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Posts Tagged ‘Othmar Wiesenegger’


Wäre nicht die Corona-Pandemie, hielte sich derzeit Oberbürgermeister Florian Janik an der Spitze einer fünfzehnköpfigen Delegation in Wladimir auf und spräche heute auf dem Platz des Sieges. Nun, da alles anders gekommen ist, legte das Stadtoberhaupt gestern, zum 75. Jahrestag des Kriegsendes, an den sogenannten Russengräbern auf dem Zentralfriedhof einen Kranz nieder und wandte sich mit folgenden Worten an die Partnerstadt:

Peter Steger und Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

Liebe Freundinnen und Freunde in Wladimir,

vor fünf Jahren durfte ich auf dem Platz des Sieges zu Ihnen sprechen. Heute, am 75. Jahrestag des Kriegsendes, wende ich mich aus Erlangen an Sie alle. Auch wenn die Corona-Krise uns gegenwärtig trennt, eint uns doch in dieser Zeit die gemeinsame dankbare Erinnerung an den Sieg über den Nationalsozialismus.

Dieser Kampf gegen eine menschenverachtende Ideologie forderte besonders aufseiten der Sowjetunion einen unermesslichen Blutzoll. Kein anderes Land hatte unter dem Vernichtungsfeldzug der Wehrmacht mehr zu leiden als die UdSSR, kein Staat trug mehr zur totalen Niederlage des Deutschen Reiches bei. Und ungeachtet der schrecklichen Kriegsfolgen leistet auch niemand einen größeren Beitrag als die Russische Föderation zur friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands vor 30 Jahren.

Ich betrachte es deshalb als ein Wunder der Geschichte, wie wir diese Bürgerpartnerschaft pflegen dürfen, die bereits 1983, noch zu Zeiten des Kalten Krieges, von weisen Menschen hier wie dort begründet wurde. Ich bin darum dankbar für die zum Frieden und zur Verständigung ausgestreckte Hand, die wir gern ergreifen. Und ich freue mich, hoffentlich schon bald wieder in Ihre wunderschöne Stadt kommen zu können.

Ich lege heute diesen Kranz an den Gräbern nieder, wo die sterblichen Überreste von 271 russischen Soldaten ruhen, die in der Folge des 1. Weltkriegs in Erlangen verstarben. Ich tue dies in ehrender Erinnerung an die vielen Kriegsveteranen aus Wladimir, die bereits an dieser Gedenkstätte standen.

Ihnen allen, die den Krieg besiegt und den Frieden geschaffen haben, gilt nicht nur heute meine besondere Verehrung. Ihnen möchte ich an diesem Tag mit dieser Geste danke sagen für die Befreiung vom Nationalsozialismus und danke für 75 Jahre Frieden zwischen unseren Völkern. Unsere Verpflichtung ist es nun, diesen Frieden zu bewahren.

Ich gratuliere Ihnen zum Tag des Sieges und wünsche Ihnen ein schönes Fest des Friedens und des Guten.

Florian Janik (gesehen von Othmar Wiesenegger)

 

Дорогие друзья во Владимире!

Пять лет назад мне выпала честь выступить с речью на Площади Победы во Владимире. Сегодня, 75 лет после окончания Второй мировой войны, я обращаюсь к Вам всем из Эрлангена. И, несмотря на то, что сейчас нас разъединяет коронавирус, нас объединяет огромная благодарость за Победу над фашизмом.

Эта борьба против идиологии, направленной на уничтожении всего человеческого, потребовала особенно со стороны Советского Союза неизмеримых потерь. Ниодна другая страна не пострадала от уничтожающего всё на своём пути плана Барбаросса больше, чем Советский Союз, ниодно государство не внесло такого вклада в уничтожение Третьего Рейха как СССР. И, несмотря на ужасные последствия войны, ниодна другая нация не внесла такой вклад в мирное Объединение Германии 30 лет назад как Россия.

Для меня стало чудом истории то, что сегодня мы можем поддерживать побратимство между нашими гражданами. Это – партнёрство, которое началось в 1983 году, ещё во времена Холодной войны, это – связи, которые были заложены мудрыми людьми здесь и там. Поэтому я так благодарен за этот мир, за это взаимопонимание между нами, за эту протянутую руку дружбы, которую мы приняли с такой радостью. И я надеюсь, что уже очень скоро снова смогу приехать в Ваш прекрасный город.

Сегодня я возлагаю венок на могилы 271 русского военнопленного, умершего в Эрлангене во время и после Первой мировой войной. Я делаю это в память о многочисленных ветеранах из Владимира, которые столько раз стояли здесь, вспоминая своих боевых товарищей. Вам всем, победившим войну и сохранившим мир, моё искреннее уважение и почтение. Этим жестом я благодарю Вас за освобождение мира от фашизма и говорю спасибо за 75 лет мира между нашими народами. Наша обязанность сегодня – сохранить его.

С Днём Победы! С праздником мира и добра!

Doch damit nicht genug. Die Partnerschaft kann COVID-19 zwar am unmittelbaren Austausch hindern, hat aber nicht das Zeug, alle Verbindungen abbrechen zu lassen, wie folgendes Projekt beweist:

Gestern hätte in Wladimir nämlich auch eine Ausstellung der Kunstvereine beider Partnerstädte mit dem Titel „Sieg über den Krieg – Erinnerungen“ eröffnet werden sollen. Nun ist sie hier wie dort und überall auf der Welt im Internet zu sehen, und Nils Naarmann stellt das Projekt im Video kurz vor:

Zu sehen ist die Ausstellung hier auf der Homepage des Kunstvereins Erlangen https://is.gd/K6cVm6 sowie des Künstlerverbands Wladimir https://izo33.ru – noch das ganze Jahr und rund um die Uhr. Eine ausführlichere Besprechung des Projekts folgt noch.

Sieg über den Krieg 1

Amil Scharifow und Nils Naarmann

Aber kein Fest ohne Lieder. Deshalb zu guter Letzt für heute noch ein Ständchen im Sitzen mit dem Weltkriegsveteranen Wolfgang Morell, der mit seiner musikalischen Einlage seine Kameraden in Wladimir grüßt.

Und noch eine Zugabe: Wolfgang Morells Freund, Nikolaj Schtschelkonogow, erwidert den musikalischen Gruß und berichtet – freilich auf Russisch – von seinen Begegnungen in Deutschland. Besser kann deutsch-russische Verständigung wohl kaum gelingen… Mit einem Klick hier https://is.gd/bVLgUH sind Sie dort in Wladimir.

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Wie sieht Wladimir in Zeiten von Corona aus? Diese Frage stellte die Redaktionsleitung an Wladimir Fedin, einen Photographen, dessen Arbeiten hier schon öfter zu sehen waren und der seit drei Jahrzehnten mit den Erlanger Foto Amateuren zusammenarbeitet sowie eine Künstlerfreundschaft mit Othmar Wiesenegger pflegt. Hier nun eine erste Auswahl seiner Bilder aus unserer Partnerstadt, wie sie niemand von uns kennt.

Museum vorübergehend geschlossen

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Wer am 16. Februar nicht dabei war bei dem Konzert von des Universal Ensemble Orient Meets Russia, kann jetzt drei Stücke auf youtube nachhören. Und wer den Auftritt erlebte, wird sich freuen, diese Sternstunde der Partnerschaft mit Wladimir noch einmal nacherleben zu können.

In der Künstlergarderobe: Igor Starowerow, Sergej Suworow, Andrej Schewljakow, Anastasia Lemper, Rainer Glas, Carola Grey und Andrej Lobanow

Deshalb am heutigen Welttag des Hörens Weltmusik aus Erlangen with a little help of our friends from Wladimir: https://is.gd/VZ7L0g, https://is.gd/JE0bON und https://is.gd/QrNydQ

Gilbert Yammine und Rainer Glas

Zur Erinnerung noch die Nachbetrachtung im Blog: https://is.gd/NenpOx

Das Markgrafentheater vor dem Konzert

Und bald gibt es sicher noch mehr zu sehen (dank Othmar Wiesenegger) und zu hören (dank Gilbert Yammine)…

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Heute beginnt mit dem Russischen Gabelfrühstück um 11 Uhr im Club International der Volkshochschule die zweite Halbzeit der 10. Russisch-Deutschen Wochen. Grund genug, noch einmal zurückzublicken auf das, was bereits hinter uns liegt.

Jakow Orlowskij

Nach den Vorträgen von Julia Obertreis und Peter Smolka, von denen hier bereits die Rede war, entführte der seit 22 Jahren in Erlangen lebende Landvermesser Sibiriens, Jakow Orlowskij, sein begeistertes Publikum im überfüllten Historischen Saal auf eine Zeitreise. Begleitet oft nur von einem Theodolit aus Jena, zog der Geodät aus Leningrad jahrzehntelang durch die Taiga und Tundra Sibiriens, um die unendlichen Weiten des Landes festzuhalten und eine Karte anzufertigen, die erst 1985 fertig wurde und heute in Zeiten von GPS als obsolet gilt.

Jakow Orlowskij und sein Theodolit

Vergnüglich-unterhaltsam schilderte das älteste Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Erlangen seine Forschungsreisen voller Anekdoten. Nur ein Beispiel von vielen: Der Forschertrupp sieht in einem Fluß einen Bären, der sich an den Fischen gütlich tut. Ein Mitarbeiter des Sammlers der Geodaten meint zu wissen, wie man das Raubtier auch ohne Gewehr unschädlich machen könne: Man brauche nur viel Lärm zu machen. Davon bekomme der Bär Durchfall und anschließend einen Herzinfarkt. Die Probe aufs Exempel folgte, doch das Experiment verlief nicht nach Plan. Anstatt sich in die Büsche zu schlagen, um seinen Darm zu entleeren und anschließend dort zu verenden, stürmte der Bär auf die Störenfriede zu, die nun ihrerseits Reißaus nahmen, Fersengeld gaben, sich die Hosen vollmachten und sich gerade noch auf eine Anhöhe retten konnten, die zu besteigen dem Tier wohl nicht der Mühe wert schien.

Das Forschungsboot „Der Schrecken von Tschukotka“

Kurzum: Es hatte niemand zu kommen bereut, und dies war sicher nur der erste und nicht der letzte Vortrag des Landstreichers von Sibirien, wie er sich in einem Telegramm an seine Tochter selbst nannte.

Reinhard Beer und Othmar Wiesenegger

Dann die Impression von Othmar Wiesenegger, Vorsitzender des Foto- und Videokreises Siemens und Wladimir-Freund, dem die Blog-Redaktion eine Vielzahl von Bildern verdankt, übrigens auch in diesem Beitrag. Seine Freundschaft mit dem Kollegen aus der Partnerstadt, Wladimir Fedin, währt zwar erst drei Jahre, mündete aber schon in einer persönlichen Ausstellung mit Arbeiten des Erlangers in Wladimir und bietet einen Fundus, aus dem sich ein kurzweiliges Abendprogramm zusammenstellen läßt: angefangen von seinen geliebten „lost places“ bis hin zu Kirchen und Klöstern, Kindern und kyrillischen Buchstaben, die es ihm besonders angetan haben.

Mastermind der Russisch-Deutschen Wochen, Reinhard Beer, Othmar Wiesenegger und Bürgermeisterin Elisabeth Preuß, die sich kaum eine Veranstaltung entgehen lassen will

Dann gestern das große Experiment für die Kleinen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Russisch-Deutschen Wochen findet sich auch etwas für Kinder im Programm: zwei Märchen aus dem Koffer von Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, ein Geschenk ihrer Großmutter, in dem all die Geschichten leben, die diese vor langer Zeit auf ihren Reisen durch die weite Welt von guten Leuten geschenkt bekommen hatte. Wie würde das ankommen? Würde überhaupt jemand kommen?

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Thorsten Hulke

Die Generalprobe hatte bereits im Kinderkrankenhaus stattgefunden, in ganz kleiner Runde: zwei Jungs, eine Mutter, ein Vater und eine Krankenschwester. Ganz nach dem Geschmack der Gäste, denn zu Hause treten sie auch gern im Familienkreis auf. „Je weniger Distanz zwischen Bühne und Zuschauern, desto besser“, so lautet das künstlerische Credo der Puppenspielerin, die erst vor drei Jahren – nach einer Kariere als TV-Journalistin – ihre Berufung entdeckte und nun mit Denis Malinin, der Bongo und das Tamburin schlägt, die Flöte, Maultrommel und die Balalaika spielt, ihre Premiere in Deutschland erlebt.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Gestern morgen dann im Club International zunächst auch noch ein überschaubares Publikum, ein knappes Dutzend einschließlich der drei Kinder. Gut zum Aufwärmen bei dem Märchen aus dem hohen Norden Rußlands, wo der schwarze Rabe den Vogeleltern ihr einziges Wiegenlied raubt, ohne das ihr Küken nicht einschlafen kann. Gut zum Warmspielen, wenn der Vogelpapa, mit Pfeil und Bogen bewaffnet, nach beschwerlicher Reise über das Eismeer den musikalischen Schatz zurück ins Nest holt, bevor sich dann bei der Nachmittagsvorstellung mit dem Märchen von der kleinen Waise Findling, die ein alter Jäger bei sich aufnimmt und die als einzige den Hirsch mit dem silbernen Zauberhuf zu Gesicht bekommt der Saal bis auf den letzten Platz füllt. Wie von Zauberhand. Der Bann ist gebrochen.

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Nicht nur bei den Kindern, die am Ende des Stücks Frage um Frage stellten! Eine Großmutter besuchte sogar beide Vorstellungen und erkundigte sich nach Geschichte und Herkunft der Instrumente und Märchen, andere freuten sich über die Filzstiefelchen, die Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko nach dem „Vorhang“ verteilte. Interaktiv, diese Märchen, präsentiert, wie das bisher niemand in Wladimir macht.

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, gesehen von Othmar Wiesenegger

Aber die Gäste aus Wladimir saßen auch selbst einmal im Publikum, gestern abend im Theater Kuckucksheim bei We are the Champions – Mir senn die Größdn, eine fränkische Viecherei von Helmut Haberkamm. Es soll ja in Erlangen noch Leute geben, die noch nie von diese Musentempel in der Scheune gehört haben, obwohl es hier, in Heppstädt, hinter Hemhofen, seit 30 Jahren Schauspiel für Kinder und Erwachsene gibt, das man nur als unbeschreiblich-einzigartig bezeichnen kann. Die russischen Gäste meinen denn auch, sie brauchten noch mindestens 27 Jahre, um dieses Niveau zu erreichen: „Uns fehlen nicht nur die deutschen, sondern sogar die russischen Worte“, so ihr Urteil unisono, „um auszudrücken, wie begeistert wird sind. Unglaublich!“

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Benjamin Seeberger, Denis Malinin, Lukas Seeberger und Stefan Kügel

Aber Stefan Kügel, Gründer und Kopf von Kuckucksheim, der zum 30jährigen Jubiläum der Partnerschaft mit seinem Familienensemble schon einmal in Wladimir gastierte, hat ja seinerzeit auch klein angefangen, mit einem ganz ähnlichen Koffer voller Geschichten, Gedichten, Flausen und Einfällen. Und jetzt freut sich der Altmeister der Bühne darüber, daß in Rußland auch eine freie Szene entsteht, wie er sie kennt, sogar, wie die Besucherin aus der Partnerstadt erzählt, mit internationalen Festivals und mit einem wachsenden Publikum – zumindest in den großen Städten, wo es eine Gegenbewegung zu den großen staatlichen Kultureinrichtungen gebe.

Stefan Kügel, Denis Malinin, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko, Lukas und Benjamin Seeberger

Auch wenn es Stefan Kügel – er hatte am Vormittag noch eine Kindervorstellung – nicht mehr schaffte, eines der beiden Märchen aus Wladimir zu sehen, hat sich da eine künstlerische Freundschaft ergeben, auf deren weitere Entwicklung man gespannt sein darf.

Igor Rjaschtschenko, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin

Und nun ist es an der Zeit, Irinas Mann zu danken. Igor Rjaschtschenko besuchte im Sommer des Vorjahrs mit der Gruppe aus dem Erlangen-Haus den Deutschkurs an der Volkshochschule und erwähnte im Gespräch die Profession seiner Frau. Da war es dann nicht mehr weit zur Idee, ihr „Theater aus dem Koffer“ zu den Russisch-Deutschen Wochen einzuladen, zu einer Premiere. Zu einer gelungenen!

Peter Steger, Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko und Denis Malinin, Aufnahme: Othmar Wiesenegger

Der Vorhang ist übrigens noch nicht endgültig gefallen: Für Kurzentschlossene gibt es noch Restplätze beim deutsch-russischen Brücken e.V. in der Luitpoldstr. 45 um 15 und 16 Uhr, und dann ist da noch morgen exklusiv ein Auftritt um 10.00 Uhr in der Heinrich-Kirchner-Schule. Wo es den Koffer halt so hinträgt…

Kontakt: https://www.facebook.com/rusfairytale

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Gestern kamen die Russisch-Deutschen Wochen an der Volkshochschule mit ihrer zweiten Veranstaltung im Großen Saal so richtig in Fahrt. Rad ab und Leinen los hieß es da bei Peter Smolka, der mehr als vier Jahre – von März 2013 bis August 2017 – und 88.000 km rund um die Welt via Wladimir als Kurier des Oberbürgermeisters, Siegfried Balleis, im Sattel unterwegs war, um dessen Briefe an die Oberhäupter aller Partnerstädte rund um den Globus persönlich in den Rathäusern abzugeben.

Peter Smolka

Diese Strecke und Zeit mit all den Erlebnissen am Straßenrand sowie die Mission für Ärzte ohne Grenzen in eineinhalb Stunden zu packen – ein Meisterwerk der Komprimierung, fast schon ein MP3-Verfahren, dessen Miterfinder, Heinz Gerhäuser, übrigens mit seiner Frau Elvira im vielköpfigen Publikum saß. In jedem Fall ein einmaliges Erlebnis, das man nur nachempfinden kann, wenn man sich das Buch zum Vortrag besorgt!

Peter Smolka und Siegfried Balleis

Unterdessen schreiten die Russisch-Deutschen Wochen nun schon fast im Tagesrhythmus fort: Am Mittwoch um 19.00 Uhr im Historischen Saal der Volkshochschule mit der Vermessung Sibiriens, die der Referent so ankündigt: 40 Jahre lang war ich, Jakow Orlowskij, ganz im Norden und Osten Rußlands unterwegs, in den endlosen Weiten Sibiriens. Meine Aufgabe bestand darin, diese menschenleeren Gebiete kartographisch zu vermessen. Fernab jeder Zivilisation streifte ich durch die Wälder umher, mit einem Theodoliten ausgerüstet und einen 30 Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken tragend. In meinem Vortrag schildere ich aber nicht nur meinen abenteuerlichen Arbeitsalltag, sondern auch die vielen Begegnungen mit den indigenen Völkern und meine hautnahen Konfrontationen mit wilden Tieren, u.a. auch Bären. Begeben Sie sich mit auf eine erlebnisreiche und inspirierende Reise durch die Weiten Sibiriens. – Bei freiem Eintritt!

Sibirien: auf dem Weg zum Baikal

Am Donnerstag dann reisen Sie, wiederum ab 19.00 Uhr, im Großen Saal der Volkshochschule mit dem bekannten Erlanger Photographen, Othmar Wiesenegger, in unsere Partnerstadt und erleben Sie den Alltag unserer russischen Freunde hautnah. So sind Sie bei einem feierlichen 1. Schultag im Pausenhof und im Klassenzimmer dabei, machen Ausflüge in nahegelegene Orte, zu Klöstern und verlassenen Kirchen, und die Datscha auf dem Land darf selbstverständlich auch nicht fehlen. Neben Bildern vom 3. Halbmarathon (auch mit Erlanger Beteiligung) sind darüber hinaus Eindrücke vom „Geburtstagskind“, dem Erlangen-Haus, zu sehen, bei freiem Eintritt!

Othmar Wiesenegger, Olga Dejewa und Nikolaj Schtschelkonogow

Und schließlich am Samstag um 10.00 Uhr im Club International die „Märchen aus dem Koffer“, wie Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko ihre Märchenaufführungen für Kinder und Erwachsene nennt. Das Puppentheater hat die Künstlerin immer dabei, wenn sie in Wladimir unterwegs ist. Die Figuren und Kulissen sind so klein, sie passen in einen Koffer, der nun seinen Weg auch nach Erlangen mit dem Eskimo-Märchen „Das verschwundene Lied“ findet, in dem sich die Musikinstrumente auf zauberhafte Weise auf eine Reise begeben. Nach der Aufführung dürfen die Kinder die Musikinstrumente genau untersuchen, wenn sie denn noch zu finden sein sollten….

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko

Das Stück wird in russischer Sprache gezeigt, aber es gibt selbstverständlich eine deutsche Einführung und Übersetzung für alle, die kein Russisch verstehen. Eintritt frei – auch für Erwachsene!

Irina Ponomarjowa-Rjaschtschenko

Gleicher Tag, gleicher Ort, nur andere Zeit, 14.00 Uhr, und anderes Stück: „Der silberne Huf“, ein berühmtes Märchen des russischen Erzählers, Pawel Baschow. Hierbei geht es um eine Reise, bei der Filzstiefelchen eine wichtige Rolle spielen. Nach der Vorstellung bekommen die Kinder gezeigt, wie man Filzstiefelchen selber basteln kann. Natürlich, wie am Vormittag, auch mit deutscher Übersetzung und bei freiem Eintritt für Kinder wie Erwachsene.

Irina Chasowa, Gerhard Kreitz und Jelena Tschilimowa beim Russischen Brunch 2018

Und dann sind wir schon beim Sonntag mit dem russischen Gabelfrühstück des Freundeskreises Wladimir ab 11.00 Uhr im Club International, wozu aber noch eine gesonderte Einladung ergeht.

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Wie notwendig der Austausch gerade auch der jungen Generation zwischen Erlangen und Wladimir ist, zeigen oft Kleinigkeiten. So war Maxim Lortschenko vom Dokumentationsteam, das den Veteranen Nikolaj Schtschelkonogow auf seiner Reise begleitet, der Meinung Fritz sei nichts mehr als die im Zweiten Weltkrieg übliche abwertende Bezeichnung für die Deutschen. Und nun stellt sich heraus: Es handelt sich um einen männlichen Vornamen, wenn auch heute nicht mehr so gebräuchlich wie noch vor ein oder zwei Generationen, hinter denen konkrete Menschen stecken wie Fritz Rösch und eben Fritz Wittmann, dessen Grab die Gäste aus der Partnerstadt am Freitag besuchten.

Für Nikolaj Schtschelkonogow hatte dieser Vorname seit 1991, als Fritz Wittmann zum ersten Mal nach Wladimir kam, ein Gesicht, eine Stimme, eine Geschichte, die ihn bis heute mit Deutschland tief verbindet. Und da, wo es so persönlich wird, haben Feindbilder keinen Platz mehr, da tauscht man nur noch Familienphotos und gemeinsame Erfahrungen aus.

Hans Gruß, Harald Sander, Bridget Gruß, Johanna Sander, Paul Sander, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Elisabeth Wittmann am Grab von Fritz Wittmann

Dabei hätte alles ganz anders ausgehen können: Der „Fritz“ und der „Iwan“ – so ja die deutsche Kollektivbezeichnung für die sowjetischen Feinde – lagen einander in den letzten Kriegstagen bei Küstrin in den Schützengräben gegenüber und fielen einander später in die Arme. Ihnen gelang es, in sich den Krieg zu besiegen, sie wurden beide zu Botschaftern des Friedens, zu den großen Männern der Aussöhnung und Verständigung zwischen den Partnerstädten und weit darüber hinaus.

Lange verharrte Nikolaj Schtschelkonogow in Stille vor dem Grab des Kameraden, das zu besuchen sein Herzenswunsch war. Doch dann brachen sie aus ihm heraus, all die Erinnerungen an die Begegnungen und Gespräche, voll freundschaftlicher Hochachtung für den Verstorbenen und sein Vermächtnis, all die guten Wünsche für dessen Familie und Freunde. All das, was zum Abschied gesagt sein wollte.

Elisabeth Wittmann und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann wieder diese Zugewandtheit zu den Menschen, zum Leben. Man kann es nicht anders nennen als die helle Freude, die einen im Gespräch mit diesem Mann überkommt.

Nikolaj Schtschelkongow, Tatjana Jazkowa und Hans Gruß

Voller Wißbegier: Was dachte und machte der Freund noch vor seinem Tod? Welche Gedichte schrieb er noch? Welche Graphiken zeichnete er, als es mit den Buchstaben nicht mehr so klappen wollte?

Nikolaj Schtschelkonogow

Auch voller Anerkennung dafür, wie die Familie das Andenken an Fritz Wittmann bewahrt, indem etwa sein Arbeitszimmer fast unberührt blieb und wirkt, als könnte er jeden Moment wieder eintreten.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Auch voller Überraschung, den originalen Friedenskreis wiederzusehen, der als Banner, überreicht am 9. Mai 2015 von Oberbürgermeister Florian Janik, im Versammlungsraum des Veteranenverbands Wladimir hängt.

Nikolaj Schtschelkonogow und Elisabeth Wittmann

Und dann beim Abendessen wieder, wie am Vorabend im Club International, diese Fülle an Detailwissen mit immer wieder neuen Facetten des Kriegsgeschehens: Hunde, die, mit Sprengstoff am Körper, unter deutsche Panzer geschickt wurden, die bei der Zündung, wenn nicht völlig zerstört wurden, so doch schweren Schaden nahmen, etwa an den Ketten oder am Turm; Vorteile der deutschen Ausrüstung beispielsweise im Tornister mit seinen Fächern und der Abdeckung aus Pferdeleder und den Aluminiumflaschen, während man im eigenen Sack nur Glasbehälter hatte, die brechen konnten; der robuste sowjetische Karbiner, der leichter und weniger anfällig war als das deutsche Pendant.

Wolfgang Morell und Tatjana Jazkowa (sitzend), Hans-Joachim Preuß, Nikolaj Schtschelkongow, Elisabeth Preuß und Jekaterina Zwetkowa

Oder das deutsche Geschirr aus Metall versus das eigene Besteck aus Holz oder die Uhr, die jeder Wehrmachtssoldat trug und dann gern als Beutestück genommen wurde, von Toten wie von Gefangenen; oder die Eiserne Ration, die für die Sowjetsoldaten hauptsächlich aus Graupen und Trockenfisch bestand, während die Deutschen sogar Schokolade mitführten, etwas, das Nikolaj Schtschelkonogow erst beim Auffinden eines Wehrmachtstrosses entdeckte.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Und dann die „pornographischen Bilder“, die sich bei den Deutschen fanden. Oder die Vorliebe der Wehrmacht, mit Leuchtschußpistolen die Nacht zum Tag zu machen.

Andrej Maximow, Jekaterina Zwetkowa und Amil Scharifow mit Elisabeth Preuß im Interview

Man fragt sich schon jetzt, wie das Team von Jekaterina Zwetkowa all den Stoff in eine einzige Dokumentation packen will, zumal ja erst die Hälfte der Reise abgeschlossen ist.

Johanna Sander, Adventskonzert Herz Jesu

Und zumal nicht einmal der emsigste Berichterstatter des Blogs alles wiederzugeben vermag. Aber wie soll man auch die Gefühle des Gastes beschreiben, wenn er nach dem Konzert in Wladimir im September nun noch einmal Johanna Sander, die Tochter von Fritz Wittmann, bei einem Auftritt erlebt…

Rosie Zahn und Jekaterina Zwetkowa

Oder wenn es dann zu einer Begegnung von Rosemarie Zahn und Jekaterina Zwetkowa kommt, die eine langjährige Freundschaft mit Kira Limonowa, der Architektin des Erlangen-Hauses und Witwe von Pjotr Dik, verbindet. All diese Querverbindungen verdienten es, gesondert zu erzählen.

Johanna Sander und Nikolaj Schtschelkonogow

Aber wir wollen es dabei belassen und mit dem Bild der Sängerin und des Veteranen enden, einem Bild der Harmonie und des Einvernehmens von zwei Menschen, von dem man sich gern hineinnehmen lassen will, bevor es heute für Nikolaj Schtschelkonogow und seinen Troß weitergeht nach Jena, Leipzig und Berlin.

Nikolaj Schtschelkonogow, Jekaterina Zwetkowa, Tatjana Jazkowa und Andrej Maximow im Nürnberger Bratwursthäusla

P.S.: Gerade rechtzeitig vor der Veröffentlichung dieses Beitrags schickt Othmar Wiesenegger noch eine kleine Rückschau, auf das, was gestern abend noch so alles abging – mit Bildern und vor allem einem Video, das man gesehen haben sollte, um Nikolaj Schtschelkonogow zu kennen:

Ohne Worte…

Lieber Peter, gestern hast Du noch etwas versäumt!

Wir sind nach dem Konzert direkt zur Waldweihnacht am Schloßplatz gegangen und hatten noch eine schöne Zeit bis 21.00 Uhr.

Nikolaj und Tatjana waren bester Stimmung und tanzten, und Nikolaj wollte noch sein Erlangen-Lied auf der Bühne vortragen!

Ich hatte mit der Band gesprochen – leider nicht zu bestimmt -, und so konnte er es nicht vortragen, es wäre echt toll gewesen!

Außerdem haben die beiden mit dem Finalisten von “Deutschland sucht den Superstar” mit Dieter Bohlen und Freundin, getanzt und posiert: ING_6159. Ich schmeiß mich weg, die ganze Zeit waren sie bester Laune!!! Sag niemanden, daß er 94 Jahre alt ist! Ich will mit 94 auch so sein!!!

https://www.rtl.de/videos/fortunato-lacovara-rockt-sich-zum-goldenen-buzzer-5a154717a2ea5024f25304d8.html

Auf jeden Fall haben “unsere Russen” einen schönen Abend verlebt und werden den 1. Dezember hier in guter Erinnerung behalten.

Link mit Bildern und Video

https://www.dropbox.com/sh/6oh6v5m8g2u991j/AAAkBrtSOgnfiw1gLXhl1ImCa?dl=0

Viele Grüße und Dir eine schöne Zeit noch mit den fünfen aus Wladimir. Dein Othmar

 

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Die Zeit des Oberbürgermeisters beim morgendlichen Empfang für Nikolaj Schtschelkonogow mag noch so knapp sein, er hört gebannt den Erinnerungen des Veteranen zu, den er im Mai 2015 persönlich in Wladimir kennengelernt hatte. Da kann der nächste Termin ruhig etwas warten. Denn: „Es ist unglaublich und bewundernswert wie Sie die Erinnerung an die Schrecken des Krieges mit einem lebensfrohen Willen zur Aussöhnung verbinden!“ Es ist genau diese Mischung, die der wegen seiner vielfältigen ehrenamtlichen Tätigkeiten zum Oberst ehrenhalber ernannte Hauptmann a.D. der Sowjetarmee auch gestern an den Tag legte. Es ist sein Lebensmotto: „Nicht vergessen, was war, und frohgemut in die Zukunft blicken.“ Und so erzählte er gestern denn auch im Rathaus – anfangs durchaus ein wenig aufgeregt, im Besprechungszimmer des Stadtoberhaupts sitzen zu dürfen – nicht nur von den erbitterten Kämpfen an der weißrussischen Front und vom Häuserkampf in Berlin, sondern auch davon, wie er, selbst ein Landkind, vor den Toren der zerstörten Hauptstadt Deutschlands wenige Tage nach den Kampfhandlungen Bauern bei der Arbeit half und am Wiederaufbau mitwirkte, bis er im Oktober 1945 zur weiteren militärischen Ausbildung in die Ukraine geschickt wurde und von dort nach Wladimir kam, wo er seine mittlerweile verstorbene Frau kennenlernte.

Florian Janik, Peter Steger und Nikolaj Schtschelkonogow, gesehen von Robert Hatzold

Aber immer wieder Erlangen: Seine erste Reise in das wiedervereinigte Deutschland im Jahr 1992, wo die Veteranendelegation aus Erlangen am Abend von einer gespannt wartenden Gruppe erwartet wurde, wohin er nun schon zum sechsten Mal gekommen ist, um Abschied zu nehmen, begleitet von seiner Gefährtin, Tatjana Jazkowa, und der Dokumentarfilmerin, Jekaterina Zwetkowa, die jeden Schritt und jede Begegnung für die Nachwelt festhält. Ein wichtiges Moment, wie Florian Janik betont, denn: „Die Zeitzeugen werden immer weniger. Dabei ist gerade für junge Leute so wichtig, an deren Erleben teilhaben zu können. Ich erinnere mich selbst noch, wie ans Ohm-Gymnasium in meine Klasse einmal eine Überlebende des Holocaust kam. So etwas kann man nie vergessen, zumal die Frau die gleiche heitere Ausstrahlung hatte wie Sie – ungeachtet all des Leids, das hinter ihr lag.“

Florian Janik, Nikolaj Schtschelkonogow, Tatjana Jazkowa und Jekaterina Zwetkowa

Für sein einzigartiges Friedenswerk, begonnen bereits 1991 mit der Aufnahme der ersten Erlanger Veteranendelegation in Wladimir, zeichnete darum Erlangens Oberbürgermeister den Ehrengast aus Wladimir mit einer Dankurkunde aus, verliehen für den großen Beitrag zur Verständigung und Aussöhnung zwischen Deutschen und Russen.

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

In diesem Geist fand dann auch das Treffen mit Wolfgang Morell statt, dem man – der Blog berichtete bereits ausführlich darüber – nach der Gefangennahme in der Winterkälte vor Moskau im Jahr 1941, schwer erkrankt, in einem Wladimirer Militärhospital das Leben rettete. Die beiden Veteranen hatten sich lange nicht mehr gesehen, das letzte Mal im Juni 2011, und hatten sich denn auch viel zu erzählen, aufmerksam verfolgt von Jekaterina Zwetkowa und ihrem Doku-Team. Und doch blieb auch noch Zeit für die Freunde, einigen Damen noch ein Ständchen zu singen. Alte Kavaliere eben.

Nikolaj Schtschelkongow und Wolfgang Morell beim Damenkränzchen

Zwei Stunden waren am frühen Nachmittag für ein Treffen am Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte mit dem Schwerpunkt der Geschichte Osteuropas. Es wird niemanden verwundern, daß dieses Seminar in Oral History am Ende fast drei Stunden dauerte. Zu viel hatte Nikolaj Schtschelkonogow auf dem Herzen, von der vielfach betriebenen Geschichtsfälschung bis hin zur Bedeutung des Geschichtsstudiums. Ginge es nämlich nach ihm, sollten in der Politik hauptsächlich Historiker tätig sein. Kein Fach sei so wichtig, wie dieses, denn ohne die Geschichte gerate alles ins Trudeln und Wanken. Eine Haltung, die an das traurige Fazit des Veteranen Günther Liebisch erinnert: „Es studieren so viele Geschichte, aber niemand lernt aus der Geschichte.“ Der Gast aus Wladimir würde da sicher widersprechen. Er wird nicht müde, seine erlebte Geschichte des Krieges mitzuteilen – stets in der Hoffnung, damit etwas für den Frieden leisten zu können.

Nikolaj Schtschelkonogow im Gespräch mit Moritz Florin, Igor Biberman und Olga Malinowa-Tsiafeta

Recht hat er ja damit, denn mit dieser zugewandten Haltung nimmt er nicht nur jedes Mal sein Publikum, wie gestern abend im Club International der Volkshochschule, für sich und seine Botschaft ein, sondern er gewinnt auch ständig neue Freunde dazu.

Familienbild mit Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow

Ganze Familien oder jemanden wie Heinrich Hirschfelder, der zur Geschichte der russischen Kriegsgefangenen aus dem 1. Weltkrieg in Erlangen forschte und dem Gast sein Buch mit Widmung überreichte.

Heinrich Hirschfelder und Nikolaj Schtschelkonogow

Dann aber die Diskussion – gemeinsam mit Wolfgang Morell geführt und gekonnt vom Sprecher des Freundeskreises Wladimir, Gerhard Kreitz, moderiert – im Club International, die nach eineinhalb intensiven Stunden noch lange nachwirken wird, und von der hier nur einige Schlaglichter wiedergegeben werden sollen: Etwa das mit dem doppelten Stalin-Wodka vor jeder Schlacht, um den sich viele Legenden ranken, der in seiner ursprünglichen Form aber vom Generalissimus bald wieder abgeschafft und ersetzt wurde durch ein Hundertgramm-Glas Wässerchen für jene in vorderster Front, das auf Antrag des jeweiligen Befehlshabers und entsprechend der Versorgungslage im Troß auch durchaus einmal reichlicher ausgeschenkt werden konnte. Etwa das – schon viel ernsthafter – mit dem Rotarmisten, der kurz nach dem Krieg in Erfurt eine Schneiderin vergewaltigte und die von ihr bewachten Stoffe mitgehen ließ, nach zwei Tagen aber dingfest gemacht und in einer п-Formation standrechtlich erschossen wurde. Denn für solche Vergehen gab es keine Gnade. Streng hielt man es auch mit dem Umgangsverbot mit Deutschen, das erst nach Stalins Tod gelockert wurde. Wer sich mit einer deutschen Frau einließ, lief Gefahr, innerhalb von 24 Stunden unehrenhaft in die Heimat zurückgeschickt zu werden, degradiert und ggf. aus der Partei entlassen. Nicht einmal Kinos oder Restaurants und Theater durfte man besuchen. Andererseits lebte man einigermaßen privilegiert, war gut versorgt, und als Nikolaj Schtschelkonogow 1953 seine Frau nachholen durfte, sammelte sich bis 1956 – nach sechs Jahren Dienst in der DDR – derart viel „Plunder“ an, daß eine befreundete deutsche Familie mit Preßspankisten aushelfen mußte. Da war sie dann schon erlaubt und sogar erwünscht – allerdings nur für die höheren Ränge – die deutsch-sowjetische Freundschaft. Und dann noch etwa das von den Zeitungen, die kurz vor der Schlacht in den Unterständen und Gräben verteilt wurden – stets mit einem scharfen Artikel von Ilja Ehrenburg, der „Auge um Auge“, „Blut um Blut“, „Zahn um Zahn“ und sogar die Schändung deutscher Frauen als Vergeltung forderte. Die Deutschen hatten ja mit den Greultaten begonnen. Erst vor den entscheidenden Kämpfen um Berlin schlug der Ton um und der Hetzjournalist verstummte. Nun hieß es: „Wir sind nicht wie die Faschisten, wir tun niemandem Gewalt an, wir zwingen nicht Kinder und Frauen in die Schlacht.“ Und noch dedizierter: Am 9. Februar schrieb die „Krasnaja Swesda“, das Organ des Kommissariats: „Auge um Auge, Zahn um Zahn ist ein alter Spruch. Aber man muß ihn nicht wörtlich nehmen. Wenn die Deutschen marodierten und Frauen schändeten, heißt das nicht, daß wir dasselbe tun müssen. Das war niemals so und wird niemals so sein.“ Siehe dazu den Spiegelartikel aus dem Jahr 1975: https://is.gd/BBPGul

Wolfgang Morell und Nikolaj Schtschelkonogow zur Eröffnung des Abends im Club International

Oder jene Geschichte vom Geburtsort eines in Polen geborenen Mannes aus dem Publikum, der kaum glauben kann, daß Nikolaj Schtschelkonogow offensichtlich bei der Befreiung seiner Heimatstadt dabei war. Überhaupt – all die Gefechte und Schlachten: Nikolaj Schtschelkonogow kennt sie noch alle, die Orte, die Opfer auf beiden Seiten, die Strategien. Und nun schlägt er seine letzte Schlacht um die Bewahrung der Wahrheit und um den Frieden. Möge er auch diese Schlacht gewinnen! Wie er das tut, ist auch ohne viele Worte anhand der Bildstrecke von Othmar Wiesenegger, gerade noch rechtzeitig vor Redaktionsschluß eingetroffen, zu sehen.

Bleibt noch nachzureichen: Zum Ausklang des Abends stimmte Nikolaj Schtschelkonogow seine bereits 1992 komponierte und getextete Erlangen-Hymne „Stadt an der Regnitz“ an, ohne Begleitung, auswendig aus dem Stand und in der deutschen Übersetzung von Peter Steger. Und dabei behauptet er, kein Talent zum Schreiben und zur Tonsetzerei zu besitzen. Der Veteran hat eben auch den Schalk im Nacken.

Abendliche Einkehr mit Othmar Wiesenegger in der Stadt an der Regnitz

Stadt an der Regnitz, wie bist du mir teuer,

gleich beim Hotel wird flaniert,

Gärten und Parks, alter Mühlen Gemäuer,

gern man zu zwein hier spaziert.

Erlangen, Erlangen!

Es war einmal, früh noch im Mai.

Erlangen, Erlangen!

Ja, damals war ich auch dabei.

Hauptstädtisch wird wohl dein Puls niemals schlagen,

davon halt‘ dich besser fern, –

mehr hat dein eigener Reiz mir zu sagen,

darum hab‘ ich dich so gern.

Erlangen, Erlangen!

Gemütlicher Gassen Gewirr. –

Erlangen, Erlangen!

Der Wind trägt ein Glockengeschirr.

Viele lockt freilich der Flitter der Kronen:

London, Ägypten, Paris…

Doch ob die Mühen sich wirklich auch lohnen?

Du bist viel schöner gewiß.

Erlangen, Erlangen!

An Schönem bist du selbst so reich. –

Erlangen, Erlangen!

So alt und doch jung stets zugleich.

Und Kameraden hab‘ ich hier gefunden,

Freundschaft mit ihnen ich halt‘.

Zärtlich und heiter in all deinen Stunden,

dank dir wird’s mir nimmer kalt.

Erlangen, Erlangen!

Die Liebe zu dir singt mir Lieder.

Erlangen, Erlangen!

Vielleicht sehen wir uns bald wieder.

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