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Posts Tagged ‘Peter Kitzmann’


Nicht nur für viele Erlanger, gleich ob alteingesessen oder zugezogen, bedeutete die Privatbrauerei Kitzmann einen Teil der Identität ihrer Heimat. Bier und Erlangen: eine jahrhundertealte Tradition – und nun mit Peter Kitzmann die letzte Generation. Was das bedeutet, wird man wohl erst mit einiger Zeit Abstand so richtig begreifen.

Dietmar Hahlweg, Gennadij Adrijanow, Igor Schamow und Richard Heindl beim Fränkischen Fest, gesehen von Wladimir Filimonow

Für Wladimir stand Kitzmann stellvertretend für die Qualität des fränkischen, des bayerischen, des deutschen Biers. Nicht mehr und nicht weniger. Viele kamen überhaupt erst dank Kitzmann auf den Geschmack, denn das Brauen gehörte nicht eben zu den Stärken der sowjetischen Getränkeindustrie. Und so waren denn auch die zehntausend Liter Kitzmann-Bier, die im September 1993 zum Fränkischen Fest in Wladimir kostenlos ausgeschenkt wurden, eine Probe, die im kollektiven Gedächtnis der Partnerstadt fortlebt.

Partnerschaftskrug Wladimir

Natürlich gab es auch Versuche, das Bier aus Erlangen nach Wladimir zu exportieren. Doch Zoll und Transportkosten standen dem entgegen, wohl auch der ökologisch zu begrüßende Umstand, daß Kitzmann sein Bier einzig im Mehrwegsystem, also abgefüllt in Flaschen und Fässern, abgab, was die Fuhren doppelt teuer gemacht hätte.

Sportlehrergruppe aus Wladimir bei Kitzmann

Aber immerhin holte sich Alexander Juswik, ein Jungunternehmer aus Wladimir, das Rüstzeug bei Kitzmann, um sein eigenes Bier vor Ort zu brauen. Und natürlich besuchten fast alle Delegationen und Gruppen Gaststätten und Keller, wo der Gerstensaft nach Erlanger Rezeptur ausgeschenkt wurde, manche baten – immer wohlgelitten – gar um eine Führung durch die Brauerei, vom Sudhaus bis zur Abfüllanlage.

Jochen Buchelt, Florian Janik, Olga Dejewa, Petra „Willy“ Paulsen und Peter Kitzmann

Erst vor zweieinhalb Jahren beging man auch im Hause Kitzmann die 500 Jahre Reinheitsgebot, und Bürgermeisterin, Olga Dejewa, nahm natürlich an den Festivitäten teil und trank auf das Wohl von Peter Kitzmann, der nun nach drei Jahrhunderten seinen Betrieb verkaufen mußte. Ja, auch die Kulmbacher werden dann in Erlangen weiterhin Bier brauen. Aber es ist dann eben kein Kitzmann-Bier mehr. Schade, jammerschade! Und ein großer Dank an Peter Kitzmann für alles, was er Wladimir Gutes getan. Es bleibt unvergessen – wie die süß-bittere Erinnerung an den ersten Schluck Bier.

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„Von Bier verstehe ich, offen gesagt, nicht viel“, bekennt Olga Dejewa beim gestrigen Tag des Bieres zum 500. Jubiläum des Reinheitsgebots auf dem Schloßplatz. Weder Sorte noch Geschmacksrichtung habe sie bisher für sich entdeckt. Reichlich ehrlich an so einem Festtag der Bierseligkeit, an dem es dann doch nicht lange dauert, bis Wladimirs Oberbürgermeisterin dann, verführt durch die Verkostung des Königinnensuds in der Privatbrauerei Kitzmann, das Radler zu ihrem neuen Lieblingsgetränk erklärt. Ein guter Anfang immerhin, eine gute Mischung. Es muß ja nicht immer das reine Bier sein.

Jochen Buchelt, Florian Janik, Olga Dejewa und Peter Kitzmann

Jochen Buchelt, Florian Janik, Olga Dejewa, Petra „Willy“ Paulsen und Peter Kitzmann

Obwohl: Von ihrem Kollegen, Florian Janik, erfährt sie dann schon, wie eng in Erlangen Gegenwart und Geschichte mit der Tradition des Brauens verbunden seien, und wie man hier bei einem Oberbürgermeister die maßvolle Liebe zum Bier schon fast als naturgegeben voraussetze.

Klaus Karl Kraus in Personalunion als Herzog Wilhelm IV und Ludwig X mit Olga Dejewa

Klaus Karl Kraus in Personalunion als Herzog Wilhelm IV und Ludwig X mit Olga Dejewa

Ein für Olga Dejewa ebenso unerwarteter wie erfreulicher Nebeneffekt des Festes: Ihr begegnen auf Schritt und Tritt Menschen, die alle schon in Wladimir waren und Verbindungen dorthin pflegen. Sei es Heidi Binder, die mit der Partnerstadt den Austausch der Waldorfschulen aufgebaut hat, sei es ihr Mann, Jürgen Binder, der für das nächste Jahr wieder eine Ärztedelegation nach Wladimir begleiten will.

Jürgen Binder, Olga Dejewa und Heidi Binder

Jürgen Binder, Olga Dejewa und Heidi Binder

Sei es Peter Kitzmann, der sich seit dem Fränkischen Fest 1993 in Wladimir, wo er 10.000 l Freibier ausschenkte, eng mit der Partnerstadt verbunden weiß und immer gern Gäste von dort empfängt.

Gruppenbild mit Königinnensud

Gruppenbild mit Königinnensud

Sei es Stephan Bergler, dessen Unternehmen, „Klostermalz“ in Frauenaurach, erst vor kurzem wieder eine ganze Lkw-Ladung seines geschätzten Rohstoff an die Brauerei Jusberg bei Wladimir liefern konnte, die er selbst im Mai vergangenen Jahres besucht hatte.

Florian Janik, Stephan Bergler und Olga Dejewa

Florian Janik, Stephan Bergler und Olga Dejewa

Oder sei es die amtierende Bierkönigin Mia I, die vor zwei Jahren als Schülerin des Christian-Ernst-Gymnasiums mit dem Mädchenchor unter Leitung von Joachim Adamczewski in Wladimir aufgetreten ist. „Eine Zeit, an die ich immer gern zurückdenken werde“, ist sich die heutige Studentin der Theater- und Medienwissenschaften sicher.

Bierkönigin Mia I, Olga Dejewa und Bierkönigin Jasmin I

Bierkönigin Mia I, Olga Dejewa und Bierkönigin Jasmin I

Und Olga Dejewa: „Es ist das eine, bei einer Veranstaltung in der Volkshochschule auf Menschen zu treffen, die sich aktiv in der Partnerschaft betätigen, eine großartige Erfahrung für mich. Aber dann innerhalb einer Stunde auf engstem Raum so vielen Leute zu begegnen, die mit uns schon verbunden sind, das ist wirklich erstaunlich, das ist ein Schatz, den wir bewahren und weiter ausbauen müssen.“

Irina Chasowa, Olga Dejewa, Melitta Schön und Peter Steger

Irina Chasowa, Olga Dejewa, Melitta Schön und Peter Steger

Eine Überzeugung, besonders auch von Melitta Schön geteilt, die sich nun als Vorsitzende des „Fördervereins Rotes Kreuz“ darauf freut, mit Olga Dejewa in der neuen Funktion als Oberbürgermeisterin die humanitäre Zusammenarbeit weiter intensivieren zu können. Wieder einmal gute Nachrichten für die Partnerschaft – und eine gute Mischung für deren Zukunft.

 

 

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Vor eineinhalb Jahren war Alexander Juswik das letzte Mal in Erlangen. Seither hat sich viel getan, wovon heute ein wenig die Rede sein soll. Was damals, im Februar 2010, noch ein gewagter Plan schien, von dem nicht einmal der Blog zu berichten wagte, ist heute bereits so weit gediehen, daß man von einem Wladimirer Wirtschaftswunder sprechen kann.

Alexander Juswik, Peter Kitzmann, Natalia Machnjowa, Ilja Golubowskij

Der Jurist hatte als Jungunternehmer Ende der 90er Jahre aus dem Stand und mit Unterstützung aus Erlangen eine gewaltige Busflotte aufgebaut, von der er sich vor zwei Jahren trennte, um das Fach zu wechseln und unter die Brauer zu gehen. Gründlich und risikobereit, wie Alexander Juswik ist, setzte er sich seither nicht nur theoretisch intensiv mit dem Bereich auseinander, sondern ließ auch rasch Taten folgen. Wenn diese zum Erfolg führen – und es gibt keinen Grund, daran zu zweifeln -, wird schon im Frühsommer nächsten Jahres eine Brauerei in Tschirikowo, einem bisher unscheinbaren Dorf im Kreis Susdal, ca. 30 km von Wladimir entfernt, eröffnet, wo so gut wie alles Gute – von der Technik bis zu Hopfen und Malz – aus Bayern kommt. Sogar einen Braumeister aus Passau hat man angeworben. Nur das Wasser wird aus eigenen fünf Quellen gewonnen, für die Aufbereitung freilich sorgt eine Ionentauscheranlage wiederum aus Deutschland. Nichts überläßt Alexander Juswik dem Zufall, um im Premiumsegment des russischen Biermarkts den fünf großen ausländischen Konzernen die Stirn zu bieten, die zu 80% die Regale in den Supermärkten füllen und die Gastronomie beliefern. Teils mit aufgekauften lokalen Sorten im Billigbereich, wo man vom Reinheitsgebot nicht viel wissen will, teils mit teuerer Importware. Dabei ist auf dem russischen Biermarkt noch viel nach oben hin offen: Gerade einmal knappe 70 Liter werden pro Kopf und Jahr getrunken. Die neue Brauerei mit einem ausbaufähigen Jahresausstoß von zunächst 50.000 Hektolitern will da ganz neue Wege gehen. Zum einen sollen zwei eigene Sorten angeboten werden, gebraut nach dem Reinheitsgebot, und zum andern will man Bier importieren. Natürlich nur das beste. Und das kommt aus Erlangen, der einstigen Bierhauptstadt Deutschlands: Eine Blindverkostung unter russischen Kennern des Gerstensaftes, so Alexander Juswik, habe nämlich ergeben, daß Kitzmann-Bier besser sei als alle anderen getesteten Marken. Ein gewichtiges Argument, Möglichkeiten einer Belieferung durch die Erlanger Privatbrauerei zu besprechen. In Milwaukee soll es ja noch heute genügen, ein „Erlanger“ zu bestellen, um ein gutes Bier gezapft zu bekommen. Wer weiß, vielleicht bringt die Bedienung dem durstigen Gast in einem Wladimirer Lokal schon bald auf dessen Wink hin ein „Kitzmann“. Prosit!

Mehr zu Alexander Juswik, der, von der Brauereimesse in Nürnberg kommend, gestern mit seinem Vertriebsleiter Ilja Golubowskij und der Dolmetscherin Natalia Machnjowa Erlangen besucht hat, unter: http://is.gd/zikkjh.

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Partnerschaftskrug

Seit gestern ist er offiziell im Handel, der mittlerweile vierte Partnerschaftskrug, Wladimir gewidmet. Es ist eine schöne Tradition der Privatbrauerei Kitzmann, die internationalen Kontakte die Runde machen zu lassen, sie buchstäblich von Mund zu Mund zu reichen, ihnen bleibende Form mit immer wieder neuem süffigen Inhalt zu verleihen. Gelungene Sammlerstücke für Kenner und Genießer sind diese Halblitertrinkgefäße, veritable Artefakte mit magischer Kraft für Adepten wie Meister der so vielgestaltigen Welt der Partnerschaftssouvenirs. Nur zum Brunnen sollte man mit dem guten Stück nicht so oft gehen, bis er bricht, denn die Auflage ist limitiert, wie sich das für Objekte mit Anspruch auf Originalität gehört. Nur ganze 400 Exemplare – mit und ohne Deckel – kommen in Umlauf.

Der gedeckte Tisch

Vorausgegangen sind Wladimir in dieser originellen Serie der Völkerfreundschaft bereits in chronologischer Abfolge Eskilstuna, Rennes und Jena. Die Privatbrauerei Kitzmann hält sich dabei strikt an das jeweilige Datum des offiziellen Abschlusses der Städtepartnerschaft. Bei Wladimir ist das so eine Sache, denn da rechnet man im Rathaus etwas großzügiger und setzt den Beginn der Jumelage schon mit dem Jahr 1983 an – daher auch 2008 die Feier des 25jährigen Jubiläums -, als der Austausch mit einer fünfjährigen „Verlobungsphase“ begann. Tatsächlich ist die Partnerschaftsurkunde aber erst 1987 während der Wladimirer Kultur- und Sporttage unterzeichnet worden. Geschenkt. Hauptsache, es ist eine Ehe daraus geworden, die bis heute hält und geglückt genannt werden darf, wovon der Blog ja immer wieder kündet.

Patrick Siegler, Peter Steger, Familie Schweichler

Patrick Siegler, Geschäftsführer der Werbeagentur 1601 GmbH, Betreiber des Portals www.berch.info und Spiritus rector der Bierkrugaktion, hätte es nicht besser treffen können. Schon am Morgen des gestrigen Pfingstsonntags hatte er getwittert: „Petrus muß ein Franke sein!“ Auch wenn Wald und Flur nach Monaten der Trockenheit einen kräftigen Wolkenguß bestens vertragen könnten, für die Präsentation der Wladimir-Krüge hätte das Wetter besser nicht sein können. Zarenwetter – und das auch noch am Russischen Nationalfeiertag. Das muß man Patrick Siegler erst einmal nachmachen, der Wladimir übrigens schon im Rahmen des Schüleraustausches der Wirtschaftsschule und später als Vorsitzender der Wirtschaftsjunioren kennengelernt hat. Da darf man ein geschicktes Händchen für alles Russische fast voraussetzen.

Hoch die Krüge mit Patrick Siegler, Lutz Posse, Peter Steger, Siegfried und Angelika Balleis, Wolfram Howein

Berufen zu kommen waren viele, gekommen sind dann doch auch einige zur spätmorgendlichen Stunde. Unabkömmlich war leider die Bierkönigin – man sollte vielleicht einmal darüber nachdenken, ob man ihr nicht einen Kronprinzen zur Seite stellt oder eine jüngere Schwester, um die mangelnde Befähigung zur Bilokation auszugleichen -, ebenso der Patron der Veranstaltung, Peter Kitzmann. In seinen Bergkalender fest eingetragen aber hatte den Termin Erlangens Oberbürgermeister Siegfried Balleis und bewies in Begleitung seiner wie immer fesch-charmanten Gattin Angelika seine unverbrüchliche Verbundenheit mit den Partnerschaften. Richtig schön! Gekommen waren aber auch Mitglieder des Freundeskreises Wladimir und Chefredakteur Peter Millian mit seinem Photographen Berd Böhner von den Erlanger Nachrichten, so daß wir uns auf einen kleinen bebilderten Rückblick auf die Präsentation in der morgigen Ausgabe freuen dürfen. Nicht dabei war übrigens – obwohl er gerne gekommen wäre – Sergej Sacharow, der neue Oberbürgermeister der Partnerstadt, bekannt für seine Leidenschaft für Bierkrüge. Doch er wird wohl nicht lange warten müssen, bis er das kostbare Trinkgefäß in Händen hält. Die nächste offizielle Delegation nach Wladimir rüstet sich nämlich schon für die Reise.

Noch ein Wort des Dankes ist zu sagen an Ljubow Weber und Elena Schweichler, die für die köstlich-herzhaften russischen Happen – Piroggen und „buterbrody“ – sorgten, sowie an Nadja Steger, die alles vortrefflich fürs Auge ins Szene setze und die Photos machte. Nachzutragen ist auch, daß die Partnerschaftskrüge nur am Kitzmannstand während der Bergkirchweih erhältlich sind, später exklusiv im www.berchshop.de zum „Preis einer Maß“.

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Würden sie nicht am gleichen Tag Geburtstag feiern, zugegeben, sie würden nicht als Zweispänner in die Arena des Blogs einziehen. Und doch verbindet sie viel mehr als dieser äußere Zufall, auch wenn sie einander gar nicht kennen.

Beginnen wir mit der jüngeren Tatjana Koltunowa, einer Frau, die mit gelassener Grandezza selbst unausgesprochene Fragen nach ihrem Alter ewig jugendlich unbekümmert und doch ein wenig wehmütig frei nach Oscar Wilde etwa so beantworten würde: „Die Kommödie des Alters beruht nicht darin, daß man alt ist, sondern daß man jung ist.“ In ihren wirklich noch jungen Jahren, Mitte der 80er, kam Tatjana Koltunowa als Gastlektorin von Moskau nach Bamberg, um die dortige Slawistik zu stärken und den versprengten Studenten – noch vor der Perestrojka – Mut zur russischen Sprache zu machen und ihnen die Liebe zur russischen Literatur einzuimpfen. Auch wenn ihr Vertrag viel zu früh wieder abgelaufen ist, hat ihr Serum gewirkt und immun gemacht gegen jede Nachlässigkeit in puncto Kultur der Sprache. Wer ihre Schule durchlaufen durfte, hat einen Maßstab für das Russische und die Literatur mitgenommen, den er nicht mehr aus der Hand legen möchte.

Naina Akimowa, Tatjana Koltunowa, Nadja Jewrassowa, Alewtina Alijewa, 2003 in Wladimir

Naina Akimowa, Tatjana Koltunowa, Nadja Jewrassowa, Alewtina Alijewa, 2003 in Wladimir

Tatjana Koltunowas Fach ist aber auch die barocke Lebensfreude, eine ansteckende Lust, sich mitzuteilen, ihr Leben mit anderen zu teilen. Wer da teilhaben darf, erlebt menschliche Größe, erlebt das, was in Deutschland oft hilflos staunend als die „russische Seele“ bezeichnet wird. Wenn es dieses Fluidum tatsächlich gibt, dann hat es Tatjana Koltunowa – und zwar im Übermaß. Das kommt natürlich auch der Städtepartnerschaft zugute. Die Deutsch-Dozentin an der Lomonosow-Universität ist längst zum hauptstädtischen Außenposten der Jumelage geworden. Wann immer Erlanger auch Moskau besuchen, ist Tatjana Koltunowa zur Stelle oder schickt Studenten zu Führungen mit dem Charme des Persönlichen, des Vertrauten in der Millionenmetropole. Aber auch in Wladimir selbst kennt und schätzt man die Moskowiterin mit dem geschickten Händchen für Organisationsfragen, wenn es um die Betreuung von Gästen etwa beim Partnerschaftsjubiläum 2003 geht. Längst hat sie auch Freunde in Erlangen gefunden: Familie Dörfler, Familie Kitzmann… Einmal im Jahr reist sie mindestens dienstlich nach Salzburg und Göttingen an die dortigen Universitäten, die mit Moskau Kooperationsabkommen haben, und der Weg führt dann natürlich über das ihr so liebgewordene Erlangen und in ihr Bamberg, ihre erste Liebe unter den deutschen Städten, dem sie die Treue hält. Es denken heute viele Menschen an sie, die ihr viel verdanken – und wünschen ihr alles Glück dieser Erde.

Fahren wir fort mit dem älteren im Zweispänner, mit Wolf Peter Schnetz, der heute seinen 70. Geburtstag feiert. Wenn Friedrich Nietzsche recht hat, ist der Dichter Wolf Peter Schnetz ein „Seher“, der „uns etwas von dem Möglichen erzählt“. Am Anfang war das Wort. Das gilt auch für die Städtepartnerschaft Erlangen – Wladimir, der erst die Dichter das Leben eingehaucht haben. Zu pathetisch? Dann hören wir doch einmal in das Vorwort zu dem Bändchen „Birken, Wermutsträucher, Malachit“ aus dem Jahr 1987 hinein:

Es begann mit einem überraschenden Telegramm. Angesagt hatte sich eine Delegation von Schriftstellern aus der UdSSR kurz und bündig mit dem Satz: „Ankunft am … um…“ Das war 1978. Der Anlaß: eine Tagung der „Europäischen Autorenvereinigung Die KOGGE“, deren Vorsitzende in fröhlichem Optimismus, fern aller Formalitäten, zu einem Besuch des Jahrestreffens im Herbst 1978 nach Minden eingeladen hatte. Ein jahrelanges Bemühen um einen Künstleraustausch mit Kollegen aus der UdSSR war damit zu einem Zeitpunkt erfolgreich verwirklicht, als die Hoffnung schon beinahe zu Grabe getragen war.  (…) Die Delegation traf ein, wenn auch mit einem anderen Zug als angekündigt. Die von dem plötzlichen Zeitdruck überraschte KOGGE-Vorsitzende, Inge Meidinger-Geise, wandte sich hilfesuchend an ihre Heimatstadt Erlangen zur Unterstützung, um ein Anschlußprogramm zu ermöglichen. Erlangen, bekannt durch den Slogan „offen aus Tradition“, stimmte zu. Besucher der rasch improvisierten Veranstaltungen waren verblüfft von der reichen Welt der Literatur, die sich ihnen aufschloß. Ein Gegenbesuch wurde vereinbart.

Die Delegationen wuchsen und erhielten politisches Gewicht. 1981 taten sich der Landesverband der Deutschen Schriftsteller in der IG Druck und Papier, die KOGGE, die Stadt Erlangen und die Bayerische Gesellschaft zur Förderung der Beziehungen zwischen der BRD und der UdSSR mit ihren jeweiligen Repräsentanten zu einer größeren Gruppe auf einer Reise nach Moskau zusammen. In einer Gesprächsrunde mit der Sowjetischen Gesellschaft für Städtebeziehungen wurde in einem weißgemauerten Palais in Moskau erstmals über den Gedanken einer Städtefreundschaft gesprochen. Völlig ungewiß blieb, ob dafür offene Ohren gefunden würden, und wer die Partner sein könnten. Vorbereitet wurde zunächst eine Veranstaltungsreihe „Krieg und Frieden in der Literatur“, die im gleichen Jahr, 1981, in Erlangen unter Anteilnahme eines nicht nur neugierigen, sondern erstaunlich aufgeschlossenen Publikums zustande kam. Als die Schreckensbilder des Krieges wieder heraufbeschworen wurden, schossen dem versierten Redner, Prof. Karl-Heinz Ruffmann, Tränen in die Augen, mitten in seiner vehementen, vor Rüstungswahn warnenden Rede. Das traf ins Herz. Betroffenheit ringsum. Da wurde deutlich, wie nah wir an einem Abgrund stehen. Verloren im Vertrauen auf die vermessene Position der Stärke.

Zwei Jahre später. Die Nachricht einer Partnerschaft Erlangen – Wladimir, die im Januar ins Gespräch gekommen war, verbreitete sich in Windeseile. Da wurden Sympathien geweckt…

Wolf Peter Schnetz 1981 in Moskau mit Dietmar Hahlweg und Inge Obermayer

Wolf Peter Schnetz 1981 in Moskau mit Dietmar Hahlweg und Inge Obermayer

Da entstand dieses vielschichtige Gesamtkunstwerk einer echten Bürgerpartnerschaft mit der Kultur als Rückgrat, für die in jenen entscheidenden Jahren Wolf Peter Schnetz als Referent in der Stadtverwaltung zuständig war. 2003, damals schon pensioniert, reiste er noch einmal in jene Stadt, in der ihm beim ersten Besuch das Notizbuch abhanden gekommen war. Auch wenn dieses verloren blieb, lohnte sich jede Rückkehr. Denn, was er fand, regte den Dichter nicht nur zu neuen Versen an, sondern zeigte ihm den ganzen Reichtum dessen, was mittlerweile aus seinen Anregungen entstanden war. Freilich wurde auch bald sichtbar, daß Wolf Peter Schnetz, inzwischen wieder in seinem heimatlichen Regensburg wohnhaft, nicht zu ersetzen ist. Unter seiner Ägide blühten die Schriftstellerkontakte in allen Farben: Stücke aus Wladimir wurden in Erlangen aufgeführt, in Übersetzung erschienen hier wie dort Sammelbände von Schriftstellern, Lesungen fanden statt, Freundschaften entstanden. Seine Wladimirer Freunde Jurij Schikanow und Julia Alexandrowa bedauern, daß es in den letzten Jahren so still um die Autorenkontakte geworden sei. Vielleicht auch für den Blog eine Anregung, sich ab und an mehr der Literatur zuzuwenden… Wie auch immer: Wolf Peter Schnetz hat uns noch zu Zeiten des Kalten Krieges von dem Möglichen erzählt, von einem Miteinander, von einer Partnerschaft, vom Ende der Konfrontation. Seine Friedensvision ist Wirklichkeit geworden. Ein Grund mehr, auch heute wieder auf das Wort der Dichter zu hören.

Auch wenn sich die beiden (noch) nicht kennen. Tatjana Koltunowa und Wolf Peter Schnetz verbindet etwas Entscheidendes über den gemeinsamen Geburtstag hinaus: Die aufrichtige Liebe zum Wort, zur Sprache, zur Poesie, zur verdichteten Wirklichkeit, zu der Schönheit, die allein die Welt retten kann, wie schon Fjodor Dostojewskij wußte.

P.S.: Mehr zu Wolf Peter Schnetz und seine nächste Lesung in Erlangen unter www.wolf-peter-schnetz.de

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