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Posts Tagged ‘P. Innokentij’


Die 125 km bis in die nordwestlich von Wladimir gelegene 60.000-Seelen-Kreisstadt Alexandrow lohnen sich besonders in diesen Tagen. Noch bis zum 24. März ist in dem Gebäudekomplex der ehemaligen Residenz von Iwan dem Schrecklichen, der hier von 1564 bis 1581 hofhielt und wohl im unheiligen Zorn seinen Sohn und Thronfolger erschlug, eine Ausstellung zu sehen, die unter dem Titel „Auf der Suche nach dem Leben“ das über Jahrzehnte gereifte Schaffen eines der gewiß größten russischen Künstler der Gegenwart zeigt.

Plakat zur Ausstellung „Auf der Suche nach dem Leben“

Jakow Jakowljew kam 1947 auf Sachalinsk in der Familie eines Generalmajors und Weltkriegsveteranen zur Welt und wurde 1952 heimlich in Moskau getauft. Kindheit und Jugend waren, bedingt durch die militärische Laufbahn des Vaters und die unregelmäßigen Versetzungen, geprägt durch ständige Ortswechsel, bis er 1965 das Studium der Architektur in Nowosibirsk aufnahm und fünf Jahre später, bereits als Dozent, heiratete. 1975 folgte die Aufnahme in den Russischen Künstlerverband mit Ausstellung vor allem seiner Graphiken auch im Ausland. Daneben half der bekennende Christ als Architekt und Ikonenrestaurator bei der Renovierung von Kirchen und Klöstern in der Region Nowosibirsk, bis Jakow Jakowljew 1983 nach Wladimir umzog.

Bischof Innokentij, Patriarch Kirill und Erzbischof Tichon

Nach dem Tod seiner Frau, neun Jahre später, ließ sich der Vater von zwei Töchtern zum Diakon und später zum Priester weihen und wurde noch im gleichen Jahr in den Diözesanrat aufgenommen, zuständig für Bau- und Restaurierungsaufgaben. Wenige Monate später schon übertrug man dem Geistlichen die Aufgabe des spirituellen Rats im Fürstinnenkloster, und 1997 nahm er als Mönch den Namen Innokentij an, nachdem ihn Erzbischof Jewlogij zwei Jahre zuvor bereits zu seinem Generalvikar ernannt hatte.

Bischof Innokentij in seinem Atelier

Genau ein Jahr darauf die Erhebung in den Rang eines Hegumen (Igumen) und der Abschluß seines theologischen Fernstudiums. Ende 2005 geht P. Innokentij als Abt des Alexander-Klosters nach Susdal und wird 2007 in den Rang eines Archimandriten erhoben. 2011 schließlich die Bischofsweihe, der Abschied von Wladimir, die Übernahme der Diözese Nischnetagil und Jekaterinenburg im Ural – und am 14. Mai 2018 die Rückkehr in die Region Wladimir auf den Bischofsstuhl von Alexandrow, zuständig auch für die Kreise Jurjew-Polskij, Kirschatsch und Koltschugino.

Stilleben eines Künstlers

Über all die Jahre seines kirchlichen Werdegangs blieb der Geistliche stets Künstler mit einem Blick auf das Metaphysische, auf die Kostbarkeit des Augenblicks, oft festgehalten in asketisch anmutenden Kompositionen.

Was das Spätwerk besonders auszeichnet, ist die Grenzüberschreitung, das Zusammengehen von Photographie und Graphik, das Übereinanderlegen verschiedener Schichten, das Durchscheinen einer anderen Welt hinter dem ersten Eindruck. Subtil, feinnervig, vieldeutig und polyphon, ganz im Geist der Ikone, gedacht als Fenster in den Himmel, ins Jenseits.

Neben nachgerade prototypischen Portraits finden sich im Œuvre immer wieder Landschaften mit der sprichwörtlichen Weite der russischen Ebene, mal menschenleer, wie im Moment der Schöpfung, dann wieder belebt mit Figuren, die ihre Arbeit verrichten, immer schlicht, ohne Anmutungen von Heroismus oder auch nur einer ausgeprägten Individualität. Bisweilen freilich gestattet sich der Künstler ein Selbstbildnis in der Arbeit zu verstecken oder einen Kollegen anzudeuten. Oder er zitiert andere Meister wie Marc Chagall.

P. Innokentij auf Motivsuche

Selbst deutet der spirituelle Künstler beim Atelierbesuch nicht so gerne die Botschaften seiner Werke; für sich selbst und aus sich selbst heraus sollen sie sprechen, und die Interpretation bleibt dem Betrachter überlassen. Daran tut wohl auch die Blog-Redaktion gut und beläßt es bei folgenden Bemerkungen:

Vitrine mit den Katalogen der beiden bisherigen Ausstellungen in Erlangen

Jede Begegnung mit dem Künstler-Bischof darf man als Geschenk des Himmels erleben. Wenn es die Gegenwart Gottes auf Erden gibt, dann in der Aura eines Menschen wie Pater Innokentij.

Peter Steger und Bischof Innokentij

Und dann: Kann es Zufall sein, daß der erste Eintrag des Blogs am 27. September 2008 https://is.gd/TlpyJY just diesem Künstler und seiner zweiten Ausstellung in Erlangen gewidmet war? Da liegt es nahe, eine dritte Ausstellung anzukündigen. Noch ohne Datum. Aber sie wird kommen, denn, wie der russische Volksmund sagt: „Gott liebt die Drei“.

Mehr Bilder aus dem Atelier und der Ausstellung sind hier auf Facebook zu sehen: https://is.gd/Dlyc6c

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Am 22. August 2011 stand im Blog zu lesen:

Niemanden, der ihn kennt, wird es verwundern zu hören, daß Archimandrit Innokentij, bisher tätig als Generalvikar der Erzdiözese Wladimir – Susdal, nun selbst zum Bischof ernannt wurde. Patriarch Kirill persönlich nahm die Weihe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vor und entsandte den Mönch Innokentij mit den Insignien eines Bischofs in den Ural, um dort die Diözese Nischnij Tagil, gute 100 km von Jekaterinburg entfernt, zu übernehmen.

P. Innokentij

Natürlich gratulieren dem Geistlichen alle Freunde in Wladimir und Erlangen, doch für die Partnerschaft ist sein Weggang ein schwerer Verlust. Niemand verstand es wie er, der erst nach dem Tod seiner Frau vor mehr als 20 Jahren Mönch wurde und vorher als Architekt und Künstler tätig war, zwischen Kirche und Welt zu vermitteln. Niemand hatte so viel Autorität wie er im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog. Und wer hätte die Orthodoxie besser als er auch in der Partnerschaft vermitteln können! Besonders auch durch seine künstlerische Arbeit und die Ausstellung, die er anläßlich des 25jährigen Partnerschaftsjubiläums 2008 im Stadtmuseum Erlangen zeigte. In Planung war bereits eine weitere Schau seiner Arbeiten. Doch dieses Vorhaben wird nun wohl wichtigeren Dingen geopfert werden müssen. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich. Uns bleibt da nur, dem Gesandten des Herrn viel Glück und viel Segen auf all seinen Wegen zu wünschen, die sich ja vielleicht doch auch einmal wieder auf der Landkarte der Partnerschaft abgebildet finden.

 

 

 

P. Innokentij und Erzbischof Jewlogij

Diese Hoffnung wurde nicht enttäuscht. Am 14. Mai beschloß der Heilige Synod der russisch-orthodoxen Kirche unter dem Vorsitz von Patriarch Kirill bei seiner Sitzung in Sankt Petersburg, P. Innokentij wieder in die alte Heimat zu versetzen, genauer in das Amt des Bischofs von Alexandrow und Jurjew-Polskij, in der Region Wladimir gelegen. Hier, im Herzen des Goldenen Rings, hatte der 1947  als Jakow Jakowljew auf Sachalin geborene Gottesmann bereits 1983 sein Zuhause gefunden – bis zur Versetzung in den Ural vor sieben Jahren.

Bischof Innokentij

An Wunder zu glauben, ist nicht jedermanns Sache, aber niemand, der Bischof Innokentij kennt – übrigens auch ein großer Mann der Ökumene und der Zusammenarbeit mit der Rosenkranzgemeinde in Wladimir – wird den Kopf schütteln, wenn man ihn als wundervollen Menschen bezeichnet. Deshalb darf man auch auf mindestens sieben fette Jahre des partnerschaftlichen Miteinanders mit diesem Mann hoffen, der es wie kaum einer versteht, dank seinem Wort und seiner Kunst die Menschen zusammenzuführen – ad maiorem dei gloriam.

Landschaft des Künstlers Jakow Jakowljew

Bleibt nur, Frohe Pfingsten zu wünschen. Alles Gute zu diesem Fest, das ja nicht nur an die Gründung der Kirche erinnert, sondern auch die Verständigung über Völker- und Sprachgrenzen hinweg darstellt, also sozusagen Pate für die säkulare Partnerschaftsarbeit steht. (Bildmaterial Zebra-TV)

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Wer in Wladimir war, ohne einen Abstecher nach Susdal gemacht zu haben, war auch nicht in Wladimir. Die Museumsstadt, deren historische Bedeutung sich allein schon an dem festen Begriff „Wladimir-Susdaler Rus“ ablesen läßt, steht bei jeder Reise durch den Goldenen Ring ganz oben und gehört zum angenehmen Pflichtprogramm auch aller Besucher im Rahmen der Städtepartnerschaft. Selbst Wiederholungstäter, zu meinen versucht, sie hätten schon alles gesehen, finden hier Ausblicke zum ehrfürchtigen Staunen angesichts der entrückten Schönheit, die der Blick aus dem Fenster von Kira Limonowa, genauer aus dem ehemaligen Atelier des 2002 verstorbenen Künstlers, Pjotr Dik, bietet.

Dominik Steger, Kira Limonowa, Marina Jaruschenko und Witalij Gurinowitsch

Dominik Steger, Kira Limonowa, Marina Jaruschenko und Witalij Gurinowitsch

Hier empfängt die seinerzeitige Chefrestauratorin des Erlangen-Hauses sowie der Rosenkranzkirche in Wladimir ihre Gäste am liebsten, auch wenn sie gerade wieder mitten in den Vorbereitungen auf eine Ausstellung der Werke ihres Mannes in Wologda steckt: Marina Jaruschenko, Kunstwissenschaftlerin an der Hochschule für Restauration; Witalij Gurinowitsch, Zeitgeschichtler, Veteranenforscher und Förderer der russischen Zivilgesellschaft; die Besucher aus Erlangen. Versammelt um die einzigartigen Arbeiten von Pjotr Dik. Gesammelt in der künstlerischen Lakonie dieser auf den Kern der Dinge und Menschen reduzierten Bilder.

Susdal: Blick ins Paradies

Susdal: Blick ins Paradies

Und mit dem Blick aus dem Fenster auf das Panorama voll in Stein gesetzter Musik – hinein ins Paradies. Mit einem Blick, von dem P. Innokentij, heute Bischof im Ural, damals noch Generalvikar des Wladimir-Susdaler Erzbischofs, einmal sagte, er sei schöner als er sich das Jenseits vorstellen könne.

Peter Steger, Alexander Rasow, Dominik Steger

Peter Steger, Alexander Rasow, Dominik Steger

Wie eng Wladimir und Susdal zusammengehören, kann man auch an der Person von Alexander Rasow ablesen. Nach neun Jahren Dienst als Polizei-Chef dort ist er nun seit Mitte Oktober 2013 Stadtdirektor der vielleicht schönsten Stadt Rußlands, von der John D. Rockefeller nach einem Besuch gesagt haben soll, er würde, gehörte ihm Susdal, sein Vermögen binnen weniger Jahre verdoppeln. Mit diesem Anspruch ist der einstige Korruptionsbekämpfer freilich nicht angetreten. Eher interessiert er sich dafür, wie man in Erlangen die Stadtreinigung organisiert und mit Falschparkern umgeht.

Blick aus dem Fenster

Blick aus dem Fenster

Und eine kleine Brauerei wünscht er sich in seiner Stadt. Aber unbedingt eine aus Franken oder zumindest Bayern, dessen Bierqualität ihm vom Austausch mit seinen Erlanger Polizeikollegen unvergessen bleibt. Da könnte sich ein neues Wirtschaftsprojekt abzeichnen, denn eine wichtige Voraussetzung ist mindestens gegeben: Susdal verfügt über ausgezeichnete Wasserquellen. Und durstige Touristen kommen auch immer mehr hierher.

Susdal - Rothenburg

Susdal – Rothenburg

Niemand will an diesem 8. März in Rothenburgs Partnerstadt über Politik sprechen. Die „Pulverfässer“ und „Brandherde“ scheinen weit entfernt. Und doch weiß man auch ohne Wegweiser, wo sie liegen, wie nah sie sind, wie schwer sich alle Beteiligten mit der Entschärfung tun. Immerhin gab es just an diesem Tag in Moskau Konsultationen auf Regierungsebene zwischen der Ukraine und Rußland. Noch kein Blick ins Paradies, aber immerhin ein erster Schritt zurück vom Abgrund. Ein Schritt auf einem langen Weg wieder aufeinander zu, einander entgegen.

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Seit eineinhalb Jahren ist nun P. Innokentij Bischof der Diözese Nischnij-Tagil und Serow im Ural. Weit weg von Wladimir, wo er als Generalvikar auch und besonders für die Öffentlichkeitsarbeit der russisch-orthodoxen Kirche zuständig war. Noch weiter weg von Erlangen, wo er – im Nebenberuf Künstler und Photograph – 2008 im Stadtmuseum seine unvergessene Ausstellung „Gottes Acker“ zeigte und Freundschaften fürs Leben schloß. Wie lebendig die für den Geistlichen noch immer sind, zeigt sein Gruß zu Weihnachten, das die Ostkirche heute und morgen feiert:

Frei nach Caspar David Friederich: Bischof Innokentij auf einer Bergspitze im Ural.

Frei nach Caspar David Friedrich: Bischof Innokentij auf einer Bergspitze im Ural.

Auch wenn von hier aus alles so fern wirkt, werde ich die Begegnungen mit Euch nie vergessen. Wunderschöne Herzensgefühle halten die Erinnerung warm. Und im Gebet bin ich immer bei Euch. Ich bitte Euch, auch mich in Euren Gebeten nicht zu vergessen. So bleiben wir verbunden. Euch und all unseren gemeinsamen Freunden und Bekannten Frohe Weihnachten und ein gesundes Neues Jahr! Gebe Gott, daß wir uns wiedersehen… Euer Bischof Innokentij.

Frohe Weihnachten!

Frohe Weihnachten!

Zu den klassischen Werken der russischen Weihnachtsliteratur – ihr Umfang ist wegen der ganz anderen Stellung des Festes der Geburt Christi in der Orthodoxie viel schmäler, ihr Impetus zeigt sich weniger geprägt von der kindlich-innigen Frömmigkeit des „holden Knaben“ als vielmehr von deftig-rauhen Bräuchen mit heidnischen Vorzeichen – gehört eine Erzählung aus dem zweiten Teil der Sammlung „Die Abende auf einem Weiler bei Dikanka“ von Nikolaj Gogol. Übersetzung Josef Hahn.

Die Weihnacht von Nikolaj Gogol als Bühnenstück.

Die Weihnacht von Nikolaj Gogol als Bühnenstück.

Der letzte Tag vor dem Fest war vergangen. Eine kalte, helle Nacht brach herein. Es blinkten die Sterne. Der Mond zog majestätisch am Himmel auf, um den guten Menschen und der ganzen Welt zu leuchten, damit alle fröhlich Weihnachtslieder singen und Christum preisen könnten. Es fror stärker als am Morgen, dafür war es so still, daß das Krachen des Frostes unter den Stiefeln eine halbe Werst weit zu hören war. Noch hatte sich keine einzige Schar von Burschen unter den Fenstern der Hütten gezeigt; nur der Mond allein blickte verstohlen durch die Scheiben, als ob er die geputzten Mädchen auffordern wollte, rasch in den knirschenden Schnee hinauszulaufen. Da stiegen aus dem Schornstein einer Hütte dichte Rauchschwaden auf und wälzten sich als Wolke gegen den Himmel, und zugleich mit dem Rauch fuhr eine Hexe rittlings auf einem Besen heraus.

Illustration zur "Weihnacht" von Nikolaj Gogol.

Illustration zur „Weihnacht“ von Nikolaj Gogol.

Was weiter folgt, hat weniger mit pausbäckiger Erbauungsliteratur als vielmehr mit einem prallen Pandämonium zu tun und kann nur der eigenen Lektüre anempfohlen werden, zumal die Erzählung „Die Weihnacht“ mit ihrer wirbelnd-wilden Bildfolge die beste Schilderung der russischen Koljadki bietet, jener Umzüge also, die Nikolaj Gogol in einer Anmerkung wie folgt vom Imker Panjko, genannt Rotschopf, beschreiben läßt:

Koljadki.

Koljadki.

Diese Lieder, unter den Fenstern am Weihnachtsabend gesungen, heißen Koljadki. Dem Sänger wirft der Hausherr oder die Hausfrau, oder wer sonst zu Hause bleibt, immer eine Wurst oder ein Brot oder einen Kupfergroschen in den Sack, was er eben hat. Man sagt, es habe einmal einen Götzen namens Koljada gegeben, den man für einen Gott gehalten habe, und daß angeblich von dem die Koljadki herrühren. Wer weiß es? Nicht uns, den einfachen Leuten, kommt es zu, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Voriges Jahr wollte Vater Osip die Koljadki in den Weilern verbieten, da, wie er sich ausdrückte, das Volk damit dem Satan gefällig sei. Allein, um die Wahrheit zu sagen, in den Koljadki kommt kein einziges Wort über den Koljada vor. Sie singen oft von der Geburt Christi und wünschen zum Schluß dem Hausherrn, der Hausfrau, den Kindern und dem ganzen Haus eine gute Gesundheit.

Da bleibt nur noch, allen russischen Freunden – auch im fernen Ural! – ein Frohes Fest zu wünschen!

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Niemanden, der ihn kennt, wird es verwundern zu hören, daß Archimandrit Innokentij, bisher tätig als Generalvikar der Erzdiözese Wladimir – Susdal, nun selbst zum Bischof ernannt wurde. Patriarch Kirill persönlich nahm die Weihe in der Moskauer Christ-Erlöser-Kathedrale vor und entsandte den Mönch Innokentij mit den Insignien eines Bischofs in den Ural, um dort die Diözese Nischnij Tagil, gute 100 km von Jekaterinburg entfernt, zu übernehmen.

Bischofsweihe Innokentij

Natürlich gratulieren dem Geistlichen alle Freunde in Wladimir und Erlangen, doch für die Partnerschaft ist sein Weggang ein schwerer Verlust. Niemand verstand es wie er, der erst nach dem Tod seiner Frau vor mehr als 20 Jahren Mönch wurde und vorher als Architekt und Künstler tätig war, zwischen Kirche und Welt zu vermitteln. Niemand hatte so viel Autorität wie er im interkonfessionellen und interreligiösen Dialog. Und wer hätte die Orthodoxie besser als er auch in der Partnerschaft vermitteln können! Besonders auch durch seine künstlerische Arbeit und die Ausstellung, die er anläßlich des 25jährigen Partnerschaftsjubiläums 2008 im Stadtmuseum Erlangen zeigte. In Planung war bereits eine weitere Schau seiner Arbeiten. Doch dieses Vorhaben wird nun wohl wichtigeren Dingen geopfert werden müssen. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich. Uns bleibt da nur, dem Gesandten des Herrn viel Glück und viel Segen auf all seinen Wegen zu wünschen, die sich ja vielleicht doch auch einmal wieder auf der Landkarte der Partnerschaft abgebildet finden.

S. auch: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/12/05/in-gottes-hand/ und https://erlangenwladimir.wordpress.com/2009/05/17/das-licht-am-himmel/ (vorletzter Absatz).

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Photo: P. Innokentij

Das Sterben der russischen Dörfer ist wohl nicht mehr aufzuhalten. Auch nicht in der Region Wladimir. Das jedenfalls legen die Ergebnisse der jüngsten Volkszählung nahe. Es gibt immer mehr Orte, die zwar ihren Platz auf der Landkarte haben, im richtigen Leben aber längst ausgestorben sind, oft nicht einmal mehr intakte Häuser aufweisen. Noch mehr Dörfer gibt es, wo weniger als zehn Menschen übrig sind. Allein im Landkreis Jurjew-Polskij gibt es mehr als einhundert davon. Nehmen wir Choroschowka, 50 km von Jurjew-Polskij entfernt, wo nur noch Oma Lida lebt, die sich spaßeshalber die Bürgermeisterin nennt und doch traurig ist, daß die vierzig anderen Häuser des Dorfes mittlerweile alle leerstehen. Der nächste Ort zum Einkaufen ist fünf Kilometer entfernt. Noch kann sie mit dem Rad hinfahren – im Sommer. Im Winter schnallt sie sich die Skier unter.

 

Photo: P. Innokentij

Seit 2002 hat sich laut Statistik die Zahl der nicht mehr ständig bewohnten Orte um 66 erhöht, und 65 mehr Dörfer als 2002 gibt es heute, wo weniger als zehn Einwohner leben. Viel Arbeit noch für das Internetprojekt www.dead-cities.ru. Was das Sterben der Dörfer für die russische Kultur und das nationale Selbstbild bedeuten, wird die Zukunft zeigen. Eines ist klar: Viele dieser Ort werden nur durch den Zuzug von wohlhabenden Moskauern überleben, die sich hier ihre Datschen einrichten und das Land aufkaufen. Bleibt nur zu hoffen, daß die mehr mit sich und dem Landleben anfangen können als die Sommergäste im gleichnamigen Stück von Maxim Gorkij aus dem Jahr 1905. Die nämlich verlassen am Ende allesamt wieder die Datscha und kehren nach Moskau in ihr sinnentleertes Leben zurück.

 

 

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Erzbischof Kirill

Im Evangelium des Matthäus heißt es in Kapitel 18: „Und wer ein solches Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf. Wer aber ärgert dieser Geringsten einen, die an mich glauben, dem wäre es besser, daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er ersäuft werde im Meer, da es am tiefsten ist.“ Ganz so hart straft man heute nicht mehr, auch nicht in der russisch-orthodoxen Kirche, aber nach klaren Worten der Distanzierung von all jenen, die auch nur im Verdacht stehen, den Kindern im Frauenkloster von Bogoljubow oder im Susdaler Heim Unrecht getan zu haben, greift nun Jewlogij, seit 20 Jahren Erzbischof von Wladimir und Susdal, auch diziplinarisch entschieden durch. Keiner der Protagonisten in dem noch immer undurchschaubaren Skandal um geprügelte und mißhandelte Zöglinge bleibt in Amt und Würden. Unehrenhaft entlassen werden sie vielmehr. Witalij Rysjew, bisher Leiter der Erzbischöflichen Internatsschule in Susdal, der die Sache mit seinem Appell an die Medien erst ins Rollen gebracht hatte, verliert seinen Posten als Direktor und behält nur seine Stellung als Pfarrer einer kleinen Gemeinde. Die Schule, an der die Kinder, die man aus dem Kloster von Bogoljubowo weggebracht hatte, unterrichtet wurden, verliert ihren Status als Internat. Und dann zwei weitere Paukenschläge in aufsteigender Reihenfolge: Mutter Georgia, Äbtissin des Frauenklosters von Bogoljubowo, wird abberufen, und, die eigentliche Sensation, Archimandrit Pjotr Kutscher wird als Beichtvater in den Ruhestand versetzt, behält aber das Recht, im Kloster zu bleiben. Diese Personalentscheidungen, so Generalvikar P. Innokentij, habe der Erzbischof getroffen, um zu einer „Gesundung der Atmosphäre“ beizutragen und „persönlichen Aspekten“ Rechnung zu tragen. Schließlich hätten sie alle Verantwortung für die Kinder getragen und müßten sich nun auch ihrer eigenen Schuld und Verstrickung stellen.

Bogoljubowo von seiner Sonnenseite

Die orthodoxe Kirche trifft damit eine Entscheidung noch vor Abschluß der staatlichen und internen Untersuchungen. Vielleicht nicht im Sinne irdischer Gerechtigkeit, vielleicht nicht nach dem Grundsatz in dubio pro reo, aber gewiß zum Frommen des eigenen Ansehens in der Öffentlichkeit. Inwieweit dies alles den Kindern gerecht wird, bleibt abzuwarten. Nicht auf sich warten lassen die Reaktionen der Anhänger von P. Pjotr Kutscher, diesem renitenten Prediger des christlichen Gottesstaates, dessen blindwütige Anhängerschar stante pede vor der Diözesanverwaltung die Rehabilitierung des betagten Unschuldslamms fordert und androht, die Sache vor den Patriarchen in Moskau zu bringen. Schon einmal ist es ja den unerbittlichen Betschwestern gelungen, ihren orthodox-radikalen Derwisch des Obskurantismus aus der offiziellen Verbannung in den amtlichen Gnadenstand zurückzuholen. Warum es also nicht noch einmal auf eine Machtprobe ankommen lassen? Der Mönch selbst gibt sich unterdessen demütig und unterwürfig und will – ebenso wie die beiden anderen – das Verdikt seines Erzbischofs geneigten Hauptes annehmen.    

Wladimir Putin und Patriarch Kirill

Wes Geistes Kinder die geschätzt 3.000 über das ganze Land versprengten Schafe sind, die im Verein mit ihrem Hirten in der Mönchskutte der modernen Welt abschwören, taten sie unlängst bei einer Demonstration in Wladimir kund, wo hanebüchen die ganze Affäre als eine Verschwörung des amerikanischen Geheimdienstes dargestellt wurde, der seit Jahrzehnten Krieg gegen Rußland führe, indem er die Landeskinder zur Unzucht verführe. Und natürlich sind die von Dämonen besessenen Medien gekauft, natürlich ist der moderne russische Staat ein Werk der Satanisten – und Juden. Man muß die Plakate nicht lesen, die Worte nicht verstehen können, um an den Gesten und Gesichtern zu erkennen, was diesen Bodensatz der Orthodoxie in Wallung bringt. Gut, daß es nun zur Scheidung der Geister kommt. Gut, daß der russische Staat sich daran macht zu definieren, welchen kirchlichen Einrichtungen er unter welchen Umständen die Kinder seiner Bürger anvertraut. Am besten aber: Die Kirche kehrt vor der eigenen Türe. Sie behält hoffentlich den Besen in der Hand!

Die Reportage über eine Unterstützungsdemonstration für P. Pjotr Kutscher und sein Frauenkloster, diese „Zitadelle der Orthodoxie“, unter http://www.6tv.ru/news/view/14233

Mehr zu dem Skandal und P. Pjotr Kutscher unter: https://erlangenwladimir.wordpress.com/2010/10/28/kindermund-tut-wahrheit-kund

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