erinnert sich Heide Mattischeck und ergänzt: „Er hätte ja gar nichts davon erzählen müssen.“ Es sind wohl vor allem solche unscheinbaren Begebenheiten am Rande der großen politischen Erklärungen – so wichtig sie zweifellos waren und bleiben -, die den Kitt für eine Freundschaft zwischen den Städten und Menschen abgeben, der bis heute nicht bröckelt.

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

MIchail Swonarjow und Dietmar Hahlweg

Trotzdem: Eine fremde Welt war das schon. Bei der Abholung am Flughafen ging es durch die VIP-Schleuse. Bis nach Wladimir fuhr man in zwei Limousinen, für die auf der ganzen Strecke der Weg freigehalten wurde, was die Gäste erst später bemerkten. Und in Wladimir selbst konnten sich die Besucher aus dem bereits verkehrsberuhigten Erlangen nicht daran gewöhnen, mit welchem Tempo sie durch die Stadt chauffiert wurden. Die Fußgänger spritzten regelrecht zur Seite. Einmal versuchte Dietmar Hahlweg über die Dolmetscherin Mira Woronitschewa an seinen Kollegen die Botschaft vom rücksichtsvollen Fahren heranzubringen, doch für den Gastgeber war das kein Thema, bei dem er sich aufgehalten hätte… Befremdlich auch, in den Restaurants immer alles verhangen vorzufinden, regelrecht abgeschirmt von anderen Gästen. Dabei bogen sich die Tische immer unter den Speisen – darunter fast schon peinlich viel Kaviar – und Getränken, wobei Heide Mattischeck sich von Wera Sorina, der stellvertretenden Bürgermeisterin, gern vor zu viel Wodka schützen ließ.

Picknick auf Russisch

Picknick auf Russisch

Auf der Rückreise legte die Gruppe noch bei Dirk Sager, dem ZDF-Reporter vom Studio Moskau, in der Hauptstadt einen Halt ein und verbrachten einen langen Abend bei ihm in der Wohnung. Der erfahrene Korrespondent ermutigte die Gäste, auf dem Weg der Partnerschaft voranzuschreiten, doch weder Heide Mattischeck noch Claus Uhl hätten sich wohl vorstellen können, noch im gleichen Jahr erneut nach Wladimir zu reisen. Und das kam so: Im Zuge der Diskussion um den Nachrüstungsbeschluß – den sowjetischen SS-20-Rakten sollten amerikanische Pershings Paroli bieten – verschlechterte sich das Klima zwischen den Blöcken zusehends, die Diskussionen nahmen an Schärfe zu, es ging hart auf hart. Da erhielt Heide Mattischeck im Herbst 1983 von Claus Uhl eines Abends einen Anruf aus einem Restaurant in der Goethestraße in etwa folgenden Inhalts: „Weißt Du schon, daß wir, Klaus Springen und ich, heuer noch nach Wladimir fahren wollen? Willst Du nicht mitkommen?“ Wie sollte die Friedenskämpferin so ein Angebot ablehnen?!

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Heide Mattischeck und Dietmar Hahlweg in der Kljasma

Anfang Dezember ging es los. Die beiden Stadträte – ohne politischen Auftrag -, begleitet von Klaus Springen, dem viel zu früh verstorbenen damaligen stellvertretenden Chefredakteur der Erlanger Nachrichten und späteren Leiter des Ressorts Kultur, fuhren in jeder Hinsicht auf eigene Rechnung nach Wladimir, um den russischen Freunden zu erklären, daß sie für den Frieden und gegen die Nachrüstung seien. Heide Mattischeck erinnert sich: „Die Wladimirer haben das volle Programm gemacht und uns durch Fabriken geschleppt, wo wir unsere Meinung kundtaten. Natürlich haben die Gastgeber das ideologisch genutzt, aber unser Anliegen war es, in Wladimir klarzumachen, daß wir die Partnerschaft wollten und uns die politische Großwetterlage nicht würde entmutigen können.“ Heftige Kritik setzte es damals für den Alleingang der drei Friedensbotschafter im eigenen Auftrag seitens der CSU, aber Heide Mattischeck findet auch im Rückblick, damals richtig gehandelt zu haben. „Geschadet hat es bestimmt niemandem.“ Der Nachrüstungsbeschluß wurde zwar umgesetzt, doch die Partnerschaft mit Wladimir – nach einer Verlobungsphase bis 1987 – ebenfalls.

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Claus Uhl und Jurij Fjodorow

Heide Mattischeck bleibt Wladimir bis heute eng verbunden. 1993 war sie beim Fränkischen Fest dabei, dann 2003 bei der 20-Jahr-Feier und 2005 zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, wo sie gemeinsam mit Veteranen aus beiden Städten Bäume gepflanzt hat. Nächstes Jahr will sie – wieder auf eigene Faust – mit einer kleinen Gruppe mit dem Zug nach Wladimir… Und schließlich ist da noch Percy Gurwitz, der sich mit Hilfe der Genossin aus Erlangen seinen Traum vom deutschen Paß erfüllen konnte. In Anspielung an ein altes Kirchenlied könnte man deshalb getrost sagen: Was sie tat, das war wohlgetan.

Und doch: Bedenkenträger brachten die Reise bis vor den Regierungsbezirk Mittelfranken, der über die Rechtmäßigkeit des Unterfangens richten sollte, in der lokalen wie überregionalen Presse – das Internet gab es damals ja noch nicht – gifteten Eiferer gegen die „nützlichen Idioten der Kommunisten“, sogar in der Deutschen Welle schlug der außenpolitische Casus hohe Wogen. Die Gemüter haben sich aber mit den ersten Beweisen für einen Austausch von Mensch zu Mensch rasch wieder beruhigt, und spätestens ab 1986 verstummte in der Erlanger Kommunalpolitik auch noch die letzte Stimme gegen die Zusammenarbeit mit Wladimir. So war die Schlagzeile „In Wladimir für den Frieden“ in der Weihnachtsausgabe 1983 der Erlanger Nachrichten nicht nur für das Fest ausgelegt, sie brachte jenes pragmatisch-programmatische Leitbild zum Ausdruck, das noch heute Gültigkeit besitzt, damals aber persönlichen Mut und politischen Weitblick forderte.

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Michail Swonarjow, Heide Mattischeck und Klaus Springen

Überlassen wir das letzte Wort Klaus Springen, der seinen Artikel wie folgt abschließt: „Wünsche vieler Erlanger Bürger konnte die Gruppe mit nach Wladimir nehmen, von Menschen, die bereit sind, den Dialog über den Frieden jenseits politischer Gesellschaftssysteme und Kalküle der Regierenden zu führen. Vielleicht war die Reise auch ein Exempel für die, die in ihrem Kämmerlein ihre Vorurteile pflegen. Man muß etwas für den Frieden tun – zum Beispiel nach Wladimir fahren!“

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